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Maddrax - Folge 250

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Rückkehr nach Euree
  4. Leserseite
  5. Zeittafel
  6. Roman im Roman
  7. Der große MADDRAX-Rückblick
  8. Vorschau

Rückkehr nach Euree

von Jo Zybell

London, Dezember 2521

Sie hieß Twaysi und sie war eine Hexe. Was’n schönes Weib, dachte Biglord Djeyms jedes Mal, wenn er vom Ruder aufsah und sie durch den Vorhang aus Schneeflocken hindurch von der Seite beäugte. Sogar die Taratzen drüben im verschneiten Uferschilf stellten ihr Gezischel und Gefauche ein und rissen ihre schwarzen Glotzaugen auf, als sie erkannten, wie schön diese Frau war.

Twaysi hatte Angst, Djeyms sah es genau; alle sahen es, und dennoch ruderten sie stumm auf das Schilf zu, wo die Taratzen warteten. „Ihr wisst, was passieren wird“, hörte Djeyms die schöne Twaysi sagen. Druud Alizan und Grandlord Paacival blinzelten schweigend über den Bootsrand in den Fluss. Twaysi spähte zu den Taratzen hinüber. „Ihr wisst genau, was sie mir antun werden …“

„… sie werden sich an mir austoben, und wenn sie damit fertig sind und ich halb tot bin, dann werden sie mich fressen.“ Genau das sagte sie, und irgendwie tat sie Biglord Djeyms leid, diese schöne Frau, aber das versuchte er zu verbergen – vor sich selbst, vor den anderen, und vor allem vor dem Druud und Grandlord Paacival. Vermutlich tat sie allen leid, außer Druud Alizan natürlich, und alle versuchten es vor ihm zu verbergen.

Grandlord Paacival ruderte, als gelte es sein Leben, und starrte ins Wasser. Der alte Druud Alizan zog nur den Rotz hoch, spuckte aus und sagte: „Wiad schon nich so schlimm wean.“ Wie alle Lords konnte auch er kein „r“ aussprechen.

Das Ufer rückte näher, und mehr und mehr Taratzen richteten sich im Schilf auf, um die schöne Frau zu begaffen. Blond war sie, mit weißer Haut, großen Brüsten, einer schmalen Taille und breiten Hüften. Ihre Augen leuchteten wie zwei blaue Sonnen. Jedem im Dorf der Lords hatte es sofort eingeleuchtet, dass Grandlord Paacival sie mitgebracht hatte, als er im Sommer wieder nach Hause zurückkehrte. Angeblich war er ihr zufällig in den Wäldern der Südküste begegnet, und angeblich hatte schon einmal eine Lordsippe sie ausgestoßen.

„Nehmt mich wieder mit ins Dorf, bitte“, sagte Twaysi mit heiserer Stimme. Sie konnte das „r“ aussprechen. Und das war beileibe nicht das Einzige, was sie von den Londoner Lords unterschied.

„Geht nich, Oaguudoo willes so“, beschied der Druud ihr knapp und kühl und ohne sie anzuschauen. Orguudoo, das war das Böse an sich, der Dämon in der Tiefe. Es war mehr als gefährlich, sich seinem Willen zu widersetzen.

„Bitte kehrt um.“ Flehend wandte die schöne Frau sich an den massigen Grandlord Paacival. Der schwieg, seine Kaumuskeln pulsierten, er starrte in den Vorhang aus Schneeflocken. Noch sieben Kahnlängen trennten die drei Boote vom Uferschilf. Twaysi kämpfte mit den Tränen. Schneeflocken schmolzen auf ihren Wangen.

Die Taratzen hatten eine Geisel verlangt, eine junge Frau. Für diesen Preis, so behaupteten sie, wären sie bereit, das Jagdrevier der Lords in Tschelsi1) zu beiden Uferseiten der Themse zu meiden und die Angriffe auf Jagdrotten der Lords einzustellen. Das war der offizielle Grund für die Auslieferung der Hexe.

Zwar hatten die Lords ihrerseits ebenfalls eine Geisel verlangt, als Garantie für das Leben ihrer eigenen Geisel, und es war in diesen schweren Zeiten von Vorteil, sich mit den Taratzen zu einigen. Denn die wanderten zahlreich in die Ruinenstadt Landán ein, seit die Bunkerleute keine Panzerwagen und keine Blitzschleudern mehr benutzen konnten. Sie bliesen sich regelrecht auf, diese stinkenden Pelze. Dennoch wäre normalerweise niemals ein Lord auf die Idee gekommen, eines seiner Weiber einem Feind zu überlassen – es sei denn, er wollte es unbedingt und für immer loswerden. Das wusste Biglord Djeyms, das wusste jeder im Dorf. Der wirkliche Grund für den Geiselaustausch war Neid.

Die junge Twaysi war eine Dienerin Orguudoos. Sie konnte mit dem Herrn der Tiefe sprechen, wann immer sie wollte und ohne aufwändige Schlachtopfer und Tanzrituale zu veranstalten, wie Druud Alizan es jedes Mal tun musste, wenn er den Willen Orguudoos erfahren wollte.

Kurz: Die junge Twaysi war eine bessere Seherin als der alte Druud. Dazu kam, dass sie dringend davor gewarnt hatte, die Kuppel und den Bunker der Maulwürfe anzugreifen. Niemand wollte das hören, auch Biglord Djeyms nicht. Jetzt, wo den Bunkerleuten die Panzer nicht mehr ansprangen und die Blitzschleudern versagten, wollte man von einem Seher weiter nichts als Kriegsgeschrei hören. Wer wusste schon, wann jemals die Gelegenheit wieder so günstig sein würde, denen unter der Erde aufs Maul zu hauen?

Und dann war da noch etwas: Man wollte niemanden im Dorf haben, der einem in den Gedanken herumschnüffelte; schon gar keine Frau. Und das konnte Twaysi nun mal, die schöne Hexe: einem in den Gedanken herumschnüffeln.

Noch zwei Kahnlängen bis zum Schilf. Die Hexe hatte gesiegt im Kampf gegen ihre Tränen, der Schneefall ließ nach, und die Taratzen tuschelten und gestikulierten aufgeregt. „Ich werde dich verfluchen, wenn du mich ihnen auslieferst!“, zischte Twaysi.

Grandlord Paacival zuckte zusammen; er wusste genau, dass er gemeint war. „Was hätt ich’n tun soll’n?“ Er klang zerknirscht. „Oaguudoo will dich, da macht man nix gegen …“

Um Orguudoos Willen zu erfahren, hatte Druud Alizan das übliche Tamtam veranstaltet: Schlachtopfer, Beschwörungsgesänge, stundenlange Tänze, Feuer, das ganze Programm. Aus den Gedärmen des geschlachteten Wakudastiers hatte er schließlich den Namen der Geisel gelesen: Twaysi.

Schon vor Beginn des Rituals hatte Biglord Djeyms gewusst, welchen Namen der Druud in den Eingeweiden des Wakudas lesen würde; jeder im Dorf hatte das. Und niemand wunderte sich darüber, dass der Grandlord sein neues Weib nicht verteidigte. War er doch selbst erst ein paar Winter zuvor der Todesstrafe entgangen2) und erst im letzten Sommer von einer großen Bußfahrt zurückgekehrt. Der Druud beobachtete ihn genau. Wenn er auch nur ein klitzekleines Gesetz der Götter übertrat, war er fällig.

„Wean dia schon nix tun, die Viecha“, sagte der Druud. „Woll’n ja ihwe Geisel auch gesund zuwück ham eines Tags.“

„Eines Tages?“ Twaysis Stimme zitterte vor Zorn und Angst. „Und wann wird das sein? Am Ende aller Zeiten, wenn wir uns vor Orguudoos Gerichtsstuhl wieder sehen? Eines Tages … Ich kotze gleich!“ Sie spuckte nach dem Druud. „Nicht einmal zum Lügen habt ihr genug Verstand im Schädel!“

Auch deswegen hatte Twaysi sich von Anfang an beim Druud und vielen anderen unbeliebt gemacht: Weil sie immer aussprach, was sie dachte, und weil sie komisch redete. Sie sagte Orguudoo statt Oaguudoo und Lords statt Loads – und sie nannte sich selbst Traysi statt Twaysi.

Die Ruderboote brachen ins Schilf ein, ihre Bugs liefen auf Grund, je zwei Lords sprangen hinaus und zogen sie ans Ufer in den Schnee. Dann ging alles ganz schnell: Grandlord Paacival und vier Littlelords lieferten den Taratzen die gefesselte Hexe aus, und die Riesenratten übergaben den Lords ein gefesseltes Weibchen. Danach verschwanden die halbintelligenten Tiere mit ihrer Geisel im Ruinenwald und die Lords stiegen mit ihrer Gefangenen in ihre Ruderboote.

Während sie ans andere Ufer zurückruderten, warf Biglord Djeyms einen Blick auf die Geisel: Sie hatte schütteres weißgraues Fell mit kahlen Stellen, sah knochig und halb verhungert aus und atmete hechelnd und mit heraushängender, bleicher Zunge.

Das Taratzenweibchen war schwer krank.

Biglord Djeyms blickte schnell wieder auf den Fluss und in den erneut einsetzenden Schneefall, als hätte er nichts gesehen. Auch der Druud und der Grandlord taten, als würden sie den Zustand der Geisel nicht bemerken; alle taten so.

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Atlantischer Ozean, August 2525

Das Grab. Immer musste er an das Grab seines Sohnes denken. Nicht an den Kampf, nicht an den tödlichen Blitz aus dem Kombacter, nicht an die gebrochenen Augen Daa’tans, immer nur an das Grab. Manchmal versuchte er diese Bilder wieder heraufzubeschwören – irgendwo in seinem Hirn waren sie ja gespeichert –, doch sofort schob sich das Bild des Grabes vor sein inneres Auge. Des Grabes und der Frau, die davor am Boden kniete.

Aruula.

Nachdem sie von Afra aufgebrochen waren, hatte sie tagelang nichts gegessen, kaum getrunken, und die beiden ersten Tage nur geweint.

Hatte er selbst eigentlich gegessen während dieser Woche nach der Tragödie? Commander Matthew Drax wusste es nicht mehr. Er fühlte sich ausgelaugt.

„Die Küsten Eurees“, sagte Rulfan mit hohler Stimme, und Chira sprang auf und kläffte ihm schwanzwedelnd zu. Wahrscheinlich freute sich die Lupa3), dass er endlich wieder etwas sagte, hatte er doch seit dem Start von jener verfluchten Insel im Victoriasee immer nur geschwiegen. In seiner Brust dagegen herrschte vermutlich kein Schweigen. In Gedanken musste er schreien, wie nur waidwunde Tiere es können.

Lay war tot, seine Geliebte. Sie war Daa’tans letztes Opfer gewesen. Bevor sein eigenen Vater ihn …

Langsam und irgendwie mühsam hob Rulfan seinen rechten Arm und deutete zum Frontfenster hinaus. Im Dunst der Morgendämmerung war dort der Küstenstreifen der iberischen Halbinsel zu erkennen. Portugal hatte das Land einst geheißen.

Portugal – in Matts Hirnwindungen fühlte der Name sich ähnlich fremd an wie der Name Babylon oder Konstantinopel oder Ninive. Er nickte nur stumm.

Rulfan saß rechts von ihm auf dem Sessel des Copiloten. Der Sessel des Aufklärers schräg hinter ihnen war leer. Nicht länger als eine Stunde hatte Aruula dort gesessen. Matt Drax überprüfte den Kurs, stellte auf Autopilot, stand auf und verließ das Cockpit.

Er fand sie in der Koje ihrer gemeinsamen Kajüte. Aruula lag auf der Seite, zusammengekauert wie ein Kind, und starrte die Wand an. Der Mann aus der Vergangenheit setzte sich zu ihr und legte den Arm auf ihre Schulter.

„Aruula?“ Sie antwortete nicht. Er begann, erst ihre Schulter, dann ihre Wangen zu streicheln. Sie rührte sich nicht, wie leblos fühlte sie sich an. „Komm zu uns ins Cockpit.“ Sie reagierte nicht. „Es hat doch keinen Sinn, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen, gemeinsam ist es leichter.“ Kein Wort sprach sie, starrte nur die Wand an. Matthew seufzte. „Ich hole dir etwas zu trinken.“ Er stand auf, bückte sich aus der Kajüte, ging in die Kombüse.

Ob sie auch an das Grab dachte? Er füllte einen Krug mit Wasser. Natürlich dachte sie an das Grab, an das Grab und an Daa’tan. Er nahm ein Glas und kehrte mit ihm und dem Krug zurück zu Aruula.

Sie trauerte um ihren gemeinsamen Sohn. Würde sie ihm je verzeihen, dass er Daa’tan erschossen hatte? Dabei hatte er weiß Gott versucht, ihn davon abzuhalten, Rulfan mit seinem Schwert zu durchbohren. Sogar als Daa’tan die Warnung in den Wind schlug und zum tödlichen Schlag ausholte, hatte er noch versucht, ihn zu schonen, ihn wenigstens nur zu verletzen – doch der Kombacter, die alte Hydritenwaffe, war für derart gezielte Schüsse nicht geeignet. Der Blitz hatte Daa’tans Brust durchschlagen.

Matt setzte sich auf die Koje, reichte Aruula das Glas. „Komm, trink etwas.“ Sie reagierte nicht. „Bitte“, sagte er. Sie schüttelte den Kopf. Entmutigt blieb er neben ihr sitzen, in der Linken das Glas, mit der Rechten streichelte er ihre Schulter und ihre Wange.

In seinem Schädel rotierte ein Wirbel aus Bildern, Gedanken und Empfindungen. Er sah Lay, wie sie starb. Völlig grundlos hatte Daa’tan sie mit Hilfe seiner tödlichen Pflanzen von einer Felsnadel in die Tiefe gerissen. Er sah Daa’tans Grab und fragte sich, ob Aruula ihm jemals verzeihen würde. Auch wenn Daa’tan andernfalls seinen Blutsbruder und ihren gemeinsamen Freund Rulfan umgebracht hätte.

Um sich abzulenken, dachte Matt an den Streiter, die kosmische Wesenheit, die auf dem Weg zur Erde war, um hier ihre Jagdbeute zu stellen, den Wandler. Doch der war längst weiter gezogen, und niemand wusste, wie der Streiter reagieren würde. Matt hatte ihn in einer Vision gesehen, und die Bilder verfolgten ihn heute noch in seine Träume. Von dieser unfassbaren Entität war keine Gnade zu erwarten. Sie würde alles Leben auf der Erde tilgen, so wie sie es mit dem Heimatplaneten des Wandlers und seinen Dienerkreaturen getan hatte.

Der Mann aus der Vergangenheit fragte sich, was um alles in der Welt er gegen diesen monströsen Titanen ausrichten sollte, jetzt da auch der Flächenräumer, die vielleicht einzige Waffe gegen den Streiter, unbrauchbar geworden war. Seine Gedanken kehrten zu der immer gleichen Antwort zurück: Solange er nicht irgendwo zufällig auf hoch entwickelte Technik stieß, konnte man gar nichts tun. Es gab im Augenblick einfach keine Lösung für dieses Problem.

Seine Gedanken wanderten weiter zu seiner Staffelkameradin Jenny Jensen und ihrer Tochter Ann. Ihrer gemeinsamen Tochter. Nicht zuletzt um sie zu suchen, kehrte er nach Europa zurück. Doch wie würde Aruula auf dieses Vorhaben reagieren? Wie sollte er ihr beibringen, dass er nach seiner Tochter fahnden wollte – jetzt, nachdem er ihren gemeinsamen Sohn getötet hatte?

Und schon kreisten seine Gedanken wieder um das Grab. Er fragte sich, wie er selbst jemals damit fertig werden sollte, seinen eigenen Sohn umgebracht zu haben.

„Es tut mir so leid“, flüsterte er irgendwann. „Ich liebe dich doch … bitte trink ein wenig, bitte …“ Sie hob den Kopf – endlich – und sah ihn aus dunklen Augen an. Dann nahm sie wortlos das Glas aus seinen Händen und leerte es.

Als sie getrunken hatte, kauerte sie sich wieder zusammen. Matt Drax streichelte sie, beugte sich über sie, küsste ihre Stirn, ihre Augen, ihren Hals. „Lass mich allein, Maddrax“, flüsterte sie. Er wurde ganz steif vor Enttäuschung. Leise stand er auf und ging ins Cockpit.

„Wir sind endgültig zurück in Euree“, sagte Rulfan mit heiserer Stimme. Wieder erhob sich Chira und machte Wuff.

„Schon möglich.“ Matt Drax ließ sich in den Pilotensessel fallen. Er versuchte nicht an Aruula zu denken, kontrollierte den Kurs, beobachtete die Reflexe auf den Ortungsschirmen. „Auf dem Monitor sieht es so aus, doch mein Kopf fühlt sich so an, als wäre der größere Teil von mir noch in Afra …“

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London, Dezember 2521

Sie fauchten sie an, stießen ihr die feuchten Schnauzen in die Weichteile und bliesen ihr stinkenden Atem ins Gesicht, begrapschten sie wieder und wieder. Doch keine der Taratzen verging sich an ihr; nicht einmal den Versuch unternahm eine der Bestien. Obwohl sie ihre mentalen Kräfte einsetzte, um genau das zu verhindern, konnte Traysi es kaum glauben. Sie hatte ihrer eigenen Suggestivkraft nicht zugetraut, die entfesselte Gier der Mutanten zu überwinden; jetzt aber schöpfte sie Hoffnung.

Die Zahl der Bäume und Büsche nahm ab, die der Ruinen zu. Die Rotte achtete darauf, immer in der Nähe von Mauern und Türeingängen zu bleiben, hinter denen man Deckung finden konnte. Traysi wusste von dem Eluu, der seit Monaten die Gegend unsicher machte; das wohl einzige Wesen, das die Taratzen fürchteten.

Nicht, dass ihr dieses Wissen nutzte: Die Rattenmutanten schleppten sie eine teilweise zerbrochene Treppe hinauf, zerrten sie an Säulen vorbei, die von immergrünen Rankengewächsen eingesponnen waren, zerrten sie durch eine von schneebeladenem Eibengestrüpp halb verdeckte Mauerlücke in einen großen Raum, über den sich eine löchrige, teilweise zusammengebrochene Kuppel wölbte. Ein Schauer nach dem anderen rieselte über Traysis Rücken – sie hatte Angst, das große, zerfallende Gebäude könnte endgültig zusammenbrechen.

Fackeln brannten an Wänden, und wo sie flackerten, schmolz das Eis und rann Tauwasser aus dem Mauerwerk. Es stank nach Aas und Exkrementen. Die Umrisse vieler Taratzen wurden nach und nach sichtbar, als Traysis Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Sie sah, dass die hintere Seite des Kuppelgebäudes schon vollständig zerstört war. Laublose Ranken hingen von der zersplitterten Dachseite herab. Spärliches Tageslicht drang durch Lücken im Gemäuer und im Geäst. Immer tiefer hinein zerrten die Taratzen sie in das düstere Ruinengewölbe.

Von allen Seiten hörte Traysi die Taratzen zischen und fauchen. Es mussten Hunderte sein, doch im Halbdunkel sah sie nur die Umrisse ihrer dunklen Schädel und Ohren. Manchmal glaubte sie spitze Zähne zu erkennen.

Über Geröll, zersplittertes Holz und durch knöchelhohen Dreck schleiften die aufrecht gehenden Schwarzpelze sie zu einem Tisch, auf dem eine besonders große Taratze hockte. Lichtschein fiel auf ein Skelett unweit des Tisches, und heißer Schrecken fuhr der Hexe in alle Knochen. Vor dem Tisch ließen die Biester sie endlich los und traten ein paar Schritte zur Seite.

Traysi zog die Schultern hoch, raffte den weißen Fellmantel zusammen und sah hinauf zu der mächtigen Taratze auf dem Möbel. Keine Angst, sagte sie zu sich selbst, du darfst um keinen Preis Angst zeigen …

Die Taratze hockte auf dem Schädel eines Wakudastieres. Ihre Augen glühten rötlich. Unverwandt starrte sie Traysi an. Sie hatte einen wuchtigen Schädel, ihr langes Fellhaar war weder schwarz noch grau wie das der anderen, sondern hellbraun mit vielen goldblonden Strähnen darin.

Es war ein Taratzenkönig, ohne Zweifel! Traysi erschauerte, als sie es begriff.

Die Schnurrhaare an seiner Schnauze zitterten. Speichel troff von seinen Lefzen, als er das Maul öffnete und seine spitzen gelblichen Zähne sichtbar wurden. Er taxierte sie von oben bis unten, und obwohl der Taratzenkönig sich kaum rührte, wusste Traysi es mit schmerzhafter Klarheit: Der abscheuliche Mutant schnüffelte gerade an dem Festtagsbraten, den er zu verschlingen gedachte.

Ich muss mit ihm tun, was ich mit Paacival getan habe, dachte Traysi. Noch immer hielt sie seinem Blick stand. Ich darf keine Angst zeigen, ich muss seinen Willen überwinden. Behutsam begann sie sich in seinen Geist hineinzutasten.

Der Taratzenkönig erhob sich langsam. Der Tisch knarrte, eine Wolke bitteren Gestanks wehte aus seinem Fell zu Traysi herunter. Über ihm hing ein großes Spinnennetz! Fast bis zu seinen Ohren reichte es herunter. Plötzlich fiel ein neues Gespinst aus dem Gestrüpp unter der Deckenkuppel vor den pelzigen Schädel des Rattenkönigs, und eine faustgroße Spinne schoss herab.

Traysi stockte der Atem, ein unterdrückter Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Der Taratzenkönig fauchte nur und machte eine herrische Geste – blitzschnell schoss die Spinne wieder ins kahle Gestrüpp unter der Kuppel hinauf. Die Taratze wischte das Netz zur Seite und sprang vom Tisch.

Das Zittern ihrer Knie und das Rasen ihres Herzens konnte Traysi nicht unterdrücken, doch es gelang ihr, ihrer bebenden Unterlippe Einhalt zu gebieten. So zeigte sie dem blond melierten Scheusal ein kühles, unbewegtes Gesicht, als es vor ihr stand. „Wen haben wirr denn da …?“, zischte es und begann Traysi zu umkreisen.

Traysi drehte sich mit, wich seinem taxierenden Blick keinen Wimpernschlag lang aus. Tiefer und tiefer drang sie in seinen Geist ein, genau wie sie es mit Paacival getan hatte, als sie ihn im vergangenen Sommer in den Wäldern im Süden traf. Ich bin deine Herrin, dachte sie, ich bin die Hexe Traysi, deine Herrin …

„Haben ssie dich angerrührrt, die Sstinkpelzze?“ Plötzlich war er stehen geblieben. „Ob ssie dich angerrührrt haben, will ich wisssen!“ Ein Brechreiz würgte Traysi, als sein stinkender Atem sie anhauchte. Sie hielt es aus und nickte. Eine Bewegung ging durch die Menge der pelzigen Mutanten. „Werr?“, fauchte ihr König. Sein langer nackter Schwanz begann auf den Boden zu peitschen. Eine Staubwolke stieg hinter ihm im Halbdunkeln auf.

Traysi deutete auf drei der Taratzen, die sie in die Ruine geschleppt hatten. „Die da. Begrapscht haben sie mich.“ Die drei Bezeichneten wichen erschrocken zurück.

Der Taratzenkönig fuhr herum. „Hab ich nicht gessagt, dasss keinerr ssie anrrührrt, wenn ssie sschön isst?“ Langsam näherte er sich den anderen. „Hab ich nicht gessagt, dasss ssie mirr gehörrt?“ Die drei Beschuldigten begannen ängstlich zu fiepen und abwehrend mit den Armen zu rudern. „Ihrr habt ess gewagt, von meinem Tellerr zzu esssen? Auss meinem Becherr zzu trrinken? Von meinem Fleisch zzu kosten?“ Er duckte sich und sprang.

Ein Seufzen ging durch die Kuppelhalle, ein Scharren und Zischen. Der Taratzenkönig sprang die drei Beschuldigten an. Die machten nicht einmal den Versuch, sich zu wehren. Dem ersten biss er die Kehle durch, dem zweiten zerriss er den Bauch, dem dritten hebelte er den Schädel in den Nacken, bis dessen Genick brach. Blitzschnell ging das, nach zwei Atemzügen war alles vorbei. Totenstille herrschte danach unter dem zerfallenden Kuppelgewölbe. Sämtliche Taratzen hatten die Schultern hochgezogen und die Schnauzen gesenkt.

Mit verschmiertem Maul und blutigen Klauen schaukelte die blond melierte Bestie zurück zu Traysi. „Ich bin Hrrney, derr Tarratzenkönig, du gehörrst mirr.“ Er packte sie am Arm und führte sie durch eine Gasse, die sich plötzlich in den pelzigen Leibern der anderen Taratzen gebildet hatte. Es waren Hunderte. „Komm mit mirr, Hrrney will Spasss haben.“

Traysi war ganz steif vor Schrecken. Es fiel ihr schwer, sich auf den Geist dieser wilden Kreatur zu konzentrieren. Gier und Blutdurst schlugen ihr entgegen, lauter Bilder von unersättlicher Lust und grauenvoller Gewalt. Ich bin deine Herrin, raunte sie in diesen lüsternen Geist. Nicht ich gehöre dir, sondern du gehörst mir …

Sein Schritt wurde langsamer, der Griff seiner Klauen an ihrem Oberarm weniger energisch. Du wirst meinen Willen tun, den Willen Traysis, der Lordhexe! Ihre Befehle gewannen an Kraft und Entschlossenheit. Ich bin deine Herrin! Er blieb stehen, und sie merkte, dass sie seinen mörderischen Willen überwunden hatte. Fast. Um den letzten Widerstand zu brechen, bedurfte es einer alten List: Zuckerbrot und Peitsche.

„Hrrney heißt du also?“, säuselte sie mit einschmeichelnder Stimme. Sie kraulte ihm das Fell unter dem Kinn. „Dein Fell ist so golden wie Honig“, gurrte sie weiter. „Ich werde dich Honey nennen, wenn du lieb zu mir bist – und mir gehorchst!“ Unvermittelt war wieder kalte Schärfe in ihrer Stimme. Unter der Verlockung war die letzte Barriere gefallen, und blitzschnell stieß sie vor.

Und tatsächlich ließ er sie los. „Wass tun wirr jetzzt?“, zischelte er leise. Die Stimme des mächtigen Taratzenkönigs klang unsicher auf einmal. Traysi sah eine kleine Türöffnung sieben Schritte entfernt, und rechts und links daneben zwei Fackelträger. Der Schein ihrer Fackeln fiel in den Raum; ein Knäuel aus Fellen und altem Laub lag darin. Seine Schlafkammer. „Du bisst sso sschön, sso wunderrschön …“ Hrrney, der Taratzenkönig, blinzelte sie an, seine Klauen schwebten über ihren Wangen, ihrem Hals, wagten aber nicht, sie zu berühren. „Wass sollen wirr jetzzt tun?“

„Ich bin Traysi, die Lordhexe!“ Ihre laute Stimme verscheuchte den letzten Rest ihrer Angst. „Ich tue, was ich will! Und was ich will, musst du nicht wissen. Ich aber weiß, was du willst: Du willst mich jetzt gehen lassen!“ Er wich einen Schritt vor ihr zurück und senkte den wuchtigen Schädel. „Du willst mir Waffen, Proviant, Ausrüstung und dreizehn junge Taratzen als Eskorte zur Seite stellen!“

„Alless, wass du willsst, wird Hrrney dirr geben“, stammelte der abscheuliche Taratzenkönig, „du mussst nurr verrsprrechen, wiederr zzu kommen …“

Gar nichts versprach Traysi. Als freie Frau verließ sie die Kuppelruine. Dreizehn Taratzen trugen ihr Waffen, Ausrüstung und Proviant hinterher.

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Themsemündung, August 2525

Fast dreißig Stunden dauerte es, bis Chira sich das nächste Mal aufsetzte und schwanzwedelnd bellte. Zwei Worte nur hatte Rulfan diesmal gesagt: „Die Themse!“

Matt Drax’ Blick wechselte hin und her zwischen Ortungsmonitor und Frontfenster. Der Himmel war schwarz, obwohl die Sonne gerade erst aufgegangen war. Blitze zuckten, Donner grollte, Regen prasselte auf die Außenhülle des Gleiters. Manchmal sackte das alte Fluggerät bedrohlich ab. Luftlöcher? Oder Störungen im Magnetfeld? Vielleicht hatten beim harten Aufsetzen auf der Felsnadel in Afra die Generatoren Schaden genommen. Matt war Pilot, kein Mechaniker; er war froh, dass der Gleiter es bis hierhin geschafft hatte.

Auf dem Ortungsschirm war das Landschaftsrelief des Mündungsdeltas deutlicher zu erkennen als durch die Cockpitscheiben. Dichte Gewitterwolken hingen über ihm. „Ja, wir sind zu Hause“, sagte Matt. Sein Herz schlug mit einem Mal höher. Fragend musterte Rulfan ihn von der Seite. Jetzt erst wurde dem Mann aus der Vergangenheit bewusst, was er da gerade gesagt hatte: zu Hause. Für Rulfan mochte das gelten. Er selbst war weder in dieser Zeit, noch in diesem Land zu Hause. Er vermisste die Vereinigten Staaten des 21. Jahrhunderts.

Matt Drax programmierte den Kurs ein und stellte auf Autopilot, weil die Sicht gleich Null war. So flogen sie das Themsetal hinauf. Windböen rissen am Gleiter, die Energie von Blitzen hüllte ihn ein, und wieder und wieder sackte er unvermittelt ab. Matt und Rulfan schnallten sich an. Chira kroch winselnd unter Rulfans Sessel.

„Was ist los?“ Irgendwann stand Aruula an der Luke ins Cockpit, ihre Miene war ängstlich. Sie flog generell nicht gern, und dann bei diesem Wetter …

„Nur ein Gewitter.“ Matt deutete auf den Sessel des Aufklärers. „Setz dich und schnall dich an. Es ist gleich vorbei.“

„Sind wir denn da?“ Sie sank in den Sitz und schloss den Gurt.

„Bald.“ Matt beobachtete sie von der Seite. Sie wirkte nicht mehr ganz so apathisch wie noch am Abend zuvor. Doch ihre Miene war noch immer hart und verschlossen, und ihre Haltung signalisierte: Sprecht mich nicht an, ich will für mich sein.

Schweigend flogen sie ein paar Minuten lang durch das Gewitter das Themsetal hinauf. Bald ließ der Regen nach, das Donnergrollen zog sich in die Ferne zurück, und die heftigen Blitze reduzierten sich nach und nach auf mattes Wetterleuchten am Horizont. Die Sicht wurde besser; Matt Drax deaktivierte den Autopiloten und übernahm die Steuerung des Gleiters.

Durch das Frontfenster und auf dem Schirm für die Außenkamera sahen sie den Uferwald und die Dunstschwaden, die aus ihm aufstiegen. Brückenruinen tauchten vor ihnen auf und blieben zurück. Der Wald lichtete sich. Wo anfangs nur da und dort die Ruinen von Türmen, Kirchen und Hochhausskeletten aus dem dichten Laubdach ragten, zeigten sich jetzt immer häufiger größere Flächen, auf denen neben einzelnen Baumgruppen vor allem Ruinen und Buschwerk standen.

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