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Lügen haben sexy Beine

Maureen Child

Lügen haben sexy Beine

1. KAPITEL

„Hi, ich bin Ihre neue Haushälterin.“

Völlig sprachlos musterte Tanner King die Frau, die vor ihm stand. Süße Kurven, herzförmiges Gesicht, volle Lippen, ungefähr Mitte zwanzig. Das schulterlange flachsblonde Haar fiel auf ihr gelbes T-Shirt, und ihre ausgewaschene Jeans schmiegte sich wie eine zweite Haut um ihre nicht sehr langen, aber wohlgeformten Beine. Ihre blassblauen Augen strahlten, und wenn sie lächelte, hatte sie auf der linken Wange ein Grübchen.

Dieser Wahnsinnsanblick ließ Tanner alles andere als kalt. Schockiert über seine unerwartete Reaktion auf diese attraktive Frau, schüttelte er abwehrend den Kopf. „Nein, sind Sie nicht.“

„Was?“, fragte sie lachend.

Der Klang ihres Lachens betörte ihn. Und die Wärme, die durch seinen Körper schoss, erinnerte ihn schmerzlich daran, wie lange er schon keine Frau mehr gehabt hatte.

Wieder schüttelte er den Kopf und sagte: „Sie können gar keine Haushälterin sein.“

Erstaunt hob sie eine Augenbraue. „Und Sie wissen das so genau, weil …?“

„Weil Sie noch nicht alt genug sind.“

„Na ja“, erwiderte sie, „so schmeichelhaft das auch ist. Ich versichere Ihnen, ich bin alt genug, um ein Haus in Schuss zu halten. Wen haben Sie erwartet? Mrs. Doubtfire?“

Damit spielte sie auf die Komödie an, in der sich Robin Williams als alte schrullige Frau ausgegeben hatte. Tanner nickte. „Ja, genau.“

„Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen.“ Als sie ihn angrinste, sah er wieder dieses süße Grübchen.

Ach was, von Enttäuschung konnte gar keine Rede sein! Genau das war ja das Problem. An dieser Frau gab es einfach nichts auszusetzen. Außer vielleicht, dass Tanner sie auf keinen Fall einstellen durfte. Denn die Gefahr, durch sie abgelenkt zu werden, war einfach zu groß. Und dieses Risiko wollte er keinesfalls eingehen.

„Okay, noch mal von vorne“, sagte sie und streckte die Hand aus. „Ich bin Ivy Holloway, und Sie sind Tanner King.“

Er zögerte einen Moment, schüttelte aber schließlich ihre Hand. Weil diese Berührung ihn abermals elektrifizierte, ließ er schnell wieder los. Das war der endgültige Beweis. Sie konnte nicht bleiben. Auf gar keinen Fall.

Seit er vor zwei Monaten in dieses Haus gezogen war, ging alles drunter und drüber. Immer wieder kam es zu Verzögerungen oder Problemen. Daher war Tanner erstaunt, dass diese Begegnung ihn dermaßen aus der Fassung brachte. Denn im Prinzip war es bloß eine Störung neben vielen anderen.

Langsam ging die Sonne unter, und die Abenddämmerung brach über das Valley herein. Der kühle Wind, der von den Bergen herüberwehte, strich durch das weiche blonde Haar der Frau, die ihn ansah, als wäre er ein Außerirdischer. Und daraus konnte er ihr nicht einmal einen Vorwurf machen.

Wahrscheinlich musste ein Mann, dem seine Privatsphäre heilig war, auf solche Überfälle gefasst sein, wenn er in eine Kleinstadt zog, in der jeder über jeden Bescheid wusste. Tanner hatte keinen Zweifel daran, dass ganz Cabot Valley förmlich vor Neugier platzte und alles über ihn wissen wollte. Doch er hatte keine Eile, diese Neugier zu befriedigen. Er war hierhergekommen, weil er sich nach der Ruhe gesehnt hatte, die er für seine Arbeit brauchte.

Doch was Ruhe betraf, hatte er mittlerweile fast die Hoffnung aufgegeben. Er blickte in die Ferne, auf die Felder voller Tannenbäume, die zu dem benachbarten Grundstück gehörten. Ein eigentlich beschaulicher Anblick, geradezu friedlich, könnte man meinen. Doch die Wirklichkeit sah leider anders aus. Als Tanner merkte, dass Ärger in ihm hochstieg, schluckte er und bemühte sich, sich zu beruhigen.

„Sehen Sie“, sagte er und blockierte vorsichtshalber den Eingang, indem er einen Arm ausstreckte und sich am Türrahmen abstützte. „Es tut mir leid, dass Sie extra hierhergekommen sind. Aber Sie entsprechen leider nicht meinen Vorstellungen. Ich werde ihnen den Zeitaufwand selbstverständlich ausgleichen.“

Nach Tanners Erfahrung konnte man Menschen – vor allem Frauen – mit einer Entschädigung leicht zufriedenstellen. Wenn Exfreundinnen mit Diamantarmbändern einverstanden waren, würden sich Haushälterinnen, die nicht hierher passen wollten, sicher über einen kleinen Scheck freuen.

So einfach war das.

„Wieso wollen Sie mich bezahlen, wenn ich doch noch gar nicht für Sie gearbeitet habe?“

„Weil ich glaube, dass Sie genau das nicht tun sollten.“

„Brauchen Sie denn keine Haushälterin?“, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Brüste kamen dadurch so gut zur Geltung, dass Tanner instinktiv einen Blick riskierte – diesen Anblick zu ignorieren, hätte er ohnehin nicht geschafft. Ihre Brüste waren rund und voll, sie hatte ein sehr schönes Dekolleté. Oh nein, wie hätte er so etwas ignorieren können?

„Doch, natürlich.“

„Schließlich war es Ihr Anwalt, der mir diesen Job verschafft hat. Also wo liegt das Problem?“

Das Problem ist, dachte er, dass ich mich offenbar nicht klar genug ausgedrückt habe, als mein ach so guter Freund und Anwalt Mitchell Tyler versprochen hat, mir eine Haushälterin zu vermitteln. Wahrscheinlich war es Tanners eigene Schuld, denn er hatte dem Kerl verschwiegen, dass er eine ältere und am besten hässliche Person wollte.

Wegen der langwierigen Renovierungsarbeiten am Haus rannte Tanner ohnehin die Zeit davon. Noch mehr Komplikationen konnte er absolut nicht gebrauchen.

Und Ivy Holloway würde ihm das Leben schwer machen. Denn sie würde ihn ablenken. Garantiert.

Während er noch vor sich hingrübelte, schlüpfte sie einfach unter seinem Arm hindurch ins Haus. Jetzt hatte Tanner keine Chance mehr, sie aufzuhalten. Außer er hätte sie gepackt und zurückgetragen. Das wäre nicht schwer gewesen. Sie war so klein, dass er sie im Nu über die Schulter hätte legen und auf den Rasen zurücktragen können. Doch als ahnte sie, was ihm gerade durch den Kopf ging, lief sie schnurstracks ins Wohnzimmer. Dort blieb sie schließlich stehen und sah sich beeindruckt um.

„Wahnsinn“, flüsterte sie, während er ihrem Blick folgte.

Dunkles Holz und Glas dominierten die Ausstattung. Und der Blick auf die Felder mit den Bäumen, die Tanner in den letzten zwei Monaten fast in den Irrsinn getrieben hätten, war wundervoll. Das geräumige Wohnzimmer war mit einigen Sofas und Sesseln bestückt, die zu Sitzgruppen angeordnet worden waren. Allerdings vermittelten sie den Eindruck, nicht oft benutzt zu werden. Das Herzstück des Zimmers bildete ein gewaltiger Kamin, in dem Tanner mühelos hätte aufrecht stehen können. An den Wänden waren hohe Bücherregale, und auf dem honigfarbenen Eichenparkett standen blank polierte Beistelltischchen. Im Prinzip entsprach alles seinen Ideen und Vorstellungen, wenn nicht …

„Die meisten hier würden sterben, um einen Blick auf das zu werfen, was ich gerade sehe“, rief sie. „Die ganze Stadt kommt vor Spannung fast um, seit Sie dieses Haus renovieren.“

„Mag sein, aber …“

„Ist doch auch klar“, sagte Ivy und warf ihm einen Seitenblick zu. „Nach all den Jahren, in denen das Anwesen verwaist und völlig heruntergekommen war. Und dann tauchen plötzlich Sie auf, kaufen es und krempeln alles um.“

Ja, das konnte er natürlich verstehen. Schließlich hatte er ein Vermögen dafür ausgegeben, dass die King-Baugesellschaft in zehn Monaten etwas schaffte, was normalerweise zwei Jahre gedauert hätte. Er hatte sehr genaue Vorstellungen von dem Umbau gehabt, die dann von einem seiner Cousins, einem Architekten, umgesetzt worden waren. Die eigentlichen Arbeiten am Haus hatte Tanner selbst mit Argusaugen verfolgt, um zu ja verhindern, dass etwas schieflief. Dieses Anwesen sollte schließlich sein Allerheiligstes werden, sein Zufluchtsort – sicher, abgeschieden und friedlich.

Beim Gedanken daran, wie schnell diese Vorstellungen an der Realität gescheitert waren, stieß er einen verächtlichen Laut aus.

„Wo geht’s denn hier zur Küche?“, fragte Ivy und zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Er zeigte in eine Richtung. „Da entlang, aber …“

Zu spät, sie war bereits auf dem Weg, und die Absätze ihrer Stiefel klackerten energisch auf dem Holzboden. Gezwungen, ihr zu folgen, bemühte sich Tanner, wenigstens nicht ständig auf ihren wohlgeformten Po zu starren.

„Oh mein Gott“, flüsterte sie beeindruckt, fast als hätte sie eine Kathedrale betreten.

Die Küche war ebenfalls geräumig, die cremefarbenen Wände und hellen Eichenschränke verliehen dem Raum eine gewisse Weite. Unter den honigfarbenen Regalen erstreckten sich die Arbeitsflächen aus Granit. Und über der alten Farmhausspüle war ein großes Fenster, aus dem man den gesamten Hinterhof überblicken konnte. Selbst in der Dämmerung ein beeindruckender Anblick – mit den alten Bäumen, den Büschen und den Wildblumen, die wie fröhliche Farbtupfer wirkten.

„Hier zu kochen wird wahrscheinlich wie Urlaub sein“, murmelte Ivy und lächelte Tanner an. „Sie sollten mal meine Küche sehen! Viel zu eng, und mein Kühlschrank ist älter als ich.“

Ivy steuerte auf den Kingsize-Kühlschrank zu und öffnete ihn. Nachdem sie einen neugierigen Blick hineingeworfen hatte, sah sie Tanner skeptisch an. „Bier und Salami? Das ist alles?“

„Da muss auch noch irgendwo ein Rest Schinken sein“, sagte er zu seiner Verteidigung. „Und ein paar Eier.“

„Genau zwei.“

„Dafür ist die Gefriertruhe gut gefüllt“, rechtfertigte er sich, obwohl er das gar nicht wollte. „Ich verhungere schon nicht.“

Sie sah ihn an, als wäre er ein kleines Kind, das schwer von Begriff war. „Sie haben diese wunderbare Küche, und das Einzige, was Sie benutzen, ist die Mikrowelle, um Fertiggerichte aufzuwärmen?“

Mürrisch verzog Tanner den Mund. Es war ja nicht so, als hätte er nichts anderes zu tun gehabt! Außerdem hatte er ab und zu durchaus darüber nachgedacht, selbst zu kochen. Oder jemanden zu engagieren, der das für ihn tat, jedenfalls irgendwann mal.

„Egal.“ Kopfschüttelnd schloss Ivy die Kühlschranktür und sagte: „Okay, ich kaufe ein paar Lebensmittel ein und …“

„Das kann ich selbst.“

„Oh“, entgegnete sie, „das werden Sie auch. Aber ich gebe die Bestellung auf, da Sie offenbar vergessen haben, was man in einem ordentlichen Haushalt braucht.“

„Ms. Holloway …“ Selbst für Tanner klang das eine Spur zu streng.

Sie winkte ab. „Nennen Sie mich ruhig Ivy, das machen alle.“

„Ms. Holloway“, wiederholte er absichtlich und sah, wie sie eine Augenbraue hob. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Sie hier nicht arbeiten können.“

„Wieso glauben Sie das?“, fragte sie und fuhr sanft, fast liebevoll, über die hellen Granitflächen. „Vielleicht bin ich ja sehr gut in meinem Job. Möglicherweise sogar die beste Haushälterin der Welt. Geben Sie mir wenigstens eine Chance, anstatt mich von vorneherein abzulehnen.“

Und was für eine Chance ich ihr geben würde, dachte Tanner. Allerdings völlig anders, als sie denkt. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. Sie roch nach frischen Zitronen, und Tanner musste sich beherrschen, um sich nicht von ihrem Duft bezaubern zu lassen.

Wäre Mitchell jetzt hier, sein ehemaliger Mitbewohner aus Collegetagen, würde er Tanner wahrscheinlich den Hals umdrehen wollen. Seit Jahren versuchten Mitchell und dessen Frau Karen, Tanner eine ‚nette‘ Frau zu vermitteln. Sie hatten für ihn bereits mehrere Abendessen mit weiblichen Überraschungsgästen oder sogar Partys mit Unmengen von Frauen organisiert. Alles nur, um ihn aus seinem Schneckenhaus zu locken.

Die Sache war nur die: Tanner hatte gar nicht das Gefühl, in einem Schneckenhaus zu leben. Es hatte ihn Jahre gekostet, sich vom Rest der Welt zu distanzieren, um seine Ruhe zu haben. Und er hatte nicht das geringste Interesse daran, jemanden zu nahe an sich heranzulassen. Er hatte Freunde, Cousins und Halbbrüder. Er brauchte sonst niemanden. Aber erzähl das mal deinen verheirateten Freunden, dachte er. Manchmal hatte er das Gefühl, dass ein verheirateter Mann jeden seiner Geschlechtsgenossen zur Ehe überreden wollte. Doch was das betraf, musste Tanner seinen Kumpel Mitchell enttäuschen. Auch wenn der es noch so oft versuchte.

Ivy Holloway war der lebende Beweis dafür. Wahrscheinlich hatte Mitchell gedacht, es wäre eine gute Idee, die Dorfschönheit auf Tanner anzusetzen. Damit wollte er ihn vermutlich zwingen, endlich aktiv am Kleinstadtleben teilzunehmen. Doch da hatte Mitchell die Rechnung ohne Tanner gemacht.

„Die Sache ist die“, sagte er schnell, bevor der Testosteronschock ihn am Denken hinderte. „Normalerweise arbeite ich nachts. Das heißt, tagsüber schlafe ich – zumindest versuche ich es“, murmelte er. Fakt war, dass der Dauerlärm aus der Nachbarschaft ihm das Schlafen nahezu unmöglich machte. „Deshalb brauche ich absolute Ruhe. Es würde mich stören, wenn Sie hier herumlaufen und …“

„Was tun Sie denn?“

„Wie bitte?“

„Sie sagten, Sie arbeiten zu Hause.“ Sie stützte die Ellbogen auf die Arbeitsfläche und legte das Kinn auf die Hände. „Womit bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?“

In ihren wachen blauen Augen blitzte es auf.

„Ich entwickle Computerspiele.“

„Tatsächlich? Irgendeins, das ich kenne?“

„Das bezweifle ich. Ich mache keine Games für Frauen.“

„Wow, ganz schön anmaßend.“

Ja, damit hatte sie recht. Allerdings war er auf ihre Frage auch nicht vorbereitet gewesen. „Damit meine ich …“

„Na los, sagen Sie’s doch einfach“, unterbrach sie ihn lächelnd, und da war es wieder, dieses charmante Grübchen.

„Also schön. Das letzte Spiel, das ich entwickelt habe, war ‚Dark Druids‘.“

„Ernsthaft?“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Wahnsinn, ich liebe dieses Spiel. Und nur damit Sie’s wissen, ich habe Level neun geknackt, das Masterlevel“, fügte sie hinzu und hob stolz das Kinn.

Tanner war gegen seinen Willen beeindruckt. Er wusste, wie schwierig sein „Druidenspiel“ war. Level neun zu erreichen, verdiente Respekt. „Wie lange haben Sie gebraucht?“

Achselzuckend antwortete Ivy: „Ungefähr ein halbes Jahr. Also, woran arbeiten Sie gerade? Oder ist das noch geheim?“

Sechs Monate? Sie hatte nur sechs Monate gebraucht? Er hatte reihenweise Beschwerde-E-Mails von Leuten bekommen, die das Spiel zu schwierig fanden. Die meisten hatten es gerade einmal bis Level drei geschafft.

Um ein Haar hätte Tanner vergessen, dass er diese Frau loswerden wollte. Aber sie war nicht nur wunderschön, sondern offenbar auch sehr intelligent. Eine tödliche Kombination.

Er musste sich zurückhalten, um nichts über sein aktuelles Projekt und seine Arbeitsblockade der letzten Nacht auszuplaudern. Andererseits, wenn Ivy wirklich so gut war, könnte sie ihm vielleicht helfen … Diesen Gedanken verwarf er unverzüglich, denn er brauchte keinen Komplizen. Außerdem durfte er nicht vergessen, dass sie ihn von der Arbeit abhielt, seit sie hier war. Statt herumzustehen und mit ihr zu plaudern, sollte er längst in seinem Zimmer sitzen und sich mit mittelalterlicher Zauberkunst beschäftigen.

„Also geheim“, sagte sie. Offenbar war ihr sein Zögern nicht entgangen. „Kein Problem. Warum setzen Sie sich nicht oben an Ihren Schreibtisch, während ich hier unten Klarschiff mache?“

„Ich glaube nicht …“

„Sie brauchen eine Haushälterin“, unterbrach sie ihn mit fester Stimme, „und vor allen Dingen jemanden, der für Sie kocht. Und ich brauche das Geld. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie nicht stören werde. Sie werden nicht einmal merken, dass ich hier bin. Kommen Sie, geben Sie mir eine Chance!“

So wie es aussah, ließ sie sich nicht ohne Weiteres abwimmeln. Für den Moment erschien es ihm am klügsten, erst einmal einzuwilligen. „Meinetwegen. Ich bin oben in meinem Arbeitszimmer. Dritte Tür links.“

„Viel Spaß!“ Sie drehte sich um und begann leise vor sich hinmurmelnd die Regale und Schränke zu inspizieren.

Tanner musste dringend ein Wörtchen mit Mitchell reden, damit er diese Frau feuerte. Und zwar schleunigst.

Sie hingegen schien ihn schon fast wieder vergessen zu haben und kritzelte in aller Seelenruhe etwas auf einen Notizblock. Als sie zu guter Letzt auch noch anfing, vor sich hinzusummen, drehte Tanner sich um. Auf keinen Fall konnte das gut gehen. Morgen musste sie unbedingt wieder verschwinden.

Als er ging, beachtete sie ihn gar nicht mehr.

Sobald sie allein war, lehnte Ivy sich erleichtert gegen eine Arbeitsplatte.

„Lief doch schon ganz gut“, murmelte sie. Sie hatte es geschafft, ihn nervös zu machen. Na gut, sie musste zugeben, dass er schon wütend gewesen war, als er ihr die Tür geöffnet hatte. Wäre sie nicht so flink gewesen, hätte er sie garantiert nicht ins Haus gelassen.

Aber genau das hätte sie sich nicht leisten können. Sie musste diesen Job bekommen, um jeden Preis. Klar, das zusätzliche Geld konnte sie gut gebrauchen, aber das war nicht der Grund, warum sie sich hierher gewagt hatte – auf feindliches Gebiet. Wie merkwürdig das klang, selbst in ihren Ohren! Feinde hatte sie bis jetzt eigentlich nicht gehabt. Ab jetzt hatte sie eben einen. Und er war reich und mächtig.

Allerdings hätte ihr vorher jemand sagen sollen, wie atemberaubend gut er aussah. Ein Blick hatte genügt, und schon hatte sie weiche Knie bekommen.

Dieses große, athletische Testosteronwunder mit den geschmeidigen Beinen war die reinste Augenweide. Jedenfalls hatten ihre Hormone bei seinem Anblick ein wildes Tänzchen aufgeführt. Als er die Tür geöffnet hatte, war ihr tatsächlich schwindlig geworden.

Er hatte dunkelblaue Augen und dichtes schwarzes Haar. Das Gesamtpaket inklusive der langen Beine und schmalen Hüften hatte eine unglaubliche Wirkung auf sie. Bloß hatte sie damit am allerwenigsten gerechnet. Wie sollte sie einen Mann für sich gewinnen, wie mit ihm zusammenarbeiten, wenn sie ständig gegen Schwächeanfälle kämpfen musste?

„Vielleicht hat Pop recht“, murmelte sie und dachte daran, wie ihr Großvater versucht hatte, ihr diesen Plan auszureden. Tja, zu spät.

Ivy ging zu dem mannshohen Wandschrank in der hinteren Ecke der Küche. Genau, wie sie vermutet hatte, lag die Speisekammer dahinter. Mit Blick auf die leeren Regale fragte sie sich, wie Tanner King die letzten zwei Monate überlebt hatte.

Wahrscheinlich verbrachte er seine Zeit ausschließlich damit, an seinen Computerspielen zu arbeiten und sich beim Sheriff zu beschweren. Über sie.

Sie schloss die Augen, holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. Genau deshalb war sie ja jetzt hier. Weil Sheriff Cooper ihr bei einem seiner unzähligen Besuche mitgeteilt hatte, dass er Tanner King nicht länger besänftigen könne. Das war jetzt genau zwei Tage her.

Sie schloss die Tür der Kammer, lehnte sich dagegen und betrachte die exklusiv eingerichtete Küche. Es war ein schöner, aber auch sehr nüchterner Raum. Ein bisschen wie sein Besitzer, dachte Ivy. Was für ein Mann baute ein Haus, das gleichzeitig so beeindruckend und so kalt war?

„Tja, Ivy, finde es raus“, sagte sie sich.

Sie wollte verstehen, warum er sich so abweisend verhielt. Gleichzeitig wollte sie auch, dass er sie verstand. Und dass er begriff, an was für einem Ort er lebte. Bevor er alles kaputtmachte.

Leicht würde es bestimmt nicht werden, doch Ivy stammte aus keiner Familie aus Feiglingen. Ihr Großvater hatte immer gewusst, dass Gott wahrscheinlich der Einzige war, der sie davon abhalten konnte, einen Plan in die Tat umzusetzen. Jetzt war sie hier. Und sie würde nicht eher gehen, bis Tanner King zur Besinnung kam.

Natürlich war sie auch ein bisschen nervös. Die ganze Zeit so zu tun, als wäre sie bloß eine Teilzeit-Haushälterin, würde ganz schön hart werden. Man mochte es drehen und wenden, wie man wollte, aber sie war eine Lügnerin. Was nicht unbedingt hieß, dass sie ihm direkt ins Gesicht lügen musste. Ivy lächelte in sich hinein. So gesehen war es ja auch keine Lüge. Sie verheimlichte ihm lediglich ein paar Tatsachen, und daran war eigentlich nichts Schlimmes. Schließlich tat sie es für einen guten Zweck.

„Mann, ich frage mich, wie viele Menschen sich vor mir mit diesem Gedanken getröstet haben.“

Seufzend wünschte sie sich, die Sache sähe anders aus. Doch mit reinem Wunschdenken bewirkte man gar nichts, das wusste Ivy nur allzu gut. Außerdem hatte das Spiel bereits begonnen. Sie hatte den ersten Schritt getan und konnte keinen Rückzieher mehr machen. Sie war hier und würde tun, was sie tun musste.

Und dann würde Tanner King schon merken, dass er einen ebenbürtigen Gegner hatte.

2. KAPITEL

„Damit will ich sagen“, raunzte Tanner King in den Hörer, „dass dich ein Weihnachtsmarkt im August in den Wahnsinn treiben kann.“

„Hm-hm.“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang amüsiert. „Du hörst dich an wie einer dieser Idioten, die neben einen Flughafen ziehen und sich dann über den Lärm beschweren.“

Tanner blickte verärgert aus dem Fenster auf die mit Tannen bepflanzte Fläche, die an sein Grundstück grenzte. Am Abend machte das alles tatsächlich einen friedlichen Eindruck, doch der Schein trog. Durch das geöffnete Fenster drang Pinienduft herein. Tanner runzelte die Stirn. Bei dem Anblick schien es unvorstellbar zu sein, wie laut und unruhig es hier tagsüber war.

„Was willst du mir eigentlich sagen?“

„Dass du gewusst hast, worauf du dich einlässt“, entgegnete sein Cousin Nathan fröhlich, „als du das Anwesen vor einem Jahr gekauft hast. Dir war doch klar, dass die Christbaumfarm quasi mit dazugehört. Also jammere jetzt nicht rum!“

„Erstens“, erklärte Tanner, „jammere ich nicht. Und zweitens, welche Weihnachtsbaumfarm hat das ganze Jahr über geöffnet? Das hat mir niemand gesagt, als ich das Anwesen gekauft habe.“

Natürlich nicht, denn er hatte auch nicht danach gefragt. Aber, dachte Tanner, wer würde das schon? Als er das Anwesen erworben hatte, hatten seine Nachbarn ihm zwar von dem wunderbaren Ausblick vorgeschwärmt. Hingehört hatte er aber nur mit halbem Ohr. Lag es nicht in der Natur der Sache, dass Weihnachtsbäume nur zu Weihnachten verkauft wurden? Während sein Cousin weiter auf ihn einredete, blickte Tanner kopfschüttelnd aus dem Bürofenster auf das gegenüberliegende Grundstück.

Seit gerade mal zwei Monaten lebte er nun hier – zuvor hatten die Bautrupps ganze Arbeit geleistet und das Anwesen in einen wahren Traum verwandelt. Als Tanner schließlich eingezogen war, hatte er gehofft, Ruhe zu finden. Wer hätte das nicht, mit einem Tannenwäldchen vor der Tür? Stattdessen musste er jeden Tag hilflos mit ansehen, wie Besucherhorden auf der Angel Christmas Farm einfielen.

Abgesehen von seinen Nachbarn ließ das Haus wirklich keine Wünsche übrig. Inmitten dieses Traums aus Glas und Holz hatte er alles, was er brauchte. Der Blick auf mehrere Morgen Land mit Tannen, die sich meilenweit über die Landschaft erstreckten, war fantastisch. Aber es waren auch nicht die Bäume, die ihn störten, sondern das geschäftstüchtige Treiben ihrer Besitzer. Scheinbar hatten die Angels, denen die Farm gehörte, sich vorgenommen, das Saisongeschäft aufs ganze Jahr auszudehnen.

An fast jedem Wochenende wurden hier Hochzeiten gefeiert, Picknicks veranstaltet und Kindergeburtstage ausgerichtet. Ein nicht enden wollender Strom von Autos schob sich unaufhörlich die Straße neben seinem Grundstück hoch. Die Angel Christmas Farm

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