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Maddrax - Folge 253

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Das Terror-Gen
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Roman im Roman
  8. Die MADDRAX-Galerie
  9. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Matthew Dax’ Vorhaben, mit dem Flächenräumer der Hydriten eine Waffe gegen den nahenden Streiter zu finden, ist gescheitert. Und auch die Hoffnung, seinen und Aruulas Sohn Daa’tan zur Menschlichkeit zu bekehren, schlug fehl. So kehren er, Aruula und der Neo-Barbar Rulfan mit einem Gleiter nach Europa zurück, wo sie in London nach den britischen Bunkergemeinschaften und Rulfans Vater Sir Leonard Gabriel sehen wollen.

Doch in der Titanglaskuppel neben den Parlamentsgebäuden hausen Taratzen, denen sie beinahe zum Opfer fallen. Während Barbaren Matt und Aruula retten, wird der Gleiter von einem fliegenden Panzer, einem EWAT zerstört und Rulfan entführt! Im Dorf der „Lords“ erfahren die Freunde, dass die Taratzen unter ihrem König Hrrney und der Hexe Traysi zu neuer Größe gefunden haben. Die hier noch lebenden Technos, die „Demokraten“, bezeichnen Sir Leonard als Tyrannen, der sich mit den anderen Bunkermenschen auf die Kanalinsel Guernsey abgesetzt und sich dort mit Blut saufenden Nosfera verbündet hat. Durch Rulfan wollen sie ihn in die Hände bekommen. Sein Fluchtversuch schlägt fehl; dabei wird die Kuppel gesprengt und die meisten Taratzen finden den Tod.

Die Demokraten stellen Matt und Aruula das Ultimatum, Gabriel binnen hundert Tagen gegen Rulfan auszutauschen. Die beiden machen sich auf den Weg – während Hrrney blutige Rache schwört. Um an die Techno-Waffen im Bunker zu kommen, jagt er Rulfan den Demokraten ab.

Als Matt und Aruula auf Guernsey eintreffen – Chira lassen sie in der Obhut eines Fischers an der britanischen Küste zurück –, stoßen sie auf die versteinerten Körper von Sir Leonard und seinen Technos und geraten an den Häuptling des Nachbardorfes, der eine „Medusa“ dafür verantwortlich macht. Es ist jedoch die wahnsinnig gewordene, ehemalige Queen Victoria! Um herauszufinden, was geschehen ist, will Aruula in ihren Geist eintauchen …

Das Terror-Gen

von Mia Zorn

Ende September 2525, Guernsey

Schmetterlingsförmig ragte die kleine Bucht aus dem Klippenmassiv im Nordwesten von Guunsay, wie die Einwohner die Kanalinsel nannten. Im Licht der Mittagssonne leuchtete ihr Sandstrand, als wäre er mit Bernstein überzogen. Selbst über den heranrollenden Wellen des Golfs lag ein goldener Schimmer. Zur Landseite hin boten die überhängenden Felsen und zahlreichen Höhlen der Klippen Schutz und Versteck vor unliebsamen Besuchern.

Hier hatten Aruula und Matt mit der geistig verwirrten Lady Victoria Windsor vor zwei Tagen Unterschlupf gefunden. Der Zustand der ehemaligen Queen war unverändert. Als hätten Dämonen ihren Geist gefressen …

Jolii, die Tochter des Häuptlings, hatte ihnen den Weg beschrieben und war gestern selbst gekommen, um sie mit Proviant und Heilkräutern für die Kranke zu versorgen. Darüber hinaus hatte sie ihnen ein Boot besorgt. Das Gefährt war nicht gerade als seetüchtig zu bezeichnen: Die blauweiße Farbe schälte sich wie welkes Laub von dem Korpus, und mehrere Lecks klafften in den Holzplanken. Als ob jemand zornig mit einer Axt zugeschlagen hätte.

Während Matt das beschädigte Boot unter einen der überstehenden Felsen schleifte, entschuldigte sich Jolii für dessen Zustand. „Tut mir leid, dass ich euch nichts Besseres bieten kann, doch es würde auffallen, wenn ich eines von unseren unbeschädigten Booten nähme. Dass eines der ausgemusterten Wracks fehlt, wird niemandem auffallen.“

Der Mann aus der Vergangenheit hatte sich bedankt und Jolii versichert, dass sie schon mehr als genug für sie getan habe und dass dieses Boot, wie auch sie selbst, ein Geschenk des Himmels sei. Seine letzte Bemerkung quittierte die junge Frau mit einem strahlenden Lächeln. Dann machte sie sich auf den Rückweg in ihr Dorf, das etwa eine Stunde Fußmarsch von der Schmetterlingsbucht entfernt lag.

Matt hatte ihr ehrlich beeindruckt nachgeblickt. Kaum zu glauben, was diese junge Frau, die kaum den Kindschuhen entwachsen war, alles auf sich nahm, um ihnen zu helfen. Und noch weniger war zu glauben, dass das drahtige Mädchen mit den hellblauen Augen und den unzähligen Sommersprossen auf Wangen und Nase die Tochter dieses machtbesessenen Häuptlings Joonah war. Dieses Wahnsinnigen, der selbst über Leichen ging, um Lordkanzler Gundar als Inselherrscher abzulösen.

Nachdenklich sah Matthew Drax zu der Stelle, an der die Häuptlingstochter gestern das havarierte und mit Teerlappen notdürftig abgedichtete Boot auf den Strand gesetzt hatte. Jetzt stritten dort ein halbes Dutzend Sturmtaucher um einen erbeuteten Fisch.

Er beachtete sie kaum. Immer noch waren seine Gedanken mit Joonah beschäftigt. Dieser Stammesführer hatte wirklich nichts unversucht gelassen, um sein Ziel zu erreichen. Sogar die kranke Lady Victoria Windsor nahm er als Geisel. Mit diesem Pfand zwang er Matt und Aruula, ihm das Zepter der Macht aus der Inselhauptstadt zu bringen: ein lächerlicher Handquirl, aus dessen Rotationsgeräusch man allen Ernstes die Stimmen der Götter heraushören wollte!

Obwohl der unmögliche Auftrag gelang, hatten sie den Mixer bei der Explosion eines geklauten Motorbootes verloren. Trotzdem war es ihnen gelungen, die ehemalige Queen aus Joonahs Gewalt zu befreien.1) Mit Joliis Hilfe flohen sie zunächst in den bewaldeten Küstenstreifen; nun waren sie hier gelandet. Fernab von Dörfern und Menschen.

Matt wusste nicht so recht, ob er sich darüber freuen sollte. Zwar hatte der Lordkanzler den durch Drogengenuss größenwahnsinnigen Häuptling Joonah inzwischen festnehmen und in Sainpeert in einen Kerker seines Chateaus sperren lassen, doch nun drohte ihnen neuer Ärger: Gundar der Große hatte eine Besatzungstruppe bei Joliis Dorf zurückgelassen. Immer noch suchten die Soldaten nach Matt und Aruula und dem Zepter der Macht, das die beiden aus Gundars Chateau entwendet hatten. Was der Inselherrscher wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass sein prächtiger Mixer inzwischen auf dem Grund des Golfs ruhte?

Der Mann aus der Vergangenheit betastete vorsichtig die Beule an seinem Kopf: ein Andenken an die Explosion des Motorboots. Ein herumfliegendes Wrackteil hatte Matt am Kopf getroffen. Die prächtige, blau schillernde Blessur harmonierte wunderbar mit der Beule, die sich Aruula beim Durchqueren eines Geheimgangs auf dem Weg zu den Gemächern des Lordkanzlers zugezogen hatte.

Zumindest das Gift des Mudd-Wurms, der ihn am Bein erwischt hatte, verlor langsam seine Wirkung; Matt spürte nur noch ein unangenehmes Brennen, das ihn aber in seiner Bewegungsfreiheit kaum mehr einschränkte.

Kurzum: Die letzten Tage gehörten in die Rubrik „Pleiten, Pech und Pannen“.

Was soll’s?, dachte er und umrundete ihr neues Transportmittel nach Britana mit prüfenden Blicken. Die paar Schrammen waren nichts gegen den Schmerz, der seit Wochen in seiner Brust brannte. Immer dann, wenn er an Daa’tans Tod dachte.

Und er dachte ständig daran. Denn er selbst hatte ihn getötet. Auch wenn er damit seinem Blutsbruder Rulfan das Leben gerettet hatte, quälten ihn die Erinnerungen und Schuldgefühle. Daa’tan war sein Sohn gewesen. Es hätte niemals passieren dürfen! Finster wandte er sich wieder dem rostigen Blechgefäß zu, das an einem Astgabelgestell über dem Feuer hing. Aus seiner rissigen Öffnung kroch eine graue Dampffahne und verbreitete einen unangenehmen Geruch unter dem natürlichen Felsendach.

Drax tauchte ein flaches Eisen in die brodelnde Teermasse und begann die letzten Löcher des Bootes zu verspachteln. Es wurde Zeit, Guernsey endlich zu verlassen. Obwohl zu seiner Zeit alle behauptet hatten, die Insel sei das Schönste, was der Golf zwischen Frankreich und Britana zu bieten hatte, empfand Matt sie nur noch als düster und abweisend. Seine Sinne waren taub für das klare Licht und den erfrischenden Wind, die hier üblicherweise herrschten. Auch die angenehmen Temperaturen, die von den Strömungen des Golfes verursacht wurden, ließen ihn kalt. So kalt wie der Stein der bekleideten Statuen, die sie in der Techno-Siedlung beim Wachturm gefunden hatten.

Ein Rätsel, das ihm schlaflose Nächte bereitete. Die Steinfiguren waren zweifellos die Überreste von Sir Leonard und seinen Leuten. Aber Menschen verwandeln sich nicht einfach in Stein! Auch wenn der Siegelring, den er mitsamt des Fingers dem ehemaligen Prime Leonard Gabriel abgebrochen hatte, ein unumstößlicher Beweis war. Auch wenn die abergläubischen Bewohner aus Joonahs Dorf es behaupteten und sogar Jolii schwor, dass es einst lebende Menschen gewesen waren – irgendwie hoffte Matthew Drax noch immer, dass die ehemaligen Bunkerbewohner und ihr Oberhaupt in Wahrheit noch lebten. Andernfalls würde er Rulfan, den die „Demokraten“ in London gefangen hielten, vom Tod seines Vaters berichten müssen.

Kaltherzig und brutal hatte diese Splittergruppe der Technos ihre Unabhängigkeit demonstriert. Sie hassten den ehemaligen Prime von Salisbury, den sie verantwortlich für den Tod zweier Mitstreiter machten. Sie hatten Rulfan in ihrer Gewalt und Matt und Aruula gezwungen, nach Guernsey zu gehen, um den „Tyrannen“ zu kidnappen und nach London zu schaffen.2) Alles, was Matt ihnen nun präsentieren konnte, war ein abgebrochener Steinfinger mit einem Siegelring.

Wir können nur hoffen, dass sich die Demokraten mit dem Finger zufrieden geben … Missmutig warf Matt das Spachteleisen in den Blechtopf. Seine Arbeit am Boot war beendet. Bis morgen würde das Kittmittel getrocknet sein. Dann konnten sie aufbrechen und erst einmal auf der anderen Seite des Kanals Rulfans Lupa Chira bei der Hütte des Fischers abholen. Und dann zurück nach Landán, wie London heute genannt wurde. In diese zornige Stadt, in der nur noch Mord und Totschlag und die Taratzen herrschten.

Der Mann aus der Vergangenheit seufzte. Wie sehr hatte er gehofft, in diesem Teil der Erde endlich Ruhe und Frieden zu finden, um sich ganz einer Lösung für die drohende Gefahr aus dem All widmen zu können. Der Streiter … eine böse kosmische Macht, die hierher zur Erde unterwegs war. Niemand wusste, welche Entfernungen sie dabei zurücklegen musste, wann sie eintreffen würde. In Millionen Jahren – oder schon morgen.

Doch anstatt auf eine starke Gemeinschaft der Communities zu treffen, waren Aruula, Rulfan und er plötzlich umringt gewesen von durchgeknallten Barbaren, kriegerischen Lords, mörderischen Taratzen und skrupellosen Kidnappern.

Machte das alles noch einen Sinn? Sollen sie doch allesamt in Staub und Asche versinken! Mit brennenden Augen blickte er hinaus auf das Meer. Reiß dich zusammen, Matthew!, ermahnte er sich selbst. Du hast dich nicht fast zehn Jahre lang durch diese postapokalyptische Welt geschlagen, um jetzt aufzugeben.

Gemeinsam mit Aruula und Chira würde er Rulfan befreien. Und dann würde er nach seiner Tochter Ann suchen, und nach deren Mutter, seiner Staffelkameradin Jenny Jensen. Komme was da wolle – er musste erfahren, was aus ihnen geworden war. Jenny war die letzte Überlebende der Dreierstaffel, mit der er damals um fünfhundertsechs Jahre in die Zukunft versetzt worden war. Irvin Chester … Hank Williams … Dave McKenzie … auch der irre Professor Dr. Jacob Smythe: alle tot. Er und Jenny waren die letzten Überbleibsel einer vergangenen Epoche.

Matt verließ das natürliche Dach des Felsvorsprungs und humpelte über den Strand. Die schwarz-weißen Vögel hatten inzwischen ihren Streit um den Fisch eingestellt. Der Größte unter ihnen zerfetzte mit scharfem Schnabel die Beute. Die anderen machten sich an der Reuse zu schaffen, die Matthew im seichteren Wasser platziert hatte. „Weg da!“, brüllte er und schwenkte die Arme. Mit lautem Gezeter erhoben sich die Sturmtaucher aus den niedrigen Wellen. Eine Weile noch kreisten sie über dem blonden Mann, der seinen Fang an Land zog. Dann flogen sie krähend davon.

Um die gefangenen Fische für eine Mahlzeit vorzubereiten, suchte sich Matt einen flachen Stein in der Nähe der Höhle, in der sich Aruula um die Kranke kümmerte. Seit Tagen schon versuchte seine Gefährtin vergeblich durch Lauschen zu erfahren, was aus Sir Leonard und seinen Leuten geworden war. Doch leider waren die Momente rar, in denen sie zu den Gedankenbildern Victoria Windsors vordringen konnte: die Lady war wahnsinnig geworden! Sie schlug nach der Barbarin, sobald die sich ihrem Geist näherte.

Außerdem peinigten Fieberkrämpfe den ausgezehrten Körper der ehemaligen Queen. Nur ab und zu, wenn die Heilkräuter oder Beruhigungsmittel von Jolii wirkten, gelang es Aruula, Bilder wahrzunehmen. Bilder, die so verwirrend waren wie die Worte der Kranken. Auch jetzt ertönte wieder ihr Geschrei in Matts Rücken. Zwischen ihren unartikulierten Lauten vernahm er die raue Stimme seiner Gefährtin, die beruhigend auf die Lady einredete. Dann wurde es still. Dafür aber vernahm er nun ein Scharren abseits der Höhle.

Matthew Drax straffte die Schultern. Hatten die Soldaten des Lordkanzlers sie doch noch entdeckt? Oder war es nur ein Tier?

Er zog seinen Driller aus dem Gürtelholster und sah sich um. Aufmerksam wanderte sein Blick über die Felsen. Neben dem steilen Pfad, der zum Kamm der Klippen führte, rieselten kleine Steine den Hang herunter. Oberhalb davon entdeckte Matt einen weiteren Höhleneingang.

Zu sehen waren weder Tier noch Mensch. Trotzdem wollte er sicher gehen. Ohne die dunkle Felsenspalte aus den Augen zu lassen, ging er zum Einstieg des Pfades. Er hatte ihn noch nicht ganz erreicht, als er plötzlich den Schatten eines Vogels in die Lüfte steigen sah. Gleichzeitig vernahm er etwas weiter weg die Stimme von Lady Victoria Windsor. Laut und deutlich nannte sie seinen Namen.

Matt stutzte. Es klang fast so, als sei sie wieder bei Verstand. Er machte auf dem Absatz kehrt und näherte sich erwartungsvoll ihrer Unterkunft. Dort angekommen, glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen: „Commander Drax, wir haben den Kontakt zur ISS verloren!“, hörte er die Lady rufen.

Wenige Minuten zuvor

Victoria wälzte sich unruhig auf ihrem Lager. In Fieberträumen und Wahnsinn hetzte sie durch Fragmente ihrer Erinnerungen. In einem Augenblick sah sie sich als Kind auf dem Schoß ihres Vaters sitzen. Im nächsten Moment lag sie in den Armen ihres rot gelockten Geliebten Mars Hawkins. Dann wieder tanzte sie als Queen Victoria II. im Festsaal des Londoner Bunkers. Doch nirgends konnte sie verweilen: Der Kalte Hauch war ihr stets auf den Fersen.

Keine klare Gestalt, nur ein dunkler Schatten und die Berührung eines Nebelstreifs an ihrer Schulter. Augenblicklich erfüllte sie entsetzliches Grauen. Sie musste fliehen, bevor der Schatten ihr auch noch die letzten klaren Gedanken rauben konnte.

Doch es schien kein Entrinnen zu geben! Wohin sie sich auch wendete, in welches Loch sie sich auch verkroch, stets war er schneller als sie. Jetzt beugte er sich über sie und griff nach ihr …

„Nein“, keuchte Victoria, „weg!“, schrie sie und schlug um sich. Dann hörte sie aus der Ferne eine Stimme. Jemand rief nach ihr. Schließlich zog sich der Schatten zurück und das Gesicht einer Frau tauchte vor ihr auf.

Sie kannte dieses Gesicht. Sie kannte diese Frau. Große braune Augen mit unzähligen grünen Sprenkeln. Eine fein geschnittene Nase. Dunkelblau und grün gemalte Linien über den Wangenknochen. Dichte schwarze Haare. Eine Barbarin. Wo war sie ihr schon einmal begegnet? Wie war ihr Name?

Victoria versuchte sich zu erinnern. Stechende Schmerzen jagten durch ihre Schläfen. Schon verschwamm das schöne Gesicht vor ihren brennenden Augen. „Geh nicht weg! Bleib!“ Verzweifelt verfingen sich ihre Finger in den Haaren der Frau. „Bleib“, keuchte sie und bäumte sich auf.

Erst als die kühle Hand der anderen sich auf ihre Stirn legte, beruhigte sie sich. Ein sanfter Schauer rieselte durch ihren erhitzten Geist. Vergessen waren Schatten und Grauen. Sie sank zurück auf ihr Lager und schloss die Augen.

Wieder tauchte sie ein in eine Begebenheit ihrer Vergangenheit. Sie befand sich im Community-Bunker. Menschen und Räumlichkeiten waren klar und deutlich zu erkennen. Gemeinsam mit anderen Octavianen stand sie vor einem Monitor, auf dem die Bilder eines Kraterbeckens zu sehen waren.

Christopher-Floyd“, ging es ihr durch den Kopf. Der Komet, der vor über fünfhundert Jahren das Antlitz der Erde verändert hatte. Die Bilder zeigten den Kratersee, der bei seinem Aufschlag im Zentrum Asiens entstanden war.

Welcher Tag war das gewesen, als sie mit all den anderen die Vorgänge beim Ringgebirge verfolgt hatte? Es wollte ihr nicht einfallen. Sie versuchte sich an den Menschen im Raum zu orientieren. Zu ihrer Rechten erkannte sie Sir Ibrahim Fahka und Lady Josephine. Zu ihrer Linken General Yoshiro, Jefferson Winter und Anthony Hawkins, den Großvater von Mars Hawkins.

Alle, einschließlich ihr, starrten wie gebannt auf den Bildschirm: Dichter Nebel stieg jetzt rund um den Kratersee auf. „Kaum zu glauben, dass Commander Drax dieses Meisterstück gelungen ist“, hörte sie General Yoshiro neben sich sagen, „ohne seine Wettermanipulation wäre es den Truppen nicht möglich, unbemerkt vorzurücken.“

Plötzlich wusste Victoria, welchem Ereignis sie beiwohnten und um welchen Tag es sich handelte. Operation Harmagedon! Am 19. Oktober 2521. Die Communities von Britana hatten sich damals mit etlichen Verbündeten zusammengeschlossen, um gegen die Daa’muren am Kratersee vorzugehen. Commander Drax übernahm dabei die Aufgabe, von der Internationalen Raumstation aus das Wetter zu beeinflussen, um den Truppen der Liga bei ihrem Angriff Deckung zu geben. Mit dem einzigen funktionstüchtigen Shuttle, das sich weit und breit finden ließ, war er zur ISS aufgebrochen und hatte deren automatische Kameras auf das Geschehen am Kratersee gerichtet.

Während sich die Lady überdeutlich an jenen schicksalhaften Tag erinnerte, schien sich eine Eisenklammer um ihr Herz zu legen. Sie wusste, was gleich folgen würde: Schon verschwamm die Übertragung auf dem Datensichtgerät, bis nur noch eine schwarze Fläche zu sehen war. Sie sah die Fingern Sir Ibrahim Fahkas über die Tastatur fliegen. Dann erschien noch einmal für ein, zwei Sekunden die letzte aktuelle Aufnahme aus dem Zwischenspeicher: eine grauweiße Wolke, die den Kratersee verhüllte.

Vier Jahre war das alles her. Doch Lady Windsor hatte den Eindruck, als geschähe es genau in diesem Augenblick. „Commander Drax!“, hörte sie sich rufen. „Commander Drax, wir haben den Kontakt zur ISS verloren.“ Sie atmete schwer. So gerne hätte sie diesen Tag aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Diesen und all die anderen, die ihm folgten.

Der 19. Oktober 2521 läutete den Anfang vom Ende ein. Der Tag der Dunkelheit, wie ihn Sir Leonard später nannte. Die Daa’muren hatten die Bomben am Kratersee gezündet. Die folgende Explosion löste einen elektromagnetischen Impuls aus. Weltweit legten die Ausläufer dieses EMP sämtliche Elektronik lahm. Im Londoner Bunker fielen damals fünfzehn separate Systeme auf einmal aus, einschließlich der Notstromaggregate. Das Ende für die Community. Ob nun die Luftzufuhr, das elektronische Equipment für die lebenswichtige Serumsproduktion oder die Funkgeräte: Ohne Strom ging gar nichts mehr.

Und entgegen aller physikalischen Gesetze endete der EMP auch nicht wieder; er blieb bestehen!3)

Nachdem sie ihre hoffnungslose Lage begriffen hatte, ließ sie die Evakuierung des Bunkers einleiten. Gleichzeitig bereitete sie sich mit den anderen Oktavianen auf einen möglichen Angriff der Daa’muren vor. Denn zweifellos gehörte es zu deren Plan, nach dem gelungenen Erstschlag nun über die Stützpunkte der großen Städte herzufallen, um die endgültige Weltherrschaft zu erlangen.

Welch ein Irrtum! Der Tod stand bereits vor unseren Toren, aber er kam nicht in Gestalt der Außerirdischen. Ein Zittern erfasste den Körper der ehemaligen Queen, während die Schreckensbilder der damaligen Ereignisse durch ihren Kopf jagten: Gesprengte Schotts. Verstümmelte Leichen. Verzweifelte Todesschreie und der Geruch nach Feuer und Blut. „Schlimmer als Tiere. Schlimmer als die Daa’muren“, keuchte sie. „Die Lords! Die Lords greifen an!“

Mit fast übermenschlicher Anstrengung versuchte sie sich von den Bildern zu lösen. Einen Augenblick lang sah sie sich noch zwischen Ibrahim Fahka und Josephine Warrington auf ihrer Flucht durch die finsteren Gänge des Bunkers hetzen. Hörte die grölenden Stimmen der eindringenden Barbaren. Sah das flackernde Licht in der Ferne. Nicht weiterlaufen, warnte eine Stimme in ihr. Dort warten deine Folterknechte. Zu spät! Panisch wich sie zurück.

Doch anders als damals, begegneten ihr nicht die hassverzerrten Blicke ihrer einstigen Peiniger, sondern die besorgten Gesichter von Commander Matthew Drax und Aruula. Sie selbst kauerte auf einem Lager aus Decken und Stroh. Argwöhnisch schaute sie von dem blonden Mann aus der Vergangenheit zu der Barbarin. Waren die beiden nur ein Zerrbild ihrer kranken Sinne? Sie konnten doch gar nicht hier sein. Sie waren tot! Drax verloren im Orbit, und Aruula getötet von den Bomben am Kratersee.

Doch deutlich spürte sie den Atem der Barbarin auf ihrem Gesicht. Roch den herben Kräuterduft, der irgendwo im Hintergrund aus einem dampfenden Kessel stieg. Und sie hörte Matt Drax’ Stimme. „Ganz ruhig, Victoria. Hier sind Sie in Sicherheit.“ Fast beschwörend klangen seine Worte.

In Sicherheit! Die seltenen Momente der letzten Tage, in denen sie dem Kerker ihres kranken Geistes entronnen war, hatte sie stets geglaubt, in Sicherheit zu sein.

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