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MARZELLAS GEHEIMNIS

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JOCHEN SPRENTZEL

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MARZELLAS GEHEIMNIS

DAS UNGEWÖHNLICHE KIRCHNER MODELL

Diese Erzählung basiert auf wahren Begebenheiten, die fiktional angereichert wurden. Einige Geschichten der erwähnten Personen sind frei erfunden.

MARZELLAS GEHEIMNIS
DAS UNGEWÖHNLICHE KIRCHNER MODELL

Es ist Hochsaison in Stockholm. Von der Touristenflut in der schwedischen Hauptstadt profitiert auch das Moderna Museet, eines der bedeutendsten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst in Europa. Viele Besucher aus dem In- und Ausland interessieren sich besonders für eine spektakuläre Neuerwerbung des Museums.

Ein Experte versucht gerade, einer deutschen Besuchergruppe das Gemälde zu erklären, das als Perle des Expressionismus gilt. „Ernst Ludwig Kirchner hat das Werk 1910 in Dresden geschaffen. Sie sehen, dass es sich um einen Mädchenakt in teilweise verfremdeten Farben handelt. Ein typisches Merkmal des Expressionismus. Was für ein herrliches, ausdrucksvolles Bild. Geht es Ihnen auch so, dass man gebannt auf dieses Meisterwerk starrt und seine Symbolik interpretieren möchte?“ Die Gäste schauen ein wenig ratlos, aber ohne eine Antwort abzuwarten, spricht der Museumsführer sofort weiter. „ In den Ateliers der Künstlergruppe „Brücke“ in Dresden wurden in dieser Zeit viele minderjährige Mädchen, einige noch

Kinder, nackt gemalt. Das sorgt natürlich noch heute für leidenschaftliche Diskussionen, an denen ich mich aber nicht beteiligen möchte. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns ganz auf das wunderschöne Gemälde konzentrieren könnten.

Dieses Bild heißt „Marzella“. Leider weiß man nicht, um wen es sich dabei handelt. Gab es diese Marzella wirklich? War sie ein echtes Kirchnermodell, oder schuf der Künstler 1910 ein Phantasiegemälde? Vielleicht ist Marzella auch ein Pseudonym. Leider haben sich Kunsthistoriker bisher kaum mit diesem Thema beschäftigt, obwohl wahrscheinlich viele Liebhaber der Malerei mehr darüber erfahren möchten. Fänden Sie es nicht auch spannend, herauszufinden, wer dieses junge Mädchen war, wenn es wirklich in Kirchners Atelier verkehrte?“ Wieder eine eher rhetorische Frage an die deutschen Besucher, die zwar beeindruckt sind von dem außergewöhnlichen Kunstwerk, aber auch nachdenklich wirken angesichts des kindlichen Aktbildes.

Ein älterer, schlanker Mann mit schütterem Haar und eine kleine zierliche Frau in seinem Alter, die etwas hinter der Besuchergruppe stehen, weil sie sich verspätet haben, lauschen gebannt den Ausführungen des Experten. „Kommen Sie ruhig näher heran! Seien Sie herzlich willkommen!“, sagt er zu den beiden. „Sie haben noch nichts wesentliches versäumt.“

Der 2. Dezember 1945 ist ein besonderer Tag für mich sowie alle Katholiken in Dresden, denn an diesem ersten Sonntag im Advent wird mein Bruder Willibrord Sprentzel, der neue Propst der Hofkirche, in sein Amt eingeführt. Willi ist glücklich, dass ich, seine kleine Schwester Marzella, die er stets Zella nennt, trotz widriger Umstände der feierlichen Zeremonie beiwohnen kann. Willis Vorgänger kam im Februar 1945 bei den verheerenden Bombenangriffen auf Dresden ums Leben. Die stolze 190 Jahre alte Hofkirche am Altstädter Elbufer lag weitgehend in Trümmern. Mehrfach von Sprengbomben getroffen, stürzten das Dach und die Gewölbe im Innenraum ein. Der Blick durch das Portal mit den verbrannten Türen zeigt im Hauptschiff einen übermannsgroßen Schutthaufen. Nur in der Bennokapelle kann der Gottesdienst für den neuen Propst abgehalten werden. 650 Gläubige stehen dicht gedrängt in dem liebevoll geschmückten Raum. Die Orgel der Hofkirche wurde 1944 in ein Kloster ausgelagert und entging dadurch der Zerstörung. Der Organist, ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders, begleitet die Feierstunde auf dem Harmonium.

Der weitgehend unzerstörte Benno Altar leuchtet wie ein Hoffnungszeichen in einer trostlosen Zeit. Etwas mehr als ein halbes Jahr nach Kriegsende will Willi als Propst mit dem mühsamen Wiederaufbau der Hofkirche beginnen. Angesichts der gewaltigen Zerstörungen eine fast unlösbare Aufgabe für ihn, der seit seiner Jugend in verschiedenen Funktionen eng mit dem traditionsreichen Gotteshaus verbunden ist.

Ich stehe ganz vorn in der ersten Reihe und bin sehr angespannt. Ich habe Tränen in den Augen. Das sind nicht nur Freudentränen, denn ich erlebe gerade ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits bin ich unglaublich stolz auf meinen heißgeliebten Bruder, der mir stets so viel seelischen Halt gegeben hat. Eigentlich ist er der bedeutendste und wichtigste Mann meines Lebens. Für Willi geht mit der Ernennung zum Propst ein Lebenstraum in

Erfüllung. Ein großer Moment auch für unsere gesamte streng katholische Familie. Genau deshalb hätte ich die feierliche Proklamation in der Hofkirche so gern entspannt genossen. Aber ich kann mich auf die Predigt des Kaplans, der meinen Bruder so warmherzig würdigt, nicht richtig konzentrieren, weil ich, die passionierte Lehrerin, vor drei Tagen einen niederschmetternden Brief vom Bezirksschulamt erhalten habe. Darin wurde mir mitgeteilt, dass ich auf Befehl der sowjetischen Administration aus dem Schuldienst entlassen werde, weil ich der NS Frauenschaft angehörte. Ich bin verzweifelt und habe Mühe, meine Gedanken zu ordnen. Aber noch vor Willis Feiertag habe ich in meiner Antwort an die Schulbehörde ausführlich dargelegt, warum ich einige Jahre lang Mitglied der NS Frauenschaft war. Ich musste auf Druck meines Rektors eintreten, um die katholische Schule in Dresden, an der ich tätig war, vor der Schließung durch die Nationalsozialisten retten. Ich habe in meinem Schreiben nicht nur betont, dass ich bei passender Gelegenheit1943 die NS Frauenschaft wieder verlassen habe, sondern vor allem auch meine antifaschistische Gesinnung und die meiner Familie hervorgehoben. Eine Parteizugehörigkeit zur NSDAP kam für mich nicht in Frage. Schon meine Eltern waren vor 1933 Mitglieder des Zentrums, gleich nach Kriegsende bin ich in die CDU eingetreten. Natürlich habe ich auch auf die herausragende Stellung meines Bruders in der katholischen Kirche hingewiesen.

Willi, der von der Suspendierung auch kalt erwischt wurde, ahnt, was mir bei der Predigt durch den Kopf geht, denn immer wieder schaut er liebevoll mit tröstendem Blick zu mir herüber, so als wolle er mir wie immer Beistand leisten. Er ist froh, dass ich trotz der beruflichen Turbulenzen überhaupt gekommen bin. Immerhin musste ich aus Räckelwitz in der Oberlausitz anreisen. Das war zwar nur 30 Kilometer von Dresden entfernt, aber so kurz nach Kriegsende gab es noch wenige Verkehrsverbindungen, so dass selbst eine relativ kurze Strecke zum Abenteuer wurde. Aber für mich war es natürlich selbstverständlich der Feier beizuwohnen. Ich will dem Bruder mit meinen Problemen auch keinesfalls das Krönungsfest seiner beruflichen Laufbahn verderben. Zu innig ist unser Verhältnis. An diesem großen Tag denke ich auch daran, wie mir Willi beigestanden hat, als ich 1910 unverantwortlicherweise einige Monate im Atelier von Ernst Ludwig Kirchner verbrachte. Eine schlimme Jugendtorheit, dass ich mich dort malen ließ, sogar nackt. Ich, das 14 Jahre alte gebildete Mädchen einer höheren Töchterschule aus gutem Elternhaus, mit einem Bruder, der kurz vor dem Abitur stand, um Theologie zu studieren, was für ein Skandal. Meine erzkoservativen frommen Eltern waren fassungslos. Es hagelte Vorwürfe und Strafmaßnahmen.

In dieser Situation hat Willi versucht, mich wenigstens ein bisschen in Schutz zu nehmen. Das war typisch für ihn, den liebevollen Bruder. Er sprang über seinen Schatten, weil ich ihm leid tat. Ich habe ihm das niemals vergessen und bin ihm bis heute dafür dankbar. Der Beistand ändert freilich nichts an der fatalen Situation, in die ich durch meine Modelltätigkeit geraten bin. Zwar hat man damals in der Familie sofort beschlossen, die Episode geheim zu halten, aber das hat alles eher noch schlimmer gemacht. Denn seitdem muss ich mit der Angst leben, als unmoralisches Kirchner Modell doch noch entdeckt zu werden. Mit unabsehbaren Konsequenzen für mich und besonders auch für meinen Bruder. So geht das nun schon 35 Jahre. Ich habe oft versucht, die Entstehungsgeschichte des Gemäldes, das auch noch meinen Namen trägt, aus dem Gedächtnis zu verdrängen, aber es gab immer wieder Augenblicke, die mich in Angst und Schrecken versetzten. Natürlich fürchte ich gerade jetzt, dass meine Rehabilitierungsversuche als Lehrerin auch daran scheitern könnten, dass die schnüffelnden Amtsstellen herausbekommen, was ich 1910 in einem Künstleratelier gemacht habe. Wer will schon eine Lehrkraft mit so einem

Schandfleck einstellen? Wie kann so eine Frau den Schülern ein Vorbild sein? Die überwunden geglaubte Angst ist plötzlich mit unerbittlicher Grausamkeit wieder zurück. Ich habe Beklemmungen. Dabei will ich in 14

Tagen, kurz vor Weihnachten, meinen 50. Geburtstag feiern. Im ersten Nachkriegswinter sollte es nach langer Zeit endlich wieder ein unbeschwerter Tag werden. Daran ist in meiner jetzigen Situation überhaupt nicht zu denken. Auch Willis Empfang im nicht beschädigten Gemeindehaus der Hofkirche muss ich hastig verlassen. Ich will so schnell wie möglich wieder nach Räckelwitz zurück, um für meine Rehabilitierung zu kämpfen.

Außerdem muss ich mich auch noch um meine kranke Mutter kümmern, die ich glücklicherweise kurz vor dem Bombenhagel auf Dresden zu mir in das kleine Dorf auf dem Lande geholt habe, wo die Kriegsfolgen kaum zu spüren sind. Mutter wäre natürlich auch gern bei der Amtseinführung ihres Sohnes dabei gewesen. Aber das wäre in ihrem gesundheitlichen Zustand viel zu anstrengend für sie gewesen.

Ich bin 1943 aus einer Dresdner Schule nach Räckelwitz delegiert worden, um an der dortigen Volksschule einen Lehrer zu vertreten, der zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Auf der unbequemen Rückfahrt mit Bus und Bahn läuft an einem so bedeutenden Tag meines Bruders unsere gemeinsame, unbeschwerte Jugendzeit noch einmal wie ein Film vor mir ab. Es war ganz klar, dass Willi Pfarrer wird. Mein drei Jahre älterer Bruder hat mir oft aus der Bibel vorgelesen, mich in den Kindergottesdienst mitgenommen und für den Kirchenchor begeistert. Wir sind beide ohnehin sehr musikalisch. Willi liebt es, Wanderlieder auf der Gitarre zu begleiten, ich hatte als zehnjähriges Mädchen vier Jahre lang Klavierunterricht. Gleich danach gab es 1910 das unselige Malerei Intermezzo. Musik aber blieb meine Leidenschaft. Das ist auch neben französisch mein Wahlfach als Volksschullehrerin.

Wenn ich jetzt auf der ziemlich morschen Holzbank im Abteil des ruckelnden Personenzuges so über mein bisheriges Leben nachdenke, staune ich selbst ein bisschen darüber, was ich als Frau geschafft habe. Wo doch berufliche Tätigkeiten für das weibliche Geschlecht lange Zeit eher verpönt waren. Schon eine gute Schulbildung für Frauen war im Kaiserreich selten. Der Besuch der höheren Töchterschule war ein Privileg, das ich sehr zu schätzen wusste. In ganz Sachsen legten 1916, als ich mein Abitur machte, gerade einmal 60 junge Frauen die Reifeprüfung ab. Nachträglich für mich fast unfassbar, dass ich schon am Ende des Ersten Weltkriegs für einen an die Front abkommandierten Lehrer als gerade mal 21 Jahre blutjunge Aushilfskraft einspringen musste. Eine ähnliche Situation wie im Zweiten Weltkrieg. Jetzt war ich schon fast 30 Jahre an Schulen in völlig unterschiedlichen politischen Systemen in Sachsen tätig und dann dieser Rauswurf. Das kann doch noch nicht das Ende sein. So kurz vor meinem 50. Geburtstag. Da bleibt doch eigentlich noch viel Zeit für die berufliche Tätigkeit, die für mich stets Berufung war. Wenn man mich denn ließe. Ich will kämpfen, das wird mir jetzt hier, auf der Fahrt nach Hause, immer klarer. Vielleicht kann mir dabei auch mein Bruder helfen, der eine Bilderbuchkarriere hinlegte. Als Kaplan, Pfarrer und Caritasdirektor vor dem jetzigen Höhepunkt seiner Laufbahn als Propst. Es ist für mich unglaublich wichtig, dass Willi immer in meiner Nähe bleibt. Wir sind in und um Dresden fest verwurzelt. Bei der engen Bindung zu meinem Bruder und der Kirche war es für mich ganz selbstverständlich, dass ich, wann immer es ging, an katholischen Schulen lehrte. Bis 1938, als konfessionelle Lehranstalten vom NS-Regime aufgelöst wurden, und ich an eine normale staatliche Schule versetzt wurde. Den kirchenfeindlichen Akt empfand ich als barbarisch. Noch dazu hatte auch meine Mitgliedschaft in der NS Frauenschaft, die mir jetzt so zur Last gelegt wird, die katholische Schule nicht vor der Schließung retten können. Ich bin völlig unverschuldet zwischen politische Mühlsteine geraten. Dabei will ich einfach nur weiter Lehrerin sein. Erst recht jetzt, in einem Staat, der eine Demokratisierung der Gesellschaft verspricht.

Aber da ist ja auch noch das Gemälde „Marzella“, dessen Existenz mich so sehr belastet. Manchmal wünschte ich mir, dass „mein Bild“ die Kriegswirren nicht überstanden hätte, verbrannt oder auf andere Weise vernichtet wäre.

In meiner Wahlheimat Räckelwitz und den umliegenden Gemeinden leben vorwiegend Sorben, eine nationale Minderheit, die es in den Jahren der NS-Herrschaft sehr schwer hatte, ihre Sprache und Kultur nach alter Tradition zu pflegen. Nachdem die Nazis merkten, dass die Sorben nicht bereit waren, sich dem faschistischen Staat unterzuordnen, wurde ihre Organisatin aufgelöst, und der Gebrauch der sorbischen Sprache an Schulen verboten. Ich bin bei den Eltern der Schüler meiner zweisprachigen Schule sehr beliebt, weil ich das sorbische Brauchtum, so gut es die Umstände zulassen, respektiere. Außerdem sind fast alle Sorben fromme Katholiken. Auch deshalb fühle ich mich dieser Volksgruppe sehr verbunden.

Ich werde von den Sorben die „kleine Sprentzelka“ genannt. Nicht nur ich habe dort einen guten Ruf, sondern auch Willi, denn der war von 1927 bis zum Beginn des Krieges an der Liebfrauenkirche in Bautzen, der Hauptstadt der Sorben in der Lausitz, als Pfarrer tätig. Er hat nicht nur die sorbische Sprache gelernt, sondern man würdigte auch seine Bemühungen, die NS-Repressalien zu mindern.

Als die Eltern der Schüler von meiner Entlassung hörten, gab es eine unglaubliche Welle der Solidarität mit mir. Es wurde in zahlreichen-Schreiben an das Schulamt auf meine fachliche Qualifikation und meine tadellose Gesinnung während der Zeit des Nationalsozialismus hingewiesen. Genauso wichtig ist angesichts meiner finanziellen Probleme das Angebot vieler Eltern, bei ihnen zu Hause Näh-, Strick- und Flickarbeiten zu verrichten, sowie bei anderen Gelegenheiten im Haushalt zu helfen.

Die Behörden teilten mir überraschend schnell, ohne Begründung, kurz und bündig mit, dass meine Entlassung vom Schuldienst aufrechterhalten wird. Eine Situation, die natürlich auch für meine Mutter nebenan im katholischen Krankenhaus eine zusätzliche Belastung ist. Aber die Ordensschwestern, mit denen ich eng vertraut bin, pflegen sie mit großer Hingabe und Zuwendung. Mutter, die unter Durchblutungsstörungen und Herzproblemen leidet, wird in wenigen Wochen 80 Jahre alt.

Um die Weihnachtszeit 1945 hat sich ihr Zustand immerhin so gebessert, dass sie mit mir den kurzen Weg zur kleinen Kapelle auf dem Maltesergelände gehen kann. Endlich wieder eine tägliche Andacht. Zeit innezuhalten und an Mutters wunderbare Fürsorge zu denken. Auch sie ist eine sehr gläubige Frau, die erst ein Jahr vor meiner Geburt aus Liebe zu meinem Vater vom protestantischen zum katholischen Glauben wechselte. Vaters Tod vor 11 Jahren, relativ kurz nach seiner Pensionierung als höherer Postbeamter, hat Mutter nie richtig verkraftet. Das ist sicherlich auch die Hauptursache ihrer Krankheit. Sie ist noch heute eine sehr kluge, belesene, kunstinteressierte alte Dame. Bei uns zu Hause hat sie die Erziehungsaufgaben übernommen. Ihr vor allen Dingen haben mein Bruder und ich unsere Hochschulausbildung zu verdanken. Dabei machte sie in ihrer Förderung keinen Unterschied zwischen dem Sohn und der Tochter, was damals keineswegs selbstverständlich war.

Mutter und ich hatten in der Kapelle einen Lieblingsplatz ganz vorn links am Gang. Dort sitzen wir nicht selten allein dicht nebeneinander, im stillen Gebet vereint. Es gibt ja so viel, wofür ich um göttlichen Beistand bitte. Neben den drängenden persönlichen Problemen nach den schrecklichen Jahren des Krieges natürlich die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, der schon wieder brüchig wirkt, angesichts der ideologischen Gegensätze zwischen den kurz zuvor noch gegen NS-Deutschland verbündeten Amerikanern und Russen. Natürlich bete ich auch für Mutters Gesundheit und Willis Erfolg beim Wiederaufbau der Hofkirche. Aber keiner wird es mir verdenken, dass meine Gedanken immer wieder darum kreisen, dass mein geradezu flehentliches Bitten um Wiederbeschäftigung als Lehrerin erhört wird. Von meiner ständigen, manchmal panischen Angst, doch noch eines Tages als einstiges Aktmodell von Ernst Ludwig Kirchner erkannt zu werden, habe ich Mutter nie etwas erzählt. Das Thema bleibt tabu. Ich weiß nicht, ob Mutter vielleicht auch immer noch ein spätes Debakel fürchtet.

Weihnachten 1945 wird schlicht, aber feierlich im Kreis der Ordensschwestern gefeiert. Die Gottesdienste stehen im Mittelpunkt. Natürlich besonders die Christmesse, der ersten nach dem Krieg. Die Kapelle ist überfüllt mit sorbischen Katholiken aus dem Ort. Auch zahlreiche Kollegen aus meiner alten Schule kommen. Viele spenden Trost. Es tut gut und hilft doch wenig.

Gerade die Festtage sind beklemmend für mich. Ich hoffe aber dennoch auf ein besseres Jahr 1946. Das bleibt allerdings Wunschdenken, denn gleich im Januar gibt es eine Katastrophe für mich und meine Familie.

Am 27. Januar feiere ich mit meiner Mutter wie jede Woche die Sonntagsmesse, als sie gleich zu Beginn des Gottesdienstes von einem Gehirnschlag getroffen wird. Was für ein Drama, ein unfassbarer Schicksalsschlag, der viel schlimmer für mich ist als alle beruflichen Probleme. In meiner Verzweiflung rede ich völlig unartikuliert auf Mutter ein. Es ist zu spät. Alle intensiven Bemühungen der Ärzte aus dem Malteser Krankenhaus, Mutters Leben zu retten, haben keinen Erfolg. Sie stirbt noch an diesem Nachmittag. Ein Schock für mich und meinen Bruder, der auch sehr an Mutter hing. Er besitzt bereits einen Dienstwagen und kommt sofort nach Räckelwitz, um möglichst schnell an meiner Seite zu sein. Als er mich umarmt, sagt er: „Zella, du hast Mutter so sehr geholfen. Welch ein Glück, dass Du sie eine Woche vor den apokalyptischen Zerstörungen in Dresden hierher geholt hast. Du hast ihr damit ein friedliches letztes Jahr ganz nah bei Dir geschenkt. Du weißt ja, dass unser Elternhaus ausgebrannt ist. Und außerdem, Zella, glaube mir, dass sich Mutter vielleicht sogar so einen Tod gewünscht hat. Beim Gottesdienst. Viele Menschen träumen davon, bei ihrer Lieblingsbeschäftigung tot umzufallen. Für Mutter gab es doch nichts Wichtigeres und Schöneres als unsere Kirche, besonders nach Vaters Tod. Die Andachten gaben ihr stets Halt und Kraft.“ Obwohl ich total aufgewühlt bin, werde ich bei diesen Sätzen immer ruhiger und bewundere Willi einmal mehr dafür, wie er selbst in dieser schrecklichen Situation die richtigen Worte des Trostes für uns beide findet.

Bereits drei Tage später zelebriert Willi in der kleinen Räckelwitzer Kapelle ein ergreifendes Requiem. Bewusst nicht in Dresden, weil er in Räckelwitz nicht nur den Pflegern vor Ort danken will, sondern auch den Einwohnern des Ortes, sowie den tüchtigen Ärzten und Schwestern des Krankenhauses. Die Kapelle ist viel zu klein für die Trauerfeier, in der mein Bruder die Menschen segnet. Die Sitzplätze reichen bei weitem nicht aus. Die Gläubigen stehen dicht gedrängt. Sie wollen mir, ihrem Fräulein Sprentzel, ein herzliches Beileid bekunden, aber darüber hinaus ist es für die frommen Katholiken ein besonderes Ereignis, dass mein Bruder, der berühmte

Propst der Dresdner Hofkirche, in ihren Ort gekommen ist. Als er am Schluss seiner Predigt dann auch noch einige Worte in sorbischer Sprache an die Räckelwitzer richtet, sind die Menschen tief bewegt. Dieser Propst ist für sie ein herausragender Repräsentant der Kirche, aber eben auch ein Mann des Volkes.

Vor seiner Abreise hat Willi noch etwas Zeit, mit mir über Mutters Leben und Wirken zu sprechen. „Sie war eine wunderbare Frau. Wir haben ihr viel zu verdanken,“ sagt er. Ich nicke und füge einmal mehr selbstkritisch hinzu: „Es tut mir immer noch sehr leid, dass ich ihr damals so viel Kummer bereitet habe mit dem Kirchner Bild. Ich glaube, sie war besonders böse über mein Verhalten. Glaubst du, dass sie auch noch später darunter gelitten hat?“ „Ganz sicher!“, antwortet Willi ohne zu zögern. „Das war ein harter Schlag für Mutter. Sie konnte es, glaube ich, bis zuletzt nicht fassen, dass die sonst so brave und strebsame kleine Marzella sich auf so etwas Anstößiges eingelassen hat.“ Willi schaut jetzt selbst ungewöhnlich streng. „Aber du warst doch der Einzige in der Familie, der damals ein bisschen Mitleid mit mir hatte, als alle über mich herfielen“, versuche ich mich kleinlaut zu rechtfertigen. Aber Willi wird jetzt sehr grundsätzlich. „Ja, damals warst Du meine kleine 14 Jahre alte Schwester, die es zu beschützen galt gegen die massiven Vorwürfe unserer Eltern. Ich war noch kein Pfarrer sondern ein Abiturient. Heute sehe ich das wie Mama und Papa, eigentlich noch krasser“, entgegnet Willi. „Wie meinst du das?“, frage ich. Jetzt spricht nicht mehr nur der Bruder, sondern immer mehr der Kirchenmann. „Es war einfach eine Schande, was Du gemacht hast. Immerhin warst Du ja auch damals schon eine gute Katholikin, die Moral und Anstand gelernt hat. Dich dem Maler auszuliefern, noch dazu, um Dich nackt malen zu lassen. Unfassbar! Eine unentschuldbare Sünde.“ Ich bin verblüfft, dass Willi meine Episode noch heute offenbar so bewegt. Eine zusätzliche Belastung für mich. Wir haben lange nicht mehr über die alte Geschichte gesprochen. Ich versuche mich krampfhaft zu verteidigen. „Das ist ja alles richtig, Willi, was du sagst, aber ich habe doch mein Fehlverhalten sofort eingesehen, gebeichtet und alles zutiefst bereut und versprochen, nie mehr zu den Malern in die Berliner Straße zu gehen. Das habe ich auch eingehalten.“ Willi bleibt kühl: „Das ist ja auch das Mindeste, was die Eltern damals verlangen konnten.“ „Sie haben noch viel mehr von mir verlangt!“, rufe ich jetzt schon sichtlich erregt. „Ja, ja. Sie waren zu Recht stinksauer und enttäuscht von Dir. Ihre ganze Erziehung schien plötzlich in Trümmern zu liegen“, sagt Willi in knurrendem Ton. „Aber wurdest du wirklich hart bestraft? Also, geschlagen haben Sie dich ja immerhin nicht.“ „Wenn sie das nur getan hätten“, erwidere ich, „dann hätte ich das vielleicht als verdiente Strafe akzeptiert.

Eine Tracht Prügel ist für Kinder nie angenehm, aber immer noch besser als die seelischen Qualen, die mir Mama und Papa mit ihren Erziehungsmaßnahmen zugemutet haben.“ „Wenn ich mich richtig erinnere, wurdest Du lediglich stärker in kirchliche Obhut gegeben, damit Du so etwas wie katholischen Nachhilfeunterricht bekommst. Die Eltern waren zu recht davon überzeugt, dass Dich nur mehr Frömmigkeit und eine bessere Bibelkenntnis auf den richtigen Lebensweg zurückführen kann.“ „Ach, Willi, das meine ich doch gar nicht. Die Bibelstunden, die Gebete und Meditationen haben mir eher geholfen, das ganze Ausmaß meiner Verfehlungen zu erkennen. Du weißt, dass die Gottesdienste mir noch heute die nötige Kraft geben, um nicht an meinen Sünden zu verzweifeln. Nein, Willi, sogar für eine Einweisung ins Kloster hätte ich Verständnis gehabt, angesichts dessen, was ich Euch allen angetan habe. Aber was ich nicht ertragen konnte, war die Art und Weise, wie ich zu Hause behandelt wurde. Die Eltern begegneten mir mit ständigem Misstrauen und immer neuen Vorwürfen. Sämtliche Kontakte zu Freundinnen wurden unterbunden. Mich umgab eine frostige Atmosphäre. Ich fühlte mich wie eine Schwerverbrecherin. Mein Leben war plötzlich die Hölle auf Erden. Das machte mir zu schaffen. Ich erkannte meine sonst so verständnisvollen Eltern nicht wieder. Ich hätte mir auch in dieser Situation ihre wohltuende Wärme gewünscht.“ An dieser Stelle versagt mir die Stimme. Während ich weiter um Worte ringe und weine, nimmt mich Willi zärtlich in die Arme. Immerhin.

Es dauert aber einige Zeit, bis ich, immer noch schluchzend, die quälende Diskussion mit ihm fortsetzen kann. „Weißt du, Willi, ich war ja einsichtig, und es war mit Sicherheit falsch und sündhaft, was ich gemacht habe. Aber manchmal habe ich mich schon gefragt, warum gerade Mama, die doch als Kunstliebhaberin Aktmalerei kannte, so unversöhnlich war.“ Willi versucht es mir zu erklären. „Aber Zella, es ist doch ein großer Unterschied, ob sie ein Aktbild im Museum gesehen hat oder ob ihre eigene Tochter nackt gemalt wurde. Du hast uns doch alle in eine schwierige Situation gebracht. Stell Dir mal vor, was gewesen wäre, wenn irgendjemand von Deiner Jugendtorheit erfahren hätte, der es nicht gut mit uns meint. Noch heute gibt es diese Gefahr.“ „Das ist doch alles schon so lange her. Mehr als 35 Jahre. Warum muss ich denn lebenslang darunter leiden?“ Auch darauf hat Willi eine passende Antwort. „Das Bild trägt Deinen Namen. Das kann Dir heute noch zum Verhängnis werden. Auch gerade bei Deinen Bemühungen, wieder als Lehrerin arbeiten zu dürfen. Oder glaubst Du, man würde eine Frau einstellen, über deren Verfehlungen man tuschelt? Auch für mich hätte Deine Enttarnung fatale Folgen, gerade jetzt, wo ich als Propst auch eine wichtige moralische Verantwortung habe. Da darf in der eigenen Familie kein Schandfleck sein. Also, ich kann Dir nur raten, dafür zu beten, dass nach wie vor nichts herauskommt. Es wäre schrecklich für uns alle.“ Ich kann nichts erwidern. Ich beginne wieder zu zittern, wie so oft, wenn ich an mögliche Folgen der Malerei denke.

Scham und Angst sind zurück. In den Kriegsjahren gelang es mir, alles ein wenig zu verdrängen, auch weil es so viele andere lebensbedrohliche Probleme gab. Was bedeutete schon mein damaliger Ausrutscher, in einer

Zeit, in der Dresden in Schutt und Asche versank? So dachte ich in letzter

Zeit und versuchte mich ein bisschen zu entlasten. Jetzt aber, nach dem Gespräch mit meinem Bruder, ist es eher schlimmer als zuvor. Der Sommer 1910 war wieder gespenstisch gegenwärtig.

Das Gemälde „Marzella“ wurde im September 1910 erstmals bei einer Ausstellung der „Brücke“ Künstler in der berühmten Dresdner Galerie Arnold gezeigt. Ernst Ludwig Kirchner persönlich hatte dafür gesorgt, dass dieses Bild an herausragender Stelle, gleich hinter dem Eingang, für jeden Besucher als Blickfang aufgehängt wurde. Kirchner schien auf dieses Werk besonders stolz zu sein. Kurz nach Eröffnung der Ausstellung wird Mutter von einer Freundin nach dem Kirchgang ziemlich empört angesprochen.

„Hallo, Valeska, Du gehst doch auch gern in Museen und Galerien. Vielleicht hast Du schon in der Zeitung von den „Brücke“ Malern gelesen, die bei Arnold ausstellen. Also, Du weißt ja, dass ich zu so etwas ganz neugierig sofort hingehe. Aber ich kann Dich nur warnen. Was es da zu sehen gibt, ist so obszön, dass mir die Worte fehlen.“ Die Frau schimpfte wie ein Rohrspatz. „Was die Presse fratzenhafte Verzerrungen oder Farbenirrsinn nennt, finde ich gar nicht so schlimm, aber stelle Dir vor, da werden blutjunge Mädchen, insbesondere von Kirchner und Heckel, in höchst fragwürdigen Posen gemalt. Eine Zeitung schrieb von grotesken Scherzen. Also, ich kann das gar nicht komisch finden, wenn Minderjährige mit einer Überbetonung ihrer Geschlechtsteile dargestellt werden. Das hat für mich pornografische Züge, die sich eigentlich nur pädophile Menschen ausdenken können.“ Einmal in Rage fuhr die Freundin fort: „ Du kennst doch sicherlich das „Kunstwort“, die wohl bedeutendste Kulturzeitschrift des Reiches?“ „Natürlich“, antwortet meine Mutter vermeintlich höchst interessiert. „Also, da wird Kirchner nach dieser Ausstellung eine unheilbare Talentlosigkeit vorgeworfen. Die „Brücke“ Maler seien nichts anderes als Hottentotten im Frack. Nun ja, das mag Geschmackssache sein. Aber die Motive der Bilder sind einfach skandalös.“

Mutter erzählte ihrer Freundin nicht, dass sie schon vorher in der Ausstellung war. Zum Glück, denn jetzt wurde es noch richtig peinlich für sie. „Übrigens, Valeska, einem dieser schamlosen Bilder hat Kirchner doch tatsächlich den Namen Marzella gegeben. Genauso geschrieben wie Deine kleine Marzella.“ „Ach, wirklich? Ein schöner, aber seltener Name“, sagte Mutter und versuchte amüsiert zu wirken. „Valeska, Du würdest es wahrscheinlich nicht sehr witzig finden, wenn Du diese Marzella siehst. Natürlich nackt, aber auch noch geschminkt, lackierte Fingernägel und gefärbte Haare. Auf mich wirkte sie wie eine Dirne.“ „Das klingt ja entsetzlich“, erwiderte Mutter völlig irritiert. Die Freundin legte immer noch nach. „Also, Valeska, wir haben ja beide junge Töchter. Was sind das bloß für Eltern, die ihre Kinder so leichtfertig den Malern zur Verfügung stellen? Aber man spricht ja schon lange darüber, dass in den Ateliers leichte Mädchen aus schlimmen Milieus ein- und ausgehen. Angeblich bieten armselige Eltern ihre Töchter gegen Bezahlung als Nacktmodelle an.“ „Furchtbar“, seufzt Mutter echt betroffen. „Ja, Valeska, die Verrohung der Sitten nimmt immer mehr zu. Sei froh, dass Deine Marzella so fromm und gottesfürchtig ist. Und noch dazu so strebsam. Sie wird bestimmt eines Tages eine gute Lehrerin. Ein so feines Mädchen, aber sie wird ja auch von Euch vorbildlich behütet.“

Mutter war total aufgewühlt von dem Gespräch und hat mir zu Hause sofort davon in allen Einzelheiten berichtet. Natürlich auch, um mein Schuldgefühl zu verstärken. Das ist ihr mühelos gelungen. Plötzlich aber stellte Mutter, wohl auch noch unter dem Eindruck der fassungslosen Freundin, eine Frage, die ihr mit Sicherheit nicht leicht gefallen ist, weil sie noch nie intime Themen mit mir besprochen hatte. „Hat Kirchner Dich berührt?“ platzte es unvermittelt aus ihr heraus. Ich kann nicht antworten. Ich beginne nur noch hemmungslos zu weinen. Ich bin entsetzt, dass Mutter mir möglicherweise sogar zutraut, dass ich es zu sexuellen Übergriffen kommen ließ. Das frühere Vertrauensverhältnis war ziemlich zerstört. Eine schlimme Zeit für mich damals 1910 als Schülerin mit höheren Ambitionen und eine Seelenqual noch heute, 36 Jahre später, nach Willis Standpauke. Er hat ja so Recht, musste ich anerkennen. Jederzeit kann das lange gehütete Geheimnis gelüftet werden und in eine Katastrophe für Willi und mich münden.

In den folgenden Wochen und Monaten bin ich vorwiegend als Haushaltshilfe in Räckelwitz tätig. Die Unterstützung der Eltern ehemaliger Schüler tut mir gut. Ein bisschen Bargeld ist zwar die Grundlage meines schlichten Lebens, aber die Reichsmark ist nichts mehr wert und zu kaufen gibt es ohnehin wenig. So sind die warmen, schmackhaften Mahlzeiten in den meist bäuerlichen Familien mit eigenen Landwirtschaftsprodukten für mich das Wichtigste. Als Dank für die Solidarität und Freundlichkeit der Eltern gebe ich interessierten Schülern kostenlosen Klavierunterricht in meiner neuen kleinen Wohnung in der Dorfstraße 1. Die Miete dafür zahlt mein Bruder. In geradezu rührender Weise bestätigen die Menschen, bei denen ich arbeite, schriftlich meine Tätigkeiten, in der Hoffnung, damit mir, der beliebten ehemaligen Lehrerin, ein bisschen helfen zu können.

„Fräulein Marzella Sprentzel hat seit ihrer Dienstentlassung täglich bei uns geholfen und für meinen großen Haushalt genäht und geflickt“, liest man dort ebenso wie von meiner Hilfe bei der Erntearbeit. Die sorbische Kultur wird mir durch meine direkten Kontakte mit den Familien immer vertrauter. So ist es für mich als Handarbeitsspezialistin selbstverständlich, dass ich mithelfe, die herrlichen bunten Trachten für die Feste der Sorben herzustellen. Endlich darf diese kleine Volksgruppe wieder unbeschwert feiern. Natürlich bin ich bei der sorbischen Fastnacht dabei. Mit ihr werden die langen Winter verabschiedet, sowie böse Geister und Dämonen vertrieben. In den Sommermonaten laden zahlreiche Dörfer zu Heimat- und Volksfesten ein, die Besuchern einen Einblick in die sorbische Lebensart gewähren. Ich bin richtig stolz, dass ich wenigstens handwerklich ein bisschen zum neuen Glück der Sorben beitragen kann.

Neben der Liebe zu den Sorben und dem Kampf um das tägliche Brot kümmere ich mich natürlich intensiv um meine Rehabilitierung als Lehrerin. Geholfen wird mir von allen Seiten, besonders von den politischen Parteien. Ein SPD-Funktionär, der sich als kompromissloser Antifaschist und alter Gewerkschafter ausweist, schreibt zum Beispiel an das Bezirksschulamt: „Unterzeichneter kennt Fräulein Sprentzel schon über 20 Jahre, ebenfalls die gesamte Familie. Ihr Bruder, jetziger Propst von Dresden, ist wohl für seine antifaschistische Gesinnung bekannt. In meinen vielen Unterhaltungen, sei es Kriegspolitik der Nazis, Knebelung der freien Meinung, Judenfrage und allen anderen politischen Tagesfragen, immer waren wir uns einig. Ich habe nie den Eindruck gewonnen, dass ich es hier mit einer Faschistin zu tun habe. Ich übernehme volle politische Bürgschaft für Fräulein Sprentzel.“

Gewürdigt wird auch meine Nachkriegstätigkeit für die Flüchtlingsfürsorge. Ein sehr kontroverses Thema in Räckelwitz, denn die Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten waren keineswegs bei allen Einwohnern willkommen. Im Gegenteil: Gegen die Zwangseinweisungen liefen viele Menschen Sturm.

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