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Lügen, Liebe, Leidenschaft

1. KAPITEL

Logan Sutherland schlenderte durch die Hotellobby der exklusiven Ferienanlage auf Alleria, als er aus der Cocktail-Lounge das Klirren von zersplitterndem Glas hörte.

„Wo gehobelt wird, fallen Späne“, murmelte Logan vor sich hin. Dennoch blieb er kurz stehen und lauschte.

Alles blieb seltsam still.

„Mist!“ Er sah auf die Uhr. In fünfzehn Minuten war eine Telefonkonferenz angesetzt. Er hatte jetzt keine Zeit, nach dem Rechten zu sehen, doch die rätselhafte Stille weckte seine Neugier. Er ging zur Lounge hinüber.

Logan und sein Zwillingsbruder Aidan hatten mit exotischen Cocktailbars in Luxushotels weltweit ein Vermögen gemacht. Dass ein paar Gläser zu Bruch gingen, war selten ein Grund zur Beunruhigung. Doch nach Logans Erfahrung folgte auf so ein Malheur unweigerlich Beifallklatschen und johlendes Gelächter der Gäste. Aber niemals eine solche Stille.

Stille bedeutete, dass irgendetwas faul war. Und Logan Sutherland war nicht der Typ, der so etwas einfach ignorierte.

Er trat in die stilvoll eingerichtete Bar. Dort war es immer noch verdächtig ruhig, obgleich ziemlich viel los war und die meisten Tische mit Hotelgästen besetzt waren. Cocktail-Kellnerinnen und – Kellner eilten geschäftig zwischen Tischen und Tresen hin und her und servierten Drinks und Snacks. Die Stille war Logan unerklärlich.

Er trat auf den Chefbarkeeper zu. „Was ist hier los, Sam?“

Sam wies mit dem Kinn zum anderen Ende der Bar, wo einige Bedienungen sich am Boden zu schaffen machten. „Eine neue Kellnerin hat ein volles Tablett mit Drinks fallen gelassen.“

„Und warum ist es dann so ruhig?“

Sam blickte eine Weile nachdenklich zur Getränkeausgabe hinüber, wo zwei junge Barkeeper versiert die eingehenden Bestellungen ausführten. „Wir sind alle ein bisschen besorgt um sie, Chef“, erklärte er.

„Warum? Hat sie sich geschnitten?“

„Nein, sie ist nur einfach ein wirklich süßes Mädchen.“ Sam zuckte lächelnd mit den Schultern. „Wär nicht nett von uns, sie auszulachen.“

Logan sah Sam, einen bulligen Ex-Marine, stirnrunzelnd an, dann musterte er nachdenklich die neue Kellnerin.

Ihre Kolleginnen hatten die großen Glasscherben eingesammelt und sich wieder ihrer eigenen Arbeit zugewandt. Die neue Kellnerin blieb zurück, während ein Hilfskellner die restlichen Splitter aufkehrte. Sie kniete sich auf den Boden und wischte mit mehreren Lappen die verschüttete Flüssigkeit auf.

„Tausend Dank, Paolo“, sagte sie zu dem Hilfskellner und richtete sich auf. Paolo nahm ihr die Wischlappen ab, sie ging zurück zur Getränkeausgabe – und Logan sah das „wirklich süße Mädchen“ zum ersten Mal richtig an. Ihr Anblick traf ihn wie ein Schlag. Sie war geradezu umwerfend.

Sein zweiter Gedanke war: Hoffentlich cremt sie sich immer gut mit Sonnenmilch ein, ihr Teint ist so blütenweiß und rein.

Sein erster Gedanke hingegen war alles andere als jugendfrei gewesen.

Sie war eine jener klassischen rothaarigen Schönheiten mit Pfirsichhaut und einem Anflug von Sommersprossen auf dem Nasenrücken. Ihre dichte kastanienbraune Mähne fiel ihr in glänzenden Wellen über den Rücken. Dank ihrer „Arbeitskleidung“ – bestehend aus einem Bikini und einem durchsichtigen Sarong – konnte Logan problemlos ihren knackigen Po und ihre perfekt geformten Brüste bewundern.

Sie war groß, was Logan bei Frauen sehr mochte … Doch warum sollte das für ihn wichtig sein? Er hatte momentan weder Zeit noch Interesse an einer festen Beziehung. Andererseits musste es ja nicht unbedingt eine feste Beziehung sein. Für ein kleines Abenteuer war immer Zeit. Vielleicht sollte er einfach seine Terminplanung für die nächsten Tage überdenken. Wie lange er wohl bräuchte, um sie in sein Bett zu locken?

Logan schaute ihr nach. Ihr Gang besaß eine Anmut, die ihm schon bei manchen großen Frauen aufgefallen war. Umso verwunderlicher, dass sie ein Tablett mit Getränken fallen gelassen hatte – sie wirkte alles andere als tollpatschig, eher gelassen und selbstbewusst. Intelligent. Man konnte sich kaum vorstellen, dass ihr jemals irgendein Missgeschick passierte.

Was für ein Spielchen trieb sie also?

Logan dachte daran, dass selbst sein abgebrühter Barmann Sam von ihr so entzückt war, dass er ihre Gefühle nicht verletzen wollte. Nun, Sam wäre nicht der erste Mann, der sich von einer verführerischen Frau bezirzen ließ.

Da blickte das Mädchen zu Logan hinüber und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Okay, sie war wirklich eine Wucht, und Logan verstand jetzt, warum sein Bär von einem Barmann in ihrer Gegenwart ganz zahm wurde.

Sie hatte einen sexy Mund mit vollen, sinnlichen Lippen. Ihre großen grünen Augen strahlten Offenheit und natürliche Freundlichkeit aus. Dieses herzliche Lächeln war ihr offenbar angeboren – und zum Einheimsen stattlicher Trinkgelder sicher nicht verkehrt. Die würde sie allerdings nicht mehr lange bekommen, wenn sie ständig die Cocktails der Gäste verschüttete – und genau deshalb war er schließlich auf sie aufmerksam geworden.

Noch bevor er sich vorstellen konnte, hatten die beiden Barkeeper ihre Getränkebestellung fertig und riefen sie zu sich.

„Oh danke, Jungs“, sagte sie mit einer Stimme, die so verführerisch war wie ihr Lächeln. „Ihr beide seid echt süß.“

Logan sah, wie die Barkeeper bei ihrem Kompliment rot wurden. Die Frau zog ein kleines Notizbuch aus der Gürteltasche und schaute darin etwas nach. Dann steckte sie es wieder weg, platzierte die Cocktails in einer sorgfältig abgezirkelten Anordnung auf dem Tablett und hob es mit beiden Händen hoch. Auf einmal wurde es mucksmäuschenstill in der Bar, als das Tablett schwankte und sich die Augen der Frau vor Anspannung weiteten.

Ohne zu überlegen, eilte Logan zu ihr. Er nahm ihr das Tablett aus den Händen, hob es auf seine Schulter und balancierte es dort mit einer Hand. Dann fixierte er sie und fragte: „Wo muss das hin?“

„Oh, das ist aber nett von Ihnen“, sagte sie mit einem weiteren strahlenden Lächeln. „Gleich dort drüben hin.“ Sie ging ihm zu einem Vierertisch am Fenster mit Blick auf den weißen Sandstrand voraus. „Die Cocktails sind für Mr und Mrs McKee und ihre Freunde.“

„Hallo, meine Süße“, sagte der ältere Herr. „Ich hab Ihnen doch gesagt, ich würde Ihnen beim Hertragen helfen. Aber es sieht ja ganz so aus, als hätten Sie eine andere hilfreiche Hand gefunden.“

Ein Gast des Alleria Resorts war also bereit, ihr beim Tragen der bestellten Drinks behilflich zu sein? Allein das war schon schlimm genug, aber glaubte dieser Gast etwa im Ernst, Logan sei der Lakai seiner eigenen Kellnerin? Es war wirklich an der Zeit, dass er und Miss Tollpatsch ein ernstes Wörtchen miteinander redeten.

„Oh, Mr McKee, vielen Dank für Ihr Angebot“, sagte die Kellnerin, dann wandte sie sich zu Logan um und tätschelte ihm den Arm. „Aber die Bedienungen hier sind alle so hilfsbereit, dass …“

„Kein Problem, Sir“, unterbrach Logan und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Er servierte rasch die Drinks und sagte dann so liebenswürdig wie möglich: „Genießen Sie Ihre Cocktails.“

„Mit Vergnügen, Herr Ober“, sagte Mr McKee und nahm einen tiefen Zug von seinem Banana Daiquiri. „Mann, das geht runter wie Öl.“

„Hier, Schätzchen“, sagte Mrs McKee und drückte der Kellnerin eine Fünfzig-Dollar-Note in die Hand. „Das ist zum Trost für Ihr Missgeschick vorhin.“

„Oh, das kann ich kaum annehmen.“ Die Kellnerin blickte ungläubig auf das Geld, dann auf ihre Gäste. „Vielen herzlichen Dank!“

„Keine Ursache, wir haben zu danken, meine Süße.“ Mr McKee zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Sie sind wirklich so reizend, und uns tut es einfach leid, dass wir Ihnen mit unseren Bestellungen so viel aufgebürdet haben.“

Sie wehrte ab. „Ach, aber das ist doch mein …“

„Vielen Dank, Mr und Mrs McKee“, schnitt Logan ihr das Wort ab. „Einen wunderschönen Abend noch.“ Dann packte er die Kellnerin am Arm und geleitete sie freundlich, aber bestimmt zurück zum Tresen, wo er das Tablett abstellte. Anschließend führte er sie durch die Bar nach draußen.

„Warten Sie“, protestierte das Mädchen. „Ich kann jetzt nicht einfach verschwinden, es ist viel zu viel los hier.“

„Zuerst müssen wir ein paar Takte miteinander reden.“ Mit grimmigem Lächeln zog Logan sie durch die Lobby und zu seinem Büro.

„Halt“, sagte sie mit Nachdruck und versuchte, ihm ihren Arm zu entziehen. „Jetzt mal im Ernst, für wen halten Sie sich eigentlich?“

„Im Augenblick bin ich Ihr Chef“, sagte er und sah sie wütend an. „Aber ich glaube nicht, dass das noch lange so bleibt.“

Grace zuckte bei seiner Antwort zusammen. Warum musste ausgerechnet einer der Sutherland-Brüder sie dabei ertappen, gleich ein ganzes Tablett voller Cocktails zu verschütten?

Vor ihrer Reise nach Alleria hatte sich Grace im Internet eingehend über Logan und Aidan Sutherland informiert. Als Teenager waren die beiden Weltklasse-Surfer gewesen, dann hatten sie ihre Preisgelder in Luxus-Nightclubs und Bars weltweit investiert. Gerüchten zufolge hatten sie ihre erste Bar während ihrer College-Zeit beim Poker gewonnen, aber Grace konnte das nicht so recht glauben.

Zuletzt hatte sie gelesen, dass die Sutherland-Zwillinge sich mit ihren Cousins, den Duke-Brüdern, zusammengetan hätten. Letzteren gehörte eine Reihe luxuriöser Ferienanlagen an der Westküste der USA.

Grace hatte zwar im Internet Fotos der Zwillinge gesehen, aber die hatten die beiden beim Surfen und Segeln gezeigt. Auf keinem hatte man erkennen können, wie attraktiv die beiden aussahen. Auf die unwiderstehliche Ausstrahlung des gut aussehenden Mannes, der nun neben ihr herging, war sie nicht vorbereitet gewesen.

Auf der Hälfte des Korridors blieb ihr Chef vor einer Tür stehen, schob eine Magnetkarte ins Sicherheitsschloss und ließ ihr den Vortritt in eine große, geschmackvoll eingerichtete Hotelsuite. Edle Sofas in Braun und Beige bildeten eine Sitzecke, während die andere Hälfte des Raums mit eleganten Designermöbeln und den üblichen Requisiten eines modernen Büros eingerichtet war.

„Hier arbeiten Sie also?“ Grace ließ den Blick durch den Raum schweifen. Hinter geöffneten Glasschiebetüren erstreckte sich eine große Terrasse, und die hochgezogenen Jalousien gaben den Blick frei auf Palmen, Sonnenschein, den herrlichen weißen Sandstrand und das klare türkisblaue Meer.

„Eine schöne Aussicht, nicht wahr?“, sagte Mr Sutherland.

„Atemberaubend“, staunte sie und wandte sich zu ihm um. „Sie sind wirklich ein Glückspilz.“

„Ja, ich kann nicht klagen.“ Er blickte sie so selbstsicher an, dass sie auf einmal ganz weiche Knie bekam. Vielleicht sollte ich künftig besser frühstücken, dachte sie, denn so schwach hatte sie sich im ganzen Leben noch nicht gefühlt.

Als sie ihn jedoch erneut betrachtete, wurde ihr klar, dass es für ihre Schwäche durchaus auch andere Gründe gab, nämlich Logan Sutherland selbst – groß, von imposanter Statur, mit dunkelblauen Augen, die jetzt leicht spöttisch wirkten. Hoffentlich verbarg sich unter seinem Zynismus auch etwas Mitgefühl, hoffte Grace.

Er nahm den Telefonhörer auf, und als sich jemand meldete, sagte er: „Verschieben Sie die Telefonkonferenz bitte auf vier Uhr.“ Dann legte er auf und sah Grace forschend an.

Sie steckte in Schwierigkeiten, das wusste sie. Aber es hinderte sie nicht daran, den Anblick seiner leuchtend blauen Augen zu genießen, deren Blick sie jetzt allerdings geradezu zu durchbohren schien. Logans Kieferpartie war ausgeprägt, und Grace fiel das Grübchen in seinem markanten Kinn auf. Die ganz leicht krumme Nase – war sie einmal gebrochen gewesen? – verlieh ihm einen verwegenen Charme, den sie seltsamerweise attraktiv fand.

„Setzen Sie sich“, sagte er brüsk und deutete auf einen Stuhl vor seinem massiven Mahagonischreibtisch. Sie nahm Platz, bemerkte aber, dass er selbst es vorzog, stehen zu bleiben. Natürlich, um sie einzuschüchtern.

Aber das war jetzt auch egal. Sollten das hier ihre letzten Minuten auf dieser wunderschönen Karibikinsel sein, dann würde sie ihre Zeit liebend gern damit verbringen, Mr Sutherland zu betrachten. Der Mann sah umwerfend gut aus. Sein maßgeschneiderter schwarzer Anzug verbarg sicherlich einen durchtrainierten, muskulösen Körper. Grace schloss aus der Mühelosigkeit, mit der er sich das schwere Cocktailtablett auf die Schulter gestemmt hatte, dass der Mann in Topform war. Es juckte sie in den Fingern, ihm prüfend den Bizeps zu drücken.

So eine lächerliche Idee, schalt sie sich.

„Ich wage zu behaupten …“, unterbrach er ihre schwärmerischen Gedanken, „… dass Sie noch nie als Kellnerin gearbeitet haben. Stimmt’s?“

Sie holte tief Luft und überlegte, ob sie ihn anschwindeln sollte, doch dann entschied sie sich dagegen. Eine gute Lügnerin war sie noch nie gewesen. Die Wahrheit würde ihr allerdings sicher auch nicht helfen – obwohl, warum eigentlich nicht? Schließlich gab sie zu: „Sie haben recht, aber …“

„Danke, mehr wollte ich gar nicht wissen“, sagte er freundlich. „Sie sind gefeuert.“

„Nein!“, rief sie entsetzt, und ihre Finger klammerten sich um die Armstützen des Stuhls. „Sie können mich nicht rauswerfen. Jetzt noch nicht.“

„Noch nicht?“, wiederholte er. „Warum denn das? Weil Sie noch nicht meinen ganzen Vorrat an Gläsern kaputt schmeißen konnten?“

Ihre Schultern sackten enttäuscht zusammen. „Nein. Aber … Ich kann noch nicht weg von hier.“

Er sah sie prüfend an. „Wie heißen Sie?“

„Grace. Grace Farrell.“

„Wie bitte?“ Er legte den Kopf schräg und sah sie ungläubig an. „Wirklich Grace?“

Sie nickte ernsthaft. „Richtig.“

Er lehnte sich an den Schreibtisch zurück, warf den Kopf in den Nacken und lachte so schallend, dass sie es wie ein Vibrieren tief in ihrem Körper spürte.

Was zum Teufel war so lustig an ihrem Namen?

„Oh“, sagte sie schließlich, als ihr der Witz klar wurde. Aber so lustig war es nun auch wieder nicht. „Ja, wahrscheinlich habe ich vorhin in der Bar nicht allzu graziös gewirkt.“

„Wahrscheinlich?“, spottete er.

Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf. „Sie müssen nicht gleich so sarkastisch werden.“

„Sie sind mir ein Herzchen, immerhin haben Sie uns in Ihrer Bewerbung eine dreiste Lüge aufgetischt.“

„Das stimmt nicht … Woher wollen Sie das überhaupt wissen?“ Oje, sie brachte ja noch nicht einmal diese kleine Notlüge zustande, ohne rot zu werden. Traurig, aber wahr.

„Ich stelle generell keine Bedienungen ohne Berufspraxis ein“, sagte Logan Sutherland. „Und da wir Sie trotzdem engagiert haben, stand in Ihrer Bewerbung sicher, dass Sie über Erfahrung verfügen. Offensichtlich ist das allerdings nicht der Fall, und daraus folgt: Sie haben gelogen. Und da Sie nun nicht mehr für mich arbeiten, kann ich so sarkastisch sein, wie ich möchte.“

„Ich hoffe, Sie geben mir trotzdem noch eine Chance.“ Grace ärgerte sich insgeheim über seine logische Beweisführung. „Ich hatte gute Gründe zu schwindeln, das heißt, die Wahrheit etwas zu frisieren.“

„Zu frisieren? Da bin ich aber gespannt.“ Er machte eine Handbewegung, als gewähre er ihr gnädig die Erlaubnis, zu sprechen. „Aber ich habe nicht lange Zeit. Ich war gerade auf dem Weg zu einer wichtigen Telefonkonferenz, als ich durch Ihre kleine Szene da draußen unterbrochen wurde.“

„Oh, das tut mir wirklich leid.“

„Ja, mir auch. Also?“

„Nun, eigentlich ist es ganz simpel.“ Sie wünschte sich, sie wäre etwas geschäftsmäßiger gekleidet als in einem Bikinioberteil, das den größten Teil ihrer Brüste freiließ, und einen Hauch von Sarong, der ein gutes Stück unterhalb ihres Bauchnabels geknotet war. Doch da sie sich kaum zuerst umziehen konnte, holte sie tief Luft und sagte geradeheraus: „Sie haben hier sehr seltene, mikroskopisch kleine Sporen.“

Er starrte sie entgeistert an und schüttelte dann den Kopf. „Nein, ich dusche jeden Tag.“

Sie blinzelte verwirrt, dann lachte sie laut heraus. „Oh nein, ich meine nicht Sie persönlich. Ihre Insel. Auf Alleria gibt es seltene Farne, mit deren Sporen man eines Tages lebensrettende Medikamente herstellen könnte. Ich bin Forscherin und hierher auf die Insel gekommen, um diese zu sammeln und zu untersuchen.“

Er sah sie nachdenklich an. In seinem Blick meinte sie, einen Funken Verständnis aufblitzen zu sehen, doch dann sah er auf die Uhr und sagte: „Okay, netter Versuch. In einer Stunde haben Sie diese Insel verlassen.“

„Was? Nein!“ Sie sprang auf. „Mr Sutherland, ich weigere mich, von hier fortzugehen. Ich muss erst meine Forschung beenden.“

Er schüttelte den Kopf. „Das ist mein letztes Wort, Ms Farrell.“

„Ich weiß, ich habe gelogen, und vielleicht fühlen Sie sich im Recht, mich zu feuern. Aber ich gehe nicht von der Insel, bis ich erreicht habe, wofür ich hergekommen bin.“

Logan bewunderte unwillkürlich das Engagement, das aus Grace Farrells Blick sprach. Es schien ihren ganzen Körper zu durchdringen, und er fragte sich, ob ihre Hingabe im Bett wohl auch so leidenschaftlich wäre. Würde sie vor Lust aufschreien, wenn er in sie eindrang?

Energisch verdrängte er diese Vorstellung aus seinem Kopf. Was zum Teufel fiel ihm ein, sie sich beim Sex vorzustellen? Sie hatte in ihrem Lebenslauf gelogen, in seiner Bar Gläser zerbrochen und ihm seine Zeit geraubt. Daher durfte sie keine Minute länger als nötig auf seiner Insel bleiben.

Aber seine lebhafte Sexfantasie machte ihm einen Strich durch die Rechnung, und er überlegte einen Moment, ob es wirklich nötig war, sie von der Insel zu verbannen. Okay, sie war eine Lügnerin – aber eine äußerst attraktive. Warum sollte er nicht, bevor sie abreiste, noch ein paar heiße Nächte mit ihr verbringen?

Das hieß zwar noch lange nicht, dass er ihr über den Weg traute. Andererseits hatte ihn seit Monaten niemand mehr so amüsiert, in den Bann gezogen und sexuell erregt. Es konnte schließlich nicht schaden, ihr noch etwas länger zuzuhören.

„Dann erzählen Sie mir doch mal ein bisschen über diese Farnsporen, die Sie so eifrig suchen“, sagte er, ging hinüber zur Sitzecke und machte es sich auf einer Couch bequem. Er konnte die Situation ruhig noch ein wenig auskosten.

Sie ging im Zimmer auf und ab und erklärte voller Begeisterung: „Die Sporen auf Alleria stellen ein exaktes Abbild der menschlichen Fortpflanzungsgene dar und sind für meine Experimente zur Gen-Reproduktion unerlässlich. Ich arbeite seit fast zehn Jahren an diesem Forschungsprojekt und habe in den vergangenen beiden Jahren immer dieselben Sporen verwendet. Nun muss ich unbedingt neue Sorten finden, um weitere Fördermittel bewilligt zu bekommen.“

„Gen-Reproduktion?“

Sie blieb stehen. „Wissen Sie, was damit gemeint ist?“

Er runzelte die Stirn. „So im Allgemeinen schon.“

„Oh, wunderbar!“ Sie faltete die Hände und drückte sie an ihre Brust. „Dann verstehen Sie ja auch, wie wichtig diese neuen Sporen für meine Arbeit sind. Meine Dissertation, die sich mit ihren meiotischen Mustern und ihrer Fähigkeit beschäftigt, die entstehenden haploiden Zellen zu nutzen, hat bereits weltweit Interesse geweckt. Ich bin sicher, dass man durch weitere Forschungen den Schlüssel zur Heilung einiger der schlimmsten Krankheiten finden wird.“

„Oh, wirklich?“ Ab den „meiotischen Mustern“ hatte Logan ihren Erklärungen nicht mehr folgen können, wollte das aber nicht zugeben.

„Ganz sicher“, sagte sie. „Ich bin so dicht vor dem Abschluss der Voruntersuchungen und habe schon neue Forschungsgelder beantragt, um weiterzumachen. Es ist eine sehr wichtige Arbeit. Aber ich brauche dazu frische Sporenarten, und zwar bald.“

„Verstehe“, sagte er und legte den Arm über die Sofalehne.

Sichtlich enttäuscht von seinem blasierten Ton blieb sie vor ihm stehen und sagte ruhig: „Mr Sutherland, ich bin Wissenschaftlerin, und eine sehr gute. Ich … ich brauche diesen Job hier, um meine Forschungen auf der Insel durchzuführen. Und diese Ferienanlage ist der wichtigste Arbeitgeber auf Alleria.“

„Sie ist der einzige Arbeitgeber, Ms Farrell, aber das ist eine Spitzfindigkeit.“ Logan vermied es, sie anzusehen, und richtete den Blick durch die Glastüren nach draußen. „Also der Grund dafür, dass Sie in Ihrer Bewerbung gelogen haben, war, dass Sie hier in dieser Ferienanlage einen Job brauchten, damit Sie Kost und Logis freihaben und in Ruhe Ihre Farnsporen untersuchen können.“

„Ja, schon, aber …“

„Und Sie dachten, Sie könnten hier einfach so als Kellnerin in unserer Cocktailbar arbeiten.“

„Das stimmt, aber …“

„Und das, obwohl Sie noch nie als Kellnerin gearbeitet haben.“

„Das nicht, aber …“

„Nun.“ Er hob die Schultern, um auszudrücken, dass es nur eine Konsequenz gab. „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Sie sind gefeuert.“

„Warten Sie!“ Sie setzte sich dicht neben ihn auf die Couch. Ihr Atem ging schnell, und ihre Brust hob und senkte sich. Ihr Duft, irgendeine exotische Mischung aus Gewürzen … oder waren es Orangenblüten? … wehte ihm in die Nase. Aus der Nähe konnte er die zarten Sommersprossen auf ihren Schultern erkennen. Er verspürte den unwiderstehlichen Drang, sie zu berühren.

„Haben Sie mir denn gar nicht zugehört?“, fragte sie. „Ich gehe nicht weg von der Insel.“

„Das müssen Sie ja auch nicht“, sagte er versöhnlich. „Sie können gerne im Hotel ein Zimmer buchen und dann in aller Ruhe Ihre Sporen untersuchen. Aber erwarten Sie nicht von mir, dass ich Ihre Forschung subventioniere.“

„Aber …“ Ihre Unterlippe bebte verdächtig. Sie würde doch jetzt nicht etwa anfangen zu weinen? Wenn doch, würde er sie schneller hinauswerfen, als sie meiotisch sagen konnte. Weinen war für ihn die hinterhältigste Waffe weiblicher Manipulation. Das hatte er schon einmal auf die harte Tour erfahren müssen.

„Ich kann hier kein Zimmer buchen“, gestand sie. „Das ist für mich viel zu teuer. Ich kann nur bleiben, wenn Sie mich arbeiten lassen.“

Er hob eine Augenbraue. „Nein.“

„Gut“, sagte sie voller Abscheu und sprang von der Couch auf. „Dann schlafe ich eben am Strand, aber ich gehe nicht fort von der Insel.“

„Einen Moment“, sagte er und stand auf. „Keiner schläft hier auf meinem Strand.“

Sie drehte sich um. „Auf Ihrem Strand?“

„Ja. Der größte Teil dieser Insel gehört mir, und ich bestimme, wer hier kommt und geht. Ich will keine Landstreicher, die auf meinem Strand ihr Lager aufschlagen.“

„Ich bin keine Landstreicherin.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn vorwurfsvoll an. Und sosehr er weibliche Manipulation hasste, so musste er doch zugeben, dass er nur zu gerne mit der Zunge über ihren Schmollmund fahren würde.

Sie schluckte nervös und holte tief Luft. Dann sagte sie mit entschlossener Miene: „Ich gehe nicht fort, Mr Sutherland. Ich muss diese Sporen finden. Vorher werde ich nicht nach Hause fahren.“

Er betrachtete sie schweigend. „Sie sehen gar nicht aus wie eine Forscherin.“

Sie verdrehte die Augen. „Was tut mein Aussehen zur Sache?“

Er hätte am liebsten laut herausgelacht. Nur aufgrund ihres Aussehens hatte er ihr überhaupt gestattet, ihm ihre Situation zu schildern. Wenn sie das nicht kapiert hatte, dann war sie vielleicht wirklich in den vergangenen zehn Jahren nicht aus ihrem Labor herausgekommen.

Aber halt! Zehn Jahre? Sie konnte doch nicht viel älter als fünfundzwanzig sein! Dann hätte sie ja ihre Forschungen durchgeführt, seit sie fünfzehn war. Das heißt, wenn sie überhaupt die Wahrheit sagte. Und das war offensichtlich nicht der Fall. Sie war schlicht und ergreifend eine ausgebuffte Lügnerin.

Bevor er noch etwas sagen konnte, sprach sie schon wild gestikulierend weiter. „Schön. Ich entspreche vielleicht nicht Ihrer Klischeevorstellung von einer Forscherin, aber trotzdem bin ich eine. Und ich lasse mich nicht davon abbringen, hierzubleiben, bis ich alles beisammenhabe, um meine Arbeit zu vollenden.“

„Tatsächlich?“ Er stand auf und sah möglichst einschüchternd auf sie herab.

„Ja.“

Er bemerkte, dass sie unter seinem scharfen Blick zusammenzuckte. Gut so.

Dann baute sie sich plötzlich in Augenhöhe vor ihm auf. Nun, genauer gesagt in Brusthöhe, da er viel größer war als sie. Dieses Detail schien ihr jedoch keinerlei Angst einzujagen.

„Hören Sie, ich bin mir nicht zu schade, Sie inständig anzuflehen“, sagte sie. „Ich habe vor, auf der Insel zu bleiben, und ich bin bereit, alles zu tun, was Sie von mir verlangen. Wenn ich nicht in der Cocktailbar bedienen darf, dann kann ich doch die Zimmer putzen oder Geschirr spülen oder … die Blumen gießen. Ich bitte nur darum, die Vormittage freizuhaben, damit ich Sporen suchen kann. Deshalb war der Job als Kellnerin für mich ideal, aber es muss hier doch auch noch andere Arbeiten geben. Oh, ich kann kochen. Nun ja, nicht sehr gut, aber ich kann Salat putzen oder Früchte aufschneiden oder …“

Sie würde alles tun, was er von ihr verlangte? War ihr nicht bewusst, wie gefährlich dieses Angebot war?

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