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Lügen haben hübsche Beine

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. Danksagungen
  26. Über die Autorin

 

Ich widme dieses Buch meiner guten Freundin Faith Muir, die geduldig zuhörte, wenn ich mich in unzusammenhängenden Ausschweifungen über meine Geschichte erging,
und die immer an den richtigen Stellen nickte.
Ihre fortwährende Unterstützung, ihre Ermutigungen
und ihr Glaube an meine Fähigkeiten haben mir
über die Jahre weit mehr bedeutet,
als ihr je bewusst sein wird.

1

Es geschah von einem Augenblick zum anderen: Gerade stand ich noch auf der Hauptstraße, war in Gedanken versunken, wartete auf meinen Bus. Es war ein schöner Tag, keine Wolke am Himmel, kein Regen in Sicht, wodurch das, was als Nächstes geschah, nur noch rätselhafter erscheint, als es ohnehin schon ist. Peng! Aus dem Nichts wurde ich niedergeschlagen.

Es mag abgedroschen klingen, doch es gibt darüber hinaus nicht viel, woran ich mich erinnern kann, wenn man von den Schmerzen absieht. Und von dem Mann, der bei mir die Mund-zu-Mund-Beatmung vornahm. An den erinnere ich mich aber lieber nicht – der Typ war leicht unheimlich. Danach verschwimmt alles, bis ich im Krankenhaus aufwache mit einem fremden Namen über meinem Bett, meiner Familie, die an meiner Seite sitzt, und einer Narbe an meinem Hals.

»Kannst du mir bitte mal erklären, was du hier aufführst?« Charlotte hatte sich mit dem Rücken gegen die Tür der Damentoilette gelehnt, um zu verhindern, dass wir gestört wurden.

Ich öffnete meine Handtasche und zog meinen Lipgloss heraus. Meine ältere Schwester konnte äußerst furchteinflößend sein, wenn sie wütend war, und im Moment war sie stinksauer.

»Ich habe das nicht mit Absicht getan. Ich scheine mich nur einfach nicht beherrschen zu können.«

Ich schaute in den ovalen Goldspiegel über dem Waschbecken und entdeckte zwei glänzende Farbflecken auf meinen Wangen. Und im Hintergrund erblickte ich Charlie, die mich grimmig ansah.

»Ich habe Wochen damit zugebracht, diesen Job vorzubereiten, und in der Schlussphase musste ich fast alles ganz allein machen, weil du dich auf dem Sofa herumgewälzt hast und Kip dir die ganze Zeit nicht von der Seite gewichen ist.«

Ich zog weiter meine Lippen nach und wartete darauf, dass Charlies Wut verrauchte. Nur meine Schwester brachte es fertig, mir Schuldgefühle einzuflößen, weil ich vor Debenhams bewusstlos geworden war, nachdem mich aus heiterem Himmel ein Blitz getroffen hatte. Dass ich weiß, dass es ein Blitz war, der mich niederstreckte, verdanke ich allein dem Umstand, dass es Zeugen gab und ich eine Narbe davontrug. Andernfalls hätte ich ihnen wahrscheinlich nicht geglaubt.

»Wenn du dich nicht an die Story halten kannst, dann sag einfach gar nichts. Wir stehen hier kurz davor, ein hübsches Sümmchen rauszuschlagen, aber wenn dein neu gefundenes Gewissen weiter zwitschert wie ein Vögelchen, werden wir keinen Penny machen und stattdessen im Kittchen landen.«

»Ich kann nichts dafür. Es ist, als hätte ich keinerlei Kontrolle über das, was mir über die Lippen kommt.«

»Mach dich nicht lächerlich.«

»Es ist die Wahrheit.« Ich wünschte, es Charlie besser erklären zu können. Es fiel mir schwer, ihr nicht böse zu sein. Sie wusste schließlich, dass ich normalerweise, wenn wir arbeiteten, keine nachlässigen Fehler machte oder Informationen ausplauderte, die uns verraten konnten.

Jemand versuchte, die Tür zur Damentoilette zu öffnen. Sie schlug gegen die Absätze von Charlies Schuhen, sodass sie vortrat und sich neben mich vor den Spiegel stellte. Eine dralle Dame mit einem zu engen Chiffonkleid kam herein und bedachte uns beide mit einem strengen Blick, bevor sie in einer der Kabinen verschwand.

»Vergiss es nicht – halt die Klappe«, zischte Charlie, als ich ihr zurück nach draußen in die Hotelhalle folgte.

Unser Opfer wartete in der Bar auf uns. Die war nach den Vorstellungen gestaltet worden, die irgendein Innenarchitekt von einem altmodischen Herrenclub hatte: Polstermöbel, Imitationskamine aus Marmor und trübste Beleuchtung. Ich lief ein paar Schritte hinter meiner Schwester und wütete schweigend vor mich hin.

»Ich entschuldige mich. Meiner Assistentin geht es in letzter Zeit nicht gut.« Charlie sank anmutig in einen der Ledersessel und ließ sich von dem Mann, den sie auszunehmen gedachte, ein großes Glas Gin Tonic reichen.

Unsere Zielscheibe warf mir einen flüchtigen Blick zu. Ich schätzte, dass es ihn nicht einmal geschert hätte, wenn ich an einer seltenen Tropenkrankheit verstorben wäre – es war Charlie, für die er sich interessierte. Wer uns nicht kannte, wäre niemals auf die Idee gekommen, dass wir Schwestern sind. Charlie ist groß, dunkelhaarig und bildschön. Deshalb versteht sie sich so gut auf das, was sie macht: Sie verlockt eitle Männer, ihr hoffnungslos zu verfallen, damit sie ihre Bankkonten plündern kann. Meine Fähigkeiten beruhen indes darauf, dass ich so gewöhnlich bin. Mittelgroß, durchschnittlich gebaut, normales Gewicht, Haarfarbe irgendwo zwischen blond und braun – absolut keine Qualitäten, mit denen ich aus der Masse hervorstechen könnte oder auf dem Polizeirevier bei einer Gegenüberstellung zwecks Identifizierung. Ich war die unsichtbare Frau.

Für diesen speziellen Job musste ich die Rolle von Charlies persönlicher Assistentin spielen. Sie selbst hatte sich als Lady Charlotte Bloom ausgegeben, was im Grunde ein Witz war, denn obwohl Charlie eine Menge sein mochte, so war sie doch gewiss keine Lady. Zu unserem Glück war die richtige Lady Charlotte auf einer Safari in Afrika, und so sollte es die nächsten drei Wochen auch noch bleiben.

»Zeig Freddie das Portfolio mit den Schloss-Unterlagen, Abigail.«

Ich fingerte nach der blauen Aktenmappe, die alle Einzelheiten über Schloss Manytown enthielt, und versuchte dabei, den Eindruck einer tüchtigen persönlichen Assistentin zu erwecken.

Freddie Davis hatte es aus eigener Kraft zum Millionär gebracht und suchte gerade nach einem Anwesen, das er zu seinem Landsitz ausgestalten konnte. Es gab viele Gerüchte darüber, wie er sein Vermögen gemacht hatte, und keines schmeichelte seinem Charakter. Er war bekannt dafür, sich auf fragwürdige Geschäfte einzulassen, und so waren wir uns ziemlich sicher, dass er sich über Ethik und Moral des vermeintlichen Verkaufs keine Gedanken machen würde. Die Vorstellung, das Finanzamt übers Ohr zu hauen, war viel reizvoller.

Er mochte Charlie wegen ihres Aussehens und wegen ihrer angeblichen Herkunft, da er darauf aus war, gesellschaftlich aufzusteigen. Als übergewichtiger Mann in den Spätfünfzigern mit rundem, immerzu gerötetem Gesicht konnte er sein Glück kaum fassen, jemanden wie Charlie gefunden zu haben. Das streichelte sein Ego, das die Größe eines Planeten hatte; es geschah ihm nur recht, wenn wir ihm sein Geld aus der Tasche zogen. Er war das perfekte Opfer.

Sobald Charlie eine saftige »Anzahlung« auf das Schloss abgezockt hatte, würden wir uns mit dem Geld auf und davon machen, und Freddie war Vergangenheit. Ich denke mal, dass es eine Art von Vergeltung war – wir taten Freddie an, was er zuvor so vielen anderen Menschen angetan hatte.

»Mein Großonkel Edward ist bestrebt, das als einen Privatverkauf abzuwickeln, deshalb bedurfte es ziemlicher Überredungskunst, bis er mir erlaubte, dir das hier zu zeigen. Es wäre einfach zu schrecklich, wenn ein solch wertvoller Familiensitz in die verkehrten Hände geriete.« Charlie nippte an ihrem Drink und schlug ihre langen, wohlgeformten Beine übereinander.

»Äh, hmmm … durchaus.« Freddie riss sich von Charlies Beinen los und schenkte seine Aufmerksamkeit wieder der Aktenmappe, die alle Einzelheiten über das Schloss enthielt. Ich betete, er möge mir nur ja keine direkten Fragen stellen, da ich nicht wusste, ob ich es wieder tun würde.

Ob ich wieder die Wahrheit sagen würde, meine ich.

Nicht, dass ich normalerweise Probleme damit gehabt hätte zu lügen. Himmel, nein; ich log von Berufs wegen, damit hatte ich Karriere gemacht. Trotzdem hatten Charlie und ich ein paar moralische Grundsätze – wir nahmen niemals jemandem Geld ab, der sich das nicht leisten konnte, und wir taten niemals etwas, das anderen körperlichen Schaden zufügte. Wir waren also ausgesprochen anständige Verbrecher.

Wir wären auch überhaupt nicht in dieser Branche tätig, wenn Kip nicht wäre. Er ist unser kleiner Bruder, und er ist … Wie soll ich es ausdrücken … Er ist ein wenig anders als andere Menschen. Er hat diesen Traum, auf einem Bauernhof zu leben, ganz weit draußen auf dem Land, weit weg von der Stadt und all der Hektik, die ihn so verwirrt und aus der Fassung bringt. Das Leben in der Stadt macht ihn krank. Im Moment geht er nie aus dem Haus, trifft sich niemals mit jemandem, und je länger wir in London bleiben, desto schlimmer wird es mit ihm.

Seit Kip ein Baby war, hat es nur uns drei gegeben. Unsere Mutter ist weggegangen – verschwunden –, als ich noch klein war. Wir hatten keine Chance, Kip zu helfen oder auf »normalem« Weg dem Stadtleben zu entfliehen. Mit Bürojobs verdient man einfach nicht die Art von Geld, die wir benötigen. Damit hatten wir es in der Vergangenheit versucht und waren gescheitert.

»Ich würde gern hinausfahren und mir das Anwesen ansehen«, sagte Freddie und sah mich dabei mit seinen habgierigen Schweinsaugen an.

»Selbstverständlich. Großonkel Edward ist derzeit nicht da, doch wären wir in der Lage, es so einzurichten, dass du dir das Schloss und die Ländereien am Wochenende ansehen könntest, wenn du magst.«

Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus, weil Charlie mir mit ihrer Antwort zuvorkam. Ich hatte meiner Schwester noch nicht viel darüber erzählt, doch machte ich mir langsam Sorgen, dass der Blitzschlag, den ich ein paar Wochen zuvor erlitten hatte, irgendetwas Komisches mit mir angestellt hatte. Seither schien ich nicht mehr in der Lage zu sein, etwas anderes zu sagen als die Wahrheit. Das konnte sich in unserem Arbeitsfeld äußerst nachteilig auswirken. Bei dem Streit in der Damentoilette hatte ich erstmals versucht, das Thema Charlie gegenüber anzuschneiden.

Ich nehme mal an, aus heiterem Himmel auf einer belebten Hauptstraße eine gewischt zu bekommen könnte als Naturkatastrophe gewertet werden. Vielleicht sogar als eine Art von Bestrafung für all die Verbrechen, die ich begangen hatte. Ich kann versichern, dass es überhaupt nicht angenehm war, wieder zu Bewusstsein zu kommen und einen uralten, stinkenden Taxifahrer dabei zu erwischen, wie er bei mir unter den Augen von jeder Menge Schaulustigen eine Mund-zu-Mund-Beatmung vornahm. Mein goldener Ohrring, mein Lieblingsohrring, war geschmolzen. Ich hatte eine merkwürdige Narbe an meinem Hals, und mein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand mein Hirn gekocht.

Charlie war nicht begeistert gewesen, als mein Foto in sämtlichen Zeitungen erschien. Sogar in den Abendnachrichten hatten sie einen kurzen Bericht gebracht. Die Handtasche, die ich an dem Tag bei mir gehabt hatte – und das meiste von dem, das sie enthielt –, gehörten einer Person, die wir für unseren letzten Job erfunden hatten. Für die Öffentlichkeit war das Opfer des Blitzschlags Henrietta Jones gewesen, eine zweiundzwanzigjährige Kunstrestauratorin.

Just in diesem Augenblick verspürte ich ein sonderbares Prickeln auf meiner Kopfhaut. Ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte. Während Charlie weiterhin damit beschäftigt war, die Vorzüge von Großonkel Edwards Schloss darzulegen, ließ ich meine Augen durch den Raum schweifen, um nach dem Grund der Warnung zu suchen. Ein großgewachsener Mann stand am Ende der Bar und hatte eine Flasche Bier vor sich stehen. Er sah gut aus, aber nicht so gut, dass man sich den Hals nach ihm verrenkte. Unsere Blicke trafen sich, und mir rann ein Schauer über den Rücken.

Er verzog die Mundwinkel zu einem schwachen Lächeln, hob dabei die Flasche und führte sie an seine Lippen. Er war von der Polizei, das konnte ich riechen, und attraktiv oder nicht, Polizei war immer gleichbedeutend mit Stress. Zeit zu verschwinden. Charlie und ich benutzten abgesprochene Phrasen, um einander zu warnen, wenn wir den Eindruck hatten, dass etwas nicht stimmte.

Ich unterbrach ihre langatmigen Ausführungen mit: »Verzeihen Sie, Lady Charlotte, aber ich glaube, Ihr Vetter Nigel wird Ihnen heute noch einen Besuch abstatten.«

Sie ging sofort auf den Hinweis ein, indem sie auf ihre winzige goldene Armbanduhr blickte und einen leicht bestürzten Ton von sich gab. »Oh, wie konnte ich das nur vergessen? Du wirst mich entschuldigen, Freddie, nicht wahr? Du weißt, dass ich es wiedergutmachen werde.« Sie machte einen Schmollmund wie ein Schulmädchen – eines ihrer Markenzeichen – und fuhr dabei verführerisch mit der Hand über seinen Arm. »Ich rufe dich später wegen der Einzelheiten für deinen Besuch in Manytown an.« Sie stellte ihr leeres Glas auf den Tisch und erhob sich.

Freddie stand sofort auf, und sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange, wobei sie eine winzige Spur ihres tiefroten Lippenstifts hinterließ. Der Mann an der Bar beobachtete unser kleines Drama mit einem Hauch von Erheiterung in den Augen, als wisse er genau, warum wir so plötzlich aufbrachen. Ich hatte das unbehagliche Gefühl, dass er jedes Detail unserer Begegnung in seinem Hirn abspeicherte, damit er es schon bald als Beweismittel gegen uns verwenden konnte.

Charlie zog die Aktenmappe mit den Einzelheiten über das Schloss aus Freddies fetten kleinen Händen und gab sie mir zurück. Es brachte keinen Segen, Dinge zurückzulassen, erst recht keine Dinge, auf denen möglicherweise unsere Fingerabdrücke zu finden waren. Freddie begleitete uns zum Haupteingang, wo der Portier eines der bereitstehenden Taxis herbeiwinkte. Charlie gelang es, einem »Mitten-auf-den-Mund«-Abschiedskuss von Freddie seitlich auszuweichen, und wir verdrückten uns, nachdem sie versprochen hatte, Ende der Woche mit ihm zum Abendessen auszugehen.

Ein paar Straßen vom Hotel entfernt setzte der Taxifahrer uns ab, ganz in der Nähe einer U-Bahn-Station, von der wir nach Hause kommen konnten. Es war billiger, mit der Bahn zu fahren, und wenn wir mehr als ein Transportmittel benutzten, verringerte sich zudem die Wahrscheinlichkeit, dass uns irgendjemand folgte.

»Schieß los! Warum der Alarm?«, fragte Charlie, kaum dass wir sicher in der Masse namenloser Pendler Unterschlupf gefunden hatten.

»Polizist an der Bar.« Ich klammerte mich fest an einen der Haltegurte über mir.

Die dunkelgrünen Augen meiner Schwester wurden schmal. »Mmm. Glaubst du, dass das arrangiert war?«

»Keine Ahnung, aber er schien sich sehr für unser Treffen zu interessieren.« Mein Kopf schmerzte, denn es bedurfte einiges an Konzentration, um jemand zu sein, der ich in Wahrheit gar nicht war, und meine falsche Brille mit dem Fensterglas ging mir allmählich auf die Nerven.

»Wir nehmen uns besser in Acht. Wenn Freddie mich zum Abendessen ausführt, werde ich ihn noch etwas aushorchen.«

Kip war nicht im Wohnzimmer, als wir nach Hause kamen, aber sein jüngstes Projekt stand unverhüllt auf dem Tisch vor dem Erkerfenster.

»Kip, wir sind wieder da!« Es sah nicht danach aus, als hätte er während unserer Abwesenheit viel gearbeitet. Seine Schnitzmesser und das Holz lagen immer noch ordentlich aufgereiht neben seinem Werkzeugkasten. Als er auf mein Rufen nicht antwortete, ging Charlie zu seinem Zimmer und klopfte an die Tür. Normalerweise blieb Kip im Wohnzimmer, wenn wir nicht zu Hause waren. Dort fühlte er sich sicher, vor allem, wenn er etwas hatte, woran er arbeiten konnte. Im Augenblick saß er an einer Balsaholz-Nachbildung des London Eye.

»Er ist nicht in seinem Zimmer.« Ich ging zu Charlie, die immer noch vor Kips Tür stand und sie vorsichtig etwas weiter aufstieß. Es dauerte einen Moment, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Kip ließ seine Vorhänge immer geschlossen, und der grüne Schein des Terrariums, in dem er seinen Leguan hielt, tauchte den Raum in ein gespenstisches Licht wie aus einer anderen Welt.

»Kip?«

Meine Augen registrierten eine flimmernde Bewegung unter dem Bett. Ich hob den Spiderman-Volant und hoffte, dass Kips Hamster Claude nicht schon wieder frei herumlief. Es war dunkel unter dem Bett, aber hell genug, dass ich das blasse Blau des Lieblings-T-Shirts meines Bruders erkennen konnte.

»Kip, ich bin’s, Abbey. Wir sind wieder zu Hause.« Ich trat zurück, und Kip schlängelte sich vorwärts und kroch bäuchlings in die Mitte des Zimmers, wo er sich Charlie in seiner vollen Länge von einem Meter achtzig zu Füßen legte.

Sie reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. »Was ist passiert?«

»Es war jemand an der Tür und hat geklopft.« Er schob seine Brille hoch auf den Nasenrücken und blinzelte Charlie an wie ein Uhu.

Wir nahmen ihn zwischen uns und dirigierten ihn ins Wohnzimmer, wo wir ihn in einen der Sessel drückten.

»Wie oft hatten wir dieses Thema schon?«, fragte Charlie. Ihre Stimme klang resigniert. Es brachte nichts, Kip anzuschreien. Dann ging er einfach weg, schloss sich im Badezimmer ein und weigerte sich, wieder herauszukommen. »Du brauchst die Tür nicht aufzumachen. Sie ist immer abgeschlossen. Du kannst hier drinnen in aller Ruhe sitzen bleiben.«

Er nickte gehorsam, wie er es immer tat, doch wussten Charlie und ich genau, dass er ihre Anweisungen bis zum nächsten Mal, wenn jemand schellte oder klopfte, längst wieder vergessen hatte. Es bestätigte uns nur noch mehr in unserem Entschluss, der Stadt zu entfliehen und irgendwo ein neues Leben anzufangen, wo Kip sich sicher fühlte.

»Wie wäre es, wenn ich zum Abendessen Fischstäbchen machen würde?« Wenn ich ihm sein Lieblingsessen kochte, kam er vielleicht etwas leichter wieder zur Ruhe. Alles, was nicht dem gewohnten Ablauf entsprach, wie ein Klopfen an der Tür, wenn wir nicht zu Hause waren, regte ihn auf.

»Und dazu Kartoffel-Smileys?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Okay.«

Ich ging in die Küche, um mit der Zubereitung des Abendessens zu beginnen, während Charlie den Computer anwarf, um im Namen der Forschung für unser nächstes Projekt im Internet die Netze auszuwerfen. Kip kam mir nach.

»Abbey, wann werden wir so weit sein, dass wir einen Bauernhof kaufen können?« Er sah mir dabei zu, wie ich die Fischstäbchen neben die Kartoffel-Smileys auf das Backblech legte.

»Bald.« Wenn mit unserem derzeitigen Projekt alles klappte, konnten wir die Anzahlung auf Kips Traumhaus leisten. Freddie hatte die finanziellen Mittel, hundert Bauernhöfe zu kaufen, Schlösser übrigens auch. Er würde das Geld, das Charlie ihm abzuluchsen versuchte, wirklich nicht vermissen. Das Gros seiner Kohle hatte Freddie mit illegalen Grundstücksgeschäften gemacht und damit, illegalen Einwanderern zu unerschwinglichen Preisen Immobilien zu vermieten; den Rest hatte er sich mit Erpressung und Betrug verdient. Er war kein netter Mann, und er verdiente es, es mit gleicher Münze heimgezahlt zu bekommen.

Kip lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, während ich die Zeituhr des Ofens einstellte. Sein siebzehnjähriger Körper war viel zu mager für seine Größe, und seine Haut war blass, weil sie keine Sonne abbekam.

»Wie geht es mit deinem Modell voran?« Ich goss Cola in zwei Gläser und reichte Kip eines davon.

»Es sieht schön aus. An diesem hier werde ich auch Licht installieren, Abbey.«

Das hatte ich mir schon gedacht wegen der vielen Bücher über elektrische Schaltkreise, die ich ihm aus der Bibliothek hatte besorgen müssen. Kips Hyper-Intelligenz, wenn es um Dinge wie Elektrizität und Computer ging, war mit ein Grund dafür gewesen, dass er in der Schule nicht zurechtgekommen war. Das, und sein Mangel an sozialem Bewusstsein.

Die Schulpsychologen hatten mehr Zeit darauf verwendet, darüber zu streiten, ob er in die Gruppe der Hochbegabten oder in die der Autisten gehörte, als ihm wirklich zu helfen. Sein rotes Haar und die damit einhergehenden Schikanen hatten es auch nicht gerade einfacher gemacht, sodass er insgesamt nicht viel Zeit in einem Klassenzimmer verbracht hatte.

Mit meiner Cola in der Hand lief ich ins Wohnzimmer und setzte mich aufs Sofa. Mein Kopf schmerzte von der Eskapade im Hotel, und so schloss ich die Augen und lehnte mich für eine Minute gemütlich zurück.

Ich öffnete sie ziemlich schnell wieder. Es war schon wieder passiert.

Ich schwöre bei Gott, dass sich etwas veränderte, als mich dieser Blitz traf! Jeder behauptete, ich hätte Glück gehabt, noch am Leben zu sein, und die Ärzte hatten mich vorgewarnt, dass Blitzschläge oftmals seltsame Nebenwirkungen mit sich brächten. Jetzt sah ich jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, die gleiche Bildfolge vor mir. Nur für ein paar Sekunden. Nichts Furchterregendes, und irgendeine Form von Bedeutung schien es auch nicht zu haben. Es war nicht einmal etwas, das real passiert war und an das ich mich jetzt erinnerte. Und vielleicht war genau das der Grund dafür, dass es mich langsam aber sicher in den Wahnsinn trieb.

Jedes Mal sah ich die gleichen Bilder. Es war, als liege ich auf dem Fußboden, und ich konnte ein Paar Füße von mir weggehen sehen. Die Füße einer Frau, die in dunkelblauen Schuhen mit hohen Absätzen steckten.

Ich nahm meine Cola vom Sofatisch und trank einen Schluck. Charlie, die in ihrer Ecke des Zimmers saß, quiekte vor Freude.

»Was hast du gefunden?« Ich kannte dieses Lachen; es bedeutete, dass sie auf etwas gestoßen war, das über das Potenzial verfügte, unser nächster Job zu werden.

Sie hob ihre Arme über den Kopf und streckte sich zufrieden durch. »Warte nur ab. Zuerst müssen wir Freddies Brieftasche erleichtern.«

Die Zeituhr des Backofens schrillte, und ich lief zurück in die Küche. Kip lag auf dem Fußboden und beobachtete durch das Glasfenster der Ofentür, wie sein Tee kochte.

»Das solltest du lassen.« Ich trat über ihn hinweg und griff nach den Topfhandschuhen.

Er sprang auf. »Ich wollte sehen, wie das Licht funktioniert.«

Ich zog die Fischstäbchen und die Kartoffel-Smileys aus dem Ofen. »Versprich mir, dass du die Finger vom Herd lässt.«

Kip konnte der Verlockung nicht widerstehen, Dinge auseinanderzunehmen, um zu sehen, wie sie funktionierten. Wir hatten bereits ein Mikrowellengerät und einen Toaster an sein Bedürfnis verloren, Dinge in Einzelteile zu zerlegen. Da wir in unserem Arbeitsfeld häufig einen Elektriker brauchten, versuchten Charlie und ich, nicht wütend auf ihn zu werden, aber einfach war das nicht.

«Kip.« In meiner Stimme schwang ein warnender Ton.

»Okay, Abbey, ich verspreche es.«

Ich hoffte, dass er hinter seinem Rücken nicht die Finger verkreuzte. Nachdem ich Kip zusammen mit dem Tablett mit seinem Abendessen vor den Fernseher postiert hatte, wollte ich wissen, was Charlie ausbrütete. Mit gerunzelter Stirn blickte sie auf den Bildschirm, als ich mich über sie beugte, um mir anzusehen, was sie gefunden hatte.

»Und?«

»Wie ist es um deine Kenntnisse im Hinblick auf Hunde bestellt?«, fragte Charlie.

»Ich werde keine Hundescheiße aufsammeln!« Der spekulierende Ausdruck in ihren Augen gefiel mir überhaupt nicht.

»Du magst Hunde aber?«

Ich ließ meinen Blick über den Bildschirm gleiten, um einen Hinweis darauf zu finden, was sie damit meinen mochte. Es schien sich um einen Bericht über eine Ausländerin mittleren Alters und ihre Wohltätigkeitsarbeit zu handeln. »Hunde sind okay, würde ich sagen.«

»Fabelhaft. Du musst uns noch mal Bücher aus der Bibliothek besorgen.«

Ach du liebe Güte, es wurde wieder mal recherchiert. »Wen soll ich dieses Mal spielen?«

Mein Hirn schmerzte immer noch von dem Job der Kunstrestauratorin. Ein Gemälde auszuwechseln und das Original an einen italienischen Sammler zu verkaufen, hatte uns zwar einen beträchtlichen Profit eingebracht, doch war das Unternehmen auch riskanter gewesen, als das normalerweise der Fall war. Je mehr Menschen in einen Betrug verwickelt waren, desto größer war das Risiko, dass irgendetwas schiefging.

»Besorg Bücher über Tierpsychologie und Problem-Haustiere. Ich suche im Internet zusammen, was ich finden kann.«

»Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich nicht nur keine Hundescheiße aufsammle, sondern daneben auch nicht bereit bin, mich beißen zu lassen.« Ich war mir nicht sicher, ob mir gefiel, was ich hier hörte. Bei meinem letzten Körperkontakt mit einem Hund hatte ich es mit einem Deutschen Schäferhund zu tun gehabt, der mir ein Stück aus meiner Jeans herausgerissen hatte, als ich bei meiner Flucht vom Firmengelände der guten alten PC Plod über einen Zaun kletterte. Das war einer unserer ersten Jobs gewesen.

»Entspann dich. Es ist nur ein Mittel zum Zweck, das ist alles. Wenn wir mit Freddie fertig sind, sollte uns das eine nette kleine Abwechslung bescheren. Kip könnte Urlaub gut gebrauchen.«

Ich blickte zu Kip hinüber, der auf dem Sofa saß und zufrieden seine Kartoffel-Smileys mampfte, während er sich irgendeine Gameshow ansah.

»Urlaub? Wo?« Ich befürchtete, dass zu der Art von Urlaub, die meiner Schwester vorschwebte, keine Eimerchen gehörten, keine Sandschäufelchen und auch keine Zuckerstangen.

Charlie wedelte grazil mit der Hand. »An einem zauberhaften Flecken außerhalb der Stadt. Wenn die Hitze vorbei ist. Ich habe gehört, dass es im Norden mittlerweile recht zivilisiert zugehen soll.«

»Ich würde den Engel des Nordens gern sehen«, verkündete Kip.

»Wir werden versuchen, es einzurichten«, versprach sie.

Charlie tat immer so, als sei alles nördlich von Watford ebenso gefährlich wie der Dschungel des Amazonas. Es musste sich hier um einen ziemlich guten Job handeln, wenn sie dafür riskieren wollte, London zu verlassen.

»Und was ist mit dir? Was wirst du tun, während ich mich mit Hunden abplage?«

»Was ich immer tue. Ich werde mich mit unserem Opfer vergnügen, bis wir ihm das Geld aus der Tasche ziehen können. Na ja … in diesem Fall das Gold.« Charlies Lächeln wurde zu einem Strahlen. »Ich hatte immer schon Lust, die Freundin eines Fußballstars zu werden.«

Großartig. Ich muss Hundescheiße aufsammeln, und sie treibt es mit einem Fußballer.

2

Tierpsychologin schien nicht der geeignete Beruf für mich zu sein. Ich schob das Fachbuch von mir und streckte meine Arme über den Kopf. Ich hatte nie das Verlangen verspürt, ein weiblicher Doktor Dolittle zu werden.

»Wann kommt Charlie zurück?«, fragte Kip, während er ein Stück Draht anlötete und dabei dermaßen konzentriert war, dass er die Zunge herausstreckte und die Stirn runzelte. Meine große Schwester war in ihrem Lieblingskleid von Chloé mit Freddie in ein todschickes Restaurant gezockelt.

»Das weiß ich nicht genau. Ich mache mit dem hier aber Schluss für heute.« Ich hatte genug über Hunde mit Psychosen und Katzen mit geringem Selbstwertgefühl gelesen.

Kip hatte das Holzgerüst seines Modells inzwischen ganz fertiggestellt und unten, wo es aufstand, einen kleinen Motor angebracht, damit das Rad sich drehte wie das Original. »Ich habe es nicht gern, wenn Charlie so spät noch unterwegs ist«, tönte er.

Ich schaute auf die Uhr des DVD-Players: »Es ist erst elf.«

Kip ignorierte mich und tüftelte weiter an seinem Elektro-Kram. Lange würde Charlie wahrscheinlich nicht mehr auf sich warten lassen. Glücklicherweise war Freddie dem Alkohol sehr zugetan, und in aller Regel gelang es ihr, ihn so abzufüllen, dass sie ohne große Mühe entwischen konnte. Ich hatte immer noch ein ungutes Gefühl wegen des Polizeibeamten, den ich in der Bar gesehen hatte. Je schneller wir diesen Handel unter Dach und Fach brachten, desto besser. Schon vor dem Missgeschick mit dem Blitzschlag hatte mein Gewissen wegen meiner Berufswahl an mir genagt.

Eine Karriere als Ganovin hatte mir ebenso wenig vorgeschwebt wie Charlie. Ich hatte in einem Büro arbeiten wollen, und sie wollte ursprünglich Kosmetikerin werden. Doch kommen die Dinge nicht immer so, wie man sich das erhofft, und als wir das gesamte Ausmaß von Kips Problemen erfassten, wussten wir, dass wir das Ganze noch einmal überdenken mussten. Unser erstes Ding drehten wir rein zufällig. Charlies Chef betrog sie, indem er ihre Trinkgelder in seine eigene Tasche steckte, sodass wir ihm unsererseits ein bisschen Bargeld aus der Tasche zogen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Es hatte sich damals nicht so angefühlt, als hätten wir damit etwas Unrechtes getan. Wir fügten niemandem Schaden zu – wenn überhaupt, fühlten wir uns ein bisschen wie Robin Hood, was die Sache anging. Uns war, als hätten wir mit unserem Tun einen Sieg errungen für all die einfachen kleinen Leute, die man um ihre kostbaren Löhne und Gehälter betrogen hatte. Daneben bedeutete es, dass wir Kip aus der Stadt herausbringen konnten, nur fragte ich mich in letzter Zeit, ob wir vielleicht zu weit gegangen waren.

Ich spazierte aus dem Wohnzimmer in die Küche und setzte einen Kessel mit Wasser auf. »Möchtest du eine Tasse Tee?«

»Ja, bitte, Abbey.«

Vom Küchenfenster konnte man auf die Straße blicken. Ich sah, dass etwas weiter unten ein Taxi vorfuhr und Charlie ausstieg. Sie wartete, bis das Taxi wieder weggefahren war, bevor sie in Richtung unseres Hauses eilte, und sie blickte nach oben und winkte mir zu, um alsdann im Hauseingang und aus meinem Blickfeld zu verschwinden. Ich nahm einen weiteren Becher vom Regal und ließ einen Teebeutel hineinfallen. Ein paar Minuten später hörte ich Charlies Schlüssel in der Wohnungstür.

»Hu.« Sie warf ihre Handtasche auf die Arbeitsplatte und kickte ihre Schuhe mit den hohen Absätzen in die Ecke der Küche.

»Hört sich an, als hättest du eine anstrengende Nacht gehabt.« Ich goss etwas kochendes Wasser auf die Teebeutel.

Charlie rollte mit den Augen und reichte mir die Milch. »Ehrlich, dieser Mann müsste einen Warnhinweis um den Hals tragen, dass er ein Gesundheitsrisiko darstellt. Der hat mehr Arme als ein Tintenfisch, und seine Anmachsprüche galten schon in den Siebzigerjahren als veraltet.«

»Ist es dir gelungen, den Termin für die Besichtigung festzusetzen?« Ich fischte die Beutel aus den Bechern heraus und reichte Charlie ihren Tee.

»Alles organisiert.« Sie verzog das Gesicht und fuhr mit ihren nackten Zehen über den Laminatfußboden.

»Keine Schwierigkeiten?«

»Nein. Warum sollte es Schwierigkeiten geben?« Sie sah mich neugierig an.

»Schau dir mal mein Modell an, Charlie.« Kip strahlte ihr über das ganze Gesicht entgegen, als sie hinter mir ins Wohnzimmer kam und sich aufs Sofa warf. Er betätigte einen Schalter, und winzige blaue Lichter erstrahlten rund um die Außenränder seiner Version des London Eye, das sich da drehte.

»Das ist wunderschön, Kip«, sagten Charlie und ich wie aus einem Mund.

Kips Kreationen warfen uns manchmal fast um. Er war so ungeheuerlich begabt und dennoch sozial ein völlig hoffnungloser Fall. Er schaltete den Strom an seinem Modell ab und holte sich seinen Tee. »Nacht.«

Charlie wartete, bis er zu seinem Zimmer getrottet war. »Wir müssen uns beeilen und diesen Job zu Ende bringen.« Sie fingerte nach einer imaginären Staubfluse auf ihrem Kleid.

»Wieso, was ist los?« Ich bemühte mich, leise zu sprechen, damit Kip nicht mitbekam, worüber wir redeten. Die Wände in unserer Wohnung waren nicht gerade dick.

»Ich weiß es nicht genau.« Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem Tee. Es lag nicht in Charlies Natur, nervös zu werden. Ich war in unserer Geschäftsbeziehung diejenige, die schnell mal in Panik geriet.

»Es ist noch nicht zu spät, alles abzublasen«, regte ich an.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, mit dem Ding verdienen wir gutes Geld, und wir sind schon fast am Ziel. Es ist alles vorbereitet. Ich habe mich noch einmal vergewissert, und die echte Lady Charlotte ist nach wie vor in Johannesburg. Die Schlossbesichtigung ist für Sonntag geplant. Bist du hingefahren und hast alles ausgekundschaftet?« Ihre Augen wurden schmal.

»Ja. Die Haushälterin ist sonntags zwischen zehn und achtzehn Uhr nicht da, weil sie dann immer ihre Schwester besucht. Ich habe es geschafft, Wachsabdrücke von den Schlüsseln zu machen, und Kip hat den Code der Alarmanlage geknackt und auch den der Videoüberwachungsanlage.« Ich lächelte. Hey, ich war gut in meinem Job, auch wenn ich mich hier nur selbst lobte!

»Prima. Irgendwelche Probleme?« Sie hockte sich auf ihre elegant untergeschlagenen Beine und blickte mich forschend über den Rand ihres Teebechers an.

Auf einmal fühlte sich der Sitz unter mir gar nicht mehr so bequem an. »Nein, nicht wirklich.« Vielleicht hätte ich sagen sollen, dass ich einstmals gut gewesen war in meinem Job. Seit meiner Blitzschlag-Episode war alles anders geworden. Der Besuch, den Kip und ich Manytown abgestattet hatten, war dafür nur ein weiteres Beispiel.

»Was ist passiert?« Charlies Stimme nahm einen scharfen Ton an.

»Nichts ist passiert, nicht wirklich.« Was die Wahrheit war. Es war nur wieder so eine Kleinigkeit gewesen wie die am Vortag im Hotel mit Freddie.

»Abbey?« Charlie stellte ihren Becher vorsichtig auf den Sofatisch und schenkte mir ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Es war nichts, ehrlich nicht.« Ich kannte diesen Blick. Den hatte sie schon aufgesetzt, als wir noch Kinder waren. Es war ein Blick, der einen dazu verleitete, alle möglichen und unmöglichen Vergehen zu beichten, nur damit sie endlich aufhörte, einen so anzusehen. Und weil ich mich nicht beherrschen konnte: »Es ist einfach so, dass ich mich seit dem Unfall ein bisschen … merkwürdig fühle.«

Charlie nickte. »Sprich weiter.«

»Es geht mir gut, und bei der Arbeit läuft alles. Es ist nur …«

»Mach es nicht so spannend, Abbey!«

»Na ja, manchmal, wenn mich jemand etwas fragt, ist es so, als könnte ich nicht kontrollieren, was ich darauf antworte.«

Charlie blinzelte. »Wie meinst du das?«

»Erinnerst du dich an unser letztes Treffen mit Freddie?«

Sie verzog das Gesicht.

»Daran, dass du wütend geworden bist, weil er mich gefragt hat, wo ich wohne.«

Charlie runzelte die Stirn. »Ja, was sollte das? Du hast ihm den Stadtteil genannt, und wenn ich dir nicht ins Wort gefallen wäre, hättest du ihm unsere vollständige Adresse gegeben.«

»Na ja, da hast du es. Ich konnte nicht dagegen an. Normalerweise hätte ich gelogen, wäre bei unserer Story geblieben, aber ich konnte echt nicht dagegen an. Ich musste ihm die Wahrheit sagen.«

»Was soll das heißen?«

»Als ich zum Schloss gefahren bin, habe ich da eine Weile auf der Lauer gelegen, um auf die richtige Gelegenheit zu warten, an die Schlüssel zu kommen. Ich habe meine Verwirrte-und-verirrte-Touristin-Nummer abgezogen, und alles lief prima. Dann hat die Haushälterin mir eine konkrete Frage gestellt, und es ist wieder passiert. Ich bin total ehrlich gewesen.«

Sämtliche Farbe wich aus Charlies Gesicht. »Was hat sie dich gefragt?«

»Ich habe vorgegeben, Französin zu sein, also habe ich ihr, als wir uns das erste Mal trafen, gesagt, dass ich aus Paris stamme. Nur hat sie mich dann gefragt, seit wann ich denn in England wäre.« Ich hielt inne, um rasch einen Schluck Tee zu trinken. So ganz war ich mir selbst noch nicht im Klaren, was danach eigentlich passiert war.

Charlie starrte mich an.

»Ich konnte nichts dafür. Ich habe den Mund aufgemacht mit der Absicht, ihr zu sagen, dass ich für ein paar Wochen Urlaub hier sei, aber stattdessen habe ich gesagt, dass ich noch nie in Frankreich gewesen wäre.«

»O mein Gott!«

»Zum Glück kam Kips Anruf genau im richtigen Moment, sodass sie meine Antwort nicht mitbekommen hat.«

Charlie stöhnte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Das ist verrückt. Wie oft ist das jetzt passiert? Zweimal? Und du behauptest, dass du nur die Wahrheit sagen kannst, wenn dich einer was fragt?«

Ich nickte. »Es ist schon häufiger als zweimal passiert.«

»Wir sollten das kontrollieren. Ich meine, das könnte eine von diesen psychosomatischen Geschichten sein. Vielleicht solltest du noch einmal zum Arzt gehen.«

Auf meinem restlichen Tee hatte sich eine eigenartige Oberfläche gebildet. »Ich weiß nicht. Die Ärzte haben gesagt, dass Menschen, die von einem Blitz getroffen werden, manchmal ganz merkwürdige Phänomene erleben. Es ist eine bekannte Nebenwirkung von Blitzschlägen, dass sie diese Art von neurologischer Überempfindlichkeit verursachen können. Und wie sollte ich mich da überhaupt erklären? ›Hallöchen, Herr Doktor, mir kommt es so vor, als könnte ich gar nicht mehr anständig lügen‹?«

»Okay.« Sie biss sich auf die Unterlippe, und an der Art, wie sie die Stirn runzelte, konnte ich erkennen, dass sie sich Sorgen machte. »Ich muss darüber nachdenken.«

Ich brachte meinen Becher zurück in die Küche. »Ich gehe ins Bett.« Ich beschloss, ihr nichts von den Träumen zu erzählen, weil sie mich sonst mit Sicherheit zum Psychiater gejagt hätte.

Charlie blinzelte mich an, genau wie Kip es tut, wenn er mit seinen Gedanken woanders ist. »Nacht.«

Ich schlief nicht sonderlich gut. Seit dem Unfall waren die Träume stetig schlimmer geworden. Nun ja, nicht schlimmer – das ist das verkehrte Wort. Sie wurden deutlicher, und sie dauerten von Mal zu Mal ein kleines bisschen länger, waren inhaltlich aber immer gleich. Ich liege auf dem Boden und kann einen Lichtstrahl sehen. Ich sehe Beine, die in Seidenstrümpfen stecken, Frauenbeine, die in das Licht gehen und stehen bleiben. Wer immer sie ist, sie trägt blaue Schuhe mit Stilettoabsätzen und winzigen Goldschnallen. Dann dreht sie sich um und geht weg. Das Ganze verblasst, und alles wird schwarz.

Ich sehe ihr Gesicht nicht, nicht einmal den Saum ihres Rockes. Nur die Schuhe, die mir im Licht entgegenfunkeln. Ich hatte mich dagegen entschieden, Charlie von den Träumen zu erzählen. Nach unserer Unterhaltung am Vorabend war sie vermutlich sowieso davon überzeugt, dass ich eine Irre war. Es klang im Grunde auch zu merkwürdig, um wahr zu sein, doch hatten die Ärzte mich vor meiner Entlassung davor gewarnt, dass wegen der massiven Ladung Elektrizität, die durch mein Gehirn gejagt worden war, Probleme auftreten könnten. Da man in der Medizin Elektroschocks als Therapie gegen gewisse Erkrankungen einsetzt, klang das in gewisser Weise plausibel. Abartig war es trotzdem.

Kip war schon auf und schlug sich eine Ladung Cornflakes in den Bauch, als ich in die Küche schwankte.

»Du siehst mitgenommen aus.«

»Danke.« Ich nahm eine Schüssel aus dem Schrank und lugte in das Paket mit den Cornflakes.

»Sind keine mehr da«, tönte Kip mit vollem Mund.

Ich stellte die Schüssel wieder in den Schrank und öffnete die Keksdose. »Ich gehe nachher einkaufen.«

Kip kaute weiter, während ich versuchte, auf dem Boden der Dose zwischen all den Krümeln einen nicht zerbrochenen Schokoladen-Vollkornkeks zu finden.

»Ich habe gehört, worüber du und Charlie gestern Abend geredet habt.«

Das hatte ich mir denken können – Kip hatte das Gehör einer Fledermaus. »Kip, mach dir darüber keine Sorgen, okay? Es ist lediglich so eine Art von vorübergehender medizinischer Störung, vermutlich.«

Charlie und ich wussten nie genau, wie Kip die Dinge verarbeitete, die er sah oder hörte. Seine Intelligenz und seine logische Denkfähigkeit führten oft dazu, dass er Gesamtzusammenhänge sehr viel leichter erfasste als wir, doch konnten ihn seine Emotionen und seine Veranlagung, alles wörtlich zu nehmen, auch schnell völlig aus dem Gleichgewicht bringen.

»Ich weiß. Ich habe heute Morgen im Internet nachgeguckt.« Er stellte seinen leeren Teller ab und wischte sich mit dem Handrücken die Milch vom Mund.

Kip wusste vermutlich mehr über diese ganze Blitzschlaggeschichte als ich. Er saugte Informationen in sich auf wie ein menschliches Löschblatt. Zweifellos hatte er jede Website überprüft, die er hatte finden können.

»Es heißt, dass alle möglichen Nebenwirkungen auftreten könnten, und die können jeden einzelnen deiner Sinne beeinträchtigen.«

Ich hörte auf, in der Keksdose zu wühlen. »Du meinst, ich könnte Dinge hören oder sehen, die gar nicht da sind?«

Seine Augen, die Charlies von der Form her so sehr ähnelten, schienen sich in meine hineinzubrennen. »Hast du Wahrnehmungen?«

»Ja«, murmelte ich in die Keksdose. Verdammt, da war es schon wieder passiert. Ich hatte Nein sagen wollen!

Kip griff nach meiner Hand und zog mich aus der Küche ins Wohnzimmer. »Das ist fantastisch, Abbey.«

Ich war froh, dass wenigstens einer fand, diese Verrücktheiten seien fantastisch.

»Sag mir, was du siehst. Oder hörst du Dinge? Das wäre total cool, wenn du Dinge hören würdest.« Seine Augen funkelten hinter den Brillengläsern mit dem gleichen feurigen Glanz, den sie sonst immer hatten, wenn er sich ein neues Comic-Heft gekauft hatte oder gerade mit einem neuen Projekt begann.

»Wenn ich die Augen schließe, habe ich diesen Traum.« Ich erzählte ihm von der Frau.

»Toll.«

»Sag Charlie bitte nichts davon, versprichst du mir das? Sie würde sich nur noch mehr Sorgen um mich machen, wenn sie es wüsste.« Oder mich in die nächstgelegene Klapsmühle einweisen lassen.

»Ich werde das für dich recherchieren, Abbey. Von Träumen kannst du alles Mögliche ableiten.« Er glühte förmlich vor Eifer, sodass ich nicht das Herz hatte, ihm seine Bitte abzuschlagen.

»Mach das, wenn du möchtest.« Vielleicht fand er ja etwas, das dem Traum ein Ende machte, sofern es sich um einen Traum handelte. Man wusste nie, vielleicht fand er gleich auch noch ein Mittel gegen mein anderes Problem. Ein Lügenserum möglicherweise. Mein Leben hatte sich in einen zweitklassigen Spielfilm verwandelt. Der einzige Lichtblick, den es in der letzten Zeit gegeben hatte, war der süße Knabe an der Hotelbar gewesen, und der war Polizist.

In fünf verschiedene Secondhand-Läden musste ich gehen, um die Requisiten zusammenzubekommen, die wir für unseren Schlossbesuch brauchten, die Barbourjacken und die grünen Gummistiefel. Charlie bestand darauf, dass wir uns wie »alter Landadel« ausstaffierten, da Freddie davon überzeugt werden musste, dass das Schloss seit Generationen im Besitz derselben Familie war. Was selbstverständlich auch stimmte, nur handelte es sich dabei eben nicht um unsere Familie.

Wir wollten Freddie an Ort und Stelle treffen, ihn kurz das Schloss und das Grundstück besichtigen lassen und ihn dann flugs zu einem langen flüssigen Mittagessen in ein Hotel außerhalb der Stadt entführen, wo Charlie seine Brieftasche erleichtern sollte. Als ich das Schloss im Vorfeld in meiner Verkleidung als französische Studentin besucht hatte, trug ich eine kastanienbraune Perücke und dunkle Kontaktlinsen, sodass jetzt kaum Gefahr bestand, dass mich irgendjemand wiedererkannte. Charlie hatte Freddie gegenüber betont, wie überaus notwendig es war, seinen Besuch geheim zu halten, damit die Angestellten des Schlosses keinen Verdacht schöpften. Großonkel Edward wollte nicht, dass sie sich aufregten.

Kip hatte den Code der Alarmanlage geknackt, sodass wir nichts anderes zu tun hatten, als darauf zu warten, dass die Haushälterin abzog, um dann mit unserem Schlüssel loszugehen, den Alarm abzuschalten und Freddie willkommen zu heißen, wenn der in seinem Jaguar vorfuhr. Kip hatten wir in Charlies Minivan auf der Zufahrtsstraße zum Anwesen zurückgelassen. Von dort konnte er alles überblicken und sicherstellen, dass wir von niemandem gestört wurden, während Freddie seinen Rundgang machte.

»Glaubst du, dass er das alles durchsteht?«

Mit dem Fernglas um den Hals wirkte Kip in unserem kleinen weißen Minivan so verlassen, als Charlie und ich über die Auffahrt auf das Schloss zu stapften.

»Das schafft er. Hier sind ja keine Leute.

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