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Maddrax - Folge 473

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah …
  4. Die UFO-Sekte
  5. Leserseite
  6. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ – in Wahrheit eine Arche Außerirdischer – die Erde. Ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, „Maddrax“ genannt, dessen Staffel ins Jahr 2516 versetzt wird. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula erkundet er diese für ihn fremde Erde. Bis sie durch ein Wurmloch, das sich im Forschungszentrum CERN auftut, in ein Ringplanetensystem versetzt werden, während der Mond auf die Erde zu stürzen droht.

Auf dem Ringplaneten herrschen die Initiatoren, die Spezies aus allen Teilen der Galaxis durch das Wurmloch entführen, um sie Kompatibilitäts-Tests zu unterziehen. So geraten auch Matthew Drax, Aruula und Matts Tochter Xaana in das fremde Sonnensystem, stoßen jedoch durch die Einmischung der Kontras auf das dunkle Geheimnis der Systemherren: Man will einen Teil der Menschheit auf den Mond Novis umsiedeln, um deren Gehirne für eine Art Superrechner zu nutzen, und macht sich deren Notlage zu Nutze. Die Gefährten werden ihrer Erinnerungen beraubt; so helfen sie in gutem Glauben den Initiatoren.

Während Aruula und Xaana auf Novis bleiben, reisen Matt und der Initiator Hordelab zur Erde, um Peilsender an hochstehende Zivilisationen zu verteilen, damit sie später geortet und evakuiert werden können. Begleitet von Xij, der Mutter Xaanas, und deren Mann Tom Ericson macht sich Matt mit dem Amphibienpanzer PROTO auf den Weg und trifft dabei auf die Kolonie Colonel Kormaks, erkennt aber dessen Machtgier und überlässt ihm keinen der Peilsender. Darum überfällt Kormak die benachbarte Community und eignet sich deren Sender an.

Aus Agartha stoßen die Daa’muren Grao und Ira zu den Gefährten. Als sie von einem Dorf mit überlebenden Artgenossen in Indien erfahren, wollen sie es ausfindig machen. Matt überlässt ihnen PROTO und springt mit Hordelab und den anderen via Sprungfeldgenerator nach Meeraka. In Agartha wird derweil nach den Plänen der Initiatoren eine Transportplattform fertiggestellt, mit der Hordelab das Wurmloch bändigen und an jeden beliebigen Ort der Erde versetzen soll, um die Enklaven „einzusammeln“.

Grao und Ira haben unterdessen die Daa’muren gefunden, doch sie führen Krieg gegen die Menschen! Erst im letzten Moment steht Grao zu Ira und hilft, ein bedrohtes Menschendorf mit dem Wurmloch nach Novis zu evakuieren.

Weitere Missionen folgen, alles läuft – aus Sicht der Initiatoren – gut. Dann jedoch erfahren die Rev’rends von der Evakuierung und sind überzeugt davon, dass Satan seine Hand im Spiel hat. Sie zerstören die Transportplattform und verursachen eine Entladung, die die vier Gefährten – Matt, Xij, Tom und Hordelab – ohne Erinnerung an verschiedene Ort versetzt. Die ersten drei meistern die Gefahren und suchen den Weg zurück nach San Antonio. Bleibt nur noch Hordelab …

Die UFO-Sekte

von Manfred Weinland

Wie immer häufiger in diesen unguten Zeiten glomm der Nachthimmel, als hätte er gebrannt, und als würde der schneidende Wind nicht brodelnde Wolkenberge, sondern Glutnester vor sich hertreiben. In diesem gespenstischen Glanz bewegte sich eine Gestalt auf die kleine Stadt mitten im Nirgendwo zu. Der Staub auf Haut, Haar und Kleidung ließ sie mit der umgebenden Düsternis verschmelzen und damit fast unsichtbar werden. Als Schatten unter Schatten eilte sie den ersten Häusern entgegen. Doch erreichen sollte sie Last Remember nie.

Die nächtliche Stille zerbarst unter solchem Getöse, dass Hoke Nevermore förmlich aus seinen Träumen herausgeschmettert wurde. Für ein paar Sekunden saß der Vierundzwanzigjährige aufrecht in seinem Bett, bevor er die Beine über den Rand schwang, um die Ursache des Lärms zu ergründen. Durch das Fenster des Soloshacks drangen von der Straße her zuckende Lichter, untermalt von einem wilden Durcheinander an Stimmen. Es hörte sich an, als wäre die halbe Stadt auf den Beinen.

Benommen tastete Hoke nach den Stiefeln, die griffbereit neben seinem Schlafplatz standen. Hemd und Hose hatte er der Bequemlichkeit wegen beim Zubettgehen anbehalten, und so dauerte es nicht lange, bis er ins Freie stolperte und sich der Gruppe anschloss, die im Fackelschein stadtauswärts strebte und von Bürgermeister Elldrige angeführt wurde.

Hoke stöhnte schmerzerfüllt auf, als ihn ein Ellbogen in die Seite traf. Der Übeltäter war schnell ausgemacht: Dwight. Dwight Wexley.

„Hey, pass doch auf!“, zischte Hoke.

„War keine Absicht. Peace, alter Junge.“ Das Grinsen auf Wexleys fieser – man konnte es nicht anders nennen – Visage sprach Bände und widersprach zugleich seiner Beteuerung. „Sei doch nicht immer so verdammt wehleidig, Brüderchen.“

Hoke winkte ab. „Was ist passiert? Wo rennen alle hin?“

„Eine der Fallen hat ausgelöst. Hast du das Gebrüll nicht gehört?“ Wexley griente. „Oh, ich vergaß. Du schläfst ja immer wie ein Stein.“ Er zuckte die Achseln. „Es klang jedenfalls nicht, als würde es von einem Tier stammen.“

Nicht von einem Tier? Was blieb dann noch übrig? Hoke lief es kalt über den Rücken. Vorbei an den letzten Häusern der Kernstadt erreichten sie den Gürtel, der das erhalten gebliebene Viertel wie ein unsichtbarer Festungswall umgab; dazu gedacht, die Bewohner vor nachtaktiven Kreaturen zu schützen, die sich in früheren Zeiten oftmals nach Last Remember verirrt und dort Schaden angerichtet hatten. Der Trap Belt, wie der Streifen genannt wurde, hatte sich als tauglich erwiesen. Seit kurzem waren die Gruben sogar mit Mechanismen versehen, die im Haus des Bürgermeisters anschlugen, sobald etwas in die Falle ging.

Ein solcher Alarm hatte nun die nächtliche Völkerwanderung ausgelöst, der sich nicht nur Männer, sondern auch Frauen und ein paar Halbwüchsige angeschlossen hatten. Das Leben in der vergessenen Stadt bot wenig an Abwechslung; umso dankbarer ergriffen die Leute jede sich bietende Gelegenheit, der Eintönigkeit zu entfliehen.

„Du meinst … einer von uns ist …?“ Hoke brachte den Gedanken nicht in seiner ganzen Tragweite über die Lippen.

Einige Bürger gingen außerhalb der Stadt auf die Jagd, um den zunehmend dürftiger werdenden Speiseplan aufzustocken. Aber erstens geschah dies nur in streng organisierten Gruppen, und zweitens wusste jedes Gemeindemitglied, worauf es gerade im Trap Belt zu achten hatten. Man musste schon lebensmüde sein, um von den bekannten sicheren Routen abzuweichen, wenn man ins Niemandsland vorstieß oder von dort zurückkehrte.

Laaangsam! Dort drüben ist es!“

Das durchdringende Organ des Bürgermeisters brachte die Menge augenblicklich zum Halten. Und Elldrige war es auch, der an das Loch im Boden herantrat, das entstanden war, als etwas den Belag, mit dem die Grube getarnt gewesen war, zum Einsturz gebracht hatte.

Der Bürgermeister hielt den brennenden Fackelkopf nach unten, um sich einen Einblick zu verschaffen. Im nächsten Moment zuckte er sichtlich zurück. Einem deftigen Fluch folgte die Aufforderung an seine Begleiter: „Macht schnell! Dem Mann ist vielleicht noch zu helfen!“

Damit bewahrheitete sich Hokes Befürchtung. Schneller als Dwight Wexley und die meisten anderen Gemeindemitglieder drängte er sich vor, bis er neben dem Bürgermeister anlangte und im wabernden Schein der Fackel einen Blick in die Grube erhaschte.

Dort zappelte das bedauernswerte Opfer, von einem Holzdorn aufgespießt wie ein seltenes Insekt von einer Nadel. Hoke hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, also konnte es sich nicht um einen Mitbürger handeln.

Der aus dem Boden der Grube ragende, zugespitzte Pflock hatte den Unglücklichen rücklings durchstoßen und war vorn in Höhe der Leber wieder ausgetreten, offenbar haarscharf an der Wirbelsäule vorbei, sonst hätte er sich kaum bewegen können.

„Den Strick! Schnell!“, kommandierte Elldrige einen der Männer, der eine Seilrolle herangeschleppt hatte. Dann richtete er Fackel und Blick überraschend auf Hoke und fragte in dem ruhigen, sachlichen Ton, für den ihn die Leute bewunderten: „Traust du dir zu, hinabzusteigen und den Strick um ihn zu binden? Wir müssen ihn hochziehen, um ihn zu versorgen.“

Hoke zögerte nur einen Moment. Dann nickte er mit zusammengekniffenen Lippen. Ohne das Seil wäre die Aufgabe zu riskant gewesen, denn an der Schräge der Grube hätte er keinen Halt gefunden und sich am Ende noch selbst aufgespießt.

„Können Sie mich verstehen?“, rief der Bürgermeister zum Grund der Grube hinab. „Bewegen Sie sich nicht! Wir lassen jetzt jemanden zu Ihnen hinunter!“

Tatsächlich erlahmten die Zuckungen des Unglücklichen. Es war aber unklar, ob er Elldriges Anweisung folgte oder das Leben aus ihm wich.

„Du weißt, was zu tun ist?“, fragte der Bürgermeister an Hoke gewandt. „Das Seilende vorsichtig unter den Achseln hindurchführen und verknoten, den Rest erledigen wir. Anschließend holen wir dich herauf.“

Hoke nickte knapp, und schon ging es am Sicherungsseil abwärts. Gehalten von mehreren starken Männerhänden arbeitete er sich nach unten, während von oben Fackeln so um die Grube verteilt wurden, dass ihr Grund ausreichend beleuchtet war.

Hoke wandte sein Gesicht dem Verunglückten zu. Ein dunkelroter Blutfaden lief aus dessen Mundwinkel hervor. „Ich bin gleich bei Ihnen! Ganz ruhig, ich …“

Der eisige Blick des Fremden brachte ihn zum Verstummen.

Hoke erhielt keine Gelegenheit mehr, eine Erklärung dafür zu suchen, warum pure Verachtung in der Miene des Unbekannten lag.

Der Mann griff an seine Seite, zog etwas hervor, was bis dahin verdeckt gewesen war, und richtete es mit zittriger Hand auf Hoke. Eine … Waffe?

Es folgte ein zorniges, schnappendes Geräusch, das sich tief ins Bewusstsein des jungen Mannes grub. Dann schlug etwas gegen Hokes Kopf und löschte alle Wahrnehmungen aus.

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Die Tür ging auf, und Hoke Nevermore blinzelte gegen das grelle Licht, in dem der Schattenriss eines Mannes auftauchte, der sich im Näherkommen als Bürgermeister Elldrige entpuppte. Er trat an sein Lager und stellte einen Beutel neben sich zu Boden.

Bei dem Raum handelte es sich nicht um Hokes bescheidenen Soloshack – den winzigen Anbau neben der Kirche –, aber dennoch um ein Zimmer, das ihm bekannt vorkam, auch wenn ihm nicht gleich zuordnen konnte.

„Ich bin so froh, dass du es überstanden hast“, begrüßte ihn Elldrige. „Man hat sofort nach mir geschickt, als sich die Zeichen mehrten, dass du aufwachst. Wir …“

Der Rest dessen, was er sagte, verlor sich in einem dumpfen Rauschen, das Hokes Kopf durchzog. Das Letzte, an das er sich erinnerte, war der hasserfüllte Blick, mit dem der Sterbende abgedrückt hatte.

Der Sterbende …

Er tastete nach seinem Kopf und stieß gegen die Bandage, mit der er in Stirnhöhe umwickelt war. Der Aufprall des Projektils, das der Fremde auf ihn abgefeuert hatte, hatte sich angefühlt, als hätte es sich durch seine Schädeldecke gebohrt.

Aber dann wäre ich tot. Bei allen Staubhexen – was ist passiert?

Elldrige schien seine Frage zu erahnen, denn er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich neben das Kopfende des Bettes und legte seine Hand so auf die von Hoke, dass dieser nicht länger am Verband herumzupfen konnte. „Du brauchst Ruhe. Erinnerst du dich, was geschehen ist?“

Schon ein simples Nicken brachte Hokes Kopf zum Dröhnen. Hoke stöhnte auf. Nach einer Weile sagte er: „Der Verunglückte … die Qualen müssen ihm den Verstand geraubt haben.“

Elldrige nahm den Beutel, den er zuvor abgestellt hatte, vom Boden auf. Er öffnete den Verschluss und griff hinein. Dann legte er etwas auf Hoke Nevermores Bauch. Etwas, das dessen Gesichtszüge kurz entgleisen ließ.

Hoke schluckte, nahm den Bolzen in die Hand und inspizierte ihn. Täuschte er sich oder klebte tatsächlich geronnenes Blut an der Metallspitze?

„Ich hätte es abwaschen können“, sagte Elldrige. „Aber ich wollte, dass du siehst, wie knapp du dem Tod entronnen bist.“

Der Bolzen war handspannenlang und lief in einer V-förmigen, schmiedeeisernen Spitze aus.

„Du hattest unverschämtes Glück“, fuhr der Bürgermeister fort. „Der Bolzen hat nur deine Schläfe gestreift. Hätte er dein Auge getroffen, hätten wir ein zweites Grab schaufeln müssen.“

Hokes Magen zog sich zusammen. „Also ist er tot?“, folgerte er.

„Wir konnten nichts mehr für ihn tun. Aber das hätte er auch nicht verdient gehabt.“ Elldrige schüttelte den Kopf. „Dieser Bastard wollte dich mit auf seine letzte große Reise nehmen. So ein hinterhältiges Geschmeiß!“

Hoke zweifelte diese Auslegung an, denn er glaubte grundsätzlich an das Gute im Menschen. „Ich denke vielmehr, dass der Schmerz ihn wahnsinnig machte. Er wusste sicher nicht mehr, was er tat“, antwortete er.

„Ich wünschte, du hättest Recht“, sagte Elldrige dumpf. „Aber von da draußen ist noch nie etwas Gutes zu uns gekommen.“

Hoke war noch immer nicht überzeugt. „Hatte er etwas bei sich, das erklärt, woher er kam und mit welchen Absichten?“, fragte er.

„Nichts außer seinen Waffen. Die kleine Armbrust und ein Langmesser mit gezackter Klinge. Beide Waffen sollen dir gehören; ich verwahre sie in meinem Büro auf. Du kannst damit auf die Jagd gehen, sobald du dich vollständig erholt hast.“

„Ich fühle mich gut.“ Das war gelogen. Und leicht durchschaubar.

Als der Bürgermeister sich wenig später verabschiedete, fragte Hoke: „Darf ich den behalten?“ Er hielt den Bolzen hoch.

„Wie ich bereits sagte: Die Waffen des Fremden gehören dir.“ Elldrige wandte sich zum Gehen.

„Wie lange war ich bewusstlos?“, rief Hoke ihm nach.

„Fast zwei Tage.“

„Zwei Tage …“

„Aber davon warst du nicht eine Minute allein, wie du dir denken kannst. Sie warten schon draußen vor der Tür, dass ich endlich gehe.“

„Sie?“

„Nun, ein paar deiner Mütter, die sich darum gerissen haben, sich um dich zu kümmern.“ Elldrige grinste breit.

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Nachdem der Bürgermeister gegangen war, betraten nacheinander vier Frauen den Raum, vorneweg Eleonore Johnson, die mit der ihr eigenen Resolutheit auf Hoke zugestapft kam, gefolgt von drei anderen Müttern, in deren Haushalten er eine Zeitlang gelebt und Teil ihrer Familien gewesen war.

„Was machst du bloß für Sachen, Junge? Es hätte nicht viel gefehlt, und du –“

„Eleonore!“, fuhr eine der anderen Frauen ihr in die Parade. „Wie kannst du ihm Vorwürfe machen? Er wollte nur helfen!“

Ma Johnson drehte sich zu ihr um. „Ich weiß, ich weiß. Entschuldigt. Und entschuldige vor allem du, Hoke, Junge! Aber ich kann nicht mehr ruhig schlafen, seit sie dich zu mir brachten. Das verstehst du doch. Hank war auch ganz krank vor Sorge. Zum Glück geht es dir besser.“

Hier befand er sich also: in Ma Johnsons Haus. Hank war ihr Mann und damit einer von Hokes vielen Vätern.

Hoke rutschte vorsichtig nach ob und setzte sich, das hohe Kopfteil des Bettes als Stütze nutzend, vorsichtig auf.

„Nein, liegen bleiben!“, rief Eleonore sogleich.

Er winkte ab. „Es geht mir gut. Einigermaßen zumindest.“

„Es kann dir nicht gutgehen. Du hattest fast einen Pfeil im Kopf gehabt. Nur eine Fingerbreite weiter rechts und es wäre um dich geschehen gewesen. Dieses Monster!

Sie sagte es voller Inbrunst. Hoke erinnerte sich gern an die Zeit bei ihr zurück. Viele waren gut mit ihm umgegangen, aber nicht alle hatten ihn so geliebt wie sie. Ihr leiblicher Sohn hatte damit umgehen können; auch das war nicht in allen Familien, die Hoke bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr durchlaufen hatte, so gewesen.

Für einen Moment drohte der alte Schmerz wieder aufzubrechen. Es war eine Wunde, die nie verheilen würde, dafür hatte der Tod seiner Eltern ihn zu hart und zu unvorbereitet getroffen. Er war damals erst fünf gewesen. Fünf!

Die nächsten elf Jahre war er im vorgeschriebenen Sechs-Monats-Wechsel von einer Familie zur anderen vagabundiert. Wirklich zu Hause hatte er sich nirgends gefühlt. Aber der turnusmäßige Wechsel hatte auch seine guten Seiten, denn auf diese Weise hatte er sich in die meisten der in Last Remember noch lebenden Familien heimisch gefühlt und dabei ein Vielfaches an Geschwistern gewonnen.

Nein, alles in allem überwogen die guten Erfahrungen; er durfte nicht undankbar sein. Trotzdem wünschte er sich oft, unter normalen Verhältnissen aufgewachsen zu sein, mit einem echten Vater und einer echten Mutter.

„Du musst ja vor Hunger umkommen“, sagte die dralle Marge Lincoln, die, ohne seine Antwort abzuwarten, einen offenen Flechtkorb vor ihm auf der Bettdecke abstellte, dem der verführerische Duft frischer Backwaren entstieg. Sie war berühmt für ihre Kekse. „Seit zwei Tagen hast du nichts gegessen. Hast kaum noch was auf den Rippen.“

„Ganz im Gegensatz zu dir, liebe Marge“, stichelte Ma Johnson. Wenn es überhaupt eine schlechte Eigenschaft an ihr gab, dann den Hang zur Eifersucht, wenn sie fürchtete, ins zweite Glied verbannt zu werden, was ihre Fürsorglichkeit betraf.

Doch Marge Lincoln war selbstbewusst genug, die Stichelei zu übergehen.

„Er sollte zuerst etwas Gesundes zu sich nehmen – und etwas Magenschonendes obendrein“, entschied Ma Johnson. „Ich koche ihm ein Süppchen. Und danach …“

Sie unterbrach sich. Wie in der Nacht, als Hoke beinahe gestorben wäre, ertönte von der Straße her ein Stimmengewirr von solcher Lautstärke, dass auch die Mütter aufmerksam wurden.

„Was geht da draußen vor sich? Kann mal jemand nachsehen?“

Marge Lincoln war bereits am Fenster, konnte sich aus dem, was sie erblickte, aber offenbar keinen rechten Reim machen. „Dein Jüngster ist auch dabei, Liz“, wandte sie sich an eine der anderen beiden Frauen. „Der, der nie grüßt … Wie heißt er noch gleich?“

„Amos“, erwiderte Elisabeth Barclay angesäuert.

Auch an sie hatte Hoke fast nur gute Erinnerungen – im Gegensatz zu den restlichen Mitgliedern ihrer Familie, speziell besagtem Amos, der zwei Jahre jünger als Hoke war, aber damit prahlte, mit den Fanatikern zu sympathisieren, die nicht müde wurden, den Ruf der Beschützer zu beschmutzen.

Liz Barclay schob sich an den anderen Frauen vorbei zum Ausgang und verschwand nach draußen.

„Jetzt bläst sie ihm den Marsch“, kommentierte die immer noch auf Beobachtungsposten ausharrende Marge und fügte wenig später ein kurzatmiges „Oh-oh“ hinzu.

„Was oh-oh?“

„Wenn mein Sohn mit mir so umspringen würde, wüsste ich, was ich zu tun hätte. Er würde es bereuen.“

„Was macht er denn?“

„Er schreit sie an, schubst sie von sich … und verschwindet die Hauptstraße hinunter.“

Als Elisabeth Barclay wenig später wieder eintrat, schauten alle zu Boden.

„Der arme Junge“, überspielte die Rückkehrerin ihre unübersehbare Scham.

„Gab es Streit?“, fragte Ma Johnson.

Zuerst schüttelte sie den Kopf. Dann nickte sie. „Wie man es nennen will. Es muss wohl etwas Schlimmes vorgefallen sein in unserer Kirche. Und irgendjemand muss behauptet haben …“, sie presste ihre Hand gegen den Mund und schluchzte auf, „… muss behauptet haben, Amos sei beteiligt an der Versündigung.“

„Versündigung?“

Liz Barclay war kreidebleich. „Ich muss das klären. Entschuldigt mich, aber wenn ich nicht gleich hingehe und herausfinde, was an der Behauptung dran ist …“

Ohne ein weiteres Wort eilte sie davon.

Die anderen tauschten betretene Blicke.

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