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Madame Picasso

Über Anne Girard

Anne Girard studierte Englische Literatur und Psychologie. Für die Recherche zu diesem Roman reiste sie von Paris über die Provence nach Barcelona und traf Freunde und Zeitgenossen Picassos. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Südkalifornien.

Mehr unter www.annegirardauthor.com.

Yasemin Dinçer, geb. 1983, studierte Literaturübersetzen und hat u. a. Daphne Kalotays »Die Tänzerin im Schnee« übersetzt.

Informationen zum Buch

Er war der größte Künstler des Jahrhunderts – sie war die Liebe seines Lebens.

Der Maler und seine Muse

Paris, 1911: Auf der Suche nach einem neuen Leben kommt die junge Eva in die schillernde Metropole. Hier, im Herzen der Bohème, verliebt sie sich in den Ausnahmekünstler Pablo Picasso. Gegen alle Widerstände erwidert er ihre Gefühle, und eine der großen Liebesgeschichten des Jahrhunderts nimmt ihren Lauf. Eva wird Picassos Muse – und ihr Aufeinandertreffen wird sein Leben für immer verändern.

Berührend, sinnlich, voller Leidenschaft – und die wahre Geschichte einer hingebungsvollen Liebe.

Anne Girard

Madame Picasso

Roman

Aus dem Amerikanischen von Yasemin Dinçer

Für Stephen Robert

Teil 1
Ehrgeiz, Kunst, Leidenschaft

»Daß man so den Himmel verwirkt ist bekannt

Doch die Hoffnung auf Liebe ließ

Unterwegs uns bedenken noch Hand in Hand

Was uns die Zigeunerin verhieß«

Guillaume Apollinaire

Kapitel 1
Paris, Frankreich, Mai 1911

Eva stürmte um genau halb drei Uhr nachmittags um die Hausecke und wirbelte am plätschernden Springbrunnen auf der Place Pigalle vorbei. Sie war unentschuldbar spät dran, also raffte sie den blaukarierten Stoff ihres Kleides und rannte den belebten Boulevard de Clichy entlang, der im Schatten der hochaufragenden roten Windmühle des Moulin Rouge lag. Die Leute drehten sich nach der knabenhaften jungen Frau um – gerötete Wangen, blaue Augen, in ihrer Verzweiflung weit aufgerissen, und kaffeebraunes Haar, das im Wind wehte und sich mit der rubinroten Schleife ihres Strohhutes verhedderte, den sie mit einer Hand fest an den Kopf gedrückt hielt. Ihre knielange Unterhose kam unter dem Kleid zum Vorschein, doch sie scherte sich nicht darum. Eine Chance wie diese würde sie nie wieder bekommen.

Sie lief an zwei glänzenden Pferdekutschen vorbei, die mit einem Automobil um den Platz auf der Straße konkurrierten, und bog dann in die schmale Gasse zwischen einer Kurzwarenhandlung und einer Pâtisserie mit steifer rosa-weißer Markise ein. Ja, das musste die Abkürzung sein, die Sylvette ihr beschrieben hatte, aber das Kopfsteinpflaster verlangsamte ihre Schritte. Zu weit von der Sonne entfernt, um jemals wirklich zu trocknen, waren die grauen Steine moosbedeckt, und sie rutschte mehrmals aus. Dann lief sie durch eine ölige schwarze Pfütze, und ihre Strümpfe und die schwarzen geknöpften Schuhe wurden im letzten Moment vor ihrer Ankunft noch nass gespritzt.

»Sie kommen zu spät!«, donnerte ihr eine Stimme entgegen, als sie mit vor Panik schwirrendem Kopf zum Stehen kam.

Die Garderobiere mittleren Alters, die sich vor ihr aufbaute, eingerahmt vom Bogen der Tür, die hinter die Bühne führte, war von bedrohlicher Größe. Madame Léautaud hatte ihre knochigen Hände in die breiten Hüften gestemmt, die in einem groben schwarzen Samtkleid unter dem fest geschnürten Korsett steckten. Der hohe Spitzenkragen bedeckte ihren Hals vollkommen, und ihre Handgelenke waren unter Spitzenbündchen verborgen. Unter einem schieferfarbenen Haarknoten verzog sich ihr flächiges Gesicht zu einem Ausdruck offener Geringschätzung.

Evas Brust hob und senkte sich hastig vom Rennen, und sie spürte das Brennen in ihren Wangen. Sie hatte den ganzen Weg von Montmartre den Hügel hinunter und über die Place Pigalle zu Fuß zurückgelegt. »Verzeihen Sie, Madame! Wirklich, ich verspreche Ihnen, ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte!«, sprudelte es aus ihr hervor, während sie versuchte, zu Atem zu kommen, da ihr bewusst war, dass sie wie eine Vogelscheuche aussehen musste.

»Alberne Entschuldigungen gelten hier nicht, haben Sie mich verstanden? Die Leute zahlen für eine Vorstellung, und sie erwarten auch, eine zu sehen zu bekommen, Mademoiselle Humbert. Sie dürfen nicht der Grund für eine Verzögerung sein. Sie hinterlassen keinen besonders guten ersten Eindruck, wo es doch direkt vor einer Aufführung so viel zu tun gibt, das kann ich Ihnen sagen!«

In diesem Augenblick kam Evas Mitbewohnerin Sylvette in ihrem grünen Rüschenkostüm und ihren dichten schwarzen Strümpfen heraus in die Gasse gestolpert und trat neben sie. Ihr Gesicht war so stark geschminkt, dass es dem einer Puppe glich, mit langen schwarzen Wimpern und übermalten kirschroten Lippen. Ihr Haar, das die rötlich leuchtende Farbe von Baumrinde hatte, war geschickt zu einem Knoten auf ihrem Kopf hochgesteckt.

Eins der anderen Mädchen musste ihr von dem Aufruhr berichtet haben, denn Sylvette hielt noch einen offenen Tiegel mit weißem Gesichtspuder in der Hand, als sie zu Evas Rettung herbeieilte.

»Es wird nicht wieder vorkommen, Madame«, versprach Sylvette eifrig und legte schwesterlich den Arm um Evas schmale Schultern.

»Sie haben Glück, dass eine der Tänzerinnen sich bei der Probe ihren Unterrock und ihre Strümpfe aufgerissen hat und unsere übliche Näherin – wie Sie selbst ja bis gerade eben auch – nirgends zu finden ist, sonst würde ich Sie nämlich einfach fortschicken. Ach, ihr ganzen jungen Dinger kommt mit euren großen Augen an und denkt, eure hübschen Gesichter werden euch alle Türen öffnen, bis ihr etwas Besseres findet oder einen wohlhabenden Herrn aus dem Publikum dazu bringt, euch zu erobern, und dann werde ich hier einfach im Stich gelassen.«

»Ich kann sehr hart arbeiten, Madame, wirklich, und das wird nicht passieren. Ich habe kein Interesse daran, von einem Mann errettet zu werden«, erwiderte Eva mit so eifriger Gewissheit, wie sie ein zierliches Mädchen vom Lande mit riesigen blauen Augen nur aufbieten konnte.

Madame Léautaud konnte jedoch weder Naivität noch Ehrgeiz oder Schönheit gut ertragen, und so prallte Evas halbherziger Protest an ihr ab. Sylvette hatte sie noch am Morgen gewarnt – wenn sie diese Frau nicht von der Ernsthaftigkeit ihrer Ambitionen überzeugte, würde sie auf ihrem zarten Hintern landen und sich in ihrem gemeinsamen kleinen Zimmer in La Ruche (das so hieß, weil das Gebäude wie ein Bienenstock aussah) wiederfinden, ehe sie wusste, wie ihr geschah. Sylvette arbeitete schon seit über einem Jahr im Moulin Rouge, und sie war selbst nur eine Revuetänzerin in zwei Nummern, eine anonyme Gestalt im Hintergrund – eine, die niemals auch nur in die Nähe des Rampenlichts am vorderen Bühnenrand kam.

In diesem Augenblick traten drei Tänzerinnen in Kostümen, die aufwendiger waren als Sylvettes, durch die Tür, angelockt vom Geschimpfe ihrer Gewandmeisterin und begierig darauf, einen Streit mitzubekommen. In der gespannten Stille sah Eva, wie sie sie abschätzig begutachteten, ihre hübschen, bemalten Gesichter voller Herablassung. Eins der Mädchen stemmte die Arme in die Hüften, während sie die Augenbrauen spöttisch hochzog. Die anderen beiden Mädchen flüsterten sich etwas zu. Ihr Anblick versetzte Eva sofort zurück zu den grausamen Rivalinnen ihrer Jugend in ihrer Heimatstadt Vincennes – zu jenen Mädchen, denen sie ebenfalls nicht gut genug gewesen war. Sie waren einer der vielen Gründe dafür gewesen, weshalb sie in die Stadt geflohen war.

Einen Moment lang konnte Eva keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr wurde schwer ums Herz.

Wenn sie diese Chance vertat …

Sie hatte so viel gewagt, nur um die Vorstadt zu verlassen. Vor allen Dingen die Missbilligung ihrer Familie. Sie wollte nichts anderes, als hier in Paris etwas aus ihrem Leben zu machen, doch bislang hatte ihr Streben sie noch nicht weit gebracht. Eva wandte den Blick ab, als sie spürte, wie sich die Tränen in ihren Augen sammelten. Sie durfte nicht zulassen, dass Mädchen wie diese zu sehen bekamen, wie schwach sie war. Niemand durfte wissen, dass sie es mit ihren vierundzwanzig Jahren noch immer nicht gelernt hatte, ihre Gefühle zu kontrollieren. Von dieser einen Chance hing nach einem erfolglosen Jahr in Paris einfach zu viel ab, als dass sie es riskieren konnte, als empfindlich zu gelten.

»Hoffen Sie vielleicht, auch Tänzerin zu werden, wie eine von denen?«, fragte Madame Léautaud und wies mit einem kurzen scharfen Nicken auf die anderen Mädchen. »Jede von ihnen hat es viel Anstrengung und jahrelanges Üben gekostet, hier zu sein. Wenn das also Ihre Absicht sein sollte, würden Sie nur noch mehr von meiner und auch Ihrer eigenen Zeit verschwenden.«

»Ich bin gut darin, Spitze auszubessern«, zwang Eva sich, ohne Stocken zu erwidern.

Und das stimmte. Tatsächlich hatte ihre Mutter, schon seit Eva denken konnte, wundervolle Kreationen aus Spitze erschaffen. Einige davon hatte sie aus Polen mit nach Frankreich gebracht. Die kleinen sorgfältigen Nadelstiche waren ihr Vermächtnis, das Madame Gouel ihrer Tochter mitgegeben hatte. Darauf würde Eva immer zurückgreifen können, um beim Begleichen von Rechnungen zu helfen, wenn sie erst einmal einen netten Mann aus dem Ort geheiratet und sich in ein vorhersehbares, ruhiges Leben eingefunden hatte. Zumindest war es das, was ihre Eltern sich für sie erhofft hatten, bevor es ihre Tochter kurz nach ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag nach Paris gelockt hatte. Dies war nun die erste Chance auf eine Anstellung in der Stadt, die sich Eva bot, und sie hatte nur noch so wenig Geld übrig, dass sie sie einfach ergreifen musste.

Sylvette gab keinen Ton von sich, aus Angst, ihre eigene unsichere Stellung in Gefahr zu bringen, wenn sie noch ein weiteres Wort zu Evas Unterstützung sagte. Sie hatte Eva diese Gelegenheit verschafft – hatte ihr erzählt, dass das Moulin Rouge eine zusätzliche Näherin brauchte, weil die Tänzerinnen sich ständig etwas aufrissen, wenn sie ihre Beine in die Luft schleuderten oder sich auf den Boden fallen ließen. Was Eva nun daraus machte, hing allein von ihr selbst ab.

»In Ordnung, ich werde Sie also zur Probe behalten«, ließ sich Madame Léautaud naserümpfend zu einer Antwort herab. »Aber nur, weil ich mich in einer Notlage befinde. Kommen Sie und flicken Sie Aurélies Unterrock. Machen Sie schnell, und zeigen Sie mir Ihre Arbeit, während die anderen proben.«

»Oui, Madame.« Eva nickte. Sie fühlte sich vor Dankbarkeit überwältigt, riss sich jedoch zusammen und zwang sich zu lächeln.

»Sie sind wahrhaftig ein winziges Ding, eine kleine Nymphe beinahe. Nicht gänzlich unattraktiv, das muss ich sagen. Wie heißen Sie noch mal?«, fragte Madame Léautaud beiläufig.

»Marcelle. Marcelle Humbert«, antwortete Eva, die all ihren Mut zusammennahm, um ihren neuen Pariser Namen zu nennen, von dem sie hoffte, dass er ihr Glück bringen möge.

Seit jenem Tag, an dem sie in ihrem übergroßen Tuchmantel und ihrem schwarzen Filzhut, mit ihren Habseligkeiten in einer alten Reisetasche, allein in der Stadt angekommen war, wurde Eva Gouel von eiserner Entschlossenheit getrieben. Sie wollte Paris um jeden Preis erobern, auf welche Weise auch immer und so unrealistisch ein solch hochtrabendes Ziel auch sein mochte. Sie hoffte, dass diese erste Arbeitsstelle den Beginn von etwas Wunderbarem markieren würde. Immerhin, dachte Eva, waren schon seltsamere Dinge geschehen.

Madame Léautaud reckte ihr vom schwarzen Spitzenkragen umsäumtes Kinn in die Höhe, drehte sich um und ging die wenigen Schritte zurück zum offenen Bühneneingang, wobei sie Eva ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Und so erhaschte diese ihren ersten Blick in die verborgene Phantasiewelt – in das Innere des berühmten Moulin Rouge.

Die Wände hinter der Tür waren vollständig schwarz gestrichen und mit Schnörkeln und Wirbeln in goldener Farbe verziert. Schwere rote Samtvorhänge säumten die Wände, so dass der Raum aus dieser Entfernung wie eine herrliche exotische Höhle anmutete. Es war eine fremde, verführerische Welt, in die Eva nun eintreten würde, und in diesem Augenblick pochte ihr Herz ebenso vor Begeisterung wie vor Angst.

Sie versuchte, sich nicht allzu auffällig umzusehen, während sie Madame Léautaud folgte. Hinter dem Rücken versteckt rang sie ihre Hände, und ihr Puls raste. Sie wusste nicht, wie sie es hinbekommen sollte, sich so weit zu beruhigen, dass sie einen Faden durch ein Nadelöhr führen könnte. Hinter der Bühne war es selbst bei Tageslicht düster. Sie roch verschütteten Alkohol und einen Hauch Parfüm. Dieser Ort hatte tatsächlich etwas Verhängnisvolles an sich, dachte sie, aber das machte das Ganze nur noch aufregender. Als weitere kostümierte Tänzerinnen auf dem Weg zur oder von der Bühne an ihr vorbeiliefen, erkannte sie einige von ihnen von den farbenfrohen Plakaten, die überall in der Stadt hingen. Da waren La Mariska, die Ballerina, Mado Minty, die erste Solotänzerin, und die wunderschöne Comédienne Louise Balthy, die sowohl die Tiroler Puppe Caroline als auch La Négresse verkörperte. Da waren Romanus, der Dompteur, Monsieur Toul mit seinen komischen Liedern und die spanische Tanztruppe mit ihren kurzen roten Bolerojäckchen und schwarzen Fransenhüten.

Eva hatte nie gewusst, was sie tun würde, wenn sie einen dieser gefeierten Darsteller tatsächlich einmal zu Gesicht bekam oder gar persönlich traf. Die Aussicht darauf war beängstigend und prickelnd zugleich gewesen.

Und wenn Madame Léautaud sie nun doch noch abwies, nachdem sie schon so nahe dran war? Würde sie gezwungen sein, wieder in die Vororte von Paris zurückzukehren? Nein, das würde sie nicht zulassen. Sie würde nicht nach Vincennes zurückgehen. Wenn sie aber in Paris weiter keine Arbeit fände, hätte sie kaum eine andere Wahl. Louis’ Werben anzunehmen, seine Geliebte zu werden, damit er sich um sie kümmern konnte, wäre dann wohl die einzige Möglichkeit, die ihr noch blieb.

Armer Louis. Er war die zweite Person, mit der sie sich hier angefreundet hatte. Sylvette hatte sie einander vorgestellt. Da er Pole war, wie ihre Mutter, und weil sie alle in La Ruche wohnten, war ihre Freundschaft rasch besiegelt. Von da an waren die drei unzertrennlich gewesen.

Auch an diesem Tag war Eva mit Louis zusammen gewesen, bis sie sich für ihr Vorstellungsgespräch im Moulin Rouge fortgestohlen hatte. Sie wusste selbst nicht genau, warum, vielleicht war es Aberglaube, aber sie hatte kein Wort über ihren Termin über die Lippen gebracht. Als schwache Entschuldigung hatte sie lediglich vorgebracht, sie hätte etwas vergessen, was sie noch dringend erledigen müsste, womit sie ihn stehengelassen hatte und um die Ecke verschwunden war. Er war gerade kurz davor, Vollards Laden zu betreten und seine Mappe voller Aquarelle zu öffnen, und hörte ihr kaum zu, selbst aufgeregt vor seinem schicksalhaften Gespräch. Ambroise Vollard war ein berühmter Kunsthändler oben auf dem Hügel in der kopfsteingepflasterten Rue Laffitte, der sich nach Monaten endlich einverstanden erklärt hatte, sich Louis’ Arbeiten anzusehen.

Louis, der eigentlich Ludwig hieß, hatte an der Académie Julian Kunst studiert. Abends malte er, ansonsten zeichnete er Karikaturen für La Vie Parisienne, um die Miete bezahlen zu können. Ihn frustrierte die Tatsache, dass seine wunderbaren impressionistischen Aquarelle sich im Gegensatz zu seinen Karikaturen nicht verkauften.

Louis hatte Eva Geld geliehen und sie im letzten Jahr regelmäßig zum Essen eingeladen, um ihr unter die Arme zu greifen. Auch wenn sie ihn nicht zum Liebhaber wollte, mochte sie ihn dennoch nicht im Stich lassen. Loyalität bedeutete ihr viel.

Nun stand sie in der Garderobe hinter der Bühne vor Madame Léautaud, während diese den Saum begutachtete, den Eva soeben geflickt hatte.

»Ihre Arbeit ist so fein, dass ich weder die Stiche noch den Riss erkennen kann!«, rief die Garderobiere mit einer Mischung aus Bewunderung und Irritation aus. »Sie können heute Abend bei uns anfangen. Seien Sie um Punkt sechs Uhr wieder hier. Und kommen Sie diesmal nicht zu spät.«

»Merci, Madame«, sagte Eva, darauf bedacht, dass ihre Stimme nur eine leise Spur von Zuversicht andeutete. Eine lachende Gruppe Theatertechniker und Bühnenhelfer lief an ihnen vorbei.

»Während der Vorstellung werden Sie in den Kulissen auf Ihren Einsatz warten. Sylvette wird Ihnen zeigen, wo, damit Sie nicht im Weg herumstehen. Wenn einer der Darsteller ein Kostüm repariert bekommen muss, werden Sie nur sehr wenig Zeit haben, um einen Saum auszubessern oder einen Knopf, einen Ärmelaufschlag oder einen Kragen wieder anzunähen. Sie dürfen nicht trödeln, haben Sie verstanden? Unsere Gäste zahlen ihr gutes Geld nicht, um sich zerrissene Kostüme anzuschauen, aber eine Unterbrechung im Fluss der Vorstellung wollen sie genauso wenig sehen.«

Dann beugte sich Madame Léautaud zu ihr hinüber und murmelte leise: »Sehen Sie, Mademoiselle Balthy, unsere wunderbare Comédienne, hat sichtbar zugelegt. Wir können das Korsett zwar so eng schnüren, dass sie gerade noch in ihr Kostüm passt, aber sie reißt sich regelmäßig ihre Unterhosen auf, wenn sie nach ihren übertriebenen Sprüngen mal wieder auf dem Hintern landet.« Madame Léautaud verkniff sich ein wissendes Lächeln und zwinkerte.

Kurz darauf stand Eva wieder draußen in der schmuddligen Gasse und verspürte zum ersten Mal in ihrem Leben die ungeheure Erregung eines Sieges. Als sie in die Rue Laffitte zurückeilte, um Louis wiederzutreffen, fühlte sie sich fast so, als könnte sie fliegen.

Eva nahm die Seilbahn den Hügel hinauf und eilte, so schnell sie konnte, zurück zu Monsieur Vollards Laden. Es war großartig gewesen, in den vergangenen Monaten einen polnischen Vertrauten in Paris zu haben – jemanden, der ihre Gedanken und Ziele auf eine Weise verstand, für die es keiner französischen Wörter bedurfte –, und sie wollte dieses Glück nicht aufs Spiel setzen, indem sie einen Freund im Stich ließ.

Louis war wie ein Bruder für sie, auch wenn sie wusste, dass er sich wünschte, es wäre mehr zwischen ihnen. Doch sie waren sich zu ähnlich, um zueinander zu passen. Er war verlässlich und liebenswürdig, und seit ihrer Ankunft in Paris war Eva auf diese Eigenschaften viel dringender angewiesen als auf Romantik.

Der arme Louis, blass, hoch aufgeschossen, mit graublauen Augen, der im Schatten von Evas großen Träumen lebte. Er hatte seinen schweren polnischen Akzent noch immer nicht abgelegt, und im Gegensatz zu ihr strebte er auch nicht nach dieser besonderen Art des Pariser Stils. Er wichste sich immer noch sorgfältig die Enden seines bräunlichen Schnurrbarts, trug zum Ausgehen einen schwerfälligen Zylinder, seinen Lieblings-Cutaway mit nur einem Knopf und zweifarbige Stiefeletten, wie es vor zehn Jahren der Mode entsprochen hatte.

Dennoch war es Louis gewesen, der sich den Namen Marcelle für sie ausgedacht hatte, und dafür würde sie ihm für immer dankbar sein, denn Marcelle hatte ihr Glück gebracht. In einer kleinen gemütlichen Brasserie namens Au Lapin Agile, die auf einem kleinen Hügel in Montmartre lag, hatte Louis sie über einem Glas Wein scherzhaft zu einer richtigen Pariserin erklärt, indem er ihr einen Namen gab, der ganz und gar französisch klang.

Sie hatte über diese Wiedergeburt gekichert, aber der Name hatte ihr sofort gefallen. Es fühlte sich so seltsam wie befreiend an, jemand anders zu sein, und es lag eine aufregende Macht darin. Marcelle konnte sich auf eine Weise geben, die Eva unmöglich war. Eva war vorsichtig und zurückhaltend. Marcelle würde unbekümmert und selbstbewusst sein, ein wenig verführerisch gar. Sie hatte sich auch den melodischen Akzent der Hauptstadt angeeignet und frischte ihre Garderobe mit kleinen Details auf, die der jüngsten Mode entsprachen, wie etwa mit bis auf Wadenlänge gekürzten Röcken oder hoch sitzenden Gürteln.

Louis meinte, sie habe eine Stupsnase, klein und mit nach oben zeigender Spitze. Um ihre auffallenden großen Augen, die von langen dunklen Wimpern umrahmt wurden, wusste sie. Sie war schlank und zierlich und wirke, wie Louis ihr erklärt hatte, auf anziehende Weise unschuldig. Dabei fühlte Eva sich ganz und gar nicht unschuldig. In ihrem Inneren war sie ein Pulverfass der Entschlossenheit, das nur darauf wartete, das Leben kennenzulernen.

Sie sehnte sich danach, ein Teil dieses neuen Zeitalters in Paris zu werden, dessen schillernde Zentren das Moulin Rouge und die Folies Bergère waren. Die Berühmtheiten Sarah Bernhardt und Isadora Duncan zogen im Trocadéro riesige Besuchermengen an, und zwei Jahre zuvor hatte die bekannte Varietékünstlerin Colette so leidenschaftlich eine andere Frau auf der Bühne geküsst, dass sie damit beinahe einen Tumult provoziert hätte. Ach, wenn sie das doch nur gesehen hätte! Paris war lebendig, dachte Eva, ein pulsierender Ort voller ungestümer junger Künstler, Schriftsteller und Tänzer, die alle ebenso begierig darauf waren wie sie, sich in dieser Welt einen Namen zu machen.

Alle lasen Maupassant oder Flaubert mit ihren realistischen Darstellungen des Lebens, aber auch die radikalen Werke zweier neuer Pariser Dichter, Max Jacob und Guillaume Apollinaire. Eva mochte am liebsten die Gedichte von Apollinaire, klangen sie für ein unerfahrenes Mädchen aus der Vorstadt doch gewagt und ausgefallen. Eine Passage aus seinem Gedicht »Die Zigeunerin« prägte schon seit langem ihre Vorstellung vom wilden, aufregenden Leben in Paris.

»Daß man so den Himmel verwirkt ist bekannt

Doch die Hoffnung auf Liebe ließ

Unterwegs uns bedenken noch Hand in Hand

Was uns die Zigeunerin verhieß«

Trotz des steilen Aufstiegs nach Montmartre sprang Eva an der Reihe kleiner Geschäfte in der Rue Laffitte vorbei und strahlte wie ein kleines Kind, als sie vor Vollards Laden ankam. Louis erkannte sie durch das Schaufenster. Ein Glöckchen läutete über der Tür, als er sie öffnete und ins Freie trat.

»Mein Gespräch ist vorbei – und ich konnte dich nicht einmal als meinen Glücksbringer vorstellen. Du weißt doch, was mir dieser Termin bedeutet hat. Wo zum Teufel bist du hingegangen?«

»Ich habe mir selbst Arbeit gesucht! Zwar bloß als Näherin, aber das ist ein Anfang. Ich wollte dich damit überraschen.« Alles schien vergessen, als er sie mit seinen langen schlanken Armen in die Luft hob und umherwirbelte, so dass ihr karierter Rock glockenförmig hinter ihr herwehte.

»Oh, ich wusste, dass du irgendwann etwas finden würdest!«

Louis setzte sie ab und drückte sie fest gegen seinen knochigen Oberkörper.

Dann spürte sie, wie er sich an die Grenzen ihrer Freundschaft erinnerte und einen Schritt zurück machte, während seine blassen Wangen rot anliefen.

»Das sind wirklich großartige Neuigkeiten. Und wie es der Zufall will, habe auch ich eine Überraschung für dich – wir müssen das feiern!« Er lächelte und enthüllte dabei seine schiefen gelben Zähne.

Dann hielt er zwei Eintrittskarten hoch, und sein zaghaftes Lächeln wurde breiter. »Die sind für den Salon des Indépendants morgen Nachmittag«, erklärte er stolz.

»Wie um alles in der Welt bist du denn daran gekommen? Ganz Paris will dorthin!«

Die Karten waren so begehrt, dass es fast unmöglich war, welche zu bekommen. Eva war stets zu arm und zu gewöhnlich gewesen, um an vielem von dem teilzuhaben, was Paris zu bieten hatte, und so war das glamouröse Leben direkt vor ihrer Nasenspitze für sie bislang bloß eine Phantasie geblieben. Sie war zwar nicht restlos begeistert, den Nachmittag mit Louis allein zu verbringen, aber damit bot sich ihr die einmalige Möglichkeit, den berühmten Salon des Indépendants zu besuchen! Er war eine der wichtigsten Kunstausstellungen des Jahres, und alle jungen Künstler in der Stadt wetteiferten darum, ihre Werke neben den Gemälden der etablierteren Maler zeigen zu dürfen. Alles, was in Paris Rang und Namen hatte, würde dort sein.

»Mein Chef bei der Zeitung wollte seine Frau dorthin ausführen. Wie sich aber herausstellte, sind einige der Künstler zu vulgär für ihren Geschmack.«

Eva kicherte. Sylvette würde sie wahnsinnig darum beneiden – genau wie alle anderen im Moulin Rouge. Sie konnte dieses Angebot einfach nicht ausschlagen. Sie folgten dem Weg, der sich um die Butte Montmartre schlängelte, deren graue Schieferdächer und abblätternde Farbe sie empfingen, während sich ein leichter Nebel über alles legte. Sie schlenderten glücklich an einem Stand voller Kisten mit üppigen reifen Früchten und Gemüse vorbei, deren süßer Geruch sich mit dem Duft des frisch gebackenen Brots aus der Boulangerie daneben vermischte.

Eva blickte empor zum dahinterliegenden Moulin de la Galette mit seiner hübschen Windmühle. Ja, da waren all die entzückenden kleinen Windmühlen und die geheimen Kopfsteinpflastergassen um sie herum, in denen sich die Tanzhäuser und Bordelle dieser schäbigen Nachbarschaft verbargen, die sich mit Weinbergen, Gärten und Schaf- und Ziegenherden auf diesem Hügel drängten. In der anderen Richtung lag die Rue Ravignan, die berühmt geworden war für all die Künstler und Dichter, die dort oben in einem verfallenen alten Haus namens Bateau-Lavoir lebten und arbeiteten.

Sie unterdrückte einen Schauder der Faszination.

»Sollen wir noch bei La Maison Rose vorbeischauen, um unsere Erfolge zu feiern, bevor wir nach Hause gehen?«, fragte er. »Und danach erlaubst du mir vielleicht einen winzigen Kuss.«

»Das haben wir doch schon besprochen. Du musst diesen Gedanken wirklich aufgeben.« Sie lachte und vergewisserte sich, dass ihr Tonfall lieblich blieb.

»Nun, dann musst du aber zumindest meine Muse werden, wenn schon nicht meine Geliebte.« Er lächelte. Nichts, nicht einmal ihre Zurückweisung seiner Avancen, schien ihnen die Siege, die sie beide an diesem Tag errungen hatten, verderben zu können. »Ich brauche nämlich eine, nachdem Vollard tatsächlich eins meiner Bilder gekauft hat. Das ist meine zweite große Überraschung.«

»Wie wundervoll!«, rief sie aus. »Aber dann ist eine französische Muse viel passender. Auf jeden Fall keine polnische«, entgegnete sie mit einem glücklichen Lächeln.

»Tak, piękna dziewczyno«, antwortete er auf Polnisch. Ja, schönes Mädchen. »Eine französische Muse. Jeder gute Künstler benötigt eine zur Inspiration.«

Abends war das Moulin Rouge eine andere Welt als jene, die Eva bei Tag gesehen hatte – das Glitzern der Scheinwerfer, der starke Geruch nach Parfüm und Fettschminke, die summende Betriebsamkeit. Es war aufregend, Teil dieser Enklave hinter der Bühne zu sein, sei es auch nur ein kleiner.

Eva stand staunend in den Kulissen und versuchte, niemandem im Weg zu sein, während Bühnenhelfer und Schauspieler an den Kostümständern vorbei hin und her eilten. Sie war sprachlos angesichts der vielen unterschiedlichen Darsteller, die alle wild durcheinander redeten, flüsterten und tratschten und dabei meist ununterbrochen tranken.

Eva fiel auf, wie überraschend grell ihre knallbunten Kostüme aus der Nähe wirkten. Sie waren eindeutig billig hergestellt und zusammengenäht. Ihre Mutter hatte ihr vor langer Zeit beigebracht, Qualität zu erkennen. Von hier konnte sie die Flicken, die Ausbesserungen, die schmutzigen Kragen und dreckigen Strümpfe sehen. Es war enttäuschend, schmälerte jedoch nicht die pure Aufregung, die sie verspürte, einfach nur weil sie hier war. Wie abenteuerlich sie war, diese pulsierende, geheime Welt der Künstler!

Eva versuchte, sich unauffällig zu verhalten, bis sie gebraucht würde. Sie faltete die Hände, um sie vom Zittern abzuhalten, während ihr Herz wild pochte. Sie erkannte alle Darstellerinnen wieder. Als Erstes schwebte Mado Minty in einem smaragdgrünen Taftkostüm mit Glockenrock, geschnürter Taille und engem Mieder an ihr vorbei. Ihr gegenüber, neben einem Ständer voller Hüte und Kopfschmuck, stand die gefeierte Comédienne Louise Balthy mit ihrem markanten schmalen Gesicht und ihren dunklen Augen. Sie biss gerade in ein Gebäckstück.

Wie Madame Léautaud es angekündigt hatte, wurde Eva während der Aufführung mehrere Male gerufen, um mit Nadel und Faden zu Hilfe zu eilen.

Plötzlich spürte sie, wie jemand über ihren Fuß stolperte.

»He, pass doch auf! Weißt du denn nicht, wer ich bin?«

Der scharfe Tonfall ließ Eva aufschrecken. Sie blickte von ihrem Nähkorb auf und sah eine wunderschöne Frau in einem eleganten, fein gearbeiteten Kostüm. Sie sah genauso aus wie auf den Plakaten, Eva hätte sie überall wiedererkannt. Es war Mistinguett. Sie war der Star des Moulin Rouge.

»Das – das tut mir leid«, stammelte Eva, während die große, wohlproportionierte Darstellerin finster auf sie herabblickte.

»Wo finden sie bloß immer diese Leute?« Die junge Frau rümpfte die Nase, richtete sich auf und wischte sich imaginäre Flusen vom Samtmieder ihres Kostüms.

»Zwei Minuten, Mistinguett! Zwei Minuten bis zu deiner nächsten Nummer!«, rief irgendjemand.

»Sylvette! Wo zum Teufel steckst du?«

Ihr harscher Tonfall ließ mehrere Köpfe in ihre Richtung schnellen, und nur Sekunden später kam Evas Mitbewohnerin angerannt, die offensichtlich gerade dabei gewesen war, sich umzuziehen, aber dennoch ein volles Glas Rotwein in der Hand hielt.

»Verzeihen Sie, Mademoiselle, ich war gerade dabei –«

»Sylvette, es interessiert mich einen feuchten Kehricht, was du gerade gemacht hast.«

Eva rührte sich nicht und gab keinen Ton von sich, während sie dabei zusah, wie ihre Mitbewohnerin zu bleicher Unterwürfigkeit zurechtgestutzt wurde. Dann senkte sie den Blick und wandte sich aufgewühlt wieder Nadel und Faden zu.

Die Vorstellung ging weiter, und Eva flickte Kostüm um Kostüm. Ein gerissener Ärmel, ein abgesprungener Knopf. Am Ende war es allerdings Mistinguett und nicht Louise Balthy, die sich ihre Unterhose bei einem hohen Tritt aufriss. Sie stürmte von der Bühne und funkelte Eva wütend an.

»Was starrst du so?«

Die Frage hing wie eine Anklage zwischen ihnen. Oje. Sollte sie tatsächlich gestarrt haben? Eva war sich nicht sicher. Mistinguett blickte sie weiter finster an, während eine junge Garderobenhelferin sie stützte, damit sie die zerrissene Unterhose über ihre schwarzen Schnürschuhe ausziehen konnte.

»Verzeihen Sie. Ich habe nur gewartet«, erwiderte Eva kleinlaut.

»Worauf?«

»Auf Ihre Unterhose, Mademoiselle. Damit ich sie nähen kann.«

»Du? Dich habe ich hier noch nie gesehen!«

»Mademoiselle, ich mag hier neu sein, aber mit Nadel und Faden bin ich erfahren.«

Mistinguetts fuchsfarbene Augen weiteten sich. »Machst du dich etwa über mich lustig?«

»Nein, ganz bestimmt nicht, Mademoiselle Mistinguett.«

Eva spürte die Blicke einiger anderer Darstellerinnen, die in den verschiedensten Kostümen und Kopfbedeckungen an ihr vorbeikamen. Sie hüteten sich, stehenzubleiben, solange der temperamentvolle Star in Rage war.

»Nun, das würde ich dir auch raten!« Mistinguett machte auf dem Absatz kehrt. »Beeil dich. In der zweiten Hälfte habe ich meine große Nummer.«

Eva dachte für den Bruchteil einer Sekunde darüber nach, die Unterhose so locker zusammenzunähen, dass Mistinguett sie an diesem Abend ein zweites Mal zerreißen würde. Schnell entschied sie sich jedoch gegen einen solch hinterhältigen Zug. Sie war zu sehr auf diese Chance angewiesen. Eine Vergeltung musste fürs Erste warten.

Nachdem die Krise überstanden war, rauschte Mistinguett mit einem großen jungen Mann mit üppigem blonden Haar, das er sich in einer Welle aus dem Gesicht gekämmt hatte, davon. »Wer ist das?«, fragte Eva Sylvette, die auf ihren nächsten Auftritt wartete.

»Sein Name ist Maurice Chevalier. Er tanzt mit ihr am Ende des zweiten Teils Tango. Aber er wurde sicher nicht wegen seines Talents engagiert.« Sie zwinkerte, und Eva verkniff sich ein Lächeln.

So viel passierte an diesem glorreichen Ort. Es gab so viele Nummern, so viele Persönlichkeiten, so viele Namen, die sie sich merken musste. Bislang schlug Eva sich tapfer, und für den Augenblick waren alle Kostüm-Missgeschicke beseitigt.

Als die Darsteller in der Pause der Reihe nach hinter die Bühne kamen, um sich auszuruhen, wagte Eva einen Blick um den samtenen Bühnenvorhang.

Ihr Herz raste beim Anblick der Zuschauerschar, die sich ins Theater gedrängt hatte. Sie blickte auf ein Meer aus Seidenzylindern, steifen Melonen und Fedoras. Nicht ein einziger Platz war leer geblieben.

Beim Überfliegen der gut gekleideten Menge wurde ihr Blick von einer Gruppe dunkelhaariger junger Männer angezogen, die exotisch wirkten und in verschiedenen Schattierungen von Schwarz und Grau gekleidet waren. Sie saßen an herausgehobener Stelle an dem Tisch, der der Bühne am nächsten war. Die Tischplatte war gefüllt mit Wein- und Whiskyflaschen und einer bunten Sammlung von Gläsern, und aus ihrer lebhaften Konversation konnte sie heraushören, dass es sich um Spanier handelte. Sie fläzten sich auf ihren Stühlen, tuschelten immer wieder miteinander, tranken in großen Hieben und hatten, ungestümen Jungen gleich, offenkundig Mühe, sich zu benehmen, bis die Vorstellung weiterging. Von ihnen ging eine aufgeheizte, geradezu stürmische Stimmung aus.

Einer von ihnen hob sich deutlich von den anderen ab, er war von beeindruckender Präsenz. Lang und zerzaust fielen seine rabenschwarzen Haare ihm über die großen schwarzen Augen mit dem durchdringenden Blick. Er war kräftig gebaut, hatte breite Schultern und trug zerknitterte beigefarbene Hosen und ein ebensolches weißes Hemd, dessen Ärmel er über die Ellbogen zurückgerollt hatte, so dass seine gebräunten, muskulösen Arme enthüllt wurden. Sein Jackett hing über der Stuhllehne. Er war unglaublich anziehend.

Dieser Mann war sicher jemand Wichtiges, schon allein da er ganz vorn saß. Als sie sich wieder vom Vorhang abwandte, fiel Eva noch auf, dass eine hübsche Frau neben ihm fehlte. Ein Mann mit einer so sinnlichen Ausstrahlung und einem so durchdringenden Blick musste doch eine Frau haben. Oder zumindest eine Geliebte.

Sie wollte Sylvette schon nach seinem Namen fragen, als auf einmal die Orchestermusik aufbrauste, um die zweite Hälfte der Vorstellung einzuläuten, und sie Madame Léautaud nach ihr rufen hörte. Ihre Phantastereien würden warten müssen, denn es gab Arbeit zu erledigen, und Eva war fest entschlossen, ihre Sache gut zu machen.

Kapitel 2

Er stand barfuß und mit nacktem Oberkörper, bekleidet nur mit beigefarbenen Hosen voller Farbkleckse, die er sich bis über die Knöchel gerollt hatte, vor der Staffelei und hielt einen Pinsel in der Hand. Das Morgenlicht strömte in das Atelier mit den hohen Decken im maroden Bateau-Lavoir. Seine Staffelei war vor dem Fenster aufgebaut, hinter dem ein Weinberg lag, auf dem Schafe grasten. Dahinter bot sich ein beeindruckender Ausblick auf die schiefergrauen Dächer und Schornsteine der Stadt.

Der kalte Fliesenboden in dem bescheidenen Raum war mit Lappen, Farbtöpfen und Pinseln übersät. Überall an den grob verputzten Wänden hingen Gemälde. Hier konnte Pablo Picasso viel mehr sein als nur ein Maler – hier war er der große spanische Matador, und die feuchte Leinwand war sein Stier, den er mit Raffinesse zur Unterwerfung zwingen musste.

Beim Akt des Malens ging es immer um Verführung und Unterwerfung. Nun, da es ihm gelungen war, alle störenden Gedanken beiseitezuschieben, gab das Bild vor ihm endlich nach. Als ihm klar wurde, dass er die Herrschaft erlangt hatte, kam Picasso sich im Angesicht seines Gegners plötzlich klein vor. Dieser öffnete sich ihm wie ein Liebhaber, ergriff Besitz von ihm – besaß ihn genauso, wie eine sinnliche Frau es tun würde. Die Vergleiche wirbelten in seinem Kopf wild durcheinander. Nach seiner Kapitulation wurde das Werk von seinem Herausforderer zu seiner exotischsten Geliebten.

Farbe bedeckte seine Finger, seine Hosen, die tiefschwarzen Kringel seines Brusthaars, seine Hände und Füße. Ein blutroter Streifen zog sich über seine Wange, ein weiterer über eine Strähne seines langen schwarzen Haars.

Zu dieser frühen Stunde war es im Atelier ruhig, und ihn umgab eine dunstige Stille. Picasso genoss Momente wie diesen. Er betrachtete die feuchte Leinwand, die Kuben und Linien, die wie Gedichte zu ihm sprachen. Doch mit der Stille hielten auch wieder die Grübeleien Einzug.

Fernande hatte nach ihrem Streit am vorigen Abend zu viel getrunken, weshalb er ins Moulin Rouge gegangen war und in der berechenbaren Gesellschaft seiner spanischen Freunde Trost gesucht hatte. Die Gewissheit, in Paris mehr und mehr zum gefeierten Künstler zu werden, besänftigte seine Unruhe, dennoch wusste er, dass Fernande ihn am Ende des Abends zu Hause in ihrer neuen Wohnung erwarten würde, und er war noch zu wütend gewesen, um zu ihr zurückzukehren. Also war er stattdessen in sein Atelier gegangen.

Er liebte Fernande. Daran zweifelte er nicht. Bevor sie ihn kennengelernt hatte, war ihr Leben hart gewesen. Sie war mit einem Mann verheiratet, vor dessen Misshandlungen sie zwar geflohen war, von dem sich scheiden zu lassen sie sich jedoch bis heute nicht traute. Picasso hatte deshalb stets das dringende Bedürfnis, sie zu beschützen. Die mageren Jahre, in denen er das Leben eines unbekannten und sich mühenden Malers in Paris führte, hatten sie gemeinsam durchgestanden, was sie eng verband, auch wenn sie nach wie vor nicht heiraten konnten.

In letzter Zeit hatte er allerdings begonnen, sich zu fragen, ob es genug war; und seine Zwiespältigkeit gegenüber seiner Beziehung übertrug sich auf andere Dinge in seinem Leben. Im bedrohlichen Schatten seines immer näher rückenden dreißigsten Geburtstags empfand er tief in seinem Innersten, dass ihm etwas fehlte.

Picasso nahm einen kleineren Pinsel in die Hand und tauchte ihn in einen Topf mit gelber Farbe. Hinter den verschmierten Fensterscheiben schien die Sonne. Er konzentrierte sich einen Moment lang auf die grasenden Schafe, die diese kleine Ecke von Montmartre wie eine ländliche Dorfidylle wirken ließen. Plötzlich musste er an Barcelona denken, wo er seine Mutter zurückgelassen hatte, die sich Tag für Tag um ihn sorgte.

Erinnerungen an seine Familie und an das einfache Leben seiner Kindheit spulten sich vor seinem inneren Auge ab wie ein Faden. Er dachte an seine kleine Schwester Conchita mit ihren großen blauen Augen und ihrer kostbaren Unschuld. Noch nach all den Jahren vermisste Picasso sie sehr, drängte die Erinnerung jedoch entschlossen beiseite und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Was geschehen war, konnte er nicht ändern. Es bereitete ihm nur Pein und das Gefühl schwerer Schuld.

Als es an der Tür klopfte, verschwanden diese Gedanken. Die Tür schwang auf, und zwei junge Männer wankten herein, seine Freunde Guillaume Apollinaire und Max Jacob. Sie lachten, hielten sich brüderlich im Arm und waren in eine Wolke starken Alkoholgeruchs gehüllt.

»So viel zu Pablos Versprechen«, lallte Apollinaire, und seine großspurigen Gebärden erfüllten den gesamten Raum. »Du hattest gesagt, du wolltest dich gestern Abend nach der Vorstellung im Moulin Rouge mit uns im Au Lapin Agile treffen.«

»Ich behaupte viel, Amigos«, brummte er und wandte sich wieder seinem Gemälde zu. Sosehr er sich über die Unterbrechung ärgerte, war er doch froh, dass es seine Freunde waren, und nicht Fernande.

Picasso liebte diese beiden dichtenden Sonderlinge, als wären sie seine Brüder. Sie richteten sein Augenmerk auf Ideen, Gedichte und Konzepte, die seiner Arbeit stets neue Impulse gaben. Die drei diskutierten und tranken miteinander, stritten sich heftig und hatten ein tiefes Vertrauen zueinander gefasst, das Picasso nun, da er die ersten Vorboten des Ruhms zu spüren bekam, sehr zu schätzen wusste. Er konnte sich nicht mehr in jedem Fall sicher sein, dass er tatsächlich um seiner selbst willen gemocht wurde. Max Jacob und Guillaume Apollinaire waren dagegen über jede Kritik erhaben.

Max, der kleinere der beiden Männer, war der elegante, belesene und überaus geistreiche Sohn eines Schneiders aus Quimper. Er war Picassos erster Freund in Paris gewesen. In jenem Winter, der nun beinahe ein Jahrzehnt zurücklag, war Picasso so bettelarm gewesen, dass er seine eigenen Gemälde als Feuerholz verwenden musste, um sich warm zu halten. Max hatte ihm einen Schlafplatz angeboten, und die beiden hatten sich in seinem Einzelbett in Acht-Stunden-Schichten abgewechselt. Max schlief nachts, während Picasso arbeitete, und Picasso legte sich tagsüber hin. Max besaß nicht viel, doch was er hatte, hatte er immer mit Picasso geteilt.

Allgemein wurde angenommen, dass es Max war, der Apollinaire bei ihren phantastischen Grillen vorauseilte, das entsprach jedoch mittlerweile nicht mehr der Wahrheit. Max’ Opium- und Äthersucht hatten ihn gegenüber dem charmanten und schlauen Guillaume Apollinaire ins Hintertreffen geraten lassen, und so gab nun dieser bei ihren gesellschaftlichen Auftritten den Ton an.

»Wo ist dein Whisky?«, lallte Max.

»Habe keinen«, knurrte Picasso zurück.

»Hat Fernande ihn leergetrunken?«, wollte Apollinaire wissen.

»Das hat sie tatsächlich.«

»Ach, Unsinn, du lügst doch. Wir wissen alle, dass sie sich kaum noch unters gemeine Volk mischt, seit du ihr diese schicke Wohnung am Boulevard de Clichy gekauft hast«, entgegnete Max.

»Nun, gestern war sie aber hier. Wir haben uns gestritten, also hat sie den Whisky getrunken, weil ich keinen Wein dahatte«, erwiderte Picasso darauf. Sein Französisch war durchzogen von der Melodie seiner andalusischen Heimat. Immer wieder hörte er, seine Sprache sei ein furchtbares Durcheinander aus falschen Verben und Zeitformen, und er wusste, dass es stimmte, es war ihm so früh am Morgen jedoch völlig gleichgültig.

»Ah«, machte Apollinaire vage und berührte die Leinwand mit seinem langen, schmalen Zeigefinger, um sie auf nasse Farbe zu untersuchen. »Das erklärt so einiges.«

»Was sie auch getan haben mag, du wirst ihr vergeben. Das machst du schließlich jedes Mal«, meinte Max.

Pablo spürte, wie ihm Angst die Brust zusammenschnürte. Es erschien ihm immer mehr wie ein unausweichlicher Kreislauf. Am besten war es, nur zu arbeiten, nicht nachzudenken – über sie, über die Vergeblichkeit, über die heftige Rastlosigkeit, die sich seines Herzens mit jedem Tag stärker bemächtigte. Er musste all das ebenso begraben wie seine Erinnerungen an seine Schwester und daran, wie sie gestorben war.

Max sah sich im Atelier um und machte eine Bestandsaufnahme der neuen Bilder. Dann blieb sein Blick bei den beiden grob gehauenen altiberischen Masken hängen, die direkt hinter einem kleinen Vorhang standen, hinter dem sich auch das schmale Bett verbarg. »Die hast du immer noch?«

»Warum sollte ich sie nicht mehr haben?«, sagte Picasso kurz angebunden über die altertümlichen Büsten, die er für Studien für mehrere seiner Werke verwendet hatte.

»Ich habe mich immer gefragt, wo sie herkommen. Für mich sehen sie eher aus wie etwas, das in ein Museum gehört«, bemerkte Max trocken. Er fuhr mit dem Finger über den Hals einer der Büsten und berührte den Kopf der anderen. »Wo in aller Welt treibt man so etwas bloß auf? Legal, meine ich?«, fragte er.

Apollinaire antwortete: »Woher soll ich das wissen? Ich habe sie von meinem Sekretär bekommen, der mich bestechen wollte, damit ich ihn überall in Paris vorstelle. Anscheinend dachte er, sie würden mich beeindrucken. Zwei davon habe ich Pablo gegeben. So einfach ist das. Es war noch nie meine Angewohnheit, danach zu fragen, wo gute Kunst herkommt.«

»Oder wo die Frauen herkommen«, scherzte Max mit einem Grinsen. »Und zu unserem lieben Picasso kommt in der Tat beides – und zwar nicht zu knapp.«

»Seid ihr beiden bald fertig?«, grummelte Picasso, dem eine störrische schwarze Haarsträhne ins Auge fiel.

»Sag mir bitte, was soll denn das hier bloß sein?«, fragte Apollinaire, um das Thema zu wechseln. Er betrachtete die feuchte Leinwand auf Picassos Staffelei.

Picasso verdrehte die Augen. »Wieso muss Kunst immer irgendetwas sein?«, blaffte er zurück.

»Dieses Runde hier erinnert mich an ein Cello«, warf Max scherzhaft ein. Er rieb sich das Kinn mit dem säuberlich rasierten Bart zwischen Daumen und Zeigefinger, während er und Apollinaire das Bild betrachteten und dann einen Blick miteinander wechselten.

»Mich erinnert es dagegen eher an den Hintern einer Dame«, fügte Apollinaire mit einem verschmitzten Grinsen hinzu.

»Nicht, dass du tatsächlich jemals einen zu Gesicht bekommen hättest, Apo, mein Guter«, gab Max schlagfertig zurück und verwendete dabei den liebevollen Spitznamen, den sie mittlerweile alle übernommen hatten.

»Na, du ganz sicher nicht.«

»Fühlt ihr denn gar nichts, wenn ihr das Bild betrachtet, oder seht ihr bloß mit euren Augen?«, fragte Picasso, der verärgert darüber war, dass sie ihn zu dieser heiligen Stunde gestört hatten und sich nun auch noch über seine Arbeit lustig machten. »Dios mío, manchmal habe ich das Gefühl, von einer Bande Schwachköpfe umgeben zu sein!«

»Was ich fühle, ist Verwirrung«, kicherte Apollinaire, der so tat, als würde er die Leinwand weiter begutachten. »Pablo, dein Geist ist ein Mysterium.«

»Ich bekomme schon beim Reden darüber Durst. Sollen wir nicht alle auf ein Gläschen rausgehen?«, schlug Max vor.

»Es ist noch nicht einmal Mittag«, wehrte Picasso gereizt ab.

»Morgens ist die beste Zeit für ein Bier. Das bringt deinen ganzen Tag in Ordnung«, erwiderte Apollinaire, der über den beiden emporragte wie ein freundlicher Riese mit herunterhängenden Schultern.

»Geht schon mal vor. Ich arbeite noch eine Weile, und dann werde ich mich hinlegen.« Picasso wies mit einem Nicken auf das schmale schmiedeeiserne Bett, das in der Ecke des Ateliers stand. Darauf lag eine apfelgrüne Fransendecke mit roten Rosen, die seine Mutter ihm aus Spanien geschickt hatte. Er strich sich das Haar aus den Augen.

»Hier?«, fragte Max leicht erstaunt, da Picasso seine Hungerjahre in Montmartre längst hinter sich gelassen hatte. Es gab keinen Grund für ihn, mehr Zeit in diesem zugigen, in sich zusammenfallenden Gebäude zu verbringen als unbedingt notwendig. »Machst du es damit nicht noch schlimmer zu Hause mit la belle Fernande?«

»Zwischen Fernande und mir wird alles in Ordnung sein. Das ist es immer«, versicherte Picasso seinem Freund, während er einen Pinsel aufnahm und sich von den beiden abwandte. »Geht schon einmal vor. Ich sehe euch beide dann Samstagabend bei Gertrude, wie immer«, fügte er hinzu, während er begann, Farbe anzurühren.

Er freute sich auf Gertrude Steins Salon am Wochenende. Er sehnte sich nach den jungen Köpfen dort und nach seinen Debatten mit Gertrude selbst, die stets für eine intellektuelle Auseinandersetzung zu haben war. Sie forderte ihn heraus, brachte ihn zum Nachdenken. Und sie stellte jede einzelne gesellschaftliche Regel in Frage, die es gab. Diese Frau war eine Naturgewalt, die ihn mit sich zu reißen vermochte. Selbst wenn diese Anziehungskraft für ihn eine rein geistige war.

»Lasst mich nun weiterarbeiten.«

»Hast du nicht etwas vergessen? Du hast versprochen, morgen zu Apos Lesung im Salon des Indépendants zu kommen«, erinnerte Max Picasso flüsternd, als sie an der Tür angelangt waren.

»Ich habe es nicht vergessen«, erwiderte Picasso.

Was glatt gelogen war.

Für einen kurzen Moment, in dem sie ihre Lider noch geschlossen hatte und der Nebel des Schlafs sich noch nicht ganz gelichtet hatte, hatte Fernande eine Vision ihres Ehemannes, des Mannes, der sie grausam geschlagen hatte. Sie riss die Augen panisch auf, erblickte jedoch nur einen kleinen karamellfarbenen Kapuzineraffen in einem schicken roten Jäckchen, an dessen Revers eine Krawatte genäht war. Das Tier starrte sie mit seinen schwarzen Knopfaugen an, während Pablo lächelnd hinter ihm stand.

»Der Affe aus dem Café?«, fragte Fernande in dem Versuch, sich das kleine Wesen zu erklären, das auf ihrer Brust saß und sich gerade geschäftig putzte. Sein Anblick wirkte absurd, insbesondere, da dieser schreckliche Traum immer noch an den Rändern ihres Bewusstseins herumlungerte.

»Ich habe ihn heute Morgen auf dem Nachhauseweg gekauft, als ich aus dem Atelier kam. Zugegeben, er ist ein bisschen ungewöhnlich, aber hier in unserer kleinen Menagerie wird er es besser haben als dort.«

Fernande ließ ihren Blick von ihrem struppigen Schäferhundmischling Frika über die Siamkatze Bijou bis zu der weißen Maus gleiten, die sie in einem Holzkäfig vor dem Fenster hielten. Ja, ihre Wohnung wurde tatsächlich langsam zu einer Menagerie.

Sie setzte sich auf, und die Bettdecke rutschte von ihrer nackten Brust. Das lange kastanienbraune Haar, das ihr über die Schultern fiel, betonte ihre grünen Augen. Das Tier sprang von ihrem Schoß mit plötzlichen ausgelassenen Bewegungen zuerst auf eine Kommode, dann auf den Fußboden. »Aber ein Affe, Pablo?«

Er sank neben sie auf den Bettrand. »Er wurde misshandelt und vernachlässigt. Du kennst mich, ich konnte nicht anders, als ihn zu retten. Ich hatte nicht genug Geld dabei, also habe ich eine Zeichnung für den Leierkastenmann angefertigt. Er schien hocherfreut über den Tauschhandel.«

Die helle Morgensonne strömte nun in die Wohnung, und Fernande betrachtete noch einmal all die geretteten Tiere, die Picasso unbedingt mit nach Hause hatte nehmen wollen. »Außerdem ist es eine Investition«, fuhr er fort. »Ich kann ihn für einige meiner neuen Studien gebrauchen. Affen sind seit dem Mittelalter symbolisch in der Kunst, also könnte er sich tatsächlich noch als nützlich erweisen.«

»Wenn er nicht gerade unseren Fußboden oder unsere Möbel beschmutzt.«

Mit einem Seufzen sah Fernande zu, wie das kleine Tier eine Pfütze auf dem Teppich hinterließ und dann über die Kommode kletterte. Picasso zog ein Stückchen Croissant aus seiner Jackentasche und gab es ihm. Bijou und Frika lagen gemeinsam auf dem Teppich und beobachteten die Begegnung mit höflicher Zustimmung.

Fernande seufzte noch einmal und stand auf, um sich anzuziehen. Für sein sanftes Gemüt liebte sie Pablo am meisten. Wenn sie ihn nur genug liebte, würde Gott sie vielleicht eines Tages mit einem Kind segnen, einem echten. Sie wusste, dass er sich sehnlichst eine Familie wünschte, wie jene, die er als kleiner Junge in Barcelona gehabt hatte.

Als sie ihr Unterhemd angezogen hatte und gerade ihre Bluse darüber zuknöpfte, sah sie, wie seine Augen sich verengten. Er hatte die Bleistiftzeichnung entdeckt, die hinter ihrem Kissen hervorlugte und für die sie gestern posiert hatte, während er in Montmartre war. Sie wusste, was Picasso davon hielt, wenn sie für andere Künstler Modell stand, und sie hatte es trotzdem getan. Die Tage in dieser reizenden Wohnung wurden ihr lang, und er war nicht der Einzige, der es verdient hatte, gerühmt zu werden. Mit seinem Erfolg stach er sie immer wieder aus.

»Was ist das?«

»Du weißt, was das ist.«

Sie wusste, dass er diesen Strich auf Anhieb erkannte.

»Du hast für Van Dongen Modell gestanden?«

»Pablo, sei vernünftig. Du bist fast immer den ganzen Tag fort, und Kees ist einer unserer Freunde aus den alten Zeiten. Wir kennen seine Frau und seine Tochter, um Himmels willen.«

»Er ist immer noch ein Mann, und du hast ihm nackt Modell gestanden.« Er schritt durch das Zimmer auf sie zu, während sie ihren langen schwarzen Rock zuknöpfte. Picasso ergriff ihre Handgelenke und zog sie energisch an seine Brust. In seiner Geste lag Verzweiflung. »Habe ich dir nicht alles gegeben, was du dir je gewünscht hast? Diese Wohnung, elegante Kleider, einen Schrank voller Hüte, Handschuhe und Schuhe, Einlass in jedes Restaurant in Paris, auf das du Lust hast, nur damit du diese erniedrigende Arbeit nicht mehr tun musst?«

»Für mich ist es keine Arbeit, für mich ist es Freiheit.«

Sie schwiegen beide, und Fernande streckte ihre Unterlippe zu einem kleinen gespielten Schmollmund hervor, während ihre grünen Augen sich weiteten.

»Heißt das, wir streiten uns heute wieder?«, fragte sie.

»Es ist eine Meinungsverschiedenheit. Mehr nicht.«

»Ich fürchte, wir zanken uns zu oft.«

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und ließ ihre Handgelenke los. Dann glitten seine Hände um ihren Körper, hinab auf ihr Kreuz, um sie nah an sich heranzuziehen. Er beherrschte die Kunst der Verführung so meisterhaft, dachte Fernande und versuchte dabei, die Schar von Frauen auszublenden, mit denen er seine Fähigkeiten verfeinert hatte. Auch sie konnte andere gut beeinflussen, aber sie wussten beide, dass er darin immer besser wäre.

Er hob ihr Kinn mit dem Daumen an, so dass sie seinem Blick nicht ausweichen konnte. »Aber wir vertragen uns auch immer wieder, das ist der erfreulichere Teil«, sagte er.

Es war nicht leicht, Picasso etwas übelzunehmen, wenn das Verlangen nach ihm sie bereits ergriffen hatte. Sie wollte nur noch mit ihm zusammen in ihrem warmen Bett liegen, selbst wenn es mittlerweile eine gewisse Vorhersehbarkeit in ihrer Beziehung gab. Immerhin liebten sie einander, und am Ende reichte ihr das. Auch ihm hatte es bislang immer gereicht.

»Ich will, dass du Van Dongen sagst, dass du für das Bild nicht Modell stehen kannst.«

»Du vertraust mir nicht?«

»Das ist keine Frage des Vertrauens.«

Fernande vernahm die plötzliche Schärfe in seinem Tonfall und fragte sich, wie viel er darüber wusste, was sie in den langen Stunden tat, in denen er oben in Montmartre arbeitete. »Natürlich ist es das.«

»Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich all die Jahre versucht habe, dich zu beschützen, nach dem, was dein Mann dir angetan hat. Du hattest Besseres verdient als das.«

Sie wollte sagen, dass sie es nicht verdient hatte, auf ein so hohes Podest gestellt zu werden, wie er es vor fünf Jahren getan hatte. Doch sie brachte es nicht fertig, da ein Teil von ihr sich immer noch nach seiner Verehrung sehnte. Stattdessen legte sie ihm eine Hand auf die Brust. Sie kannte seinen Körper gut und wusste, worauf er reagieren würde. Daher war sie überrascht, als er ihre Hand sanft zur Seite schob und stattdessen nach dem kleinen Affen sah, der sich auf den breiten, zottligen Rücken des Hundes gehockt hatte.

Bei diesem Anblick Picassos fühlte sich Fernandes Herz auf einmal schwer an. Sie war sich nicht sicher, weshalb.

»Lass uns drüben im L’Ermitage zu Mittag essen. Nur wir beide«, sagte sie und versuchte dabei, kokett zu klingen. Sie spürte eine seltsame neue Barriere zwischen ihnen, die ihr nicht gefiel.

»In Ordnung. Aber schimpf nicht mit mir, wenn ich die Reste für Frika mitnehmen will.«

»Manchmal glaube ich, du liebst den Hund mehr als mich.«

»Dios mío, Fernande, ich bin immer noch da, oder etwa nicht?«

Kapitel 3

»Das kann ich nicht tun! Das mache ich nicht!«

Wenn sie sich an das zurückerinnerte, was geschehen war, bevor sie ihr Zuhause verlassen hatte, vernahm sie als Erstes ihre eigene Stimme, und rasch war die Szene in ihrem Kopf wieder lebendig.

Evas Eltern schenkten ihrem Widerspruch keinerlei Beachtung. Ihre Mutter stand schweigend am Herd und rührte in dem Eisentopf voller Borschtsch. Ihr Vater saß ihr an dem kleinen Küchentisch gegenüber, seine Ellbogen schwer darauf gestützt, während er in den Händen einen halbvollen Becher Wein hielt. Er war immer leicht reizbar, wenn er diesen sauer riechenden, billigen Wein trank, doch niemand wagte, es ihm zu sagen.

»Kochany Tata«, beschwor Eva ihn in der Hoffnung, der liebevolle Kosename würde ihn milder stimmen. Sie wusste indes, dass dabei eine Andeutung von Schärfe in ihrer Stimme steckte, die sie nicht ganz unterdrücken konnte. Und auch er würde sie heraushören, weil er sie so gut kannte.

Der Geruch nach Schweinefleisch, Ingwer und saurem Wein war in der angespannten Stimmung beißend stark.

»Was stimmt denn mit Monsieur Fix nicht?«, wollte ihr Vater wissen. Er saß vornübergebeugt und blickte unter schweren Lidern von seinem Weinglas auf, als wäre das Leben selbst für ihn so beschwerlich geworden wie für ihre Mutter. »Du bist zu gut für den Mann, nicht wahr?«

»Ich liebe ihn nicht, Tata

»Pff, Liebe!«, brummte er und schlug mit der Hand in die Luft. »Mit seiner Familie ist bereits alles geregelt. Ein Mädchen wie du sollte einen Ehemann, ein Haus voller Kinder und ein sicheres Leben in der Nähe seiner Eltern haben.«

Sie zuckte zusammen, als hätte er ihr Todesurteil ausgesprochen. Ein Mädchen wie du. Was er damit meinte, war: ein unansehnlicher Kobold von einem Mädchen, das mit dreiundzwanzig immer noch unverheiratet ist und mit Männern, Beziehungen und der echten Welt keinerlei Erfahrungen gesammelt hat. Eva wusste nicht, wie sie antworten sollte, um seinen Ärger nicht weiter anzustacheln. Sie verspürte nicht die geringste Sehnsucht danach zu heiraten. Das Einzige, wonach sie sich wirklich sehnte, war die Freiheit, etwas aus ihrem Leben zu machen. Ihre Mutter rührte weiter in der Suppe herum.

»Ich würde ihn nicht heiraten, selbst wenn er der einzige Mann auf der ganzen Welt wäre, der mich jemals haben wollte.«

»Doch, das wirst du.«

»Papa, du verstehst mich nicht! Dieses Leben würde mich umbringen, das weiß ich!«

»Er hat den ersten ernsthaften Antrag gemacht, den du je bekommen hast. Bei Gott, du wirst ihn heiraten.«

»Ich bin eine erwachsene Frau! Was du verlangst, ist zu viel.«

»Du wirst immer mein Kind bleiben, Eva Céleste Gouel – und du tust, wie dir geheißen. Mehr gibt es da nicht zu verstehen«, verkündete ihre Mutter, die endlich ihr Schweigen brach und dabei den Holzlöffel von sich schleuderte, der mit einem Klappern auf dem gekachelten Fußboden landete.

»Nein! Ich sage euch, das werde ich nicht tun!«

Plötzlich schlug ihr Vater sie unvermittelt. Die Wucht dieses Schlages ließ ihren Kopf zur Seite schnellen. Neben dem brennenden Schmerz, den sie spürte, war sie vor allem überrascht, denn ihr Vater hatte sie noch nie zuvor geschlagen. Ihre Eltern liebten sie. Sie hatten sie immer geliebt. Als sie sich langsam wieder zu ihrem Vater umdrehte, schmeckte sie Blut, das aus ihrer aufgesprungenen Lippe rann. »Du bist unsere Tochter, dafür bist du uns etwas schuldig, und bei Gott, du wirst Monsieur Fix’ Frau werden, und wenn es dich umbringt!«

Nun mischte sich ihre Mutter erneut ein. In ihren Augen schimmerten Tränen. »Eva, bitte. Dieser Mann ist zuverlässig. Er wird dich nicht im Stich lassen, wenn du wieder krank wirst. Die Lungenentzündung im letzten Winter hätte dich beinahe dahingerafft. Du hattest schon immer eine schwache Konstitution, und das gilt besonders für deine Lunge. Wenn du irgendwo hingehst, wo wir nicht auf dich aufpassen, wird dir etwas Schlimmes zustoßen. Etwas Furchtbares, das weiß ich!«

»Eva? Hörst du mir zu?«

Die Erinnerung hatte noch immer die Macht, sie vollkommen zu überwältigen. Wie ein Phantom verschwand sie nun wieder in einer hinteren Ecke ihres Bewusstseins, als Eva Sylvettes Stimme vernahm. In ihrem gemeinsamen Zimmer war es dunkel, daher konnte Sylvette die Tränen in ihren Augen nicht sehen. Grillenzirpen drang durch das geöffnete Fenster in den Raum, während ihr bewusst wurde, dass Sylvette ihr gerade etwas erzählt hatte, das sie nicht mitbekommen hatte.

»Musstest du wieder daran denken, was bei deinen Eltern passiert ist?«, fragte Sylvette behutsam.

»Es ist bloß eine lebhafte Erinnerung, die mich nachts überkommt, das ist alles. Mir geht es gut.«

»Möchtest du darüber sprechen?«

»Das würde nicht helfen.« Sie spürte, wie ihre Tränen über die Wangen rollten und dort trockneten. Sie machte sich nicht die Mühe, sie fortzuwischen. Für eine Weile blieb es zwischen ihnen still.

Ein Strahl Mondlicht fiel in das kleine Zimmer, das sie sich teilten. Die beiden Mädchen lagen auf dem Rücken und schauten zur Decke hinauf, und Eva hörte Sylvettes regelmäßigen Atem, der sie beruhigte und ihr Zuversicht spendete.

»Hast du Mistinguetts Gesicht gesehen, als du meintest, dass du ihre Unterhose nähen wirst?«, fragte Sylvette nun und fing an zu kichern. Das Geräusch erinnerte Eva an Glöckchenklingeln.

Sie musste selbst lächeln, und dann lachten sie beide.

»Sie hasst mich«, stöhnte Eva.

»Sie hasst alle Frauen, die eine Bedrohung für sie darstellen.«

»Ich bin weder so schön noch so talentiert wie sie, wie könnte ich für sie eine Bedrohung darstellen?«

»Du hast etwas an dir. Die Menschen spüren das. Und Männer sehen dich anders an als eine Frau wie sie. Du bist anmutig und unschuldig. Dich wollen sie beschützen.«

»Ganz so unschuldig bin ich nicht. Und anmutig schon gar nicht.«

Sylvette kicherte. »O doch, glaub mir, das bist du!«

Die Bilder davon, wie sie ihr Elternhaus verlassen hatte, krochen zurück in ihren Geist. Ihr Ungehorsam ihrer Familie gegenüber verfolgte sie. Eine Woche nach dem Streit mit ihren Eltern hatte Eva den Mut aufgebracht, ein Métro-Ticket nach Paris zu kaufen. Sie hatte ihren Eltern noch nicht einmal gesagt, dass sie fortgehen würde, aus Angst, sie würden sie umstimmen.

Ihre Eltern waren keine bösen Menschen. Sie wusste, dass ihre Mutter darum gekämpft hatte, der Armut zu entkommen, die sie in Warschau erlebt hatte, und dass sie davon geträumt hatte, zu heiraten, ein Kind zu bekommen und ein friedliches Leben in den Vororten von Paris zu führen. Eva aber teilte diesen Traum nicht. Sie hatte sich die Tränen getrocknet, als sie in ihrem einzigen Paar geknöpfter Schuhe in den Métro-Waggon gestiegen war. Sie wusste, wie tief sie ihre Eltern verletzte, aber sie begehrte so sehr ein anderes, ein aufregendes Leben. In ihr war eine starke Sehnsucht nach etwas, das mehr war als alles, was sie zu Hause finden könnte.

»Sylvette?«

»Hm?«

»Was ist mit der Näherin vor mir passiert?«

»Mistinguett mochte sie nicht«, antwortete Sylvette nach kurzem Zögern.

»Sie ist furchtbar einschüchternd.«

»Ich sollte dir das wahrscheinlich nicht erzählen, aber vielleicht fühlst du dich dann besser. Mistinguett heißt eigentlich Jeanne, allerdings wagt es niemand, sie so zu nennen.«

»Weshalb?«

»Weil ihre eigene Mutter eine Näherin war. Ich glaube, sie will sich von ihrer Vergangenheit distanzieren, genau wie du. Sich wichtig zu machen hilft ihr dabei. Jene Zeit bleibt ihre Schwachstelle, und deswegen braust sie auf, um sich zu verteidigen.«

»Sylvette?«

»Hm?«

»Danke, dass du mir geholfen hast, diese Anstellung zu bekommen«, sagte Eva in das nächste kurze Schweigen hinein.

»Nichts zu danken. Ich habe dir doch nur gesagt, dass eine Stelle frei ist. Angenommen worden bist du ganz allein«, erwiderte Sylvette gähnend. »Außerdem habe ich das sichere Gefühl, dass du dich eines Tages revanchieren können wirst.«

Am folgenden Nachmittag gingen Eva und Louis gemeinsam in der wunderbar wärmenden Frühlingssonne den belebten Quai d’Orsay entlang. Ganz Paris schien unterwegs zu sein, um das herrliche Wetter zu genießen – die Sonnenschirme aufgespannt, mit breitkrempigen Hüten, deren Federn in der leichten Brise flatterten. Die Bürgersteige waren mit heruntergekommenen kleinen Bücherständen besetzt, die mit zerfetzten ledergebundenen Schätzen gefüllt waren. Auf der glitzernden Seine unter ihnen wippten buntbemalte Boote auf und ab.

Diesen Teil der Stadt mochte sie am liebsten, und an diesem Tag, an dem das Sonnenlicht durch den Eiffelturm und auf die Pariser Dächer am Horizont fiel, sah alles geradezu magisch aus.

Oh, wie sie die Lebendigkeit dieser Stadt liebte!

Als Nächstes durchschritten sie den schattigen Luxus des Jardin des Tuileries mit seinen von Sonnenlicht gesprenkelten Wegen, seinen gepflegten Rasenflächen, den griechischen Urnen und den prachtvollen Springbrunnen, die sie unter die üppigen Blätterdächer seiner Bäume lockten. Junge gut gekleidete Paare schlenderten zwanglos Hand in Hand mit ihnen zusammen am Medici-Brunnen vorbei, die Damen ließen ihre Sonnenschirme kreisen, die Herren trugen Halstücher und Melonen oder steife Strohhüte und elegante Gehstöcke. Andere Paare saßen auf grünen Parkbänken, die verstreut am Wegrand standen, und manche von ihnen fütterten Tauben.

Sie unterhielten sich über die neuesten Nachrichten. Alle sprachen über den, wie die Zeitungen schrieben, weltgrößten Ozeandampfer, der auf der anderen Seite des Kanals in Irland beinahe fertiggestellt war. Sie wollten das Schiff Titanic taufen und verkündeten es enthusiastisch als unsinkbar.

Louis war der Meinung, dass man damit ganz sicher das Schicksal herausforderte. Die Aussicht, dass die Titanic auf ihrer Jungfernfahrt die ganze Strecke von England bis nach Amerika zurücklegen sollte, erschien ihm furchterregend. Aber ging es im Leben andererseits nicht genau darum, dass man die Dinge tat, die einem am meisten Angst einjagten?

Je größer das Risiko, desto größer die Belohnung. Ironischerweise war es ihr Vater gewesen, der das immer behauptet hatte. »Würdest du die Reise wagen, wenn du sie dir leisten könntest?«, fragte sie.

»Nie im Leben.« Louis lachte. »Ich hasse das Meer. Es ist mir viel zu groß und dunkel und unbekannt!«

»Das Unbekannte ist doch das Beste am Leben«, entgegnete Eva mit einem breiten Lächeln.

Sie war froh, als sie sich schließlich unter die Menschenmenge mischten, die sich auf der breiten Avenue Nicholas II am Grand Palais vorbei und über die ehrwürdige Treppe in den immer noch großen Petit Palais aus weißem Stein hinaufschob, in dem die Ausstellung stattfand. Für eine Weile konnte sie ihre Besorgnis über die Absichten, die Louis vermutlich mit seiner Einladung verknüpfte, beiseiteschieben und sich gestatten, sich für die Kunst zu begeistern, über die alle Welt sprach. Mit stolz erhobenem Kinn übergab sie dem Mann am Eingang ihre beiden Karten.

Das Gebäude war schon von außen prachtvoll, und in seinem Inneren imponierte es mit riesigen Deckenmalereien und einer hoch aufragenden Rotunde. Die verschiedenen Räume waren unterschiedlichen Kunststilen der Moderne gewidmet, und Eva und Louis arbeiteten sich kontinuierlich durch die Menge vor. Bis sie in einen Raum kamen, in dem Eva bemerkte, dass die Männer und Frauen sich die behandschuhten Hände bestürzt vor den Mund geführt hatten. Sie erkannte schnell, weshalb, und musste vor Verlegenheit kichern – sie waren beim Werk Henri Matisse’ angelangt.

Kräftige Farben, ein primitiver Stil und eine so rohe Gestaltung, wie sie sie sich niemals hätte vorstellen können, stürmten auf Evas Sinne ein. Nicht bei einem einzigen Werk wusste sie, was sie denken oder empfinden sollte. Einiges davon schockierte sie, da diese Arbeiten sich an keinerlei Konventionen hielten. Manche Betrachter lachten offen und wiesen mit dem Finger auf das Porträt einer Frau mit Hut. Mit seinen breiten Pinselstrichen in kräftigen Farben, die auf die Leinwand geklatscht waren wie mit einer Maurerkelle, wirkte das Bild auf Eva wild und verboten und löste in ihr eine regelrechte Sturzflut der Verwirrung aus.

Auf den Gemälden um das Frauenporträt herum waren nackte Frauen zu sehen, die sie faszinierten – ihre Körper, diese großen sinnlichen Klumpen Ölfarbe auf Leinwand. Eva musste nach Luft schnappen.

»Das ist es, was Künstler heute machen?«, fragte sie, während ihr Körper beim Anblick all der blanken Brüste, Beine und Bäuche, die dem Anschein nach auch auf den Gemälden aller anderen ausgestellten Maler abgebildet waren, in Erregung versetzt wurde.

»So malte man vor einigen Jahren. Heute machen sie so etwas und noch vieles mehr, das sie nicht wagen würden, hier auszustellen. Das meiste davon ist noch unverhohlener erotisch als diese Akte hier.« Louis schnaubte tadelnd.

»Du hast noch schlimmere gesehen?«, hakte Eva nach.

»Selbstverständlich. Aber der neueste Schrei ist dieser Unsinn, den sie Kubismus nennen. All das nackte Fleisch überlassen sie nun dieser Retrospektive, während sie sich noch viel wilderen Dingen zuwenden. Komm, das musst du dir anschauen. Es ist einen Raum weiter.« Er nahm ihre Hand und führte sie durch die Menge. Er war ein solcher Langweiler, wofür seine Erläuterungen das beste Beispiel waren. Sie verabscheute seine feuchte Hand fast so sehr wie seine Berechenbarkeit. Aber nicht einmal das konnte die Erregung dieses Augenblicks dämpfen. In dieser elitären Menge auf einer so glamourösen Ausstellung zu sein war das Aufregendste, was sie je erlebt hatte, und sie schwebte wie auf Wolken.

»Letztes Jahr hat ein Pariser Esel mit seinem Schwanz ein Bild gemalt, und sie haben es hier bei der Ausstellung gezeigt. Dieser Schund wurde für vierhundert Francs verkauft, während ein Künstler wie ich kaum etwas für einen anständigen Preis loswird«, brummte Louis, der alles tat, um sein Wissen geltend zu machen und damit die Begeisterung, die sie verspürte, zu dämpfen.

Als sie den nächsten Raum erreicht hatten, war Eva nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber dieses erneute Trommelfeuer auf ihre Sinne verblüffte sie noch mehr als das, was sie zuvor gesehen hatte. Der riesige Raum wirkte mit seinem Spiel aus Licht und Farben und all den Menschen darin regelrecht aufgeheizt. Viele der Leinwände waren von enormer Größe und vollständig bedeckt mit Linien und Winkeln. Sie erinnerten an spitze Würfel, in denen Menschen gefangen waren, die zu entfliehen versuchten. Eva verspürte einen Schauder beim Anblick dieser eindringlichen Bilder, und sie fragte sich, was einige der Künstler wohl damit hatten ausdrücken wollen. Um sie herum drängten sich zu viele Menschen, als dass sie lange genug hätte stehenbleiben können, um auch nur eine Vermutung zu wagen, dennoch wühlte sie dieser Anblick auf seltsame Weise auf.

»Das sind diese furchtbaren Künstler, die man statt als Fauvisten lieber als wilde Tiere bezeichnen sollte. Keinem von ihnen ist irgendetwas künstlerisch heilig. Sieh dir doch nur diese unsinnigen Formen an«, murrte Louis. »Einer von ihnen macht sich damit tatsächlich gerade einen Namen, auch wenn er jetzt anscheinend um so vieles besser als alle anderen ist, dass er seine Arbeiten hier nicht ausstellen will. Ein Spanier namens Picasso. Diese elenden Spanier.«

Er rieb sich das Kinn, während er zu einem riesigen Gemälde voller grauer und beigefarbener Kuben aufblickte. »Ich würde ihm trotzdem gern einmal begegnen. Vielleicht würde sich dann etwas von seinem unverschämten spanischen Glück auf mich übertragen. Zumindest weiß ich, dass ich besser malen kann als ein Eselschwanz!«

Den Namen Picasso hatte sie natürlich bereits gehört. Jeder, der in Paris etwas auf sich hielt, sprach von ihm und bezeichnete ihn als wahren Renegaten. Sie hatte kürzlich erst gelesen, er sei dafür bekannt geworden, dass er den Stil Matisse’ hinter sich ließ und diesen neuen linearen Stil annahm, den Louis so verabscheute. Eva kannte sich mit Kunst nicht aus, sie wusste nur, dass diese Bilder sie faszinierten.

Als Louis kurz abgelenkt war, da er sich mit einem Paar unterhielt, das er anscheinend kannte, schlenderte Eva allein zurück in den ersten Raum, in eine Ecke, in der ein großes Gemälde mit einer nackten ruhenden Frau darauf aufgehängt war. Sie beugte sich näher vor, auch dieses Werk war von Matisse. Die Erotik des Bildes war unverschleiert. Direkt daneben hing ein weiteres von ihm, auf dem überall nackte Figuren standen und lagen, die in lebendigen Schattierungen von Gelb, Rot, Rosa und Blau gemalt waren. Ein Paar war sogar dabei abgebildet, wie es sich … Eva unterdrückte ein Keuchen.

In diesem Augenblick sah sie ihn.

Er betrachtete ein gewaltiges Gemälde vor ihm an der Wand. Er sah grob aus, fast wie ein Schlägertyp, dachte sie, ein wahrhaftig schäbiger Bohèmien. Seine Körperlichkeit hatte etwas Gefährliches, nicht zu vergleichen mit dem blitzblanken, ordentlichen Louis. Er trug ein lässiges schwarzes Cordsakko, einen schwarzen Rollkragenpullover, zerknitterte beigefarbene Hosen, eine schief sitzende blaue Mütze und abgetragene Schuhe. Seine breiten Finger waren mit Farbklecksen übersät. Er war kompakt gebaut und stämmig wie ein Boxer.

Und da fiel es ihr wieder ein.

Es war der Mann aus dem Moulin Rouge vom vorigen Abend. Diese Augen waren unverwechselbar; sie waren schwarz wie die Nacht und sahen aus, als könnte sich ihr Blick mitten durch das Bild brennen. Ihn umgab eine geradezu unheimliche Sinnlichkeit, auf die ihr Körper reagierte. Nun betrachtete er ebenfalls das Matisse-Gemälde mit den vielen Akten. Zu ihrem Entsetzen drehte er sich abrupt um und erwischte sie dabei, wie sie ihn anstarrte.

Evas Herz hüpfte ihr bis zum Hals, und sie kam sich töricht vor. Dann bewegten sich seine Lippen ganz leicht zu einem flüchtigen Lächeln nach oben, und er nickte ihr zu, als wären sie die einzigen beiden Menschen im Raum.

Die Zeit dehnte sich aus, während etwas zwischen ihnen aufflammte. Evas Phantasie ging mit ihr durch, und während sie einander abschätzten, meinte sie, beinahe zu spüren, wie seine Hände ihren Rücken hinunterfuhren und sie an ihn zogen. Als sie sah, wie sein Blick an ihrem Körper entlangstreifte, wusste sie, dass seine Gedanken die ihren widerspiegelten. Sein Blick wanderte mit der wohlgefälligen Routine eines Liebhabers von ihrem Hals an abwärts. Zum Glück schien niemand in dem überfüllten Raum bemerkt zu haben, wie sie einander gefangen hielten, und Louis war noch immer in dem Raum mit den Werken der Kubisten.

Eva erwiderte sein Lächeln mutig. Sie kam sich so unverfroren vor! Sie wusste nur zu gut, dass sie keine große Schönheit war – nicht wie die Tänzerinnen im Moulin Rouge –, und dennoch sah dieser Fremde sie voller Verlangen an.

»Eigenartige Kunst«, bemerkte er beiläufig über das Bild, vor dem sie nun beide zum Stehen kamen. Sein Akzent war so stark, dass sie sich erst nicht sicher war, was er gesagt hatte.

»Ich verstehe es nicht.«

»Denken Sie, der Künstler versteht es?«

»Nun ja, Monsieur Matisse hat es gemalt, also muss er es wohl.«

»Was, glauben Sie, möchte er vermitteln?«, fragte er.

»Chaos. Kühnheit. Mit Sicherheit ein ungezügeltes Herz«, antwortete sie nachdenklich. »Seine Gedanken müssen ein einziger Rausch sein.«

»Genau wie sein Liebesleben«, fügte er hinzu und sah erneut in Richtung des Bildes.

Sie war so gefesselt wie beschämt, während er sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger hielt und auch sie sich mit einem zurückhaltenden Lächeln wieder der Leinwand zuwandte.

»Und wenn er nun beim Malen allein von seiner Seele kontrolliert wird und nicht von seinem Kopf?«

Sie konnte sich nicht recht vorstellen, was er meinte, und dachte einen Moment lang nach, wie sie antworten sollte. »Ich verstehe einfach nicht, weshalb er nicht Bilder malt wie alle anderen. Meinetwegen wie Toulouse-Lautrec oder Monsieur Cézanne. Sie waren auch innovativ, dennoch waren sie Meister.«

»Nicht zu ihren Lebzeiten, so viel ist sicher. Vielleicht sehnt Monsieur Matisse sich nach der Freiheit, in seiner Sicht auf die Welt verwegen zu sein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Vielleicht möchte er die Dinge so malen, wie er sie denkt oder fühlt, und nicht, wie alle anderen sie sehen.«

Auf einmal verstand sie, was er meinte. Genau aus diesem Grund war sie aus Vincennes geflohen, weil sie sich nach der Freiheit sehnte, die Welt anders zu sehen als ihre Eltern. Weil sie fühlen wollte. Sie wollte so sein wie Apollinaires Zigeunerin.

»E

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