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Lust kennt kein Tabu

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„Wow, was ich da höre, glaube ich einfach nicht. Du servierst mich heute Abend ab? Wegen eines Kerls?“

Zienna Thomas hörte, dass ihre Freundin Alexis lächelte, während sie sprach. Nun fühlte sie sich nicht mehr ganz so schuldig, weil sie das geplante Dinner in letzter Minute absagen musste.

„Tut mir leid.“ Seit sie Mitte zwanzig gewesen war, hatte sie keine einzige Freundin mehr wegen eines Mannes versetzt. „Aber Nicholas hat gesagt, heute Abend müsste er mich wirklich sehen. Jetzt bin ich schon auf dem Weg zum Treffpunkt. Es geht um das beste Essen für sein neues Restaurant. Das soll ich kosten, bevor er seine Inspiration verliert. Du kennst Nicholas. Wenn er sich aufregt, verhält er sich wie ein bissiger Hund, der seinen Knochen verteidigt. Also darf ich ihn nicht im Stich lassen.“

„Vielleicht nicht. Allerdings hättest du ihm erklären können, dass auch deine beste Freundin mit ausgezeichneten Geschmacksknospen auf der Zunge geboren wurde …“

„Ja, sicher“, stimmte Zienna zu. „Aber er will sein neues Restaurant vor der großen Eröffnung testen, und dabei soll ihm nur eine einzige Person helfen …“

„Schon gut, ich wollte dich nur ein bisschen ärgern“, fiel Alexis ihr ins Wort. „Ich weiß, wie Nicholas ist. Wenn er drauf besteht, dass nur du seine neuen kulinarischen Kreationen probierst, wäre er stinksauer, wenn ich auftauchen und ebenfalls einen vollen Teller verlangen würde.“

„Da hast du recht.“ Grinsend dachte Zienna an Nicholas’ Launen. Was seine Geschäfte anging, befolgte er strenge Regeln. Seit fünf Monaten waren sie zusammen, und er hatte sofort entschieden, sie müsste alle seine neuen Speisen beurteilen, bevor er sie der Öffentlichkeit präsentierte. Für ihn zählte nur ihre Meinung – er wollte keine andere hören. „Außerdem“, fuhr sie fort, „ich habe so ein komisches Gefühl …“ Ihre Stimme erstarb. Plötzlich fand sie den Gedanken albern.

„Was für ein Gefühl?“, fragte Alexis.

„Also, ich weiß nicht recht … Die Art, wie er betont hat, ich müsse ihn heute treffen, nicht morgen … Und vor ein paar Tagen erwähnte er, dass sein bester Freund in die Stadt zurückkommen würde. Keine Ahnung, warum – jedenfalls wäre ich nicht überrascht, wenn er mich heute mit ihm bekannt machen würde.“

„Wow, dann wird’s ernst!“, jubelte Alexis.

„Wohl kaum.“ Zienna spürte ein Kribbeln im Bauch. „Oder vielleicht doch? Aber er will mich ja nicht seinen Eltern vorstellen.“

„Sein bester Freund ist genauso wichtig. Offenbar mag er dich.“

„Und ich ihn“, seufzte Zienna. Ihr Herz schlug höher.

„Das habe ich gut gemacht, nicht wahr?“

Zienna konnte sich das breite Lächeln ihrer Freundin vorstellen. „Oh ja.“ Alexis hatte Nicholas in seinem Restaurant kennengelernt und beschlossen, ihn mit Zienna zu verkuppeln.“ Anscheinend läuft’s besser, als ich’s erwartet habe.“

„Amüsiere dich mit deinem Liebsten. Natürlich verzeihe ich dir, dass du mir einen Korb gibst. Sorg dich nicht um mich, ich werde einfach einsam auf meiner Couch dahinsiechen …“

„Sieh’s doch positiv. Du solltest dir endlich die letzte Staffel von ‘Criminal Minds’ anschauen.“

„Autsch. Kennst du denn gar kein Mitleid?“

„Es gibt Schlimmeres, als einen Abend mit Shemar Moore zu verbringen.“

„Stimmt. Könnte ich ihn doch bloß nach Chicago holen, damit er mein gebrochenes Herz kittet …“

Zienna schwieg, während sie ihr Auto auf den Parkplatz von Reflections on the Bay steuerte, dem Restaurant, das ihr Freund demnächst eröffnen würde.

Vor Kurzem war Alexis’ Beziehung nach zwei Jahren zu Ende gegangen. Aber sie hatte die Verlobung gelöst und Elliotts Herz gebrochen. Er sei zwar toll, hatte sie behauptet, aber irgendwas habe in der Beziehung gefehlt. Die Verlobung habe ihr klargemacht, sie dürfe sich nicht mit einem Mann begnügen, der nur gerade gut genug für sie war.

„Hör mal, Alex, jetzt bin ich beim Restaurant angekommen. Ich rufe dich später wieder an, okay?“

„Ja, natürlich.“ Hastig fügte Alexis hinzu: „Hey, wenn Nicholas’ Freund aufkreuzt und sexy ist, gib ihm meine Nummer.“

„Sicher.“ Zienna lachte. „Wolltest du nicht auf dem Sofa dahinsiechen?“

„Du solltest mich eigentlich ermutigen, mit einem Fremden ins Bett zu hüpfen, um meinen Liebeskummer zu überwinden!“

„Bis später, Alex.“

„Dann musst du mir alles erzählen!“

Kopfschüttelnd beendete Zienna das Telefonat. Die ganze Zeit hatte Alexis verkündet, sie würde sich nach einem neuen Typ umsehen. Schon bevor sie Elliott den Laufpass gegeben hatte. Nach einer ernsthaften zweijährigen Beziehung hatte sie, anders als viele Frauen in einer so stabilen Liaison, einen Antrag von ihm bekommen. Und sobald sie verlobt gewesen war, hatte sie sich um hundertachtzig Grad gedreht und erklärt, Elliott sei zu seriös, zu berechenbar – und deshalb sterbenslangweilig. Niemals könnte sie so einen Mann heiraten!

Obwohl Zienna glaubte, ihre Freundin hätte nicht mit Elliott Schluss machen sollen, verstand sie diese Gefühle. Vor einiger Zeit war sie selber ganz verrückt nach einem irre heißen Typ gewesen. Aber Wendell hatte nicht heiraten wollen – niemals – und vor vier Jahren das Weite gesucht. Danach hatte sie erkannt, dass ein Teil des Reizes ihrer Beziehung das Streben gewesen war, ihn dauerhaft für sich zu gewinnen. Nie hatte er ihr sein Herz rückhaltlos geschenkt und sie dadurch auf raffinierte Weise bei der Stange gehalten. Ständig musste sie um seine Zeit und seine Aufmerksamkeit kämpfen. Und der Lohn – superheißer Sex – war die Mühe wert gewesen. Seine langweiligen Nachfolger hatten sie nie herausgefordert. Ganz zu schweigen von ihren mangelhaften Leistungen im Schlafzimmer.

Schließlich hatte sie Nicholas kennengelernt, einen wundervollen Mann. Von Anfang an hatte er keinen Zweifel an seinem Interesse gelassen und sie demzufolge nicht herausgefordert. Trotzdem langweilte sie sich nicht mit ihm. Vielleicht war sie inzwischen erwachsen geworden und wusste einen Mann zu schätzen, der ihr sein Herz auf dem Präsentierteller servierte, anstatt Spielchen mit ihr zu treiben.

Spielchen, die nur unnötig wehtaten.

Zienna war scharf auf Wendell gewesen, aber letztlich hatte er sie unglücklich gemacht. Was sie nicht daran gehindert hatte, jahrelang auf seine Rückkehr zu hoffen und sich auszumalen, eines Tages würde er vor ihrer Tür auftauchen und gestehen, er hätte sie nicht verlassen dürfen … Einfach idiotisch!

Zum Glück bin ich jetzt älter und klüger. Jetzt, wo sie Mitte dreißig war und eindeutig viel reifer, sah sie ein, dass es keine echte Beziehung gewesen war, was sie mit Wendell verbunden hatte. Oh ja, er hatte sie mit seinen Liebeskünsten verwöhnt, die Sehnsucht nach immer neuen Genüssen geweckt, aber niemals ein Morgen versprochen. Und sie war dumm genug gewesen, sich einzubilden, der fantastische Sex würde bedeuten, dass er sie liebte.

Man behauptet, die Zeit würde alle Wunden heilen. Letztes Jahr hatte Zienna endlich ihre restlichen Gefühle für Wendell begraben. Die waren der Grund ihres Desinteresses an den anderen Männern gewesen, mit denen sie sich eingelassen hatte. Ihr Herz hatte immer noch jemandem gehört, der keinen Wert darauf legte.

Weil Wendell nur mehr ein Teil ihrer Vergangenheit war, konnte sie ihr Herz einem neuen Mann schenken – Nicholas. Obwohl sie sich erst seit fünf Monaten kannten, liebte sie ihn.

Und das fühlte sich gut an.

Sie klappte die Sonnenblende des Autos herunter, um sich mit einem Blick in den Spiegel zu vergewissern, dass sie immer noch präsentabel aussah.

Im Norden von Chicago gelegen, nahe dem Belmont Yacht Club, war das Reflections on the Bay das Schwesternlokal des Reflections, eines Restaurants, das Nicholas seit acht Jahren betrieb. Er hatte sich ein Etablissement mit Aussicht auf den Lake Michigan gewünscht und überglücklich zugeschlagen, als das Anwesen zum Verkauf stand. Im Gegensatz zu seinem Lokal im Theater District beim Loop gehörte ein Parkplatz für die Gäste dazu – ein zusätzlicher Vorteil.

Zufrieden mit ihrem Aussehen, stieg Zienna aus dem Wagen und wandte sich zum See, der an diesem Frühlingsabend einen spektakulären Anblick bot. Auf sanften Wellen tanzten Mondstrahlen. Die Tische für die Terrasse waren bereits geliefert worden. Zweifellos würden viele Gäste im Sommer lieber draußen sitzen.

Zienna schaute sich lächelnd um. Sicher würde das neue Restaurant zahlreiche Leute anlocken. So wie beim Schwesternlokal, leuchtete der Name orangerot über dem Eingang. Schon in zwei Wochen, am vierten Mai, sollte das Reflections on the Bay eröffnet werden. Darauf war sie genauso stolz wie Nicholas.

Außer ihrem Auto stand nur seines auf dem Parkplatz. Also war ihre Vermutung, er würde ihr an diesem Abend seinen Freund vorstellen, falsch gewesen.

Sie betrat das Restaurant. Anders als im Reflections, wo die gedämpfte Beleuchtung eine intime Atmosphäre erzeugte, brannte hier helles Licht. Das Dekor glich der Einrichtung von Nicholas’ erstem Lokal, mit Ausnahme einiger Lampen und gerahmter Fotos an den Wänden. Hier und im zweiten Etablissement reflektierten die Schwarz-Weiß-Aufnahmen Momente aus der Geschichte Chicagos – daher der Name.

„Hallo?“, rief Zienna. Das köstliche Aroma eines Fischgerichts stieg ihr in die Nase, und prompt knurrte ihr Magen. Wahrscheinlich würde sie Nicholas in der Küche antreffen. Sie konnte es kaum erwarten, seine neuen Speisen zu kosten.

Auf dem Weg durch die geräumige Bar erinnerte sie sich an ihren ersten Besuch im Reflections. Vor fünf Monaten hatte Nicholas sie dorthin eingeladen und ihr das volle romantische Luxusprogramm geboten. Nur sie beide saßen in seinem Restaurant. Gedämpftes Licht, flackernde Kerzen auf dem Tisch – und aus dem Lautsprecher drang leise Musik. Es war ein traumhaftes Date gewesen. Damals hatte Zienna sofort die Vorteile einer Beziehung zu einem erstklassigen Koch erkannt.

„Darling?“, fragte sie.

In diesem Moment kam er aus der Küche, ihre Blicke trafen sich. Sobald sie ihn sah, wurde ihr heiß. In seiner schwarzen Hose und seinem weißen, am Kragen geöffneten Hemd wirkte er unglaublich sexy.

Bei Ziennas Anblick strahlte er über sein ganzes attraktives Gesicht. Bei diesem ungekünstelten Lächeln, das seine Augen leuchten ließ, schmolzen alle Frauen dahin.

Und Zienna war eine Frau.

Sie liebte seinen schlanken, muskulösen Körper, seinen knackigen Hintern. Wenn er kein Hemd trug, war die goldbraune Haut seiner Brust makellos, bis auf ein dunkles, kreisrundes Muttermal direkt über dem Herzen. Mit seinem Waschbrettbauch und dem Sixpack könnte er das Titelblatt eines Sportmagazins zieren. Im College hatte er Football und Basketball gespielt, was man heute noch an seiner athletischen Figur erkennen konnte.

Zienna hatte ein College-Foto von ihm gesehen, das ihn mit langen Dreadlocks zeigte. Mit dieser Frisur konnte sie sich Nicholas nicht mehr vorstellen. Sein Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht glatt rasiert. Diesen Look zog er jetzt vor, denn er meinte, damit würde er professioneller erscheinen.

„Da bist du ja“, sagte sie,

„Wow!“ Anerkennend musterte er sie von oben bis unten. „Du siehst umwerfend aus!“

„Ach, dieser alte Fetzen“, witzelte sie. Natürlich wusste sie, wie elegant sie in ihrem schwarzen Etuikleid und den Riemchensandalen mit den Zwölf-Zentimeter-Absätzen wirkte.

„Eigentlich solltest du in einem Outfit herkommen, das ich dir nicht sofort vom Leib reißen will …“

Als er sie umarmte, kicherte sie. „Nun, ich wollte nur ein bisschen Eindruck schinden. Und es wäre unsinnig, wenn wir uns schon jetzt wie ein altes Ehepaar aufführen.“

„Ich beklage mich ja gar nicht“, erwiderte er und ließ sie los. „Verdammt, Süße, dieses Kleid klebt ja wie eine zweite Haut an dir.“ Lächelnd bewunderte er ihr üppiges Dekolleté.

„Schau mich nicht so an“, warnte sie ihn mit sanfter Stimme. „Es sei denn, du willst dieses Lokal noch einmal einweihen.“ Genau das hatte sie erhofft, als sie in dieses Kleid geschlüpft war. Sie neigte sich zu ihm. „Weil du selber zum Anbeißen aussiehst. Schon immer hab ich für Jungs geschwärmt, die sich schick anziehen. Noch dazu mit Schürze …“

Die war tatsächlich verführerisch, denn sie wies auf Nicholas’ phänomenale Kochkunst hin. Schon oft hatte er Ziennas Gaumen mit köstlichen Vorspeisen und sensationellen Desserts verwöhnt.

„Heute Abend gibt’s keine weitere Einweihung“, erklärte er und umfasste ihre Schultern.

„Nein?“ Sie zog einen Schmollmund. Das erste Mal hatten sie das neue Restaurant auf dem Küchentisch eingeweiht und danach übereinstimmend festgestellt, eine der Nischen wäre günstiger, vor allem bequemer gewesen. „Kann ich dich wirklich nicht zu der Nische da hinten in der Ecke locken?“

„Tut mir leid, heute nicht. Weil du nicht nur meine neuesten Speisen testen, sondern auch jemanden kennenlernen sollst.“

„Oh?“ Neugierig schaute sie sich um.

„Ich habe ihm gesagt, er soll um acht hier ein. Aber vor zwanzig Minuten rief er an. Er wird sich um eine Viertelstunde verspäten. Also müsste er jeden Moment hereinkommen.“

„So verdirbt man einem Mädchen die Vorfreude.“ Seufzend verschränkte sie die Arme vor der Brust.“ Und ich hatte ganz fest mit der zweiten Nummer gerechnet.“ Der Liebesakt in der Küche war aufregend gewesen. Manchmal wünschte sie, Nicholas wäre etwas spontaner, wenn es um Sex ging.

„Verschieben wir’s?“

„Klar.“ Eine kurze Pause. „Wenigstens habe ich noch dafür Zeit.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, und er umschlang ihre Taille. Dann fanden sich ihre Lippen.

Viel zu früh läutete die Türglocke. Zienna riss sich hastig von Nicholas los und unterdrückte ein Kichern.

„Soll ich später wiederkommen?“, erklang eine tiefe Stimme hinter ihr.

„Ah, das ist er ja!“, sagte Nicholas grinsend und ging an ihr vorbei.

Verstohlen wischte sie ihren Mund ab, um etwaige Spuren des Kusses zu entfernen, lächelte verlegen und drehte sich zu Nicholas’ Freund um.

Sobald sie in sein Gesicht blickte, erlosch ihr Lächeln, und ihr Magen drehte sich um.

2. KAPITEL

„Nick.“

„Wendell!“

Entsetzt beobachtete Zienna, wie sich ihr aktueller Liebhaber und ihr Verflossener umarmten. Vier Jahre lang hatte sie diesen Mann nicht gesehen. Und jetzt stand er da – ein Geist aus der Vergangenheit, zu neuem Leben erwacht.

Nachdem die beiden einander losgelassen hatten, ging Nicholas zu ihr, legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich. „Wendell, das ist Zienna. Meine Liebe, das ist Wendell, mein bester Freund. Zumindest war er das – bis er einem Mädchen nach Texas gefolgt und nicht zurückgekommen ist.“

Nicholas lachte leise, und Zienna konnte kaum atmen. Sie starrte Wendell an, der ihren Blick freundlich erwiderte. Verdammt, er sah noch besser aus als früher.

„Steht nicht einfach herum“, mahnte Nicholas, „begrüßt euch.“

Wendell streckte seine Hand aus. „Hallo, Zienna. Was für ein überraschendes Wiedersehen.“

Oh Gott … Schmerzhaft hämmerte ihr Herz gegen die Rippen. Sie hatte nicht erwartet und gewiss nicht gewünscht, er würde die gemeinsame Vergangenheit erwähnen. Was mochte er denken?

Erstaunt schaute Nicholas von einem zum anderen. „Ein Wiedersehen?“

„Zienna und ich kannten uns vor einiger Zeit“, erklärte Wendell, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Kaum merklich hob sie die Brauen – die einzige Möglichkeit, ihm zu bedeuten, er möge verschweigen, wie gut sie sich gekannt hatten.

„Erinnerst du dich an meine Rotatorenmanschette, die ich mir mal gezerrt hatte?“ Endlich richtete Wendell seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Freund. „Zienna war die Kinesiologin, die meinem Schultergelenk wieder zur alten Leistungskraft verholfen hat.“

„Kein Witz?“, fragte Nicholas grinsend.

„Sie gehörte zu den Therapeuten des Teams.“

Verwundert wandte Nicholas sich zu ihr. „Also hast du für die ‚Bears’ gearbeitet? Davon hast du mir gar nichts erzählt.“

„Es ist schon so lange her.“ Noch immer bedauerte sie, dass sie die angenehme Arbeit bei dem Profifootballteam in Chicago aufgegeben hatte, um wegen ihrer Beziehung zu Wendell einen Interessenkonflikt zu vermeiden. Nur damit er sie letzten Endes einfach sitzen ließ … Aus diesem Grund hatte sie weder Nicholas noch sonst jemand von diesem Job erzählt.

„Allzu lange warst du nicht bei unserem Team, Zienna, bevor du zu diesem Therapiezentrum gegangen bist“, sagte Wendell. „Wie heißt es? ‚Back to Motion’?“

„Ja.“ Deinetwegen. Das sprach sie nicht aus.

„Du erinnerst dich an ziemlich viel, was Zienna betrifft, Wendell“, meinte Nicholas.

Als Zienna ihn anschaute, las sie in seinen Augen das, was sie befürchtet hatte: Misstrauen.

„Weil ich auch in diesem Reha-Center von ihr behandelt wurde“, erwiderte Wendell ungerührt. „Ich hatte mich an ihre Technik gewöhnt. Und es gefiel mir, wie sie mich herausforderte.“

„Ging es nur um ihre Technik?“, fragte Nicholas skeptisch.

Sie öffnete den Mund, um zu protestieren. Aber Wendell kam ihm zuvor. „Das ist viereinhalb Jahre her, Mann.“

Obwohl er der Frage auswich, schien Nicholas sich mit dieser Antwort zu begnügen, denn er nickte. „Okay, damals warst du ja ganz verrückt nach Pam.“

Ihr stockte der Atem. Pam? Wer zum Teufel ist Pam? Vor viereinhalb Jahren hatte Wendell ihr den besten Sex ihres Lebens geboten.

„Pam?“, würgte sie unwillkürlich hervor.

„Seine Freundin“, sagte Nicholas.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Wie war das möglich? Damals hatte Wendell ihr versichert, er sei Single. Und sie erinnerte sich nur zu gut an seine letzten Worte.

Für eine feste Beziehung bin ich noch nicht bereit. Tut mir leid.

Und dann hatte er die Stadt verlassen.

„Ist Pam das Mädchen, mit dem du nach Texas gegangen bist?“, fragte sie, um einen neutralen Ton bemüht. Den Ex unter solchen Umständen wiederzusehen, war schlimm genug. Aber zu erfahren, wie niederträchtig er sie belogen hatte, und nicht darauf reagieren zu können – wie sollte sie das ertragen?

„Ja“, bestätigte Nicholas, „Pam, das Bikini-Model.“ Grinsend schlug er Wendell auf den Rücken. „Schon immer war er hinter Superfrauen her. Ein Wunder, dass er’s bei dir nicht versucht hat!“

„Also ein echter Playboy.“ Ziennas Stimme klang schärfer, als sie es beabsichtigt hatte. „Offenbar der Typ, der sich niemals auf eine dauerhafte Beziehung einlässt.“

Wendell erwiderte ihren Blick. Zienna zwang sich, ruhig zu bleiben.

Jetzt spielt seine Lüge keine Rolle mehr, denn er gehört zu meiner Vergangenheit. Meine Zukunft ist Nicholas.

Um das zu demonstrieren, schlang sie einen Arm um seine Taille und lehnte den Kopf an seine Schulter.

„In der Tat war er ein richtiger Playboy“, bekräftigte Nicholas. „Bis er Pam traf. Nie zuvor habe ich ihn so verliebt gesehen.“

„Jetzt übertreibst du maßlos.“ Wendell schaute immer noch Zienna an. „So war’s nicht.“

„Wenn du einer Frau nach Texas gefolgt bist, muss es ernst gewesen sein“, meinte sie. „Hast du ihr einen Ring an den Finger gesteckt? Ja, natürlich …“ Sie warf einen raschen Blick auf seine linke Hand, entdeckte aber keinen Ring. „Offenbar bist du schon wieder geschieden – es sei denn, du hältst nichts von Eheringen. Oder du setzt deine Playboy-Karriere auch nach der Hochzeit fort.“

Nicholas lachte leise. „Sei nicht so bissig, Zee.“

War sie zu unfreundlich? „Wieso? Du hast ihn doch einen Playboy genannt.

„Ich habe Pam nicht geheiratet“, betonte Wendell.

Was auch immer, du Schuft …

Zärtlich berührte sie Nicholas’ Wange und drückte ihren Mund auf seinen.

Am Anfang war es ein sanfter Kuss. Aber als Nicholas den Kopf heben wollte, schob sie ihre Zunge zwischen seine Lippen.

Erst nach mehreren Sekunden beendete er den Kuss. „Schluss jetzt, Süße!“, entschied er grinsend und wandte sich zu Wendell. „Verstehst du jetzt, warum ich dich mit ihr bekannt machen wollte?“

„Oh ja, sie ist zauberhaft“, stimmte sein Freund zu. „Ich habe schon immer gedacht, dass der Mann, der sie eines Tages erobern wird, zu beneiden wäre. Und ich bin froh, dass du es bist. Ihr beide seht sehr glücklich aus.“

„Das sind wir auch.“ Nicholas gab Zienna einen Kuss auf die Stirn. „Nun hoffe ich, ihr zwei seid hungrig … denn ich kann’s kaum erwarten, euer Urteil über meine neuste kulinarische Kreation zu hören.“

Er eilte in die Küche zurück und ließ Zienna mit Wendell allein.

In ihren Ohren rauschte das Blut. Bei jedem Atemzug schmerzte ihre Brust. Sie spähte über ihre Schulter.

„Jetzt sind wir sicher“, sagte Wendell, „Er ist weg.“

Sie fuhr zu ihm herum. „Sicher? Was soll das heißen?“

Statt zu antworten, musterte er ihren Körper von oben bis unten. Dann ließ er seinen Blick in ihrem Ausschnitt verweilen, während sie ihre Füße betrachtete.

„Verdammt“, murmelte er.

„Du meinst doch nicht ernsthaft …“ Hastig presste sie die Lippen zusammen.

„Dass ich meine Chancen bei dir einschätze?“, vollendete er den Satz. „Du bist eine sehr schöne Frau, das wusste ich schon damals.“

„Aber ich war kein Bikini-Model“, konterte sie. „Ist das dein Problem gewesen?“

Ehe er darauf reagieren konnte, ging sie zur Bar. Was er dazu sagen würde, wollte sie nicht hören. Heiliger Himmel! Selbst wenn Wendell mit einem ganzen Harem weggelaufen wäre – für sie spielte es keine Rolle mehr.

Hinter ihr erklangen seine Schritte. „Wir sollten uns setzen und reden. Über alles.“

Sie drehte sich um und sah ihn verächtlich an. „Warum?“

„Damit ich’s dir erklären kann.“

„Bist du verrückt?“

„Das war ich vermutlich. Vor vier Jahren.“

Zienna öffnete den Mund. Aber ihr fehlten die Worte. Lieber Gott, hilf mir, er sieht so traurig aus …

„Wirklich, ich würde gern mit dir reden“, fügte er hinzu, „und die damalige Situation klären.“

Und obwohl ihr eigentlich egal sein konnte, was er empfand, hatte sie plötzlich Schmetterlinge im Bauch. Wollte er sie um Verzeihung bitten und alles wieder gutmachen?

Was stimmt denn nicht mit mir?

Diese Frage ließ sich leicht beantworten – die Erinnerung an die explosiven Momente im Schlafzimmer, jene Gedanken, die sie jahrelang gequält hatten. Nur deshalb war sie plötzlich so verwirrt in der Nähe dieses Mannes, den sie aus tiefster Seele verachten müsste.

Dann besann sie sich auf ihren Hass gegen ihn und fand ihre Stimme wieder. „Wir werden hier ganz bestimmt nichts bereden. Um Himmels willen, ich bin mit deinem besten Freund zusammen!“

Wendell trat näher zu ihr. „Ist es was Ernstes?“

Entgeistert rang sie nach Luft. Hatte er vollends den Verstand verloren? „Ach, du bist … Darüber werden wir nicht sprechen.“

„Worüber?“

Als sie Nicholas’ Stimme hörten, wandten sie sich zu ihm. Das Blut stieg in Ziennas Kopf. Ihr wurde schwindlig, und sie fürchtete, in Ohnmacht zu fallen.

Wie viel hatte er gehört?

Lässig schlenderte Wendell zu ihm. „Nun, ich war neugierig und wollte wissen, wie ihr euch kennengelernt habt. Und wie lange ihr zusammen seid.“

Nicholas schnitt eine Grimasse. Offenbar genügte ihm diese Antwort nicht. „Das klang so, als hätte Zienna sich aufgeregt.“

„Weil …“ Scheinbar verlegen, zuckte Wendell die Achseln. „Also, ich habe gefragt, wie lange es gedauert hat, bis ihr im Bett gelandet seid.“

Nicholas verdrehte die Augen und stellte zwei Gläser auf die Theke. „Nimm meinen Freund nicht ernst, Zee. Sein Schwanz ist schneller als sein Gehirn.“

„Wie peinlich“, bemerkte Zienna und heuchelte ungläubiges Staunen.

„Sorry.“ Seufzend hob Wendell seine Hände. „Ich bin eben an frühere Zeiten gewöhnt. Da hatten Nick und ich keine Geheimnisse voreinander.“

„Jetzt sind diese Zeiten vorbei“, sage Nicholas belustigt.

Aber ein seltsames Flackern in seinen Augen erweckte Ziennas Verdacht, hinter diesem Kommentar könnte etwas mehr stecken.

„Diesen Cocktail nenne ich ‚Island Sunset’“, verkündete er, und schob die Drinks über die Theke zu seinen Gästen, die sich auf die Barhocker setzten. „Mango, Ananas und Kokosnussrum.“

Wendell nippte seinem Glas. „Sehr gut.“

„Gleich komme ich mit einem der neuen Hauptgänge zurück.“

Nicholas verschwand wieder in der Küche, und Zienna spürte Wendells eindringlichen Blick. Aber sie wagte nicht, in seine Richtung zu schauen.

Glücklicherweise erschien Nicholas schon nach wenigen Minuten mit zwei dampfenden Tellern, die er auf die Theke stellte.

„Um beim Inselthema zu bleiben“, erklärte er und strahlte über das ganze Gesicht. „Das ist jamaikanischer gebratener Rotbarsch auf einem Gemüsebett in würziger Essigsauce.“

„Sieht fantastisch aus“, meinte Zienna, „und riecht noch besser.“

„Findest du? Damit es authentisch wirkt, habe ich den Fisch ganz gelassen, statt ihn zu filetieren. Ob die Gäste das mögen werden, weiß ich nicht. Jedenfalls wird der Rotbarsch auf Jamaica und in Costa Rica so serviert.“

„Nach meiner Ansicht ist’s okay“, sagte Wendell.

Zienna schnitt mit ihrer Gabel ein Stück Fisch ab und steckte es in den Mund. „Oooh, ganz schön scharf.“

„Zu scharf?“, fragte Nicholas besorgt.

Kopfschüttelnd kaute sie. „Nein. Köstlich. Schmeckt großartig. Genau richtig gewürzt.“

„Da hat sie recht“, stimmte Wendell zu. „Ganz nach meinem Geschmack. Aber du weißt ja, Nick – ich habe stets für scharfe Sachen geschwärmt.“

Bei dieser doppeldeutigen Bemerkung verschluckte Zienna sich beinahe an ihrem nächsten Bissen.

„Soll ich den Fisch auf meine Speisekarte setzen?“, fragte Nicholas.

„Ja, unbedingt“, erwiderte Zienna.

„Gut.“ Er lächelte zufrieden. „Später kann ich ja immer noch entscheiden, ob ich ihn filetieren soll. Je nachdem, was die Gäste meinen. Freut mich, dass mein Rotbarsch euch beiden schmeckt.“

„Ich wette, du hast dir ein passendes Dessert einfallen lassen“, sagte Wendell. „Was mit Ananas oder Kokosnuss. Und ganz viel Schlagsahne.“

Gegen ihren Willen wandte Zienna sich zu ihm und war nicht überrascht, als er sie anschaute. Weil er die Schlagsahne ihretwegen erwähnt hatte. Das wusste sie.

„Mango-Käsekuchen“, antwortete Nicholas.

Unvermittelt glitt Zienna von ihrem Barhocker. „Ich fahre nach Hause.“

„Oh nein“, protestierte Nicholas, „du bist doch eben erst gekommen. Und ich wollte noch was anderes servieren.“

„Es war ein langer Tag, und ich brauche meine Ruhe. Sicher habt ihr beide euch viel zu erzählen.“

„Meinetwegen musst du nicht gehen“, wandte Wendell ein.

Sie ignorierte ihn und ergriff ihre Handtasche. „Begleitest du mich hinaus, Darling?“

„Willst du uns wirklich schon verlassen?“, fragte Nicholas.

„Ja, ich habe Kopfschmerzen“, log sie und warf Wendell einen kurzen Blick zu.

Auf dem Weg zum Ausgang berührte Nicholas ihre Schulter. „Und sonst bist du okay?“

„Ja.“

Als sie die Eingangstreppe hinabgestiegen waren, nahm er sie in die Arme. „Hat Wendell dich gestört?“

„Natürlich nicht“, versicherte sie und streichelte seine Wange. „Ich bin nur müde.“

„Fahr zu mir, ruh dich aus und warte im Bett auf mich.“ Er senkte seine Stimme. „Wenn ich jetzt nichts mehr von dir habe, will ich dich heute Nacht wenigstens neben mir spüren.“

„Einverstanden“, sagte sie lächelnd. „Und ja – ein paar geruhsame Stunden und ein Aspirin werden mir guttun.“

Sie ging zu ihrem Wagen und beschloss, Nicholas zu verwöhnen, wenn er nach Hause kam.

Bis dahin wollte sie sich von allen Erinnerungen an Wendell befreien.

3. KAPITEL

„Geh schon ran, geh schon ran!“, flüsterte Zienna in ihr Handy, als sie im Auto saß. Sie musste endlich mit Alexis reden. Sofort nach dem Besuch in Nicholas’ Restaurant hatte sie die Freundin anzurufen versucht, aber immer nur die Voicemail erreicht.

Sie hatte ihre ganze Energie in den Liebesakt mit Nicholas investiert. Danach war er eingeschlafen. Aber sie hatte wach neben ihm gelegen, obwohl sie erschöpft gewesen war, und den Abend in ihren Gedanken noch einmal erlebt.

Wirklich, ich würde gern mit dir reden und die damalige Situation klären.

Um Viertel nach fünf war sie vorsichtig aus Nicholas’ Bett gestiegen, hatte sich angezogen und gehofft, er würde nicht aufwachen.

Doch er öffnete blinzelnd die Augen. „Schlaf weiter“, wisperte sie. „Bevor ich zum Büro fahre, muss ich daheim noch was erledigen.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Später ruf ich dich an.“

Sie war zu ihrem Auto gelaufen und hatte noch einmal versucht, mit Alexis zu telefonieren. Seit sie in der zweiten Schulklasse Freundinnen geworden waren, erzählten sie einander alles, die guten und die schlechten Dinge. In der dritten Klasse hatte ein Rabauke einen Stein auf Ziennas Stirn geworfen und war von Alexis geohrfeigt worden. Damit hatte sie Ziennas Vertrauen für immer verdient – und seitdem waren sie beste Freundinnen.

„Geh endlich ran!“, stöhnte sie, als sie erneut die fröhliche Voicemail-Stimme hörte. Wo um alles in der Welt steckte Alexis so früh am Morgen?

Seufzend berührte Zienna das Display ihres iPhones und wählte die Nummer noch einmal. Hundertmal würde sie es versuchen. Ganz egal, wie lange es dauern mochte.

Beim dritten Mal meldete sich eine verschlafene Alexis. „Dafür musst du einen guten Grund haben …“

„Ich komme zu dir“, kündigte Zienna ohne Umschweife an.

„Jetzt?“

„Ja, jetzt, ich bin halb wahnsinnig.“

„Scheiße, Zee, es ist halb sechs …“

„Daran solltest du merken, wie dringend es ist. Schon vor Stunden wollte ich mit dir reden. Leider habe ich dich nicht erreicht.“

„Ich bin mit dem Typ, den ich online kennengelernt und von dem ich dir erzählt habe, auf einen Drink gegangen. Und ich habe mein Handy daheim vergessen.“

Um zu telefonieren, hatte Zienna das Auto ein paar Straßen von Nicholas’ Haus entfernt geparkt. Jetzt startete sie den Motor. „Du musst dir anhören, was passiert ist. Ich flippe fast aus.“

„Okay.“ Allzu glücklich klang Alexis’ Stimme nicht. Aber Zienna wusste, die Freundin würde ihr in der Stunde der Not beistehen.

Natürlich könnte sie das Ende des Arbeitstages abwarten und Alexis erst dann treffen. Doch sie hatte sich seit dem Besuch des Restaurants stundenlang geduldet. Und mit Nicholas zu schlafen hatte den Stress nicht gerade verringert …

Noch immer raste ihr Puls. Sie musste sofort ihrer Freundin ihr Herz ausschütten.

„Ich bin gleich bei dir. Soll ich Kaffee oder sonst was mitbringen?“

„Nein. Sobald du gegangen bist, falle ich wieder ins Bett.“

Zienna beendete das Telefonat und fuhr vom Lincoln Park – wo Nicholas wohnte – zum West Loop. Dort hatte Alexis ein Loft gekauft. Es befand sich in einer geschäftigen Gegend, wo viele Künstler lebten, mit schicken Cafés und Restaurants und mehreren ehemaligen, zu stilvollen Eigentumswohnungen umfunktionierten Lagerhallen.

Während der Fahrt überlegte Zienna, warum sie das Wiedersehen mit Wendell dermaßen aufregte. So qualvoll dürfte es nicht an ihren Nerven zerren.

Du hast einen Schock erlitten. Deshalb bist du ausgerastet.

Aber war das nicht verständlich? Mit Wendell hatte sie den heißesten Sex ihres Lebens genossen. Und wie sich nun herausgestellt hatte, war er Nicholas’ bester Freund. Konnte die Situation noch schlimmer sein?

Um diese Tageszeit herrschte kein allzu starker Verkehr. In knapp zwanzig Minuten erreichte sie Alexis’ Loft, hielt vor einer Parkuhr und rief ihre Freundin an. „Ich bin hier unten.“

Sie stieg aus dem Auto und ging zur Haustür, die sich wenig später per Summer öffnete. Zienna eilte in die Halle, die Absätze ihrer High Heels klackerten auf dem Marmorboden.

Eine Hand in die Hüfte gestemmt, stand Alexis im ersten Stock vor der offenen Wohnungstür und blinzelte sie vorwurfsvoll an. „In diesem Moment hasse ich dich.“

„Wendell ist wieder in der Stadt“, verkündete Zienna und lief die Stufen hinauf.

„Was?“

Statt zu antworten, schob Zienna sich an ihr vorbei.

„Wendell hat dich besucht?“ Alexis folgte ihr in den Loft und schloss die Tür hinter sich. Mit beiden Fäusten rieb sie sich die Augen. „Warum du überrascht bist, verstehe ich. Aber – Mädchen, es ist noch nicht mal sechs Uhr morgens …“

Ziennas Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Sie schlenderte durch das Wohnzimmer zu den Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten. Wieso sah die Welt da draußen so wie immer aus, obwohl sich alles verändert hatte?

Nach einem tiefen Atemzug ging sie zu einem Sessel und stützte sich auf die Lehne. „Erinnerst du dich an Nicholas’ Freund, den ich erwähnt habe? Der ihn besuchen würde? Das ist Wendell – sein bester Freund.“

Einige Sekunden verstrichen, bis Alexis diese Information verarbeitet hatte. Dann schluckte sie schwer und riss die Augen weit auf. „Oh, mein Gott! Gestern Abend hast du Wendell wiedergesehen? In Nicholas’ neuem Restaurant?“

„Ja.“ Zienna umrundete den Ledersessel und sank in die Polster.

„Verdammt …“, murmelte Alexis und verschränkte die Arme vor der Brust. Seufzend setzte sie sich ihrer Freundin gegenüber auf das Sofa. „Weiß Nicholas Bescheid?“

„Nein. Aber Wendell. Und … Verdammt, er erzählte Nicholas, er habe mich vor Jahren gekannt. Ich sei die Kinesiologin, die ihn behandelte, als er bei den ‚Bears’ spielte.“

„Okay ...“, begann Alexis langsam. „So schlimm ist das nicht, oder?“

„Abgesehen von Nicholas’ Misstrauen.“

„Hat er was gemerkt?“

„Ja, und er sagte betont beiläufig, er sei überrascht, weil Wendell sich damals nicht an mich herangemacht habe. Danach wurde es noch unangenehmer. Die ganze Zeit hatte ich gedacht, Wendell sei nicht an einer festen Beziehung interessiert. Nun, wie sich herausstellte, war das ein Irrtum. Er wollte mit einer anderen zusammen sein. Mit einem Bikini-Model namens Pam.“

Alexis sah so verwirrt aus, wie Zienna es vor ein paar Stunden gewesen war.

In knappen Worten informierte Zienna sie über die Einzelheiten.

„Ach, du meine Güte …“ Alexis schnitt eine Grimasse. „Also hat der Schurke dich betrogen. Und Pam ebenfalls.“

„Ganz egal, wie man’s dreht und wendet – er hat herumgehurt.“

„Wow. Anfangs war ich sauer, weil du mich aus dem Bett geholt hast. Aber jetzt verzeih ich’s dir. Wahnsinn!“

„Genau. Beinahe wäre ich gestorben, als er plötzlich vor mir stand.“

Sexy wie eh und je. Sogar noch heißer als …

„Kann ich mir vorstellen. Immerhin hast du Jahre gebraucht, um deinen Liebeskummer zu überwinden.“

Eine Zeit lang schwieg Zienna. Diese Worte gaben ihr zu denken. Denn sie fassten das Problem zusammen, das sie seit der Begegnung mit Wendell quälte. Es war ihr so unglaublich schwergefallen, ihn aus ihrem Herzen zu verbannen. Und obwohl sie und Nicholas sich wirklich nahe waren, fürchtete sie, Wendell würde nun die erfolgreiche Vergangenheitsbewältigung zunichtemachen.

Bedauerlicherweise gab es ein noch größeres Problem. „Was soll ich tun? Nicholas weiß, dass ich damals die Therapeutin seines Freundes war. Muss ich ihm von meiner intimen Beziehung zu Wendell erzählen? Wenn ich mich dazu entschließe – wird das okay für ihn sein? Natürlich würde ich ihm versichern, es sei längst vorbei. Wird er mir das glauben? Oder könnte es unsere Liebe belasten? Keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll …“

Nachdem Alexis über das Dilemma nachgedacht hatte, erwiderte sie: „Ich finde, du musst ihm reinen Wein einschenken. Bevor Wendell ihm alles sagt.“

Erschrocken runzelte Zienna die Stirn. „Also nimmst du an, Wendell wird ihn einweihen?“

„Vielleicht nicht absichtlich. Aber wenn ihm irgendwas rausrutscht …“

„Oh Gott!“, stöhnte Zienna. „Meinst du wirklich, das wird passieren? Ach, ich weiß nicht … Wenn ich’s ihm erzähle, beschwöre ich womöglich Komplikationen herauf, und er zweifelt an meinen Gefühlen. Erinnerst du dich, wie unsicher er in den ersten Wochen unserer Beziehung war?“

„Ja, daran erinnere ich mich. Er verstand nicht, warum ein so schönes Mädchen wie du Single sein konnte.“

„Am Anfang stellte ich ihm ähnliche Fragen und begriff nicht, warum es keine Frau in seinem Leben gab. Weil er einfach großartig ist, so attraktiv, so erfolgreich … Schließlich war alles okay zwischen uns. Und jetzt das!“

„Vielleicht solltest du ihn doch nicht über die alten Zeiten mit Wendell informieren.“

Nach einer kurzen Pause begann Zienna wieder zu sprechen. „Aber wenn ich’s ihm verheimliche – und Wendell erzählt es ihm …“

„Dann ist es noch schlimmer“, vollendete Alexis den Satz. „Nicholas ist schon ein großer Junge. Dass du nicht erst gestern geboren wurdest, weiß er. Also kann er dir eine Beziehung zu Wendell, die vor vier Jahren beendet wurde, nicht verübeln.“

Zienna schwieg eine Weile. „Klar, das stimmt. Andererseits wird Wendell ihm sicher nichts verraten. Was hätte er dadurch zu gewinnen? Die beiden sind eng befreundet. Deshalb wird Wendell wissen, wann er besser den Mund halten sollte.“

„Trotzdem glaube ich, du müsstest Nicholas die Wahrheit sagen. Da gibt es zu viele Risiken.“

Zienna holte tief Luft. „Und es könnte noch schlimmer werden.“

„Was meinst du?“, fragte Alexis unbehaglich.

„Nun ja …“ Zienna zuckte die Achseln. „Möglicherweise hat es nichts zu bedeuten. Es ist nur – ich bin mir nicht sicher, was Wendell will.“

„Was heißt das? Jetzt bringst du mich völlig durcheinander.“

Auch Zienna war verwirrt, und das erschwerte ihr Problem. Dass ihr Ex Nicholas’ bester Freund war, zerrte schon zur Genüge an ihren Nerven. Aber ihre Sorge wuchs, wann immer sie an ihr Gespräch mit Wendell dachte. „Er fragte mich, ob’s zwischen Nicholas und mir was Ernstes sei. Und er betonte, er müsste mit mir reden und die damalige Situation klären.“

„Nicht im Ernst!“

„Was soll ich davon halten? Will er da weitermachen, wo wir vor vier Jahren aufgehört haben? Oder wusste er einfach nichts anderes zu sagen? Vielleicht plagt ihn sein Gewissen, weil er so abrupt mit mir Schluss gemacht hat. Und weil ich jetzt von seiner Untreue erfahren habe.“

„Du wirst ihn doch nicht treffen und mit ihm sprechen?“

„Nein“, versicherte Zienna. „Auf keinen Fall, ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Aber …“ Bedrückt unterbrach sie sich. „Ich würde lügen, wenn ich mir einzureden versuchte, ich wäre nicht an seinen Erklärungen interessiert. Die möchte ich nämlich hören und ihm danach die Meinung geigen. Genau das wollte ich tun, als ich ihn gestern Abend wiedersah – ihn anschreien und ohrfeigen und ihm sagen, was für ein mieses Arschloch er ist. All dieses blöde Gequatsche, er sei nicht bereit für eine Beziehung und hätte mir nicht wehtun wollen! Und in Wirklichkeit war er mit einer anderen zusammen! So konnte ich gestern Abend leider nicht reagieren. Weil ich den Anschein erwecken musste, die unerwartete Begegnung in Nicholas’ Restaurant wäre mir egal.“

„Zienna …“, begann Alexis vorsichtig.

„Keine Bange, ich bin nicht dumm. Inzwischen bin ich über Wendell hinweg – aber immer noch wütend auf ihn.“

„Falls du dich nicht in Gefahr bringen willst, rückfällig zu werden, solltest du ihm aus dem Weg gehen. Und damit basta! Was du soeben gesagt hast, ist der wichtigste Grund, warum du Nicholas informieren musst. Erzähl ihm alles – und dann halt dich von deinem Ex fern.“

„Versteh mich nicht falsch. Es wäre nur eine Genugtuung, ihm endlich die Meinung zu sagen.“

Alexis verdrehte die Augen. „Es hat so lange gedauert, bis du die Trennung von Wendell verwunden hast.“

„Ja“, gab Zienna zu, „und ich hab’s geschafft.“ Leise stöhnte sie. Ihre Freundin kannte sie viel zu gut. „Wahrscheinlich muss ich dir zustimmen. Wenn ich ihm Vorwürfe mache, wird nichts Gutes dabei herauskommen. Am wirksamsten räche ich mich, indem ich ihm zeige, wie glücklich ich jetzt bin. Dass ich ein neues Leben begonnen habe. Mit seinem besten Kumpel. Womöglich ist das sogar die effektivste Rache.“ Als sie den prüfenden Blick ihrer Freundin bemerkte, hob sie die Brauen. „Was denkst du?“

„Nimm dich bloß in Acht. Sag Nicholas möglichst bald die Wahrheit. Es ist ja nicht so, dass du was Schlimmes getan hättest. Wenn er Bescheid weiß, kann er keinen Verdacht schöpfen. Und falls du nichts mehr von Wendell willst, solltest du weitere Begegnungen vermeiden.“

„Natürlich hast du recht“, murmelte Zienna. Zumindest, was den Rat betrifft, Wendell nicht wiederzusehen …

Doch sie bezweifelte, dass es richtig wäre, Nicholas einzuweihen. Vorerst hatte sie das Wichtigste getan und die beunruhigenden Neuigkeiten mit der Freundin geteilt. Jetzt fühlte sie sich erleichtert. Das Gespräch mit Alexis half ihr, klarer zu denken. Und Wendell würde gewiss nichts ausplaudern, was seinen Freund verletzen könnte, oder? Wohl kaum, wenn er merkt, wie viel ich Nicholas bedeute …

Bald danach verließ sie das Loft, damit Alexis noch eine Stunde schlafen konnte. Nun ging es Zienna wesentlich besser. Nein, sie wollte Nicholas keinen reinen Wein einschenken. Sie verstanden sich großartig – und Wendell würde das nicht zerstören.

Und da er schweigen würde, gab es keinen Grund, warum sie die einstige Affäre erwähnen sollte. Stundenlang hatte sie sich den Kopf über das Wiedersehen zerbrochen. Reine Zeitverschwendung …

Denn Wendells Rückkehr nach Chicago würde ihre Beziehung zu Nicholas nicht beeinflussen.

Auf keinen Fall.

4. KAPITEL

Zienna las den Fragenbogen, den ihr neuer Patient ausgefüllt hatte. Vor seiner Ankunft hatte sie den medizinischen Bericht seines Arztes gelesen – bei zwei Tassen starkem Kaffee. Um nach der langen, fast schlaflosen Nacht wach zu bleiben, brauchte sie das Koffein.

„Lassen Sie mich zusammenfassen, was ich Ihren Angaben und Ihrem Krankenblatt entnehme.“ Sie legte die Papiere beiseite und ging zu dem Mann, der auf der Behandlungsliege saß. „Seit fast zwei Jahren haben Sie im rechten Ellbogen Schmerzen, die von Ihrer Arbeit als Maschinist herrühren.“

Ed, ein kräftig gebauter Mann Mitte vierzig, nickte. „Genau.“

„Trotz verschiedener Therapien haben Sie immer noch Schmerzen?“

„Ja. Und nun hat mein Doc eine Operation vorgeschlagen. Aber das will ich nicht. Zumindest jetzt noch nicht.“

„Deshalb sind Sie hier“, sagte Zienna lächelnd. „Ich bin froh, dass Sie sich an unser Reha-Center gewandt haben. Sie werden Ihre Entscheidung gegen eine Operation nicht bereuen.“

„Anscheinend sind Sie sich sicher.“

„Oh ja. Wir haben hier andere Methoden. Hatten Sie jemals Probleme mit Ihrem linken Knie?“

Verdutzt runzelte Ed die Stirn. „Mit meinem linken Knie?“

„Die Kinesiologie ist eine Lehre, die auf Zusammenwirkungen im ganzen Körper basiert. Immer wieder fällt mir auf, dass die Stelle, an der die Patienten Schmerzen empfinden, diese Beschwerden nicht verursacht. Das nennt man neuronale Kopplung zwischen oberen und unteren Gliedmaßen, die funktionell verbunden sind. Da ich über die Symptome in Ihrem rechten Ellbogen informiert bin, wäre ich nicht überrascht, wenn Sie Schwierigkeiten mit Ihrem linken Knie hätten.“

„Oh ja …“ Nachdenklich starrte Ed vor sich hin. „Vor ein paar Jahren habe ich mir mein linkes Knie bei einem Fahrradunfall verletzt, und manchmal tut es immer noch weh.“

„Großartig!“

„Das finden Sie großartig?“, fragte er verwundert.

„Sorry, es ist nur … Nun, ich liebe meinen Job – vor allem, wenn ich jemandem helfen kann, der schon alle Hoffnung verloren hat. Letzten Monat kam ein Patient mit einem Bänderriss in der linken Schulter zu mir und glaubte ebenfalls, er müsste operiert werden. Nachdem ich die Ursache des Schmerzes im rechten Fußknöchel gefunden hatte, war er nach ein paar Behandlungen schmerzfrei.“

Skeptisch runzelte Ed die Stirn.

„Die wunderbare Macht der Kinesiologie.“ Schon oft hatte Zienna Personen behandelt, deren emotionaler Stress zu körperlichen Schmerzen führte. In ihrer Praxis bemühte sie sich um das physische, emotionale, mentale und spirituelle Wohl aller Patienten. „Mit der Behandlung beginne ich erst, nachdem Sie allen Tests unterzogen wurden, die in unserem Institut nötig sind. Aber ich glaube, ich kann Sie von den Beschwerden in Ihrem Ellbogen erlösen.“

Jetzt grinste Ed. „Wenn Sie mir eine Operation ersparen, werde ich Ihnen ewig dankbar sein.“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Da die Sprechstundenhilfe den Anruf in das Behandlungszimmer durchgestellt hatte, musste er wichtig sein.

„Entschuldigen Sie mich, Ed.“ Zienna nahm den Hörer ab. „Hallo?“

„Hey, Babe?“

Als sie Nicholas’ Stimme erkannte, stockte ihr der Atem. Warum rief er sie auf dieser Leitung an?

„Hey“, erwiderte sie leise. „Was gibt’s?“

„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Heute Morgen bist du in aller Herrgottsfrühe verschwunden. Da dachte ich, irgendwas stimmt nicht. Ich hab auch auf deinem Handy angerufen. Aber du hast dich nicht gemeldet. Bist du okay?“

„Ja, aber – kann ich später zurückrufen? Ich habe gerade einen Patienten …“

„Klar, kein Problem. Ich möchte nur deine Stimme hören und mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist.“

„Danke, das finde ich sehr nett“, erwiderte sie und hoffte um Eds willen, sie würde professionell wirken.

„Schon gut, ich hab’s begriffen. Jetzt kannst du nicht reden. Treffen wir uns heute Abend?“

„Natürlich, die Einzelheiten besprechen wir später.“

„Bis dann.“

Erfreut hängte Zienna den Hörer ein. Wie wundervoll, dass Nicholas sich um sie sorgte … Was für ein großartiger Mann … Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie in einer Beziehung wunschlos glücklich.

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