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Lügen, die von Herzen kommen

Über die Autorin

Kerstin Gier hat als mehr oder weniger arbeitslose Diplompädagogin 1995 mit dem Schreiben von Frauenromanen begonnen. Mit Erfolg: Ihr Erstling Männer und andere Katastrophen wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt, und auch die nachfolgenden Romane erfreuen sich großer Beliebtheit. Ein unmoralisches Sonderangebot wurde mit der »DeLiA« für den besten deutschsprachigen Liebesroman 2005 ausgezeichnet.

Heute lebt Kerstin Gier, Jahrgang 1966, als freie Autorin mit Mann, Sohn, zwei Katzen und drei Hühnern in einem Dorf in der Nähe von Bergisch Gladbach.

BASTEI ENTERTAINMENT

1. Kapitel

nickname: fairy33a

Alter: 26

Sternzeichen: Waage

Beruf: Journalistin

Familienstand: ledig

Haarfarbe: rot

Augenfarbe: braun-grün

Größe: 1,66 m

Gewicht: Moment mal!

Bis hierhin hatte ich gewissenhaft die Wahrheit eingetippt, sogar mit einem gewissen naiven Stolz, aber nun kam ich zur Besinnung. Abgesehen davon, dass ich mein Gewicht in Ermangelung einer Waage selber nur schätzen konnte, ging es ja wohl niemanden etwas an!

Außerdem handelte es sich hier um eine rein berufliche Recherche, nicht um eine Beichte.

»Liebe auf den ersten Klick.« So oder so ähnlich würde das Special heißen, das in der über-übernächsten Ausgabe von ANNIKA, der Zeitschrift, für die ich arbeitete, erscheinen sollte.

»Finden Sie mir diese Spinner«, hatte unser neuer Chefredakteur, Adam Birnbaum, gesagt. »Bringen Sie mir glückliche Paare, die sich beim Chat kennen gelernt haben, erzählen Sie mir herzergreifende Geschichten über den Kick beim Klick. Und vergessen Sie nicht: Sie können nicht über etwas schreiben, was Sie nicht kennen. Also recherchieren Sie mit Fantasie, stürzen Sie sich in die Cyberwelt! Reißen Sie, wenn nötig, selber einen Mann auf!«

Meine Kollegin und Ressortchefin Marianne hatte erfreut gegrinst. »Na ja, es gibt unangenehmere Recherchen«, flüsterte sie mir zu, gerade als Birnbaum mit eisiger Stimme hinzusetzte: »Bis morgen Früh.«

Ein paar von uns hatten murrend Einwände erhoben, und Marianne hatte gewispert: »Der sollte sich lieber nicht gleich an seinem ersten Tag unbeliebt machen.«

Aber Birnbaum war es anscheinend egal, ob wir ihn mochten oder nicht. Schon in seiner Antrittsrede hatte er nicht gerade mit Komplimenten um sich geworfen: »Diese Zeitschrift ist eine Katastrophe«, hatte er gesagt und die letzten fünf Ausgaben von ANNIKA verächtlich auf den Tisch geworfen. »Kein Wunder, dass die Werbekunden ausbleiben, bei dem hirnverbrannten Dreck, den Sie da verzapfen.« Und während wir ihn noch mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hatten, war er unverändert deutlich fortgefahren: »Laut Werbung ist unsere ANNIKA jung, trendy und sexy, randvoll mit warmherzigen, brandaktuellen Reportagen. Und was haben Sie daraus gemacht?« Scheinbar wahllos hatte Birnbaum nach einer Nummer gegriffen und gnadenlos aus dem Inhaltsverzeichnis zu zitieren begonnen: »Zwanzig tolle Tipps, mit denen Sie zehn Jahre jünger aussehen! Ich muss schon sagen, das ist sehr sinnvoll für eine Zielgruppe zwischen sechzehn und sechsundzwanzig Jahren! Oder hier, der Psychotest: Sind Sie der Typ für Heimarbeit? Hier finden Sie’s heraus. Oh ja! Das wird die jungen Mädels in Scharen an den Kiosk getrieben haben. Meine Lieblingsreportagen ferner: Sind Schwule die besseren Eltern? Prominentes Beispiel Patrick Lindner. Sehr zielgruppenorientiert. Oder hier: Unterwäsche, die mitdenkt: So mogeln Sie ihre Kilos weg. Auch nicht schlecht: Witwe mit dreißig: Es gibt ein Leben nach dem Schmerz. Und mein absoluter Favorit: Bandscheibenvorfall: So wurde ich meine Rückenschmerzen los. Wirklich warmherzig, das muss man Ihnen lassen.«

Ich hätte beinahe gelacht, obwohl Birnbaum nicht ausgesehen hatte wie jemand, der Witze machte. Aber gerade noch rechtzeitig war mir eingefallen, dass man mich zum Ende meiner Volontärszeit mal eine Story mit dem Titel: »Nie wieder Sex. Mit zwanzig ins Kloster« hatte schreiben lassen. In Erinnerung daran harrte dann auch ich wie alle anderen in gedrücktem Schweigen, bis unser neuer Chefredakteur seine Schmährede zu Ende gebracht hatte.

»Ab jetzt wird alles anders«, hatte er abschließend gesagt, nachdem er sich noch mit beißendem Spott über die viel zu teuren aber stinklangweiligen Modestrecken und das spießige Layout ausgelassen hatte, und es hatte weniger wie ein Versprechen als eine Drohung geklungen. »Ab heute wird hier hart gearbeitet, bis ANNIKA wieder hält, was sie verspricht. Jung, sexy, trendy, randvoll mit warmherzigen, herzergreifenden Reportagen. Und dabei so anspruchsvoll, wie ein Nicht-Hochglanz-siebzig-Seiten-Blatt unter diesen Umständen eben sein kann.«

Seinetwegen und wegen seiner jungen, aktuellen, trendigen und sexy Idee zum Thema »Liebe auf den ersten Klick« saß ich nun hier abends nach elf im Schlafanzug vor dem Computer und ließ mich registrieren, um zum ersten Mal in meinem Leben einen Chatraum zu betreten. Es hatte allein eine halbe Stunde gedauert, bis ich einen Codenamen gefunden hatte. Alle meine Vorschläge waren bereits besetzt. Ganz gleich wie absurd sie auch sein mochten, es gab sie alle schon. Erst als ich auf die Idee kam, unsere Hausnummer hinten anzuhängen, klappte es. Fairy33a, das war ich. Das heißt, das war mein berufliches Inkognito. Daher löschte ich alle bisherigen Angaben zu meiner Person und fing noch mal von vorne an. Fairy33a war keine Journalistin, sondern, hm, sagen wir mal, Musikerin, Cellistin in einem Orchester. Und sie war auch nicht rothaarig, sondern blond, wie sich das für Feen gehört. Und ihre Augen waren blau. Und natürlich war sie größer als ich, schätzungsweise 1 Meter 72. Und was das Gewicht anging: Bei dieser Größe kam Fairy33a auf elfenhafte 55 Kilogramm. Mit anderen Worten: Sie sah aus wie Kate Blanchett als Galadriel in »Herr der Ringe«, natürlich ohne die abstehenden Ohren.

Weiter im Text. Kleidergröße? Selbstverständlich 36. Fairy33a gehörte zu den glücklichen Menschen, die nur eine Kleidergröße haben. Mein wirkliches Ich hingegen hatte vier. Ja, ich hatte das, was man eine Eieruhrfigur nennt – jedenfalls wenn man wohlwollend darüber spricht. Weniger wohlwollend könnte man sagen, ich war ziemlich dick, vor allem am Hintern. Meine Waden waren mit Größe 38 locker zu bekleiden, sie waren erfreulich schwach ausgeprägt, auch die Knie waren eher schlank, ganz anders als die Oberschenkel, die sich von Größe 40 oberhalb des Knies bis zu einer ausgewachsenen 42 ausdehnten, da wo sie in meine Hüften münden. Die Hüften waren sehr rund, da musste objektiverweise Größe 44 her, die Taille aber passte wieder in Größe 38. Sicher, da fragt man sich, wie zur Hölle ich Hosen fand, die mir passten?! Nun ja: Das Geheimnis hieß Stretch. Und zwar Stretch in Größe 42. Stretchhosen Größe 40 ließen sich in der Taille problemlos schließen, wenn man sie nur einmal über die Hüften bekommen hatte. Sie schlotterten auch nicht allzu sehr um die Waden, mussten aber im Oberschenkel- und Hüftbereich beweisen, wie dehnungsfähig sie waren. Die meisten Hosen waren dieser Belastung gewachsen, von allzu billiger Ware ließ ich aber vorsichtshalber die Finger. Aber weiter von der Taille aufwärts: Ich bekam eine Bluse Größe 42 über meinem Busen zugeknöpft, allerdings saß sie dann dort ziemlich eng und schlotterte in der Taille. Mein Hals war glücklicherweise lang und schlank, und geschickt angezogen wirkte ich daher lange nicht so dick wie ich war. Ich machte mir darüber allerdings auch herzlich wenig Gedanken.

Fairy33a hatte das glücklicherweise ja auch nicht nötig. Jetzt brauchte ich nur noch ein Motto für sie. Nach längerem Nachdenken wählte ich ein Zitat von Ben Gurion: Nur wer an Wunder glaubt, ist ein Realist. Fertig.

Willkommen in der Welt des Chats, Fairy33a.

Gewissenhaft studierte ich die »Chatiquette« und die reichhaltige Auswahl der Chatrooms. Die Besucherzahl war ungleich verteilt: Es gab zehn Flirtrooms, alle brechend voll, ebenso das Chatcafé, in dem sich sage und schreibe neunundachtzig Personen aufhielten. Ich mochte derartige Menschenansammlungen in Cafés nicht, es dauerte dann immer ewig, bis die Kellnerin einem die Getränke brachte. In den Themenchatrooms wie Karriere, Computer, Familie, Kochen, Garten, Literatur und Formel 1 herrschte dagegen gähnende Leere, bei Star Wars chattete eine einzige Person mit sich selbst. Fetisch war mit 28 Personen sehr gut besucht, und ich hätte gern gewusst, was man dort so besprach, ebenso wie bei den über siebzig Leuten in den Chatrooms Seitensprung 1 – 10. Aber Seitenspringer und Fetischisten waren wahrscheinlich nicht die Sorte Spinner, die Birnbaum sich für seine herzergreifenden Geschichten vorstellte, und ich hatte keine Sekunde lang vergessen, dass ich rein beruflich hier war. Meine Klientel trieb ihr Unwesen wohl eher in den Räumen Herzklopfen und Romantik.

Da es mittlerweile hart auf Mitternacht zuging, hätte ich mich schleunigst unter die Romantiker mischen und eine herzergreifende Story auftreiben müssen. Aber ich zögerte noch. Ehrlich gesagt, ich hatte Angst. Das war genauso wie auf eine Party zu gehen, auf der man kein Schwein kennt. Ich sah mich schon mutterseelenallein in einer Ecke rumstehen und an einem Glas Rotwein nippen.

In diesem Augenblick blinkte meine Rettung auf: Testchat, stand da. Sie sind neu im Chat? Dann können Sie hier in aller Ruhe üben.

Na bitte. Ein Testchat war genau das richtige, um meine Schüchternheit zu überwinden. Ein Mausklick, und das Abenteuer konnte beginnen. Testweise, versteht sich.

23.57 Uhr Fairy33a betritt den Raum.

Hach, was war das aufregend! Ohne Vorwarnung begann mein Herz schneller zu klopfen, als ich meinen Codenamen auf dem Bildschirm las.

Der Testchat war mäßig besucht, anwesend waren, laut Liste, Tigger11, RitaS, Sumpfhuhn, Pumuckl08/15, Boris68 und Soraja2, die eine gepflegte Unterhaltung miteinander führten. Soraja2 schien auch gerade erst gekommen zu sein.

Pumuckl08/15: Huhu, Soraja, so spät noch auf? Sonst biste doch immer schon um elf in der Heia.

Soraja2 : Ist der Vollmond. *Heul. Dabei muss ich morgen ganz früh raus.
*Doppelt heul.

Inzwischen hatte ich meine wenig fantasievollen, aber freundlichen Begrüßungsworte eingetippt:

Fairy33a: Hallo, alle zusammen.

RitaS: Versuchs mal mit heißer Milch, Soraja. Und einer Wärmflasche für die Füße. Das hilft mir immer.

Sumpfhuhn: Ich sach nur: kaltes Bier statt warmer Milch.

Pumuckl08/15: Oder wie wärs mal mit Hammer auf dein Kopf, Rita. Wirkt todsicher auch.

Soraja2: Am besten jetzt sofort.
*kicher.

Tigger11: Hach was seid ihr wieder alle gemein zu unserer Rita. Gleich geht das Gemecker wieder los. Ihr bösen bö-bösen Kinder.

RitaS (flüstert): Hallo, Fairy. Neu hier? Keine Angst. Die sind gar nicht so ungezogen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Wie nett! Jemand sprach mit mir. Dankbar ließ ich meine Finger über die Tastatur sausen.

Fairy33a: Wie macht man denn das mit dem Flüstern, Rita? Du merkst schon, ich bin zum allerersten Mal in einem Chat und habe keine Ahnung von nichts.

Tigger11: Das merkt man wirklich. Hey Leute, Rita flüstert mal wieder!

Soraja2: Wen interessiert Fairys Gelaber überhaupt?

Sumpfhuhn (schreit): Geh doch woanders üben, Pril!

Pumuckl08/15: Ich liebe dich, Soraja.

Fairy33a: Wirklich? Ich interessiere mich nämlich sehr für Liebesgeschichten unter Chattern.

Sumpfhuhn: Kann jemand der Schnalle mal sagen, dass sich keiner für ihr blödes Gelabber interesiert?

RitaS(flüstert): Kümmer dich nicht darum, fairy, die sind immer so. Du kannst hier trotzdem in aller Ruhe üben.

Fairy33a: Danke, Rita. Interessiert wird übrigens mit zwei s geschrieben, Sumpfhuhn. Und Gelaber nur mit einem b.

Pumuckl08/15: Halt endlich dein Maul, Klugscheißerin.

RitaS (flüstert): Leg dich lieber nicht mit denen an, fairy.

Wieso nicht? Verhauen konnte mich ja hier niemand. Ich klickte RitaS’ Persönlichkeitsprofil an. Sie war 55 Jahre alt, von Beruf Grundschullehrerin, und ihr Motto lautete: »… denn die Freude, die wir schenken, kehrt ins eig’ne Herz zurück.« Wie rührend. Als Nächstes entdeckte ich ein riesengroßes Ohr. Aha. Damit hatte Rita also das Flüstern bewerkstelligt. Wenn sie mir etwas zuflüsterte, konnte niemand sonst es lesen. Genial.

Fairy33a(flüstert): Ich hab das Ohr entdeckt, Rita!

RitaS(flüstert): Bravo, fairy. Du lernst schnell.

Ich war selber stolz auf mich. Das war doch alles gar nicht so schwer. Ich hatte ein Aha-Erlebnis nach dem anderen. Übermütig schickte ich Rita noch ein paar Icons, wofür sie mich ebenfalls lobte, und dann machte ich mich daran, das Erscheinungsbild meiner geschriebenen Worte farblich zu gestalten. Ich entschied mich für ein helles Rot. Oder doch besser ein leuchtendes Blau? Das Grün sah auch sehr schön aus. Oder Magenta. Oder Lila. Oder … mein Blick fiel zufällig wieder auf den Bildschirm.

Fairy33a wechselt die Farbe, stand da in Hellrot. Und darunter stand:

Fairy33a wechselt die Farbe

Fairy33a wechselt die Farbe

Fairy33a wechselt die Farbe

Fairy33a wechselt die Farbe

Fairy33a wechselt die Farbe

in allen Farben des Regenbogens. Vor lauter Peinlichkeit wechselte ich auch die Farbe.

Pumuckl08/15: Haste irgendwelche Krämpfe, Fairy?

Sumpfhuhn: Ich hasse Anfänger. Ham von nix ne Ahnung aber meckern über unsre Rächtschraibunk.

Tigger11: Geh und spül mit Pril, fairy!

Sie hatten Recht: Ich war wirklich ein blutiger Anfänger. Schamrot wollte ich mich schon davonstehlen, als die hilfreiche Rita sich wieder zu Wort meldete, diesmal ohne zu flüstern: »Ich dachte, das ist ein Testchat. Wenn man irgendwo üben darf, dann doch wohl hier, oder?«

Da hatte sie allerdings auch wieder Recht! Abgesehen davon hatte ich schon wieder vergessen, dass ich mich hier absolut und vollkommen anonym blamierte. Und das auch nur, weil ich aus beruflichen Gründen dazu gezwungen war.

Fairy33a: Danke, Rita. Und was dich angeht, Sumpfhuhn: du hättest dich besser Krampfhenne genannt!

Ha. Ging doch. Anonym konnte ich richtig fies werden. Sumpfhuhn reagierte entsprechend krampfhennig.

Sumpfhuhn: Hier wird’s mir zu voll, ich gehe woanders hin.

Tigger11: Nimm mich mit, Sumpfi.

00.18 Uhr Sumpfhuhn und Tigger11 verlassen den Raum.

Pumuckl08/15: Na denn auch mal tschüß ihr Klugscheißer. Am besten auf Nimmerwiedersehen.

00.19 Uhr Pumuckl08/15 verlässt den Raum.

Nanu! Die waren aber empfindlich. Soraja2 war offensichtlich schon vorher gegangen, und RitaS teilte mir mit, dass sie leider auch gehen müsse, dass es aber nichts mit mir zu tun hätte. Und dass Übung den Meister mache und ich einfach noch weiter üben solle.

Warte!, schrieb ich. Mit wem soll ich denn jetzt üben?

RitaS hat den Raum verlassen, informierte mich der Bildschirm.

So was Blödes. Plötzlich war ich ganz allein auf der Test-Party. Ich fühlte mich noch nicht sicher genug, um in einen richtigen Chatroom zu gehen, und wer weiß? Vielleicht waren Sumpfhuhn und die anderen ja auch schon da. So würde ich nie bis morgen Früh eine Lovestory auftreiben. Ich überlegte gerade, ob ich mich nicht zu dem einsamen Typ im Chatroom Star Wars gesellen sollte, als eine grüne Schrift auf dem Bildschirm erschien.

Boris68: Was ist los, fairy, keine Lust mehr, die Farbe zu wechseln?

Also war ich wohl doch nicht allein. Boris68 hatte bis jetzt nur geschwiegen. Vielleicht war er länger auf dem Klo gewesen.

Fairy33a: Nein. Bin immer noch schamrot. Tut mir Leid, dass ich alle vertrieben habe.

Boris68: Machen wir uns nichts vor: Die haben alle einen an der Waffel.

Fairy33a: Ohne Zweifel. Außer RitaS.

Boris68: Die ganz besonders. Warum treibt sich eine 55-jährige Grundschullehrerin mitten in der Nacht in einem Testchat herum und gibt Chatanfängern Nachhilfeunterricht.

Fairy33a: Warum treibst DU dich mitten in der Nacht in einem Testchat herum?

Boris68: Zum Test natürlich – und du?

Fairy33a: Ich suche eigentlich eine romantische Liebesgeschichte.

Boris68: Du hast sie gefunden. Ich bin wahnsinnig romantisch.

Fairy33a: Du hast mich falsch verstanden: Ich suche aus rein beruflichen Gründen.

Boris68: Du bist Cellistin.

Uuups, stimmte ja. Nett, dass er mich daran erinnerte.

Fairy33a: Ja, und blond bin ich auch! Aber es ist so: Ich arbeite nebenher als Journalistin. Und ich soll eine Story über Liebe im Internet ausfindig machen. Weißt du eine?

Boris zögerte ein Weilchen.

Boris68: Nimm dich und mich.

Fairy33a: Aber wir kennen uns doch erst seit fünf Minuten.

Boris68: So fängt es doch immer an.

Aus irgendeinem Grund wurde ich plötzlich ganz unruhig. Ich klickte Boris’ Persönlichkeitsprofil an. Männlich, 34 Jahre, Sternzeichen Löwe, mehr nicht. Das waren ziemlich magere Angaben.

Fairy33a: Du hast ja nicht mal ein Motto, Boris.

Boris68: Jetzt oder nie, Babe.

Fairy33a: Und wie soll das gehen?

Boris68: Zuerst chatten wir, dann tauschen wir unsere email-Adressen aus, und wenn wir alle Geheimnisse voneinander wissen, treffen wir uns vorm Standesamt.

Fairy33a: Das wäre zumindest eine tolle Story für meinen Chefredakteur. Dummerweise bräuchte ich das Ganze bis morgen Früh um zehn.

Boris68: Tja, da müssen wir uns eben ein bisschen beeilen. Soviel ich weiß, öffnet das Standesamt um acht Uhr.

Während ich über einer schlagfertigen Antwort brütete, öffnete sich die Zimmertür, und mein Bruder Philipp fragte: »Hanna, wo ist unser Erste-Hilfe-Kasten?«

»Nicht jetzt, Philipp!« Ich drehte mich unwillig zu ihm um und kreischte auf. Aus einem Schnitt an seiner Hand tropfte Blut auf meinen Teppich.

»Halb so schlimm«, beruhigte mich Philipp. »Helena hat mich mit dem Brotmesser erwischt. Aber mit einem bisschen Jod und einem Pflaster ist alles wieder in Ordnung.«

»Du glaubst doch nicht, dass ich meinen Teppich mit Jod und Pflaster wieder sauber bekomme«, sagte ich und stand auf, um die Wunde näher zu untersuchen. Es war glücklicherweise weniger schlimm als es aussah. »Wo ist diese Helena? Was fällt ihr ein, mit dem Messer auf dich loszugehen?«

Philipp lachte. »Es war ein Unfall, Hannilein. Wir wollten uns einen kleinen Mitternachtssnack zubereiten, aber das Brot war steinhart.« Er sah zum Schreibtisch hinüber. »Interessanter Bildschirmschoner.« Über Boris’ und meinen Dialog hatte sich das Bild der Titanic geschoben, die gerade einen Eisberg rammte.

»Es ist mitten in der Nacht!«, sagte ich vorwurfsvoll. »Ich dachte, du wärst schon seit Stunden im Bett.«

»War ich ja auch.«

»Mit Helena, nehme ich an.« Ich seufzte. »Ich dachte, es wäre ganz klar, dass hier nur an den Wochenenden jemand übernachten kann. Du hast morgen Schule, Philipp.«

»Helena hat Stress mit ihren Eltern.«

»Den hast du auch, wenn du durchs Abi rasselst. Komm mit ins Bad. Ich werde dich verbinden.«

Im Badezimmer hätte ich beinahe noch einmal aufgekreischt. Als ich nämlich den Erste-Hilfe-Kasten vom Schrank geholt hatte, erschien ein blasses, mageres Geschöpf mit tiefschwarzen Haaren und gleichfarbenen Ringen unter den Augen in der Tür. Sie trug ein T-Shirt mit aufgedrucktem Totenschädel und dem Schriftzug: See you in hell. Ihre Fingernägel waren schwarz lackiert, und an ihren bleichen Händen klebte Blut. Sie sah aus wie die Todesfee persönlich.

Am liebsten hätte ich ein Kreuz geschlagen und »Hinweg mit dir, du böser Dämon«, gerufen, aber ich riss mich zusammen. »Hallo, Helena«, sagte ich stattdessen auf gut Glück.

Die Todesfee sagte nichts.

»Das ist meine Schwester Hanna«, erklärte ihr Philipp.

Helena sagte immer noch nichts. Sie starrte mich nur an. Ich starrte zurück und fragte mich, ob die schwarzen Ringe unter ihren Augen verlaufene Wimperntusche waren oder akuter Eisenmangel. Bei genauerer Betrachtung sah sie mehr wie ein abgemagerter Pandabär aus. Ein ziemlich gruseliger Pandabär.

»Bist du in Philipps Klasse?«, fragte ich, während ich Philipps Wunde mit Desinfektionslösung abtupfte. Er ging auf eine Waldorfschule, und jetzt, in der Dreizehn, gab es nur noch neun Schüler in seiner Klasse.

Helena sagte nichts.

»Sie ist vor einem Jahr abgegangen«, antwortete Philipp an ihrer Stelle. »Sie macht eine Ausbildung zur Buchhändlerin.«

Wahrscheinlich in dem Esoterikbuchladen in der Handtkestraße, Abteilung schwarze Magie. Ich beschloss, sie so schnell wie möglich loszuwerden. »So, so. Dann musst du morgen sicher auch früh raus, was, Helena? Es ist nämlich so, dass Philipps Freunde nur am Wochenende hier übernachten dürfen.«

Helena reagierte nicht. Ihr Schweigen und ihr stierer Blick fingen an mir auf die Nerven zu gehen.

»Tut mir Leid, aber du musst jetzt nach Hause«, sagte ich noch nachdrücklicher.

»Ich hab dir doch gesagt, sie hat Stress mit ihren Eltern«, sagte Philipp.

»Aber schlafen wird sie doch noch bei ihnen dürfen, oder?«, erwiderte ich. Philipp machte den Mund auf, aber ich fiel ihm ins Wort. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich mich so unnachgiebig wie möglich verhalten musste, wenn ich nicht den Rest der Nacht mit unfruchtbaren Diskussionen verbringen wollte. »Andernfalls kannst du ihr gerne deinen Schlafsack leihen, dann wird sie unter der Brücke schon nicht erfrieren.«

»Boah, ey, Ssseiße, Mann«, ließ sich Helena endlich vernehmen. Sie hatte eine helle Kleinmädchenstimme, und sie lispelte. Ihre niedliche Stimme stand in so krassem Gegensatz zu ihrem Äußeren (und natürlich zu dem, was sie sagte), dass ich misstrauisch nach einem Tonband oder etwas Ähnlichem hinter ihrem Rücken Ausschau hielt. »Deine Ssswester ist ja noch ssslimmer als meine Alten. Und du hast gesagt, sie sei cool.«

Philipp sah mich vorwurfsvoll an. »Ist sie sonst auch.«

»Ja, aber erst wieder, wenn du das Abitur bestanden hast«, sagte ich.

Philipp guckte zwar genervt, aber er begleitete seine neue Freundin ohne weitere Diskussion zur Haustür. Wahrscheinlich war ihm das nur recht so (offensichtlich war der angenehme Teil des Abends schon vorüber), denn sonst hätte er jetzt die »Ich-bin-aber-volljährig-und-kann-tun-und-lassen-was-ich-will«-Nummer abgezogen.

Ich schloss hinter Helena ab, nachdem sie sich mit einem letzten undeutbaren Blick aus ihren Pandabäraugen verabschiedet hatte.

»Du hattest auch schon mal einen besseren Geschmack«, sagte ich zu Philipp.

»Helena ist in Ordnung«, sagte Philipp und lächelte mich überraschenderweise an. »Sie ist ganz anders als alle Mädchen, die ich sonst kenne. Sie beschäftigt sich mit Geschichte, religiösen Ritualen und Philosophie.«

»Oh je«, sagte ich besorgt.

Philipp lächelte immer noch. »Danke fürs Verarzten, Hannilein. Gute Nacht.«

»Gute Nacht«, sagte ich und setzte streng hinzu: »Und keine Tricks: Wenn du Helena durchs Fenster wieder ins Haus lässt, krieg ich das mit. Und dann …«

»Schon gut«, sagte Philipp.

Zurück in meinem Zimmer bearbeitete ich sorgenvoll die Blutflecken im Teppich mit Mineralwasser und einer Wurzelbürste. Diese Helena war genau die Sorte Freundin, die man sich für seinen kleinen Bruder nicht wünscht. Wenn überhaupt, dann brauchte Philipp jetzt ein Mädchen, das ihn Vokabeln abfragte und Mathenachhilfe erteilte. Religiöse Rituale und Philosophie würden ihm im Augenblick wenig nutzen, vor allem nicht, wenn es sich um die Art religiöser Rituale handelte, die ich Helena zutraute.

Erst als die Flecken verschwunden waren, fiel mir Boris68 wieder ein. Oh nein! Hoffentlich war er nicht gegangen. Ich stürzte an den Computer und klickte die auseinanderbrechende Titanic beiseite. Auf dem Bildschirm stand:

Boris68: Was ist los, fairy? Angst?

Boris68: fairy???

Boris68: Okay, ich verstehe, dass du ein wenig Bedenkzeit brauchst. Morgen selbe Zeit, selber Ort.

00.56 Uhr Boris68 hat den Chat verlassen.

2. Kapitel

Bevor mein Chef mich dazu zwang, im Internet einen Mann aufzureißen, war ich mit meinem Leben ausgesprochen zufrieden. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt, und meine Karriere als Redakteurin beim Fredemann-Verlag hatte gerade erst begonnen.

Außerdem war ich Single – aus Überzeugung und aus Zeitmangel –, was mir eine Menge Ärger und unnötige Komplikationen ersparte. Ich hatte liebe Freunde und eine Familie, in der alle auf eine nette Art verrückt und auf eine verrückte Art immer für mich da waren. Mit meinem kleinen Bruder Philipp teilte ich mir luxuriöse hundert Quadratmeter Wohnfläche, und weil diese hundert Quadratmeter im Anbau unseres Elternhauses lagen und ich obendrein als Babysitter für Philipp engagiert war, zahlte ich keine Miete, so dass von meinem gar nicht mal so bescheidenen Einkommen mehr als genug für andere Dinge übrig blieb.

Natürlich wollte ich nicht für immer dort wohnen bleiben, ebenso wenig wie ich für immer Single oder für immer bei ANNIKA bleiben wollte, aber zu diesem Zeitpunkt meines Lebens war ich damit völlig zufrieden.

Dass man mit seinem Leben zufrieden ist, erkennt man am besten daran, dass man mit niemand anderem tauschen möchte, obwohl man eine Menge beneidenswerter Menschen kennt.

Meine Schwester Antonia, genannt Toni, zum Beispiel war so ein beneidenswerter Mensch: Sie war bildhübsch, mit einem gut verdienenden Juristen verheiratet und mit drei entzückenden Kindern gesegnet. Wie alle Mitglieder unserer Familie – von den Angeheirateten mal abgesehen – hatten auch die Kinder dichte, tizianrote Locken, sogar das Baby. Wenn ich mit meiner Schwester und den Kindern spazieren ging, bekamen wir daher immer jede Menge Witze über Rothaarige zu hören. Nicht, dass uns das noch etwas ausgemacht hätte – wir kannten sie nur alle schon.

»Philipp hat also schon wieder eine neue Freundin.« Toni biss herzhaft in eine Banane. Wir kamen gerade vom Einkaufen, einer Tätigkeit, der Toni nicht mehr ohne eine erwachsene Begleitperson nachkam, seit ihr Zweijähriger eine Pyramide aus Nutellagläsern zum Einsturz gebracht hatte. Toni behauptete, nackt durch ein Krokodilbecken zu tauchen sei ein Klacks gegen das Unterfangen, mit drei kleinen Kinder einen Supermarkt zu besuchen.

Der Babyjogger, den ich schob, war randvoll mit Obst, Butterkeksen, Windeln und Tiefkühlspinat. Mittendrin schlummerte Baby Leander, gerade mal acht Wochen alt. Seine beiden Geschwister machten etwa zwanzig Meter vor uns den Bürgersteig unsicher.

»Philipp ist gerade mal achtzehn und hatte schon mehr Beziehungen als Mick Jagger in seinem ganzen Leben«, fuhr Toni fort. »Ist sie hübsch, diese Helena?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, sie sieht aus wie Jahre nicht gewaschen und als würde sie sich schon zum Frühstück Valium ins Müsli rühren. Wenn Mama und Jost die kennen lernen, kriegen sie Zustände.«

»Mama nicht, die steht auf Freaks«, meinte Toni. »Sie ist doch selber einer.«

»Ja, aber eine andere Sorte Freak. Finn, lass das!«

»Und du, bleib auf dem Bürgersteig, Henriette!«, schrie Toni. Das war leichter gesagt als getan: Henriette hatte eben erst gelernt, das Fahrrad ohne Stützräder zu fahren, eine beachtliche Leistung für eine Vierjährige, zumal ihr am Hinterreifen das Bobbycar ihres kleinen Bruders klebte, der unentwegt »Aus dem Weg! Aus dem Weg!« brüllte.

Meine Schwester rannte ein paar Schritte. Sie hinderte Henriette daran, über die Bordsteinkante zu kippen und hielt Finn so lange an seiner Kapuze fest, bis ein Sicherheitsabstand zwischen Fahrrad und Bobbycar entstanden war.

»Aus dem Weg!«, brüllte Finn, und Henriette schrie: »Wenn du mich einholst, spucke ich!«

»Das Leben ist eine Bushaltestelle.« Toni seufzte, als ich sie wieder eingeholt hatte. Sie entsorgte die Bananenschale in einem hübschen blaulackierten Briefkasten, offenbar im festen Glauben, es handele sich um einen Papierkorb. »Wenn sie doch nur einmal aufhören würden, sich zu zanken.«

»Kennst du die Leute?«, fragte ich.

»Welche Leute? Finn! Ich hab gesagt, du sollst Henriette in Ruhe lassen! Hörst du wohl auf zu spucken, Henriette!« Toni drehte sich zu mir um. »Sie sind grässlich, oder? Aber das ist auch kein Wunder: Den ganzen Tag brülle ich sie nur an. Wo waren wir stehen geblieben?«

»Bei den Leuten, denen du gerade eine Bananenschale in die Post geworfen hast«, sagte ich. »Außerdem heißt es, das Leben ist eine Baustelle, Toni. Das ist ein Filmtitel. Und deine Kinder sind nicht grässlich. Wir haben uns in dem Alter auch immer nur gezankt, und Mama hat uns nur angebrüllt.«

»Das Leben ist eine Baustelle?«, wiederholte Toni und seufzte. »Wann komme ich denn schon mal ins Kino, hm? Nein, das Leben ist eine Bushaltestelle, bei der man den Bus verpassen oder in den falschen steigen kann, ohne es zu merken. Ich zum Beispiel sitze im falschen Bus. Dummerweise habe ich es gerade eben erst gemerkt. Scheiße, habe ich die Bananenschale wirklich in einen Briefkasten geworfen?«

Ich nickte. »Ich hab schon versucht, sie wieder rauszuholen. Geht aber leider nicht. Lass uns also schnell weitergehen, als wäre nichts gewesen.«

»Das wird immer schlimmer mit mir.« Toni strich sich hektisch eine Locke hinters Ohr. »Gestern kam ich mit den Kindern vom Kinderarzt. Henriette und Finn haben sich gezankt wie immer, und Leander hat gebrüllt wie am Spieß. Ich also schnell in den Keller, die Tiefkühlsachen in die Gefriertruhe gebracht, wieder hoch gehetzt, das Kleiner-Eisbär-Video reingeschoben und den Kleinen gestillt. Als ich dann später die Wäsche runtergebracht habe, fand ich die Tiefkühlsachen in der Waschmaschine. Glaubst du, ich hab Alzheimer, Verena?«

»Ich bin Hanna.« Verena war unsere andere Schwester, die als Model arbeitete und zur Zeit in Madrid lebte. »Nein, du hast kein Alzheimer«, sagte ich trotzdem. »Du hast einfach nur drei Kinder in vier Jahren bekommen. Damit wäre jedes Gehirn wahrscheinlich vorübergehend überfordert.«

»Vier Kinder in drei Jahren?« Toni seufzte. »Ich sag ja, ich sitze im falschen Bus. Oh nein! Finn! Lass das liegen! Das ist bah! Das ist Aa! Nicht anfassen! Bah! Aa! Kannst du nicht hören? DAS IST VERDAMMTE HUNDESCHEISSE!«

In diesem dramatischen Augenblick klingelte mein Handy. Es war meine Freundin Vivi, die mich daran erinnerte, dass ich vor unserem Sushiabend noch bei ihr vorbeikommen und ihre Bewerbungsunterlagen mit ihr durchgehen wollte. Und außerdem (sagte sie etwas weinerlich) habe sich der supernette Typ, den sie bei einer dieser Dating-Lines im Internet kennen gelernt hatte, als bisexuell geoutet.

»Eigentlich hätte man sich das bei dem Codenamen ja denken können«, sagte ich und reichte Toni ein Päckchen Taschentücher aus meiner Manteltasche. »Wahrscheinlich ist er außerdem pädophil.« Der Kerl hatte sich pünktchenundanton genannt. »Wie gut, dass ihr euch noch nicht im wirklichen Leben getroffen habt!« Vivi traf ihre Internet-Flirts glücklicherweise nie im wirklichen Leben, obwohl sie es sich jedesmal ganz fest vornahm. Ich sollte noch erwähnen, dass sie sich keineswegs – wie ich – aus beruflichen Gründen in zweifelhaften Chats herumtrieb, sondern tatsächlich hoffte, hier den Mann fürs Leben kennen zu lernen. Da sie es bisher aber noch nicht getan hatte, schied sie als Kandidatin für unsere »Liebe auf den ersten Klick«-Reportage leider aus. Vivi wäre eher was zum Thema »Warum gerate ich nur immer an den Falschen« gewesen.

»Ist es denn nicht schrecklich intolerant, wenn ich jemanden ablehne, nur weil er sexuell anders orientiert ist?«, fragte sie.

»Du lehnst ihn nicht ab, du lehnst es nur ab, mit ihm und seinem schwulen, minderjährigen Freund ins Bett zu gehen«, sagte ich geduldig.

»Meinst du, dass es das ist, was er von mir will?«

»Vivi, ich hab keine Ahnung. Aber wenn ich du wäre, würde ich es nicht unbedingt herausfinden wollen.«

»Warum nicht?«, fragte Vivi. »Nächste Woche werde ich dreißig. Und selbst ein perverser Mann wäre besser als überhaupt kein Ärger.«

»Warum nicht?«, murmelte auch Toni, die meinen Worten aufmerksam gelauscht hatte, während sie hektisch und hoffnungslos mit den Taschentüchern herumhantierte. »Alles ist besser als das hier.«

Es war wirklich so: Außer mir war niemand mit seinem Leben zufrieden.

»Ich muss jetzt Schluss machen, Vivi, aber ich bin in einer halben Stunde bei dir. Meinst du, du schaffst es bis dahin, keinem deiner perversen Internetbekanntschaften eine E-Mail zu schicken?«

»Das dürfte kein Problem sein«, seufzte Vivi. »Mir ist vorhin eine Tasse Kaffee über die Tastatur gekippt. Da geht gar nichts mehr.«

Ich verstaute das Handy wieder in meinem Rucksack und suchte in Leanders Wickelrucksack nach Feuchttüchern. »Vivi hat wieder mal ihren Job hingeschmissen, und ich muss ihr bei der Bewerbung helfen, weil sie bei zu viel Freizeit nachweislich auf dumme Gedanken kommt.« Ich kniete neben Toni nieder und kümmerte mich um Finns andere Hand. Das gute Kind fasste grundsätzlich alles mit beiden Händen an. »Um acht treffen wir uns dann mit Carla und Sonja in der Sushibar, und ich hab mir noch nicht die Haare gewaschen. Deshalb muss ich jetzt leider weg.«

»Aber ja, es ist Freitagnachmittag, und das Wochenende hat begonnen«, schnaubte Toni. »Für alle, außer für mich. Justus wird das ganze verdammte Wochenende in Hannover sein. Halt bloß still, Finn! Carla und Sonja wer?«

»Sonja-deine-Handtasche-paßt-aber-nicht-zu-deinenSchuhen-Möhring und Carla-wer-ist-denn-der-süße-Typ-da-in-der-Ecke-Lautenbacher. Carla ist Redaktionssekretärin bei ANNIKA, und Sonja war mit Vivi im Internat. Du kennst sie nicht.«

»Weil sie ihre Freizeit nicht in Krabbel- und Spielgruppen verbringen oder sich auf städtischen Spielplätzen herumtreiben, meinst du? Oh nein, jetzt hast du’s auch an deiner Jacke, Finn. Dabei gehe ich ja noch nicht mal in so eine Krabbelgruppe. Ich hab’s versucht. Bei Henriette hab ich’s wirklich versucht. Aber all die anderen Mütter haben mich für eine Art Alien gehalten. Ist das nicht seltsam? Für euch normale Freaks bin ich ein Alien, weil ich drei Kinder habe, und für die anderen Mütter bin ich ein Alien, weil ich noch nie auf einer Tupperparty war und keinen Sprühreiniger für mein Cerankochfeld benutze! Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten. Sogar mein eigener Mann hält mich für ein Alien.«

»So ein Blödsinn«, versuchte ich zu widersprechen. Tonis Mann vergötterte sie, und nicht alle Mütter in dieser Stadt verbrachten ihre Freizeit auf Tupperpartys. Im Gegenteil: Auf Carlas Tupperparty neulich war nicht eine einzige Mutter gewesen, nur Vivi, Sonja und ich und jede Menge Karrierefrauen, die ihre Vorratshaltung revolutionieren wollten. Ich selbst war nun stolze Besitzerin einer stattlichen Anzahl so genannter Eidgenossen. Nie waren meine Cornflakes besser aufgehoben gewesen. Ich hatte das Gefühl, für meine Eidgenossen in die Bresche springen zu müssen. »Weißt du, Toni, solange du in solch klischeebehafteten Schubladen denkst, musst du dich nicht wundern, wenn du selber in eine geschoben wirst. Du bist eine tolle Frau und eine wunderbare, patente Mutter. Wenn du nur anfangen würdest, dich selber …«

»Verdammt, Finn!«, unterbrach mich Toni schrill. »Mama will kein Aa an ihrer Hose haben. Die ist von Patrizia Pepe und hat Papa verdammt viel Geld gekostet. Und Mama hat es verdammt viel Zeit gekostet, den verdammten Knopf über der verdammten Wampe zuzukriegen.«

Ich sah an Tonis graziler 36-er Figur herab und suchte vergeblich nach etwas, das man »Wampe« schimpfen durfte. Dabei fiel mir etwas auf: »Du hast einen Rock an, Toni.«

»Was? Ach, stimmt ja, Henriette hat heute Mittag Ketchup über die Hose gekleckert. Absichtlich! Stimmt’s, du kleines Biest?«

»Ich will verdammt noch mal endlich weiter auf dem verdammten Bürgersteig fahren«, beschwerte sich Henriette.

»Du sollst nicht so fluchen«, rügte Toni und sah mich entschuldigend an. »Ich weiß auch nicht, was ich dagegen machen soll. Vom Kindergarten bringt sie jeden Tag neue Kraftausdrücke mit nach Hause. Aaaaargh! Verdammte Scheiße, jetzt hab ich doch reingefaßt.«

»Soll ja Glück bringen«, sagte ich, was eine unkluge Bemerkung war, weil Henriette nun unbedingt auch am großen Familienglück teilhaben wollte und mit beiden Händen in das griff, was vom Hundehaufen auf dem Bürgersteig noch übrig war. Ich benötigte die restliche Packung Feuchttücher für Reinigungsarbeiten an Kindern und Mutter.

»Das muss ein riesiger Hund gewesen sein«, meinte Toni den Tränen nahe.

»Ein verdammt riesiger Hund«, stimmte Henriette zu. »Der wird verdammt viel Glück bingen.«

»Bestimmt«, sagte ich, und wenigstens Henriette freute sich.

»Du kannst noch nicht gehen«, sagte Toni. »Du hast mir noch gar nichts von deinem neuen Chefredakteur erzählt.«

»Das mach ich dann morgen«, versprach ich.

»Aus dem Weg«, schrie Finn, der wieder auf seinem Bobbycar Platz genommen hatte.

Ich gab ihnen allen ein Küsschen. »Macht’s gut, ihr Süßen, und seid lieb zu eurer Mama.«

»Gott, was würde ich darum geben, mit dir zu tauschen«, sagte Toni.

»Dann könntest du deine Patricia-Pepe-Hose aber vergessen«, erwiderte ich, mich rückwärts vom Schauplatz entfernend. »Die würde ich nämlich nicht mal über die Oberschenkel kriegen.«

»Das wäre mir egal«, beteuerte Toni und rannte hinter ihren Kindern her.

»Hey, Schätzchen! Vergiss den Kinderwagen nicht!« rief ich.

Toni schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und kam noch mal zurück. Wie gesagt, sie war absolut beneidenswert, aber zu diesem Zeitpunkt meines Lebens wollte ich nun mal mit niemandem tauschen, auch nicht mit jemandem, der mühelos in Größe 36 passte.

Es sollten allerdings noch andere Zeiten kommen. Und zwar schneller als mir lieb war.

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