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Madame Zhou und der Fahrradfriseur

Inhaltsübersicht

Der Chemiekuchen

ODER: Dang wo lai de shi hou, wo zhi zhi dao yi dian, dang wo zou de shi hou, wo ye mei zhi duo shao – Als ich angekommen war, wusste ich nur wenig, als ich wieder wegfuhr, wusste ich kaum mehr

Spickzettel (1)

Die Autonummer

ODER: Yue chao yue you zi wie – Wer lärmt, hat mehr vom Essen

Spickzettel (2)

Der Spatzenkrieg

ODER: Hun shui ye neng xi wu hui – Auch schmutziges Wasser wäscht den Schmutz

Spickzettel (3)

Die »Mörderkinder«

ODER: Liu xia lai de shi lu di xia de hui jin – Geblieben ist nur die Asche unter den Öfen

Spickzettel (4)

Die Pekingente

ODER: Wo ke yi chang chu lan duo de zi wie – Ich glaube die angenehme Süße des Faulseins zu schmecken

Spickzettel (5)

Das Geschäftsessen

ODER: Bai fen zhi ling dian ling yi de cuo wu yi jing shi bai fen zhi yi bai tai duo le – 0,01 Prozent Fehler sind schon 100 Prozent zu viel

Spickzettel (6)

Der Kampfwagen

ODER: Dao zou 100 mi bi wang qian zou 1 gong li jian kang – Es ist gesünder, 100 Meter rückwärts als einen Kilometer vorwärts zu gehen

Spickzettel (7)

Der Abt

ODER: Fen shou de shi hou wo ba shou fang zai xiong qian – Beim Abschied lege ich die Hand auf mein Herz

Spickzettel (8)

Das Mao-Gedicht

ODER: »Di qiu qing ting yi xia, wo yao xia che!« – »Erde halt an, ich will aussteigen!«

Spickzettel (9)

Das Alpaca-Pferd

ODER: He xie ru he zheng fu zhong guo hu lian wang – Wie die Flusskrebse das chinesische Internet erobern

Spickzettel (10)

Das Sprengkommando

ODER: Dong de jun guan zhuan hang dao bei jing zhi zao xiang chang – Die Umschulung des DDR-Militärattachés zum Pekinger Wurstmacher

Spickzettel (11)

Das Teehaus

ODER: Yan lun de wei xian xing – Von der Gefährlichkeit der Worte

Spickzettel (12)

Die Souvenirverkäufer

ODER: »Bu dao chang cheng deng yu mei qu guo zhong guo« – »Wer nicht auf der Großen Mauer gestanden hat, war nicht in China«

Spickzettel (13)

Das Vogelnest

ODER: Bai wen bu ru yi jian – Hundert Mal gelesen ist nicht so viel wie ein Mal gesehen

Spickzettel (14)

Der Wachjunge

ODER: Neng dang li fa shi de, bi ran hui dui lai jian fa ren de gu shi gan xing qu – Friseur wird nur, wer neugierig ist auf die Geschichten der Köpfe

Spickzettel (15)

Die Geisel

ODER: »Wo zai wai guo ju zhu de shi jian bi zai de guo chang« – »Ich war in der Fremde länger zu Hause als in Deutschland«

Spickzettel (16)

Die Skulptur

ODER: »Wei shen me yao ba gong? hai you hen duo qi ta zhong guo ren« – »Weshalb streiken? Es gibt so viele andere Chinesen«

Spickzettel (17)

Das Unglück

ODER: Dang er zi wei fu mu bei pi dou er qing zhu de shi hou – Als der Sohn die Vertreibung der Eltern feierte

Spickzettel (18)

Der Abschied

ODER: Zhe hen hao, mei you jing li – Es ist gut, dass keiner salutiert hat

Der Chemiekuchen

ODER:

Dang wo lai de shi hou, wo zhi zhi dao yi dian, dang wo zou de shi hou, wo ye mei zhi duo shao – Als ich angekommen war, wusste ich nur wenig, als ich wieder wegfuhr, wusste ich kaum mehr

Polizisten, die Brust wie Eishockeyspieler mit Schutzwesten gepolstert und die MPi wie eine Mutter ihr Kind mit beiden Händen vor dem Bauch schaukelnd, umrunden langsam das Innere des Flughafengebäudes. Minutengenau kommen sie gleich den Prozessionsfiguren eines Kirchenspieles paarweise in Sicht und verschwinden dann behäbigen Schrittes wieder in der Menschenmenge. Jedes Mal wenn sie im Bistro, vor dem ich stehe, auftauchen, umringt ein hektischer Pulk von Journalisten die roboterstarr geradeaus schauenden Uniformierten und fotografiert sie von vorn, von hinten und von der Seite. Die meisten richten das Objektiv auf die Füße der im Entengang watschelnden Gesetzeshüter. Ich nehme an, dass es hier verboten ist, Polizisten so zu fotografieren, dass sie von jedermann identifiziert werden könnten.

Nach dem dritten Rundgang schaut ein Fotograf, der mit seiner schief aufs Ohr gesetzten Baskenmütze sehr kunstverdächtig aussieht, suchend in die Umherstehenden, steuert dann zielgerichtet auf mich zu und fragt: »Sind Sie ein Deutscher?«

Ich nicke. Er holt Stift und Notizblock aus der Jackentasche und möchte wissen, ob ich mich durch die MPi-tragenden Polizisten beschützt fühle.

»Beschützt vor wem?«, frage ich.

»Vor den Anschlägen der Al-Kaida-Terroristen!«

Ich verstehe nicht.

Er erklärt, dass Innenminister de Maizière heute Morgen vor solchen Anschlägen gewarnt hat.

Ich erwidere, dass ich den Politikern hierzulande misstraue und der Innenminister die Terrorwarnung eventuell nur inszeniert hat, um von sozialen und anderen aktuellen Problemen abzulenken. Der für eine Berliner Zeitung schreibende Journalist meint, dass es bestimmt zu wenig bewaffnete Polizisten wären, um einen Angriff auf den Flughafen Tegel abzuwehren, notiert mein zustimmendes Nicken, freut sich, dass ich ihm Namen und Wohnort nenne und sogar erlaube, mich zu fotografieren, verabschiedet sich mit der Frage, wohin ich fliegen werde, dreht sich, bereits im Gehen, noch einmal um, weil ich »Peking« sage, drückt mir die Hand und wünscht Glück für die Reise in das Land, das sich anschicke, durch seinen Reichtum die Welt zu beherrschen. Und wahrscheinlich, meint er, gäbe es in China nicht einmal Terroristen, denn jeder Chinese werde auf Schritt und Tritt überwacht, die Presse unterdrückt …

Bevor ich ihm entgegnen kann, dass es bestimmt sehr schwierig ist, 1,3 Milliarden Chinesen auf Schritt und Tritt zu überwachen, entschuldigt er sich. Er will auf dem Hauptbahnhof Fahrgäste zur neuen Sicherheitslage in Deutschland befragen und ruft nur noch einmal: »Alles Gute für Sie in China.«

Der Mann, der auf der Fahrt zum Flughafen im Bus neben mir saß, ein 60er in braunen Cordhosen und grünem Lodenmantel, unter dem ein blauer Seidenschlips glänzte, sagte nicht »China«, sondern »Kina«. Er hatte mir erzählt, dass er vor 5 Jahren als Tourist in Kina war und die Kinesen ihn freundlich behandelt hatten. »Nur das Essen bei den Kinesen …«

Weshalb er von Kina und Kinesen spreche, wollte ich wissen. Er meinte, dass Kina die in humanistisch gebildeten Kreisen übliche Bezeichnung für das Reich der Mitte sei. So hätte er das im Gymnasium in Nürnberg gelernt.

Ich könne mich auf die Kinesen freuen. »Sie sind ein sehr gastfreundliches Volk. Aber viele besitzen nicht einmal genügend Geld, um sich ausreichend Essen zu kaufen. Kina hat zwar neue Hochhäuser und neue Fabriken, ist aber sonst sehr, sehr arm.«

Ich hätte dem Mann zum Gegenbeweis meine ausgeschnittenen Zeitungsartikel zeigen können: Die Chinesische Bauernbank platziert im Sommer 2010 beim größten Börsengang der Geschichte Aktien für über 22 Milliarden Euro … Die chinesische Autofirma Zhejiang Geely kauft für 1,4 Milliarden Euro vom amerikanischen Autokonzern Ford den schwedischen Automobilhersteller Volvo … Die Volkswirtschaft Chinas wächst seit 1980 im Schnitt jährlich um 9,5 Prozent und verdrängt Japan vom zweiten Platz in der Welt … Ausländische Konzerne verkaufen auf dem anscheinend unersättlichen chinesischen Markt im ersten Halbjahr Millionen Autos (unter anderem Nissan eine halbe Million, Renault 850 000, VW 500 000) … Der chinesische Staatskonzern Cholco erwirbt beim britisch-australischen Baustoffkonzern Rio Tinto für 1,35 Milliarden Euro Eisenerzschürfrechte in Guinea … Und … Und … Und …

Doch die Zeitungsausschnitte liegen in meinem Koffer ganz unten.

 

Das Einchecken für den Flug in die Hauptstadt der Volksrepublik China beginnt damit, dass ein ungefähr 30-jähriger Chinese, der zur auberginefarbenen Uniform mit goldenen Knöpfen einen goldenen Schlips trägt, am Businessschalter als Abgrenzung vom gemeinen Flugvolk ein goldenes Geländer aufstellt, einen mit goldenen Ornamenten verzierten roten Teppich ausrollt und ihn mit dem Staubsauger von mir nicht sichtbaren Fusseln säubert. Er bleibt neben dem Schalter stehen, begrüßt die Ankommenden entweder mit einer leichten Verbeugung oder einem freundschaftlichen Handschlag und erkundigt sich bei manchen in gutem Deutsch nach dem Befinden. Einige der Angesprochenen packen Laptops aus, und ein Mann mit gegeltem, aber schon schütterem Haar präsentiert dem Mitarbeiter der staatlichen chinesischen Fluggesellschaft die Zahlen für sein neuestes China-Projekt. Er möchte in Peking ein internationales Weiterbildungsseminar für zahlungskräftige Mediziner organisieren. Mehrmals hat er alle Einnahmen und Ausgaben sorgfältig addiert, aber es fehlen immer noch 30 000 Euro. Der Livrierte sagt: »Die 30 000 werden Sie sich, wenn Sie einen chinesischen Partner an Ihrem Unternehmen beteiligen, in Peking leicht besorgen können. Laden Sie ihn zuerst zum Essen ein, und …«

Die Beratung endet abrupt, als sich eine lärmende Gruppe von vielleicht fünfzig Chinesen nähert. Obwohl sie nicht im Pulk, sondern in Zweierreihen laufen, versucht jeder, an der Spitze zu marschieren. Ein sie begleitender Deutscher in grauem Anzug und dunkelblauem Schlips schüttelt genervt den Kopf. Wieder und wieder fragt er, ob sie ein Businessticket besitzen würden, dann könnten sie auf dem roten goldgemusterten Teppich einchecken. Ansonsten … Alle stürmen zu dem Businessschalter. Doch schon den Zweiten schickt die Frau hinter dem Schalter zur Economy-Class. Stöhnend beginnt der deutsche Begleiter alle Tickets der Chinesen zu kontrollieren und sortiert die Gruppe auseinander. Zum Schluss dürfen sich nur fünf oder sechs am »Goldenen Schalter« anstellen.

Ich möchte wissen, woher die chinesische Delegation kommt, und heuchle dem genervten Begleiter gegenüber solidarisches Bedauern, indem ich erfinde, dass ich vor einigen Wochen auch eine Gruppe Chinesen durch Thüringer Betriebe führen musste. Und klopfe ihm tröstend auf die Schulter.

»Chinesische Techniker?«, fragt er.

Ich nicke.

Technisch interessierte Chinesen wären leichter zu lenken, behauptet er.

Seine Chinesen dagegen sind von der Regierung und der Kommunistischen Partei Chinas ausgesuchte Mitarbeiter und haben an einem von der Bundesregierung organisierten juristischen Seminar über Fragen des Urheberrechtes teilgenommen. »Schließlich kopieren die Chinesen nicht nur die meisten Filme, CDs und Computerprogramme, sondern auch technische Markenartikel.«

Die deutschen Juristen hätten versucht, den Chinesen beizubringen, dass das Urheberrecht international eingehalten werden muss. »Denn zwei Drittel aller gefälschten Produkte, die in der EU beschlagnahmt werden, und das jährlich in einem Wert von über 100 Millionen, kommen aus China.« Lachend erzählt er die Geschichte eines europäischen Ministers, der in China den Schutz geistigen Eigentums anmahnen sollte und sich dort eine, wie er später merkte, gefälschte Rolex gekauft hatte.

Die deutschen Seminarleiter hätten natürlich auch das Thema der Menschenrechtsverletzungen in China angesprochen: Tibet und die Unterdrückung der Opposition. »Doch dazu sagte keiner der Chinesen ein Wort.«

Ich frage ihn, weshalb nicht alle fünfzig Seminarteilnehmer der chinesischen Delegation in der Business-Class fliegen dürfen.

»Man muss die chinesische Rangordnung einhalten. Manche sind Abteilungsleiter von Ministerien und andere einfache Mitarbeiter.« Er hätte für alle eine bevorzugte Abfertigung im VIP-Bereich besorgen können. Aber die kostet pro Person 80 Euro. »Noch einmal rund 4000 Euro Steuergelder für die Chinesen ausgeben, die mehr Geld als wir im Staatssäckel haben? Nee!«

Der deutsche Beamte an der Passkontrolle ist aus seinem Kabuff verschwunden, um Kaffee zu trinken. Die Abfertigung stockt. Einige Chinesen laufen zu einem Schalter im Seitengang. Dort können Ausländer Anträge ausfüllen, damit sie für ihre in Deutschland gekauften Waren die Mehrwertsteuer zurückerhalten. Ich setze mich abseits vom Eincheckschalter auf eine der wenigen Bänke im Flughafenrondell. Ein junges chinesisches Paar rückt zur Seite. Sie packt eingeschweißte Wiener Würstchen aus, er nimmt aus seiner Tasche in Plaste eingepackte Brötchen. Sie beißen zaghaft in die Würste, kauen dann sehr schnell. Als sie die Brötchen herausholen, deren Festigkeit zwischen Daumen und Zeigefinger prüfen und den ersten Biss machen, lese ich auf der Verpackung, dass die Brötchen vor dem Verzehr noch 15 Minuten gebacken werden müssen. Ich versuche, es den beiden zu erklären. Irgendwann begreifen sie das für sie Unbegreifliche, wollen zwar nicht verstehen, dass man eingepackte Brötchen nicht essen kann, lächeln dann aber dankbar.

Ich erinnere mich an eine der ersten Geburtstagsfeiern meiner Mutter nach der Wende. Sie stellte auf den mit Kerzen geschmückten Tisch nicht nur, was zuvor unmöglich gewesen war, einen Strauß Rosen (am 8. Januar!), sondern kredenzte auch, wie sie stolz verkündete, einen besonderen mit Mohn verfeinerten Quarkkuchen einer Markenfirma aus dem Westen. Alle lobten Mutters Kaffee und den nassen Kuchen. Als die ersten Gäste sich schon das zweite Stück nahmen und Mutter sagte, dass sie ihn aus der Gefriertruhe im Supermarkt geholt und nur noch auftauen musste, ich aber den ersten Bissen immer noch nicht heruntergeschluckt hatte, ging ich in die Küche und suchte im Mülleimer die Verpackung. Darauf stand, dass der Kuchen nur noch zwanzig Minuten bei 175 Grad … Ich habe damals – wie gesagt, es war gleich nach der Wende – lange überlegt, aber dann gedacht, dass der Kuchen in diesem Zustand vielleicht gesundheitsschädlich wäre, und alle mit der Neuigkeit überrascht, dass auch ein eingeschweißter Marken-Kuchen aus dem Westen noch fertig gebacken werden muss.

Der Passbeamte hat seine Kaffeepause beendet und setzt sich nun gutgelaunt in seine Buchte. Während er ihre Pässe kontrolliert und stempelt, quatscht er die Chinesen, ob sie Deutsch verstehen oder nicht, unentwegt an. Einen sehr Pausbäckigen frotzelt er: »Auf dem alten Foto siehste aber noch mager, um nicht zu sagen verhungert aus. Inzwischen auch Millionär geworden und zu viele Peking-Enten gegessen, oder?« Noch nachdem er zwei weitere Chinesen kontrolliert hat, lacht er über seinen Witz.

Wegen der Verzögerung bei der Passkontrolle bleibt nur noch wenig Zeit bis zum »Boarding«. Zwar bringe ich für den Erzgebirgler Klaus Schmuck, der mich nach Peking eingeladen hat und bei dem ich wohnen werde, schon Kräuterschnäpse und Thüringer Würste mit, doch ich denke, dass es nicht schadet, im Duty-Free-Shop (der oft teurer als ein deutscher Supermarkt ist) vorsichtshalber noch eine Literflasche polnischen Büffelgrasschnaps zu kaufen. Als ich bei der Kasse stehe, stürmen an die dreißig Chinesen den Laden. In Windeseile und sich laut anschreiend, stapeln sie, ohne auf die Preisschilder, sondern nur auf die Marken zu achten, Parfüm, Alkohol und Schokolade in ihren Korb und stellen sich danach wie selbstverständlich ganz vorn an die Kasse. Durch ihr Überrumpelungsmanöver bekomme ich meinen ersten Körperkontakt mit Chinesen. Anschließend kämpfe ich mich, der zuvor an der dritten Stelle stand, mit Ellenbogen und Händen schiebend, wieder bis an die zehnte. Nachdem alle abkassiert sind, sagt mir die Verkäuferin, dass es heute noch sehr gesittet zugegangen ist. Manchmal würde kurz vor dem letzten Aufruf eine halbe Flugzeugladung Chinesen in den Regalen wühlen, die sich dann an der Kasse, schreiend und gegeneinander kämpfend, vordrängelten.

Ich frage, ob sie sich auch um den Vortritt prügeln.

»Nein, eine Schlägerei habe ich noch nicht erlebt. Sie sind einzeln sehr höflich und friedlich, die Chinesen. Nur in der Masse kennen sie keine Benimmregeln.«

Im Flugzeug muss ich durch die 1. Klasse gehen, um nach hinten zu kommen. Die großen roten mit der goldenen Lotosblume, dem Symbol der Hainan-Airline, geschmückten Plüschsessel stehen so weit voneinander entfernt, dass man sie bequem zum Schlafen umfunktionieren kann. Über den Sitzen in der 2. Klasse – sie scheinen von den amerikanischen Boeing-Erbauern extra für kleine, schmale Chinesen konstruiert worden zu sein – leuchten, kaum dass ich sitze, die Zeichen für »Anschnallen« und »Rauchen verboten!«. Und auf den individuellen Bildschirmen, die an jeder Rückenlehne angebracht sind, kann man sich die Sicherheits- und Rettungsübungen ansehen. Aber die Chinesen stehen noch auf den Sitzen, um Gepäck zu verstauen, rennen, ihre Plätze tauschend, zwischen der 1. und 2. Klasse hin und her und schreien von der letzten Reihe nach vorn zur ersten.

Auch als sich die Stewardessen zur Begrüßung tief verbeugen, beachtet sie keiner. Stattdessen telefonieren die Chinesen, fotografieren sich gegenseitig oder drängeln noch einmal zur Toilette. Ich aber bin fasziniert vom Aussehen der Stewardessen und denke – obwohl ich das nur im Fernsehen erlebt habe – sofort an Pekingoper. Die schlanken Frauen in ihren dunkelroten Kostümen haben die schwarzen Haare so straff zu einem Knoten nach hinten gebunden, dass ihre, den antiken Statuen ähnelnde, hohe Stirn hervorgehoben wird. Die Augenbrauen sind abrasiert und hauchdünn nachgezogen, die Lippen wie bei einer Maske grellrot geschminkt und die Krägelchen ihrer Jacken rot, schwarz und golden gestreift.

Nach dem Start um 18.25 Uhr – in China ist es 1.25 Uhr – werden die Passagiere auf allen Bildschirmen mit den touristischen Höhepunkten Chinas begrüßt: der aus Felssteinen gefügten großen Chinesischen Mauer, den goldverzierten buddhistischen Tempeln, den in der Sonne funkelnden Wasserfällen, den vom Grün der Teeblätter bedeckten Bergen. Dazwischen werden die an Bord üblichen Preise für amerikanische Zigaretten, französisches Parfüm und Schweizer Schokolade eingeblendet.

Mein Nachbar ist ein sehr schmächtiger Chinese. Er will den durch Fingerberührung zu bedienenden Bildschirm ausschalten, schafft es nicht und bittet mich in fließendem Englisch um Hilfe. Doch weder mein technisches Verständnis noch meine bruchstückhaften Kenntnisse der Weltsprache reichen aus, um mit ihm das Problem zu lösen. Er versucht mir die Ungerechtigkeit klarzumachen, dass die Sprache, die 1,3 Milliarden Menschen, also jeder Fünfte auf der Erde spricht, so bedeutungslos ist, dass ein Chinese, um verstanden zu werden, Englisch, also die Sprache der dadurch die Welt bestimmenden und manipulierenden USA beherrschen muss. Er schaut mich ungläubig an und begreift nicht, dass es in Deutschland noch Menschen gibt, die sich nicht fließend Englisch verständigen können. Obendrein wenn sie nach China reisen.

Ansonsten verstehen wir uns während des 9 Stunden dauernden Nonstop-Fluges sehr gut. Er stellt sich als Xiao Wang (Kleiner Wang) vor, rückt, wenn ich meinen Ellenbogen auf der gemeinsamen Sitzlehne platziere, höflich weiter zur Seite, reicht mir, damit ich bequemer sitze, zusätzlich sein rotes mit der goldenen Lotosblume verziertes Kissen, sucht den Stift, der mir hinuntergefallen ist, und klappt zuvorkommend meinen Esstisch herunter.

Die schönen, sich graziös bewegenden Stewardessen servieren, nein, sie zelebrieren schon kurz nach dem Start das erste warme Essen. Jedem wird mit einem vollendeten, wie echt wirkenden Lächeln ein großes, warmes, feuchtes Stofftuch gereicht. Weil es sich mein Nachbar wie die anderen Chinesen, anhaltend laut und genüsslich stöhnend, auf das Gesicht legt und erst danach die Hände damit abwischt, mache ich es ebenso. Und atme sehr tief und sehr lange den Jasmin-Blütenduft einer fremden Welt ein.

Eine Stewardess, die dabei wie ein kleines Kind singt, sammelt die Tücher wieder ein, die zweite serviert das Essen. Ich möchte Reis mit Huhn in Curry. Aber sie versteht mich nicht, und ich bekomme Gulasch mit Kartoffeln. Die Dritte bietet roten oder weißen Wein (ohne Zuzahlung!) an und schenkt mir, weil ich sehr schnell ausgetrunken habe, unaufgefordert noch einmal lächelnd nach.

Gegen 4 Uhr chinesischer Zeit wird das Kabinenlicht gelöscht. Auf dem Bildschirm jagen CIA-Agenten russische Mafia-Banden …

Auch Chinesen schnarchen. Damit meine Gedanken endlich einschlafen können, hätte ich wahrscheinlich noch ein drittes Glas vom roten chinesischen Wein trinken sollen. Immer wieder frage ich mich, was ich über meinen Pekinger Gastgeber Klaus Schmuck weiß. Nur, dass er im Erzgebirge aufgewachsen ist, danach in Moskau Außenpolitik mit der Spezialisierung China studiert, ein Praktikum in der DDR-Botschaft in China absolviert und ein Sprachstudium an einer Pekinger Uni beendet hat. Dass er zur Wende im DDR-Außenministerium in Berlin arbeitete, danach ein Westberliner Pharmaziehandelsunternehmen auch in Russland vertrat und schließlich, weil er in Deutschland keinen Job mehr bekam, vor 11 Jahren mit seiner Freundin, die er inzwischen geheiratet hat, nach China ging, sich zuerst mit Fensterbau, später mit Unternehmensberatung durchschlug und jetzt der Ansprechpartner einer Wälzlagerkomponentenfabrik aus Mittweida in China ist. Seine Frau Monika arbeitet bei einer deutschen Entwicklungsgesellschaft als Leiterin der Finanzabteilung. Zwischen Arzneimittelverkäufer in Russland, der Arbeitslosigkeit und China gibt es 6 Monate in Tschetschenien, in denen Klaus Schmuck, wie er mir einmal erzählte, nicht mehr geglaubt hatte, Deutschland lebend wiederzusehen …

 

Um 9 Uhr chinesischer Zeit, zu Hause 2 Uhr, erklingt im Lautsprecher sehr schrille, auf Saiteninstrumenten gespielte chinesische Musik. Die Stewardessen schalten das Kabinenlicht an und beginnen wenig später, Markenartikel zu verkaufen. Die Singende kniet auf dem Gang vor ihrem Wagen und türmt, weil eine der Chinesinnen aus der Regierungsdelegation nicht weiß, welches Parfüm sie nehmen soll, alle Schachteln vor der Frau auf. Nach einer Viertelstunde, in der die Frau sich für nichts entscheiden konnte, packt die Stewardess alles freundlich lächelnd ein und bringt wenig später wieder heiße, feuchte Tücher. Dieses Mal erwische ich sogar grünen Tee und Reis mit Hühnchen in Curry. In einem Set liegen Besteck, Salz, Pfeffer, Zahnstocher, ein in Goldpapier gewickeltes Stück Butter aus dem Allgäu, dazu Kaffeesahne aus Bremen und Kuchen mit der Aufschrift »Wilhelm Gruyters-Minikuchen Madeleine mit Butter« aus Krefeld. Außer Weizenmehl und Butterreinfett enthält der Kuchen Stabilisatoren, Glyzerin, Glukosesirup, Dinatriumphosphat, Natriumhydrogenkarbonat, Kalziumphosphate, Dextrose, Emulgator, E202, C-Säureregulator, Betakarotin …

Und so schmeckt er auch.

Als die Maschine nach 9 Stunden in Peking gelandet ist, verbeugen sich die Stewardessen wie nach einer Theatervorstellung. Aber die Chinesen beachten sie nicht mehr. Noch während die Maschine ausrollt, stehen sie schon auf den Sitzen, kramen in den Gepäckfächern, schreien in ihre Handys, fotografieren sich … Ich versuche durch das Bullauge erste Bilder vom Pekinger Flughafen zu erhaschen, aber wir fahren kilometerweit nur durch riesige Baustellen. Mein Nachbar erklärt mir, dass der Flugplatz »a little« vergrößert wird.

Beim Aussteigen, ich bilde mir ein, dass die Stewardess mich besonders freundlich verabschiedet, sehe ich, dass der Mann, der auf dem Flughafen Tegel dem Mitarbeiter am Business-Class-Schalter sein China-Projekt vorstellte, zu dem ihm noch 30 000 Euro fehlen, nur in der 2. Klasse geflogen ist.

Im Flughafengebäude suche ich zuerst ein Mao-Bild, finde aber nirgendwo ein Porträt vom Großen Führer. Statt seiner hängen Fotos von der Großen Mauer, den Tempeln, den Teeplantagen und Gemälde, auf denen goldverzierte Drachen, Buddhas, exotische Blumen und Vögel zu sehen sind, an den Wänden.

Klaus Schmuck entdecke ich unter den Wartenden sofort. Er überragt mit seiner Länge und der sehr aufrechten geraden Kopfhaltung nicht nur die Chinesen, sondern auch die meisten Ausländer. Weil er scheinbar nicht zu den Schwatzhaften gehört, fragt er nur, wie der Flug war, nimmt – ohne meine Antwort abzuwarten – den Koffer, trägt ihn zum Auto, sagt, dass es mit 8 Grad heute noch warm ist für den Beginn des Winters in Peking. Dann lächelt er ein wenig, wirkt mit seinem grauen Vollbart trotzdem noch streng, sagt: »Ni hao, Beijing – Guten Tag, Peking« und steigt mit mir in seinen großen schwarzen VW. Als wir in Richtung Stadt fahren und ich die Silhouette der Hochhäuser nur schleierhaft erkennen kann, frage ich: »Nebel im Winter?«

»Nein, Smog. An manchen Tagen kann man hier kaum atmen. Und selbst die nächste Umgebung bleibt dann unsichtbar.« Ich wünsche mir, dass der Schleier, der über der Stadt liegt, für meinen Versuch, China kennenzulernen und das chinesische Wunder zu erkunden, kein schlechtes Omen ist.

Doch selbst bei klarerer Luft hätte ich außer an der Mautstelle, an der jeder Autofahrer, der nach Peking hineinwill, umgerechnet 1 Euro bezahlen muss, wahrscheinlich keinen Blick auf die Landschaft verschwendet. Ängstlich und wie hypnotisiert, starre ich auf die Autos vor, hinter und neben uns, die, nur Zentimeter voneinander entfernt, Stoßstange an Stoßstange, Tür an Tür und Rad an Rad, blitzschnell die Spuren wechseln, Ampeln regelmäßig bei Rot überfahren, auf dem Fußgänger- und Radweg überholen, jede kleinste Lücke nutzen, um andere abzudrängen, und sich an überhaupt keine, außer der Wer-gibt-zuerst-auf?-Regel halten. Klaus flucht auf die Chinesen, die Auto fahren, ohne Auto fahren zu können.

Endlich biegen wir vom dreispurigen Ring in eine Seitenstraße, auf der weniger Autos, dafür aber mehr Fahrräder und Mopeds fahren. Sie sind mit meterhoch gestapelten Stoffballen, Getränkekisten, Zweigen, Radio- und Fernsehschrott, Ziegelsteinen oder Altpapier beladen. An der Straße stehen kleine villenähnliche Häuser mit Gärten, in denen Palmen und Nadelgehölze gleichberechtigt nebeneinander wachsen. Die Wohnviertel sind von Mauern oder Draht umzäunt, und Poller auf der Straße verhindern, dass man zu schnell durch den offenen Eingang fährt. Neben dem Tor steht ein Pförtnerhäuschen, aus dem, sobald wir mit dem Auto auf dessen Höhe angekommen sind, ein junger Mann in einem dicken uniformähnlichen Mantel herausspringt und, wie vor einem Offizier salutierend, seine Hand an die Mütze legt. Ich schaue mich verstört um, doch ich sehe kein weiteres Auto.

Er hat vor uns salutiert!

»Wohnen hier nur Diplomaten, Militärs oder Ausländer?«, frage ich Klaus.

»Nein, ›Quanfa Garden‹ ist ein zwar teures, aber ansonsten normales Wohnviertel. Gleichermaßen für Chinesen und Ausländer, ein sogenanntes Compound. Die Häuser, die alle privaten Besitzern gehören, stehen auf unverkäuflichem staatlichem Grund und Boden. Die Besitzer vermieten sie, und das Compound-Management reinigt, bewacht und verwaltet das Wohngebiet.«

»Aber salutieren? Vor mir hat noch niemand salutiert.«

Er tröstet mich: »Mit der Zeit wirst du alles begreifen.«

SPICKZETTEL (1)

Als ich wieder in Deutschland war, schrieben mir Schüler der 9., 10. und 11. Klassen aus der Deutschen Schule in Peking, wie sie in China leben und was sie sich und ihrem Gastland wünschen.

Ich hatte sie zuvor per E-Mail gefragt: »Was möchtet Ihr werden, und wo wollt Ihr später leben? Was ist für Euch ein guter und was ist ein schlechter Tag? Welche drei Wünsche habt Ihr für Eure Zukunft? Und was wünscht Ihr China? Was vermisst Ihr in China, wenn Ihr an Deutschland denkt, und was vermisst Ihr in Deutschland, wenn Ihr an China denkt? Würdet Ihr eine Chinesin oder einen Chinesen heiraten? Weshalb oder weshalb nicht?«

Viele von denen, die mir antworteten, leben schon lange in Peking, manche erst ein oder zwei Jahre. Einige schrieben, dass ich ihren Namen nennen darf, manche, dass ich ihn wegen der Eltern und der Klassenkameraden anonymisieren müsste (was ich getan habe). Und eine der Schülerinnen bezeichnete ihre Antwort als »Spickzettel für Herrn Scherzer, wenn er seine Arbeit über China schreiben muss«.

 

Alina M., seit einem Jahr in Peking. Berufswunsch: Verlagswesen oder Presse

Mein Hauptwohnsitz soll in Deutschland sein, denn Deutschland ist und bleibt meine Heimat. Dort sind meine Wurzeln und meine Familie. Jedoch möchte ich auch im Ausland leben. Am liebsten in Peking, weil ich die Stadt in mein Herz geschlossen habe. Ich mag das schnelle, aufregende, chancenreiche und unabhängige Leben in China, das ich in Deutschland nicht haben kann.

Ein guter Tag für mich ist auch, wenn ich den Schlaf genießen konnte, keinen Streit mit Freunden oder Familie habe und das tun kann, was mir in diesem Moment gefällt. Ein schlechter Tag: mit dem falschen Fuß aufstehen, mich mit meinen Freunden streiten und denken, dass ich das Erlernte sowieso nie wieder im Leben brauche. Wenn die Luftwerte in Peking dann auch noch so schlecht sind, dass man Kopfschmerz bekommt, ist der Tag beschissen.

Für die Zukunft wünsche ich mir einen Job, der Spaß macht, dass ich Karriere und Familie unter einen Hut bekomme und Zufriedenheit mit meinem Leben. China wünsche ich, dass es international für »lobenswerte Taten«, zum Beispiel die Einhaltung der Menschenrechte, berühmt wird.

Was würde ich, wenn ich an China denke, in Deutschland vermissen? Das Gefühl, wie hier vollkommen unabhängig zu sein. In Deutschland bin ich von meiner Mutter abhängig, vor allem wenn es um die Mobilität geht, denn sogar zum Bahnhof muss ich gefahren werden. Auch die große Auswahl an Märkten, Einkaufszentren und Restaurants mit den verschiedenen wunderbaren Gerichten würde ich vermissen.

Einen »Halbchinesen« würde ich heiraten. Ein »Ganzchinese« wäre mir vermutlich zu chinesisch eingestellt. Er müsste schon einen Großteil der westlichen Kultur angenommen haben, was bei einem »Ganzchinesen« vermutlich nicht der Fall ist.

Die Autonummer

ODER:

Yue chao yue you zi wie – Wer lärmt, hat mehr vom Essen

Wir halten vor einer ockerfarbenen Villa mit türgroßen Fenstern. Neben dem Eingang, an dem kein Namensschild zu sehen ist, hängt ein ebenfalls namenloser Briefkasten, den zwei kleine Vögel – einer kommt geflogen und hat einen Zettel im Schnabel – zieren.

Im Haus schaut eine junge Chinesin, die in der Küche einen Berg Geschirr abwäscht, kurz von der Arbeit auf, lächelt mich aus ihrem sehr runden Gesicht an, nickt, als wolle sie mich mit einer kleinen Verbeugung begrüßen, und beugt sich dann wieder über das Abwaschbecken.

Sie ist schlank und trägt Jeans.

»Unsere Ayi, die Putzfrau«, erklärt Klaus. »Sie kommt regelmäßig zwei Mal in der Woche.«

Die Männer dagegen, die, was deutlich zu hören ist, im oberen Stockwerk hämmern und bohren (»In diesem Haus ist immer etwas zu reparieren.«), kämen zwar nicht regelmäßig, aber sehr oft, weil Handwerker in Peking meist keine ausgebildeten Klempner oder Elektriker sind, und ihre Reparaturen nur eine kurze Lebensdauer hätten. Sie gehören zur Millionenschar der Bauern, die als Wanderarbeiter in der Stadt Geld verdienen wollen.

Die zwei Männer tragen gelb-blaue derbe Arbeitsjacken aus Leinen. Der ältere meldet Klaus (so übersetzt er es mir später), dass die Heizung wieder dicht ist.

»Ein schönes Haus«, lobt der Chinese und fügt, als müsste er erst überlegen, ob er mit seinen Worten jemanden kränkt, stockend hinzu: »In diesem Haus könnten mindestens zwanzig Wanderarbeiter untergebracht werden. Für jeden 5 Quadratmeter.«

Als die Putzfrau und die Handwerker gegangen sind, parkt außer dem neuen großen VW von Klaus noch ein kleiner klappriger VW-Santana neben der Haustür. Er gehört Monika, der Ehefrau von Klaus. Obwohl sie täglich gemeinsam in einem Auto zur Arbeit ins Zentrum der Stadt fahren, brauchen sie in Peking zwei Autos, denn jeweils an einem Wochentag muss einer, je nach der Endziffer des Nummernschildes, sein Auto stehenlassen. Am Montag zum Beispiel darf kein Auto mit der Endziffer 1 oder 6 in Peking fahren. Wer sich nicht daran hält, zahlt eine Strafe von 100 Yuan (offiziell als Remenbi/ Volkswährung bezeichnet). Das sind gut 10 Euro.

Klaus rechnet mir vor, dass danach theoretisch in der 17-Millionen-Metropole, in der schon 5 Millionen Autos fahren und monatlich 50 000 neu zugelassen werden, durch diese Regel täglich 1 Million Autos weniger auf den verstopften Straßen unterwegs sein müssten. Theoretisch! Aber praktisch könnte man mit etwas Glück oder Geld für einen Zweitwagen eine andere Endzahl als die 1 oder 6 erhalten und damit an allen Tagen mit dem Auto fahren.

»Einhalten von Regeln bedeutet in China häufig, sie formell zwar zu erfüllen, aber sie dem Sinn nach zu umgehen.«

Empfang in Peking

Er zeigt mir das Haus. Unten befinden sich Flur, Bad, Küche, ein großes Wohnzimmer und die Veranda. Oben gibt es ein zweites Bad und drei kleine Zimmer. Im Wohnzimmer stehen auf Regalen und Fensterbrettern, auf Schränkchen und in allen freien Ecken des Fußbodens große und kleine, dicke goldene und dünne dunkelfarbene Buddhas aus Ton oder Bronze. Und an den Wänden hängen bunte chinesische Drachen, Masken und pastellfarbene Tuschzeichnungen.

»Das sammelt meine Frau.«

Über die Glasveranda gelangt man in den Garten, in dem auf braunem, vertrocknetem Gras winterlich kahle Sträucher und zwar angebundene, aber nicht mehr sehr lebensfähig aussehende Bäumchen stehen. Als ich durch die Terrassentür in den Garten gehe, erschrecke ich vor einem bisher nicht sichtbaren, mich überragenden Krieger aus Terrakotta, der einen mit roten Kordeln verzierten Spieß in der Hand hält. Er ist gelb, extrem schlitzäugig und hat den Schnurrbart spitz nach oben gezwirbelt, was gefährlich aussieht.

In einer Eckes des Gartens verkümmert ein mickriger Tannenbaum, dessen mit Erde verkrustete Wurzeln mit einem Netz zusammengehalten werden. Neben ihm ist ein Loch ausgehoben.

»Diese Krücke von einem Weihnachtsbaum hat unser Gärtner angeschleppt. Den soll er wieder mitnehmen«, schimpft Klaus.

Als wir einen Begrüßungsschluck getrunken haben und ich das Glas heftig auf den Couchtisch stelle, zucke ich zusammen, denn sofort ertönt ein schrilles krächzendes, sich mehrmals wiederholendes lautes Lachen. Zwischen den vielen Buddhas hatte ich die amerikanische Halloween-Hexe übersehen, die, sobald der Tisch erschüttert wird, dreckig lacht.

Die Ayi würde, wenn sie beim Putzen die Buddhas auf dem Tisch platziert, das Lachen der Hexe an einem Knopf unter dem Rock abstellen, sagt Klaus. Und manchmal zum Leidwesen seiner Frau vergessen, die Stimme wieder zu aktivieren.

Noch heiliger als die Buddhas und die Hexe sind seiner Frau die Figuren auf der Treppe zum Obergeschoss. Auf den Holzstufen stehen hintereinander 9 gelblackierte Phantasietiere: ein auf dem Schwanz stehender Fisch mit dem Kopf eines gehörnten Drachens, ein Löwe, ein Pferd, ein Drache, ein auf einem Hahn reitendes Fabelwesen, ein Phönix, ein Einhorn, ein Stier, ein geflügelter Affe.

Klaus erklärt mir die Bedeutung der Figuren, von denen manche nur noch mit viel Phantasie auf ihren Tierursprung zurückzuführen sind. Seit Jahrhunderten stehen sie auf den Dächern von Pagoden, Palästen und Häusern der Beamten und Bediensteten des Kaisers und beschützten deren Bewohner. Die Anzahl dieser Dachreiter war das äußere Zeichen für die Macht dessen, der im Haus wohnte. »Je mehr Dachreiter umso näher am Kaiser und an der Macht. Umso weniger umso unwichtiger. 9 Figuren waren nur dem Kaiser gestattet.«

Vorsichtig steige ich an den 9 Figuren vorbei die Treppe hinauf zu »meinem« Zimmer, das sonst das Arbeitszimmer des Hausherrn ist. Ein Bett steht darin, ein Schreibtisch, ein Schrank und ein Bücherregal. Ich stelle den Koffer, ohne ihn auszupacken, in die Ecke und schaue mir zuerst die Bücher an.

Liedersammlungen mit den »Partisanen vom Amur«, »Wann wir schreiten Seit an Seit«, dem »Vugelberboom« und »Stille Nacht« … Bücher zur Geschichte und Gegenwart Chinas. Stalins Verbrechen. »Silly« und Tamara Danz. Der Osten Deutschlands nach der Wende. Erinnerungen von Politikern an die DDR … Und einen Meter Christa Wolf, wahrscheinlich alles, was sie bisher geschrieben hat. Daneben stehen einige Scherzer-Titel, die auch der Anlass unserer Bekanntschaft waren.

Klaus meint, Bücher könne ich zu Hause lesen, dafür hätte ich nicht nach China fliegen müssen. Um China kennenzulernen, sollten wir zuerst essen gehen.

»Jede Begegnung beginnt in China mit einem gemeinsamen Essen in einem Restaurant.« Essen sei für die Chinesen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern immer auch ein kulturelles Ritual. Um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen und ihm Wohlergehen zu wünschen, begrüßen sich vor allem ältere Chinesen oft nicht mit »Ni hao – Guten Tag«, sondern wie früher immer noch mit »Chi le ma? – Heute schon gegessen?«. Chinesen essen nicht, um zu leben, sondern sie leben, um zu essen. Essen ist eine gesellschaftliche Zeremonie, mit ihr erweist man dem anderen seine Ehrerbietung.

Als wir am Wachhäuschen vorbeifahren und der Posten – der Junge scheint wirklich nicht älter als 20 zu sein – wieder Haltung annimmt und salutiert, will ich ihm freundlich dankend zunicken, aber plötzlich bewegt sich meine rechte Hand zum Kopf, und die Finger strecken sich automatisch wie früher bei der Armee.

Auf dem Ring angekommen, starre ich nicht mehr hypnotisiert auf die Autokarawane, sondern bestaune den Wald der Hochhäuser, die mit ihren Dächern scheinbar an den Himmel stoßen. Zwanzig Stockwerke und höher sind die Regel. Kaum ein Wolkenkratzer gleicht dem anderen. Glas und Beton und Stahl streiten sich um die Vorherrschaft. In den meist uniformen Wohnhochhäusern dominiert der Beton. Die futuristischen Gebäude der großen Firmen und staatlichen Behörden protzen mit Stahl- und Glasfassaden, in denen sich die Nachbarhäuser spiegeln.

Monika arbeitet in einem kastenförmigen 25-stöckigen Bürohochhaus. Als wir ankommen, hat sie noch keinen Feierabend. Wir sollten, meint Klaus, wie das bei ihnen üblich ist, im irischen Pub auf sie warten. Am Eingang steht ein aus Plaste geformtes irisches Monsterweib mit riesigen Brüsten. »Durty Nellies« streckt ihre geöffnete große Hand aus, als ob man Geld hineinlegen sollte. Klaus begrüßt sie, indem er mit seiner Hand kurz auf die ihre klopft.

Der chinesische Barkeeper sagt »Hallo« und stellt, ohne zu fragen, ein »Stella Artos«-Bier auf den Tresen. Es gibt auch Kilkenny, Guinness, Dubliner und ein chinesisches Bier. Ein chinesisches kostet nur 3 Euro, für alle übrigen bezahlt man 4 Euro. Zum Bier reicht der Chinese eine Schale mit Erdnüssen, sobald sie leer ist, füllt er unaufgefordert nach. In den Regalen hinter dem Ausschank stehen so viele Whisky-Sorten, dass mir der französische Kognak und der russische Wodka dazwischen sofort auffallen. Doch ich frage nicht, was ein Glas davon kostet, sondern will wissen, was ein chinesischer Bauern-Handwerker im Compound am Tag verdient.

Der Wald der Hochhäuser

»Umgerechnet vielleicht 4 Euro«, sagt Klaus.

»Und der kleine salutierende Wachhabende?«

»Wahrscheinlich weniger als 4 Euro.«

Im Pub sitzen außer uns nur zwei Englisch sprechende Inder (deren Väter Pubs vielleicht noch aus der Kolonialzeit gekannt haben) und zwei noch sehr kindlich aussehende Männer, die »I will love«-T-Shirts tragen. Sie schreien enthusiastisch, wenn sie beim Billard die Kugel im Loch versenken. Auf dem Bildschirm des Fernsehers, der neben dem Billardtisch steht, lehren Chinesen Kung-Fu, und zwischen den einzelnen Übungen werben bekannte chinesische Sportler für die Erhöhung der Lebensfreude durch Marlboro, McDonald’s und Mercedes. Nach kurzer Zeit schaue ich weg, denn ich will nicht sehen, wie sich Erwachsene regelmäßig ins Gesicht schlagen, während ich chinesisches Bier trinke und Erdnüsse esse.

Bevor Monika per SMS ihr sofortiges Kommen ankündigt, haben wir zwei Bier (ich, wegen des Geldes und weil ich kein Bierkenner bin nur chinesisches) getrunken und drei Schalen Erdnüsse aufgegessen.

Schon als Monika nach ihrer Hand-zu-Hand-Begrüßung mit »Durty Nellies« die Treppe heruntertrippelt, gießt der Keeper ihr ein Glas »Stella Artos« ein. Monika hat ihre dunkelblonden Haare mit einem roten Samtband zusammengebunden. Sie trägt einen hellblauen Schal mit Fransen über dem kurzen Mantel. Die Hosen sind zwar weit, lassen aber einen sehr fraulich geformten Körper ahnen. Sie sieht erschöpft aus, umarmt mich schnell und heftig und lacht, aber ihr Blick hetzt dabei im Pub umher, als ob sie Bekannte suchen würde. Nach dem dritten Bier und der vierten Schale Erdnüsse gehen wir, verabschieden uns mit Hände-Klatschen von der dicken irischen Frau und fahren zum Essen in ein chinesisches Sichuan-Restaurant. Es ist nach der Provinz benannt, in der vor allem scharf gewürzte Gerichte angeboten werden.

Der Autoverkehr hat sich auch am Abend kaum verringert, doch inzwischen leuchten an den Straßen, Bäumen, Fassaden und Brücken rote, blaue, goldene und silberne Lichterketten. Die an jeder Straßenecke im Winde schaukelnden funkelnden Glitzersterne schmücken Peking schon jetzt für das Weihnachtsfest. Vor allem die in Peking lebenden Ausländer und die wenigen christlichen Chinesen begehen es, so erklärt mir Klaus. Das Nachahmen des westlichen Brauchs animiert die Pekinger zum Einkaufen und dient nur dem Kommerz.

Die Illuminatoren (Chinesen waren auch die Erfinder von Illumination und Feuerwerk) haben das Sichuan-Restaurant hinter einem beweglichen Vorhang aus winzigen hellblauen elektrischen Lichtertropfen versteckt. Wir wollen zu dem großen Parkplatz neben dem Restaurant fahren, doch obwohl es in Peking, wie Klaus versichert, an die 3000 Restaurants geben soll, ist die Einfahrt hoffnungslos überfüllt. Wir stehen, rechts blinkend, hilflos auf der Hauptstraße. Hinter uns hupen und blenden die sich scheinbar immer mehr ineinander verkeilenden Autos. Doch das stört weder Klaus noch die vier Männer, die wie Geisterbeschwörer um die Wagen herumtanzen, die zum Restaurant abbiegen wollen. Einer klopft an unsere Fensterscheibe und sagt, wir sollten aussteigen, ihm den Autoschlüssel geben und die 80 Meter bis zum Restaurant laufen. Er gehöre zum »Sichuan«, werde das Auto wahrscheinlich in der nächsten Stunde in eine Lücke fahren können und den Schlüssel danach im Restaurant abgeben. Dort soll Klaus ihn sich nach dem Essen wiederholen. Monika schüttelt den Kopf, doch Klaus überreicht dem Unbekannten den Autoschlüssel. Der steigt ein, nimmt eine Illustrierte aus der Jacke und beginnt, während das Hupen hinter ihm immer lauter wird, mit stoischer Ruhe zu lesen.

An der Tür des Restaurants begrüßen uns schöne Frauen in knöchellangen und bis zu den Hüften geschlitzten enganliegenden roten Kleidern. Das Restaurant hat zwei Etagen. Unten gibt es keinen freien Platz, doch oben räumen zwei Kellnerinnen gerade einen Tisch ab. Sie werfen die neben den Tellern liegenden Essensreste mitsamt der Papierdecke in eine Mülltonne, die sie hinter sich herziehen und kehren auf dem Boden liegende Knochen zusammen.

Auch am Nachbartisch schieben laut schwatzende Chinesen, wenn sie auf ihrem Teller Platz brauchen, die Reste vom Teller auf den Tisch, und wenn sie Platz auf dem Tisch haben wollen, werfen sie die Knochen vom Tisch herunter. Aber nicht das Essverhalten der Chinesen, sondern der ohrenbetäubende Lärm im Restaurant ist für mich das Gewöhnungsbedürftigste. Ich fühle mich wie in einem auf Krawall inszenierten italienischen Theaterstück, in dem bei einer Volksszene hundert Statisten gleichzeitig reden, lachen und sich gegenseitig zu überschreien versuchen. Doch wahrscheinlich bin ich der Einzige im Restaurant, der sich wegen des nur in kurzen unregelmäßigen Abständen auf- und abschwellenden Kreischens, Schreiens und Lachens die Ohren zuhalten möchte.

»Das ist die Normalität«, versucht mir Klaus zu erklären. »Ein Chinese geht zum Essen nur in ein Restaurant, in dem er schon von draußen fröhlichen Lärm – renao – hört.«

Auch ich gewöhne mich schnell daran, denn der Lärm gehört wohl zur Üppigkeit der mit roten Lampions, goldenen Masken und hohen Grünpflanzen überladenen Ausstattung des Restaurants und der unter der Last der vielen Speisen fast zusammenbrechenden Tische.

Die Gerichte bestellt man nicht nach einer Karte, sondern aus einem dicken Speisebuch, in dem von der Suppe bis zur Nachspeise alles, was das Restaurant zu bieten hat, auf Hochglanzpapier abgebildet ist. Klaus tippt auf die bunten Fotos, und die Kellnerin – das einzige Zierliche im Restaurant – schreibt die Gerichte auf. Als sie schon 10 unterschiedliche Speisen notiert hat, denke ich, dass Klaus noch weitere Gäste erwartet. Bei 12 werde ich unruhig. Bei 14 will er aufhören, doch die Zahl Vier – das erfahre ich erst später – meidet man in China. Die Vier – si – wird im Chinesischen genauso ausgesprochen wie das Wort Tod. Deshalb verzichten manche Hotels auf die Zimmernummer 4. Nach dem Zimmer Nr. 3 kommt das Zimmer Nr. 5, und in manchen Hochhäusern kann man im Fahrstuhl nach dem 3. Stockwerk erst wieder die 5 drücken.

An unserem Tisch erscheinen keine weiteren Gäste, und nacheinander stellen die Kellnerinnen in Schalen und auf Tellern die 15 Köstlichkeiten auf den Tisch: gedünstete Gurken, Sprossen in Ingwersoße, lange Reisnudeln in Fleischbrühe, gebackene Auberginen mit Shrimps, kalte scharf gewürzte Hühnerflügel, Lammspieße, süß-saure Pilze, zwischen Hunderten roten Chilischoten gebratene winzige Rindfleischkügelchen, kandierte gegrillte Bananen …

Ich genieße die Üppigkeit und den Überfluss an Gerüchen und Farben, und plötzlich gehört auch der Lärm im Restaurant wie selbstverständlich zum Ritual.

Ungeniert kann man seine lukullische Neugier aus jeder Schale und von jedem Teller stillen. Doch diese Neugier wird bei mir nun nicht mehr vom Lärmpegel – wir schaffen es sogar, uns am Tisch zu »unterhalten« –, sondern von den Essstäbchen gebremst.

Klaus tröstet mich. Auch er hat das akrobatische Fingerspiel nicht sofort beherrscht. Die entscheidende Bewährungsprobe musste er seinerzeit im DDR-Außenministerium bei einem Empfang des chinesischen Handelsattachés bestehen. Dort habe man gehobelte und polierte glitschige Möhrenkugeln serviert.

Ich sage, dass es wahrscheinlich keine extra rund geschnittene, sondern die kleinen Pariser Karotten waren.

»In der DDR gab’s keine Pariser Karotten, und auch heute kenne ich nur lange Möhren«, widerspricht Klaus. »Das waren raffinierte, glitschige, rote kleine Kugeln. Und die sollte ich zwischen zwei Stäbchen festhalten. Der Handelsattaché der Volksrepublik China saß in der Runde. Es war unvorstellbar, was passiert wäre, wenn mir die Kugel weggeschnipst wäre.«

Er hat die Prüfung damals bestanden.

Ich frage, wann er das erste Mal nach China gekommen ist und woran er sich noch erinnert.

Es sei vor 27 Jahren gewesen, im September.

»Ich habe Peking bei der Ankunft zuerst mit der Nase erkundet. Es roch modrig nach nassen, schwitzenden Pflanzen. Auf den Straßen fuhren nur wenige Autos (in Peking gab es damals lediglich an die zehntausend den Behörden und der Partei vorbehaltene PKW), aber Karawanen von Fahrrädern. Ich war wenig in der Stadt unterwegs, ich wohnte in der DDR-Botschaft. Dort habe ich als Praktikant alle Abteilungen, außer der militärischen, kennengelernt. Mao-Bilder? Ja, sie hingen noch an vielen Häusern und auf Plätzen. Weil China zeitweilig andere Wege als die Sowjetunion gegangen war, konnte es nicht zu unseren Verbündeten gehören. Die Gegner unserer Freunde waren auch unsere Gegner.«

Ich frage, was aus der DDR-Botschaft wurde.

»Das Gebäude ist wahrscheinlich abgerissen und das Gelände im Botschaftsviertel weitervermietet worden.«

Er war nach seiner Rückkehr vor 11 Jahren nicht mehr dort. Als ich ihn bedränge und wissen will, was heute auf dem Gelände steht, sagt er, dass wir auf dem Heimweg vorbeifahren können.

Bevor er bezahlt, die 15 lukullischen Köstlichkeiten samt 6 Gläsern Bier kosten für jeden nur 8 Euro, gehe ich zur Toilette.

An ihrer hinteren Wand befinden sich durch Seitenverschläge abgetrennte Buchten mit Fußabtritt und Loch dazwischen. Das kenne ich schon aus asiatischen und orientalischen Ländern. Das Pissoir daneben ist allerdings als geologisches Kunstwerk gestaltet. Die Wand hat man mit blauen, schieferähnlichen Steinkacheln gefliest, und darunter zieren blau angestrahlte Muscheln, Korallen und Steine die Pinkelrinne. Ich bin sehr gehemmt.

Vor der Toilette steht eine Frau unter einem großen roten mit Goldkordeln geschmückten Lampion. Sie dreht mir zum Waschen den Wasserhahn auf, reicht mir ein Handtuch und gibt mir zum guten Schluss noch eine duftende Papierserviette. Es ist mir sehr peinlich, denn ich habe kein Geld einstecken, und versuche, ihr mit Händen und Füßen deutlich zu machen, dass ich sofort mit Geld zurückkomme. Sie versteht mich falsch, dreht mir lächelnd noch einmal den Wasserhahn auf, reicht mir das Handtuch, eine Papierserviette …

Ich laufe sehr schnell zum Tisch, um Geld zu holen, und erzähle Klaus von meinem Missgeschick, aber er hindert mich daran zurückzugehen. »In China nimmt man meist kein Trinkgeld. Selbst wenn du das Wechselgeld auf dem Tisch liegen lässt, kann es passieren, dass dir der Kellner damit hinterherrennt.«

Man behauptet, dass es seit der Mao-Zeit so üblich ist. Aber dieses moralische Prinzip der Revolution hätten sich viele chinesische Neureiche, Beamte, Politiker und Parteibosse nicht bewahrt.

»Die können inzwischen nicht genug ›Almosen‹ in Form von Bestechungsgeldern einstecken.«

Während der Fahrt zur ehemaligen DDR-Botschaft schweigt Klaus. In diesem rechtwinklig angelegten Viertel mit den von Anfang bis Ende überschaubaren gradlinigen Gassen und Straßen leuchten keine Glitzergirlanden. Nur wenige Laternen erhellen die meist niedrigen Botschaftsgebäude. An manchen erkenne ich trotzdem über der Umzäunung auch Stacheldraht.

Klaus stoppt. »Hier müsste es gewesen sein.«

Eisentor und Mauer verbergen das Haus dahinter.

»Vielleicht doch weiter vorn?«, sage ich.

Dort steht eine schon sehr alte, in der Dunkelheit wie ein verwunschenes englisches Landhaus aussehende Villa.

»Nein, hier war es nicht.«

Er fährt rückwärts und dann in eine andere Gasse. Aber auch dort findet er die wahrscheinlich wieder bebaute Stelle nicht mehr.

»Wir versuchen es nächste Woche am Tag noch einmal.«

Die Dunkelheit endet abrupt, als wir das Botschaftsviertel verlassen und wenig später durch die Barstraße fahren.

Als er vor 11 Jahren in Peking ankam, standen in dieser Gegend noch Wohnhäuser und kleine Geschäfte. In den Tanzlokalen der Barstraße würden sich inzwischen auch Frauen, vor allem Mongolinnen und Russinnen, »illegal legal« prostituieren. Ich sollte mir dieses Viertel allerdings besser tagsüber anschauen. Erst vor kurzem sei ein junger Deutscher, der mit seiner chinesischen Freundin aus einem Tanzlokal kam, »verunglückt«. Seine Leiche hatten die Chinesen wochenlang beschlagnahmt, im Kühlhaus eingelagert und nicht erlaubt, sie nach Deutschland zu überführen.

Wahrscheinlich könnte ich, wenn es mich interessiert, morgen mehr über diese Geschichte und die oft in China nicht einklagbaren Individualrechte erfahren. Morgen sind wir bei Frank zur Geburtstagsparty eingeladen, der mit einer Chinesin zusammenlebt.

Als wir am Compound ankommen, ist es gleich 23 Uhr. Im Wachhäuschen am offenen Eingangstor brennt kein Licht. Doch im Scheinwerferlicht sehe ich, dass der Junge verstört und geblendet aus der Tür rennt, im Laufen versucht, den viel zu großen weiten Mantel zuzuknöpfen und stillzustehen. Aber er schaut nicht wie am Tag freundlich in das Wageninnere, sondern nimmt mühsam Haltung an. Er friert. Und salutiert. Die Hand am mützenlosen Kopf.

»Weshalb steht er auch in der Nacht hier?«, frage ich.

Klaus wiederholt nur, was er mir schon heute Mittag gesagt hatte: »Mit der Zeit wirst du alles begreifen.«

SPICKZETTEL (2)

N. N., Berufswunsch: Arzt

Ich werde vielleicht in Afrika leben. Meine Eltern waren früher in Angola. Dort braucht man Ärzte. In Peking würde ich auch wohnen. Aber eben nur so, wie wir Ausländer in Peking wohnen. Unsere guten Wohnungen sind doch nicht die Norm für Menschen, die in Peking wohnen. Die Mehrzahl lebt in Hütten. Aber daran denken wir in unseren schönen Häusern oft nicht.

Meine drei Wünsche sind: niemals Geldschulden haben, eine blonde, sehr lebenslustige Frau heiraten und die Fähigkeit, im Schlaf fremde Sprachen oder alle lateinischen Begriffe für Muskeln, Sehnen und Knochen zu erlernen.

Was ich China für die Zukunft wünsche? China soll nie wie andere Länder Kriege führen, sondern in der Welt weiter durch friedliche Arbeit mit an der Spitze stehen.

Eine Chinesin heiraten? Nein, ich sagte schon, ich will eine naturblonde Frau haben. Mit ihr hebt man sich sowohl in Afrika als auch in China aus der Masse heraus. Um eine blonde Frau wird man hier beneidet. Aber ich habe nichts gegen Chinesinnen. Vielleicht muss ich das noch hinzufügen: Mir gefällt in China, dass andere Nationalitäten, also zum Beispiel Türken, nicht wie in Deutschland angepöbelt oder gar diskriminiert werden.

Der Spatzenkrieg

ODER:

Hun shui ye neng xi wu hui – Auch schmutziges Wasser wäscht den Schmutz

Wie ein Arbeiter, der nach seiner ersten Nachtschicht am Tag schlafen soll, wälze ich mich wegen der Zeitverschiebung – in Deutschland säße ich jetzt beim Nachmittagskaffee – die halbe Nacht lang unruhig von einer Seite auf die andere. Noch bevor der Morgen graut, bricht das Bett zusammen. Der Matratzenboden fällt auf den Fußboden, und ich lege mich daneben.

Gegen 7 Uhr klopft Klaus. Noch schlaftrunken, balanciere ich auf der Treppe vorsichtig an den Dachreiterfiguren vorbei nach unten. Klaus sitzt inzwischen, die Füße auf einen Hocker gelegt, Kaffee trinkend in einem großen Sessel vor dem Fernseher. Er sieht mit seinem gepflegten grauen Bart und dem langen flauschigen braunen Bademantel wie ein italienischer Lebemann aus und bietet mir »een Schälchen Heeßen« an.

»Keinen chinesischen Tee am Morgen?«, frage ich.

»Wir wohnen zwar in China, aber müssen wir deshalb auch wie Chinesen leben?«

Im Fernsehen läuft »CCTV International« auf Englisch. Deutsche Sender kann er nicht empfangen. »Man wird schon am Morgen daran erinnert, dass wir uns auf der Deutschland gegenüberliegenden Seite der Erdkugel befinden.«

Ein Dutzend Männer in grauen Jacken und klobigen Stiefeln trottet die Gasse vor dem Gartenzaun entlang. Ich entdecke unter ihnen auch den Jungen, der mir salutiert hat. Er versucht nicht wie die anderen neugierig durch das hohe Fenster in unsere Stube zu schauen.

Klaus sagt: »Wir sollten den Osterhasen aus dem Fenster nehmen und am Wochenende die Arzgebirgs-Mannle aus der Kiste holen und aufstellen. Es weihnachtet.«

Eine Frau mit einem zweirädrigen, sie überragenden Müllwagen, an dem Schaufel und Rutenbesen und Eimer befestigt sind, lässt die laut gestikulierenden Männer vorbeigehen, kommt dann mit ihrem Gefährt noch einmal zurück, bückt sich mühsam – ichbilde mir ein, ihr Ächzen zu hören – und hebt die Plastiktüten auf, die sich Schaufel und Besen widersetzt haben. Auf ihrer grauen Jacke ist am Rücken ein großer bunter Glückskranich appliziert. Er reckt seinen Schnabel stolz in die Höhe.

Klaus bringt seiner Frau einen Pott mit Kaffee hinauf in das Schlafzimmer. Während sie sich anzieht, duscht er und kommt sehr schnell, ohne die Dachreiterfiguren anzustoßen, zwei Stufen auf einmal nehmend und gut riechend, wieder nach unten.

»China TV« wirbt inzwischen mit von der Sonne beschienenen grünbewachsenen Hügeln für chinesischen Tee und einheimischen Reisschnaps und informiert über das Wetter in allen wichtigen Hauptstädten der Welt und in den verschiedenen Zeitzonen Chinas: Tibet minus 15 Grad. Peking plus 1 Grad. Shanghai plus 10 Grad …

Monika kann sich nicht entscheiden, ob zu ihrem hellblauen Pullover besser rote oder dunkelblaue dicke Perlen passen und ob sie Stiefel oder Hackenschuhe anziehen soll. Klaus stellt die Kaffeetassen in die Küche, packt seinen Aktenkoffer, drängelt Monika, endlich fertig zu werden, schaltet im Auto zuerst die Heizung und dann den CD-Player an. Silly »Alles Rot«. Bei »ich und ich waren einander schon so fremd …« und »halt dich fest an was Festem, bild dir ein, dass es hält …« dreht er die Musik lauter. An der Mautstelle sucht er die Schranke, vor der die wenigsten Autos warten, flucht über den wieder verstopften Airport-Expressway, überholt mit 120 km/h auf dem Radweg, wird bei Rot im Pulk Schritt für Schritt über die Kreuzung geschoben und kommt neben einem Linienbus zu stehen.

Weil die Chinesen im Bus ungeniert von oben in unser Auto gucken, lese ich verlegen in meinem Notizbuch. Aber auch wenn ich sie anschaue, mustern sie, ohne den Blick zu senken, stumm und anscheinend ohne Gefühlsregung weiterhin das Innenleben unseres Autos.

Vor der nächsten Kreuzung schließe ich instinktiv die Augen. Ein nur Zentimeter neben uns fahrender Chinese will uns bei 90 km/h mit seinem Mercedes aus der Spur drängeln. Wahrscheinlich verhindert nur die Erkenntnis, dass sein Auto neuer und teurer ist und er keine Karambolage mit einem Ausländer riskieren möchte, den unvermeidlich scheinenden Unfall.

An der einer Autobahn ähnlichen 3. Ringstraße stehen auf den wenigen noch unbebauten Flächen zwischen den Hochhäusern kleine Laubbäume wie angetretene Soldaten in Reih und Glied. Ihre Abstände sind, so scheint es, zentimetergenau eingehalten.

Klaus erklärt, dass die chinesische Parteiführung vor einigen Jahren angewiesen hatte, Platz für den Bau neuer Fabrikanlagen und Wohngebiete zu schaffen. Und die Chinesen fällten Millionen Bäume. Als die Böden des Landes dadurch immer weiter versteppten und die Luft in den Städten von Jahr zu Jahr schlechter wurde, organisierte man eine patriotische Kampagne zur Wiederaufforstung. Und die Chinesen pflanzten Millionen Bäume. Dieses Prinzip des »demokratischen Zentralismus« sei in diesem Land mit seinen 1,3 Milliarden Menschen bei vernünftigen Beschlüssen vernünftig, philosophiert Klaus. Aber nachdem Mao beispielsweise befohlen hatte, alle Spatzen auszurotten, weil sie Getreide fressen, und die Chinesen die Vögel, sobald die sich auf einen Baum oder ein Haus gesetzt hatten, mit Rasseln und Lautsprechermusik so lange wieder und wieder aufjagten, bis Millionen kraftlos vom Himmel fielen, gab es bald keine Spatzen mehr. Die Käfer und Raupen konnten sich ungehindert vermehren. Und die Ernten wurden vernichtet. Und Hungersnöte brachen aus.

Klaus dreht »Alles Rot« wieder lauter. Anna Loos singt »Ich sag nicht Ja, nicht ohne guten Grund …«. Monika steigt vor dem Bürohochhaus aus. Ein junger Chinese in dunkelgrauer Uniform, mit klobigen Schuhen und schwarzer Schirmmütze öffnet ihr den Wagenschlag. Sie ruft uns noch zu: »Heute Abend wieder bei ›Durty Nellies‹« und verschwindet, schneller als der sie grüßende Wagenöffner ihr auch die Eingangstür aufhalten kann, im Gebäude.

»Mein Büro«, sagt Klaus, »ist zu Fuß nur 10 Minuten entfernt.« Im Auto brauchen wir genauso lange. Mit seiner grauen Fassade sieht das Gebäude neben dem Glaspalast des gegenüberliegenden Bürohauses und dem in der Glitzerwelt alles überragenden »Grand China« klein und ärmlich aus. Vor der Tiefgarage steht eine frierende junge Chinesin. Auch sie wieder in derber dunkelgrauer Uniform mit klobigen Schuhen. Weil die Automatik der Schranke nicht funktioniert, notiert sie sorgfältig die Autonummer und die Uhrzeit der Einfahrt auf einem Zettel. Wahrscheinlich hat sie das heute Morgen schon einige hundert Mal getan, denn Klaus muss, um einen Parkplatz zu finden, sehr lange in der sportplatzgroßen Garage umherfahren.

Von der Tiefgarage steigen wir auf einer glatten Marmorrampe zum Erdgeschoss des Bürohochhauses hinauf. Vor den Fahrstühlen warten junge Chinesinnen in kurzen bunten Miniröcken, auberginefarbenen Samtjacken, Bluejeans und Seidenblusen. Sie trippeln mit ihren hochhackigen Pumps, Lackschuhen oder bis zu den Knien reichenden Wildlederstiefeln unruhig hin und her und rennen ...

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