Logo weiterlesen.de
Luise Rinser und Lama Anagarika Govinda

Wissenschaftliche Schriftenreihe des Anagarika Govinda
Instituts für buddhistische Studien

Herausgegeben von Volker Zotz

Band 1

Benedikt Maria Trappen

Luise Rinser und
Lama Anagarika Govinda

Analyse und Dokumente ihrer Begegnung

Edition Habermann

München 2019

INHALT

Volker Zotz

Vorwort des Herausgebers

Benedikt Maria Trappen

„Sie wissen doch alles selber“
Luise Rinser und Lama Anagarika Govinda

Luise Rinser (1973)

Lama Govinda als Gast

Luise Rinser (1978)

Besuch aus Tibet

Anagarika Govinda, Luise Rinser

Briefwechsel

Luise Rinser

Briefe an Wieland Schmid und Karl-Heinz Gottmann

Anagarika Govinda

Die Antwort des Buddhismus

Danksagung

Vorwort des Herausgebers

Anagarika Govinda lebte die meisten Jahre seines Lebens zurückgezogen, um zu meditieren, zu schreiben und zu malen. Am Tor seines indischen Ashrams bat ein Schild in mehreren Sprachen, man möge umkehren und den Frieden des Lama nicht stören. Unmittelbare Unterweisungen beschränkte er auf wenige langjährige Schüler, von denen er ein großes Maß an Selbstständigkeit forderte. Seine Frau Li Gotami ließ er die Zeiten, in denen er zugänglich war, strikt begrenzen. In dieser beabsichtigten Abgeschiedenheit widmete Govinda einen großen Teil seiner Zeit anderen Menschen. Dies betrifft nicht nur die an eine weitgehend anonyme Leserschaft gerichteten Veröffentlichungen. Auch persönliche Kontakte pflegte Govinda, seit seinen Jugendtagen ein unermüdlicher Korrespondent, auf schriftlichem Weg. Tausende im Nachlass erhaltene Seiten belegen, wie er an durchschnittlichen Tagen mehrere Stunden mit dem Verfassen von Briefen an Schüler, Freunde und Leser zubrachte, von denen er in der Regel Abschriften oder Durchschläge aufbewahrte.

Neben Schreiben an Menschen, mit denen er über Jahre und Jahrzehnte Verbindungen pflegte, stehen solche an Ratsuchende aus aller Welt, denen er geduldig Auskunft gab. Erst als seit den späten 1960er Jahren durch die Wirkungen des internationalen Bestsellers Der Weg der weißen Wolken die Masse Fragender seine Kapazitäten zum Antworten weit überschritt, reagierte er zunehmend mit einem Vordruck, in dem er bedauerte, nicht mehr individuell zurückschreiben zu können.

Bis zu seinem oder deren Tod blieb Govinda Briefpartnern verbunden, mit denen er in persönlichem Austausch stand. Erst ein geringer Teil der Korrespondenzen wurde untersucht oder publiziert, so Govindas Verhältnis zu Jean Gebser (1905-1973)1 und zu dem deutschen buddhistischen Mönch Nyanaponika (Siegmund Feniger, 1901-1994).2

Unter den noch unerforschten Beziehungen war jene zur Schriftstellerin Luise Rinser. Benedikt M. Trappen, der schon Rinsers Verbindung zu Ernst Jünger3 untersuchte, schließt im vorliegenden Band mit seiner Analyse „Sie wissen doch alles selber“ diese Lücke. Bislang nahm sich weder die Literatur zu Luise Rinser noch jene zu Govinda des Themas an. Das ist einerseits verständlich, denn die Begegnung macht in den an Kontakten reichen Biografien beider Persönlichkeiten jeweils nur eine Facette aus. Andererseits erlauben auch Facetten oft wertvolle Aufschlüsse, und Rinser wie Govinda maßen ihrer Begegnung offenbar eine Bedeutung bei.

So schrieb Luise Rinser, sie habe in Govinda „einen geistesmächtigen Freund gefunden, der mich aus der Ferne leise lenkt […] ich fühle, daß er jeden meiner stummen Anrufe aufnimmt und stumm beantwortet. Er hat mir viel Gutes getan: er hat mich über die harte, hohe Ich-Schwelle getragen.“ Govinda seinerseits teilte Luise Rinser mit, „daß ich Ihnen oft nahe bin und daß ich unsere Begegnung als mehr als einen bloßen Zufall halte.“4

Der Analyse der Beziehung Rinsers zu Govinda durch Benedikt Maria Trappen folgen für das Dargestellte relevante Textdokumente.

Luise Rinser trug 1973 zu dem Band Wege zur Ganzheit, einer Festschrift anlässlich Govindas 75. Geburtstag, den Artikel „Lama Govinda als Gast“ bei, der einen Aufenthalt des Lama und seiner Frau in Rom behandelt. 1978 reflektierte Rinser dasselbe Ereignis in ihrem Tagebuch Kriegsspielzeug als „Besuch aus Tibet“. Eine vergleichende Lektüre der beiden hier aufgenommenen Erinnerungstexte macht deutlich, dass in Rinsers spätere Darstellung Motive des inzwischen erfolgten Briefwechsels und weitere Reflexionen einflossen. Ihre Schilderung löst sich damit vom Faktischen und wird zur Dichtung.

Rinser verfährt hier wie Govinda in autobiografischen Texten. Seinem Weg der weißen Wolken stellte dieser ein Zitat Tagores voran: „In Tatsachen gekleidet fühlt sich die Wahrheit eingeengt. Im Gewand der Dichtung bewegt sie sich frei.“5 Peter van Ham wertet Govinda entsprechend als Autor, „der sich nicht scheut, seine persönliche Sicht der Dinge in den Mittelpunkt des Berichts zu stellen, der sich bewusst ist über die Subjektivität der Darstellung und diese auch bewusst wählt.“6 Ob ein literarisches Umbilden von Geschehenem und das Auslassen oder Retuschieren biografischer Details zu „spirituell überhöhten Ungereimtheiten“7 führen oder zur Demut, die den Autor auf „Einsicht in sein inneres Leben“8 beschränkt, liegt im Auge des Betrachters. Wichtig ist das Gewahrsein, dass Rinser und Govinda im Verständnis, dichtend der Wahrheit des Gewesenen näher zu kommen, zum Stilisieren neigten. Dies lässt den Grad der Faktizität einzelner Angeben offen, etwa bei Rinsers zitierter Ansicht, der Lama lenke sie aus der Ferne.

Der Briefwechsel Rinsers mit Govinda wird gleichfalls in diesem Band dokumentiert, nicht vollständig, aber soweit er sich bislang in Archiven auffinden ließ. Dem folgen Briefe Rinsers an den Verleger Wieland Schmid, der die Festschrift zu Govindas 75. Geburtstag vorbereitete, und an Karl-Heinz Gottmann, Govindas Hauptschüler und Nachfolger in der Leitung des Ordens Ārya Maitreya Ma??ala.

Abschließend finden sich als „Die Antwort des Buddhismus“ Govindas Beiträge zu Gerhard Szczesnys Band Die Antwort der Religionen (1964), von denen Rinser in „Lama Govinda als Gast“ schrieb, dass diese ihr unter allen Teilen des Bandes „den tiefsten Eindruck machten und die mir so entsprachen, als kämen sie aus mir selbst.“

So wirft vorliegender Band nicht nur Licht auf die Begegnung zweier Persönlichkeiten der jüngeren Geistesgeschichte, sondern macht auch eine zu ihrer Zeit stark beachtete Arbeit Govindas wieder zugänglich, die in einem halben Jahrhundert nichts an Aktualität einbüßte.

New Delhi, Februar 2019

Volker Zotz

Rudolf Hämmerli: „Jean Gebser und Lama Anagarika Govinda. Eine Freundschaft.“ In: Der Kreis 279/280 (November 2018), S. 4 – 12.

Lama Anagarika Govinda und Mahathera Nyanaponika: Briefe einer Freundschaft. München 1997. Die Zusammenstellung dieses Bandes nahm Miervaldis Millers vor.

Benedikt Maria Trappen: „Wem sonst als Ihnen?“ In: Luise Rinser, Ernst Jünger: Briefwechsel 1939 – 1944. Augsburg 2015.

Vgl. S. 54 und S. 61 in diesem Band

Lama Anagarika Govinda: Der Weg der weißen Wolken. Zürich und Stuttgart 1969, S. 19.

Peter van Ham: „Äußere Orte – Inneres Geschehen. Govinda auf dem Weg der weißen Wolken.“ In: Birgit Zotz (Hg.): Tibets Sachse. Ernst Hoffmann wird Lama Govinda. München 2016, S. 73-91, S. 75.

Van Ham, „Äußere Orte“, S. 81.

So meint Robert A. F. Thurman: „Introduction.“ In: Lama Anagarika Govinda: The Way of the White Clouds. S. 11-19, hier S. 14

Benedikt Maria Trappen

„Sie wissen doch alles selber“ Luise Rinser und Lama Anagarika Govinda

Vorbemerkung

Die Erhellung der Begegnung zwischen Luise Rinser und Lama Anagarika Govinda stützt sich auf veröffentlichte und unveröffentlichte Dokumente wie Bücher, Briefe, Tagebücher und Kalender sowie auf Auskünfte von Zeitzeugen. Zu letzteren zählen vor allem Volker Zotz, Christoph Rinser1 und José Sánchez de Murillo. In dessen aufschlussreicher, die Tiefenlogik, epochale Bedeutung und tragische Dimension des Lebens und Werkes erstmals erhellender Biografie Luise Rinsers2 wird die Begegnung zwischen ihr und Lama Govinda 1972 allerdings nicht erwähnt. Der sich daran anschließende Briefwechsel war Sánchez nicht bekannt.3 Auch im persönlichen Gespräch des späteren Biografen mit Luise Rinser in den Jahren 1995 bis 2002 war Lama Govinda niemals Thema.4 In seinem Nachwort räumt Sánchez allerdings ein, dass Luise Rinser „auch in den Phasen ihrer christlichen Begeisterung […] dem Buddhismus Entscheidendes zu entleihen“ wusste.5

Im Nachlass der Schriftstellerin befinden sich heute von den Büchern Lama Govindas nur Grundlagen tibetischer Mystik, Der Weg der weißen Wolken und Schöpferische Meditation.6 Entgegen der Gewohnheit Luise Rinsers ‚mit dem Bleistift zu lesen’ (Thomas Mann), weist nach Auskunft von Christoph Rinser nur ihr Exemplar von Grundlagen tibetischer Mystik Anstreichungen auf.7 Nicht vorhanden ist das von Luise Rinser in „Lama Govinda zu Gast“, ihrem Beitrag zur Festschrift Wege zur Ganzheit,8 erwähnte Buch Meditations-Sutras des Mahayana-Buddhismus,9 zu dem Lama Govinda das Vorwort geschrieben hat. Auch das in diesem Beitrag erwähnte Buch Die Antwort der Religionen10 ist nicht vorhanden. Das gilt leider auch für Wege zur Ganzheit. Da ein Teil ihrer Bibliothek in Rocca di Papa nach dem Tod Luise Rinsers durch Regenwasser beschädigt und von Christoph Rinser entsorgt wurde,11 kann zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass diese oder weitere Bücher einmal vorhanden waren. Welche Bücher und Texte Luise Rinsers Lama Govinda gelesen hat, lässt sich – bis auf die durch den Briefwechsel belegten Bücher – ebenfalls nicht mehr klären.12

Weder im Nachlass Luise Rinsers, noch im Nachlass von Lama Govinda konnten bislang Bilddokumente ihrer persönlichen Begegnung aufgefunden werden. Dies überrascht angesichts der Tatsache, dass Lama Govindas Frau Li Gotami, die auch Fotografin war, derartige Gelegenheiten in aller Regel in Bildern festhielt.

Der vorliegende Briefwechsel umfasst fünf Briefe von Lama Govinda an Luise Rinser sowie drei Briefe Luise Rinsers an Lama Govinda.13 Zusätzlich zu diesem Briefwechsel wurden weitere Schriftstücke berücksichtigt, die mit der Begegnung Rinsers mit Govinda in Zusammenhang stehen: zwei Briefe von Wieland Schmid14 an Luise Rinser und eine Karte von ihr an diesen sowie ein Brief von Karl-Heinz Gottmann15 an Luise Rinser und zwei Briefe Rinsers an Gottmann.

In Luise Rinsers persönlichem Kalender finden sich lediglich zwei kurze Eintragungen, am 24. September 1972: „Nachm. nach Rom, Lama Govinda abholen.“ Am 26. September 1972 heißt es: „Rom, Lama Govinda hineingebracht.“

In einem Brief Lama Govindas vom 9. Oktober 1972 an Karl-Heinz Gottmann findet sich folgende kurze Mitteilung über den Aufenthalt: „Wir waren die ersten zwei Tage (durch Vermittlung von Basedow,16 der uns in Castiglioncello im Hotel anrief) bei einer deutschen Schriftstellerin Luise Rinser in Rocca di Papa im Albanergebirge zu Gast. Sie holte uns von der Bahn ab und fuhr mit uns in ihrem Auto zwei Tage lang in Rom herum. Wir siedelten dann in ein sehr nettes Hotel um, das sehr zentral in der Nähe der spanischen Treppe gelegen war.“ Formulierung und Zeichensetzung lassen vermuten, dass Lama Govinda zu diesem Zeitpunkt Leben und Werk Luise Rinsers noch unbekannt waren.

Luise Rinser hat die Begegnung mit Lama Govinda in ihrem Beitrag zur Festschrift anlässlich des 75. Geburtstages von Lama Govinda und in ihrem Tagebuch Kriegsspielzeug17 festgehalten.

Luise Rinser und Lama Anagarika Govinda

Luise Rinser schätze – und liebte – wie man weiß18 den katholischen Priester und Theologen Karl Rahner in besonderer Weise. Umso erstaunter nimmt man daher zur Kenntnis, was Sie 1973 in ihrem Beitrag zur Festschrift anlässlich des 75. Geburtstages von Lama Govinda über das 1964 erschienene Buch Die Antwort der Religionen schreibt:

„Vor fast zehn Jahren las ich das Buch ‚Antwort der Religionen’. Der Initiator und Herausgeber Gerhard Szczesny stellte an je einen Vertreter der großen Religionen eine Reihe von Fragen. Ich greife einige heraus […] Was ist die ‚Seele’, was bedeutet ‚Unsterblichkeit’ des Menschen, worin besteht ‚das Heil’ des Menschen […] ist die Geschichte der Menschheit zugleich eine Geschichte des Fortschritts, enthalten alle Religionen Wahrheit […] wie verhalten sich Religion und Politik zueinander? […] Auf diese Fragen antworteten sieben Menschen […] Für den Katholizismus Karl Rahner […] und J. B. Metz […] Für den Buddhismus antwortete Lama Govinda. Ich wußte nicht, wer dieser Govinda ist, aber seine Antworten waren diejenigen, die mir (obwohl ich katholisch bin und mich viele Jahre mit Theologie beschäftigt habe) den tiefsten Eindruck machten und die mir so entsprachen, als kämen sie aus mir selbst.“19

Die Schriftstellerin, die durch den Komponisten Heinrich Kaminski, den Lehrer ihres ersten Mannes Horst Günther Schnell20, bereits 1935 auf östliches Denken und das Werk Hermann Hesses aufmerksam geworden war, schreibt weiter:

„Nicht, als wären sie mir inhaltlich ganz neu gewesen – ich lese seit fast 40 Jahren in den Schriften des fernen Ostens. Aber die Art, in der dieser Govinda dachte und schrieb war so klar, so nüchtern und so genau, daß es mich geradezu entzückte […] Seine Sprache und die ihr zugrundeliegende Denkmethode waren europäisch. Mit dieser Methode kann er uns Europäern schwierigste östliche Inhalte nahebringen, ohne sie unerlaubter Weise zu vereinfachen und ohne tiefe Geheimnisse zu bloßer ‚Lebensphilosophie’ zu verdünnen. Ich dachte: Was für eine glückliche Verbindung zwischen östlicher und westlicher Bildung!“

Die Begegnung Luise Rinsers mit Lama Govinda geht auf das Jahr 1972 zurück. Karl-Friedrich und Katharina Basedow baten sie, den Lama und seine Frau Li Gotami für wenige Tage in ihrem Haus in Rocca di Papa zu beherbergen. Sie erinnert sich:21

„Beide sprachen Englisch, aber ich merkte bald, dass der Lama gut Deutsch verstand, was kein Wunder war, wie ich bald erfuhr […] Der Lama ist Deutscher.“

Luise Rinser, die „nie normalere Gäste aus fremden Ländern gehabt“ hat, erlebt die beiden, für die Rom die letzte Station einer zwei Jahre dauernden Reise vor der Rückkehr nach Indien ist, „bescheiden, freundlich, heiter.“ Zwar hatte sie „nichts Sensationelles erwartet, aber mir doch vorgenommen, einige Fragen zu stellen, meinen geistigen Weg betreffend.“ Lama Govinda aber sei auf ihre Andeutungen nicht eingegangen und habe lächelnd gesagt: ‚Sie wissen doch alles selber.’ Da er es sagte, schien es auch mir so zu sein“, führt Luise Rinser ihren Bericht fort.

„Wir sprachen also lieber über Kunst […] Wenn nun jemand denkt, daß [sic] sei ein spärliches Ergebnis einer Begegnung mit einem Weisen des Ostens, so hat er recht. Aber er hat auch nicht recht. Der Lama sagte mir, er fühle sich wohl in meinem Hause, es habe eine so gute Atmosphäre. Das bedeutet, daß es keiner Sensationen und keiner besonders tiefen Gespräche bedurfte. Es gibt eine Art des Zusammenseins, bei der eben das Zusammensein an sich DIE Begegnung ist.“ Die Sorge, vielleicht doch etwas versäumt zu haben, stellt sich erst später ein.22

Ein weiterer bedeutsamer Anlass für den Briefwechsel war Luise Rinsers Beitrag zur Festschrift anlässlich des 75. Geburtstages von Lama Govinda. Die Einladung zur Mitarbeit erfolgte kurzfristig am 27. Dezember 1972 durch Wieland Schmid unter Anknüpfung an den Besuch Lama Govindas im Herbst in Rom und unter Verweis auf bereits vorliegende Zusagen u. a. von Sigrid Strauss-Kloebe23 und Karlfried Graf Dürckheim.24 Am 23. Januar 1973 trifft Luise Rinsers Zusage auf einer Postkarte vom 10. Januar bei ihm ein:

„Ich bin bereit etwas für u. über Govinda zu schreiben, wenn ich auch nicht weiss, ob ich etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kann nur Eindrücke wiedergeben, meine ich. Aber vielleicht ist das auch wichtig.“ In seinem Antwortschreiben vom selben Tag dankt Schmid der Schriftstellerin, teilt ihr den Titel der Festschrift Wege zur Ganzheit mit und gibt den Umfang des erwünschten Beitrages - „zwischen 8 und 12 Schreibmaschinenseiten“ - an. Um Bedenken, die Luise Rinser geäußert hat25, zu zerstreuen, fügt er hinzu:

„Wir halten es übrigens für besonders wertvoll, wenn neben recht ‚kühlen’, eher wissenschaftlichen Beiträgen eine einfühlsame Frau mit persönlichen Eindrücken und Erlebnissen zu Wort kommt. Die Schrift wird dadurch wesentlich bereichert werden.“

In einem Brief an Karl-Heinz Gottmann fügt er ergänzend hinzu: „[…] und sie hat ja einen allerbesten Namen.“26

Luise Rinser schreibt darauf hin „Lama Govinda als Gast“ und schickt ihren Beitrag am 19. Februar 1972 mit einem erläuternden Brief an Karl-Heinz Gottmann:

„Hier ist mein kleiner Beitrag zu dem Buch. Ich habe absichtlich wenig über A. Govindas Ideenwelt gesagt, denn sie ist ja bekannt, und wenn jemand darüber schreiben will, dann sollen es ‚Fachleute’ tun.27 Ich beschränke mich auf eine Schilderung, eine Beschreibung meines Zusammenseins mit ihm.“

Sie weist darauf hin, dass sie „gar nichts Besonderes“ mit Lama Govinda erlebt habe, aber auch, „dass das nicht nötig war. Ich meine, das Zusammensein war schön auch so, und A. Govinda sowohl wie seine als schwierig bekannte Frau“28 hätten sie liebgewonnen und zu sich nach Indien eingeladen, wohin sie 1974 auch reisen wollte.

Über ihre Leseerfahrung schreibt sie in ihrem Beitrag zur Festschrift: „Ich lese seit fast vierzig Jahren in den Schriften des fernen Ostens […] Später las ich hier und dort Aufsätze von A. Govinda, so auch das Vorwort zu dem Buch ‚Meditations-Sutras’29, zu dem A. Govinda auch die Vignette auf dem Umschlag zeichnete: die Verbindung des Yin- und Yang Zeichens – die nämliche Zeichnung, die ich später als Schmuck- und Würde-Abzeichens an einer Kette am Halse Govindas wiedersah.“

Ihre biografischen Angaben folgen dem Mythos, der eine wesentliche Grundlage ihres schriftstellerischen Erfolges im Nachkriegsdeutschland wurde:

„Unter Hitler ab 1941 Publikationsverbot, 1944-45 im Gefängnis30. Etwa 20 Bücher (Romane und Essays, übersetzt in – ich glaube mehr als – 18 Sprachen.“31

Karl-Heinz Gottmann lässt Luise Rinser wissen, dass Lama und Li Gotami Govinda ihr Haus in Almora bei der Rückkehr zum Teil eingestürzt vorfanden und Lama Govinda bereits die nächste Reise in die USA plane. Luise Rinser bedauert das Unglück und rät von weiteren Reisen ab,

„nicht nur, weil es ihn dort so sehr anstrengt, sondern weil er aus der Ferne und Stille heraus mehr bewirken könnte. – Ich beginne, all diese Reisen ‚indischer Weiser’ kritisch zu betrachten32. Die Leute in Europa u. den USA nehmen östliche Weisheit wie Drogen zu sich – und dann leben sie weiter wie bisher, bloß haben sie dann dazu noch das Gefühl, etwas zu wissen u. mehr zu sein als andere.“

Die Lebenssituation

Im Januar 1965 hat Luise Rinser ihr Haus in Rocca di Papa bezogen.33 Seit der Scheidung von Carl Orff 1960 lebt sie allein. Sie liebt die Stille, die ihre schöpferische Arbeit fördert und sehnt sich doch nach einer Klosterzelle „mit sozusagen nichts darin.“ Sie schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Für Sie über Lebensfragen und berichtet aus Rom vom Zweiten Vatikanischen Konzil. Trotz ihres Erfolges bei den Lesern leidet sie darunter, von der literarischen Fachwelt nicht ernst genommen oder verrissen zu werden und bald völlig vergessen zu werden. Mit dem Abt Johannes Maria Hoeck, den sie 1955 kennen lernte, und dem katholischen Theologen und Priester Karl Rahner lebt sie seit 1962 ihr „klerikales Liebesdreieck“, was 1964 zu einer herz- und nervenzerreißenden Krise führt, die für Luise Rinser zugleich Lebens-, Schaffens- und Glaubenskrise wird, aus der sie 1967 „mit Vehemenz zum Glauben“34 zurückkehrt. Sie sehnt sich nach jenem „ES, das die Liebe selbst ist“, lernt „im Augenblick leben“, begegnet immer wieder Jugendlichen, denen sie zuhört, hat „die ganze Theologie satt, satt, satt“ und wendet sich der Politik zu. In Willy Brandt bewundert sie die Vereinigung von Denken und Gefühl, Stärke und Verletzlichkeit, seine Intuition und sein Bemühen um Frieden. In seiner Handschrift erblickt sie einen Menschen, „der zwar mit beiden Beinen auf der Erde bleibt, aber auch ‚nach oben‘ gespannt ist. Sie entdeckt die Ruhe und Gutmütigkeit Irlands als „eine einheimische Provinz meiner PersonLandschaft“ und reist in die Sowjetunion. Zu Beginn des Jahres 1972 arbeitet sie an dem Tagebuch Grenzübergänge und begegnet dem Physiker und Philosophen Carl-Friedrich von Weizäcker. Konfrontiert mit ihren Hitler verherrlichenden Gedichten von 1933, leugnet sie, deren Verfasserin zu sein. Zu Unrecht wird sie in einer vom Springer Verlag ausgehenden Medienkampagne terroristischer Umtriebe bezichtigt. Im August stirbt ihre Mutter. Im November fliegt sie in die USA. Luise Rinser ist 61 Jahre alt.

Lama Govinda steht im 75. Lebensjahr. 1928 hatte er Europa verlassen, um drei Jahrzehnte nicht mehr zurückzukehren. 1938 nahm er die britisch-indische Staatsbürgerschaft an. Als erklärter Gegner des Nationalsozialismus verwendete er mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zu dessen Ende die deutsche Sprache nicht mehr. 1947 heiratete er die Inderin Li Gotami. Europa war ihm ein ferner Kontinent geworden, als er dort durch Bücher wie G

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Luise Rinser und Lama Anagarika Govinda" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen