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Luftnot und andere Krankengeschichten

Inhalt

Vorwort

Kinderwunsch

Luftnot 1

Maikäfer flieg

Schmale goldene Ringe

Lungenfibrose

Käthe Frehlmann stirbt

Gebrochenes Herz und bitterer Zucker

1. Danach: Wie ein Pflaster um ihr gebrochenes Herz

2. Vor der Diagnose

3. Leben lernen mit Diabetes

4. Remission

5. Akzeptieren, was nicht zu ändern ist, und selbst Verantwortung übernehmen

6. Wo die wilden Zuckerkerle wohnen

7. Den eigenen Platz im Leben finden

8. Es waren zwei Königskinder

9. So oder so ist das Leben

10. Ruhe in Frieden

Luftnot 2

Phönix aus der Asche

Luftnot 3

Abends

Zur Person

Vorwort

Humpty Dumpty sat on a wall,

Humpty Dumpty had a great fall.

All the King ’s horses and all the King ’s men

Couldn’t put Humpty together again.

Des Rätsels Lösung ist ein zerbrechliches Ei. Es kullert von der Mauer, zerspringt und wird auch mit größtem Aufwand nicht wieder so heil wie zuvor.1 – Die einstige Gesundheit ist weg, der Schicksalsschlag nicht völlig reparabel und gräbt tiefe Spuren. Alles ist nun anders.

Im Chor riefen wir den Kinderreim aus der englischen Sammlung Mother Goose mit zehn Jahren im Englischunterricht. Ich erinnerte mich erst wieder daran, als ich nun über meine Patientinnen und Patienten schreibe, über ihre Geduld und Kraft. Menschen, die nach der Diagnose einer schweren Krankheit ihr Aussehen, ihr Fühlen, ihre Hoffnungen ganz neu erfahren mussten, sind mir oft begegnet. Von ihnen sollen diese Kurzgeschichten handeln. Als Ärztin für Allgemeinmedizin habe ich sie über lange Zeit, teils bis in den Tod begleitet. Einige haben viel erzählt, andere streiften mich nur kurz in einer Krisensituation, im Notdienst, auf der Durchreise. Die Unsicherheit, der Schmerz, die Luftnot, die Schwäche graben Spuren in unser Selbstbild.

Wie kann ich etwas über diese eindrucksvollen Menschen mitteilen? Sie haben freiwillig einen Teil ihrer privatesten Geheimnisse mit mir geteilt. Die einzelnen Geschichten darf ich nicht weitergeben. Eine der besonders wichtigen Grundlagen für das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten ist die ärztliche Schweigepflicht. Schon etwa 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung sammelten griechische Ärzte die teils noch älteren Wurzeln der Medizinethik zu einem Gelöbnis. Nach Hippokrates von Kos werden diese Gebote und Verbote Hippokratischer Eid genannt: Was ich bei der Behandlung sehe und höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten.

Moderner formulierte der Weltärztebund das ärztliche Standesrecht 1948 in der Genfer Deklaration, die Schweigepflicht blieb dabei fast gleich: Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus wahren.

Im deutschen Strafrecht regelt § 203 StGB die Verletzung von Privatgeheimnissen durch zahlreiche Berufsgruppen wie Ärzte und Psychologen samt ihren Helfern, Anwälte, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Sozialarbeiter, Versicherungsangestellte und gewisse Amtsträger: Wer unbefugt ein fremdes Geheimnis, namentlich ein zum persönlichen Lebensbereich gehörendes Geheimnis oder ein Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis, offenbart … wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft

Deshalb habe ich den Patienten in jeder Kurzgeschichte neue Namen und Familien gegeben, manchmal das Geschlecht gewechselt, auch Schicksale aus meinem persönlichen Kreis von Verwandten und Bekannten untergemischt. Vor allem habe ich Motive verschiedener Menschen zu einer Geschichte zusammengefasst. Die Details der Krankheiten sind wahr, sie gehören aber zu mehreren Leben in neuer Kombination. Ein Fragment erinnert vielleicht an die kranke Frau A. oder den toten Nachbarn B., doch sind sie verkleidet und ihre ganze Geschichte steht hier nicht.

Ich danke allen Frauen, Männern und Kindern, die mich an ihren guten und schlechten Tagen teilnehmen ließen. Oft haben sie mich sehr berührt, auch zu Tränen gerührt, sie haben mich vieles gelehrt.

Ich danke meinem Mann und meinen Kindern für die Liebe, mit der sie eine oft abwesende Frau und Mutter getragen haben. Auch wenn mein Kopf und meine Hände woanders waren – mein Herz war immer bei Euch!

Petra Fischer

1Es gibt geistreiche Deutungen von Humpty als historische Kanone oder Richard III., doch die Geschichte vom kaputten Ei leuchtet sofort ein.

Kinderwunsch

Lukas und Laura sind füreinander geschaffen. Ihre Hände passen ineinander. Lauras Nase schmiegt sich exakt in die Kuhle unter seinem Ohr. Er mag ihre Stimme und sie seine. Sie schnuppert an seiner Schläfe und schnurrt. Er streicht über die Härchen auf ihrem Unterarm und sie bekommt sofort eine Gänsehaut. Am ersten Tag schon ist klar, dass sie zusammenbleiben werden. Die ewige Frage stellt sich nicht, ob Liebe aus bewusster Wahl entsteht oder einer Abfolge biochemischer Reaktionen folgt – alles passt. Beide studieren noch, sie auf Lehramt, er Meeresbiologie. Unterm Weihnachtsbaum liegt ein schmales Buch für sie: der Reiseführer für Paris in den Semesterferien. Sein Weihnachtsgeschenk bauscht sich im Packpapier: Sie hat ihm einen Pullover für Expeditionen ins Eismeer gestrickt.

Er fährt zur See.

»Pass auf dich auf!«

»Alles Gute für deine Prüfung!«

Drei Monate Trennung und Sehnsucht.

Lukas kehrt mit braunen Armen in ihre zartgoldenen Arme zurück. Muskelbepackt von der schweren Arbeit an Deck hebt er seine wunderschöne Braut in die Luft und wirbelt sie herum. Er setzt sie aber schnell wieder ab, denn der Rücken tut ihm weh. Lukas hat wohl zu oft das schwere Tauchboot gestemmt. Nun wird er erst einmal die Forschungsergebnisse auswerten und seinem Rücken etwas Ruhe gönnen.

Sie gehen ins Kino und dösen am Strand. Manchmal begleitet er Laura ins Fitnessstudio. Dann holt er sie nur noch dort ab.

Eines Sonntags beim Frühstück – Mohnbrötchen mit Honig und Omas Quittenmarmelade – kann er ihr kaum in die Augen schauen. »Es tut immer mehr weh in meinem Rücken, schon seit Stunden. Hast du eine Schmerztablette?«

Sie bringt ihm Ibuprofen 200. »Hast du deine Knöchel und Finger gesehen? Die wirken so geschwollen. Du läufst ganz steif. Geh zum Arzt!«

Es ist Sonntag. Er will es aufschieben, doch sie kutschiert ihn zum Bereitschaftsdienst. Das Warten auf den harten grauen Schalensitzen tut ihm weh. Nachts und morgens ist der Schmerz besonders stark. Bei der Untersuchung merkt er erst, wie schwer ihm manche Bewegungen fallen.

Die Ärztin schließt eine Überanstrengung oder frühen Verschleiß nicht völlig aus, sie hat aber eine rheumatische Erkrankung im Verdacht: Spondylitis ankylosans – verbiegende Wirbelentzündung, auch Morbus Bechterew genannt, eine Autoimmunkrankheit mit Beginn im jungen Erwachsenenalter. Für heute bekommt er Cortison und Ibuprofen, Lukas ist kein Notfall für die sofortige stationäre Aufnahme. Doch ab morgen soll die Hausärztin dem Verdacht nachgehen, mit allgemeinen und speziellen Bluttests wie HLA-B27, wahrscheinlich wird ein Kernspintomogramm gemacht.

Der Verdacht erhärtet sich, wenn auch nicht alle Symptome genau passen. Laura hat über Stunden Dr. Google beforscht. Sie sitzt blass und einsilbig vor dem Fernseher.

Die Wartezeit auf den ersten Termin beim ersten Orthopäden schleppt sich dahin. Sie ist nur ein Vorbote der nun folgenden jahrelangen Odyssee zwischen diversen Rheumatologen und Orthopäden. Mit manchen kommt Lukas nicht klar, in der Großpraxis wartet man ewig, einer geht in den Ruhestand, dann ziehen Lukas und Laura um und müssen von Neuem suchen. »Warten Sie hier.« – »Sie sind dran.« – »Der nächste Termin ist im Februar.«

Symptome und Therapien wechseln. Die Diagnose Bechterew wackelt, weil typische Puzzlesteine fehlen oder untypische dazukommen. Eine Zeit lang kombiniert Lukas Ibuprofen-Tabletten und Sport mit Eis und spritzt sich selbst Methotrexat unter die Bauchhaut. Dazwischen gibt es auch Physiotherapie, Cortison, Sulfasalazin und Leflunomid. Meist geht es ganz gut ohne Medikamente.

Dann kommt ein schwerer Schub mit Schmerzen, Warten auf den Arzttermin, Enttäuschung und neuer, stärkerer Medizin. Wochenlange Rekonvaleszenz. Er trainiert nun mehrmals pro Woche im Fitnessklub und macht krankengymnastische Übungen. Die Schmerzen schwinden, er setzt alle Tabletten ab. Nach dem nächsten Bechterew-Schub bleibt er doch bei einer kleinen Erhaltungsdosis.

Die körperliche Arbeit auf See schafft ihn total. Lukas muss praktische Aufgaben für seine Masterarbeit an Helfer abgeben. »Satteln Sie um«, rät die Hausärztin. Schweren Herzens findet er sich ab mit einer Zukunft im Labor und am Computer. Nachts weint er lautlos über diesen Verlust, sein Leben zerrinnt gerade in einer Krankheit.

Es dauert, bis er sich neu orientiert hat. Im rechten Moment wird eine Stelle am Schreibtisch für den frischgebackenen Wissenschaftler frei, die der Naturbursche früher belächelt hätte. Mit seiner Erfahrung auf dem Meer fällt er unter den blassen Theoretikern schnell auf und erklimmt die ersten Stufen der Karriereleiter.

Laura ist nun Lehrerin für Englisch und Geografie, fachfremd gibt sie auch andere Fächer. Es lief nicht wie erhofft, dass der Lehrermangel die fertigen Referendarinnen elegant auf unbefristete Stellen und über kurz oder lang in die Verbeamtung spülen würde. Sie sind zu einem ganzen Trupp von Aushilfskräften degradiert worden, Vertretungslehrern, Springern, die mal eine Krankmeldung und mal eine Erziehungszeit überbrücken und dann ins nächste Kollegium der nächsten Schule abkommandiert werden.

Sie gehört nicht richtig zu den Lehrern und lernt die Schüler viel zu wenig kennen, vor allem die stillen. Auf die schwierigen kann sie nicht langfristig einwirken.

Die befristeten Verträge laufen vom Ende der Sommerferien bis zum Anfang der nächsten. Am ersten Tag danach melden sie sich zu elft bei der Arbeitsagentur arbeitslos. Darin hat sie inzwischen Routine, trotzdem gibt es ihr jedes Jahr einen kurzen Stich. So hatte sie sich ihren Beruf nicht vorgestellt. Ich bin jemand, der vollkommen normal erscheint, denkt Laura. In Wahrheit bin ich die letzte Wahl, ein Putzlappen, den das Kultusministerium mal in diesen und mal in jenen Eimer tunkt.

Sie denkt an den Englischunterricht vom Morgen. Grammatik muss auch sein. Ein Mädchen schlenderte mittendrin zum Waschbecken in der vorderen Ecke, kämmte sich in aller Ruhe die Haare und zog den Lidstrich nach. Sie lachte in den Spiegel. Nicht provozieren lassen, ruhig reagieren. Morgen wird ihnen etwas anderes einfallen. Lehrer haben nicht viele Möglichkeiten. Noch weiß sie nicht, dass sie gleich einen Umschlag aus dem Briefkasten ziehen wird: Endlich hat sie eine feste Stelle, unbefristet.

Laura und Lukas schieben in Sektlaune Zettelchen mit Plänen über den Tisch. Heiraten steht ganz obenan. Arbeiten. Die Welt sehen. Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge. Wenn sie eine Familientradition auf L gründen, dann vielleicht Lina und Leo. Ein Haus im Grünen oder die große Wohnung in der Stadt?

In den nächsten Jahren heiraten sie glanzvoll, gehen in der Arbeit auf und bereisen fünf Länder und neun Städte. Lukas spürt einen erträglichen Schmerz an der unteren Lendenwirbelsäule und am Kreuzbein, manchmal an der Schulter oder der Achillesferse.

Er kauft zwei schwarze Yogamatten, für zu Hause und für das Labor, das er inzwischen leitet. An manchen Tagen entrollt er sie in seinem Büro und streckt sich in der Mittagspause flach auf dem Boden aus.

Er spendiert der Teeküche eine Mikrowelle. Sein Arbeitsteam wärmt darin begeistert Nudeln oder Fertiggerichte, Lukas erhitzt darin sein schmerzlinderndes Kirschkernkissen. Im Laborkühlschrank liegen seine Eispacks, er benötigt sie nicht oft.

Sie staunen, wie einig sie sind, dass genau jetzt der Zeitpunkt für Kinder gekommen sei.

»Sag ja, mein Morgenstern.«

»Ja, du Süßholzraspler.«

Laura setzt die Pille ab und wählt unter den Fruchtbarkeitsapps diejenige aus, die den Eisprung mit einem bebenden rosa Herzchen ...

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