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Lust de Lyx – Unendliche Lust

Zu diesem Buch

Als die Krankenschwester Beth Roberts auf einer Hochzeit einem Gast zur Hilfe kommt, hätte sie nie gedacht, dass sie dabei ihrem Traummann begegnen würde. Denn auch Dr. Gabriel North ist sofort zur Stelle – und kann seine Augen für den Rest des Abends nicht mehr von der wunderschönen Lebensretterin lassen. Beth fühlt sich ebenfalls augenblicklich zu Gabriel hingezogen, und sie verbringen eine sinnliche Nacht miteinander. Aber was wird aus ihrer Leidenschaft füreinander, wenn sich am nächsten Tag ihre Wege wieder trennen?

Dieses Buch ist den Männern in meinem Leben gewidmet: meinen Söhnen Phillip und Justin, die an mich glauben und mich bei allem ermutigen, was ich tue, und meinem Mann Tommy, der so oft allein vor dem Fernseher sitzt, alles isst, was ich ihm hinstelle, und einfach für mich da ist. Ihr Jungs seid mein Leben.

»Ein Wort befreit uns von aller Last und allem Schmerz des Lebens. Und dieses Wort ist: Liebe.«

Sophokles, Ödipus auf Kolonos

1

Beth Roberts rückte ihren Stuhl näher an den Tisch, unterdrückte ein Grinsen und sah zu, wie ihre Kellnerin sich durch die Menge der morgendlichen Gäste ihren Weg zu ihnen bahnte. Connie blickte sie so entgeistert an, als hätte sie gerade eine heiße Nacht mit Hugh Jackman abgelehnt.

»Okay, noch mal von vorne.« Connie wedelte mit den Händen, als wischte sie eine Schiefertafel ab. Die Ungläubigkeit in ihrer Stimme war trotz des Klapperns von Besteck und der Unterhaltungen an den Nebentischen nicht zu überhören. »Du fährst also nach Lexington, um deinem Sohn auf einer Hochzeit bei einem Fotoauftrag zu helfen, aber Drew hat kurzfristig beschlossen, dass er sich die University of Kentucky ansehen und das ganze Wochenende mit seinen Freunden abhängen will.«

»Genau.«

»Das heißt also, du hast eine von den Eltern des Bräutigams bezahlte Suite im Hilton das ganze Wochenende über für dich allein, und hast vor es … alleine zu verbringen?« Connie schob ihren Kaffee zur Seite, damit die Kellnerin das Frühstück auf dem Tisch abstellen konnte, und schüttelte den Kopf. »Mit diesem Szenario stimmt definitiv was nicht.«

»Ach ja?« Beth lächelte der Kellnerin dankend zu und wickelte ihr Besteck aus der Serviette. »Und das wäre?«

»Der Teil, wo du alleine ins Hilton zurückgehst.«

Beth gab einen Klecks Sahne in ihren Kaffee und verrührte ihn mit ihrem Löffel. Sie liebte ihre wöchentlichen Frühstückstreffen mit Connie bei Cracker Barrel. Connie war nicht nur eine von Beths besten Krankenschwestern in der Notaufnahme des Krankenhauses von Ridgemount, sie war auch ihre allerbeste Freundin. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander. Ihrer Freundschaft, die seit der Grundschule gehalten hatte, war nichts heilig, zwischen ihnen gab es keine Tabus. Als Beth in der Highschool schwanger wurde, war Connie bei ihrer Hochzeit mit Jamie ihre Trauzeugin gewesen. Als seine Einheit drei Jahre später nach Afghanistan verlegt wurde, hatte Connie am Flughafen mit ihr geweint, und dann ihre Hand gehalten, als er völlig verändert zurückkam, zurückgezogen und verbittert. Jamies Wut hatte sich schließlich gegen Beth gerichtet, er hatte sie misshandelt, ihrem ungeborenen Kind und später in jener Nacht auch sich selbst das Leben genommen. Connie war an ihrer Seite gewesen, als sie beide zu Grabe getragen hatte.

»Du vergisst, worum es bei diesem Trip geht.« Beth gab Ahornsirup über ihre Pfannkuchen und schnitt einen Bissen mit ihrer Gabel ab. »Hier geht es nicht um mich, sondern um Drew.« Er war über seinen ersten bezahlten Auftrag als freier Fotograf so aus dem Häuschen gewesen, dass Beth ihn praktisch von der Decke kratzen musste. Nachdem er Fotos auf der Hochzeit seiner Lehrerin gemacht hatte, war er von ihrer Trauzeugin kontaktiert und für ihre eigene Hochzeit engagiert worden.

Connie gestikulierte mit ihrem Löffel. »Ist mir schon klar. Drew ist ein toller Junge und ein verdammt guter Fotograf. Wir sind uns völlig einig, dass das eine erstklassige Chance für ihn ist, aber es gibt keinen Grund, dass nicht auch du etwas von diesem Trip hast.«

Beth musterte die Schale milchigen Glibbers neben Connies Teller. »Wie kann man nur Maisgrütze zum Frühstück mögen?«

»Und wie kann man aus den Südstaaten sein und keine Maisgrütze mögen?«, konterte Connie.

»Nur weil ich aus Kentucky bin, heißt das noch lange nicht, dass ich … hey, schieb mir das Zeug bloß nicht rüber, lass das!«

Lachend schaufelte Connie sich einen Löffel Maisgrütze in den Mund und schluckte. »Mmh, lecker. Also, zurück zum Thema du ganz allein im Hotel …«

Beth seufzte. Das Mädel gab einfach nie auf. »Es macht mir überhaupt nichts aus, das Wochenende allein zu verbringen«, sagte sie. »Ich werde mir einen netten, entspannten Abend machen, etwas Wein trinken, mich im Whirlpool suhlen, bis ich schlapp wie eine Nudel bin, und mir von Jace Everett auf dem iPod Bad Things ins Ohr schmachten lassen. Außerdem habe ich den Dienstplan zu machen und Lebensläufe und Bewerbungen potenzieller neuer Mitarbeiter durchzusehen …«

Connie stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Na toll, klingt ja nach jeder Menge Spaß. Genau wie ich meinen Wochenendtrip verbringen würde.«

Jetzt, wo sie es laut ausgesprochen hatte, musste Beth ihr leider zustimmen. Als Drew ihr von seinen Plänen erzählt hatte, mit seinen Kumpels abzuhängen und sich die Uni anzusehen, war ihr die Aussicht auf ein Wochenende voller Ruhe und Frieden und mit Zimmerservice auf Anruf wie ein wahr gewordener Traum erschienen. Doch je mehr sie jetzt darüber nachdachte, desto weniger verlockend kam er ihr vor.

Nach Jamies Tod hatte Beth ihr Leben völlig auf Drew und ihre Arbeit konzentriert, entschlossen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und weiterzuleben. Eine neue Beziehung zu einem Mann war nicht Teil ihres Plans gewesen. Jetzt führte Drew immer mehr sein eigenes Leben und machte Pläne fürs College. In einem Jahr schon würde er ausziehen, und zum ersten Mal in den dreiunddreißig Jahren ihres Lebens würde Beth wirklich allein sein. Ihr Herz tat ein wenig weh bei dem Gedanken. Hatte sie etwa ein verfrühtes Leeres-Nest-Syndrom? Vielleicht, aber in den letzten Monaten war ihr die Bedeutung des Zitates Du musst nicht allein sein, um einsam zu sein aufgegangen. In letzter Zeit hatte sie sich ein wenig … kribbelig gefühlt.

Irgendwie … rastlos.

Okay, gib’s einfach zu. Dir fehlt Sex.

Da war es. Sie hatte es gesagt. Nun, zwar nicht laut, aber schon es vor sich selbst zuzugeben war befreiend.

Sie vermisste Sex. Alles daran – der Rausch, die gegenseitige Anziehung zu entdecken, das Flirten, das rituelle Hin und Her von Tun-wir’s-oder-tun-wir’s-nicht, Körper, die einander streiften, Grenzen austesteten und errichteten, um sie schließlich vorsichtig zu überschreiten.

Und das Küssen. Oh Gott, sie liebte das Gefühl von Männerlippen auf ihren, auf ihrer Haut. Sie und Jamie hatten ein gesundes, aktives Sexleben gehabt. Bis zu seiner Rückkehr von der Armee. Dann war alles anders geworden.

Aber diese Einsicht Connie mitzuteilen, kam nicht infrage. Ihre Freundin brannte darauf, sie wieder in die Dating-Szene einzuführen. Dazu würde Beth schon noch kommen, aber auf ihre eigene Art und in ihrem eigenen Tempo.

Connie, das glatte braune Haar in einem Pferdeschwanz zurückgebunden, der vor ihrem Schichtende unweigerlich verrutscht sein würde, trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum. »Dein Plan hat Potenzial, aber leider auch schwere Mängel, meine Liebe. Ihm fehlt Fantasie, und er hat keinen Schwung, keinen Sex. Nun, wenn es mein Plan wäre, würde ich einen Trauzeugen des Bräutigams vernaschen …«

Beth sah sie mit offenem Mund an. Sie brauchte kein GPS, um zu begreifen, worauf Connie hinauswollte. »Bitte sag mir nicht, du schlägst mir einen One-Night-Stand mit einem Fremden vor.«

»Ich schlage gar nichts dergleichen vor. Habe ich nicht gesagt, wenn es mein Plan wäre?«

Beth lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und hob besänftigend die Hand. Wenn Connie sich in ein Thema verbiss, hängte sie sich ran wie ein Bullterrier. »Dann erzähl doch bitte unbedingt weiter.«

»Ich danke dir.« Connie nickte Beth so huldvoll wie eine Königin zu. »Nun, wo war ich vor dieser unhöflichen Unterbrechung stehen geblieben? Ach ja … ich würde … mir einen der Trauzeugen des Bräutigams schnappen und ihn ins Hilton mitnehmen, wo er es mir im Whirlpool besorgt, bis seine Nudel schlapp ist. Und vergiss nicht etwas Wein zu trinken.« Connie, die sich zunehmend für das Thema erwärmte, schloss die Augen, als visualisiere sie die Szene. »Ich würde ihn aus seinem Nabel schlürfen – natürlich hätte er einen perfekten Nabel, der nach innen geht.« Sie beschrieb einen kleinen Kreis mit ihrem Zeigefinger.

Connie entwarf ein äußerst anregendes Szenario, und Beth hatte kein Problem, sich auszumalen, wie die Sache weiterging. Die dünne Linie aus seidigem Haar, die direkt unter seinem Nabel begann, würde sie verlocken. Sie würde ihr mit der Zunge folgen, bis ganz hinunter zu seinem …

»Dingdong!«

Mit einem Ruck fand Beth sich in der Realität wieder, als ein Kleinkind am Nebentisch auf seinem Hochstuhl herumdrosch, um seine oder ihre Wünsche kundzutun. Obwohl das sexy Szenario ihrer Freundin definitiv reizvoll war, fühlte Beth sich verpflichtet und gerade streitlustig genug, um etwas Realität in diese Fantasie einzubringen.

»Nabeldreck.«

»Iiiiih!« Gekränkt öffnete Connie ein Auge und richtete es auf Beth. »Dieser Mann hat keinen Nabeldreck. Und den Teil mit der Nudel können wir auch vergessen, denn schlapp ist in dieser Fantasie gar nichts. Ich würde den Wein ablecken von seinem riesigen … pulsierenden …« Sie wackelte mit den Brauen, »Dingdong

»Connie!« Die Hexe. Sie hatte genau gewusst, was Beth gerade gedacht hatte. Sie sah sich um, ob jemand an den Nachbartischen ihre Bemerkung gehört hatte.

»Pff.« Connie zeigte mit dem Daumen auf die hölzerne Trennwand, die die Essbereiche voneinander trennte. Das Kleinkind auf der anderen Seite plärrte weiter und hämmerte mit einem Löffel auf dem Tischchen seines Hochstuhls herum. »Über dem Krach hört mich doch keiner. Außerdem hat der Kleine es zuerst gesagt.«

Sie unterbrachen ihr Gespräch, als ihre Kellnerin an ihrem Tisch stehen blieb, ihnen Kaffee nachschenkte und ihnen ihre Rechnungen gab, bevor sie zum nächsten Tisch weiterging.

»Klingt so, als hättest du das Wochenende komplett durchgeplant.« Beth schob ein Trinkgeld für die Kellnerin unter den Salzstreuer. »Warum gehst nicht du für mich, und ich mache deine Schicht in der Notaufnahme?«

»Meiner Freundin die Tour vermasseln? Kommt gar nicht infrage. Der Punkt ist, für dich könnte und sollte ein Mann im Spiel sein. Wenn wir doch nur in die Zukunft sehen könnten.« Sie kniff die Augen zusammen, drückte die Finger an die Schläfen und sagte: »Ich prophezeie, dass du, Beth Roberts, einen großen, muskulösen und zum Anknabbern geilen Fremden mit Waschbrettbauch treffen wirst, der dir deine tiefsten, geheimsten Sehnsüchte erfüllt … aus der Ferne in einem Raum voller Menschen.« Sie grinste. »Und wäre das nicht beeindruckend?«

Beth schüttelte den Kopf über ihre unmögliche Freundin, tupfte sich den Mund mit ihrer Serviette ab und schob ihren Stuhl zurück. »Okay, das reicht. Du hast definitiv zu viele romantische – und ich benutze den Begriff im weitesten Sinn – Filme gesehen, und so unterhaltsam unser Frühstück auch war, ich muss jetzt los. Ich habe heute Morgen eine Besprechung mit dem Architekten, um die Entwürfe für den Ausbau der Notaufnahme durchzugehen.«

Beth bahnte sich ihren Weg durch das Labyrinth der Tische zur Kasse, gefolgt von Connie. »Zum Anknabbern geil«, murmelte sie und reichte der Kassiererin ihre Kreditkarte. »Den Ausdruck gibt’s doch nicht mal.«

»Klar gibt’s den.« Connie blieb stehen, um den in der Vitrine ausgestellten Zwei-Kilo-Schokoriegel von Hershey’s zu bewundern. »Ich kann sogar einen Satz damit bilden: Dieser Schokoriegel sieht zum Anknabbern geil aus.«

»Ich nehm’s zurück.« Beth hakte sich bei Connie unter und führte sie auf den sonnenüberfluteten Parkplatz hinaus. »Ich sag dir was. Wenn ich dieses Wochenende irgendetwas halbwegs zum Anknabbern Geiles sichte, kaufe ich dir diesen Schokoriegel.«

»Abgemacht. Und wenn du dir eine von Drews Kameras schnappen kannst, wären auch Fotos sehr willkommen.« Connie schloss ihren Wagen auf und musterte Beth über die Wagentür. »Wenn eine Frau wirklich daran denken würde, sich eine Wochenendaffäre zu gönnen und mal so richtig die Sau rauszulassen – die genaue Interpretation überlasse ich dir –, dann wäre das ihre einmalige Gelegenheit. Ein Wochenende rausfahren, eine Hotelsuite ganz für sich allein, wo sie ihre innere Femme fatale rauslassen und ihre Fantasien mit einem heißen Kerl ausleben kann und ihn am nächsten Morgen einfach verlassen …« Sie wies auf Beths Wagen. »Du weißt, dass ich die Eier meines Exmannes für so einen Schlitten hergeben würde, aber ich will nur sagen, es könnte doch nett sein, statt eines Muscle-Cars, der auf vier Rädern und mit 350 PS und Vier-Gang-Schaltgetriebe daherkommt, auch mal wieder echte Muskeln unter die Finger zu bekommen, bevor du in die Menopause kommst und deine Vagina endgültig streikt.«

»Klar, wenn ich solche Absichten hätte.« Lachend öffnete Beth die Tür ihres 1969er Chevrolet Chevelle SS, warf ihre Handtasche auf den Beifahrersitz und schlüpfte hinters Steuer. Obwohl Connies Bemerkung an einen wunden Punkt rührte, war Beth schon zu lange und zu gut mit Connie befreundet, um über diesen Kommentar zu ihrem Liebesleben beleidigt zu sein. »Aber weißt du was? Diese Muskeln und PS kontrolliere ich, jeden Kubikzentimeter davon.« Sie schnallte sich an und grinste Connie durchs Fenster zu. »Und meine Vagina ist auch noch bestens in Schuss, schönen Dank auch.«

Beth fuhr rückwärts aus dem Parkplatz und winkte Connie im Wegfahren zu. Sie war sich bewusst, dass ihre Freundin ihr mit einem besorgten Stirnrunzeln nachsah. An der Ampel griff sie nach ihrem iPod, steckte ihn in die Stereoanlage ein, scrollte die Playlist hinunter und wählte ihr Lieblingslied aus. Das Wageninnere wurde vom langsamen, pulsierenden, sexy Rhythmus von Jace Everetts Damned If I Do erfüllt. Seine tiefe, düstere Stimme hüllte sie in einen sinnlichen Kokon, als er davon sang, dass er verdammt war, weil er seine Liebste begehrte. In Beths Brust stieg eine tiefe Sehnsucht auf. Wie würde es sich anfühlen, von einem Mann so begehrt zu werden, dass er durch die Straßen ging, an sie dachte und ich will dich in die Nacht heulte? Einsamkeit stieg in ihr auf und presste ihr das Herz zusammen.

Als das Lied weiterspielte, trommelte Beth mit den Fingern im Takt auf dem Steuer und starrte durch die Windschutzscheibe auf den Wagen vor ihr. Ob sie jemals ihre Abwehr lange genug fallen lassen konnte, um nur einmal etwas Spaß zu haben? Ihre Unsicherheiten abschütteln und die Gegenwart eines Mannes genießen, seine Berührung, seinen Körper, der sich an ihren presste und sein Verlangen nach ihr bekannte, für nur eine Nacht?

Der Fahrer hinter ihr hupte und riss sie aus ihren düsteren Gedanken. Sie legte den Gang ein, ging von der Kupplung und bog in den frühmorgendlichen Verkehr. Gedanken an romantische Affären und One-Night-Stands verblassten mit den letzten Tönen des Liedes, und Beth konzentrierte ihre Gedanken auf den vor ihr liegenden Tag, während eine leise Stimme stichelte: Was wäre, wenn …?

Es gibt eine Regel im Brautgemach: Was dort gesagt wird, bleibt auch dort. Während die Friseurin am Haar der Braut arbeitete, entspannte ihr Gefolge sich im Sitzbereich der geräumigen Hotelsuite, trank Champagner und tratschte. Das heiße Thema des Augenblicks war ein gewisser Dr. Gabriel North. Obwohl Beth nicht bewusst zuhörte, fing sie hier und da einen Gesprächsfetzen auf, als sie im Raum umherging und Drew bei den Fotos von den letzten Momenten vor der Hochzeit assistierte. Sie schienen eine Menge über den guten Doktor zu wissen.

»… hat nach dem Tod seiner Frau eine erfolgreiche Praxis als Lungenspezialist aufgegeben. Arbeitet jetzt in der Notaufnahme …«

»… hat sich die Schuld an Ritas Tod gegeben.«

»Was ist eigentlich so eine Lungenembolie?«

»… kein nennenswertes Sozialleben, außer seiner Familie und Freunden …«

»Ist er nicht einer der Trauzeugen?«

»… sieht so verdammt gut aus, und hast du diese tollen Haare gesehen?« Der Kommentar wurde gefolgt von einem kollektiven Seufzer. Die Friseurin grinste Beth zu, während sie eine antike Perlenschnur durch das aufgesteckte Haar der Braut wand. »Kann ich alles nur bestätigen. Ganz unter uns gesagt, so, wie der Doc seinen Smoking ausfüllt …« Sie verzog anerkennend das Gesicht. »Ich wette, außer der tollen Mähne und dem Grübchen am Kinn hat er auch einen verdammt scharfen Körper. Den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.«

Unsicher, wie sie reagieren sollte – sie fühlte eine Spur Sympathie und war jetzt auch ein wenig neugierig auf den Arzt geworden –, lächelte Beth nur und reichte der Friseurin noch eine Haarnadel.

Nach einer letzten Aufnahme von der Schwester der Braut, die liebevoll die Perlen im Haar der Braut befingerte, winkte Drew Beth, mit ihm den Raum zu verlassen. Als sie auf die Tür zuging, stand eine der Brautjungfern auf und strich den Rock ihres hautengen silbernen Kleides glatt.

»Nun, der weiblichen Bevölkerung von Lexington wird ein erstklassiges Exemplar der männlichen Spezies vorenthalten, und ich denke, es ist höchste Zeit, dass jemand Gabe – Gabriel – ins Land der Lebenden zurückholt.« Sie ging durch den Raum, überprüfte den Sitz ihres Kleides in den drei Drehspiegeln und zog ihrem Spiegelbild einen Kussmund. »Und wenn ich nicht so wahnsinnig in meinen Freund verliebt wäre, würde ich ihm glatt persönlich auf die Sprünge helfen.«

Zustimmendes Gemurmel erfüllte den Raum, gefolgt von einer weiteren Diskussion, wie man Dr. North wohl am besten in Versuchung führen konnte. Die Bemerkungen der Rothaarigen erinnerten Beth daran, was Connie zum Abschied im Cracker Barrel gesagt hatte – dass sie endlich wieder ein Liebesleben haben sollte. Freundinnen. Was würden wir ohne sie anfangen?

»Mom?« Drews sanfter Stupser holte Beth in die Gegenwart zurück. Mit einem letzten Blick durch den Raum vergewisserte sie sich, dass kein Teil der Ausrüstung liegen geblieben war, und folgte ihm aus der Suite.

Der Rest des Nachmittags verging in einem Wirbel von Aktivitäten. Meistens musste Beth joggen, um mit Drew Schritt zu halten, der ständig zwischen den Locations hin und her flitzte, um einen besonderen Moment einzufangen. Ihre schmerzenden Zehen erinnerten sie daran, dass toll aussehende Schuhe keinen anhaltenden Tragekomfort garantierten, egal was auf dem Karton stand.

Jetzt, wo die Hochzeit vorüber und die Feier in vollem Gang war, war es Beths Aufgabe, die Braut und ihre Brautjungfern zu finden und zur nächsten Foto-Location zu lotsen, bis Drew mit einer langen Reihe von Familienportraits fertig war. Inzwischen hatte Beth mehrfach beobachtet, dass einzelne Hochzeitsgäste ihn ansprachen, einen Augenblick mit ihm plauderten und sich dann seine Visitenkarte geben ließen. Ihr Stolz auf ihn ließ sie sogar ihre schmerzenden Füße vergessen, jedes Mal, wenn sie ihm zusah, wie er einem potenziellen zukünftigen Kunden lächelnd die Hand schüttelte.

Beth ging auf eine hohe üppige Hecke zu, um etwas Schatten zu finden und zu Atem zu kommen, und blickte einen Moment über die Menge der Gäste, die in dem für die Feier abgeteilten Gartenbereich herumschlenderten. Sie rückte den Kamerariemen auf ihrer Schulter zurecht und hielt Ausschau nach Drew.

Lärmendes Gelächter lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine Gruppe Männer, etwas von der Menge entfernt. Der gut aussehende Bräutigam, der von einem Ohr zum anderen grinste, wurde von Männern umringt, die ihm gutmütig auf den Rücken schlugen. So, wie es aussah, bekam er gerade gute Ratschläge für seine Hochzeitsnacht. Auch Beth musste etwas grinsen. Vielleicht sollte sie den Bräutigam auch zu den Frauen aus der Brautsuite schicken, um sich ein paar Ideen zu holen, denn wenn er auch nur die Hälfte der Dinge schaffte, die sie sich für den Arzt ausgedacht hatten, würde er seine Braut sehr glücklich machen.

Beth dachte an ihre eigene Hochzeitsfeier zurück, als sie zusah, wie der Bräutigam sich über sein dunkles Haar strich und über etwas lachte, das einer der Männer sagte. Kurz nachdem sie sich das Jawort gegeben hatten, hatten Jamie und sie sich für einen Quickie verzogen – ausgerechnet in den Garderobenschrank der Kirche. Oh, wie selbstzufrieden sie gewesen waren, so jung und scharf aufeinander, sie waren sich so sicher gewesen, dass es ihnen gelungen war, sich von der Hochzeitsfeier zu verdrücken, ohne gesehen zu werden. Und wie peinlich es ihnen gewesen war, als sie unter dem donnernden Applaus ihrer Trauzeugen und Brautjungfern aus dem Schrank gekommen waren. Wenn sie dieses Gefühl nur hätten festhalten können …

Einer der Männer entfernte sich etwas von der Gruppe und zog ein Handy aus der Innentasche seiner Smokingjacke. Er musterte das Display, klickte einmal mit dem Daumen darauf und hielt es ans Ohr, die andere Hand auf die Hüfte gestützt. Der berüchtigte Dr. Gabriel North.

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