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Lust und Liebe in L.A.

PROLOG

“Merk dir meine Worte”, hörte Lisa Neal den Barmann sagen. “In fünf Jahren stehen die Leute Schlange, um einen Tisch in einem Kenneth Harper Restaurant zu bekommen!”

Lisa hatte bis eben mit dem Rücken an den Mahagonitresen gelehnt gesessen und versucht, inmitten all der Menschen Ken zu entdecken. Jetzt drehte sie sich mit ihrem Hocker um. Hinter der Bar stand Chris und mixte einen Martini, während er mit einer sehr zurechtgemachten Rothaarigen sprach, die ihm fasziniert und schon ein wenig angetrunken zuhörte.

“Nein, wirklich”, fuhr Chris fort, “für jemanden, der aus ‘nem Provinznest in Texas kommt, ist er unglaublich gut. Er weiß genau, wo er hinwill, und da wird er auch hinkommen.”

Lisa musste lächeln. Da sie schon fast ein Jahr mit Ken zusammen war, hatte sie keinen Grund, an Chris’ Worten zu zweifeln. Dennoch konnte sie nicht widerstehen, den Barmann ein wenig zu necken, und sie lehnte sich ein wenig in seine Richtung.

“Also, Chris, ich bin schockiert”, sagte sie. “Fünf Jahre? Das ist wirklich nicht nett von dir. Gib ihm drei Jahre, das kommt eher hin.”

“Er ist nicht wie du, Lisa”, erwiderte der Barmann trocken. “Du kriegst deinen Oscar bestimmt noch diese Woche.”

Sie lachte. Aber sieben Tage würden dafür nicht reichen, selbst mit dem Karriereplan, den sie für sich aufgestellt hatte.

“Wenn ich bedenke, dass ich mit den Dreharbeiten für meine Diplomarbeit erst heute Morgen fertig geworden bin, sollten wir doch lieber mit einem Monat rechnen.”

“Faulenzerin!”

Sie schnitt eine Grimasse und klopfte mahnend gegen ihr Weinglas. Er füllte es nach und wandte sich dann wieder der Rothaarigen zu.

Lisa mochte Chris gern. Sie mochte alle Leute, die Ken für das Oxygen eingestellt hatte. Das Oxygen war sein erstes Restaurant. Soweit sie das beurteilen konnte, hatte er gute Leute ausgewählt. Die Eröffnungsgala heute Abend war das Ereignis des Sommers gewesen, und sie war reibungslos vonstatten gegangen. Stars, wenn auch nicht die wirklich berühmten, und viele Möchtegernstars tummelten sich hier, dauernd blitzten Fotoapparate auf. Es war mächtig was los. Ruhm lag in der Luft, und er mischte sich mit dem Duft nach exquisitem Essen.

Vorhin war ein Restaurantkritiker der Los Angeles Times an den Tisch gekommen und hatte Ken persönlich gratuliert. Lisa hatte durchaus erwartet, dass die Eröffnung so grandios verlaufen würde. Sie war nicht zuletzt wegen seines Talents und seiner Tatkraft auf Ken aufmerksam geworden. Sein Ehrgeiz war ebenso groß wie ihrer, und das war ein seltener Glücksfall.

Sie war nicht besonders erpicht darauf, sich schon auf einen Partner festzulegen, aber wenn, dann würde es ein Mann wie Ken sein müssen.

Lisa trank einen großen Schluck Wein und dachte daran, wie unglaublich viel Glück sie in den vergangenen elf Monaten gehabt hatte. Einfach unglaublich!

Ken hatte angefangen, sich um sie zu bemühen, und zum ersten Mal in ihrem Leben machte es ihr nichts aus, mit einem Mann eine feste Beziehung einzugehen. Natürlich würde sie deshalb nicht gleich zum Hausputtchen werden. Nicht jetzt, wo ihre Karriere gerade ins Rollen kam. Im wirklichen Leben zählte nichts als Erfolg, und Lisa wählte Männer genauso sorgfältig aus wie die Schulen, von deren Besuch sie sich Vorteile versprach.

Bisher hatte sie noch immer erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Sie hatte auf der Highschool die Abschiedsrede gehalten, das Jahrbuch gestaltet, den Landes-Schreibwettbewerb gewonnen. Durch ihre Familie wusste sie, wie wichtig es war, sich Ziele zu setzen. Ihre Mutter hatte eine Karriere als Rechtsanwältin an der Wall Street aufgegeben, um in Idaho eine Familie zu gründen. Und dann, als Lisa und ihre Schwester Ellen auf die Highschool gekommen waren, hatte ihr Mann sie einfach sitzen gelassen. Als allein Erziehende mit zwei Kindern war ihre Mutter natürlich nicht wieder nach New York zurückgegangen. Sie saß in der Provinz fest und ärgerte sich schwarz, weil sie ihre Karriere damals einem Mann geopfert hatte.

Lisas Schwester war es nicht viel besser ergangen. Ellen hatte zwar einen ziemlich netten Kerl geheiratet, aber auch sie kam aus dem Provinznest nicht heraus, weil ihr Mann nämlich Inhaber des örtlichen Haushaltswarenladens war. Also reiste sie nicht in der Welt herum und machte Fotos von exotischen Orten für irgendwelche Hochglanzmagazine, was vorher durchaus möglich gewesen war, sondern arbeitete Teilzeit in einem Kaufhaus und fotografierte dort Kinder, die gar keine Lust darauf hatten.

Vielleicht war Ellen ja sogar glücklich damit. Sie behauptete es zumindest. Aber Lisa hatte nicht vor, sich so etwas anzutun. Sie hatte genaue Pläne für ihr Leben, und die würde sie einhalten. Sie wusste genau, wer sie war, und wollte das auch nie vergessen.

Ken war ein Seelenverwandter von ihr. Einem solchen Mann war sie bisher noch nicht begegnet. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass sie noch einmal einen solchen Mann finden würde, und jeder Tag, den sie zusammen waren, brachte sie einander noch ein wenig näher. Für Lisa als Einzelgängerin war das geradezu beängstigend, aber ebenso aufregend.

Sie rutschte auf dem Stuhl hin und her und versuchte, ihn in der Menge zu entdecken. Ob er vielleicht in die Küche gegangen war? Doch dann trat ein Mann im dunkelblauen Anzug beiseite, und da war Ken. Lisa holte tief Luft. Ihr Puls beschleunigte sich, als ihre Blicke sich begegneten und sein Mund sich zu einem Lächeln verzog. Ein heimliches Lächeln für sie allein.

Er war gerade erst sechsundzwanzig Jahre alt geworden und damit zwei Jahre älter als Lisa. Dennoch beherrschte seine Erscheinung den gesamten Raum. Und weil Ken mit seinen klaren, blauen Augen jedem Gast direkt ins Gesicht sah, während er ihn mit festem Händedruck begrüßte, fühlte sich jeder, der hierherkam, sofort willkommen. Kens Hände waren rau und schwielig, aber das machte ihn nur noch beliebter. Er sah im klassischen Sinne gut aus, war aber dafür bekannt, dass er sich nicht scheute, bei schwerer Arbeit mit anzupacken.

Er trug heute Abend einen schlichten Maßanzug aus dunkelblauer Seide, was einen sympathischen Kompromiss aus Anspruch und Bescheidenheit darstellte. Lisa war sich sicher, dass er mit dieser Mischung viel Erfolg bei den Leuten haben würde. Ken vertrat die Meinung, dass zwar in erster Linie das Essen perfekt sein müsse, dass aber auch das Drumherum wichtig war. Die Räumlichkeiten, die Bedienung, das Ambiente – all das musste mit dem hohen Standard der Küche vereinbar sein.

Während er sich jetzt mühelos durch die Menge bewegte, hielt er seinen Blick unverwandt auf Lisa gerichtet, bis er bei ihr war. Sie spürte seine warme Hand auf ihrem Rücken, als er sich vorbeugte und sie auf die Wange küsste.

“Hab ich dir schon gesagt, wie schön du heute Abend bist?”, flüsterte er, und seine tiefe Stimme erregte ihre Sinne.

Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen und gab vor, angestrengt nachzudenken.

“Mmm. Warte mal … großartig, fantastisch, toll. Nein, von schön hast du noch nichts gesagt.”

Er stellte sich hinter sie und legte ihr die Hände auf die Schultern, während er sich vorlehnte. “Du bist schön.”

Lisa lächelte. “Und du bist ein Charmeur.”

“Stimmt”, sagte er und glitt auf den Barhocker neben ihr. “Aber ein ehrlicher Charmeur.”

Er gab Chris ein Zeichen, und einen Moment später hatte er ein Glas Mineralwasser mit Zitronensaft vor sich stehen. Dann fragte er Chris nach seiner Meinung zur Eröffnungsgala. Lisa beobachtete die beiden Männer, wie sie sich unterhielten, und war wieder einmal beeindruckt davon, wie rasant sich alles in ihrem Leben entwickelte, seit sie nach Los Angeles gekommen war.

In ihrer kleinen Heimatstadt in Idaho waren alle entsetzt gewesen, als sie sich schon sehr früh um die Zulassung zum Studium an der Universität von Kalifornien beworben hatte und dann schon nach dem ersten Jahr an der Highschool in die böse, große Stadt gezogen war. Ihre Mutter hatte das alles weniger überraschend gefunden. Immerhin lief ihre Tochter stets und ständig mit einer Kamera vor dem Gesicht durch die Gegend, anfangs noch mit der alten Super-8 ihres Großvaters, später mit der schuleigenen Videokamera. Nichtsdestotrotz hatte es Mrs. Neal beunruhigt, als ihre älteste Tochter mit siebzehn schon nach Kalifornien ging.

Aber es waren auch alle stolz auf Lisa gewesen. In weniger als drei Jahren hatte sie das Grundstudium absolviert und war daraufhin sofort zum Hauptstudium Regie zugelassen worden. Unzählige Stunden in Vorlesungen und Seminaren, harte Konkurrenz, unerbittliche Dozenten … und Lisa hatte jede Minute genossen. Im Grunde hätte ihr gesamtes Leben nur noch aus Studieren bestanden, wenn sie nicht Ken begegnet wäre.

Sie hatten sich auf einer Party kennengelernt, und bisher passten ihre verschiedenen Lebenswege ganz hervorragend zusammen. Ken steckte wegen seiner Restaurants bis zum Hals in Arbeit, und sie studierte buchstäblich Tag und Nacht. Die wenigen freien Stunden verbrachten sie gemeinsam, und Lisa hatte sich daran gewöhnt, an einem der leeren Tische im Oxygen zu sitzen und zu lernen oder ein Drehbuch mit Anmerkungen zu versehen, während Ken mit den Baufirmen oder seinen Angestellten Absprachen traf.

Sie hatten sich aneinander gewöhnt, und Lisa fand das angenehm. Diese Beziehung unterschied sich auch in anderer Hinsicht von allen anderen, die sie bisher mit Männern gehabt hatte. Zum Beispiel bestand Ken darauf, vor der Hochzeit nicht miteinander zu schlafen, obwohl sie schon alle möglichen anderen erotischen Spielereien ausprobiert hatten.

Lisa konnte es kaum glauben, dass ein Mann, der so sexy und verführerisch war wie Ken, tatsächlich noch Jungfrau sein sollte, aber sie hatte ihn auch nie auf den Kopf zu gefragt, ob dem tatsächlich so war. Sie hatte sich einfach seinen Wünschen angepasst. Sie verehrte Ken, aber sie hatte keineswegs vor zuzulassen, dass irgendetwas, schon gar nicht der Gedanke an Heirat, ihr den Weg zu ihrem Ziel versperren konnte. Sie wollte im Filmgeschäft Fuß fassen. Und wenn das erforderte, einen letzten Rest von Distanz zwischen sich und einem Mann zu behalten, dann war ihr das nur recht.

Sie trank noch einen Schluck Wein und sah weiter zu, wie Ken mit Chris redete. Schließlich drehte er sich zu ihr um und strich ihr mit einer zarten Bewegung eine Haarsträhne hinter das Ohr. Es war eine Geste, die in gewisser Weise intimeren Charakter hatte als ein Kuss.

“Schön”, flüsterte er noch einmal, und Lisa hatte Mühe, nicht rot zu werden.

Normalerweise trug sie ihre grässlich dicken Haare zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden, aber für heute Abend hatte sie sich richtig ins Zeug gelegt und hatte sich ihre Haare beim Hairstylisten des Hotels kunstvoll hochstecken lassen. Sie musste selbst zugeben, dass es toll aussah.

“Wie geht es dir?”, fragte er. “Bist du müde?”

“Überhaupt nicht.”

Er schüttelte ungläubig den Kopf. “Du hast seit Tagen nicht geschlafen. Bist du sicher, dass du nicht doch ein ganz kleines bisschen müde bist?”

Während Ken die Eröffnung seines Restaurants vorbereitet hatte, war sie zwei Tage lang Tag und Nacht damit beschäftigt gewesen, die letzten Szenen für den Film zu drehen, der ihre Diplomarbeit werden sollte. Sie hatte die Schauspieler und die Crew hart rangenommen, und es hatte sich ausgezahlt.

Sicher, es war nur eine Studentenarbeit, aber Lisa war Produzentin und Regisseurin in einer Person, und das war wahrhaftig kein Kinderspiel. Es war ein Riesenschritt in Richtung auf das eine Ziel, von dem sie schon ihr ganzes Leben lang träumte – richtige, echte Hollywoodfilme zu produzieren, und zwar gute!

“Das Adrenalin hält mich wach. Mein Film, dein Restaurant. Ich habe genug Energie, die verbraucht werden will.”

“Freut mich zu hören, denn …”

Ken sah einen Moment weg, um jemandem weiter hinten im Raum zuzuwinken. Als er wieder zu Lisa sah, waren seine blauen Augen voll unverhüllter Leidenschaft. “… ich hatte gehofft, du würdest auch noch was von dieser Energie übrig haben, wenn das alles hier vorbei ist.” Er drückte ihr eine Schlüsselkarte in die Hand. “Das Hotel hat mich für heute Nacht ins Penthouse einquartiert. Wenn du müde bist, kannst du ruhig schon hochgehen und dort auf mich warten.”

Sie nickte und umklammerte die Plastikkarte in ihrer Hand, während er sich zu ihr niederbeugte und sie küsste. Sein Kuss schmeckte nach Champagner, und sie zog bebend seinen Kopf weiter zu sich herunter, um ihn tiefer küssen zu können. Sie hatte plötzlich Tränen in den Augen. Ken hatte eine unerklärliche Wirkung auf ihre Seele, und sie ahnte, dass, wenn sie ihn nur nahe genug an sich heranließ, er der einzige Mensch auf dieser Welt werden könnte, für den sie all ihre Träume aufgeben würde.

In gewisser Weise war es beruhigend, das zu wissen. Aber Lisas Angst davor war noch viel größer.

Ken zog sich zurück, legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es zu sich hoch. “Alles in Ordnung mit dir?”

“Klar.” Sie lächelte. “Mir geht’s prima.”

“Ich muss wieder unter die Leute.” Er bot ihr den Arm. “Willst du mich begleiten?”

“Nein, nein, geh du nur allein. Ich schätze, ich bin doch etwas müde. Ich möchte einfach nur hier sitzen und zusehen, wie sie dich umschwärmen.”

Sein Mundwinkel zuckte belustigt. “Bis bald dann.”

Kaum hatte er sich von ihr entfernt, verschluckte ihn die Menge erneut. Ja, Chris hatte recht. In fünf Jahren würde Ken der unangefochtene König der gastronomischen Szene von Los Angeles sein.

Sie drehte sich wieder zur Bar um und nippte mechanisch an ihrem Weinglas.

“Stimmt was nicht?”

Lisa blickte auf und sah Chris, der ein besorgtes Gesicht machte. Ihr wurde bewusst, dass sie mit gerunzelter Stirn dasaß. “Nein, nein, mir geht’s gut. Bin bloß müde.”

Er sah sie zweifelnd an, aber da kam eine der Serviererinnen an den Servicebereich des Tresens, und er musste weiter Bestellungen erledigen.

Sein Zweifel war berechtigt gewesen, denn es ging Lisa keineswegs gut. Ken war auf dem sicheren Weg zum Erfolg, während sie gerade erst dabei war, ihr Studium zu beenden und auch noch keine Aussicht auf einen anständigen Job hatte. Ein paar Angebote hatte sie natürlich bekommen, aber fast immer hatte es sich um kleine Jobs im Team irgendeines Low-Budget-Films gehandelt. Für den Anfang sicher gar nicht mal so übel, aber Lisa wollte in einem der wichtigen Filmstudios für die Projektentwicklung verantwortlich sein, noch bevor sie dreißig war. Mit einem solchen Ziel vor Augen brauchte sie unbedingt einen spitzenmäßigen Job mit viel Verantwortung, sobald sie das Diplom in der Tasche hatte.

Leider hatte sie so einen aber noch nicht gefunden.

Nein, sie würde sich jetzt nicht gestatten, deswegen Trübsal zu blasen. Entschlossen drehte sie sich wieder von der Bar weg und beobachtete die Leute im Saal. Wieder versuchte sie, Ken zu finden. Dabei blieb ihr Blick an einem der Gäste hängen, und sie riss überrascht die Augen auf. Das war Drake Tyrell, einer der Topproduzenten der Independent-Szene! Und er kam geradewegs auf sie zu!

“Miss Neal?” Er setzte sich ohne weitere Umstände auf den Barhocker neben ihr und signalisierte Chris, dass er gern einen neuen Drink hätte.

Lisa saß da und staunte mit offenem Mund. Er erinnerte sich sogar noch an ihren Namen!

“Schön, Sie wiederzusehen”, sagte er jetzt.

Endlich fing sie sich wieder, machte schnell den Mund zu und schluckte aufgeregt. “Danke, Sir. Ich meine … ich freue mich auch, Sie wiederzusehen.”

Innerlich krümmte sie sich, als sie sich so reden hörte. Als ob sie frisch vom Dorf käme! “Wie kommt es, dass Sie sich noch an mich erinnern können?”, redete sie schnell weiter.

Drake Tyrell war Dozent bei einem der Sommerseminare gewesen, das sie besucht hatte. Sie war eine von ungefähr zweihundert Studenten und Studentinnen gewesen, die sich in dem winzigen Vorlesungsraum gedrängelt hatten. Da war die Wahrscheinlichkeit aufzufallen gegen null gegangen.

“Selbstverständlich erinnere ich mich an Sie.”

Chris brachte den neuen Drink, und Drake hob das Glas zum Toast. “Sie sind zu erfolgreich beim Studium, um nicht aufzufallen. Unglaublich gute Ergebnisse haben Sie vorzuweisen.”

Sie stießen miteinander an, und er lehnte sich zurück, um sie abschätzend zu betrachten. Lisas Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

“Ich habe Ihr Drehbuch gelesen.”

“Only Angels?”

Er nickte, und Lisa wurde ganz schlecht. Nicht nur, weil sie sich wunderte, warum er es gelesen hatte, sondern auch, weil sie sich fragte, was er wohl davon hielt. Sie hatte es vor mehr als einem Jahr geschrieben und auf Drängen ihres Dozenten hin zu einem Wettbewerb eingereicht.

“Ich bin einer der Sponsoren des Fellowship Program”, fuhr er fort und beantwortete damit eine ihrer unausgesprochenen Fragen. “Sie haben ein Händchen für Komödien. Das Drehbauch ist bezaubernd.”

Ihr Lächeln war zittrig, genau wie ihre Knie, und sie hielt sich an ihrem Barhocker fest. “Schön, dass es Ihnen gefällt”, sagte sie und war heilfroh, dass ihre Stimme normal funktionierte. “Gewonnen habe ich aber nicht damit”, fügte sie hinzu und ärgerte sich im selben Moment, weil das so kleinlich klang.

Er lachte auf, und sie fühlte sich gleich noch viel kleiner.

“Den Wettbewerb nicht, nein.” Er lehnte sich vor und nahm sich an ihr vorbei eine Serviette vom Tresen. “Aber einen Job vielleicht.”

Bei diesen Worten fiel Lisa beinahe doch noch vom Barhocker, und sie hielt sich an der Mahagoniplatte des Tresens fest. “Wie bitte?”

“Ich habe mit Ihren Dozenten geredet und mir Ihre Arbeiten angeschaut. Ich hätte einen Job für Sie, wenn Sie möchten.”

“Einen Job?”, wiederholte sie, als sei sie begriffsstutzig. “Ich soll mit Ihnen arbeiten?”

Er grinste nachsichtig. Vermutlich war er es gewöhnt, dass die Leute in seiner Gegenwart vor Ehrfurcht fast im Boden versanken.

“Natürlich. Selbstverständlich nur, wenn Sie interessiert sein sollten.”

Interessiert?! Na, und wie sie interessiert war! Was sie sich im Moment mehr als alles auf der Welt wünschte, war ihr gerade in den Schoß gefallen. Ein Job. Ein Sprungbrett für ihre berufliche Entwicklung. Arbeiten mit dem berühmten Drake Tyrell.

“Dazu müssten Sie allerdings nach New York kommen.”

Sie zwinkerte kurz und murmelte: “Natürlich.”

Sie hätte laut aufheulen können, weil sie zu dumm gewesen war, das gleich zu begreifen. Wie Woody Allen und noch ein paar andere jener Filmleute, die Produzent und Regisseur in einer Person waren, arbeitete Tyrell in New York und lehnte es rigoros ab, auch nur einen Fuß nach Los Angeles zu setzen, wenn es nicht unbedingt notwendig war.

Es war ihr unverständlich, warum er Kalifornien mied. Wegen der Erdbeben vielleicht, oder er reagierte allergisch auf den Smog, hasste Schnellstraßen … wer wusste das schon? Es spielte auch keine Rolle. Letztendlich lief alles auf dasselbe raus: Wenn sie mit Tyrell arbeiten wollte, musste sie nach New York ziehen. Punkt, aus.

Er beobachtete sie schweigend, drängte sie nicht. Aber er gab ihr auch keine Bedenkzeit. Leute wie Tyrell erwarteten eine sofortige Reaktion, waren es gewohnt, dass alle nur darauf warteten, ihnen ihre Dienste anbieten zu dürfen. Wenn Lisa den Job haben wollte, musste sie ihm das zu verstehen geben, bevor er wieder aufstand und woandershin ging. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie sofort zugreifen musste, oder die Chance war verloren. Immerhin ging es hier um ihre berufliche Zukunft!

Aber da war auch noch Ken.

Erneut stiegen ihr die Tränen in die Augen, und sie zwinkerte sie ärgerlich weg. Dies war nicht der geeignete Moment für Gefühlsduseleien. Sie legte großen Wert darauf, den Verstand entscheiden zu lassen, wenn es um ihre Karriere ging, doch das änderte nichts daran, dass Ken und sie sich sehr nahe gekommen waren und dass es ihr mächtig gegen den Strich ging, so weit weg zu ziehen.

Seit Jahren arbeitete sie wie eine Verrückte, um eines Tages in Hollywood so richtig mitmischen zu können. Sie musste die Gelegenheit nutzen, solange es möglich war. Wenn das Glück an die Tür klopfte, ging es nur noch darum, es reinzulassen.

Ken würde das bestimmt verstehen. Immerhin hatte auch er heute Nacht den ersten Schritt zur Verwirklichung seiner Träume gemacht. Und sie waren ja auch nicht verlobt oder so was in der Art. Und sie machte nicht Schluss mit ihm, sondern zog nur weg. Sobald sie in ihrem Beruf erreicht haben würde, was sie sich vorgenommen hatte, würde sie ja wiederkommen – je eher, je lieber.

Tatsache war, dass sie diesen Job annehmen musste. Wenn sie das nicht tat, würde sie sich für den Rest ihres Lebens fragen, was wohl passiert wäre, wenn sie es doch getan hätte.

“Lisa?”

Als Tyrells Stimme ihre Gedankengänge unterbrach, straffte sie sich.

“Sind Sie interessiert?”, wiederholte er seine Frage.

Ein erstklassiger Job. Sie würde sagen können, sie habe schon mit Drake Tyrell gearbeitet. Die Vorstellung war so Furcht einflößend wie verlockend. Alles, wovon sie je geträumt hatte, war auf einmal zum Greifen nahe. Da konnte sie doch nicht Nein sagen. Es ging um ihre Träume. Um ihr Leben!

Lisa holte tief Luft, um ihren flatternden Magen ein wenig zu beruhigen, und sah Drake geradewegs in die Augen. “Absolut.” Und sie hielt ihm die Hand hin. “Ich werde Sie nicht enttäuschen.”

1. KAPITEL

Wie immer während der Mittagszeit war das Oxygen vollständig ausgebucht. Kein Platz war mehr frei, und die Platzanweiserin verteilte Wartenummern an all jene bedauernswerten Leute, die nicht daran gedacht hatten zu reservieren und nun bis zu zwei Stunden warten mussten. Abends ging es hier noch ganz anders zu. Da wurde, wer nicht reserviert hatte, höflich wieder weggeschickt, und selbst wenn man reserviert hatte, musste man mindestens eine halbe Stunde warten.

Aber diese Hürden, einen Tisch zu ergattern, schienen niemanden wirklich zu stören. Es machte es nur noch erstrebenswerter, zum Kreis jener zu gehören, die regelmäßig in diesem angesagten Restaurant speisten. Und das entsprach genau den Plänen des Besitzers.

Der Andrang war mit der Zeit immer größer geworden, und Ken hatte irgendwann begriffen, welche Dimensionen sein Erfolg als Restaurantbetreiber annehmen würde. Er begann darüber nachzudenken, das Restaurant zu vergrößern. Brant Tucker, dem das Hotel Bellissimo gehörte, hatte bereits zugestimmt, die Restaurantfläche auf fast das gesamte Zwischengeschoss zu erweitern, und Ken war sogar schon so weit gewesen, einen Architekten zu beauftragen.

Am Ende hatte er sich jedoch ganz anders entschieden, und sein erstes Restaurant so gelassen, wie es war. Mehr als einmal hatten Kritiker die gemütliche Atmosphäre des Qxygen gelobt, und diesen Vorteil wollte Ken lieber nicht aufs Spiel setzen.

Stattdessen hatte er sich dazu durchgerungen, weiter nördlich in Malibu und südlich in Marina Del Rey zwei Filialen zu eröffnen. Diese verfügten über größere Kapazität und brachten bald mehr Gewinn als das Original. Doch das Oxygen behielt einen besonderen Platz im Herzen seines Besitzers. Selbst nachdem Ken bereits ein halbes Dutzend anderer Restaurants mit jeweils unterschiedlichen Namen eröffnet hatte, verbrachte er die Mittagszeit und die Wochenenden meist im Oxygen.

Es gab Tage, da konnte er das enorme Ausmaß seines Erfolgs selbst kaum glauben. Vor fünf Jahren hatte er sich bis über beide Ohren verschuldet, um sein erstes Restaurant zu eröffnen und über die Anfangsphase zu kommen. Aber es hatte sich ausgezahlt, und zwar richtig. Nicht schlecht für einen Studienabbrecher aus Blanco, Texas. Wenn das nur seine Eltern noch hätten erleben können! Sie wären stolz auf ihn gewesen.

Im Grunde war Kens Erfolg als Restaurantbetreiber ein Verdienst seiner Mutter. Sie hatte einst ihren Mann überredet, am zentralen Platz der Stadt ein Barbecue-Restaurant zu eröffnen, als Ken noch ein Kleinkind gewesen war, das gerade erst Laufen lernte. Er war in der Restaurantküche aufgewachsen, hatte seiner Mutter von frühester Kindheit an geholfen, wo er nur konnte. Und war dabei eigentlich immer nur im Wege gewesen und hatte alle genervt … Aber er erlebte, wie dieses bescheidene Lokal die Kleinstädter geradezu magisch anzog. Als er auf die Highschool kam, war das On the Square die Adresse geworden, wo man sich nach der Schule, nach der Arbeit und nach dem Gottesdienst traf.

Ken wusste schon früh, dass er auch einmal so etwas aufbauen wollte. Eine Art Versammlungsort für die ganze Stadt. Einen Ort, wo die Leute hinkommen, gut essen und trinken konnten, wo man vielleicht ein bisschen tanzte und es sich ganz einfach gut gehen ließ.

Er hatte zunächst angefangen, an der Universität von Texas Betriebswirtschaft zu studieren, und das notwendige Geld damit verdient, dass er in jedem Restaurant arbeitete, das ihn nur haben wollte. Sein Plan war gewesen, nach dem Studium ein einfaches Restaurant in Austin zu eröffnen. Die entspannte Lebensweise der Leute da hätte gut in sein Konzept gepasst.

Aber dann hatte ein betrunkener Autofahrer alles geändert. Auf einmal waren Kens Eltern tot. Sein Zuhause wurde ihm weggenommen, und er fühlte sich so verloren, wie er es sich vorher nie hätte vorstellen können. Er brach das Studium ab und flüchtete an die Westküste, um sich mit gesteigertem Ehrgeiz von seinem Kummer abzulenken. Und er, der ursprünglich nur seiner Mutter hatte nacheifern wollen, erreichte letztendlich sehr viel mehr als diese: Er war reich geworden, ein einflussreicher Geschäftsmann.

Wie gewöhnlich ging er von Tisch zu Tisch, schüttelte Hände, begrüßte die Rechtsanwälte und Makler, die bei weitem die Mehrheit seiner Mittagsstammkundschaft bildeten. Er schwatzte soeben mit einem neu ernannten Richter, als er einen der Restaurantkritiker bemerkte, Marty Talbot, der ihm von einem Zweiertisch auf der anderen Seite des Raumes zuwinkte. Ken entschuldigte sich und ging hinüber, auf dem Weg wiederum einige Stammgäste grüßend.

“Ich hatte nicht erwartet, dich heute hier zu sehen, Marty. Ich dachte, du würdest meiner bestimmt müde sein, nachdem wir gestern den ganzen Tag in einem Konferenzzimmer verbracht haben.”

Der ältere Mann schmunzelte. Sein silbergraues Haar gab ihm ein so sympathisches Äußeres, dass man ihm sein Verhandlungsgeschick gar nicht zutrauen mochte.

“Leute, die meine Rechnungen zuverlässig bezahlen, sehe ich immer gern.” Er deutete auf den leeren Stuhl, und Ken setzte sich. “Es geht um Alicia. Sie hat mich gebeten, dir noch einmal ihre Show zu empfehlen.”

Ken unterdrückte ein Seufzen. Alicia Duncan war früher Nachrichtensprecherin im Fernsehen gewesen, hatte inzwischen aber ihre eigene Morgenshow. Offensichtlich mangelte es ihr an Themen, und da fiel ihr nichts Besseres ein, als Ken auf die Nerven zu gehen.

Er schüttelte den Kopf und ärgerte sich. Diese Sache hatte er nun wirklich für erledigt gehalten. “Ich habe euch beiden gestern gesagt, dass ich nicht interessiert bin.”

“Natürlich. Ich wollte nur sichergehen, dass du über das Angebot genau Bescheid weißt, bevor du es wirklich ablehnst.”

“Ich weiß genau darüber Bescheid.” Ken bemühte sich, seine Verärgerung nicht sichtbar werden zu lassen.

“Wirklich?”

“Komm schon, Marty. Du solltest doch von allen am besten wissen, was ich von Publicity halte.”

Marty hatte gemeinsam mit Kens Vater studiert und kannte Ken, seit dieser ein Baby gewesen war. Die Gabel wie einen Zeigestock auf Ken gerichtet, sagte er eindringlich: “Werbung ist immer gut, mein Junge. Es ist ja nicht so, als wenn du dich einem Feind ausliefern würdest.”

“Darum geht es nicht. Ich habe dieses Restaurant auf meine Art aufgebaut und mache auch auf meine Art Werbung. Und du wirst ja wohl kaum bestreiten wollen, dass ich gut damit fahre.”

Seine Werbung konzentrierte sich auf die hervorragende Küche und auf den Nimbus, den das Restaurant Oxygen mittlerweile hatte. Keine Empfehlungen, keine öffentlichen Auftritte, keine albernen, im Restaurant gedrehten Werbespots. Nichts, was die Aura zerstören konnte, die das Restaurant umgab und die Ken so viel Mühe gehabt hatte aufzubauen.

Jedes der von ihm eröffneten Restaurants war bemerkenswert erfolgreich, also hatte Ken keinerlei Grund, seine Werbestrategie zu ändern. Oder wie sein Vater es immer ausgedrückt hatte: “Repariere erst, wenn was kaputt ist.”

Marty schüttelte den Kopf und aß seinen Salat. Diese Angewohnheit, sich abrupt aus einer Unterhaltung auszuklinken, nervte Ken immer wieder. Und diesmal hatte Ken den Verdacht, dass der Ältere es absichtlich tat, und zwar unter dem Vorwand, Ken Zeit geben zu wollen, Alicias Angebot noch einmal zu überdenken.

Kens Erfolg hatte mehrere unliebsame Nebenwirkungen. Unter anderem die Tatsache, dass er beinahe selber als Prominenter galt, und dieser Status zog die Alicias dieser Stadt unwiderstehlich an. Und nur, weil die Presse ihn als Prominenten behandelte, musste er solchen Unsinn noch lange nicht unterstützen. Als Alicia also vorgeschlagen hatte, einen Teil ihrer Morgenshow in der Küche zu drehen und Tim Sutton, den begnadeten Chefkoch des Restaurants, eine seiner berühmten Kreationen vor laufender Kamera zubereiten zu lassen, hatte Ken entschieden abgelehnt, und zwar sofort. Er gedachte auch nicht, diese Entscheidung zu revidieren, egal, wie sehr Marty oder Alicia sich ins Zeug legten.

Marty saß ihm gegenüber und aß wortlos seinen Salat auf. Erst als der Kellner lautlos an den Tisch trat und den leeren Teller wegnahm, sah er wieder auf und Ken in die Augen. “Du würdest mehr Kunden erreichen.”

“Ich habe genug Kunden.”

“Dann tu es für Alicia. Als Gefälligkeit.”

Ken fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und überlegte, was das alles bloß sollte. “Bitte?”, fragte er ungläubig.

Marty öffnete ein Zuckertütchen und gab den Inhalt in seine Kaffeetasse. Dann rührte er um, und das Geräusch, das der Löffel in der Tasse verursachte, ging Ken auf die Nerven.

“Marty …”

“Nun ja, mein Junge, ich finde, du solltest auch an das Mädel denken.” Marty winkte dem Kellner. “Besonders in Anbetracht der Art und Weise, wie ihr auseinandergegangen seid.”

Ken unterdrückte den Jähzorn, der in ihm aufwallte. Was hatte Alicia da wieder für einen Blödsinn rumerzählt? “Erstens waren wir gar nicht zusammen. Wir sind zwei Mal gemeinsam essen gegangen. Das ist noch keine Beziehung.” Na gut, sie hatten auch miteinander geschlafen, aber sie hatten beide gewusst, dass daraus nicht mehr werden würde.

“Und selbst wenn wir zusammen gewesen wären”, fuhr Ken fort, “würde ich meine Überzeugung nicht ändern. Nicht für dich, und schon gar nicht für Alicia. Für niemanden. Ich bin nicht zu vergleichen. Mein Restaurant ist nicht zu vergleichen. So ist es, und so bleibt es.”

“Wenn du dir so sicher bist …”

Ein Kellner kam herbei. Es war Jake.

“Ja, ich bin mir sicher”, bestätigte Ken.

“Ich meine, das ließe sich doch wunderbar mit dem Jubiläum verknüpfen. Am Samstag ist es fünf Jahre her, dass du dieses Restaurant eröffnet hast.”

Marty ließ Ken mit diesem Argument allein und wandte sich Jake zu, um ein Dessert zu wählen.

Ken krampfte sich der Magen zusammen. Oh, er wusste sehr genau, was Samstag für ein Tag war. Jedes Jahr um diese Zeit ging er durch seine ganz persönliche Hölle. Wenn sich die Eröffnung des Oxygen jährte, war das immer, als wenn sich ein Schleusentor hob und eine Flut von Erinnerungen freigab, von der Ken jedes Mal weggeschwemmt wurde.

Vor fünf Jahren hatte er gedacht, es wäre alles perfekt. Die Eröffnung seines ersten Restaurants, eine Frau, die er liebte und von der er dachte, dass sie auch ihn liebe. Aber er hatte sich geirrt. Er hatte hier in diesem Raum gestanden, einen Verlobungsring in der Tasche, und war sich sicher gewesen, dass sie sich ein gemeinsames Leben ebenso sehr wünschte wie er. Zwei Tage später war sie mit einem anderen Mann nach New York gegangen. Und heute, Jahre später, tat die Erinnerung daran immer noch weh.

Mit ihr zu schlafen hatte er sich bis zur Hochzeitsnacht aufheben wollen. Aber offensichtlich hatte Lisa mehr erwartet. Nicht lange, nachdem sie weggegangen war, hatte er die ersten Gerüchte gehört und die ersten Fotos gesehen. Sie und Drake Tyrell waren ein Paar, das zum Stammpublikum der angesagtesten Läden in Manhattan zählte.

Diese Wendung der Ereignisse hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Ken ließ sich von niemandem zum Narren halten. Was ihm am meisten gegen den Strich ging, war die Tatsache, dass er selbst jetzt, nach fünf Jahren, noch dauernd an sie denken musste. Wenn er ihr je wieder begegnen sollte, so hatte er keine Ahnung, ob er sie in seine Arme reißen oder eher das Weite suchen würde. Er hoffte Letzteres.

Die Vorstellung, dass Lisa Neal nach all der Zeit noch so viel Macht über ihn besaß, war mehr als nur ein wenig beunruhigend. Und doch die Wahrheit. Diese Frau war ihm unter die Haut gegangen, und er wurde sie nicht wieder los.

“Ich habe beschlossen, heute auf meinen Nachtisch zu verzichten”, sagte Marty. “Wie sieht es mit dir aus? Hast du schon beschlossen, was du mit Alicias Angebot machen willst?”

Ken bemühte sich um einen ruhigen Gesichtsausdruck und erhob sich. “Ich verzichte auch”, antwortete er. “Und die Diskussion ist damit beendet.”

Er wies Jake noch an, Martys Abendessen auf die Rechnung des Hauses zu schreiben. Dann begab er sich zwischen all den Tischen hindurch in Richtung Küche. Er brauchte dringend eine Auszeit, um sich zu entspannen und in Ruhe nachzudenken.

Ken war nicht der Typ, der sich selbst bemitleidete. Aber einmal im Jahr durfte man sich doch wohl eine Woche lang ein bisschen gehen lassen. Die restlichen fünfzig Wochen konzentrierte er sich auf das Geschäft und lebte halt so vor sich hin.

Es ergab sich aus seinem Status als Prominenter, dass er Frauen haben konnte, so viele er nur wollte. Aber keine dieser Begegnungen hatte ihn je wieder so tief empfinden lassen, wie er damals für Lisa empfunden hatte. Einerseits betete er im Stillen, er möge doch bald wieder eine solche Frau kennenlernen, damit er Lisa endlich vergessen konnte. Andererseits wünschte er sich, für immer in den schönen Erinnerungen an sie schwelgen zu können. Leider führten die Erinnerungen immer wieder zu jener inzwischen vertrauten Wut, die in ihm aufkam, wenn er daran dachte, auf welche Weise Lisa ihn verlassen hatte.

“Diesen Blick kenne ich doch”, sagte Tim. “So siehst du immer aus, wenn in einer Woche Eröffnungsjubiläum ist.”

Die vertrauten Gerüche und Geräusche in der Küche sprachen Kens Sinne an und verbesserten seine Stimmung sofort. Das Klappern von Töpfen und Pfannen, das Brutzeln von Öl, das sanfte Fauchen von Dampf, das durchdringende Aroma von gehacktem Knoblauch und gewürfelten Zwiebeln …

Fast gegen seinen Willen verzog Ken seinen Mund zu einem Lächeln. “Ich denke, es steht mir zu.”

“Es steht dir zu? Was denn? Trübsal zu blasen?”, fragte Tim und sah auf.

Er beaufsichtigte gerade seinen Sous-Chef, und sein Gesicht war gerötet von der Hitze am Herd. Hinter ihm waren Küchenhilfen mit dem Vorbereiten der Zutaten beschäftigt, und der Expeditor machte gerade die letzten Bestellungen für jene Gäste fertig, die ein bisschen spät dran waren zum Mittagessen.

“Vor fünf Jahren hat die Frau, die ich liebte, meinen Heiratsantrag abgelehnt und ist nach New York gezogen”, erklärte Ken und achtete darauf, dass er so leise sprach, dass nur Tim ihn verstehen konnte. “Ein Jahr später hat sie sich von mir getrennt und war dann mit irgendeinem Hollywoodschnösel zusammen. Ich denke, da habe ich ein Recht auf ein wenig Melancholie.”

Bevor Lisa weggegangen war, war Ken sicher gewesen, genau zu wissen, welchen Verlauf sein Leben nehmen würde. Er würde in einem Haus nahe am Strand wohnen, seine Frau würde Filme drehen, und sie würden hübsche Kinder haben. Und jeden Sonntagmorgen würden sie versuchen, einander mit exotischen und bizarren Omelett-Varianten zu übertreffen. An den Wochenendnachmittagen würden sie ins Kino gehen und dann auf einem Steg sitzen, übers Meer blicken und den gesehenen Film bis ins letzte Detail analysieren, während die Kleinen in den heranrauschenden Wellen spielten. Und jeden Abend würden sie sich unter die Reichen und Schönen von Hollywood mischen, die in einem Ken Harper Restaurant zu Abend speisten.

Es wäre ihm damals im Traum nicht eingefallen, dass Lisa die Welt womöglich mit anderen Augen betrachtete.

Sicher, sie hatten beide nie ernsthaft von Heirat gesprochen. Nur insofern, als er darauf bestanden hatte, dass sie erst nach der Hochzeit miteinander schliefen. Dabei hatte er ungezählte Male das dringende Bedürfnis verspürt, sich tief in sie zu versenken. Aber das hatte er alles früher schon einmal erlebt, wenn auch nicht mit einer Frau wie Lisa. Er fand, dass sie etwas Besonderes war. Er hatte geglaubt, sie sei jene Frau, die man nur einmal im Leben trifft. Klischee hin oder her, er wollte seinen Ring an ihrer Hand sehen, bevor er mit ihr das Bett teilte.

Und als sie dann einfach so gegangen war, hatte ihn das bis ins Mark erschüttert. Plötzlich hatte er jede Entscheidung immer wieder von neuem überdenken müssen, weil er sein Selbstbewusstsein, auf das er immer so stolz gewesen war, mit einem Schlag verloren hatte. Seine Geschäftstüchtigkeit ließ nach, und er traf ein paar falsche Entscheidungen. Falsche Entscheidungen, die ihn um Monate zurückwarfen. Nein, er hatte nicht vor, jemals wieder dermaßen die Beherrschung zu verlieren.

Tim sah ihn immer noch an. Sein sonst stets vergnügtes Gesicht wirkte besorgt.

“Was ist denn?”, fragte Ken unwirsch.

“Das Leben geht weiter.”

Ken kreuzte die Arme, lehnte sich gegen die mit rostfreiem Stahl verkleidete Arbeitsplatte und suchte nach einer passenden Erwiderung. Aber ihm fiel nichts ein. Tim hatte Recht, aber Ken hatte keinen Schimmer, wie er es anstellen sollte, einfach normal weiterzuleben.

Weiß Gott, er hatte Lisa mehr als einmal verflucht, besonders in jenen seltenen Momenten, in denen Verbitterung und das Gefühl, gedemütigt worden zu sein, ihn überwältigten. Geflucht hatte er und gebrüllt und sich in wahre Raserei hineingesteigert, bis er nicht mehr konnte. Und dann war sie immer noch da gewesen, direkt unter seiner Haut. Ein Teil von ihm.

Wie also sollte er da vergessen können?

Tim wandte sich zu Kelly, dem Sous-Chef, um und gab ein paar Kräuter in die Mehlschwitze. Der wunderbar würzige Geruch stieg Ken in die Nase.

“Das riecht großartig”, sagte er, teils, um das Thema zu wechseln, teils, weil es wirklich so war.

“Natürlich.” Tim grinste ungeniert. “Ist ja auch mein Rezept.”

Ken ließ seinen Blick durch die Küche schweifen, ohne wirklich etwas zu sehen, und seine Gedanken wanderten zurück zu Lisa. “Die Sache ist die …” Er brach ab und wünschte sich, er hätte gar nicht erst den Mund aufgemacht.

“Ja?”

“Ach, nichts.”

Tim ging demonstrativ in Richtung Lager und sah sich dabei um, ob Ken ihm auch folgte. “Na los, spuck’s schon aus”, forderte er ihn auf, als sie beide außer Hörweite waren.

“Es ist nur … ach, ich weiß auch nicht. Ich schätze, wenn ich nach all der Zeit an sie denke, dann werde ich wütend. Andererseits frage ich mich aber auch, was ich nur falsch gemacht habe. Verstehst du? Was ich wohl hätte anders machen müssen.”

“Ich wiederhole: Das Leben geht weiter.”

Ken wischte diese Worte mit einer Handbewegung beiseite. “Ich weiß, ich weiß. Aber ich rede ja nicht nur von ihr. Ich rede von mir. Es geht nicht nur um Lisa, sondern um mein ganzes Leben.”

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