Logo weiterlesen.de
M.I. Santhrop

Marcel Porta

M.I. Santhrop

Aus dem Leben eines Griesgrams


Für alle Menschen dieser Welt, die unter einem Misanthropen zu leiden haben.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

M. I. Santhrop

 

 

Marcel Porta

 

Kurzgeschichten aus dem Leben
eines Griesgrams

Statt eines Vorworts

Herr Michael Ignatius Santhrop saß am Esstisch und grübelte. Das war keineswegs eine seiner Lieblingstätigkeiten, denn ihm erschien die Welt einfach und klar. Gutes war nicht zu erwarten und das Schlechte unvermeidlich. Darüber brauchte er nicht zu grübeln.

Doch heute hatte er in der Zeitung eine Nachricht gelesen, die ihn nachdenklich machte.

Mutter Theresa war tot. Gestorben in Kalkutta, und die ganze Welt war in Trauer.

Seit Jahren sammelte er Nachrichten über sie, hatte sogar einen Ordner angelegt, in den er Zeitungsausschnitte einklebte, die ihre Person betrafen. Um sich gut informiert über ihr Gutmenschentum lustig machen zu können.

Jede der vielen Ehrungen, die sie für ihr Wirken als Wohltäterin der Menschheit erhielt, entlockte ihm höhnische Kommentare und bewies ihm die Lächerlichkeit der Menschheit.

Und nun … war sie tot, hinterließ eine Lücke in seinem Leben, die nicht so leicht zu schließen war. Es tat ein bisschen weh, sich nicht mehr über sie mokieren zu können. Durch ihren Tod nahm sie ihm die Gelegenheit, die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen und die Sinnlosigkeit ihres Handelns zum Anlass für Häme und bösartige Bemerkungen zu nehmen.

Klar, sie war alt geworden, auf den Bildern war das nicht zu übersehen. Aber sie hätte doch nicht gleich sterben müssen! Das war eine Gemeinheit, die er ihr lange nachtrug.

Herr Santhrop und das Baby

Michael Ignatius Santhrop führte ein zurückgezogenes Leben. Er ertrug andere Menschen nur in homöopathischen Dosen, und wenn es eine Unterart Mensch gab, mit der er noch weniger zurechtkam als mit allen anderen, dann waren es Kinder.

„Wie kann man sich nur freiwillig solche Plagegeister zulegen?“, fragte er sich immer wieder angesichts nörgelnder und kreischender Kinder, die ihren Eltern offensichtlich den letzten Nerv raubten. „Lieber will ich mich zwei Tage in ein Altersheim für Demenzkranke sperren lassen, als eine Stunde in der Gegenwart solch eines halb fertigen Untiers zu verbringen.“

Das war eine starke Aussage, wenn man bedachte, welchen Abscheu Herr Santhrop vor alten Menschen hatte, und wie abgrundtief seine Angst vor Demenz war. Die Vorstellung, eines Tages auf menschliche Hilfe angewiesen zu sein und nicht einmal etwas davon zu merken, war seine ganz persönliche Vorstellung der Hölle.

Doch dann kam jener Tag, der in Herrn Santhrops Hitliste der unerträglichen Tage für lange Zeit unangefochten den Ehrenplatz einnehmen sollte. Eigentlich hätte er sofort gewarnt sein müssen, als ihm direkt vor seiner Haustür Frau Lieblich begegnete und ihm fröhlich einen guten Morgen wünschte. Er konnte sie auf den Tod nicht leiden, weil sie immer so tat, als ob sie ihn mochte. Er konnte noch so grob zu ihr sein oder sie komplett ignorieren, sie grüßte ihn mit einer derart penetranten Herzlichkeit, dass er nicht umhinkonnte, sich auf den Arm genommen zu fühlen. Leider gab er dem Impuls, auf dem schnellsten Weg zurück in seine Wohnung zu gehen, sein Bett aufzusuchen und die Decke über den Kopf zu ziehen, nicht nach. Denn dann wäre dieser Tag nicht so furchtbar aus dem Ruder gelaufen.

Es war ein Samstag und trotz des Frau-Lieblich-Warnschusses beschloss Michael Ignatius, in die Stadt zu fahren und sich die eben neu herausgekommene Gesamtausgabe der Werke Schopenhauers in der Buchhandlung „Zweitbuch“ anzusehen. Zwar zierten bereits etliche sein Bücherbord, doch die Sammelleidenschaft für die Bücher seines Lieblingsphilosophen war ungebrochen. Er besaß sogar eine arabische Ausgabe, von der er kein einziges Wort lesen konnte. Die Buchhandlung lag mitten in der Stadt, und obwohl er lieber zu Fuß ging, benutzte er an diesem Tag den Bus. Nach leidvollen Erfahrungen hatte er wirkungsvolle Strategien entwickelt, wie er sich den nötigen Abstand zu anderen Fahrgästen verschaffen konnte. Dass dabei einige Hühneraugen ihren Besitzern nachdrücklich ins Bewusstsein gerückt wurden und ellenlange Flüche in seine Richtung flogen, scherte ihn nur wenig. Man musste Prioritäten setzen!

So sehr Herr Santhrop die Menschen im Allgemeinen verabscheute, so gab es doch eine Minderheit, die ihm bis zu einem gewissen Maße gefiel, weil sie sein ästhetisches Empfinden ansprach. Obwohl er es sich selbst normalerweise nicht eingestand, so wusste er dennoch im Innersten, dass sowohl der Anblick eines schönen Mädchens im Minirock als auch üppige, runde Kurven durchaus seine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

An diesem Samstag erblickte er im Bus ein solches Exemplar und ließ seine Augen über die reichlich vorhandenen und kaum verhüllten Details wandern. Der geringschätzige Blick, den ihm das junge Ding zuwarf, störte ihn keineswegs, sondern animierte ihn nur, seine Beute noch genauer zu fixieren. Dieses ungleiche Duell war der Grund, warum Herr Santhrop die Haltestelle verpasste, an der er aussteigen wollte. Eine Tatsache, die ihn ungemein aufregte. Normalerweise hätte dieses Missgeschick ihn dazu veranlasst, sofort wieder nach Hause zu fahren und stundenlang Trübsal zu blasen. Doch nicht an diesem Tag, an dem das Schicksal unerbittlich seinen Lauf nahm. Schopenhauers Anziehungskraft war jedem Menetekel überlegen.

Missmutig und dennoch angeregt durch den Anblick der gewagt gekleideten, jungen Göre, machte sich Michael Ignatius auf den Weg. Noch hätte alles gut gehen können. Als er jedoch an einer Bäckerei vorbeikam, die überdeutlich ihre Granatsplitter zur Schau stellte, fühlte er sich unwiderstehlich gedrängt, einer Schwäche nachzugeben, die ihm in starken Stunden peinlich, in schwachen jedoch ein Quell kulinarischer Freuden war. So trat er ein und erstand eine der verboten verführerischen Süßigkeiten.

Gerade, als er bezahlen wollte, drängte sich eine junge Mutter vor, die ihn nicht nur zur Seite schubste, sondern es zudem wagte, ihn mit folgenden Worten in einen Abgrund der Verzweiflung zu stürzen:

„Könnten Sie bitte einen Augenblick meinen Jerome halten? Ich muss mal schnell …“

Weg war sie und Herr Santhrop hielt ein kleines dunkelhäutiges Baby im Arm. Die Verkäuferin des Ladens grinste ihn an und machte keine Anstalten, ihm in irgendeiner Weise behilflich zu sein.

„Könnten Sie das da bitte übernehmen?“, versuchte er sein Glück bei ihr und hielt das kleine Wesen so weit von sich weg, wie es seine Arme zuließen.

„Leider nicht“, gab sie ihm mit offensichtlich vergnügter Miene zur Antwort, „das verbieten die Hygienevorschriften.“

Das war erstunken und erlogen, dessen war sich Herr Santhrop sicher, doch das half ihm im Augenblick nicht weiter. Da sonst niemand anwesend war, dem er den Wurm in die Hand hätte drücken können, schaute er sich um, wo er seine Last ablegen könnte. Der Blick der Verkäuferin jedoch ließ ihn wissen, dass er nicht einmal daran denken sollte …

Erst jetzt kam er auf die Idee, hinter der Mutter herzustürmen, aber als er vor den Laden trat, war weit und breit niemand zu sehen. Keine Mutter, kein potentieller Vater, nicht einmal eine unbeteiligte Person, der er die Last hätte aufbürden können.

Immer noch hielt er das Bündel mit ausgestreckten Armen weit von sich weg, ständig in Versuchung, es einfach fallen zu lassen. Doch das brachte er nicht übers Herz. Nicht einmal, es einfach auf dem Bürgersteig abzulegen, ließen die Relikte seiner ehemals guten Erziehung zu.

Allmählich erlahmten seine Muskeln und er musste wohl oder übel das Ding in seinen Händen näher an sich heranlassen.

Kaum hatte er seine Arme leicht angewinkelt, bereute er es schon, denn in genau diesem Moment erscholl markerschütterndes Geschrei. Michael Ignatius erschrak zutiefst und versuchte sich zu erinnern, was Frauen in solchen Situationen taten. Doch in seinem Gehirn war nur Ödnis, das nervtötende Geschrei beraubte ihn jeder Möglichkeit nachzudenken.

„Nun sei endlich still!“, schrie er den Winzling auf seinem Arm an, doch offensichtlich war diese Methode entschieden die falsche, denn wenn es sich in seinen Armen bisher um eine Heulboje gehandelt hatte, ähnelten die Geräusche jetzt eher einem wildgewordenen Rasentrimmer.

„Willst du wohl ruhig sein!“, fuhr er das kleine Wesen an, doch nun bereits in viel leiseren Tönen. Womit er zwar keinen messbaren Erfolg hatte, jedoch auch keine Steigerung mehr auslöste. Also senkte er seine Stimme noch weiter herab und flüsterte:

„Deine Mutter ist eine Schlampe, Kind, das weißt du hoffentlich? Sie hasst dich und ist abgehauen, weil du so unerträglich bist.“

Die letzten Worte sang er fast vor sich hin, denn es bereitete ihm Spaß, so mit dem Winzling in seinen Armen zu reden.

„Dein Papa ist ein Mistköter“, intonierte er, „aber dafür kannst du nichts. Und dass du einmal genauso blöd wirst, ist Schicksal, da kann man nichts machen.“

Mit ein wenig Fantasie hätte man seinen Monolog für ein Kinderliedchen halten können und die Wirkung auf den kleinen Erdenbürger in seinen Armen war verblüffend. Das Geschrei war verstummt, und als Herr Santhrop neugierig die Decke etwas zurückschlug, schauten ihn zwei riesengroße Augen freundlich lächelnd an.

„Gell, du kleines verschissenes Würmchen, da staunst du?“, flüsterte der Riese dem Zwerglein zu, und die einem Haifischlächeln ähnliche Grimasse, die er zustande brachte, schien zusätzliche Freude auszulösen, denn plötzlich war ein fröhliches Glucksen zu hören.

Herr Santhrop stand geschlagene fünf Minuten vor dem Bäckerladen und sang seine ureigenen Wiegenlieder, als endlich die Mutter am Ende der Straße wieder auftauchte. Abrupt unterbrach er seinen Singsang und eilte der Frau entgegen.

„Sie unverschämte ...“ Die Worte erstarben ihm auf den Lippen, als er das tränenüberströmte Gesicht bemerkte. Tränen, zumal von weiblichen Wesen, waren ihm ein Gräuel und raubten ihm die Sprache. Also beendete er seine im Kopf bereits vorformulierte Schimpfkanonade, drückte der Mutter den Winzling in die Hände, drehte sich um und entfernte sich mit Riesenschritten.

Erst als er den Buchladen fast erreicht hatte, bemerkte er den nassen Fleck an seinem Jackett. Angeekelt prüfte er die Nässe mit zwei Fingern und roch daran. Seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Ordinäre Kinderpisse. Der Wurm hatte durch seine Windeln gesuppt und Herrn Santhrop als zu ihm gehörig markiert.

Jetzt endlich hatte Michael Ignatius die Lektion des heutigen Tages verstanden und begab sich auf den direkten Weg nach Hause. Zu Fuß und jedem Menschen weiträumig aus dem Weg gehend. Noch mehr Unglück, das wusste er mit bebendem Herzen, verkraftete er an diesem schwarzen Samstag nicht.

„Nicht nur, dass die Menschen sich fortpflanzen“, grummelte er vor sich hin, „was an sich schon Frevel genug ist, nein, sie müssen mit ihrer Brut einem unbescholtenen Bürger den letzten Nerv rauben!“

Je weiter er kam, desto wütender wurde er. Jedem Reklameschild, das auf dem Bürgersteig stand, und um das er einen Bogen hätte machen müssen, versetzte er einen kräftigen Tritt und ließ so eine werbetechnische Wüste hinter sich.

Ein Baby, das schwor sich Michael Ignatius, würde er so schnell nicht wieder in seine Nähe kommen lassen. 

Herr Santhrop und die Dankbarkeit

Selten war Herr Michael Ignatius Santhrop beschwingter aufgestanden als an diesem Tag. Fröhlich pfiff er die Eröffnungstakte von Beethovens Fünfter vor sich hin, trat vor den Spiegel und erschrak, weil er diesen heiteren Menschen fast nicht erkannte. Erst da erinnerte er sich an den Grund für seine Aufgeräumtheit. Vor drei Tagen hatte er bei einer Auktion eine Faksimileausgabe der Parerga und Paralipomena erstanden. In seiner Sammlung der Werke Schopenhauers verdiente dieses Buch einen Ehrenplatz, und heute, an diesem Glückstag, konnte er das Buch im Auktionshaus entgegennehmen.

 

Michael Ignatius bevorzugte den Weg durch das Industriegebiet, denn hier begegnete er gewöhnlich kaum einem Menschen. Auch heute war ihm das Glück hold und so schaffte er es, sich seine gute Laune zu bewahren. Als er das Auktionshaus betrat, war ihm feierlich zumute. Mit bebenden Händen nahm er das Paket entgegen, drückte es an die Brust und eilte zurück in seine Wohnung. Er konnte es kaum erwarten, dieses Kleinod durchzublättern und sich an den Worten des Meisters zu ergötzen. Die Aussicht, sich bald intensiv mit seinem Lieblingsphilosophen beschäftigen zu können, beflügelte ihn und so flog er fast über den Weg dahin.

 

„He, du Lakel, was hast du da?“, riss ihn eine raue Stimme aus seinem Traum.

Direkt vor ihm standen drei abgerissene Gestalten, dreckstarrend und von einer übel riechenden Duftwolke umgeben.

„Was geht’s euch an, ihr Penner!?“ Michael Ignatius drückte das Paket noch enger an seine Brust und rümpfte angeekelt die Nase.

„Das gehört uns, das hast du uns geklaut!&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "M.I. Santhrop" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen