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Lust und Leid

Hikkaduwa

Im Januar 2000 flogen sie nach Sri Lanka in den Urlaub. Dieses Mal hatte Hennes seine Brille nicht vergessen wie vor ein paar Jahren, als sie nach Jamaika geflogen waren. Damals war er kurz vor der Landung ziemlich aufgeschmissen gewesen. Im Flieger mussten sie kurz vor der Landung in Montego-Bay ein Einreiseformular ausfüllen, welches in englischer Sprache war. Leider hatte Hennes seine Lesebrille zu Hause vergessen und seine Frau Lisa Marie sprach kein Englisch. Deshalb versuchten sie nun gemeinsam, das Ding auszufüllen. Lisa Marie las ihm vor, was da in englischer Sprache stand; sie las es natürlich so, wie es da stand, buchstabengetreu. Anschließend versuchte Hennes jeweils Schritt für Schritt, das Formular auszufüllen; oder er buchstabierte und Lisa Marie schrieb.

Es war eine umständliche Prozedur und es hatte lange gedauert, aber schließlich doch einigermaßen geklappt. Und dass er seine Brille vergaß, das passierte Hennes nie wieder.

 

Jetzt, im Januar 2000, am Abreisetag für ihren Sri Lanka-Urlaub, fuhren sie viel zu früh los. Sie fuhren mit Lisa Maries elf Jahre alten und schon ziemlich klapperigen Ford-Fiesta, denn sie hatten einen Stellplatz weit außerhalb des Flughafengeländes in Düsseldorf gebucht, den ein Kollege von Hennes ihnen empfohlen hatte. Seinen Mercedes wollte Hennes nicht gerne so weit außerhalb eines Parkhauses abstellen. Dieser Platz, den sie gemietet haben, war wesentlich billiger, als ein Platz in einem Parkhaus und beide mussten schon einigermaßen die Pfennige zusammen halten, denn vor ein paar Jahren hatten sie gebaut und – damit ist ja wohl immer zu rechnen – natürlich hatten sie viel zu teuer gebaut; jedenfalls zu teuer für ihre Verhältnisse und so war eine beachtliche Nachfinanzierung erforderlich geworden, die die monatliche Belastung außerplanmäßig erhöhte und so ziemlich die Grenze des gerade noch Möglichen ankratzte.

Sie fuhren schon sehr früh los, weil es zu schneien begonnen hatte und wer weiß, wie die Straßenverhältnisse unterwegs sind! Festgefahrener Schnee? Straßenglätte? Wer weiß, ob schon Räum- oder Streufahrzeuge unterwegs sind; außerdem wehte ein steifer, böiger und eiskalter Wind und deshalb musste man, wenn es länger schneit, auch mit Schneeverwehungen rechnen.

Schon gegen fünfzehn Uhr waren sie in Düsseldorf am Check-In-Schalter. Trotz des Schneetreibens hatten sie für die Fahrt keine Stunde gebraucht, denn die Autobahnen waren noch frei, frei vom Schnee und frei auch noch vom Feierabend-Verkehr. Den Parkplatz fanden sie schnell und auch den weiten Weg vom Parkplatz zum Flughafen schafften sie mit ihren Koffern ziemlich zügig. Die Schlange am Check-In-Schalter war noch recht übersichtlich und so wurden sie ihre Koffer schnell los.

Jetzt blieben ihnen noch beinahe zwei Stunden Zeit bis zum Abflug.

„Lass uns lieber eine Stunde zu früh losfahren, als eine Minute zu spät“, hatte Lisa Marie morgens gesagt, und so hatten sie es dann auch gemacht. Jetzt liefen sie ein wenig umher, innerhalb des Flughafengebäudes, sahen sich einige Last-Minute-Reiseangebote an, vertrieben sich die Zeit und unterhielten sich voller Vorfreude auf Sri Lanka über den gerade beginnenden Urlaub.

„Weißt du was, Lisa Marie?“, fragte Hennes, als sie auf das Boarding warteten, „ich gönne mir jetzt einen Cognac. Zur Einstimmung auf den Urlaub. Was ist mit dir? Trinkst du einen mit?“

„Du spinnst doch wohl“, rief Lisa Marie etwas entrüstet, „schon nachmittags Schnaps trinken!“

„Ich besauf mich ja nicht. Aber ein Schnaps beruhigt die Nerven.“

„Bist du denn nervös? Ich glaub es ja nicht!“

„Nein, nervös bin ich nicht, aber schon etwas angespannt. Außerdem: Jetzt geht der Urlaub richtig los, da kann man sich ruhig mal einen Cognac gönnen.“

Dann verging die Zeit recht flott und Hennes konnte gerade seinen Cognac austrinken, als sie auch schon aufgerufen wurden, an Bord zu gehen. In der Maschine gab es das übliche Gerangel, bis jeder Reisende seinen Platz gefunden und sein Handgepäck verstaut hatte. Dann hieß es: Warten! Worauf warten? Warum ging es denn nicht los? Dann kam die Durchsage, dass der Flieger vor dem Start enteist werden muss und dass das Enteisen immer erst ganz kurz vor dem Start erfolgen kann, damit die Maschine nicht schon vor dem Start wieder erneut vereist. Hennes hatte etwas Angst; was passiert, wenn der Flieger oder Teile des Fliegers in der Luft vereisen? Stürzt das Ding dann ab? Doch der eine Cognac vor dem Abflug hatte ihn etwas beruhigt, etwas gleichgültig gemacht.

Dann ging es los.

Der Flug dauerte rund elf Stunden, aber die Zeit kam ihnen gar nicht so lang vor, denn es wurde schon bald dunkel. Sie bekamen ihr Essen, sie bekamen Getränke, Cola und Bier, dann sahen sie sich einen Film an und später machten sie es sich bequem, jedenfalls so bequem, wie es die enge Sitzreihe zuließ, und schliefen ein wenig oder schlummerten und dösten zumindest.

 

Wegen der Flugzeit und der Zeitverschiebung von fünf Stunden erreichten sie gegen neun Uhr am nächsten Morgen Sri Lanka. Beim Anflug auf den Bandaranaike International Airport in Colombo blickte Hennes aus dem kleinen Fenster des Fliegers, wie er es auf jedem Flug machte, wenn er einen Fensterplatz hatte. Weit unter sich sah er tiefblaues Meer; Wellen sah er nicht, Schaumkronen nicht, dafür war es wohl noch zu hoch. Dann kam die Küste in sein Blickfeld und er konnte den herrlichen breiten Sandstrand sehen, der von unzähligen dunklen Palmen gesäumt war. Der gesamte Ufersaum wirkte von hier oben satt grün.

Die Landung verlief problemlos. Die Maschine verlassen, auf die Koffer warten, durch die Kontrolle gehen – asiatische Schnelligkeit beziehungsweise Langsamkeit, Gemächlichkeit, jedenfalls keine europäische Hektik. Das war aber kein Problem für sie. Schließlich hatten sie Urlaubslaune, schließlich waren sie in Urlaubsstimmung. Mit ihren beiden Koffern gingen sie hinaus und draußen traf die tropische Hitze sie mit einer immensen Wucht. Es waren sicherlich fünfunddreißig Grad im Schatten, wenn nicht mehr, aber Schatten sahen sie nicht mehr, seit sie das Flughafengebäude verlassen hatten. Es wehte kein Wind, der ein wenig Kühlung hätte bringen können und die Sonne brannte aus einem fast wolkenlosen blauen Himmel, nur ganz vereinzelt waren wenige weiße Wolken zu sehen, die wie am Himmel festgeklebt wirkten.

Sie wunderten sich darüber, wie viel Militär unterwegs war. Schon im Flughafengebäude waren ihnen viele Soldaten aufgefallen und draußen, auf dem Flughafengelände und später auch auf den Straßen, noch viel mehr.

„Ob das etwas mit dem Bürgerkrieg zu tun hat? Schließlich kämpfen die Tamilen seit vielen Jahren um ihre Unabhängigkeit,“ sagte Hennes, „hier und im Süden Indiens. Aber ich dachte immer, in Sri Lanka sei nur der Norden oder vielleicht noch der Osten vom Bürgerkrieg betroffen oder eigentlich sogar nur der Nordosten.

Weißt du eigentlich,“ fragte er dann seine Frau, „dass man Sri Lanka auch ,die Träne Indiens’ nennt?“

„Nein, wieso das denn? Ist Sri Lanka etwa trostloser, noch ärmer oder noch unterentwickelter als Indien? Ist Sri Lanka so sehr zum Heulen oder zum Weinen? Auf was haben wir uns denn da bloß eingelassen?“

Lisa Marie war auch schon vor dem Beginn dieses Urlaubs skeptisch gewesen und sie war noch immer sehr misstrauisch. Eigentlich hatte sie gar keine Fernreise gewollt. Asien! Fernost! Wenn das mal gutgeht!

„Nein, nein, das hat damit nichts zu tun,“ protestierte Hennes, „es ist, weil Sri Lanka ungefähr die Form eines Tropfens hat, der etwas östlich versetzt an der Südspitze Indiens hängt. Sri Lanka und Indien sind ja nur durch einen schmalen Kanal im Indischen Ozean voneinander getrennt.“

Sie sahen sich nach Hinweisen um, wo sie ihren Transferbus finden könnten, und sie sahen sich nach Mitarbeitern ihres Reiseunternehmens um und schon, bevor sie etwas entdecken konnten, nahm ihnen ein Einheimischer ohne lange zu fragen oder lange zu fackeln ihre Koffer ab. Er fragte nur kurz und knapp:

„Hikkaduwa?“

„Ja. Hikkaduwa, yes, Hikkaduwa, “ bestätigte Hennes.

Lisa Marie und Hennes Keller folgten ihrem Kofferträger zu einem Transferbus und schon machte ihnen die Hitze zu schaffen. Der Temperaturunterschied zwischen Düsseldorf und Colombo betrug wahrscheinlich mehr als vierzig Grad. Ihre dicken Winterjacken, die im deutschen Winter noch notwendig gewesen waren, hatten sie zwar noch vor dem Einchecken auf dem Flughafen Düsseldorf in ihre Koffer gestopft, dennoch waren sie beide für Sri Lanka viel zu warm gekleidet. Aber die Vorfreude auf einen Sommerurlaub mit echten Sommertemperaturen im Januar war riesig, besonders bei Hennes, und sie wussten, sie würden sich schon schnell an die Hitze gewöhnen.

Lisa Marie trug eine hellblaue enge Jeans, die ihre schlanke Figur vorteilhaft zur Geltung brachte, eine weiße Bluse und einen dünnen blauen Sommerpullover, der gut zu ihren hellblonden Haaren und zu ihren eisblauen Augen passte. Allerdings war es hier viel zu warm für einen Pulli. Hennes trug ebenfalls eine helle Blue Jeans, ein buntes Hemd mit kurzen Ärmeln und auch er hatte einen unifarbenen dünnen Pulli übergezogen, den er sich jetzt aber schnell über den Kopf zog.

Sie fühlten sich jung und unbeschwert, obwohl sie beide schon vierzig Jahre alt waren. Es war nicht das erste Mal, dass sie ohne ihre Kinder Urlaub machen konnten, aber es war das erste Mal, dass sie ihre Kinder ohne Aufsicht zu Hause gelassen hatten. Ihre Tochter Ines würde in wenigen Wochen sechzehn Jahre alt werden und ihr Sohn Paul war gerade vierzehn Jahre alt geworden. So waren die beiden in einem Alter, in dem man sie mal für vierzehn Tage alleine lassen konnte. Zwei Wochen lang müssten sie sich eben mal allein versorgen und alleine klar kommen; mit Lebensmitteln und mit Geld waren sie für diese Zeit ausreichend ausgestattet. Lisa Marie und Hennes wussten, dass sie sich auf ihre Kinder verlassen konnten.

Hinter der Frontscheibe eines der Transferbusse sahen sie ein Schild mit der Aufschrift: Hikkaduwa. Hier, direkt neben den Bus, stellte ihr Kofferträger die Koffer ab und hielt seine Hand auf. Hennes zog sein Portemonnaie hervor. Doch noch bevor er sich schlüssig werden konnte, was er dem Mann geben sollte, hatte dieser – schnell wie der Blitz – zugegriffen und eine Fünf-US-Dollar-Note herausgezogen und sich ebenso schnell verabschiedet.

Fitsch – hatte er die Banknote und war weg!

„Der war bestimmt nicht bei einem Touristik-Unternehmen angestellt,“ knurrte Hennes, „der arbeitet bestimmt auf eigene Rechnung. Hast du das gesehen, wie schnell und wie kacken-dreist der in mein Portemonnaie gegriffen hat? Hast du das gesehen? Ich konnte es gar nicht verhindern!“

Hennes amüsierte sich nicht, er war eher schon etwas sauer, etwas angepinkelt. Dass jemand in sein Portemonnaie greift, dass ihm das passiert, ihm, dem Banker, dass er das nicht verhindern konnte, das gibt es doch nicht!

„Lass ihn doch,“ riet Lisa Marie, „vielleicht ist der ja arbeitslos und verdient sich hier ein paar Dollar, um seine Familie mit sechs oder acht Kindern durchzubringen. Die Hauptsache ist doch, dass wir unseren Bus schon haben und nicht mehr suchen müssen.“

Im Bus wurden sie von einem jungen singhalesischen Reisebegleiter in einem sehr holprigen Deutsch und mit sehr viel Lachen begrüßt, mit einem geradezu meckernden Lachen. Er versuchte wohl, seine mangelhaften Deutsch-Kenntnisse durch eine übertrieben gute Laune wettzumachen:

„Hallo, Leute! Guten Morgen und herzlich willkommen in Sri Lanka! Ich heiße…“ er nannte einen Namen, den keiner verstand und den sich auch keiner merken konnte.

„Ihr jetzt Urlaub, haha hahaha, ihr nix mehr in Deutschland, hahahaha, ihr nix mehr eilig, eilig, schnell, schnell, ihr jetzt viel Zeit, ihr jetzt ganz viel Zeit, ihr jetzt in Sri Lanka, hahaha haha. Sri Lanka heißt: Strahlendes Land, weil so schön, ihr könnt sehen, hahaha; man kann auch sagen, gesegnetes Land. Aber: Bus ist kaputt, hahahahaha,“ er lachte wie über einen tollen Witz und konnte sich kaum wieder einkriegen, „aber macht nix, macht nix, hahahaha, macht gar nix, kommt neuer Bus, bald, bringt euch nach Hikkaduwa, hahahaha!“

Der Bus fuhr los. Hennes fiel nichts auf, was an dem Bus nicht in Ordnung sein sollte. Der Bus fuhr knapp eine Viertelstunde lang weiter und dann hielt er auf einem Parkplatz an, auf dem bereits ein anderer Bus wartete. Die Passagiere des defekten Busses stiegen nun alle um in den zweiten Bus und dieser fuhr los. Aber schon nach wenigen Kilometern meldete sich der Singhalese plötzlich wieder:

„Leute, hört zu, dieses Bus ist auch kaputt, hahahaha, hahahaha, aber ist nix schlimm, hahahaha, ihr habt Urlaub, hahaha, die Sonne scheint, hahaha, bald kommt neuer Bus. Ihr etwas warten, nicht lange, dann geht es weiter.“ Er war noch immer lustig und fidel. Er verließ den Bus und ging hinaus.

Suchte er eine Möglichkeit zu telefonieren?

Alle Fahrgäste stiegen ebenfalls aus. Es dauerte über eine halbe Stunde, die sie wartend draußen in sengender Sonne und brütender Hitze verbrachten, denn ihr Bus, der zweite kaputte Bus, fuhr ohne sie weiter. Dann konnten sie endlich erneut einsteigen in einen weiteren Bus und weiter ging die Fahrt.

 

Nachdem der Bus Colombo verlassen hatte, wurden die Straßen schmaler. Der Bus raste, vielleicht wollte der Fahrer verlorene Zeit aufholen. Linksverkehr, Gehupe, überholen, überholt werden, Raserei, alle Autos schienen viel zu schnell zu fahren, klar, das sagten sie in jedem Urlaub im Süden, aber das, was sie hier erlebten, übertraf alles Bisherige. Es war ein extrem dichter Verkehr, Pkw, Lkw, Busse, Tuk-Tuks, Zweiräder, motorisiert oder auch nicht, und alles schien durcheinander zu rasen. Es erschien Lisa Marie und Hennes wie ein totales Chaos – und sie wurden beide etwas ängstlich, das heißt, Lisa Marie wurde es nicht erst, sie hatte ja sowieso schon lange Sorge, dass dieser Urlaub für sie gefährlich werden könnte.

Sie befanden sich auf der Galle Road, der Haupt-Straßenverbindung von der Hauptstadt Colombo zu der im Süden Sri Lankas liegenden alten Hafenstadt Galle. Unterwegs erzählte der Singhalese von Zeit zu Zeit holprig, aber immer gut gelaunt und fröhlich, von Sri Lanka und rühmte heftig und temperamentvoll Sri Lankas strahlende Schönheit und seine Sehenswürdigkeiten. Trotz seines Gestammels und Gelächters gelang es ihm, sich den Touristen verständlich zu machen und nie verlor er seine Fröhlichkeit und seine gute Laune, die sich langsam aber sicher auch auf die Urlauber im Bus übertrug.

Plötzlich stieß Lisa Marie keuchend hervor:

„Hennes, ich muss kotzen!“

„Ey! Was ist los?“

Lisa Marie würgte: „Mir wird schlecht! Ich muss raus! Schnell!“

Hennes flitzte nach vorne zum Busfahrer oder zum singhalesischen Reiseleiter und rief schon durch den halben Bus:

„Anhalten! Meiner Frau wird schlecht! Wir müssen sofort anhalten, sonst kotzt die uns den Bus voll!“

Sofort meldeten sich auch andere Fahrgäste, als hätten sie nur auf ein Signal gewartet, und forderten lautstark eine Pause. Wenige Minuten später, während Lisa Marie würgend und gequält nach Luft japste, hielt der Bus vor einem Lokal am Straßenrand, in dem sie eine Pause machten und in dem sie etwas trinken konnten. Es war doch wohl alles ein bisschen zu viel gewesen: Erst der lange Flug, dann zweimal den Bus wechseln, das „macht nix, macht nix, hahaha“, das Rumpeln in dem rasenden Bus, der nicht klimatisiert war und draußen herrschte eine Hitze von mehr als dreißig Grad im Schatten, und es war eine feuchte Hitze, die Luftfeuchtigkeit war extrem hoch. Dann der starke Verkehr in Colombo auf der „falschen“ Straßenseite, das alles ging über Lisa Maries Kräfte. Nach einem elfstündigen Flug und dem Aufenthalt im Flughafen von Colombo, über zwei Stunden zu früh in Düsseldorf, fünf Stunden Zeitverschiebung und dann noch der rasende und rumpelnde Bus – das war einfach zu viel, da spielten ihre Nerven nicht mehr mit – und ihr Magen auch nicht.

 

Die Pause tat allen gut, sie tat auch Lisa Marie gut, und so konnte die Fahrt problemlos fortgesetzt werden. Sechs Stunden, nachdem sie gelandet sind und hundert Kilometer weiter erreichten sie Hikkaduwa und ihr Hotel. Etwas steifbeinig nach dieser langen Anreise verließen sie den Bus. Der erste Eindruck, den ihr Hotel machte, haute sie nicht gerade vom Hocker. Es war ein sehr altes zweistöckiges Gebäude, welches direkt an der Hauptverkehrsstraße lag. Direkt vor dem Hotel stand ein großer Würfel, ein Bauwerk, einem Container nicht unähnlich. Es handelte sich um eine Trafostation, wie sie später erfuhren, und später sollte nachts das Brummen des Transformators schon ein wenig ihren Schlaf stören.

Das Einchecken im Hotel ging reibungslos über die Bühne, wenn auch nicht mit europäischer Schnelligkeit. Ein Boy nahm ihnen ihre Koffer ab und ein sehr gut deutsch sprechender Hotelmanager nahm sie gleich in Beschlag, so dass sie zunächst gar nicht dazu kamen, sich im Hotel etwas umzusehen. Er stellte sich vor, aber auch seinen Namen konnten sie sich nicht merken.

„Lasst eure Koffer hier,“ forderte er sie auf, „und kommt erst mal mit. Ihr müsst hungrig sein.

Sie folgten ihm durch den hinteren Ausgang des Hotels, obwohl sie gar nicht hungrig, aber sehr erschöpft waren, und gingen mit ihm durch die Außenanlagen am Pool vorbei zu einer Art überdachter, ansonsten aber offenen Halle. Hier war ein großes Buffet aufgebaut mit exotischen Speisen. Es waren aber wahrscheinlich die Reste des Mittagessens. Hennes fragte den Hotelmanager:

„Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt? Sie sprechen ja ein fast akzentfreies Deutsch.“

„Ich war lange in Deutschland. Ich habe die Hotelfachschule in Düsseldorf besucht.“

Der Manager ging zum Buffet und suchte für sie beide etwas zu essen zusammen. Sie aßen ein wenig, obwohl die angebotenen Speisen sie nicht gerade begeisterten, und unterhielten sich mit dem Manager. Später kam ein Hotel-Boy, der sie in ihr Zimmer im ersten Stock führte. Das Hotel war ein Drei-Sterne-Hotel, Landeskategorie Sri Lanka, natürlich. Das Zimmer war schön, das Zimmer und das ganze Gebäude hatten den Charme des neunzehnten Jahrhunderts und so war auch ihr Zimmer eingerichtet. Auf den weißen Kopfkissen ihrer verschnörkelten schwarzen Betten, die vermutlich auch uralt waren, lagen zur Begrüßung rosafarbene Blütenblätter, ansprechend und schön drapiert, und da lagen kleine Schokoladen und auf einem Tischchen lag Räucherzeug, welches dazu dienen sollte, Moskitos zu vertreiben; ein Moskitonetz war natürlich auch vorhanden. Das Bad war überraschend groß, es war schwarz gekachelt und es hatte moderne Armaturen und es machte einen richtig starken und guten Eindruck auf sie.

„Boa, ey,“ sagte Hennes überrascht, „sieh dir das mal an, Lisa Marie! Und das ist nur ein Drei-Sterne-Hotel! Respekt! Das habe ich nicht erwartet.“ Sie waren beide total begeistert.

Das war ihr erster Eindruck.

 

Am späten Nachmittag dieses ersten Tages machten sie ihren ersten Strandbesuch, nachdem sie sich umgezogen und sommerliche Kleidung angezogen hatten, T-Shirts und Shorts. In freudiger Erwartung gingen sie zur Meerseite aus dem Hotel hinaus und hinein in die mit großen und dunklen Palmen bewachsene Gartenanlage, die sie schon kurz nach ihrer Ankunft gesehen hatten, als der Hotelmanager sie zum Essen führte. Hier lag auch der eher bescheidene Pool und auch die ganze Außenanlage dieses Hotels machte einen ziemlich dürftigen und anspruchslosen, um nicht zu sagen, leicht vernachlässigten und verwilderten Eindruck. Der Rasen war eher eine Wiese als ein Rasen. Die Außenanlagen sahen tatsächlich etwas schlampig und ungepflegt aus. Ein primitiver Zaun aus einfachen Holzlatten trennte den hinteren Bereich der Außenanlagen des Hotels, die nur wegen der vielen und großen Palmen schön waren, von dem phantastischen und breiten und palmengesäumten Sandstrand. Der Strand beeindruckte beide gewaltig, er war wirklich über jede Kritik erhaben.

Es gab kaum Fußspuren im Sand, Lisa Marie und Hennes sahen auch keine Touristen am Strand, sie sahen überhaupt keine Menschenseele. Es war ein völlig einsamer Sandstrand und ein völlig einsames Meeresgestade, trotz der Nähe ihres Hotels.

Die Mittagshitze hatte längst nachgelassen, aber es war noch immer sehr warm. Die Erfahrung lag noch vor ihnen, dass es auch nachts nicht unter 25 Grad abkühlte. Das weite Meer, der Indische Ozean, lag ruhig vor ihnen, es hatte eine blau-grün schillernde Farbe und es gab kaum Wellen, da unmittelbar von dem Hotel ein Korallenriff im Meer war, an dem sich die Wellen des Ozeans brachen und das auch die grünliche Farbe verursachte. Ganz leise und sanft nur plätscherten kleine Wellen an den Strand.

„Wahrscheinlich sind wegen der Korallen keine Touristen hier,“ sagte Hennes, „denn wegen der Korallen muss man zum Baden wohl Badeschuhe tragen, wenn man sich nicht die Füße an ihnen zerstechen oder zerkratzen will.“

Etwas weiter südlich änderte sich das total, hier hatte das Meer seine grüne Farbe verloren, hier war es tiefblau und es rollten beeindruckende Wellen mit lautem Rauschen und Donnern an den Strand und weiße Schaumkronen zeigten, wo sich in der Brandung die Wellen brachen.

Tief im Westen versank gerade die Sonne in einer blutroten Farbenpracht im Meer, schickte ihre letzten goldenen Strahlen zu ihnen herüber und tauchte den Horizont über dem Meer in eine glänzende und beeindruckende rot-violette Farbenfülle. Obwohl die Sonne ihre Kraft verloren hatte, war es noch immer sehr warm. Am liebsten wäre Hennes direkt mal eben ins Meer gesprungen, aber dafür war es wohl schon zu spät und er fühlte sich ja auch ziemlich zerschlagen nach diesem langen Tag, der doch sehr anstrengend gewesen ist und sie waren beide wegen der langen Anreise auch nicht mehr besonders unternehmungslustig. So ließ er es sein.

Außerdem war es fast Zeit für das Abendessen.

 

Deshalb gingen sie zurück zu ihrem Hotel und setzten sich an die Poolbar, die leider genauso primitiv war, wie die gesamte Außenanlage. Eigentlich war sie nichts anderes als ein strohgedeckter Unterstand, der nur zur Poolseite hin offen war. Genau genommen waren die Wände nicht massiv und genau genommen bestanden das Dach und die Wände aus rohen Holzbalken und trockenen Palmwedeln. Hinter einer niedrigen Theke aus roh behauenem Holz, an der ein paar vereinzelte Barhocker aus weißem Plastik standen, warteten zwei einheimische Barkeeper auf Gäste.

Viel hatten sie nicht zu tun, viel Betrieb gab es hier nicht.

Lisa Marie und Hennes setzten sich an einen der kleinen Plastiktische, die auf dem Rasen (oder der Wiese) vor der Bar standen und blickten sich um. An Leinen, die jeweils zwischen zwei Palmen gespannt waren, hing Wäsche, bunte Wäsche, weiße Wäsche, hingen kleine Wäschestücke, hingen Hemden, T-Shirts, Hosen.

„Wieso hängt denn hier Wäsche in den Außenanlagen eines Hotels?“ fragte Lisa Marie Hennes erstaunt und etwas verwirrt. Eine Antwort bekam sie nicht, denn plötzlich lief eine fünfzig oder sechzig Zentimeter lange Echse über den Rasen und Lisa Marie, die sowieso etwas ängstlich war, schrie erschreckt kurz auf; die Echse flitzte am Pool vorbei und verschwand in einer Gartenmauer.

„Ein Waran,“ sagte jemand vom Nebentisch, „der tut nichts. So etwas sieht man hier öfter.“

Hennes bestellte ein Bier für sich und eine Cola für Lisa Marie, die Bier nicht mochte, und sah zu, wie ein Barkeeper ein kleines Glas mit Cola aus einer Flasche füllte und der zweite Barkeeper Bier aus Flaschen in ein Bierglas goss. Es standen einige Bierflaschen auf dem Tresen, die geöffnet waren und die halb voll waren oder in denen sich Reste befanden. Sie standen auf dem Tresen, der eigentlich kein Tresen, sondern eher ein rustikaler Tisch war, fast so rustikal wie eine grobe Werkbank, und nicht in einer Kühlung! Und die Boys kippten tatsächlich unterschiedliche Biersorten zusammen! Warmes Bier und unterschiedliche Sorten! Kann man sich so etwas vorstellen? Igitt! Sie kippten sogar helles Bier und dunkles Bier durcheinander! Hennes schüttelte sich, als er das sah, so kann man doch sein Bier nicht genießen!

Deshalb bestellte er gleich noch zwei Arrak dazu.

Arrak und Bier schmeckten ihm trotzdem.

Mit dem Paar am Nebentisch kamen sie schnell ins Gespräch.

„Ich habe gerade gedacht, ich sehe nicht richtig,“ regte Hennes sich ein wenig auf, „verschiedene Biersorten zusammen zu schütten! Eklig! Das geht ja gar nicht!“

„Daran gewöhnt man sich“, sagte sein Gegenüber, der den Waran erkannt hatte und der Heinz hieß, gelassen, er war mit seiner Frau Maria schon seit einer Woche in Hikkaduwa. „Da gibt es Schlimmeres. Wartet es nur ab! Ihr werdet es ja sehen.“

„Was denn, zum Beispiel?“ Hennes war aufmerksam geworden, wachsam. Nachdem er gesehen hatte, wie die Poolbar aussieht und wie hier Bier eingegossen wird und in welch vernachlässigtem Zustand die ganzen Außenanlagen waren, ahnte er bereits, dass der erste positive Eindruck, den sie vom Hotel hatten, trügerisch sein konnte.

„Na, habt ihr hier draußen schon mal eine Toilette gesehen? Nein? Habt ihr nicht? Die gibt es hier auch nicht! Wenn ihr müsst, müsst ihr schon ins Haus gehen. Aber ihr werdet nicht sehen, dass die Boys auch ins Haus gehen.“

„Was willst du damit sagen?“ fragte Hennes, aufmerksam geworden.

„Na was wohl? Achtet mal darauf, hin und wieder geht mal einer der Jungs, die hier bedienen, kurz hinter die Hütte, in die Büsche hinter der Bar. Wozu wohl, was meinst du?“

„Ach du Scheiße!“ Hennes erschrak leicht, aber trotzdem belustigt, über den doppelten Sinn dieses Ausdrucks, den er gebraucht hatte, „du meinst doch nicht, die pinkeln da an einen Baum?“

„Ja sicher! Und ob! Was suchen sie denn sonst hinter der Hütte? Und ich hoffe nicht, dass sie da auch ihr großes Geschäft erledigen.“

Hennes störte dieses Thema, er wollte sich nicht über an Bäume pinkelnde Männer unterhalten und er bezweifelte auch, was dieser Heinz da von sich gab, deshalb sagte er, um das Thema zu wechseln:

„Ich habe den Eindruck, dass hier alle Menschen ganz schön verhungert aussehen. Die Menschen, die wir bisher gesehen haben, schienen mir alle sehr klein und irpsig zu sein und extrem schmächtig. Wie richtige Schmachtlappen. Hungerleider. Arme Teufel.“

„Tja,“ entgegnete Heinz, „das sind schon ganz arme Schweine. Vor ein paar Tagen hat mir ein anderer Gast erzählt, dass das Hotelpersonal sogar draußen schlafen muss, kannst du dir das vorstellen? Es gibt da hinter dem Haus eine Hütte, eigentlich ist es gar keine Hütte, sondern nur ein Dach, das da an eine Hauswand angelehnt ist und das vorne nur auf zwei Pfosten ruht. Die drei anderen Seiten sind offen. Da sollen die angeblich schlafen!“

„Nee,“ riefen Lisa Marie und Hennes fast gleichzeitig und Hennes ergänzte: „Das glaube ich dann doch nicht. Oder vielleicht, dass Männer, die für die Außenanlagen verantwortlich sind, da schon mal ein Mittagschläfchen halten, Siesta, sozusagen. Das vielleicht, das kann ich mir noch vorstellen, aber ich glaube nicht, dass das Hotelpersonal hier draußen übernachten muss.“ Dabei bezweifelte Hennes es sogar, dass es hier mehrere Männer geben könnte, die die Aufgabe hatten, sich um die Außenanlagen zu kümmern, denn dann hätten die gepflegter aussehen müssen.

„Okay,“ lenkte Heinz schnell ein, „wahrscheinlich ist das nur ein Gerücht, wahrscheinlich ist es nur dummes Gerede.“

„Trotzdem,“ warf nun seine Frau Maria ein, eine deutsche Touristin, die aus Rumänien stammte und die sehr stark das ,R’ rollte, „es gibt hier Dinge, die glaubt ihr einfach nicht. Euch sind doch bestimmt schon Bettler aufgefallen? Vielleicht sogar schon verkrüppelte kleine, bettelnde Mädchen? Gebt denen nichts, gebt denen bloß nichts! Hier werden Kinder, wenn sie noch ganz klein sind, von ihren Eltern verkrüppelt. Ihnen werden zum Beispiel die Beine gebrochen und nach hinten gedreht. Die gebrochenen Knochen wachsen dann völlig falsch wieder zusammen und die Kinder können nie mehr laufen lernen! Das machen die Eltern, damit die Touristen Mitleid mit den Kindern haben und diese beim Betteln möglichst großen Erfolg haben! So müssen diese kleinen verkrüppelten Kinder durch ihre Bettelei helfen, die Familie zu ernähren! Sie können ihr Leben lang nie laufen! Sie sitzen irgendwo am Straßenrand und statt zu laufen, bewegen sie sich rutschend vorwärts, nur durch ihre Hände vorwärts gezogen! Oft sitzen sie auf einfachen Matten, auf denen sie sich rutschend vorwärts bewegen. Andere haben die Arme verdreht oder was sonst noch Schlimmes mit ihnen gemacht wurde. Grausam! Barbarisch! Extrem grausam! Wenn ich diese armen Kinder sehe, könnte ich weinen.“

Tu’s doch! dachte Hennes, innerlich etwas entrüstet, denn diese Alte ging ihm schon jetzt auf den Keks! Maria, die sich in ihrer Rolle als Erzählerin zu gefallen schien, ergänzte:

„Ich gebe hier auch kein Trinkgeld! Wir waren voriges Jahr schon einmal hier und kennen die Armut hier. Ich habe von zu Hause einen kleinen Karton mit Kugelschreibern mitgebracht, mit ganz einfachen und billigen Kugelschreibern, die werden mir hier fast aus der Hand gerissen! Und Plüschtiere für die Kinder der Kellner, Strumpfhosen für deren Frauen und vor allen Dingen: Zahnpasta! Ihr glaubt nicht, wie die sich freuen, wenn ich ihnen eine Tube Zahnpasta gebe!“

Lisa Marie und Hennes ist schnell die Lust vergangen, sich mit diesem Paar zu unterhalten.

„Ich mag die nicht! Es mag ja sein“, sagte Lisa Marie später zum Hennes, „dass da was dran ist. Aber so pauschal, wie die das erzählt haben, das glaube ich einfach nicht! Kinder absichtlich verkrüppeln? Doch heutzutage nicht mehr?! Wir sind zwar hier in Sri Lanka, aber doch nicht im Mittelalter! Am Baum pinkeln, das kann ich vielleicht noch glauben, aber draußen schlafen? Nee, nicht jetzt, jetzt ist doch in Sri Lanka Regenzeit, oder? Jetzt gibt es doch häufig Regenschauer, oder nicht?“

„Du hast Recht,“ meinte Hennes, „außerdem haben wir Urlaub! Wir sind nicht als Entwicklungshelfer hier und ändern können wir in den zwei Wochen auch nichts. Übrigens: Die Maria kam mir schon wie eine arrogante neureiche Tussie vor. Wahrscheinlich war die in Rumänien selbst noch ein ganz armes Luder, wahrscheinlich hat sie ihren Heinz als Touristen kennengelernt und hat ihn sich gleich geangelt, hat ihn gleich in ihr Bett gezogen und ihn nicht mehr losgelassen und jetzt lebt sie im Goldenen Westen wie die Made im Speck und meint über andere stänkern zu müssen.“

Trotzdem waren beide einigermaßen geschockt. Ihre anfängliche Begeisterung für Sri Lanka hatte einen erheblichen Dämpfer bekommen. Dazu trugen natürlich auch die primitive Poolbar und der primitive Pool und die ganze primitive Außenanlage bei und auch die Bierpanscherei. Und tatsächlich hatten Hennes und Lisa Marie schon schlimm verkrüppelte kleine Mädchen gesehen!

 

„Aber Regenzeit ist jetzt nicht. Regenzeit ist ungefähr im Mai oder Juni und dann wieder im Oktober. Trotzdem sind hier Regenschauer gar nicht selten, da hast du sicher Recht.“

 

Nach dem Abendessen wollten sie früh schlafen gehen, denn der Tag war schon sehr anstrengend gewesen. Einen Speisesaal innerhalb dieses Hotels gab es nicht – oder wenn doch, dann haben sie ihn während ihres ganzen Urlaubs aber nie gesehen. Die Mahlzeiten wurden allesamt beinahe im Freien eingenommen, auch abends, denn auch die Nächte waren immer warm. Essen gab es in der Gartenanlage in der sehr großen massiven Hütte mit offenen Seitenwänden, in die sie der Hotelmanager direkt nach ihrer Ankunft geführt hatte. Das Dach dieser Hütte war aus Palmwedeln und schützte vor Regenschauer, ein etwas erhöhter Boden aus dicken Holzbohlen verhinderte, dass man bei einem tropischen Regenguss im Schlamm oder im nassen Gras stehen oder sitzen musste. Halbhohe Wände fassten diesen Essbereich ein, über die man zur einen Seite in die Außenanlagen des Hotels mit dem Pool und der Poolbar und über die man zur anderen Seite auf das Riff und auf das offene Meer hinaus sehen konnte. Dieser „Speisesaal im Freien“ wirkte schon etwas primitiv, war aber dennoch rustikal und zünftig und romantisch.

Das Abendessen begeisterte sie auch nicht. Es gab Reis, weißen Reis, roten Reis, gelben Reis, grünen Reis, jedenfalls Reis, Reis in allen Farben und in allen möglichen Variationen, es gab Fisch, verschiedene Fischgerichte, es gab auch Fleisch, aber, so wie das aussah, war es nichts für Lisa Marie und auch Hennes hielt sich ziemlich zurück. Das Auge isst ja auch mit und die Fleischgerichte sahen nicht besonders appetitlich aus und auch nicht wirklich gut. Es gab Gemüse, das sie nicht kannten, Obst, dem sie nicht trauten; war es ausreichend gewaschen worden? Das Essen war sehr scharf und in den nächsten Tagen stellten sie fest, dass es täglich gleich war, mittags und abends. Und immer gab es Reis, Reis in allen Varianten und in allen Farben. Immer war das Essen extrem scharf gewürzt. Brot gab es nicht, jedenfalls kein Brot, wie sie es kannten, höchstens Toast. Kartoffeln gab es nicht und auch Nudeln gab es nicht. Aber Reis, Reis, Reis und nochmals Reis.

Eine hübsche in einem türkisfarbigen bodenlangen Sari gekleidete Einheimische ging, mit einem ständigen asiatischen Lächeln im Gesicht, mit einer Teekanne umher und füllte Teetassen nach. Es war ein Bild wie aus Tausend und einer Nacht, zumal dieser Speisesaal von bunten Lampen und Lampions in ein romantisches Licht gehüllt war. Allerdings trug diese Schöne diesen Sari täglich, und täglich wurde dieser Sari fleckiger und sie trug ihn trotzdem täglich, vierzehn Tage lang. Nachdem der erste Eindruck etwas verblasst war, war auch diese hübsche Einheimische so hübsch nicht mehr und ihr Lächeln wirkte in ihrem stark geschminkten Gesicht nun wie zementiert.

„Wer weiß, wie lange sie diesen Sari schon trägt, seit er das letzte Mal gewaschen wurde“, unkte Lisa Marie.

„Nun sei mal nicht kleinlich,“ beschwichtigte Hennes sie, „schließlich sind wir hier in Ost-Asien und nicht in Deutschland, da nimmt man es scheinbar mit der Reinheit nicht gar so genau! Die Hauptsache ist doch, dass unser Zimmer und auch das Bad sauber sind und darüber können wir doch wirklich nicht meckern, oder?“

„Nein. Du hast Recht. Aber das Essen ist jedenfalls die beste Diät für uns,“ erklärte Lisa Marie, „zunehmen werden wir hier bestimmt nicht!“ Dabei hatten beide eine Diät überhaupt nicht nötig, denn beide waren gertenschlank und hatten keinen Grund, auf ihre Figur zu achten.

 

Nach dem Abendessen gingen sie auf einen kurzen Spaziergang durch den vorderen Haupteingang zum Hotel hinaus auf die Straße. Es war die Hauptverkehrsstraße, die Galle-Road. Es war sehr dunkel, Straßenlaternen gab es hier nicht, und Lisa Marie wurde es etwas bange; auch Hennes bewegte sich ziemlich vorsichtig. Seitlich der Galle-Road lagen offene Abzugsrinnen, Kühe lagen am Rand der Straßen, Kühe, die viel kleiner waren als europäische Kühe, und sie mussten aufpassen, dass sie in der Dunkelheit nicht versehentlich drauf treten, dass sie nicht versehentlich auf die Kühe treten oder auch nur auf einen Kuhschwanz.

Kühe gelten in Sri Lanka nicht als heilig wie die Kühe in Indien, aber tatsächlich werden sie respektiert und geachtet. Im Buddhismus heißt es auch, alle Tiere sind Lebewesen und alle Lebewesen sind heilig und verdienen Respekt. Kein Tier darf unnötig zu Schaden kommen. Darum trieb niemand die Kühe weg von der Straße und sie, die Kühe, kannten es, dass man sie in Ruhe ließ, deshalb blieben sie stoisch liegen, wo sie gerade lagen und ließen sich durch nichts und niemanden stören.

Die Straße war auch jetzt in der Dunkelheit noch eine regelrechte Rennstrecke. Weiß angestrichene Bordsteine waren als Mittellinie mitten auf die Straße gestellt, ein rasender Verkehr in beiden Richtungen sorgte dafür, dass sich Lisa Marie und Hennes äußerst vorsichtig verhielten. Der Verkehrslärm, Straßenlärm, Motorengeräusche und Gehupe, war beachtlich. Donnernde LKW-Motoren, die dicken schwarzen Qualm ausstießen. An mehreren Stellen war die Trennlinie aus Bordsteinen beschädigt, es war erkennbar, dass Fahrzeuge dagegen gekracht sein müssen und die Beschädigungen waren nicht beseitigt worden. Auch den Linksverkehr empfanden sie in diesem Chaos als irritierend.

Sie trauten sich an diesem ersten Abend in der Dunkelheit nicht weit zu gehen. Sie sahen LKWs und Busse, teilweise mit Holzaufbauten, sogar die Fahrerkabinen waren manchmal aus Holz und ihre Motoren machten einen infernalischen Lärm und viele stießen fettig-schwarzen Rauch aus. An der Straße standen primitive Holzhäuser oder Hütten, aus Lehm und Stroh gebaut, Läden, Trinkhallen, Shops, ...

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