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Maddie – Der Widerstand geht weiter

Über die Autorin

Katie Kacvinsky arbeitete als Model und als Lehrerin, bevor sie sich entschied, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Das erste Buch der Autorin, Die Rebellion der Maddie Freeman, erschien 2011 bei Boje und war sofort ein Erfolg. Nach ihrem zweiten Jugendroman, Dylan & Gray, 2012 ebenfalls bei Boje erschienen, liegt inzwischen die Fortsetzung zu ihrem Debüt vor. Zurzeit schreibt sie am dritten und letzten Band, Maddie – Immer das Ziel im Blick, der im Juli 2015 erscheinen wird.

KATIE KACVINSKY

MADDIE – DER WIDERSTAND GEHT WEITER

Aus dem
amerikanischen Englisch
von Ulrike Nolte

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Graham,
der mich daran erinnert,
mir Zeit zu lassen,
durch die Welt zu wandern
und Neues zu entdecken.

Teil 1 – Mein neues Leben


Los Angeles, 24. September 2060

Ich habe über hundert Online-Profile. Sie verbinden mich mit Tausenden von Menschen, die mit Tausenden von anderen Menschen verbunden sind, die zusammen mit mir eine anonyme Masse ergeben. Mein Leben wird von Sternchen, Smileys, Einkaufswagen und gereckten Daumen bestimmt. Ich kann meine Freunde bewerten. Ich habe Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit. Aber manchmal will ich gar nicht alles wissen. Am liebsten würde ich die Informationen aus meinem Kopf löschen, weil sie mich daran hindern, zu fantasieren, zu denken, zu überlegen. Ich brauche mein Gehirn nie anzustrengen, muss mich an nichts erinnern, nichts regeln oder planen. Das alles wird für mich erledigt. Doch dadurch bin ich nur eine Marionette, oder?

Jetzt bin ich so weit, die Fäden zu zerschneiden.

Ich habe mir selbst das Ziel gesetzt, meine Profile zu löschen, eines pro Tag. Schritt für Schritt wie bei einem Drogenentzug. Meine Mutter sagt immer, dass man sein Leben alle paar Jahre wie einen Garten jäten sollte, um Überflüssiges zu entfernen – materielle Dinge genauso wie Menschen –, weil sich sonst immer mehr ansammelt, das um Platz wetteifert, bis man sich in der Enge nicht mehr rühren kann.

Ein paar Sites behalte ich, weil sie mich inspirieren, mir Mut machen und mich mit Leuten zusammenbringen, die ich unersetzlich finde. Gemeinsame Zeit sollte bereichern, statt nur totgeschlagen zu werden. Ich will vom Leben mehr als immer nur die Oberfläche … oberflächliche Gespräche, oberflächliche Erfahrungen.

Freundschaft gibt es nicht als Light-Produkt. Davon wird man nicht satt. Nun ja, zumindest geht es mir so, denn ich war noch nie der Typ für Diätwahn. Ich will lieber schlemmen.

U-Design-It: Profil gelöscht

Auf dieser Site kann ich mir jede Umwelt erschaffen, die ich will. Ich kann mitten in einem Vulkankrater sitzen und auf glühenden Lavaströmen reiten. Ich kann Filmregisseurin oder Spitzenköchin sein. Ich kann Sterne umarmen und auf Regenbögen wandern. Ich kann Gebäude mit den Händen hochheben und an andere Orte versetzen. Auf dieser Site kann ich Gott spielen. Aber habe ich deshalb tatsächlich etwas getan? Oder ist alles nur heiße Luft, und ich schrumpele in mich zusammen wie ein aufgeblähter Ballon, sobald ich mich auslogge?

Make-Yourself-Over: Profil gelöscht

Eine personalisierte Shopping-Site, auf der die Werbung mir sagt, was ich besitzen soll, und Promis mir sagen, wie ich aussehen soll. Doch inzwischen denke ich, dass unsere Taten entscheidender sind als unser Besitz. Ob wir attraktiv sind, hängt mehr davon ab, wie wir Menschen behandeln, als von unserem Aussehen. Wenn wir nur Augen für innere Werte hätten, wie würden die Menschen uns dann wohl erscheinen? Wer wären die Supermodels?

DS-Meet-Me: Profil gelöscht

Hier kann ich Menschen treffen, aber ich kann sie nicht lächeln hören. Dabei gibt es kein schöneres Geräusch, als wenn sich Justins Atem, seine Lippen, seine Haut verändern, weil er lächelt. Die Site zeigt mir nicht, dass seine Haare wild in alle Richtungen abstehen. Selbst wenn er sie kämmt, sind sie sofort wieder verstrubbelt. Auf der Site sind seine Haare ein einheitliches Dunkelbraun, dabei weiß ich, dass sie an den Schläfen heller werden. Ich weiß, dass er am liebsten auf dem Bauch schläft und dabei die Arme bis zu den Ellenbogen unter seinem Kissen vergräbt. Ich weiß, dass er nur in den Raum zu treten braucht, damit ich mich gleichzeitig entspannt, nervös, überglücklich und erleichtert fühle. All das kann die Site nicht vermitteln.

Denn Menschen sind wie fremde Länder: Man kann sie nur kennenlernen, wenn man sich die Zeit nimmt, sie persönlich und mit allen Sinnen zu erleben. Von nun an will ich eine Reisende und Entdeckerin sein. Das Leben hat mehr als die drei Dimensionen, die wir sehen. Ich will die Tiefen erforschen, die man nur mit dem Gefühl wahrnehmen kann.

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Ich beginne zu lernen, dass die wirkliche Welt voller Fallgruben und Tretminen steckt. Ein paar davon habe ich schon in die Luft gesprengt. Man macht Fehler und in der Realität kann man Taten und Worte nicht einfach zurücknehmen. Aber ich habe auch gelernt, dass solche Fehler manchmal mehr Türen öffnen als verschließen.

Kapitel Eins


Clare und ich waren gerade dabei, uns im WG-Apartment von Pat und Noah umzuziehen, das mitten in Hollywood lag. Clare war übers Wochenende zu Besuch gekommen, und wir wollten unser Wiedersehen feiern, indem wir uns schick machten und in der Stadt zum Tanzen gingen. Zum Umziehen nutzten wir Noahs Übungsraum, der bis zur Decke mit Gitarrenverstärkern, Lautsprechern und Instrumenten vollgestopft war. Ich zwängte mich in ein knallrotes Kleid, das Clare mir geliehen hatte. Es war so eng und kurz geschnitten, dass mein Vater mir vermutlich Hausarrest verpasst hätte, wenn er hier gewesen wäre. Ein Grund mehr, mein Outfit zu genießen. Ich schob den Arm unter den schmalen Seidenträger und schaute zu, wie der tätowierte Vogel auf meinem Handgelenk fröhlich hindurchsegelte.

Clare trug ein trägerloses schwarzes Kleid, das vor Pailletten nur so funkelte. Wir stöckelten durch den Flur wie über einen Catwalk. Als wir ins Wohnzimmer einbogen, stellten wir fest, dass Pat und Noah noch genauso aussahen wie vor einer Stunde. In Jeans und T-Shirts lümmelten sie sich auf der Couch und bauten auf total männliche Art Testosteron ab, indem sie sich auf einem Bildschirm beim Fußball verdroschen. Vermutlich ist das der Grund, warum Jungs ständig Computer spielen: um sinnlos die Zeit totzuschlagen, in der wir Mädels uns schick machen.

Das Apartment von Pat und Noah sah aus wie das Klischee einer Junggesellen-Wohnung. Jedes Stück Wand war mit Großbildschirmen bedeckt und jedes Sitzmöbel bestand aus schwarzem Leder mit Massagefunktionen, Fußstützen, Getränkehaltern und Fernbedienungsknöpfen. Das Unterteil eines Sessels war hochgeklappt, sodass die Minibar darunter zum Vorschein kam. (Offenbar wäre es zu anstrengend gewesen, vier Schritte in die Küche zu gehen.)

Clare räusperte sich und Pat richtete den Blick auf uns. Er unterbrach das Spiel und starrte uns ein paar Sekunden lang verwirrt an, als hätte er uns noch nie zuvor gesehen und wir wären ohne Anzuklopfen in seine Wohnung spaziert.

»Wow«, sagte Noah. »Ihr seht umwerfend aus.«

»Was ist denn der Anlass?«, fragte Pat.

Clare hob tänzerisch die Arme in die Luft. »Ist doch klar, wir gehen auf eine Party!«

»Ja schon«, sagte Noah. »Aber nur ins Nino

Clares Schultern sackten herab und sie schüttelte enttäuscht den Kopf.

»Was ist denn das Nino?«, fragte ich.

Noah blinzelte überrascht zu mir hoch. »Ich dachte, davon hätte jeder gehört. Das Nino ist ein Club für Virtual Dancing. Und heute ist dort Partynacht.«

Meine Mundwinkel sackten nach unten. »Du meinst, das Ganze findet nur online statt? Wenn man schon ausgeht, sollte man auch Leute treffen. Das ist doch der Sinn der Sache. Bestimmt gibt es hier in L.A. echte Clubs.«

»Keine Sorge, im Nino gibt es genug Leute«, sagte Noah. »Und der Club macht es Losertypen wie Pat leichter, weil sie sich ihre Körbe nur virtuell einfangen.«

»Sehr witzig«, sagte Pat grinsend.

»Vielleicht wäre es für dein Ego auch nicht schlecht, ein paar Körbe zu bekommen«, sagte Clare zu ihrem Bruder. Seine Band The Managers war landesweit bekannt geworden, nachdem sie ihr neuestes Album in L.A. aufgenommen hatten. Clare sorgte bei jeder Gelegenheit dafür, dass er sich auf seinen Starstatus nichts einbildete. »Wie viele Frauen versuchen, an einem durchschnittlichen Tag mit dir anzubändeln?«

Noah strich sich die schwarze Haarmähne aus dem Gesicht. »Was definierst du als ›anbändeln‹? Chatten, mailen, voicen oder skypen?«

Clare stöhnte und vergrub die Finger in ihren eigenen kurzen braunen Haaren. »Das ist der Teil unseres gemeinsamen Lebens, den ich echt nicht vermisse.« In diesem Moment piepte das Phone von Pat, und ich sah, wie er beim Anblick der Nummer die Augenbrauen hob. Er begann eine Nachricht zu tippen.

»Wen hast du da?«, fragte ich.

»Vermutlich wieder eine Sexbombe, die sich an Noah ranschmeißen will«, kommentierte Clare.

»So solltest du aber nicht über deine Mutter reden«, gab Pat zurück. Bevor Clare und Noah auf das Gestichel eingehen konnten, nahm ich meine Freundin bei der Hand und zog sie zur Tür.

»Ich will endlich los!«, sagte ich. »Das Nino klingt … interessant.«

»Sollte es auch. Der Eintritt kostet hundert Dollar«, bemerkte Pat, ohne mit dem Tippen aufzuhören.

»Hundert Dollar?«, echoten Clare und ich gleichzeitig.

»Für den angesagtesten Club in L.A. ist das noch billig«, behauptete Noah. »Keine Sorge, ich bezahle. Schließlich war es meine Idee.«

»Für den Preis erwarte ich mindestens ein paar Supermodels als Begleitung«, sagte ich.

Pat stellte den Bildschirm aus und schnappte sich seine Jacke. »Da wirst du bestimmt nicht enttäuscht«, versprach er mir.

Wir bestiegen zu viert eine ZipLimousine und ließen uns in die Stadt zum La Cienega Boulevard fahren. Noah behauptete, in L.A. könne man jederzeit eine Starbehandlung bekommen, wenn man nur stilvoll genug bei der Location ankam. Es gab nur eine begrenzte Menge ZipLimousinen, aber Pat kannte einen PR-Manager, der eine für uns reserviert hatte.

Wir scannten unsere Fingerabdrücke ein und sausten los. Mein Vater hatte ein falsches PersoProfil für mich angelegt, sodass die Polizei meine Bewegungen nicht verfolgen konnte. Nur er selbst wusste jederzeit, wo ich mich aufhielt. Er hielt mich immer noch an der kurzen Leine.

Clare strich mit den Fingern über die Ledersitze. Die blaue Innenbeleuchtung hüllte alles in einen kalten Neonschimmer. Ich lehnte mich zurück und genoss die reibungslose Beschleunigung. Inzwischen wusste ich, wie sehr ich Geschwindigkeit in meinem Leben brauchte. Ich war regelrecht süchtig danach, als würde die äußere Bewegung mich auch innerlich antreiben und mich daran erinnern, dass ich kein statisches Objekt war. Menschen besaßen nicht ohne Grund ein Paar Beine mit Füßen. Wir waren nicht dazu geschaffen, mit unseren Sesseln zu verschmelzen.

Pat saß so eng neben mir, dass sein Jackenärmel meinen nackten Arm streifte. Ich rutschte ein wenig von ihm weg. Dabei wusste ich selbst nicht genau, ob aus Höflichkeit oder weil ich einen Sicherheitsabstand brauchte. In den vier Wochen, die ich nun in L.A. war, hatte ich die meiste Zeit mit Pat verbracht. Er war einer meiner wenigen Freunde in der Stadt. Zwar hatte ich noch meinen Bruder, aber Joe lebte völlig digitalisiert: Arbeit, Sport, Freundschaften und Flirts, alles geschah bei ihm online. Ich hatte ihn bisher höchstens ein paar Stunden gesehen, obwohl ich bei ihm wohnte. Das Leben war so computerisiert, dass wir uns kaum persönlich begegneten. Zwischen uns befand sich nichts als eine dünne Zimmerwand, trotzdem lebten wir in getrennten Welten, die nur im Ausnahmefall zusammenstießen … und dann meist mit einem heftigen Knall. Wir passten ungefähr so gut zusammen wie Purpur und Pink.

»Du solltest einfach in L.A. bleiben«, schlug ich Clare wieder einmal vor. Ich vermisste ihre Energie. Mit ihr befreundet zu sein fühlte sich an wie eine belebende Dosis Koffein.

»Sorry, ich muss in ein paar Tagen zurück. Bin zu einem Date verabredet«, sagte sie mit einem so gelangweilten Gesichtsausdruck, als wäre selbst Staubsaugen aufregender. »Keine Ahnung, warum ich mir die Mühe mache.«

»Welche Site benutzt du?«, fragte Noah.

»Ich ziehe die masochistische Form des Datings vor«, erklärte Clare. »Du weißt schon, ein persönliches Treffen. Ich habe den Typ in einem Café kennengelernt und wir haben uns verabredet.«

Noah pfiff durch die Zähne. »Wow, ich bin beeindruckt.«

Clare zuckte mit den Schultern. »Immer noch besser als diese peinlichen Online-Interviews mit vorgegebenen Fragen«, sagte sie.

Wir alle erschauerten sichtlich. Meine Eltern hatten mir nie erlaubt, solche Sites zu besuchen, aber ich wusste, dass es Hunderte davon gab. Gewöhnlich behaupteten sie, in höchstens einem Monat deine große Liebe finden zu können und bei Misserfolg das Geld zurückzuzahlen. In der Suche nach Seelenverwandtschaft gingen sie manchmal sogar so weit, genetische Profile zu vergleichen und das Aussehen künftiger Kinder zu berechnen. Unsere Gesellschaft wollte Liebe im Schnelltempo. Dating im Fastfood-Stil. Tja, und genau das bekamen wir auch.

»Ich weigere mich absolut, solche Sites zu benutzen«, verkündete Clare. »Jetzt soll uns die Technologie schon die Liebe bescheren? Für sechshundert Dollar?«

»Ich habe viele Freunde, die Online-Dating mögen«, sagte Pat.

»Ja, weil solche Sites aufgebaut sind wie ein Computerspiel«, sagte Clare. »Man muss erst Level 10 erreichen, bevor man sich das erste Mal virtuell sehen kann. Und man muss Bonuspunkte sammeln, wenn man zur nächsten Datingphase vorstoßen will.«

Pat grinste. »Genau. Wie bei einem Fußballmatch. Nur dass ich bei einem Mädchen punkten will, statt Tore zu schießen.«

»Sehr romantisch«, sagte ich. »Keine Sorge, Clare. Eines Tages trifft es auch dich.«

»Wenn mich was trifft, dann eher ein entgleister Schnellzug als Mr Perfect«, sagte sie mit einem Schulterzucken, als habe sie sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden. »Von dir haben wir übrigens schon eine Weile nichts gehört«, wandte sie sich an Pat und wechselte das Thema. Ich wusste, was sie meinte. Seit er nach L.A. gezogen war, um Noahs Band zu managen, hatte er den Kontakt zu seinen früheren Freunden in Oregon abgebrochen.

Pat zuckte mit den Schultern. »Ich gönne mir eine Auszeit«, sagte er.

»Du meinst, du bist beim Kampf gegen die Digital School nicht mehr dabei?«, fragte ich.

Er sah mich mit seinen haselbraunen Augen an. »Zumindest gibt es deutlich Wichtigeres in meinem Leben.«

»Zum Beispiel eine exzellente Band, mit der er Songs produziert«, fügte Noah hinzu.

»Also hast du einfach aufgegeben?«, fragte Clare.

Pat runzelte die Stirn und warf ihr einen genervten Blick zu. »Nein, ich bin nur weniger fanatisch als andere. Ich mache mich nicht länger kaputt, um die amerikanische Jugend aus einer Welt digitaler Sklaverei zu befreien.« Sarkasmus kannte ich schon von ihm – besonders Clare und ich schienen diese Eigenschaft hervorzukitzeln –, aber über die Widerstandsbewegung war er noch nie so hergefallen.

»Was ist, wenn Justin deine Hilfe braucht?«, bohrte ich nach.

Pat las eine Nachricht auf seinem Phone. »Ich habe mich nicht völlig zurückgezogen. Sagen wir mal, ich bin eine Teilzeitkraft. Wenn Justin zu wenig Leute hat und Verstärkung braucht, springe ich ein.« Er begegnete meinem Blick. »Versteh mich nicht falsch, ich kann die DS immer noch nicht leiden, aber da ich die Schulzeit hinter mir habe, kommt mir alles nicht mehr so dramatisch vor. Das gehört eben zum Leben. Man steht ein paar Jahre monotoner Langeweile durch, macht seinen Abschluss und vergisst den ganzen Mist. Jugendliche wurden schon immer mit Unterricht gefoltert und haben es überlebt.«

»Das ist nicht der Grund, warum wir dagegen kämpfen«, widersprach Clare.

Noah warf uns einen skeptischen Blick zu. »Hey, ihr Rebellenschwestern, eine Menge Leute sind gerne in der Digital School. Ihr wisst doch gar nicht, wogegen ihr anrennt.«

Er schaute zwischen Clare und mir hin und her und lachte über unsere ähnlich empörten Gesichtsausdrücke.

»Die DS macht es einem leicht«, erklärte Noah. »Man kann zu Hause bleiben und muss keine Zeit mit Pendeln verschwenden. Man braucht sich nicht mit dem ganzen Drama herumzuschlagen, das durch persönliche Begegnungen entsteht. Wenn man will, muss man nicht mal das Bett verlassen. Ich habe fast meine ganze Highschool-Zeit im Pyjama verbracht.«

»Toll«, sagte ich. »Es gibt ein Fachwort dafür, wenn man immer nur im Bett bleibt, nämlich Depression

»Durch den DS-Unterricht bleibt mehr Zeit für Dinge, zu denen man wirklich Lust hat«, argumentierte Noah. »So schlecht ist das System gar nicht.«

»Doch, weil es eine Falle ist«, sagte ich. »Die Leute verlernen, wie man außerhalb von DS funktioniert. Kann schon sein, dass sie um das ›ganze Drama‹ herumkommen, aber dafür machen sie auch sonst keine Erfahrungen mehr. Unser Leben und unsere Kultur bestehen nur noch aus DS.«

»Hey, musst du unbedingt so depri sein?«, fragte Pat. »Ich würde heute Abend lieber Spaß haben. Übrigens tust du gerade so, als wärest du die Vorkämpferin der Anti-DS-Bewegung, dabei hast du dich selbst nie entschieden«, erinnerte er mich. Während er noch sprach, bog die Limousine in die 3rd Street ein, und an der Ecke zum La Cienega Boulevard verkündete ein blinkendes Neonschild, dass wir das Nino erreicht hatten. Eine lange Warteschlange zog sich den Gehsteig entlang, und die Menge staunte unsere Limousine an, die vor dem Eingang hielt. Mehrere Leute hatten bereits die Phones gezückt und filmten unsere Ankunft. Noah stieg aus und wurde sofort von einem Türsteher abgefangen. Der stämmige Typ in Anzug und Krawatte hatte seinen Fingerabdruckscanner wie ein Waffe gezückt und schien jeden damit erschießen zu wollen, der es wagte, seine Gästeliste infrage zu stellen. 

»Typischer Rausschmeißer«, murmelte Pat. »Die benehmen sich immer, als ob ihnen die Stadt gehört.«

Der Mann fragte uns, ob wir reserviert hätten, wobei er keine Miene verzog. Wahrscheinlich hätten wir auch in einem Ufo landen können, ohne ihn zu beeindrucken.

Ich wollte gerade den Kopf schütteln, da kam Pat mir zuvor. Cool verkündete er, dass wir vier Plätze bräuchten.

»Alles ausverkauft«, sagte der Türsteher. »Ihr müsst euch schon hinten anstellen.«

Pat zuckte mit den Schultern. »Okay, dann eben nicht. Wenn Sie wirklich ein Bandmitglied der Managers wegschicken wollen … Könnte Ihrem Image schaden, aber das ist ja nicht unser Problem.«

Ein paar Mädchen vorne in der Schlange hatten Noah bereits erkannt und angefangen, seinen Namen zu rufen. Als er sich umdrehte und ihnen zuwinkte, wurde er mit Kreischen und Blitzlichtgewitter begrüßt. Glitzerkleidchen hüpften zu Dutzenden auf und ab.

»Lass uns gehen«, sagte Pat und zog Noah am Ärmel. »Dein Musiklabel wollte heute auch eine Party veranstalten, oder nicht?«

Die grimmige Miene des Türstehers verflüchtigte sich. »Vielleicht kann ich doch noch Plätze auftreiben«, sagte er. Sein überheblicher Tonfall war schlagartig in Schmeichelei umgeschlagen. »Bestimmt haben wir eine VIP-Ecke frei.« Er tippte auf seinem Bildschirm herum und murmelte Anweisungen in sein Mikro. Nachdem er unsere Fingerabdrücke gescannt hatte, begleitete er uns persönlich zu einem Seiteneingang. Zum Abschied drehte Noah sich noch einmal um und winkte seinen Fans zu. Das Kreischen wurde so laut, dass Clare neben mir zusammenzuckte. »Anscheinend ist der Trick, in L.A. eine Starbehandlung zu bekommen, tatsächlich ein Star zu sein«, stellte ich trocken fest, als wir im Gebäude verschwanden.

Ein Wachmann führte uns durch einen schmalen Flur. Die Deckenbeleuchtung war ein kühles Gelb, und im durchsichtigen Kunststoffboden rotierten bunte Lichter zum Takt der Technomusik, die durch die Wände dröhnte. Die Bässe ließen den Boden rhythmisch beben. Ich grinste und dachte, dass die hundert Dollar vielleicht doch nicht übertrieben waren.

Wir traten durch eine schwere Sicherheitstür in die Disco. Und mein Lächeln verschwand schlagartig.

Kapitel Zwei


Das Nino sah aus wie ein abgedunkeltes Kino. Der ganze Raum war mit Sitzreihen voller Leute gefüllt und die Gäste starrten auf einen leeren Riesenbildschirm an der Wand. Ihre Augen wurden von silbernen Brillen verdeckt und alle trugen schmale MindReader aus Metall. Sie wiegten sich, lachten und nickten zum Takt der Musik, aber ich verstand nicht, was sie so unterhaltsam fanden. Verwirrt drehte ich mich zu Clare um und griff nach ihrer Hand.

»Was ist das denn?«, schrie ich über die Musik hinweg. Sofort tippte mir ein Mitarbeiter auf die Schulter und zeigte auf einen Bildschirm an der hinteren Wand, auf dem eine Liste von Verhaltensregeln stand. Nummer Eins lautete: RUHE BITTE! Ich runzelte die Stirn. Was für ein Club verbot einem das Reden? Noch dazu, wenn man dafür einen Hunderter zahlen musste? Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil Noah gerade vierhundert Dollar aus dem Fenster geworfen hatte. Da wäre ich doch lieber zu Hause geblieben und hätte den beiden beim Computerspielen zugeschaut. Wenigstens hätten wir uns währenddessen unterhalten können.

Der Mitarbeiter führte uns zu vier leeren Plätzen hinten an der Wand. Die Sitzreihen befanden sich weit genug auseinander, dass die Gäste zwischendurch aufstehen und die Kellnerinnen mit Getränken hindurchgehen konnten, ohne jemanden zu stören. Wir ließen uns in die Polstersessel sinken, und ich beobachtete Pat, um mir abzugucken, was ich als Nächstes tun sollte. Er öffnete eine Klappe in seiner Armlehne und holte eine Brille heraus. Ich tat dasselbe, und als ich sie aufsetzte, blieb mir vor Überraschung der Mund offen stehen. Wie durch Magie hatte sich der Riesenbildschirm mit Menschen gefüllt.

Buntes Laserlicht zuckte über die Tanzfläche, wo eine dichte Menge digitaler Körper sich zur Musik bewegte. Überall im Club standen Grüppchen von Leuten, unterhielten sich und flirteten. Ich konnte nur fassungslos blinzeln. Clare stieß mich mit dem Ellbogen an und bedeutete mir, dass ich den MindReader aufsetzen sollte, der an meinem Sitz baumelte und aussah wie ein silberner Haarreif. Ich nahm ihn, streifte ihn über die Stirn und stellte die Passgröße ein, sodass die gepolsterten Enden eng an meinen Schläfen saßen. Dann klappte ich die andere Armlehne auf und zog einen kleinen Flachbildschirm heraus, der automatisch aufleuchtete, sobald ich ihn berührte. Eine junge, wunderschöne Frau erschien darauf. Sie war groß und schlank, trug ein langes rotes Seidenkleid und saß auf einer schmalen weißen Couch. Lächelnd begann sie zu sprechen und die Worte erschienen als Sprechblasen auf dem Computerschirm.

Willkommen im Nino las ich und die Frau winkte mir zu. Ich winkte zurück, als könne sie mich sehen. Sie begann mit einer Einführung und bot an, Menüpunkte zu überspringen, falls ich mich schon auskannte. Zuerst musste ich mich einloggen und einen Account eröffnen. Als ich damit fertig war, lehnte sie sich auf dem Sofa zurück, faltete die Hände im Schoß und erklärte, der Rest sei ganz einfach. Meine Gedanken würden als Sprechblasen auf dem kleinen Bildschirm erscheinen. Wenn ich Senden drückte, würden sie in den Club Nino übertragen (womit der Großbildschirm an der Wand gemeint war). Falls ich nicht wollte, dass die Leute sie lesen konnten, musste ich auf Löschen drücken.

Probier es aus!, sagte sie mit einladendem Lächeln.

Das ist total dämlich, dachte ich und grinste, als der Satz auf meinem Minicomputer aufleuchtete. Ich drückte auf Senden. Als ich zur Wand hochschaute, sah ich meine Nachricht tatsächlich ganz unten am Rand des Großbildschirms dümpeln. Ich hatte allerdings keinen Körper, also schienen die Worte in der Luft zu schweben.

Ich fragte mich, wieso ich unsichtbar war. Clare war auf dem Bildschirm zu erkennen, ebenso Pat und Noah, die bereits von einer Horde Frauen umlagert wurden. Anscheinend spürte die virtuelle Empfangsdame meine Verwirrung, denn sie erschien wieder und erklärte in beruhigendem Tonfall, dass ich erst noch mein Bild hinzufügen müsse. Dazu sollte ich mir vorstellen, wie ich aussah, und schon würde mein Körper im Club Nino auftauchen.

Ich schaute mir die tanzende Menge an. Einige Leute hatten sich entschieden, nackt zu erscheinen, allerdings waren gewisse Körperstellen nur verschwommen zu sehen. Sämtliche Männer waren sportlich und muskulös (oder bildeten sich das jedenfalls ein). Die meisten Gäste hatten Kleidung hinzugefügt und ich kam mir vor wie auf einer Modenschau. Auf dem ganzen Bildschirm entdeckte ich niemanden, der übergewichtig oder unattraktiv aussah. Alle Frauen waren geschminkt, hatten schimmernde Haut und glitzernde Highlights in den Haaren, die entweder zu komplizierten Frisuren aus Locken und Zöpfen aufgesteckt waren oder seidenglatt über den Rücken fielen. Einem platinblonden Girlie reichte die Haarmähne bis zu den Fußknöcheln und fegte fast über den Boden. Ich fragte mich, ob sie sich beim Tanzen nicht darin verhedderte. Sogar ein Teil der Männer hatte sich für Glitzersträhnen entschieden. Mit anderen Worten: lahm.

Alle waren nach dem neuesten Trend gekleidet, was bedeutete, dass die Männer schimmernde Kunststoffhosen trugen und die Frauen sich in Metallic Jeans und hautenge neonfarbene Tops geschmissen hatten. Ich hatte noch nie so viele perfekte Menschen auf einem Haufen gesehen. Andererseits hob sich dadurch auch niemand von der Menge ab. Sie verschmolzen zu einer gesichtslosen Masse wie die Models in einem Werbekatalog. Selbst Clare trug Glitzerschminke, die ich vorher bestimmt nicht an ihr bemerkt hatte, und ihr Kleid war nicht länger schwarz sondern neonpink. Außerdem war sie zehn Zentimeter größer als sonst.

Was ist so schlimm daran, einfach nur man selbst zu sein?, dachte ich, löschte den Satz aber, denn ich kannte die Antwort bereits. Unser wahres Ich kam uns langweilig vor, weil es so normal und fehlerhaft war. Wir alle wünschten uns Superkräfte und eine Hollywood-Ausstrahlung, die sämtliche Blicke auf sich zog. Wir wollten einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und die Technologie erlaubte uns, diese Fantasien auszuleben. Sie machte uns zu Architekten unserer selbst. Ich beschloss, dass ich mich hier zu Tode langweilen würde, wenn ich nicht für einen kleinen Schockeffekt sorgte, um die Atmosphäre zu beleben.

Also schloss ich die Augen und stellte mir vor, wie ich morgens gleich nach dem Aufstehen aussah. Ungeschminkt, mit Trainingshose und löcherigem T-Shirt. Das Bild erschien auf meinem Minibildschirm. Mein virtuelles Ich hatte einen müden Blick und wirre, ungekämmte Haare. Perfekt. Kichernd fügte ich noch Puschen mit Leopardenmuster hinzu. Dann drückte ich auf Senden. Mein Körper wurde auf den Wandschirm teleportiert, wo ich mich nun in Riesengröße sah, als sei ich ein Filmstar.

Netter Look, Maddie. Pass bloß auf, dass du nicht eitel wirst, sagte Noah, kam auf mich zu und stellte sich neben mich. Sein Kommentar schwebte in einer Sprechblase zwischen uns.

Plötzlich gesellte sich ein Fremder dazu.

Ich wusste gar nicht, dass Trainingshosen die neueste Mode sind, sagte er und grinste.

Er war ein bisschen kleiner als ich, hatte braune Haare und eine Brille. Gekleidet war er in ein graues Kragenhemd und eine schwarze Stoffhose. Immerhin kein Kunststoff.

Genau, Jeans sind sooo out, dachte ich.

Er lächelte mich an. Wollen wir tanzen?

Ich schaute stirnrunzelnd auf den Wandbildschirm und mein virtueller Körper gefror.

Was meinst du damit?, fragte ich.

Tanzen, wiederholte er und zeigte auf die hüpfende Menge, um mich daran zu erinnern, dass wir in einem Dance Club waren.

Ich blinzelte ihn verwirrt an und betrachtete die Körper, die sich auf dem Bildschirm bewegten. Pärchen schmiegten sich aneinander, Jungs probierten Breakdance-Moves. Es gab eine erhöhte Bühne, auf der sich ausschließlich weibliche Teenies befanden. Sie ließen ihre Hüften und Brüste im Rhythmus wippen, während ein Publikum aus angeturnten Jungs zu ihnen hochstarrte.

Der Typ streckte die Hand aus und wollte mich zu sich heranziehen. Das gefiel mir überhaupt nicht und ich riss meinen digitalen Arm aus seinem Griff.

Sorry, sagte er. Ich wollte dir nur zeigen, wie es funktioniert.

Okay, aber das geht mir zu schnell, sagte ich. Das erste Mal sollte man nichts überstürzen.

Er grinste und behauptete, virtuelles Tanzen sei ganz einfach. Dann schaute ich amüsiert zu, wie sein Körper ungeschickt neben mir herumzuckte. Ich musste laut lachen, als er mit wedelnden Armen im Takt der Musik auf und ab hüpfte, während ich weiterhin wie eingefroren daneben stand. Immer wieder drückte ich die Löschtaste, weil eine sarkastische Bemerkung nach der anderen auf meinem kleinen Bildschirm auftauchte. Soll das Tanzen sein? Sieht eher aus wie Frühgymnastik. Wow, du hopst wie ein Hase, das habe ich echt noch nie gesehen. Wo hast du dir denn diesen Move abgeschaut? Bei whiteboyscantdance.com?

Er hüpfte näher an mich heran, aber ich wich zurück.

Wie nett, dass du auch Problemfällen eine Chance gibst, sagte Pat, der hinter mir aufgetaucht war.

Halt dich da raus, dachte ich zurück.

Die Musik wurde härter, wechselte von Techno zu HipHop, und bevor ich wusste, wie mir geschah, drängte mich mein neuer Tanz(hüpf)partner auf eine Gruppe zugedröhnter Headbanger zu. Die Leute um mich herum tanzten so wild, dass ich fast meinen Körper aus den Augen verlor. Ich ließ mich mitreißen, schloss kurz die Augen und konzentrierte mich auf den Rhythmus. Nach einem Moment konnte ich meine Füße überzeugen, sich zur Musik zu bewegen. Mein digitaler Freund grinste und nickte mir aufmunternd zu. Ich begann gleichzeitig mit den anderen in die Luft zu springen. Mein Tanzpartner geriet vor Begeisterung so außer sich, dass er mich hochhob und in die Menge warf, die mich mit erhobenen Armen auffing. Geschockt schaute ich zu, wie mein Körper herumgereicht wurde.

Das ging entschieden zu weit. Selbst in der Digitalwelt.

Ich versuchte, wieder auf den Boden zu kommen, aber die Menge flippte völlig aus. Erst jetzt merkte ich, dass ein Dutzend anderer Leute ebenfalls über die Tanzfläche getragen wurde. Ein Typ fuhr mir mit der Hand den Schenkel entlang, während er mich über seinem Kopf weitergab. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Entschlossen trat und schlug ich um mich, bis die Leute endlich meine zarten Hinweise bemerkten und mich fallen ließen. Ich stürzte hart zu Boden und landete auf dem Hinterteil. Allein das Zuschauen ließ mich auf meinem Sessel zusammenzucken.

Ich rappelte mich auf und suchte nach meinem Tanzpartner. Als ich ihn am Rand des Bildschirms entdeckte, wo er sich gerade an sein nächstes Opfer heranmachen wollte, marschierte ich hinüber und gab ihm einen harten Stoß gegen die Brust.

Das war echt nicht cool, Warmduscher!, dachte ich. Mein Stoß oder der verbale Angriff ließen ihn ein paar Schritte zurücktaumeln. Obwohl ich in Wirklichkeit reglos auf meinem Sessel saß, konnte ich spüren, wie sich meine Armmuskeln für einen Kampf spannten.

Die verführerische Empfangsdame erschien auf meinem Bildschirm und schaute mich strafend an.

Im Club Nino sind gewalttätige oder sexuelle Handlungen untersagt. Ich muss dich leider darauf hinweisen, dass du gerade deine erste Verwarnung bekommen hast. Stirnrunzelnd starrte ich sie an. Der Typ durfte mich wie eine Gliederpuppe in die Luft werfen und ich bekam den Ärger?

Als ich zum Bildschirm hochschaute, stand ich dort ganz allein mit wütendem Gesichtsausdruck und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Meine Leopardenpuschen machten den Eindruck, als wollten sie die nächste Person beißen, die mir zu nahe kam. Ich strahlte nicht gerade Partylaune aus. Mit einem tiefen Atemzug ermahnte ich mich, ruhig zu bleiben. Schließlich war das alles nur ein riesiges Verkleidungsspiel. Aber genau darin bestand das Problem. Ich hatte siebzehn Jahre lang in einer Fantasiewelt verbracht und wollte endlich ein reales Leben.

Warmduscher?, wiederholte Pat neben mir. Ich konnte ihn auf seinem Sessel lachen hören.

Das Wort sollte wieder in Mode kommen. Ein echter Klassiker, dachte ich.

Vielleicht solltest du dich eine Weile in die Lounge setzen, bis du dich beruhigt hast, schlug Pat vor.

Ich fragte, was die Lounge sei, und er erklärte, dass es hinter unserem Kinosaal eine Bar gäbe. Dort könne man hingehen, wenn man jemanden persönlich treffen wolle, statt nur auf dem Bildschirm. Ich schaute mich im Publikum um und fand keinen einzigen unbesetzten Platz. Anscheinend waren reale Gespräche hier nicht gerade der Hit. Kein Wunder, wer wollte schon aus einer perfekten Traumwelt erwachen und die echte Person sehen, mit der er gesprochen hatte … Das konnte nur eine Enttäuschung werden.

Tut mir leid, sagte ich zu Pat. Ich hatte wirklich Lust, heute Abend auszugehen, aber Leute zu treffen sieht bei mir anders aus. Pat und ich standen auf dem Bildschirm dicht beieinander.

Nimm das Ganze weniger ernst, Maddie, sagte er. Hab einfach nur Spaß und benimm dich nicht so justinmäßig.

Interessante Wortschöpfung, stellte ich fest.

Man könnte auch sagen: fanatisch, extrem und mit Star-Komplex.

Meine Augen wurden schmal. Vielen Dank für die Übersetzung, Mr Wikipedia, dachte ich, löschte aber die Bemerkung. Ich hatte keine Lust, einen virtuellen Streit anzufangen. Dabei gingen zu viele Zwischentöne verloren.

Stattdessen wandte ich mich ab und suchte auf dem Bildschirm nach Clare. Mein Magen schnürte sich immer mehr zusammen. Die Menge oberflächlicher Gestalten, in der ich stand, ließ mich zunehmend als Außenseiterin erscheinen. Ich dachte an Justin. Das Nino würde ihn total verrückt machen. Wenn er jetzt hier wäre, würde er wahrscheinlich eine Revolution anzetteln.

Weitere Unbekannte versuchten mich anzusprechen, aber ich ignorierte sie und ging zu Clare hinüber. Sie tanzte inmitten einer Gruppe, und als ich mich anzuschließen versuchte, wandte sie sich mir zu. Mein Digitalgesicht hatte noch immer die Stirn gerunzelt und Clare erriet die Ursache sofort.

Hast du in letzter Zeit von ihm gehört?, fragte sie.

Nein, kein einziges Mal, seit ich nach L.A. gezogen bin.

Ich weiß, dass die Gruppe im Moment sehr beschäftigt ist, sagte Clare. Scott hat erzählt, dass sie kaum noch eine freie Minute haben.

Das ist keine Entschuldigung, sagte ich. Man kann sich immer Zeit für Menschen nehmen. Wenn man es überhaupt will.

Wir sind völlig unterbesetzt, erinnerte mich Clare. Jeden Tag werden mehr Leute verhaftet, und es wird immer schwieriger, rechtzeitig …

Vielleicht ist das hier nicht der beste Ort für so ein Thema?, unterbrach Pat unser Gespräch. Ich stellte fest, dass er von einem Schwarm Mädchen umgeben war. Außerdem bemerkte ich, dass er sich trotzdem immer in meiner Nähe aufhielt. Du solltest ihn einfach vergessen, Maddie. Je schneller du das schaffst, desto weniger Lebenszeit hast du verschwendet. Er wandte sich ab und begann mit einem Mädchen hinter sich zu reden.

Ich schloss die Augen. Mir wurde ganz übel bei dem Gedanken, dass meine privaten Gespräche für alle sichtbar auf einem Bildschirm zu lesen waren. Dieser ganze Abend erinnerte mich daran, warum ich die Digital School bekämpfen wollte. Ich verabscheute die Richtung, in die sich unsere Kultur entwickelte. Eigentlich fühlte ich mich genau wie letztes Frühjahr beim Wohltätigkeitsempfang, als ich beim digitalen Tanzturnier zugeschaut und zum ersten Mal erkannt hatte, dass die Gäste süchtig nach ihren makellosen, pixelhäutigen Alter Egos waren. Wir verloren immer mehr den Kontakt zur Wirklichkeit.

Ich brauchte Justin. Er konnte besser als jeder andere die Welt erklären und die verworrenen Knoten in meinem Gehirn lösen. Ich schlug die Augen wieder auf und schaute zwischen dem Saal und dem Bildschirm hin und her. Der Gegensatz zwischen der tanzenden Menge und den reglos dasitzenden Körpern um mich herum hätte nicht größer sein können. Alle versteckten sich hinter ihren Brillen und starrten wie hypnotisiert auf die Party. Ich schaute zu, wie sie ihre unpassenden, allzu schrägen Gedanken löschten, bevor sie ausgesprochen wurden. Diese Selbstzensur machte mich ganz krank. Und das Schlimmste war, dass ich heute Abend ein Teil davon geworden war.

Die Musik hämmerte so laut um mich herum, dass ich mich kaum konzentrieren konnte. Blinkende Discolichter ließen die Körper auf dem Bildschirm aussehen wie Splitter und Scherben. Die Menge fing an zu jubeln, als Glitzerkonfetti vom digitalen Himmel fiel. Alle hoben die Arme und drehten sich lachend im Funkenregen. Auf der riesigen Tanzfläche war ich als Einzige allein. Ich las die Gespräche, die um mich herum wirbelten.

Hast du Lust, morgen mit uns Essen zu gehen?

Wohin denn?

Wir treffen uns in Amsterdam. Da gibt es ein Café namens Lucky. Man kann auf der Veranda sitzen und hat einen tollen Blick über die Kanäle.

Klingt cool.

Warst du schon mal auf einem ChatWalk durch das Rotlichtviertel?

Nee, was ist das denn?

Ich schaute zu, wie sich die Leute über Sites, Vergnügungsprogramme und Chatrooms unterhielten. Warum konnte ich das nicht? Einfach nur mit der Menge verschmelzen? Zufrieden damit sein, sich wie jeder andere zu benehmen? Ich las, wie die Gäste mit Markennamen um sich warfen, ihre Outfits verglichen und mit ihren Schulnoten angaben. Eigentlich sprachen sie nicht miteinander, sondern nur mit sich selbst. Jeder wollte den anderen übertrumpfen und keiner hörte zu. Wieso haben die Leute, die am meisten reden, fast immer am wenigsten zu sagen?

Während ich darüber nachdachte, kam ein Typ auf mich zu und stellte sich als Jeff vor. Er wirkte ganz süß, aber ich sah nur den goldenen Glitter in seinen roten Haaren.

Wieso hast du dich so angezogen?, fragte er und zeigte auf meine Trainingshose.

In ausgeleierter Kleidung fällt weniger auf, dass ich schwanger bin, sagte ich. Er blinzelte verblüfft. Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort in der Menge.

Gute Antwort, sagte Pat.

Ich halte das nicht länger aus, dachte ich. Sieht denn keiner, dass hier alles unecht ist? Ihr existiert überhaupt nicht, ihr lebt nur in euren Fantasien. Wacht endlich auf! Ich drückte auf Senden, und meine Worte erschienen auf dem Bildschirm. Clare griff nach meiner Hand … meiner richtigen Hand, was mich erschrocken zusammenzucken ließ. Sie nahm die Brille ab und schaute mich an. Als sie sich zu mir lehnte und mir leise ins Ohr flüsterte, konnte ich ihren Atem auf meiner Wange fühlen. Ich konnte ihr Haarspray riechen und die besorgte Falte auf ihrer Stirn sehen. Sie war so menschlich, so echt, so beruhigend.

»Sollen wir gehen?«, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf und konzentrierte mich auf die Partyszene.

Die Digital School bringt uns um. Wir sind gar nicht mehr menschlich. Stattdessen benehmen wir uns wie Roboter. Ich schickte die Worte ab, und meine nächsten Gedanken huschten über den Minibildschirm. Dann erloschen sie. Die Empfangsdame erschien wieder und lächelte mich an, als wären wir allerbeste Freundinnen. Sie schlug die Beine übereinander und ihre Miene wurde ernst.

Im Club Nino sind aggressive Bemerkungen untersagt. Ich verwarne dich hiermit zum zweiten Mal. Beim nächsten Verstoß müssen wir dich leider auffordern, dich auszuloggen.

Ich stellte mir vor, was Justin in dieser Situation sagen und tun würde, und mir kam eine Idee. Ich grinste, als sie langsam Gestalt annahm. Schnell löschte ich den Gedanken, bevor er der Privatsphäre meines Gehirns entschlüpfen konnte.

Kapitel Drei


Ich loggte mich aus und stellte meinen Computer ab. Dabei spürte ich die Blicke von Pat und Clare, vermied es aber, sie anzusehen. Ich drückte auf den Hilfe-Knopf an meiner Armlehne. Nur ein paar Sekunden später stand eine Mitarbeiterin neben mir, auf deren goldenem Namensschild SUSAN stand. Sie ging in die Hocke und fragte mich, wie sie mir helfen könne.

»Mein Computer ist abgestürzt«, sagte ich. »Anscheinend kann ich mich nicht neu einloggen.«

Sie lehnte sich über mich und ließ den Computer wieder hochfahren. Als das Menü erschien, benutzte sie zur Anmeldung eine ID-Karte, die an einem Gummiband um ihr Handgelenk hing. Sie scannte die Karte ein, gelangte zur Mitarbeiterseite und tippte ein Passwort in das leere Feld. Ich schaute zu, wie ihre Finger deutlich sichtbar die Tasten drückten. Das war schon fast zu einfach. Ihr Passwort lautete Nino1. Sie probierte ein paar Funktionen aus, und da alles funktionierte, loggte sie sich mit einem Schulterzucken wieder aus. Sie erklärte, das Problem sei behoben und ich könne wieder an der Party teilnehmen. Nachdem sie verschwunden war, starrte Clare mich an.

»Was hast du vor, Maddie?«, fragte sie.

Ich schaute auf meinen Bildschirm und war mir selbst nicht sicher, was mich dazu anstachelte, weiterzumachen. Eine elektrisch knisternde Stimmung lag in der Luft, als würde mich jemand herausfordern.

Jedenfalls startete ich den Computer neu. Während ich wartete, griff ich in die Handtasche, die ich mit Clare teilte, und holte mein Portemonnaie heraus. Magnetische ID-Karten ließen sich leicht austricksen; das wusste ich, seit ich eines von Dads Telefongesprächen belauscht hatte. Als das Hauptmenü aufleuchtete, klickte ich auf die Mitarbeiterseite. Ich wurde nach einer ID gefragt und scannte wahllos die erste Magnetkarte ein, die ich im Portemonnaie entdeckte – eine ganz gewöhnliche Bankkarte. Wie erwartet erhielt ich eine Fehlermeldung. Der Computer forderte mich auf, den Versuch zu wiederholen oder die Information manuell einzugeben. Ich wählte die zweite Option und begann Susans Namen einzutippen. Netterweise war er gespeichert, sodass ihr Nachname automatisch erschien. Ich klickte ihn an und gelangte in ein zweites Menü voller Mitarbeiterfunktionen.

Als ich die Liste herunterscrollte, fand ich bald, wonach ich suchte: Club Nino – Zurück zur Grundeinstellung. Ich nahm an, dass sich damit die ganzen Partygestalten auf dem Wandbildschirm löschen ließen. Also klickte ich auf diese Zeile. Der Computer informierte mich, dass man den Rang eines Aufsehers brauchte, um die Funktion zu aktivieren. Ich zuckte mit den Schultern und hoffte, dass Susan zu den Aufsehern gehörte. Als ich den Befehl noch einmal bestätigte, wurde ich nach meinem Passwort gefragt und gab Nino1 ein. Ich drückte auf Enter.

Mit einem Schlag verschwanden die tanzenden Körper und das Meer aus bunten Discolichtern. Der Bildschirm wurde schwarz. Die Welt blieb stehen. Aus der Menge ertönte ein Keuchen, das sogar die dröhnenden Bässe übertönte.

Zuerst war ich genauso verblüfft wie der Rest des Publikums. Ich hatte nicht erwartet, dass es tatsächlich funktionieren würde. Wie üblich hatte ich mir nicht die Zeit genommen, darüber nachzudenken, was meine verrückten Ideen für Konsequenzen haben konnten. Diese kleine Eigenheit war für die meisten Probleme in meinem Leben verantwortlich. Jetzt blinkte auf dem Bildschirm nur noch ein einsames Eingabesymbol. Da ich weiterhin eingeloggt war, ließ ich meinen Gedanken freien Lauf. Eine solche Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Wer von euch glaubt, dass unser Leben mehr bieten sollte als eine virtuelle Scheinwelt? Wer von euch will die freie Wahl haben?

Meine Worte leuchteten unübersehbar auf dem Bildschirm auf. Da ich keinen Körper hatte, schwebten sie mitten im Nichts wie eine prophetische Warnung. Technomusik stampfte, Bässe dröhnten, und der Adrenalinrausch brachte mein Herz zum Rasen. Die Leute wurden unruhig, nahmen gleichzeitig die Brillen ab und schauten sich um. Zum ersten Mal an diesem Abend gab es Blickkontakte. Ich merkte, wie ich zu lächeln begann.

»Wer ist das?«, schrie einer in der Menge.

Wenn ihr Veränderung wollt, gibt es nur einen Weg: Wehrt euch gegen den DS-Zwang.

Clare schnappte nach meiner Hand. »Hör damit auf, Maddie. Du kannst dir keinen Ärger leisten.«

Ich schaute auf den Wandbildschirm und mein Lächeln wurde breiter. Dort hing plötzlich eine zweite Sprechblase.

Ich höre dir zu, sagte sie.

Es gibt ein Leben außerhalb der Computerwelt. Unser Gehirn ist nicht nur eine Festplatte. Unser Körper ist mehr als eine Datenleitung. Die Technik beherrscht uns so sehr, dass wir Kabel statt Finger haben könnten.

Klar, darauf sind wir eben gedrillt, sagte die andere Stimme.

»Hört auf!«, schrie jemand.

Das Leben ist keine Show. Wenn alles nur toll und unterhaltsam wirkt … dann ist es nicht echt. Und nach diesen Worten verschwanden sämtliche Texte vom Schirm.

Die Technomusik verstummte. Grelle Deckenlampen gingen an. Enttäuschte und verärgerte Stimmen füllten den Raum. Ich lehnte mich im Sessel zurück und nahm mit einem erleichterten Seufzer den MindReader ab. Wo eben noch alle starr und reglos gesessen hatten, kam Bewegung in den Saal. Pat lehnte sich zu mir herüber.

»Das war eine bescheuerte Idee, Maddie«, sagte er.

»Tut mir leid«, gab ich zurück. »Aber wenigstens fangen die Leute jetzt an, sich zu unterhalten.«

»Na, toll. Dafür könntest du verhaftet werden.«

Stimmen echoten von den Wänden. Ich wollte wissen, wer die andere Person auf dem Bildschirm gewesen war, und schaute mich um, als würde sie mir gleich zuwinken.

Eine zierliche Frau im grauen Anzug marschierte von zwei Türstehern begleitet durch den Mittelgang. Nachdem sie die Mitte des Saals erreicht hatte, schaute sie mit sichtbarem Unbehagen auf die Menge. Trotz ihrer schmalen Gestalt klang die Stimme der Frau überraschend laut, als sie sagte: »Wir entschuldigen uns für den Zwischenfall. Es gab ein Problem mit der Computertechnik.«

Ein verärgertes Gemurmel ertönte aus der Menge. Die Frau hob beschwichtigend die Hand.

»So etwas ist im Nino noch nie passiert. Bis wir das Problem lokalisiert haben, müssen wir den Wandschirm leider ausgeschaltet lassen.«

Das Publikum wurde lauter. Einige Stimmen schrien, dass sie schließlich Eintrittsgeld bezahlt hatten.

»Wer nicht auf die Fehlerdiagnose warten will, bekommt selbstverständlich sein Ticket zurückerstattet. Ich entschuldige mich noch einmal für die Unannehmlichkeiten.« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und hastete auf das Ausgangsschild zu. Die beiden Türsteher eilten hinter ihr her.

Mit lautstarkem Stühlerücken standen die Besucher auf und strömten in einer Herde dem Ausgang entgegen. Ich spürte eine Hand an meinem Kleid zupfen.

»Wir sollten lieber verschwinden, bevor sie das Problem lokalisiert hat«, sagte Pat. Ich nickte und erhob mich, aber da versperrte mir schon ein Wachmann den Weg. Er war einen Kopf größer als ich und hatte eine Figur wie ein Schwergewichtsboxer.

»Kommen Sie bitte mit«, sagte er mit einer Bassstimme, die aus der Tiefe seiner massigen Brust zu dröhnen schien. »Wir wollen Ihnen ein paar Fragen stellen.«

Ich schluckte und bemühte mich, selbstbewusst zu wirken, indem ich mir ausmalte, dass ich Springerstiefel statt Stöckelschuhe trug. »Ich glaube nicht«, sagte ich.

»Dann müssen wir leider die Polizei rufen«, sagte er. »Möchten Sie nicht lieber mitkommen, damit wir die Angelegenheit unauffällig klären können?« Er warf mir einen Blick zu, der jeden Widerstand im Keim ersticken sollte.

»Ohne meinen Anwalt rede ich mit niemandem«, bluffte ich. Zwar hatte ich keine Ahnung, was das eigentlich bedeutete, weil ich den Spruch nur aus Filmen kannte, aber er klang abschreckend. Ich schaute zu Pat hinüber, der bloß den Kopf schüttelte.

Der Wachmann rührte sich nicht.

»Ich habe nichts getan«, behauptete ich.

»Dann gibt es auch keinen Grund zur Sorge«, sagte er. Seine Wurstfinger schlossen sich um meinen Arm. Wahrscheinlich könnte er ihn ohne Mühe in zwei Hälften brechen. Ich seufzte und ließ zu, dass er mich in den Gang zog. Über die Schulter warf ich einen Blick auf Pat, Clare und Noah, die mir nervös hinterherschauten, und zuckte möglichst sorglos mit den Schultern. Hoffentlich war meine Schauspielerei überzeugend.

Der Wachmann schob mich durch die Menge. Während wir uns an den Leuten vorbeidrängten, erntete ich unfreundliche Blicke, und man zeigte mit den Fingern auf mich. Einige Gäste zückten ihre Phones, um zu knipsen und zu filmen. Der Wachmann brüllte, sie sollten aus dem Weg gehen. Ich hielt den Blick starr geradeaus gerichtet. Langsam wurde mir klar, was für Probleme ich mir vielleicht eingehandelt hatte. Das hier war mehr als ein harmloser Streich. Gut möglich, dass ich dafür bei der Polizei landete. Der Wachmann hielt meinen Arm fest gepackt, als könnte ich mit meinen Stöckelschuhen einen Fluchtversuch starten. Ich hätte ihm gerne versichert, dass ich keine solchen Absichten hatte. Schließlich hätte er mich schon mit dem kleinen Finger zu Tode quetschen können.

Als wir den Saal verließen, warf ich noch einen letzten Blick zurück. Überall hatten sich Grüppchen gebildet, die redeten und lachten. Zum ersten Mal schauten sie sich gegenseitig ins Gesicht statt auf ihr Bildschirm-Image. Ich musste mir nicht vorwerfen, dass ich ihre Party gesprengt hatte, in Wirklichkeit hatte ich sie erst richtig in Gang gebracht. In der Physik gibt es das Gesetz: Ein Körper bewegt sich nur, wenn man ihn anstößt. Mir gefiel der Gedanke, dass ich als Katalysator gedient hatte, und mein Stolz erwachte. Gleichzeitig schrumpelte mein schlechtes Gewissen zu einer winzigen Kugel zusammen, die ich in die Ecke kickte.

Der Wachmann führte mich durch einen dunklen Flur, an dessen Ende wir vor einer Bürotür stehen blieben. Er klopfte zwei Mal und die Tür sprang auf. Mit einem Stoß beförderte er mich hinein. Ich stolperte auf meinen hohen Absätzen, hielt aber den Kopf erhoben. Meine Gedanken rasten. Noch war ich unschuldig, denn sie mussten erst beweisen, dass ich für alles verantwortlich war. Schließlich hatte ich den Zugangscode der Aufseherin benutzt. Ich fragte mich, wie viel Spielraum ich wohl besaß.

Die Clubmanagerin saß hinter einem unglaublich riesigen Metalltisch, der sie fast zu verschlucken schien. Sie war höchstens 1,60 Meter groß, aber der Wachmann behandelte sie mit enormem Respekt. Er stand stramm wie ein Soldat vor seinem Offizier.

»Da haben wir also die zwei Unruhestifter«, sagte sie. Ich runzelte die Stirn. Wieso zwei? Dann hörte ich eine Bewegung hinter mir.

Ich drehte mich um und sah Justin von einem Stuhl aufstehen. Bei seinem Anblick wurde ich stocksteif. Nur mein Herz schlug wie wild in meiner Brust. Für den Bruchteil einer Sekunde traf mich der Blick aus seinen braunen Augen, dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder der Managerin.

Er machte einen beiläufigen Schritt nach vorn, sodass wir näher beieinander standen. Für einen Clubabend war er sehr zwanglos gekleidet: schwarze Jeans, ein verblichenes schwarzes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke. Seine Haare waren ungestylt und wirkten vom Wind zerzaust. Er war bestimmt nicht darauf aus, Eindruck zu machen, aber seine Ausstrahlung fiel selbst im glamourösen L.A. auf.

Einer der Türsteher informierte uns, dass die Polizei gleich hier sein würde. Mein Magen zog sich nervös zusammen. Doch Justin vergrub seelenruhig die Hände in den Taschen und wirkte nicht im Geringsten beunruhigt. Ich hatte ganz vergessen, wie sehr ich sein unerschütterliches Selbstbewusstsein vermisste. In seiner Gegenwart fühlte ich mich gleich stärker, als sei seine Energie ansteckend. Er hielt den Kopf nach vorn gewandt und ich kopierte seine Haltung. Dabei überlegte ich, was nervenaufreibender war: jeden Moment verhaftet zu werden oder so dicht neben Justin zu stehen und trotzdem die Finger von ihm lassen zu müssen.

Kapitel Vier


»Wollt ihr noch etwas sagen, bevor die Polizei kommt?«, fragte die Managerin. Mir war klar, dass sie auf eine Entschuldigung wartete. Wir sollten vor ihr auf dem Boden kriechen und um Verzeihung bitten, weil wir ihr tolles digitales Tanzparadies zum Absturz gebracht hatten.

Ich konnte einfach nicht anders. Als würden mir die Gedanken immer noch direkt aus dem Kopf gesogen, sagte ich: »Hundert Dollar Eintritt sind lächerlich. Und Ihr Club ist einfach nur lahm.«

Sie fletschte die Zähne. Justin trat einen Schritt vor und räusperte sich.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte er und klang dabei ganz ehrlich. Ich starrte ihn an und konnte kaum glauben, wie zerknirscht er aussah. Als ich mich wieder zu der Managerin umwandte, waren ihre zusammengepressten Lippen weicher geworden. Sie nickte und ihr anklagender Blick richtete sich auf mich.

»Wir wissen genau, von welchen Bildschirmen die Sätze abgeschickt wurden«, sagte sie selbstgefällig. »Und wir wissen, wer dort saß.«

»Ich habe einfach nicht nachgedacht«, fiel Justin ihr ins Wort und lächelte sie unschuldig an. »Eigentlich wollte ich die Party nur etwas aufmischen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht in meinem Club. Das Nino ist ein Ort, um Freundschaften zu schließen und sich dabei geborgen und sicher zu fühlen.«

Ich konnte nur mit Anstrengung ernst bleiben. Klar, für Freundschaften gab es keinen besseren Platz als das Nino. Wenn man nichts dagegen hatte, virtuell begrapscht zu werden.

»Politik hat hier nichts zu suchen«, fügte sie hinzu und starrte mich an. »Und wenn du gerne über die hundert Dollar Eintritt reden möchtest … Ist dir eigentlich klar, was für eine Summe du uns heute gekostet hast?«

»Wir können dafür aufkommen«, bot Justin an.

»Was?«, murmelte ich ungläubig und warf einen Blick in seine Richtung.

Die Managerin trommelte mit ihren spitzen Fingernägeln auf die Tischplatte, während sie darüber nachdachte. Wir hörten Gepolter vor der Tür, die gleich darauf aufgerissen wurde. Der bullige Wachmann, der mich hierher eskortiert hatte, kam ins Zimmer marschiert.

»Trey, kannst du dich nicht über den Wandschirm melden, statt in mein Büro zu platzen?«, fragte sie.

»Die Verbindung ist immer noch unterbrochen«, gab er zurück. Die Managerin knirschte mit den Zähnen und befahl, die Bildschirme sofort wieder in Gang zu bringen. Aber er meinte, dafür sei es zu spät. Der Partysaal war bereits leer.

»Dafür ist die Lounge über Maximum gefüllt«, berichtete Trey. »Und eine ganze Horde steht draußen auf der Straße und auf den Shuttleschienen. Sie blockieren den Verkehr.« Durch das verspiegelte Fenster hörten wir die Leute draußen lachen und rufen.

Die Managerin erhob sich mit einem schweren Seufzer und folgte Trey.

»Ihr beide bleibt hier und könnt ausgiebig darüber nachdenken, was ihr angestellt habt«, sagte sie im Vorbeigehen. »Wir haben an diesem Abend über fünfzigtausend Dollar verloren. Alles nur wegen eurer … Faxen. Bildet euch bloß nicht ein, dass das Nino so ein Benehmen durchgehen lässt.«

Ich hüstelte, um das Lachen zu unterdrücken, das in mir hochsteigen wollte.

Sie wandte sich Trey zu. »Du postierst dich direkt vor der Tür und rührst dich nicht vom Fleck.«

Er nickte. »Jawohl.« Nachdem er uns ebenfalls noch einmal drohend angefunkelt hatte, folgte er ihr nach draußen und warf die Tür hinter sich zu. Ich blinzelte ihm nach. Plötzlich war alles ganz still. Die Luft schien zu prickeln und sich mit einer vertrauten Energie aufzuladen. Ich drehte mich um und begegnete Justins Blick.

»Hat sie gerade Faxen gesagt?«, fragte er.

»Das ist anscheinend der neueste Ausdruck für die Schandtaten krimineller Jugendlicher«, stellte ich trocken fest.

Auf seinem Gesicht erschien ein Grinsen. Seit Wochen hatte ich mir ausgemalt, wie wir uns wiedersehen würden, aber meine Fantasien waren alle etwas romantischer gewesen als unsere augenblickliche Situation … nämlich in einem schlecht beleuchteten Büro zu stehen, wo uns eine machtgeile Managerin mit Bußgeld oder Verhaftung drohte.

Sein Blick blieb weiter an mir hängen und ich wartete darauf, dass er etwas sagte. Anscheinend reichte es ihm aber, mich wortlos anzuschauen. Währenddessen füllte sich mein Kopf mit Fragen: Wo hast du gesteckt? Wieso hast du dich nie gemeldet? Hast du wenigstens ein einziges Mal an mich gedacht? Mir bist du nämlich keine Sekunde aus dem Kopf gegangen.

»Was machst du hier?«, fragte ich. Er musterte mich noch ein bisschen länger. Wahrscheinlich versuchte er zu erraten, was für Gefühle hinter meiner Frage steckten.

»Ich bin auf dem Weg nach San Diego und wollte dich überraschen. Noah hat mir gesagt, wohin ihr heute Abend geht.« Er breitete ungläubig die Arme aus »Das Nino? Also ehrlich, von den ganzen tollen Locations in Los Angeles entscheidet ihr euch ausgerechnet für den Treffpunkt der Generation Snob?«

»Hey, das war nicht meine Idee«, sagte ich. »Und immerhin habe ich den Laden gerade dichtgemacht, also bin ich wohl auch kein großer Fan.«

Er schüttelte den Kopf und schaute mir wieder in die Augen. »Anscheinend machst du dir überhaupt keine Sorgen um die Polizei. Ich glaube, das sollte mir zu denken geben.«

»Bis eben habe ich mir noch Sorgen gemacht. Aber jetzt bist du schließlich da«, sagte ich schlicht.

Er runzelte die Stirn. »Glaubst du, ich tauche immer wie durch Magie auf und hole dich aus dem Schlamassel?«

Ich dachte darüber nach. »Eigentlich ist es eher umgekehrt. Du tauchst wie durch Magie auf und schon stecke ich im Schlamassel drin«, stellte ich fest. »Du bist mein Gegenmittel gegen die tödliche Langeweile einer angepassten Lebensweise.«

»Na, vielen Dank«, sagte er. Sein Blick wanderte an meinem Kleid herunter und er hob die Augenbrauen. »Diesen Fummel hast du auf dem Bildschirm aber nicht angehabt«, stellte er fest.

Ich wurde rot. Wahrscheinlich fand er es lächerlich, wie sehr ich mich aufgedonnert hatte. Peinlich berührt verschränkte ich die Arme vor meinem knappen Oberteil.

»Ich wusste ja nicht, dass der Club nur virtuell ist«, sagte ich. »Wie lange warst du eigentlich schon im Saal?«

Einer seiner Mundwinkel hob sich. »Lange genug, um zu lesen, dass ich fanatisch und extrem bin. Das mit dem Star-Komplex hat mich echt getroffen.«

Bevor ich antworten konnte, wurden wir von näher kommenden Schritten unterbrochen. Die Tür öffnete sich summend und wir beide setzten eine ernste Miene auf, wie zwei Kinder, die man zur Strafe in die Ecke gestellt hatte. Die Managerin stöckelte an uns vorbei zu ihrem Tisch und ließ sich gestresst auf den Stuhl fallen.

»Ich muss schon sagen«, bemerkte sie, »da habt ihr uns wirklich was eingebrockt. Jetzt sind auch noch die Medien hier.« Sie nahm ein Schlüsselband mit mehreren Magnetkarten vom Hals und legte es vor sich auf den Tisch. Dann studierte sie die Informationen auf ihrem Flipscreen und fuhr sich nervös mit den Fingern durch die schulterlangen braunen Haare.

»Die gute Nachricht ist, dass wir euch beide gespeichert haben«, sagte sie. »Paul Luddite und Rebecca Riggs?« Mit einem triumphierenden Lächeln wartete sie, bis wir nickten. »Anscheinend habt ihr vergessen, dass wir eure Fingerabdrücke gescannt haben, als ihr in den Club kamt. Die Segnungen der Technologie … Jetzt habe ich Zugang zu euren sämtlichen Daten. Wenn ihr so clever wäret, wie ihr euch einbildet, hättet ihr daran gedacht.«

Die Tür wurde zum zweiten Mal aufgerissen und Trey schaute herein.

»Du könntest wenigstens klopfen«, fauchte sie ihn an. Justin und ich wechselten einen belustigten Blick.

»Die da draußen wollen dich interviewen«, sagte er. Sie hob die Augenbrauen. Zwar versuchte sie, darüber verärgert zu wirken, aber in ihren Augen funkelte es gierig.

»Das Fernsehen?« Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Bluse und glättete einige Fältchen an ihrem Blazerärmel. »Ich brauche nur eine Minute, um mich frisch zu machen.« Sie zog eine kleine Kosmetiktasche aus der Schreibtischschublade und ging. Dabei rief sie uns über die Schulter zu, dass sie sich später ausgiebig um uns kümmern würde. Die Tür schlug krachend hinter ihr zu.

Vor dem Fenster schwoll der Lärm zu einem Crescendo an und die Menge jubelte. Ich schaute zu Justin hinüber und stellte fest, dass er mich schon wieder gedankenverloren musterte.

»Paul Luddite?«, fragte ich. »Interessanter Name. Keine zufällige Wahl, nehme ich an?«

Er lächelte und seine Grübchen kamen zum Vorschein. »Du hast von den Ludditen gehört?«

»Ich habe davon gelesen. Ihre Gruppe hat sich im England des frühen Neunzehnten Jahrhunderts gegen die Industrielle Revolution gewehrt. Sie waren der Meinung, dass die Maschinen den Menschen ihre Arbeit wegnehmen, und haben gewaltsam dagegen protestiert.«

»Stimmt«, sagte Justin.

»Man hat sie auch ›Die Maschinenstürmer‹ genannt«, fuhr ich fort.

»Klingt doch gut«, sagte er. »Wo wir gerade von Protest reden … Wir können aus dieser Sache ziemlich leicht rauskommen, wahrscheinlich sogar mit einer harmlosen Geldbuße, wenn du wenigstens versuchen könntest, zerknirscht auszusehen.«

Ich trommelte mit dem Fuß auf den Boden und dachte darüber nach. Der Geruch seiner Lederjacke stieg mir in die Nase. Der Stoff knirschte leise, wenn er sich bewegte, und seine Fingerspitzen sahen aus den Ärmeln hervor. Wenn wir frei kamen, konnte ich ihn endlich berühren. Das war Motivation genug. »Du bist sicher, dass sie nicht die Polizei rufen?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Clubs wie dieser sind dafür bekannt, dass sie auch Minderjährige einlassen. Wenn sich die Polizei einmischt, könnte das Nino seine Lizenz verlieren. Nein, damit wollen sie uns nur Angst einjagen.« Er trat einen Schritt näher. »Also tu mir den Gefallen. Hör auf, dich mit der Managerin herumzustreiten. Schluck deinen Stolz herunter und erzähl ihr, wie leid es dir tut.«

»Aber sie haben keine Beweise«, sagte ich nur aus Prinzip. »Vielleicht war es ein Computervirus oder jemand hat sich von außen in das System gehackt. Bestimmt sind ihre Festplatten alle miteinander verbunden und …«

»Maddie«, sagte er, und schon der Klang meines Namens aus seinem Mund ließ mich lächeln. »Du führst hier einen Kleinkrieg gegen eine Bar-Angestellte. Reiß dich zusammen und gib ein einziges Mal nach. Man muss nicht jede Schlacht bis zum bitteren Ende schlagen.«

Ich schaute schmollend zu Boden, musste aber zugeben, dass er ein bisschen recht hatte. »Na gut«, sagte ich. »Nachgeben fällt mir eben schwer.«

Er hob mein Kinn mit einem Finger und lächelte. Seine Grübchen wurden noch deutlicher und meine ganze Streitlust war wie weggeblasen.

»Habe ich schon erwähnt, wie sexy ich dich als rebellischen Teenager finde?«, fragte er und ich konnte nur mühsam den Kopf schütteln. Er strich mir die Haare zurück, sodass sie über meine Schultern fielen, und sein Blick schien mich etwas zu fragen. Dann senkte er langsam den Kopf und berührte meine Lippen mit seinen. Ich packte ihn bei der Taille und zog ihn näher heran, aber da wurden wir erneut abgelenkt. Schwere Schritte stampften auf die Tür zu. Justin beugte sich weiter herunter, bis sein Mund warm gegen meinen Hals gepresst war. Er strich mit beiden Händen meinen Rücken entlang. Wir konnten Trey und die Managerin auf der anderen Wandseite streiten hören.

Mein Puls raste wie wahnsinnig.

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