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Maddie – Immer das Ziel im Blick

Über die Autorin

Katie Kacvinsky arbeitete als Model und Lehrerin, bevor sie sich entschied, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt in Oregon, USA. Die Rebellion der Maddie Freeman, ihr Debüt, erschien erfolgreich bei Boje im Herbst 2011. Auch der zweite Band, Maddie – Der Widerstand geht weiter (wieder Boje 2013), hat viele begeisterte Leserinnen gefunden. Nun liegt endlich der Abschluss der spannenden Trilogie vor.

KATIE KACVINSKY

MADDIE – IMMER DAS ZIEL IM BLICK

Aus dem
amerikanischen Englisch
von Ulrike Nolte

BASTEI ENTERTAINMENT

20. Mai 2061

Als ich Eden verließ, hat Elaine mich gebeten, gut auf mich aufzupassen, da ich so viel von dem Element Wasser in mir trage. Sie hat mich gewarnt, dass diese besondere Gabe schwer zu kontrollieren sei. Wasser lässt sich nicht festhalten. Wasserpersönlichkeiten haben es schwer mit der Liebe, weil es zu ihrer Natur gehört, sich Wege aus allem zu suchen, was sie einengen will. Wasser kann seine Ufer überfluten, und es kann vergessen, wo es eigentlich hingehört. Elaine hat mir geraten, die Kraft des Wassers zu meinem Vorteil zu nutzen, aber gleichzeitig daran zu denken, wie zerstörerisch es werden kann. Ich solle nicht glauben, dass Hindernisse mich immer nur ausbremsten oder blockierten. Manchmal haben sie einfach den Sinn, mich auf einen anderen Weg umzulenken.

Das Element Wasser hat auch Vorteile. Es vergibt und vergisst, wandelt sich ständig, ist unberechenbar und besitzt enorme innere Kraft. Wasser ist stärker als Fels. Es kann den härtesten Stein aushöhlen, fortschwemmen, in Stücke brechen … oder auch allmählich durch die Oberfläche sickern. Wasser fließt um alles herum, was ihm im Weg ist, ob von oben, unten oder mitten hindurch. Es kann sich in endlose Formen verwandeln, einmal so still sein, dass man es kaum bemerkt, dann wieder mit unbezähmbarer Wildheit losschlagen. Wenn Wasser auf Feuer trifft, genügt ein einziger Schwall, um die Flammen zu löschen.

Leider sind die Nachteile ebenso groß. Wasserpersönlichkeiten ertragen keine Dürrezeiten. Sie können innerlich austrocknen. Dann schrumpfen sie so lange in sich zusammen, bis jemand kommt und sie wieder wässert. Deshalb brauchen sie andere Menschen. Sie sind abhängig von Liebe und Unterstützung. Ohne die nötige Pflege verkrusten sie und entwickeln eine harte Schale, die so rissig ist wie abblätternde Haut. Sie werden runzelig und welk, manchmal scheinen sie ganz zu verschwinden, doch warten sie nur in verborgenen Ritzen darauf, neu aufzuleben.

Menschen sind wie unabhängige Ökosysteme oder wie Zwergplaneten voller Inseln, Klimazonen und Wetterprognosen. Manche von uns tragen raue Gebirgszüge mit sich herum, andere Seenlandschaften. Ich muss an die anderen Elemente denken, die ebenfalls in uns versteckt sind. Justin besteht vor allem aus Feuer, so inspirierend, draufgängerisch, entflammbar und kreativ wie er ist. Mein Vater ist aus Erde gemacht – schwer zu durchdringen, hart, zäh und unveränderlich. Meine Mutter und Clare sind hell und leicht wie Luft, sie sehen immer nur das Gute und bringen frischen Wind in jeden Raum, den sie betreten. Sie sind das verbindende Element, das Menschen zusammenführt und alle möglichen Perspektiven und Denkweisen gestattet.

Wenn wir unsere Elemente kennen, dann kennen wir auch unsere Stärken. Aber noch wichtiger sind unsere Schwächen. In unserem Leben gibt es ein ständiges Tauziehen zwischen diesen beiden Seiten. Unsere Stärken prägen uns, doch unsere Schwächen setzen die Grenzen.

Natürlich braucht man im Leben alle Elemente. Man kann sich nicht von der Erde oder der Luft trennen, bloß weil ihre Eigenschaften den eigenen widersprechen. Damit lässt sich auf Dauer keine gesunde Balance schaffen. Alle vier haben ihren Zweck … nur muss ich erst noch herausfinden, wie sie sich kombinieren lassen. Um in meinem Leben glücklich zu sein, brauche ich jedenfalls auch Erde und Luft. Sonst wird mir immer etwas fehlen.

Deshalb habe ich meine Wahl getroffen.

Leider gibt es nur ein Problem. Ich hatte keine Chance, mit Justin zu reden und ihm alles zu erklären. Meine Entscheidung bedeutet nicht, dass ich meine Familie über ihn stelle.

Ich habe ein klares Ziel vor Augen, doch zur Abwechslung will ich selbst bestimmen, wie der Weg verläuft, statt mir die Route vorschreiben zu lassen. Ich hoffe, das kann er verstehen.

Kapitel Eins


»Willkommen im trauten digitalen Heim«, murmelte ich, als Scotts Wagen die Ausfahrt nach Corvallis nahm. Dunkelgraue Wolken sammelten sich über uns und versuchten, die blauen Flecken zu verdrängen, wo die Sonne hindurchschien. Ich schaute in den Himmel und hatte das Gefühl, dass meine Zukunft so unvorhersehbar war wie die Wolken. Ständig änderten sie ihre Form und ließen sich einfach nicht festnageln. Wann immer ich in meinem Leben glaubte, ein Muster oder eine Richtung erkennen zu können, drehte sich der Wind und ich konnte nur nach oben starren und mich fragen, was das alles bedeuten sollte.

»Du wolltest ja unbedingt hierher zurück«, erwiderte Scott scharf. »Ehrlich, war ein halbes Jahr im Umerziehungscenter nicht Tortur genug?«

Ich schaute aus dem Fenster und konzentrierte mich auf das bisschen blauen Himmel, auch wenn bereits dicke Regentropfen gegen die Windschutzscheibe prasselten. Wir mussten kurz anhalten, um eine Stadtbahn vorbeizulassen. Sie war auf den menschenleeren Straßen weit und breit das Einzige, was sich bewegte. Scott und ich waren schon seit Stunden unterwegs, fast ohne ein Wort zu sagen, und ich hatte es satt, die wachsende Anspannung zwischen uns zu ignorieren.

»Okay«, sagte ich, »was hältst du von einem Spiel namens ›brutal ehrlicher Smalltalk‹? Das wäre mir lieber, als dass du mich weiter anschweigst.« Ich grinste in seine Richtung, doch er verzog keine Miene. »Du kannst anfangen«, gab ich ihm einen zusätzlichen Schubs.

Seine Hände umklammerten krampfhaft das Steuer, als er den Wagen um eine Ecke lenkte. Wir durchquerten eine Wohngegend, in der es so ruhig war, dass selbst die Bäume im Tiefschlaf zu sein schienen. Ihre grünen Blätter waren reglos wie auf einem Foto.

»Sorry, wenn ich ein bisschen irritiert darüber bin, dass dein Vater dir wichtiger ist als wir«, sagte er. »Immerhin waren wir die letzten sechs Monate für dich da und haben dir geholfen. Und jetzt lässt du uns im Stich. Ich meine, du hast in Eden keinem Menschen gesagt, was du vorhast. Für mich sieht das aus, als ob du einfach wegläufst.«

Ich knabberte an einem Fingernagel herum, dann atmete ich tief durch und versuchte, unberührt zu klingen. »Ich wollte nicht, dass jemand versucht, mich aufzuhalten«, sagte ich schlicht. Scott drückte aufs Gas, und ich genoss mit geschlossenen Augen das Gefühl, wie die Geschwindigkeit die Reifen gegen den Asphalt presste. Um vorwärtszukommen, brauchte man eine Reibungsfläche. Das galt auch für meine Familie. Ich kehrte nach Hause zurück, um für die nötige Reibung zu sorgen.

»Mir ist schon klar, was du dir dabei denkst. Du siehst dich als Geheimagentin in feindlichem Gebiet. Sehr lobenswert. Aber du musst niemandem mehr etwas beweisen.«

»Das ist nicht der Grund«, sagte ich.

»Was denn sonst?«, wollte er wissen, während er in die Straße einbog, wo unser Haus stand. Sofort fühlte ich den Druck auf meinen Schultern und meine Knie rückten instinktiv von der Tür ab, als sei der Wagen ein schützender Panzer, in den ich mich verkriechen konnte.

Ich musterte Scott von der Seite. Seine schwarze Brille war ein Stück die Nase heruntergerutscht und das dunkle, gegelte Haar zu einer Stachelfrisur betoniert. »Ich will meine Familie nicht als feindliches Gebiet betrachten. Dazu bin ich einfach nicht bereit. Also muss ich herausfinden, was mit meinem Vater los ist, und er wird mir die Wahrheit sicher nicht via Bildschirm sagen. Wenn er Spielchen spielen will, muss ich mich eben darauf einlassen.«

»Dein Vater ist erstklassig im Manipulieren von Leuten. Er könnte dich zwingen, für seine Seite zu kämpfen.«

Ich schaute auf den tätowierten Vogel, der die Innenseite meines Handgelenks schmückte. »Nachdem mich das DCLA nicht brechen konnte, glaube ich kaum, dass wir uns um meinen Vater sorgen müssen«, stellte ich fest. Darauf fiel Scott keine Antwort ein.

Stattdessen fragte er: »Wie willst du denn mit Justin in Kontakt bleiben?«

Gute Frage. Ich trommelte mit der Fußspitze auf den Boden. »Justin wird mich schon erreichen«, sagte ich. »Er findet immer eine Lösung.«

»Nicht, wenn es so aussieht, als wolltest du uns verraten. Hast du wenigstens mit ihm über deine Pläne gesprochen?«

»Ich brauche doch keine Erlaubnis von ihm! Außerdem würde er mich auf jeden Fall unterstützen. Das machen Freunde nämlich so«, deutete ich an.

»Außer sie halten deine Entscheidung für einen idiotischen Fehler.«

Ab und zu hatte ich einen kleinen Rückfall in meine techniksüchtigen Zeiten und wünschte mir Programmfunktionen aus meinem digitalen Leben zurück. Zum Beispiel, dass ich Leute auf stumm schalten, wegklicken oder gleich ganz löschen konnte. Ich musste mich damals eigentlich nie über etwas ärgern, besonders nicht über Menschen. Geduld war eine unnötige Tugend. Wann immer jemand eine Bemerkung machte, die mir nicht gefiel, konnte ich die Person einfach ausradieren. So unwichtig waren mir Menschen damals. Freunde waren nicht mehr als eine witzige App oder ein cooles Profilbild zum Austausch von Updates.

In der echten Welt funktioniert das nicht. Hier muss man geduldiger und nachsichtiger sein, um Menschen trotz ihrer Schwächen mögen zu können. Wenn man sich nur fehlerlose Freunde aussuchen will, kann man lange warten. Andererseits wird man dadurch verständnisvoller und weniger egoistisch. Schließlich ist es ziemlich langweilig, sich nur mit Leuten abzugeben, die genauso sind wie man selbst. Da fehlt einfach die Herausforderung. Meine Mutter hat früher immer gesagt, man solle gerade die Menschen lieben, die dafür am wenigsten geschaffen scheinen. Ich glaube, sie sprach über meinen Vater, aber trotzdem gilt es auch ganz allgemein.

Ich konnte Scotts Bemerkungen mit einem Achselzucken ignorieren, weil ich wusste, dass er das Leben immer nur schwarz-weiß sah. Entweder man war für ihn oder gegen ihn. Kompromisse verstand er nicht.

Er parkte und zeigte die Straße hinunter. »Meine Wohnung ist nur zwei Meilen von hier. Du kannst bei mir und Molly bleiben, wenn du willst. Dann kannst du dich mit deinem Vater treffen und hast trotzdem noch den nötigen Abstand.«

Ich dachte über sein Angebot nach. Jeder in meinem Leben schien das Bedürfnis zu haben, mich unter Aufsicht zu halten.

Mit einem Kopfschütteln tastete ich nach dem Türgriff. »Ich will keinen Abstand«, sagte ich. »Abstand ist genau das Problem.« Ich öffnete die Tür und nahm die Reisetasche vom Boden zwischen den Sitzen. »Bis demnächst.«

»Wohl kaum.«

Scott trat das Gaspedal durch, bevor ich die Tür ganz zugeworfen hatte. Stirnrunzelnd sah ich dem davonrasenden Auto hinterher. Wann immer ich mich entschied, einer Person zu helfen, enttäuschte ich damit automatisch eine andere. Das schien eine Art Karma zu sein. Mir blieb nichts weiter übrig, als mir selbst zu vertrauen, als ersten Schritt. Und zumindest damit würde Justin wohl kein Problem haben.

Ich betrachtete den Rasen neben dem Bürgersteig, der so perfekt aussah, dass bestimmt nie eine Fußsohle die grünen Halmspitzen gestreift hatte. Eine wogende Fläche aus Plastikgras glänzte in der Sonne, noch feucht von dem kurzen Regenschauer. Mein Blick richtete sich zögernd auf die vier Stufen, die zu der pechschwarzen Eingangstür meines Elternhauses führten. Türen sollten doch eigentlich etwas Einladendes haben. Die elegante silberne Klinke glänzte im Sonnenschein wie frisch poliert. Trotzdem stellte sich nicht das Gefühl ein, hier willkommen zu sein. Die Tür kam mir eher vor wie das schwarze Zentrum einer Zielscheibe, das ich immer wieder anvisierte, aber nie richtig traf.

Orte haben eine Energie, die man spüren kann. Sie fühlen sich leicht oder schwer an, bedrückend oder erhebend. Sie strahlen eine Stimmung aus, die einladend oder abweisend sein kann. Hier empfing mich Traurigkeit, ein Gefühl von Isolation und sogar ein Hauch von Bedauern. Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass ich nur lange genug stehen bleiben und lauschen müsste, um ein geisterhaftes Wimmern aus den Fenstern zu hören.

Ich ließ die Stille dieser Wohngegend auf mich wirken und versuchte, mich wieder in mein altes Leben einzufügen wie ein Stöpsel in einen Abfluss. Der Wind säuselte durch die Plastikblätter und ließ sie mit alt bekanntem Klappern gegeneinanderrascheln. Züge rauschten in der Ferne vorbei, so regelmäßig wie die Atemzüge einer eisernen Lunge. Irgendwo am Himmel dröhnte ein Flugzeug. Es gab kein einziges natürliches Geräusch, alles war künstlich. Ich wartete auf einen dramatischen Paukenschlag – ein plötzliches Sirenengeheul, ein Unfallkrachen oder einen Schrei. Vielleicht wartete ich darauf, dass jemand mich aufhielt. Ich hätte gerne einen Grund gehabt, umzudrehen und wieder zu gehen. Aber ich entschied mich nun einmal nie für den einfachen Weg. Das schien mein Lebensmotto zu sein.

Ich hatte siebzehn Jahre lang in diesem Haus gelebt, warum also fühlte ich mich hier total fremd? Es war ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, feststellen zu müssen, dass ich an den Ort meiner Geburt nicht wirklich gehörte.

Mir war klar, dass meine Zweifel nur wachsen würden, je länger ich hier stand. Ich wusste aus Erfahrung, dass man eine Entscheidung durchziehen musste, wenn man sie einmal getroffen hatte. Sonst hörte man auf, sich selbst zu vertrauen, und ließ andere Leute die Entscheidungen treffen. Diese Lektion hatte ich gelernt.

Ich warf die Reisetasche über meine Schulter und ging langsam auf die Eingangstreppe zu. Meine grauen Turnschuhe schlurften über die glatten Steinplatten. Dabei suchte ich in meinem Herzen etwas, das mich mit diesem Ort verband. Mein Elternhaus sollte doch wenigstens ein paar Erinnerungen enthalten, die mich hineinzogen und nicht mehr losließen. Ich wartete darauf, dass mich ein Heimatgefühl durchwogte wie ein stetiger Pulsschlag. Aber ich spürte überhaupt nichts, höchstens eine Welle von Ernüchterung. Auf der Veranda begrüßten mich zwei Schaukelstühle aus Rattan und ein schmiedeeiserner Ziertisch. Darauf stand ein Blumenkübel mit gelben Plastikgeranien, leblos, starr und von eingefrorener Perfektion. Zweifel krochen in mir empor und ließen kalte Finger mein Rückgrat auf- und abwandern. Ich schaute die Straße hinunter und stellte mir Scotts Wagen vor. Noch konnte ich meine Meinung ändern.

Die Stille wurde von vertrautem Hundegebell durchbrochen. Also gab es wenigstens einen, der mich zu Hause willkommen heißen würde. Ich hörte Schritte von drinnen und dann öffnete meine Mutter die Tür und starrte mich schockiert durch das Fliegengitter an. Ihr Mund stand offen und war zu einem lautlosen ›Oh‹ geformt. Sie trug elegante schwarze Leggings und einen grauen Pullover in Tunika-Länge. Ihre braunen Haare waren mit Strähnchen in Karamell durchsetzt. Es hatte mich schon immer beeindruckt, dass meine Mutter zwar kaum das Haus verließ, sich aber trotzdem täglich die Mühe machte, sich zu stylen, das Haar zu frisieren und sogar kleine Extras wie Ohrringe und Armbänder hinzuzufügen. Ich war froh zu sehen, dass sie damit nicht aufgehört hatte. Vielleicht gab es immer noch eine Chance, sie in meine Welt hineinzuziehen.

»Maddie«, sagte sie mit solcher Erleichterung, dass es fast wie ein Lachen klang.

Baley, unsere schokoladenbraune Labradorhündin, kratzte am Fliegengitter der Tür. Meine Mutter öffnete es schnell, bevor das Tier einfach hindurchstürmen und ein Loch hineinreißen konnte. Baley sauste um sie herum und warf mich fast zu Boden, als ihre Riesenpfoten gegen meinen Bauch prallten. Ich kniete mich hin und schlang die Arme um sie, weil ich einfach jemanden knuddeln musste. Als ich wieder aufstand, überraschte mich meine Mutter, indem sie mich ebenfalls umarmte. Sie umklammerte mich geradezu ungestüm, als sei sie ganz ausgehungert nach Körperkontakt. Ich lehnte mich gegen sie und ließ mich von ihrem Lachen anstecken, das sich jedoch bald in ein ersticktes Schluchzen verwandelte. Ihr Rücken bebte, und ich hielt sie fest, während sie sich an meiner Schulter ausweinte. In diesem Augenblick fühlte ich mich furchtbar, weil ich so lange fortgeblieben war. Es tat schrecklich weh, dass ich sie fast ein ganzes Jahr lang nicht gesehen hatte. Ich konnte die Zeit nicht mehr zurückdrehen, aber all meine Zweifel verflogen. Jetzt wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass es richtig gewesen war, nach Hause zu kommen. Und auf diese Sicherheit konnten wir uns beide stützen, wenn es schwierig wurde.

»Ich bin echt erleichtert, dass du dich freust, mich zu sehen«, sagte ich. Sie schob mich ein kleines Stück von sich weg, und trotz der Tränenspuren strahlten ihre Augen mich an.

»Was tust du denn hier?«, fragte sie.

»Ich habe mich entschieden, Dads Angebot anzunehmen.«

Sie öffnete die Tür vollständig und wir gingen zusammen hinein. Baley blieb so dicht an meiner Seite, dass ich fast über sie stolperte.

»Du bist wirklich bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten?« Meine Mutter musterte mich. »Oder willst du ihn ausspionieren?« Sie kannte mich viel zu gut. Weiter hinten im Flur wurde lautstark eine Tür geöffnet.

»Die Antwort darauf würde ich auch gerne hören.« Die Stimme meines Vaters strömte mir entgegen wie eine Kaltfront, die in ein Warmluftgebiet eindringt. Seine teuren Schuhe dröhnten auf dem Laminatboden und dann stand er auch schon in der Eingangshalle. Er betrachtete mich eher skeptisch als erfreut oder erleichtert, aber immerhin lächelte er.

»Du hast mich gar nicht informiert, dass du nach Hause kommen willst«, sagte er.

Nette Begrüßung, dachte ich. »Sorry«, antwortete ich laut. »Ich dachte nicht, dass deine Einladung ein Verfallsdatum hat. Hätte ich erst einen schriftlichen Antrag stellen sollen?« Innerlich gab ich mir selber einen Tritt. Es war verführerisch einfach, mit meinem Vater in Wortgefechte zu geraten, aber Wut würde uns nicht weiterbringen. Wir brauchten einen Neuanfang und dazu musste ich einen klaren Kopf bewahren.

Er dirigierte uns in die Küche, wo meine Mutter ein paar Kaffeebecher aus dem kleinen Wandschrank holte. Dad setzte sich neben mich an den Tisch. So nah war ich ihm seit einem Jahr nicht mehr gewesen und unwillkürlich richteten sich sämtliche Härchen auf meinen Armen auf wie kleine Abwehrstacheln. Ich studierte sein Gesicht – mein Vater schien nie zu altern. Hohe Wangenknochen saßen wie gemeißelt über einem kräftigen Mund. Weil ich so beschäftigt damit war, ihn zu mustern, fiel mir zuerst gar nicht auf, dass er mich genauso sorgfältig betrachtete. Sein Blick war immer ein bisschen zu durchdringend gewesen, als würde er mit einem Vergrößerungsglas nach jeder winzigen Schwäche oder Unvollkommenheit an mir suchen, die er ausbessern konnte.

»Du hast ein bisschen zugenommen«, stellte er fest. Normalerweise will man so etwas nicht gerade hören, besonders als Mädchen, aber in meinem Fall war es ein Kompliment. Endlich sah ich mir selbst wieder ähnlich. Ich war gesund.

»Elaine hat mich gut versorgt«, sagte ich. »Wusstest du, dass man in Bayview die Mahlzeiten selbst kocht und sich dazu drei Mal täglich gemeinsam an einen Tisch setzt?«

»Was du nicht sagst.«

»Habt ihr in letzter Zeit mal etwas Selbstgekochtes gegessen?«, fragte ich. »Man kann tatsächlich schmecken, woraus es besteht. Hier in Corvallis gibt es auch ein paar Lebensmittelläden, aber davon wissen die meisten Einwohner nichts, weil Kleinhändler gegen die Online-Werbung nicht konkurrieren können.«

»Maddie –«

Meine Mutter warf mir einen warnenden Blick zu, aus dem ich ablesen konnte, dass ich bereits die Grenzen des töchterlichen Gehorsams überschritten hatte. Ich presste die Lippen aufeinander, aber Dad sah aus, als hätte mein kleiner Vortrag ihn amüsiert.

»Danke für den Tipp«, sagte er ironisch und nippte an seinem Kaffee. Ich drückte meine Handflächen fest gegen die Tischplatte.

»Dad, du hast gesagt, dass wir reden würden, wenn ich nach Hause komme. Nennst du das etwa reden?«

Er schaute mich an. »Du möchtest mit mir über Kochen und Shoppen diskutieren?«

»Du hast versprochen, dich auf eine Zusammenarbeit einzulassen.« Ich betrachtete forschend sein Gesicht, um zu sehen, ob er einen Rückzieher plante. »Wenn dieses Angebot nicht mehr gilt, musst du es mir jetzt gleich sagen. Sonst ist alles nur Zeitverschwendung. Bist du wirklich bereit, mit uns zu kooperieren?«

Meine Mutter stand an den Küchentresen gelehnt und musterte Dad auf eine Art, die mich überraschte. Sie schien ähnliche Zweifel zu haben wie ich.

Er stieß einen langen Seufzer aus und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Ich ließ mich zurück gegen die Stuhllehne sinken. Okay, vielleicht sollte ich meinem Vater fünf Minuten geben, um meine Rückkehr zu verdauen, bevor ich ihn mit einem Ultimatum konfrontierte.

»Ich bin nach Hause gekommen, weil ihr meine Familie seid«, ließ ich die beiden wissen. »Ich will keine Mauer zwischen uns hochziehen. Genauso wenig will ich mich entscheiden müssen, ob ich in der einen oder anderen Welt leben will. Das kommt für mich nicht infrage und ist auch keine Antwort auf unsere Probleme.« An meinen Vater gewandt fügte ich hinzu: »Du hast dein ganzes Leben lang Mauern gebaut.«

»Und dein besonderes Talent scheint darin zu bestehen, sie zu überklettern«, sagte er mit einem kaum sichtbaren Lächeln.

Ich zuckte mit den Schultern.

»Hast du den Kontakt zu deinen Freunden abgebrochen?«, fragte er und ich nickte. »Sie werden also nicht versuchen, sich mit dir in Verbindung zu setzen?«

»Ich glaube, im Moment sind sie ziemlich sauer auf mich.«

»Und die Sache mit Justin – die hast du auch beendet?«

Ich schluckte und nickte. Na ja, nicht gerade ›beendet‹, dachte ich. Wenn Justin sich entschied herzukommen, konnte ich schließlich wenig dagegen tun.

Clare wohnte immer noch in der Nähe, genau wie Scott und Molly. Gabe war gerade dabei, in die Gegend zu ziehen. Mein Vater konnte mich zwar online überwachen, aber nicht offline, und so klammerte ich mich an die Hoffnung, dass meine Freunde sich irgendwann blicken lassen würden. Das Ganze war ein kalkuliertes Risiko.

»Ich bin durchaus zur Zusammenarbeit bereit, Maddie, aber zuerst muss ich sehen, ob du es auch ernst meinst. Deshalb bekommst du eine Woche Probezeit.«

Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch mein Vater schüttelte bereits den Kopf.

»Wenn du die Probe bestehst, können wir reden.«

Ich verengte die Augen zu Schlitzen und schenkte ihm ein künstliches Lächeln. »Ich wüsste doch gar nicht, was ich mit mir anfangen sollte, wenn ich keine Bewährungsauflagen hätte«, sagte ich. Dieses Mal war mein Vater nicht amüsiert. Meine Worte enthielten zu viel Wahrheit, um als Scherz durchzugehen.

»Ich meine es ernst, Maddie. Du wirst dich keinen Schritt aus dem Haus bewegen, außer wenn ich oder deine Mutter als Begleitung dabei sind. Keine Versuche, dich heimlich wegzuschleichen.«

Ganz instinktiv huschte mein Blick zum Küchenfenster, und ich ging in Gedanken die übrigen Fenster durch, aus denen ich vielleicht klettern konnte. Vor meinem Schlafzimmer stand ein Baum. Ich stellte mir die Äste vor und versuchte, mich zu erinnern, ob sie eine Art Leiter bildeten. Dann wurde mir klar, dass ich noch nie geklettert war. Wie schmerzhaft würde es wohl sein, aus dem zweiten Stock zu fallen? War Plastikrasen gut gepolstert?

Mein Vater schien meine Gedanken zu lesen. »Unsere Fenster sind alle an das Sicherheitssystem angeschlossen, also versuch nicht, dich mitten in der Nacht abzuseilen.«

Ich begann an den Fingernägeln zu knabbern. Die Sensoren abzustellen dürfte nicht allzu schwer sein.

Er lächelte breiter. »Und glaub nicht, dass du dich in das System hacken kannst. Ich habe es gerade neu installieren lassen und bei jeder Störung wird direkt die Polizei alarmiert. Also würde ich an deiner Stelle nicht damit herumspielen.«

»Interessant. Normalerweise sollen Alarmanlagen ja Leute draußenhalten und nicht die Hausbewohner einsperren.«

Der Wandbildschirm meldete summend einen Anruf und mein Vater warf einen Blick auf die Nummer. »Das Gespräch führe ich lieber in meinem Büro«, sagte er.

Ich schaute ihm nach, als er aufstand und den Raum verließ. Die Entfernung zwischen uns fühlte sich größer an als jemals zuvor.

»Es gibt aber auch eine gute Nachricht«, unterbrach Mom meine Grübelei. Bei ihrem strahlenden Lächeln hob ich die Augenbrauen und schöpfte wieder etwas Hoffnung. Vielleicht würden sie mir erlauben, einmal pro Woche das Haus zu verlassen?

»Du bist gerade rechtzeitig zurückgekommen, um dir ein schickes Kleid auszusuchen.«

Meine Vorfreude fiel in sich zusammen. »Ein Kleid?«

»Am Freitag ist der Wohltätigkeitsempfang für das Amerikanische Schulwesen.«

Ich riss entsetzt die Augen auf. Das Event meiner Albträume. Die Thompsons. Damon Thompson, der mich mit Begeisterung dem Center zum Fraß vorgeworfen hatte, und sein Sohn Paul, der nicht nur ein arroganter Macho war, sondern mich am liebsten für immer hinter Schloss und Riegel sehen würde. Ich schüttelte energisch den Kopf.

»Keine Chance«, sagte ich.

»Madeline –« Sie benutzte ihren mütterlichen Tonfall, doch ich ließ sie nicht ausreden.

»Mom, erwartest du ernsthaft von mir, dass ich bei einem Empfang sitze und mir Lobeshymnen auf das DS-System anhöre … nach allem, was ich gerade durchgemacht habe?«

Sie schaute zu Boden und hatte ein sichtlich schlechtes Gewissen. »Dein Vater würde sich bestimmt freuen, wenn du uns begleitest. Ob du es glaubst oder nicht, er ist stolz auf dich.«

Ich brachte ein schiefes Lächeln zustande. »Bist du sicher?«, wollte ich wissen. »Schließlich bin ich nicht gerade das perfekte Aushängeschild für sein Programm.«

»Nun, auf jeden Fall hätte ich dich gerne dabei. Mir würde es eine Menge bedeuten.«

Ich dachte darüber nach. Dann kam mir der Gedanke, wer sich vielleicht noch bei dem Empfang blicken lassen würde. Die Hoffnung, Justin dort zu sehen, reichte als Motivation vollkommen.

»Na gut, aber dann darf ich entscheiden, was ich anziehe«, warnte ich sie.

Ich saß in meinem Zimmer und packte meine Reisetasche aus, aber nichts darin passte zu meinem neuen Leben. Turnschuhe für Laufrunden, Flipflops für den Strand, eine Sonnenbrille, eine Regenjacke und ärmellose Tops, in denen ich die Sonne auf meiner Haut spüren konnte. Ein Tagebuch aus Papier, Bleistifte und Füller. Nichts davon würde ich in der digitalen Welt brauchen. Ich schaute auf meine leere Tischplatte und sah Elaines Schreibtisch in Eden vor mir, auf dem sich becherweise Stifte und körbeweise Briefe, Papiere, bunte Marker, Lesestoff und Spiralhefter drängten. Als ich das in Leder gebundene Tagebuch auf den Tisch legte, wirkte es dort fehl am Platz. Der verblichene rote Einband bildete einen seltsamen Kontrast zu der harten Glasplatte, die auch als digitale Tastatur dienen konnte.

Ich fühlte mich jetzt schon einsam. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sich das Gefühl erst nach mehreren Wochen einstellen würde, aber es hatte bloß Minuten gedauert. Der Drang, von hier zu fliehen, zerrte an meinen Armen, Beinen und meinem Herzen.

Mein zukünftiges Leben bestand aus diesem einen Raum. Ich war schlagartig von allem anderen abgeschnitten. Der Kontrast war so extrem, als würde man erst über ein weites, offenes Feld laufen und dann plötzlich auf einem handbreiten Schwebebalken das Gleichgewicht halten müssen. Balance-Kunststücke waren noch nie meine Stärke gewesen. Aber wenigstens schüchterte mich der Schwebebalken nicht mehr ein. Selbst hier setzte ich meine Schritte so sicher wie vorher, als würde ich Stiefel mit Metallkappen tragen. So fühlt sich also Selbstbewusstsein an, dachte ich. Man hört auf, sich um jeden Schritt Sorgen zu machen.

21. Mai 2061

Diese Woche kreisen meine Gedanken nur um mich. Ich bade in Selbstmitleid. Ziehe mich runter.

Ich sollte damit aufhören. Immer nur an sich selbst zu denken, führt doch zu nichts. Na ja, höchstens in eine Sackgasse, wo man alleine feststeckt und nicht wieder herauskommt. Wenn ich mich als das Zentrum des Universums betrachte, wirken meine Probleme natürlich zu groß, um mit ihnen fertig zu werden.

Anstatt auf meiner einsamen Insel herumzusitzen, sollte ich mich wieder darauf konzentrieren, was außerhalb passiert. Ich muss mein Interesse auf andere ausdehnen, und schon schrumpft meine eigene Wichtigkeit, bis ich nur noch eine kleine Nebensache bin. Dann kann mich die Enge hier nicht länger ersticken.

Vor ein paar Jahren hat Mom mir einmal ein Buch geschenkt, das den Titel ›Alles über mich‹ trug. Auf zweihundert Seiten konnte man Fragen über sich selbst beantworten. Aber im Nachhinein frage ich mich, was das nützen soll. Wieso muss sich alles um das eigene Ego drehen? Da sollte man doch lieber jeden beliebigen anderen Menschen interviewen. Wieso kreisen wir so fanatisch um unser eigenes Ich? Wenn man sich immer nur im Kreis dreht, kommt man doch nirgendwo hin.

Die glücklichsten Menschen auf der Welt sind bestimmt nicht die mit dem größten Erfolg, den meisten Fans oder dem besten Talent. Um glücklich zu sein, muss man sich einfach für die Menschen interessieren, die einen umgeben.

Gerade vermisse ich ihn wieder schrecklich.

Mir ist klar, dass ich auch ohne Justin vollständig bin. Ich habe meinen Ort im Leben gefunden. Ich brauche Justin nicht, um meine innere Leere auszufüllen oder mir Selbstvertrauen zu geben. Denn auch das habe ich in mir selbst gefunden. Inzwischen brauche ich ihn so, wie das Meer ein Ufer braucht, zu dem es immer wieder zurückkehren kann. Auch Zugvögel müssen irgendwann landen, aufwirbelnder Staub kommt zur Ruhe, alles in der Natur braucht einen Ort, um sich niederzulassen. Leben zieht sich gegenseitig an, ganz instinktiv. Genau so brauche ich Justin. Ohne ihn wäre ich immer noch wie ein Meer bei Ebbe, ein heimatloser Vogel am Himmel, ein Leben ohne Ziel.

Kapitel Zwei


Der Himmel war bedeckt und der Ostwind trug feuchtwarme Luft heran. Zum ersten Mal seit meiner Rückkehr ging ich mit Baley in den Garten. Zu meiner Überraschung sah ich, dass an dem gewundenen, mit Kieselsteinen bedeckten Pfad, der sich um unser Grundstück zog, Rosenbüsche gepflanzt waren. Blüten in allen Farben umrahmten den Weg zu beiden Seiten wie ein Regenbogengeländer. Ich atmete tief durch die Nase ein und genoss den süßen Duft, der sich mit dem etwas seifigen Pflanzenaroma der Blütenblätter vermischte. Meine Mutter beobachtete mich von der Terrasse aus, wo ein grüner Sonnenschirm einen Gartentisch überspannte, an dem wir noch kein einziges Mal gesessen hatten.

»Du hast Blumen gepflanzt?«, fragte ich, als müsste ich mich überzeugen, dass dies alles keine Illusion war.

»Die Idee kam von deinem Vater«, sagte sie.

Ich stolperte fast über meine eigenen Füße und warf ihr einen ungläubigen Blick zu. »Dad wollte, dass ihr Rosen in den Garten pflanzt?«

»Um genau zu sein, habe ich erwähnt, wie sehr ich das Gärtnern vermisse.« Sie kam die Terrassenstufen herunter und stellte sich zu mir auf den Pfad. »Als Joe und du noch klein wart, habe ich stundenlang hier draußen in den Beeten verbracht, während ihr gespielt habt. So haben unsere Nachmittage fast immer ausgesehen, jedenfalls bis 28M. Dein Vater hat mir die Rosen als Geburtstagsüberraschung geschenkt«, sagte sie und lächelte, doch ihr Gesichtsausdruck wirkte gezwungen. Ich ging zu dem Strauch, der direkt bei den Stufen stand, und lehnte mich über die lachsfarbenen Blüten. Sie wirkten unnatürlich perfekt.

»Fass den Busch nicht an«, hörte ich die Stimme meines Vaters. »Alle anderen sind in Ordnung, aber dieser ist noch nicht richtig festgetackert.«

Meine Hand erstarrte ein paar Zentimeter vor den Blütenblättern. Meine Finger krümmten sich zu Fäusten. Mein Lächeln erstarb.

Ich schaute hoch und sah meinen Vater in der offenen Terrassentür stehen. »Festgetackert?«, wiederholte ich.

»Selbstverständlich sind die Blumen künstlich, Maddie«, sagte meine Mutter, als wäre alles andere gar nicht denkbar. »Die Natur ist niemals so perfekt.«

Ich schaute wieder auf die Blumen. Unsere ganze synthetische Welt hing mir so zum Hals heraus. Am liebsten hätte ich auf der Stelle allem und jedem eine Naturkur verpasst.

»Gefallen sie dir?«, fragte ich Mom und hoffte von ganzem Herzen, dass sie Nein sagte.

Sie zuckte mit den Schultern und warf einen Blick auf Dad. »Zuerst war ich ein bisschen enttäuscht«, gab sie zu, »aber man gewöhnt sich so schnell daran. Kunstblumen muss man nicht ständig stutzen, düngen und verwelkte Blüten abzupfen. Sie brauchen nur einmal im Monat parfümiert zu werden und dann duften sie das ganze Jahr gleich.« Sie legte ihre Hand um eine Plastikblüte. »Inzwischen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie viel Arbeit echte Rosen im Vergleich gemacht hätten. Sie zu pflanzen, ist kein großer Aufwand, aber sie jeden Tag pflegen zu müssen, wird doch schnell lästig.«

Ich schaute Mom an und fragte mich, ob das ihre ehrliche Meinung war oder eher Dads … oder vielleicht nur der Text der Gebrauchsanweisung, die zu den Kunstpflanzen mitgeliefert wurde. Aber so sah unsere Kultur eben aus. Wir wollten pflanzen, ohne zu pflegen, wir wollten Schönheit ohne Aufwand. Was früher Freude gemacht hatte, betrachteten wir nun als lästige Pflicht. Ich fragte mich, wann die Menschen entschieden hatten, dass alles, was man mit eigenen Händen erschuf, eine lästige Zeitverschwendung war.

Justin hatte recht. Meine Zeit im Center hatte mir einen neuen Blickwinkel beschert. Ich sah die Welt mit anderen Augen und mir sprang förmlich ins Gesicht, wie maschinell und künstlich alles geworden war. Zwar hatte ich schon immer gespürt, dass etwas nicht stimmte – mein ganzes Leben lang –, doch man kann ein Problem nicht wirklich wahrnehmen, wenn man nichts anderes kennt. Wer im ewigen Winter lebt, hat keine Ahnung, wie befreiend es ist, sich aus den Schutzschichten zu schälen und im lebendigen Licht zu baden. Jetzt sah ich alles klar und deutlich.

Man hatte mir immer den Stempel ›rebellisch‹ aufgedrückt. Stattdessen war ich vermutlich nur menschlicher als die Durchschnittsbürger.

Ich erinnerte mich an das wunderbare Gefühl, mit Elaine zusammen Blumen zu pflanzen und mir dabei die Hände dreckig zu machen. Die Erinnerung war Balsam für die Seele. Meine düsteren Gedanken verflüchtigten sich und Sonnenlicht fiel durch die Öffnungen. Sofort fühlte ich mich wacher, bewusster und wieder im Hier und Jetzt. Wenn man etwas zum Wachsen bringen will, muss man bereit sein, ihm Zeit und Liebe zu widmen. Vielleicht fühlte sich mein Elternhaus deshalb so melancholisch an.

»Sieh dich bitte vor, wenn du draußen herumläufst«, sagte mein Vater. Er meinte seinen perfekten Garten, aber mir war klar, dass seine Warnung für das Leben allgemein galt. Ich hatte nun einmal die Tendenz, alles an den Wurzeln auszureißen, was mir als Hindernis erschien.

»Es wird wohl Zeit, mich für den Empfang fertig zu machen«, sagte ich und marschierte auf die Tür zu. Im Vorbeigehen berührte ich mit den Fingern die Rosendornen. Sie waren aus weichem Kunststoff und streiften nur kraftlos meine Haut.

Mit einem breiten Grinsen öffnete ich die Zimmertür und balancierte vorsichtig über den dicken Flurteppich, denn auf meinen klobigen schwarzen Plateausohlen war ich zehn Zentimeter größer als normal. Mein langes Kleid mit Leopardenmuster streifte fast den Boden. Es war hauteng und betonte die Kurven, die ich mir langsam wieder anfutterte. Außerdem hatte es einen mit schwarzer Spitze und Pailletten besetzten Ausschnitt und dünne Spaghettiträger. Ein breites schwarzes Lederarmband umschloss mein Handgelenk.

Normalerweise trug ich mein Haar zu dem Empfang immer hochgesteckt, entweder als braven Knoten oder Flechtfrisur. Heute hatte ich es offen gelassen, sodass es mir lang über den Rücken fiel. Diesen Teil meiner Aufmachung bemerkten meine Eltern zuerst, die unten an der Treppe auf mich warteten.

»Madeline Rose Freeman!«, rief meine Mutter. »Was hast du mit deinen Haaren angestellt?«

Ich strich mit der Hand durch die pinkfarbene Mähne und lächelte nur.

»Das ist hoffentlich eine Perücke!«, ächzte Mom.

Ich tat so, als sei ich tief getroffen. »Du hast immer gesagt, Rosa sei genau meine Farbe.«

Sie hob die Hände zum Himmel, als würde sie um eine neue Tochter beten. »Pink? Du hast dein Haar pink gefärbt? Ich habe dir doch verboten, diesen Modeschwachsinn mitzumachen.«

»Bis ich achtzehn bin«, korrigierte ich sie.

Mein Vater wirkte keineswegs verärgert, was mich überraschte. Stattdessen kämpfte er gegen ein Grinsen an. Wie üblich hatten meine Eltern sich beide für den Anlass in Schale geworfen: Dad trug einen schwarzen Frack und Mom ein langärmeliges, cremeweißes Kleid mit enger Taille, das sich im Godet-Stil kurz über dem Boden weitete.

»Hättest du damit nicht bis nach dem Empfang warten können?«, fragte Mom.

Ich wies darauf hin, dass meine Haare nicht wirklich pink waren, sondern nur gesträhnt. Das Schnellfärbemittel hatte ich mir online besorgt und es war gerade rechtzeitig geliefert worden. Töchterliche Rebellion in der Fertigpackung mit 24-Stunden-Liefergarantie von glamourfrisur.net. Es lebe die Technologie.

»Und was um alles in der Welt hast du da an?«, fragte sie.

Ich schaute lächelnd auf mein Kleid herunter und gab dem Design intern den Namen ›Fick dich ins Knie, Digital School‹.

»Leopardenmuster«, sagte ich unschuldig.

»Du gehst jetzt schnurstracks zurück auf dein Zimmer und ziehst dich um«, befahl meine Mutter und deutete mit dem Zeigefinger nach oben. Ich blieb, wo ich war.

»Sorry, leider habe ich nichts anderes«, sagte ich. »Meine alten Kleider sind immer noch viel zu weit.«

»Was soll’s, wir sind jetzt schon spät dran«, sagte mein Vater. »Zieh das hier über.« Er reichte mir einen dünnen schwarzen Mantel, den ich gehorsam entgegennahm. Er verdeckte den größten Teil meines Outfits, aber dafür ließ er meine neue Haarfarbe grell auflodern wie ein Feuer in der Nacht. Genau dieser Effekt war meine Absicht gewesen. Ich hatte achtzehn Jahre gebraucht, um zu merken, dass ich nicht unsichtbar sein musste.

Während ich meinen Eltern nach draußen folgte, krittelte Mom an meinen Pumps herum.

»Madeline, diese Schuhe sind ebenfalls völlig unpassend. Du gehst zu laut.«

Auf dem dunklen Asphalt hatte sich Wasser gesammelt und bildete im Licht der Straßenlaternen silberne Pfützen. Zwei Männer in schwarzen Anzügen warteten an den offenen Türen der Limousine, um uns zum Empfang zu eskortieren. Meine Plateausohlen trommelten hart auf den Gehweg und machten mich so groß, dass ich mich regelrecht zusammenfalten musste, um in die Limousine zu steigen.

Dann fuhren wir in Richtung City zum jährlichen Wohltätigkeitsempfang für das Amerikanische Schulwesen. Als wir an dem historischen Stratford-Gebäude ankamen, empfing uns ein Portier, aber überraschenderweise kaum Paparazzi. Normalerweise standen die Reporter mindestens in Fünferreihen zu beiden Seiten des roten Teppichs und bildeten eine Mauer aus Körpern. Heute trieben sich nur ein paar verstreute Journalisten auf dem Platz herum, der für den Anlass mit Goldkordeln abgesperrt war. Unsere beiden Begleiter öffneten die Limousinentüren und mein Vater stieg als Erster aus. Sofort richteten sich die Kameras auf ihn. Ich duckte mich durch die Öffnung und hielt den Blick auf die weißen Marmorstufen vor mir gerichtet.

Dieses Jahr blieb ich nicht gehorsam bei meinen Eltern stehen, um mich ablichten zu lassen. Ich marschierte einfach weiter, knöpfte den Mantel auf und ließ ihn von den Schultern gleiten. Sofort drehten sich die Kameralinsen in meine Richtung. Die Leute vergaßen meinen Vater und ein Blitzlichtgewitter folgte mir den roten Teppich entlang. Ich lächelte für die Reporter. Ich winkte. Ich blieb sogar kurz stehen und warf einem Fotografen eine Kusshand zu und machte dabei einen sexy Schmollmund. Leute pfiffen, und die riesigen Digitalbildschirme, auf denen der Empfang übertragen wurde, zeigten mich anstelle meines Vaters. Ich war ein Fernsehstar. Ein letztes Mal drehte ich mich um und winkte, bevor ich die Treppe hinaufstieg. Zwei stattliche Männer in eleganten weißen Anzügen hielten mir die Türflügel auf und ihre Blicke glitten voller Verblüffung über meine Frisur und mein Outfit. Der Wind ließ meine pinkfarbene Mähne hinter mir herflattern, und als ich in das Gebäude stöckelte, hatte ich zum allerersten Mal ein Lächeln auf dem Gesicht.

Ich gab den Mantel an der Garderobe ab, drückte die Schultern durch und warf meine Haare zurück. In der geräumigen Empfangshalle saßen verstreut Gäste auf samtigen Sesseln und Sofas und starrten auf mobile Bildschirme. Die Szene erinnerte mich an alte Filme, in denen man Zuflucht in Raucher-Lounges suchte, um sich in Ruhe seiner Sucht hingeben zu können. Gleich darauf hatten meine Eltern mich eingeholt, und mein Vater drückte mir seine Hand in den Rücken, als müsse er mich mit Gewalt in den Ballsaal schieben. Kaum waren wir eingetreten, wurde ich auch schon abfällig gemustert: meine offenen Haare, mein grellroter Lippenstift und meine stark mit Kajal umrandeten grünen Katzenaugen. Ich hörte das einsetzende Getuschel. Gäste steckten die Köpfe zusammen, um über mich herzuziehen, und Finger zeigten auf mich. Ich tat mein Bestes, davon unberührt zu bleiben. Menschen lieben es nun einmal, Urteile zu fällen. Mit missbilligenden Blicken muss man immer rechnen, wenn man aus seinem Schneckenhaus kriecht. Kein Wunder, dass sich die meisten von uns lieber hinter einem Bildschirm versteckten.

Von der ganzen feindseligen Aufmerksamkeit, die mir entgegenschlug, wurden meine Schritte dennoch unsicher. Meinen Vater herauszufordern war eine Sache, der ganzen Welt die Stirn zu bieten eine andere.

Die Feier war dieses Jahr kleiner als sonst. Ich konnte mich noch erinnern, wie früher Tausende von Menschen den Saal gefüllt hatten. Inzwischen kamen zu dem Empfang höchstens ein paar Hundert. Mir war klar, dass die Digital School nicht weniger Unterstützer hatte, nur waren Live-Treffen inzwischen so selten geworden, dass die Gäste sich dabei unwohl fühlten. Deshalb fungierte der riesige Wandschirm dieses Jahr als ein Spiegel, warf das Bild des Saals zurück und verdoppelte die Zahl der Anwesenden. Die Tische waren größer als sonst, um mehr Raum einzunehmen, aber trotzdem füllten sie kaum den halben Saal. Der Rest war gähnende Leere. So viel von unserer Welt verwandelte sich in leeren Raum. Ich sah die Gäste steif wie Roboter auf ihren Plätzen sitzen und jeden Kontakt vermeiden. Niemand von ihnen wusste mehr, wie man seine fünf Sinne einsetzte und im Hier und Jetzt lebte. Ich suchte im Saal nach nur einem einzigen Pärchen, das sich gegenseitig berührte oder wenigstens Notiz voneinander nahm, doch ich konnte keines finden. Alle starrten ausschließlich auf die Bildschirme in ihren Androidenhänden.

Mein Blick huschte zur Ecke des Ballsaals, wo ich Justin vor einem Jahr entdeckt hatte. Ich war mir sicher, dass er auch dieses Mal ins Gebäude eindringen könnte, wenn er wollte, und er konnte sich schließlich denken, dass ich anwesend war. Vergeblich hielt ich Ausschau nach Riley, Jake, Scott und Molly oder sonst einer verwandten Seele. Irgendjemanden sollte es doch geben, der es wagte, meinen Blick zu erwidern. Aber alle schauten sofort weg, als könnte man sich durch bloßen Augenkontakt einen tödlichen Virus einfangen.

Während des Dinners mit den Thompsons hielt ich den Blick ebenfalls gesenkt und die Augen starr auf meinen Teller gerichtet. Ich benahm mich, als sei das Webmuster des weißen Tischtuchs das Faszinierendste auf der Welt. Damon redete über ein Zugunglück, nach dem die Polizei zwei Wochen lang hatte aufräumen müssen, sein Sohn Paul redete über seine Ausbildung an der Polizeischule und die Tochter Becky war – Überraschung – die ganze Zeit hindurch mit ihrem Phone beschäftigt. Es lag auf dem Tisch und blinkte jedes Mal, wenn sie eine Nachricht bekam. Also unaufhörlich. Das machte mich ganz nervös.

Paul erzählte mir dieses Jahr nicht, wie hübsch ich aussah, weil ich das schließlich nicht tat. Mit meinem Look hätte ich eher eine Kneipenprügelei starten oder ein Rudel Löwen bändigen können. Ich verbrachte die Zeit mit Zuhören, wobei mir vor allem die seltsame Stille in den Ohren dröhnte, die es in einem gefüllten Saal eigentlich nicht hätte geben sollen.

Schamlos belauschte ich die Gespräche rund um mich herum. Mrs Thompson erzählte meiner Mutter, dass Paul in der Polizeischule wohnte, solange seine Ausbildung dauerte. Becky hatte die Erlaubnis bekommen, sich einem Filmclub anzuschließen, wo man sich live zu Vorführungen traf. Ich hob verblüfft den Kopf und schaute Becky an. Bei der Bemerkung sah ich innerlich rote Ausrufezeichen … und eine potenzielle Verbündete. Ein Seitenblick zu meiner Mom sagte mir, dass sie genauso überrascht war.

»Du lässt Becky ausgehen?«, fragte sie.

»In der Stadt gibt es ein altmodisches Kino«, antwortete Mrs Thompson. »Das einzige, das noch geöffnet hat. Es besteht bloß aus einem Saal und dort werden Klassiker gezeigt. Ich bin mit den anderen Müttern online befreundet. In der Gruppe sind lauter nette Mädchen.« Mom und ich warfen uns einen Blick zu, während Mrs Thompson fortfuhr: »Nachdem Paul nicht mehr zu Hause ist, möchte ich, dass Becky weiterhin in menschlichen Kontakt kommt. Ich habe eine Studie gelesen, in der stand, dass man seine Kinder einmal pro Woche einer Live-Situation aussetzen sollte. Dadurch verbessern sie ihre sozialen Kompetenzen.«

»Laut Statistik werden Kinder und Jugendliche, die drei bis sechs Stunden wöchentlich mit anderen live interagieren, messbar selbstständiger«, mischte sich nun auch Damon ein. »Sie haben sogar ein stärkeres Immunsystem.«

Ich lächelte in mich hinein. Kaum auszudenken, was täglicher Kontakt bewirken würde.

Der Blick von Mrs Thompson huschte kurz zu mir. »Ich würde Maddie ja einladen, ebenfalls teilzunehmen, aber …«

»Ich bin nicht gerade ein gutes Vorbild für nette Mädchen«, beendete ich den Satz für sie und rückte mein Glas zur Seite, damit der Kellner den Teller mit der Vorspeise vor mir absetzen konnte. Alle am Tisch drehten sich um und schauten mich an.

»Ja, vermutlich hast du wieder einmal Hausarrest?«, fragte Mrs Thompson spitz.

Ich lächelte höflich und bat meine Mutter, mir den Wasserkrug zu reichen. »Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich bin freiwillig nach Hause gekommen.«

»Nach deinem Ausbruch aus dem Knast?«, knurrte Paul.

Ich biss mir auf die Zunge, um nicht gleich zurückzuschießen. »Ein Umerziehungscenter ist kein ›Knast‹, Paul«, korrigierte ich ihn. »Eines Tages wirst du vielleicht zusammen mit dem Rest der Öffentlichkeit erfahren, was darin wirklich vorgeht.« Ich goss seelenruhig mein Glas voll und bot an, den anderen ebenfalls einzuschenken. »Wenn ich möchte, kann ich jederzeit gehen«, stellte ich klar. »Hier zu bleiben, ist meine freie Entscheidung.«

Damit endete dieser Teil des Gesprächs. Meine Mutter warf mir über den Tisch hinweg einen verschwörerischen Blick zu. Sie war auf meiner Seite. Ich konzentrierte mich wieder auf meinen Teller und genoss die Vorspeise.

»Wie war es denn so im Center?«, fragte Paul ein paar Minuten später und hatte den Nerv, mich dabei anzugrinsen.

»Eine Riesenparty«, sagte ich und zupfte ein Stück Brot in Stücke, wobei ich mir vorstellte, dass ich stattdessen Pauls Kopf von den Schultern trennte. Ich legte mir die Stoffserviette auf den Schoß und blickte ihm nicht in die Augen, sondern fixierte stattdessen seine Stirn, als könnte ich direkt in sein winziges, programmiertes Gehirn schauen. »Ich habe ein paar wirklich unglaubliche Leute kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und dann haben wir das Center befreit, wie du vielleicht gehört hast. Also, vielen Dank für diese Gelegenheit, gutes Karma zu sammeln.« Ich lächelte ihn breit an.

»Ihr habt überhaupt nichts befreit«, behauptete er. »Das DCLA ist nur vorübergehend geschlossen und der Großteil der Bevölkerung unterstützt die Center. Die Geflüchteten werden alle zurückgebracht. Ihr haltet euch für eine Gruppe von Heiligen, die die Welt verändern, aber in Wirklichkeit seid ihr nur ein bisschen lästig. Eure Aktion hat euch eine Zwei-Sekunden-Meldung in den Nachrichten eingebracht, und ihr bildet euch ein, das macht einen Unterschied. In Wirklichkeit ändert ihr überhaupt nichts. Ihr verbreitet nur Chaos und wir müssen dann hinter euch aufräumen.«

Ich starrte Paul wütend an und sein Blick heftete sich auf mein Outfit.

»Du siehst aus wie eine Nutte. Woher hast du den Fummel?«

Ich knirschte mit den Zähnen. »Deine Mutter hat ihn mir geliehen.«

Dann schaute ich demonstrativ weg, hörte aber, wie Paul sich ruckartig auf seinem Stuhl bewegte. Ich zuckte innerlich zusammen und fürchtete schon, er würde seine Waffe ziehen.

Er lehnte sich so dicht zu mir, dass ich seinen warmen Atem in meinem Nacken fühlte. »Bilde dir bloß nicht ein, dass ich aufhören werde, Solvi zu jagen.«

Ich nahm einen Schluck Wasser aus dem langstieligen Kristallglas und warf ihm einen Blick zu. »Da wäre ich auch echt enttäuscht.«

»Falls dein Justin mir jemals über den Weg läuft, habe ich ein Paar Handschellen, die nur auf ihn warten. Ich gebe nicht auf, Maddie. Und nachdem ich Justin hinter Gitter gebracht habe, bist du dran.«

Ich schaute wieder weg. Bestimmt würde Justin sich geehrt fühlen, das zu hören. Statt den Streit weiter anzuheizen, ließ ich das Thema einfach fallen. Weshalb sollte ich Paul die Befriedigung verschaffen, mich über ihn zu ärgern? Ich hatte genug hinter mir, um zu wissen, wie man bei einem mentalen Kräftemessen siegte. Wenn es einem meisterhaften Manipulator wie dem Center-Psychologen Richard Vaughn nicht gelungen war, gegen mich anzukommen, hatte Paul eh keine Chance. Also strengte ich mich ein bisschen an und hörte auf zu denken. Manchmal war das Beste, einfach alle Gedanken loszulassen, sich nur auf die Wahrnehmung zu konzentrieren und ganz in den Moment einzutauchen. In unserer Welt war Achtsamkeit fast eine Art Geheimwaffe. Schließlich wusste kein normaler Mensch mehr, wie man seine Sinne benutzte.

Becky stand auf, um zur Toilette zu gehen, und ich verfolgte, wie sie über den edlen Fußboden davonschritt. Ich nahm die bedrückende Stille in mich auf, die von lauter, klassischer Musik übertönt wurde. Ich beobachtete das Publikum, das angestrengt versuchte, sich menschlich zu verhalten.

Bevor das Dessert serviert wurde, erklomm ein Moderator die Bühne und wandte sich an die Gäste. Er war alt und hielt das Mikrofon mit zittriger Hand, doch seine Stimme war laut und klar genug, um sofort die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Sehr geehrte Gäste, heute habe ich zwei wichtige Ansagen zu machen. Erstens möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie heute Abend das letzte Live-Event dieser Art erleben. Um die Teilnahme für alle zu erleichtern, wird der jährliche Empfang in Zukunft online stattfinden.«

Er machte eine Pause, damit die Menge applaudieren konnte. Ich beteiligte mich, klatschte laut in die Hände und dachte dabei: Zu schade, dass es nächstes Jahr keine Digital School mehr geben wird, die ihr feiern könnt.

»Deshalb«, fuhr er fort, »haben wir heute ein ganz besonderes Programm für Sie vorbereitet. Bevor Kevin Freeman das Wort ergreift, unser Ehrengast und Gründer der Digital School, präsentieren wir Ihnen ein Video mit den größten Erfolgen der DS-Geschichte. Einen Applaus für: Die Superhits der Digital School.«

Na toll, dachte ich, als könnte der Abend nicht noch schlimmer werden.

Der Moderator trat zur Seite und die Lichter wurden gedimmt. Im Saal war es totenstill, als ein Wandschirm zum Leben erwachte, der die ganze Vorderseite des Saals einnahm. Ein paar Sekunden verstrichen, ohne dass der Film begann, und jemand im Publikum hüstelte. Der Bildschirm summte, gab ein statisches Knistern von sich und ging wieder aus. Am Rand der Bühne stand der Moderator und schaute sich nervös im Saal um. Erst da wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte.

In den Lautsprechern knackste es, und als der Wandschirm erneut aufleuchtete, presste ich mir vor Überraschung die Hand auf den Mund, denn Clare erschien im Bild. Sie saß vor einem grauen Vorhang auf einem Barhocker. Der Raum war sanft ausgeleuchtet wie in einem professionellen Fotostudio. Paul bemerkte, dass ich mich auf meinem Stuhl aufrichtete, und warf mir einen scharfen Blick zu.

Clare lächelte in die Kamera und winkte. »Danke, dass Sie heute alle zu einem Live-Treffen erschienen sind. Sie sehen fabelhaft aus und der Parfumduft hier ist fantastisch.« Ich musste mir auf die Lippe beißen. Die Leute im Saal rutschten unruhig auf ihren Sitzplätzen herum und schauten sich suchend um.

»Wir sind die Gruppe, die von den Medien als ›DS-Aussteiger‹ bezeichnet werden, und haben uns die Freiheit genommen, ein paar Schüler und Schülerinnen zu befragen. Wir dachten, darüber sollten Sie Bescheid wissen, schließlich betrifft die Digital School uns Jugendliche mehr als Sie. Hier kommt also unsere Meinung.«

Das Bild wechselte zu einem Mädchen im frühen Teenageralter. Genau wie Clare war sie vor dem grauen Hintergrund aufgenommen worden.

Ob ich glücklich bin? In den sozialen Netzwerken bin ich echt populär und mein Ranking bei Gruppenbeteiligungen zeigt, dass ich zu den Top 85 % gehöre. Allein in diesem Monat hatte ich achtzigtausend Online-Einladungen und mehr als hunderttausend Nachrichten. Da habe ich doch gar keine Zeit, unglücklich zu sein.

Die Gäste blickten sich verwirrt im Saal um, aber die Augen meines Vaters waren direkt auf mich gerichtet. Ich schaute wieder auf den Wandschirm, wo ein weiteres Mädchen interviewt wurde.

Meine Profilseite für Online-Dating sagt, dass mein Freund und ich total verliebt sind. Wir haben die zehn Prüfungsbogen für perfekte Paare ausgefüllt und acht davon bestanden. Beim gemeinsamen Persönlichkeitstest haben wir 9,3 von 10 Punkten erreicht. Er hat mir schon einen Antrag gemacht, allerdings haben wir noch kein persönliches Treffen ausgemacht. Ich will erst auf die Auswertung des nächsten Tests warten, um zu wissen, ob unsere Kinder genetische Schwachstellen haben könnten. Schließlich macht es keinen Sinn, sich live zu treffen, bevor alle unsere Testergebnisse positiv sind. Ich will keine Gefühle investieren, solange wir keine Spitzenpunktzahl haben. Das wäre doch total nutzlos.

Als Nächstes erschien ein pausbäckiger Junge um die zwölf Jahre.

Ob ich Haustiere besitze? Ja, wir haben einen Hund. Glaube ich jedenfalls.

Ein paar Leute im Publikum hüstelten und räusperten sich. Auf dem Bildschirm erschien ein Mädchen, das ernster und trauriger aussah als ihre Vorgänger.

Ich habe einen zweijährigen Bruder, der gute zwölf Stunden am Tag online ist. Sein Kindergarten ist virtuell und wirklich interaktiv. Dort gefällt es ihm super. Meine Eltern sind froh darüber, schließlich haben sie so viele soziale Verpflichtungen im Netz, um die sie sich kümmern müssen.

Auf dem polierten Saalboden wurden quietschend Stühle zurückgeschoben. Mein Vater hatte sich bereits erhoben, gefolgt von Damon und Paul. Auf der Bühne rannten Mitarbeiter herum und versuchten vermutlich, den Ton oder das Bild abzustellen, doch der Film lief weiter. Ich starrte fasziniert auf den Wandschirm und nahm gierig jedes Wort in mich auf.

Molly erschien in Überlebensgröße.

Unsere Welt ist so voller Bildschirme, dass man täglich zwanzigtausend Mal blinzeln muss, um sie zu übersehen. Am besten schließt man die Augen gleich ganz.

Jetzt zoomte die Kamera so nah heran, dass der gesamte Wandschirm nur ein Gesicht zeigte. Man musste ihm in die Augen schauen und wurde in die Tiefe der Pupillen gezogen, bis man die Lichtfunken darin reflektiert sah.

Die erste Nahaufnahme war von einem jungen Mädchen.

Mir ist noch nie etwas Schlimmes passiert. In meinem Leben gibt es keine Gewalt und kein Unglück, aber auch keine Liebe. Nicht gerade eine Achterbahnfahrt. Okay, mein Leben ist unterhaltsam, bequem und sicher, aber es kommt mir total flach vor. Als würde man auf einem Bahngleis immer die gleiche Runde fahren. Ich schätze, darin liegt das Problem. Es gibt keine Tiefpunkte oder den großen Crash, aber dafür fehlen auch die irren Höhen. Eben ein todlangweiliger Trip.

Als Nächstes wurde Gabe interviewt. Bei seinem Anblick bekam ich regelrechtes Heimweh. Er kam mir vor wie ein Familienmitglied, von dem ich seit Jahren nichts gehört hatte.

Mein erstes Date soll so sein wie bei meinen Eltern. Die beiden haben sich nicht per Chat verliebt oder gegenseitig ihre Online-Profile gelesen wie Stalker. Sie sind sich persönlich begegnet und haben miteinander geredet. Das kommt mir viel aufregender und intimer vor. Ein bisschen geheimnisvoll, so wie ein Date eben sein sollte. Anscheinend bin ich ziemlich altmodisch. Ich hatte viel Zeit, darüber nachzudenken, und wenn ich mich eines Tages entscheide, jemanden um ein Date zu bitten, werde ich nicht nach ihrer Nummer oder ihren Online-Kontakten fragen und über einen Bildschirm mit ihr kommunizieren. Ich will ihr persönlich begegnen. Ich will mich anstrengen, sie jedes Mal ein bisschen besser kennenzulernen. Ich will, dass sie sich für mich die gleiche Mühe gibt. Das sind wir doch wohl beide wert.

Ein Augenpaar füllte den Wandschirm. Die Iris war so dunkel, dass sie fast schwarz wirkte. Eine Jungenstimme begann zu sprechen.

Haltet ihr die Digital School tatsächlich für sicher? Tja, da bin ich anderer Meinung. Sie ist eine ziemlich feige Erfindung. Alle sind anonym. Jeder versteckt sich. Man kann Leuten aus Spaß in den Rücken fallen und dabei so fies werden, wie man möchte. Schließlich muss man den Menschen nicht sehen, den man damit verletzt. Anscheinend halten das inzwischen alle für okay. Stimmt, das DS-System hat Vorteile, aber dafür gibt es auch eine Masse Nachteile. Ich werde fast jeden Tag gemobbt. Irgendwelche Typen, die ich nicht mal kenne, können Lügen über mich verbreiten. Es ist total sinnlos, sie online aufzuspüren, weil sie dann einfach ein neues Profil mit einem neuen Namen erstellen und von vorne anfangen. Durch die Digital School ist es leicht geworden, gemein zu sein. Das System bringt das Schlechteste in uns hervor. Die Leute haben eine größere Freiheit, ihre Meinung zu sagen, aber dafür respektieren sie andere Menschen nicht mehr. Sie müssen für ihre Worte keine Verantwortung übernehmen, schließlich sind sie anonym. Ehrlich gesagt, ist es ziemlich scheiße, auf der Empfängerseite zu sein, weil man sich nicht verteidigen kann. Man hat keine Chance, dagegen anzukämpfen. Hey Leute, wenn ihr etwas Mieses über mich loswerden wollt, dann habt wenigstens den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen. Inzwischen habe ich Angst davor, meine Wohnung zu verlassen, weil die Welt da draußen anscheinend voller Arschlöcher ist. Unsere Gesellschaft ist so ein deprimierender Schutthaufen. Echt, dafür sollte die Abkürzung DS stehen: deprimierender Schutt.

Gesichter rauschten über den Bildschirm wie ein Wasserfall. Die Geschwindigkeit machte es unmöglich, einzelne zu erkennen. Clares Stimme hallte um uns herum.

So sieht das Paradies aus, das ihr erschaffen habt. – Was haltet ihr jetzt von eurem System?

Dann wurde der Wandschirm schlagartig schwarz. Die Stille brach über uns hinein und wirkte so laut wie eine Unfallsirene, wie ein Feuerwerk, ein Trommelschlag oder eine zerklirrende Fensterscheibe. Sie fuhr unter die Haut. Die Lichter im Saal strahlten auf und das Publikum saß immer noch reglos auf seinen Plätzen und starrte auf den Bildschirm. Der Moderator fummelte an seinem Mikrofon herum und versuchte, den Ton wieder anzustellen. Jetzt ging ein Murmeln durch die Menge und die Gäste begannen zum ersten Mal am heutigen Abend miteinander zu reden.

Als die Saallampen plötzlich wie bei einem Stromausfall flackerten, kippte die Stimmung. Stühle wurden gerückt, Panik breitete sich aus.

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