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Maddrax - Folge 255

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Winterhexe
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Leserseite
  17. Zeittafel
  18. Roman im Roman
  19. Cartoon
  20. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Nach dem Tod ihres Sohnes Daa’tan in Afrika kehren Matthew Drax und Aruula zusammen mit dem Neo-Barbaren Rulfan und dessen Lupa Chira nach Europa zurück, wo sie in London nach den britischen Communities und Rulfans Vater Sir Leonard Gabriel sehen wollen. Doch in der Titanglaskuppel neben den Parlamentsgebäuden hausen Taratzen, denen sie beinahe zum Opfer fallen. Während Barbaren Matt und Aruula retten, wird ihr Gleiter von einem fliegenden Panzer zerstört und Rulfan entführt!

Im Dorf der „Lords“ erfahren die Freunde, dass die Taratzen unter ihrem König Hrrney und der Hexe Traysi zu neuer Größe gefunden haben. Die hier noch lebenden Technos, die „Demokraten“, bezeichnen Sir Leonard als Tyrannen, der sich mit den anderen Bunkermenschen auf die Kanalinsel Guernsey abgesetzt hat. Durch Rulfan wollen sie ihn in die Hände bekommen. Sein Fluchtversuch schlägt fehl; dabei wird die Kuppel gesprengt und die meisten Taratzen finden den Tod.

Die Demokraten stellen Matt und Aruula das Ultimatum, Gabriel binnen hundert Tagen gegen Rulfan auszutauschen. Die beiden machen sich auf den Weg – während Hrrney blutige Rache schwört. Um an die Techno-Waffen im Bunker zu kommen, jagt er Rulfan den Demokraten ab.

Als Matt und Aruula auf Guernsey eintreffen, stoßen sie auf die versteinerten Körper von Sir Leonard und seinen Technos. Nur die ehemalige Queen Victoria lebt noch, aber sie ist verrückt geworden! Aruula forscht in ihrem Geist und erfährt von körperlosen „Schatten“, die das Dorf überfallen haben. Als auch Victoria stirbt, kehren Matt und Aruula nach Britana zurück, wo sich Rulfan im Krieg zwischen Technos und Taratzen mit Hilfe der Lords-Hexe Traysi befreien konnte. Gemeinsam brechen sie auf, um nach Matts Tochter Ann und deren Mutter Jenny zu suchen, von denen sie nur wissen, dass sie mit dem Barbaren Pieroo nordwärts gezogen sind …

Winterhexe

von Manfred Weinland

Kratersee, Zentralasien

18. Oktober 2521, 07:37 Uhr Ortszeit

Professor Dr. Jacob Smythe starrte auf die rot leuchtende Diodenanzeige des Zeitzünders. Der Schock traf ihn mit voller Wucht. Zu spät! Mit einem leisen Klicken schloss sich der Stromkreis. Die Atombombe auf dem Gerüst explodierte. Ihr Licht war so stark, dass es Smythe bis auf die Knochen durchleuchtete, bevor ihn die Druckwelle in Fetzen riss.

Wie eine einmal angestoßene Kette von Dominosteinen liefen die Lichtblitze um den Kometen. Über dreihundert Nuklearsprengsätze entfalteten ihre Wirkung. Die Erschütterungen rissen tiefe Spalten in die Erde. Weithin sichtbar stiegen die Atompilze auf und vereinigen sich über dem Kometen zu einem riesigen Glutball, der wie eine neue Sonne erglühte …

Prolog

18. Oktober 2521

Südschottland, Lowlands

Der Wirbel – ein Mahlstrom aus Eis und Schnee mit Windgeschwindigkeiten, die einem Hurrikan zur Ehre gereicht hätten – lag eine halbe Tagesreise vom Dörfchen Durbayn entfernt. Trotzdem waren Ben Coogan und seine Getreuen zu Fuß dorthin unterwegs. Sie wollten keins der unersetzlichen Lasttiere des Dorfes riskieren. Nicht für ein Himmelfahrtskommando wie dieses.

In der vergangenen Nacht hatte die Erde leicht gebebt; kaum merklich, aber im Zusammenspiel mit den seltsamen Lichterscheinungen, die den Himmel wie zu den schrecklichsten Zeiten des Hexenzorns durchzuckt hatten, dachte jeder im Dorf dasselbe: Es hat wieder begonnen. Sie lässt ihre Wut an uns aus. Nur … warum?

Niemand als Coogan, der Ortsvorsteher, wusste besser, dass sie sich nichts zu Schulden hatten kommen lassen; nichts, was diese Wut gerechtfertigt hätte. Im Gegenteil. Um des lieben Friedens willen schnallten die Dörfler den Gürtel lieber selbst enger, als dass sie noch einmal einen Krieg mit der Winterhexe provoziert hätten. Und der Terror der elenden Furie ging nun schon ins fünfte Jahr …

Coogan, groß, breit wie ein Schrank und das narbige Gesicht voller unerzählter Geschichten, blieb unvermittelt stehen und gebot auch den anderen mit erhobener Hand, anzuhalten. Sie hatten die letzte Anhöhe vor dem Ziel erklommen, und nun lag das Gebiet vor ihnen, das sie alle fürchteten und mieden, wann immer es ging.

Heute ging es nicht.

Heute, das hatten die Bürger Durbayns gemeinschaftlich entschieden – wenn auch nicht ohne Gegenstimme –, galt es herauszufinden, was den Zorn der Hexe nach Jahren der trügerischen Ruhe neu entfacht hatte. Und Ben Coogan setzte sich an die Spitze derer, die zu der gefahrvollen Mission aufbrachen.

Sie waren zu zwölft, und aus leidvoller Erfahrung wussten sie alle, dass mit der Winterhexe kaum zu reden war. Aber genau das mussten sie tun – mit ihr sprechen. Sich ihre Vorwürfe anhören und in neue Verhandlungen mit ihr treten.

Als hätten sie nicht schon genug Demütigungen über sich ergehen lassen.

Nun, da sie den höchsten Punkt der Anhöhe erreichten und auf der anderen Seite hinabschauten, drangen Laute der Verblüffung aus ihren Kehlen. Coogan stand stumm und fassungslos da – weil der Anblick, der sich ihnen bot, nicht mit dem Bild übereinstimmte, das sie erwartet hatten.

Das Sturmhaus der Hexe, der Wirbel, den niemand betreten konnte außer ihr selbst … war verschwunden!

Nichts davon war mehr zu sehen. Nun ja, fast nichts. Das Toben der Naturgewalt, die das Heim der Winterhexe über Jahre geschützt hatte, war ganz offenbar zum Erliegen gekommen, aber man sah ihre deutlichen Spuren: nacktes Erdreich, schlammiger Boden, hier und da Fels. Ein riesiger, nahezu perfekter Kreis markierte die Fläche, über der die Verheerungen stattgefunden hatten.

Rund um seinen äußeren Rand ragten unverändert die Türme auf. Sie hatten schon immer dort gestanden, waren aber viel zu schmal, um als Behausung zu dienen.

„Kann mir das mal jemand erklären?“ Alma Orgson, die einzige Frau ihres verwegenen Haufens, brach mit ihrer rauchigen Stimme das Schweigen. Sie wirkte fast wie ein Mann, was an ihrer Kleidung, der robusten Statur und den streichholzkurzen Haaren lag. „Wo ist der Wirbel hin? Sag was, Ben. Du bist der Gescheiteste von uns allen. Was ist hier passiert? Wurden … wurden wir endlich befreit von der Furie?“

Coogan starrte immer noch wie alle anderen nach unten. In ihm stritten Hoffnung und Zweifel miteinander.

„Ob dadurch das Beben ausgelöst wurde?“, sagte Elric, der Schmied und Coogans bester Freund. „Ich meine … eine Explosion, die den Wirbel zerrissen hat und bis nach Durbayn zu spüren war? Vielleicht hat sich das verkommene Biest selbst in die Luft gejagt.“

Endlich löste sich Coogan aus seiner Erstarrung. Sie waren gekommen, um sich der Hexe zu stellen. Sie hatten weitere Demütigen, noch höhere Tributzahlungen in Kauf nehmen wollen, um ihr Dorf vor den wahnwitzigen Gewalten der Winterhexe zu schützen. Mit dieser neuen Situation hatte keiner gerechnet. Vielleicht bot sie ihnen eine Chance.

Er trat ein paar Schritte vor, um alle seine Begleiter vor sich zu haben, als er sich umdrehte und zu ihnen sprach. „Der Wirbel ist erloschen … so jedenfalls scheint es im Moment. Aber das genügt nicht!“

Ihre gerade noch halb erleichterten Gesichter wurden schlagartig wieder verkniffen.

„Um beruhigt heimkehren zu können, müssen wir uns von der Wahrhaftigkeit dieser Wendung überzeugen. Wir müssen …“ Er stockte kurz, schürzte die Lippen. „Wir müssen hinuntergehen und im Dreck stochern, bis wir den unumstößlichen Beweis haben, dass dort wirklich nichts mehr ist – nichts, was uns in Zukunft noch das Leben schwer machen kann. Vielleicht finden wir ja die Überreste der Hexe. Ihre Leiche würde alles zum Guten fügen …“

Seine Gefährten blickten sich unsicher an, und er sah Furcht in mancher Miene. „Wer hier warten will, soll das tun“, fügte Coogan hinzu. „Niemand wird ihn für einen Feigling halten. Jeder von uns hat seinen Mut schon dadurch bewiesen, dass er bis hierher mitgekommen ist. Dort hinunter geht nur, wer das auch wirklich will – mit allen möglichen Konsequenzen.“

Aber es gab keinen, der sich diesen Triumph entgehen lassen wollte. Ein jeder von ihnen wollte das Territorium betreten, das die Hexe so lange Zeit beherrscht hatte.

„Irgendwann holen jeden seine Sünden ein“, murmelte Ben Coogan. „Egal, wie verdorben, egal, wie mächtig man ist …“

Mit diesen Worten begann er an der Spitze seiner Leute den Abstieg.

Ihm war nicht wohl in seiner Haut. Das zeigte er den anderen nicht, aber während sie die Reststrecke zu dem Kreis aus Türmen überwanden, regten sich in Coogan mehr als nur leise Zweifel, dass mit dem Ende des Wirbels auch die Bedrohung ihres Dorfes tatsächlich ein Ende gefunden haben sollte. War es nicht möglich, dass die Winterhexe ihn absichtlich beendet hatte – um ihre Loyalität zu testen?

Coogan versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es für einen solchen Test überhaupt keinen Grund gab. Als sie damals aufgetaucht war, hatte sie mit einer einzigen Machtdemonstration all ihre Forderungen durchgesetzt und jeden Widerstand im Keim erstickt. Nein, hinter dem Verschwinden des Wirbels musste etwas anderes stecken. Aber welche Logik garantierte, dass die unbekannte Ursache auch gleichzeitig die Hexe selbst hinweggefegt hatte?

Keine, befand Coogan. Sie kann immer noch hier irgendwo sein, und wenn dem so ist, gnade uns Wudan!

Einer der gewaltigen schlanken Pfeiler, von denen schon Coogans Vater und Großvater gewusst hatten, war nur noch eine Steinwurfweite entfernt. Die dreißig Meter hohen, im Abstand von dreihundert Schritten kreisförmig angeordneten Masten schienen aus Stein zu bestehen, aber wenn man darauf klopfte, merkte man, dass es kein echter Stein war.

Seit seiner Jugend war Coogan zwei-, dreimal hier gewesen, um sich die Hinterlassenschaften einer glorreichen Vergangenheit – oder was man heutzutage für glorreich halten mochte – anzusehen. Jeder aus der Gegend hatte das früher irgendwann mal getan.

Und jetzt?

Fasziniert blickte Coogan auf die nadelartig aufragende, sich nach oben hin verjüngende Konstruktion, die wie ein Monolith aus grauer Vorzeit wirkte.

Coogan hatte Durbayn und dessen nähere Umgebung nie verlassen. Hier in dieser rauen, aber auch fruchtbaren Landschaft mit ihrem ganz eigenen Menschenschlag war er immer glücklich gewesen, so lange jedenfalls, bis sich das Joch der Hexe wie ein finsterer, erstickender Schatten über den Landstrich gelegt hatte. Seither hatten sie Abgaben zu leisten – Getreide, Stoffe, Fleisch, Käse, selbst dunkles, selbstgebrautes Bier … Es hörte sich fast harmlos an, was die Winterhexe an Tribut dafür forderte, dass sie die Leute unbehelligt ließ, ihnen die Ernte nicht verhagelte, keine Dürren, sintflutartigen Regen oder Schneegestöber im Hochsommer schickte.

Viel schwerer wog, dass sie Gefangene in ihrem eigenen Dorf waren! Denn die Hexe hatte gedroht, es zu vernichten, wenn auch nur einer der Einwohner zu fliehen versuchte. Weiter als eine Tagesreise durfte sich kein Jagdzug entfernen. Einmal hatten sie es riskiert – und prompt war das Dorf von einem Platzregen heimgesucht worden, der erst endete, als sich auch der letzte Mann wieder innerhalb der Dorfgrenzen befand.

Coogan trat an den Turm heran, der wie aus Stein gehauen dastand, dunkler schroffer Stein, von dem eine unausgesprochene Bedrohung ausging.

Unheimlich.

Ja, das war das passende Wort: Der Turm wirkte, wie er sich da scheinbar in den wolkenreichen Himmel bohrte, unheimlich. Gespenstisch. Erdrückend in seiner Schwere und Rätselhaftigkeit.

Coogan hob die Hand und berührte die raue Oberfläche des Riesendorns. Für einen Moment glaubte er ein Pulsieren zu spüren. Dann merkte er, dass es sein eigener Herzschlag war, den er durch Fingerkuppen und Handballen spürte.

Er wandte sich zu seinen Begleitern um, die in respektvollem Abstand stehen geblieben waren. „Momentan wäre alles Spekulation. Lasst uns weitergehen. Bis zur Mitte des Kreises sind es etwa zehn bis zwölf Speerwürfe.1) Wenn überhaupt, finden wir dort Antworten. Entweder wurde das Haus der Hexe, das der Wirbel verhüllt hat, zerstört, oder …“

„Oder?“, fragte Alma.

„Oder es gab nie ein Haus.“

Sie folgten Coogan tiefer ins einstige Machtzentrum der Hexe hinein, die über Wind und Wetter geboten hatte. Doch sie kamen nur wenige hundert Schritte weit.

Die Sonne stach von einem wolkenlosen Himmel, und trotzdem wallte plötzlich Nebel auf!

Die Gruppe geriet ins Stocken und blieb stehen. Grauweiße Wolken krochen auf einmal über den Boden, wurden von einem leichten Wind getrieben, erreichten die ersten Ausläufer ihre Gruppe …

Coogan hatte instinktiv geahnt, dass die Erscheinung nichts Gutes zu bedeuten hatte. Jetzt wurde es zur Gewissheit – als er ein Prickeln in Mund und Nase verspürte. „Vorsicht!“, bellte er heiser. „Das … ist ein Angriff!“

Eine Welle von Übelkeit raste vom Bauch her durch seinen Körper. Innerhalb von Sekunden konnte Coogan dem Brechreiz, der ihm die Kehle zu zerreißen drohte, nicht mehr Herr werden. Was sich in seinem Magen befand, wurde explosionsartig durch die Speiseröhre nach oben getrieben.

Wie Coogan erging es auch jedem seiner Begleiter. Sie wälzten sich am Boden, gemartert von Krämpfen. Das Erbrechen brachte Linderung – aber nur so lange, bis etwas erbrochen werden konnte. Der unselige Würgereiz aber hielt an und verkrampfte den Körper, und bei jedem Schub rangen die Betroffenen nach Luft. Ihnen schwanden fast die Sinne. Tränen rannen aus ihren Augen. Die Anstrengung ließ ihren Blick verschwimmen, und es dauerte eine Stunde, vielleicht länger, bis sie ganz allmählich wieder zur Ruhe kamen und feststellten, dass sich der tückische Dunst verzogen hatte.

Wankend kamen sie auf die Beine. Flüche und Verwünschungen zeugten von der langsamen Rückkehr der Kräfte. Aber ihnen allen war schwindlig, sie alle litten unter den Nachwirkungen des extremen Flüssigkeitsverlusts. Schnell griffen sie nach dem Trinkvorrat, den sie in ihren Rucksäcken mitführten. Und nachdem der erste Durst gestillt war, stellte sich Coogan mit vor Schwäche und Resignation zittriger Stimme vor seine Gefährten und krächzte: „Wir haben uns geirrt. Die Hexe … ist immer noch da … und sie hat uns gewarnt, nicht weiter zu gehen. Es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu antworten: Entweder wir machen kehrt und lernen aus der Lektion. Oder …“

„Oder?“, fragte Alma.

„Wir hoffen darauf, dass der Nebel ihre letzte Waffe war, und dringen weiter vor! Zum ersten Mal, seit die Hexe den Wirbel hat entstehen lassen, haben wir diese Chance. Wenn wir sie jetzt nicht nutzen, kommt sie vielleicht nie wieder.“

Connor, der Vater der einzigen Zwillinge des Dorfes – beide gerade mal sechs und vor der seinerzeitigen Manifestation des Wirbels geboren – schüttelte kategorisch den Kopf. „Vergiss es. Der Hexe ist nicht beizukommen, Wirbel hin oder her. Sie mag ihn zu ihrem Schutz errichtet haben, aber sie ist nicht auf ihn angewiesen. Wir sollten froh sein, dass wir so glimpflich davongekommen sind.“

Coogan musterte zuerst ihn, dann den Rest der Gruppe. Laut fragte er: „Ist das auch eure Meinung?“

Die Zustimmung kam erst zögernd, dann immer vehementer. „Es hat keinen Sinn, Ben. Sie sitzt am längeren Hebel.“ – „Lass uns heimgehen.“ – „Unsere Familien brauchen uns. Tot nützen wir ihnen gar nichts.“

Coogan merkte, dass ihm die Argumente fehlten, um der berechtigten Forderung und Sorge der Gruppe zu widersprechen. Bei Einbruch der Dunkelheit machten sie sich mit hängenden Köpfen und Schultern auf den Weg zurück ins Dorf.

Wo ihnen klar wurde, dass der Albtraum noch lange nicht vorbei war.

Die im Fackelschein auftauchenden, reglos über die Dorfstraße verstreuten Körper waren der unübersehbare Beweis, dass etwas im Dorf nicht stimmte. Im ersten Moment geschockt, setzten sich Coogans Beine danach scheinbar von selbst in Bewegung. Er rannte zu der ersten liegenden Gestalt. Natürlich kannte er sie, so wie jeden Bewohner der Dreihundertfünfzig-Seelen-Gemeinde. Es war Connors Weib – und eben jener Connor realisierte dies jetzt auch und überholte Coogan schreiend.

Die Qual, die aus seinen Lauten sprach, erinnerte Coogan schmerzhaft daran, dass seine eigene Frau vergangenen Herbst an einer schweren Krankheit gestorben war. Seitdem zog er seinen Sohn Fynn alleine groß.

Fynn.

Noch während er auf Agnes starrte, schlich sich die Sorge um seinen Sohn in Coogans Bewusstsein. Wankend setzte er seinen Weg zu seiner Behausung fort und überließ es den anderen, sich um die Reglosen zu kümmern, die auf der Straße und unter Vordächern lagen.

„Sie lebt!“

Das war Connor. Coogan nahm die Botschaft mit einem geringen Maß an Erleichterung zur Kenntnis, als er in den breiten Flur seines stillen, viel zu stillen Hauses stolperte. Die brennende Fackel immer noch in der Hand, stürmte er die Treppe hinauf, wo die beiden Schlafräume lagen. Er stieß die Tür zu Fynns Zimmer auf – und sah im gleichen Moment, da er über die Schwelle stolperte, seine Befürchtungen bestätigt.

Fynns Bett war verlassen. Ein bittersüßer Geruch hing im Raum. Als Coogan ihn einatmete, musste er husten, und ihm wurde fast schwarz vor Augen. Schnell eilte er zum Fenster und riss es auf, beugte sich weit hinaus. In die Nacht, die – das wurde ihm jetzt erst richtig bewusst – sein Leben und das aller anderen Dorfbewohner verändern würde.

„Fynn!“ Im Umdrehen und nachdem er tief und begierig frische Luft geschöpft hatte, rief er den Namen seines Sohnes. Nicht einmal – hundertmal. Fast mit jedem Schritt, den er durch das Zimmer, durch den Flur und in jede noch so winzige Kammer des Hauses machte.

Sein Rufen erfuhr keine Erwiderung. Fynn war und blieb verschollen. Coogan wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und lief schließlich zurück auf die Straße, zurück zu den anderen.

Es war Alma, Brags kinderlose Witwe, die ihm entgegenkam, als hätte sie nach ihm gesucht, und ihn mit den Worten empfing: „Alle sind wohlauf, kommen langsam wieder zu sich. Was ist mit Fynn – ist er noch da?“

Coogan blieb stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand geprallt. „Was soll diese Frage?“, krächzte er und hatte dabei den Eindruck, dass seine Stimmbänder aus rostigen Drähten bestünden.

„Weil es so aussieht“, antwortete Alma, „dass alle Kinder verschwunden sind. Entführt!“

Der Arm der Hexe – er reichte weit. Weiter als je für möglich gehalten.

Wie hat sie das gemacht?, dachte Coogan, während er mühsam um seine Fassung rang. Er fühlte die Blicke der anderen auf sich lasten. Sie hatten sich auf dem Dorfplatz versammelt – von wo Coogan mit seiner kleinen Schar am Morgen losgezogen war, um die Hexe das Fürchten zu lehren.

Sie hatte den Spieß umgedreht, scheinbar mühelos, und mehr als nur das.

Die Frage nach dem Wie und Warum klebte sich an jeden Gedanken, der sich durch Coogans Hirn wälzte, während er mit matter Stimme zu den ...

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