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Lüge oder Liebe?

Michelle Celmer

Lüge oder Liebe?

PROLOG

Februar

Mit unnötiger Hast stopfte Melody Trent Kleidungsstücke in eine Reisetasche. Wie so häufig würde Ash ohnehin spät heimkommen, in letzter Zeit arbeitete er länger und länger. Und um Melody kümmerte er sich immer weniger. Vermutlich würde es ihm einige Tage gar nicht auffallen, dass sie weg war.

Als sie spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen, atmete sie tief durch, um sich zu beruhigen. Normalerweise weinte sie nur selten, aber die Hormonumstellung machte ihr zu schaffen.

Sie schob einen Teil der Schuld auf ihre Mutter und deren zahlreiche Liebesabenteuer.

Vermutlich war sie nur deswegen schon drei Jahre mit Ash zusammen, weil die längste Ehe ihrer Mutter kaum neun Monate gehalten hatte. Melody hatte es besser machen wollen, aber wozu hatte das geführt!

Auf der Kommode stand das einzige Foto, das sie zusammen mit ihrer Mom zeigte. Melody war darauf etwa dreizehn, sah aber aus wie zehn. Während ihre Mutter attraktiv wirkte und Sinnlichkeit ausstrahlte, stand Melody dünn und etwas linkisch daneben.

Kein Wunder, dass sie sich immer klein und unbedeutend gefühlt hatte.

Erst auf dem College hatte sie allmählich weiblichere Formen entwickelt. Damals hatte sie mit einer Studienkollegin zusammengewohnt, die als Fitnesstrainerin gejobbt hatte. Nach einem Jahr intensiven Trainings war Melody zum ersten Mal der Männerwelt aufgefallen und eingeladen worden.

Dabei hatte sie immer den Eindruck gehabt, das Interesse an ihr wäre rein körperlicher Natur. Was sollte an einer Frau wie ihr schon besonders anziehend wirken? Natürlich war sie klug, aber besonders hübsch fand sie sich nicht. Außerdem legte sie im Unterschied zu ihren Kommilitonen keinen Wert auf Partys und Ausgehen. Viel lieber blieb sie zu Hause, um zu lernen oder ein gutes Buch zu lesen.

Darum hatten Ash und sie auch so gut zusammengepasst. Er hatte dafür gesorgt, dass sie ohne Geldsorgen Jura studieren konnte, und im Gegenzug hatte sie sich zu Hause nützlich gemacht. Dabei hatte das Kochen, Putzen und Waschen sie nicht gestört, denn daran war sie schon seit der Kindheit gewöhnt. Ihre Mutter hätte sich ja einen Fingernagel abbrechen können …

Natürlich war es nie bei dieser Übereinkunft zwischen Ash und Melody geblieben – auch körperlich waren sie einander nähergekommen. Und Melody wusste, dass sie Ash auch in dieser Hinsicht glücklich gemacht hatte. Doch im letzten halben Jahr hatte sie das Gefühl gehabt, dass er in Gedanken ganz woanders war. Egal wie viel Mühe sie sich auch gegeben hatte, ihm nah zu sein – er war ihr entglitten.

Als ihre Monatsblutung ausgeblieben war, hatte Melody dem erst keine Bedeutung beigemessen, denn Ash hatte ihr anvertraut, zeugungsunfähig zu sein. Auch wenn in ihrer Beziehung nie von Liebe die Rede gewesen war, waren Ash und Melody doch einander treu, und so hatten sie seit drei Jahren kein Kondom mehr benutzt.

Aber dann waren ihre Brüste empfindlich geworden, und ihr Appetit hatte zugenommen. Melody hatte schon geahnt, dass der Schwangerschaftstest positiv ausfallen würde – und hatte prompt recht behalten.

Ash hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich nicht binden wollte.

Aber Melody kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er zu seiner Verantwortung stehen würde. Die Frage war nur, wie sie sich in einer solchen Partnerschaft fühlen würde. Konnte sie damit leben, dass Ash weder sie noch das Kind wirklich wollte?

Wenn sie ihn verlassen wollte, musste sie ihr Jurastudium aufgeben. Aber im Grunde hatte sie das Interesse an der Rechtswissenschaft längst verloren. Nur hatte sie bisher nicht gewagt, es Ash zu gestehen, nachdem er so viel Geld in ihr Studium gesteckt hatte.

Als sie sich eines Tages unter der Dusche überlegt hatte, was sie tun sollte, war Ash mit der Videokamera hereingekommen. Melody war müde und deprimiert gewesen und hatte keine Lust verspürt, das Fotomodell zu spielen.

Eigentlich hatte sie ihre Entscheidung ja bereits getroffen und brauchte Ash nicht länger zu gefallen. Drei Jahre in der Rolle der perfekten Frau hatten Melody erschöpft.

Aber als Ash zu ihr unter die Dusche gekommen war und Melody zu streicheln und zu küssen begonnen hatte – zärtlicher als je zuvor –, war sie einfach dahingeschmolzen. Zum ersten Mal schien er sie als Person richtig wahrzunehmen. Einen Augenblick lang glaubte Melody, dass er sie vielleicht doch liebte.

Zwei Wochen lang hatte sie sich mit der Entscheidung gequält. Immer wieder gab Melody sich der Hoffnung hin, er würde sich auf das Baby freuen. Doch dann kam er schlecht gelaunt von der Arbeit nach Hause und schimpfte, dass sein Kollege Jason Reagert wegen eines ungeplanten Kindes heiraten musste. Sie hatte Ash angesehen, wie froh er gewesen war, dass Melody ihm so etwas nicht antat!

Da war ihr Traum vom glücklichen Familienleben wie eine Seifenblase zerplatzt.

Das war gestern passiert. Heute würde sie Ash verlassen.

Melody packte die restlichen Sachen ein. Weder die schicken Kleider noch die sexy Unterwäsche nahm sie mit, denn sie würde sie nicht brauchen. Außerdem würden sie ihr in ein paar Wochen ohnehin nicht mehr passen.

Nachdem sie die Reißverschlüsse zugezogen hatte, stellte sie die Gepäckstücke mit Schwung auf das Bett. Offenbar passte ihr bisheriges Leben in exakt zwei Koffer und eine vollgestopfte Reisetasche.

Sie war jetzt vierundzwanzig und hatte nichts vorzuweisen. Aber schon bald würde sich das ändern. Sie freute sich auf das Baby, und wer wusste das schon, vielleicht würde ihr eines Tages ein Mann begegnen, der sie so liebte, wie sie wirklich war.

Sie schleppte das Gepäck zur Tür und holte ihre Handtasche aus der Küche. Anschließend vergewisserte Melody sich, dass die sechstausend Dollar sicher darin verstaut waren. Das Geld hatte sie im Lauf der Jahre als Notgroschen zusammengespart. Und nun war es so weit, dass sie es brauchte.

Neben die Kreditkarten, die Ash ihr überlassen hatte, legte sie einen Notizblock und einen Stift, um ihm eine Abschiedsnachricht zu hinterlassen. Nur was sollte sie schreiben? Sie konnte ihm für alles danken, aber hatte sie sich nicht längst erkenntlich gezeigt? Sollte sie schreiben, dass es ihr leidtäte? Nein, denn das stimmte nicht. Schließlich gab sie ihm nur seine Freiheit zurück.

Sicher würde er schnell Ersatz finden, und schon in wenigen Wochen würde Melody für ihn nur noch eine Erinnerung sein.

Sie öffnete die Tür, nahm ihr Gepäck und sah sich ein letztes Mal in der Wohnung um. Dann startete sie in ihr neues Leben.

1. KAPITEL

April

Asher Williams gehörte nicht zu den geduldigsten Männern. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, wollte er nicht warten – und in den meisten Fällen brauchte er das auch nicht.

Aber der Detektiv, den er beauftragt hatte, hatte ihm gesagt, dass die Suche nach Vermissten ziemlich lange dauern konnte. Vor allem, wenn die Gesuchten nicht gefunden werden wollten.

Daher wunderte sich Ash, als er schon nach zwei Tagen einen Anruf des Privatdetektivs erhielt.

Zu diesem Zeitpunkt befand er sich gerade mit Kollegen in einer Besprechung. Normalerweise wäre Ash nicht ans Handy gegangen, aber weil der Detektiv anrief, machte er eine Ausnahme.

„Entschuldigt mich einen Moment“, sagte er, stand auf und verließ den Raum, um das Gespräch anzunehmen.

„Gibt es etwas Neues?“, fragte er kurz darauf gespannt.

„Wir haben sie gefunden“, lautete die ersehnte Antwort.

Verwirrt stellte Ash fest, wie erleichtert er war. Doch das Gefühl der Erleichterung hatte einen bitteren Beigeschmack. „Und wo?“

„In Abilene in Texas.“

Was zum Teufel machte sie in Texas?

Egal. Jetzt kam es nur darauf an, sie wieder nach Hause zurückzuholen. Und dazu musste er zu ihr fahren. Mit ein bisschen Überredung würde sie bestimmt einsehen, dass es für sie so am besten war. Und dass es ein Fehler gewesen war, ihn zu verlassen.

„Ich bin gerade in einer Besprechung. Ich rufe in fünf Minuten zurück“, sagte Ash und beendete das Gespräch. Dann ging er zurück in den Konferenzraum und sagte an seine Kollegen gewandt: „Tut mir leid, aber ich muss gehen. Und ich weiß noch nicht, wann ich wieder da bin. Ich hoffe, in ein paar Tagen. Ich melde mich, wenn ich mehr weiß.“

Als er den Raum verließ, sahen seine Kollegen ihm erstaunt nach. Kein Wunder, denn in seiner ganzen Zeit als Finanzchef von Maddox Communications hatte Ash kein einziges Meeting versäumt. Nie war er mehr als fünf Minuten zu spät zur Arbeit gekommen. Wann er das letzte Mal Urlaub genommen hatte, wusste er nicht einmal mehr. Und noch nie hatte er nach einer so kurzfristigen Ankündigung die Firma verlassen.

Auf dem Weg in sein Büro beauftragte er seine Sekretärin Rachel damit, alle Termine der kommenden Woche abzusagen.

„Gleich der ganzen Woche?“, fragte sie ungläubig.

Ash nickte und schloss die Bürotür hinter sich. Er setzte sich an den Schreibtisch, und seine Gedanken rasten.

Schließlich wählte er die Nummer des Detektivs, der beim ersten Klingeln abnahm.

„Sie haben doch gesagt, es kann Monate dauern! Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Melody Trent aufgespürt haben?“

„Ganz sicher. Ihre Freundin hatte einen Autounfall. Darum habe ich sie so schnell gefunden.“

Dabei war Melody Trent gar nicht seine Freundin, sondern nur seine Geliebte. Auf ihre Nähe und Wärme freute er sich nach einem langen Arbeitstag. Er finanzierte Melodys Studium, und im Gegenzug lebte sie bei ihm, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen. Alles völlig unverbindlich und ohne Verpflichtungen, so wie Ash es gern hatte.

Aber für Haarspaltereien war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

„Ist ihr etwas passiert?“ Ash fragte sich zerstreut, wie Melody wohl mit ein paar Schrammen und blauen Flecken aussah. Aber als er die Antwort des Detektivs hörte, war er mit einem Mal hellwach.

„Laut Auskunft der Polizei ist Ihre Freundin ziemlich schwer verletzt. Ein Todesopfer gab es auch.“

Ash schluckte. „Wie schwer verletzt?“, fragte er tonlos.

„Miss Trent liegt seit mehreren Wochen im Krankenhaus.“

„Und es ist sogar jemand gestorben. Wie ist es denn passiert?“ Ash erhob sich und ging unruhig auf und ab. Was der Ermittler berichtete, klang gar nicht gut. Mit einer solchen Nachricht hatte Ash nicht gerechnet. „Trifft Melody die Schuld an dem Unfall?“

„Nein, zum Glück nicht. So sieht es zumindest die Polizei. Was natürlich ein privatrechtliches Verfahren nicht ausschließt.“

Wer weiß, ob es so weit kam. Und wenn, würde man weitersehen.

„Und wie geht es Melody? Wissen Sie Genaueres?“

„Ihr Zustand gilt als stabil. Einzelheiten allerdings werden nur den Angehörigen mitgeteilt. Als ich mich mit ihr verbinden lassen wollte, hieß es, sie nimmt keine Anrufe entgegen. Das bedeutet normalerweise, dass der Patient nicht dazu in der Lage ist. Möglich, dass sie nicht bei Bewusstsein ist.“

Seit sie ihn verlassen hatte, hatte Ash die Stunden gezählt, bis sie reumütig zu ihm zurückkehren würde. Zumindest wusste er jetzt, weshalb er vergeblich gewartet hatte, was beileibe nur einen schwachen Trost bedeutete.

Aber nichts und niemand würde Ash davon abhalten, mehr zu erfahren. „Dann bin ich eben ein Angehöriger.“

„Wollen Sie sich etwa als verschollener Bruder ausgeben?“, fragte der Detektiv halb im Scherz.

„Nein, das sicher nicht.“ Eine glaubwürdigere Geschichte musste her.

Melody war seine Verlobte.

Gleich am nächsten Morgen flog Ash mit dem ersten Flugzeug zum Airport Dallas. Mit einem Mietwagen fuhr er von dort aus die zweieinhalb Stunden weiter nach Abilene. Am Nachmittag zuvor hatte er im Krankenhaus angerufen und mit dem Arzt einen Termin vereinbart.

Dabei hatte man ihm zwar gesagt, dass Melody über den Berg und bei Bewusstsein war, aber mehr hatte Ash leider nicht erfahren.

Im Krankenhaus ging er zielstrebig am Empfangsschalter vorbei. Im Laufe seines Berufslebens hatte er wiederholt die Erfahrung gemacht, dass sicheres Auftreten Widerspruch gar nicht erst aufkommen ließ. Auch dieses Mal versuchte niemand, ihn aufzuhalten, als er den Aufzug betrat.

Im zweiten Stock stieg er aus und bemerkte überrascht, wie nervös er war. Was, wenn Melody nicht zu ihm zurückkommen wollte?

Natürlich kommt sie wieder nach Hause, beruhigte er sich. Dass sie ihn verlassen hatte, war sehr unvernünftig gewesen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie erkannte, wie sehr er ihr fehlte. Außerdem, wohin sollte sie schon gehen – nach der Entlassung aus dem Krankenhaus? Melody brauchte ihn.

Vor dem Schwesternzimmer blieb er stehen und fragte nach Dr. Nelson. Kurz darauf stand der Arzt vor ihm.

„Mr. Williams?“, fragte er und gab Ash die Hand. Auf dem Namensschild des Doktors stand die Bezeichnung Neurologe, und Asher vermutete, dass Melody eine Gehirnverletzung erlitten hatte. Darum war sie auch ohne Bewusstsein gewesen.

Bedeutete das, dass ihr Zustand ernster war, als Ash angenommen hatte? Was, wenn sie sich nicht mehr völlig erholte?

„Wo ist meine Verlobte?“, fragte er – und hörte, wie Angst in seiner Stimme mitschwang. Er musste sich zusammennehmen. Wenn er hier hereinplatzte und zu fordernd auftrat, würde das die Situation nur verschlimmern. Vor allem, wenn Melody sagen würde, dass sie in Wahrheit keinen Verlobten hatte.

In ruhigerem Tonfall fuhr er fort: „Kann ich zu ihr?“

„Natürlich, nur sollten wir uns zuerst unterhalten.“

Obwohl es Ash kaum erwarten konnte, Melody zu sehen, folgte er dem Arzt in ein leeres Wartezimmer. In einer Ecke lief der Fernseher.

Der Arzt setzte sich und bedeutete Ash, ebenfalls Platz zu nehmen.

„Was wissen Sie bereits über den Unfall?“, fragte der Doktor einleitend.

„Nur dass der Wagen sich überschlagen hat. Und dass es ein Todesopfer gab.“

„Ihre Verlobte hat großes Glück gehabt, Mr. Williams. Der Unfall passierte auf einer Nebenstraße, und es vergingen mehrere Stunden, bis jemand vorbeikam. Dann wurde Ihre Freundin mit dem Hubschrauber hierher gebracht, aber ohne den Einsatz der Helfer vor Ort wäre sie vermutlich nicht mehr am Leben.“

Ash spürte einen Druck im Hals. Beinahe hätte er Melody für immer verloren. Wenn er sich vorstellte, wie sie an der Unfallstelle allein gewesen war – ohne zu wissen, ob sie mit dem Leben davonkommen würde! Ashs Verärgerung darüber, dass sie ihn verlassen hatte, wich der Besorgnis. „Wie schlimm sind die Verletzungen?“

Der Arzt zögerte. „Die Gehirnverletzungen erforderten ein künstliches Koma. Erst vorgestern haben wir sie aufgeweckt.“

„Aber sie wird doch wieder ganz gesund werden?“

„Es spricht nichts dagegen.“

Vor Erleichterung wurden Ash die Knie weich. Gut dass er saß.

„Trotzdem“, sagte der Arzt ernst, „hat es leider … Komplikationen gegeben.“

„Was denn für welche?“, fragte Ash stirnrunzelnd.

„Sie hat das Baby verloren.“

Verblüfft sah Ash den Arzt an. Ein Baby? Melody?

„Tut mir leid, ich dachte, Sie wissen von der Schwangerschaft.“

Wie soll Melody schwanger geworden sein? dachte Ash. Aufgrund einer Krebserkrankung in der Kindheit war er bestrahlt worden und galt seither als unfruchtbar.

Damit hatte er weiß Gott nicht gerechnet. Die einzige Erklärung war, dass Melody ihn betrogen hatte, eine Vorstellung, die Ash das Atmen erschwerte.

Hatte sie ihn verlassen, um frei zu sein für ihren Geliebten, dem Vater ihres Kindes?

Und er, Ash, hatte wie ein verliebter Narr nach ihr suchen lassen, um sie zu überreden, dass sie zu ihm zurückkam.

Nach allem, was er für sie getan hatte, hatte sie ihn betrogen! Und er war völlig ahnungslos gewesen.

Ash wollte aufspringen und aus dem Krankenhaus stürmen, ohne sich auch nur umzudrehen. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Ich muss sie sehen, wenigstens noch ein einziges Mal. Wieso hatte sie ihm das angetan, obwohl sie bei ihm alles gehabt hatte, was sie brauchte? Wenigstens hätte sie ehrlich mit ihm reden können.

Offenbar wunderte sich der Arzt, wieso der Verlobte von der Schwangerschaft nichts wusste, aber Ash fand, dass er niemandem eine Erklärung schuldete.

„Wie weit war sie?“, fragte er.

„Ungefähr in der vierzehnten Woche, nehmen wir an.“

„Sie nehmen es an? Hat Melody es Ihnen nicht bestätigt?“

„Wir hielten es für die Genesung für besser, nichts davon zu erwähnen.“

„Also glaubt Melody noch immer, dass sie ein Kind erwartet?“

„Nein. Sie erinnert sich nicht an die Schwangerschaft.“

Ash zog die Augenbrauen zusammen. „Wie das?“

„Mr. Williams, ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Verlobte an Amnesie leidet. Gedächtnisschwund.“

Melody pochte der Kopf so heftig, dass er zu platzen schien.

Zum Glück sagte in diesem Moment eine Schwester: „Zeit für Ihre Schmerzmittel.“ Zuerst nur undeutlich, dann klarer nahm Melody wahr, dass die Frau bereits neben ihrem Bett stand.

Melody wusste nicht mehr, ob sie nach ihr geklingelt hatte oder nicht. Wie der Arzt versichert hatte, waren solche Erinnerungsschwierigkeiten anfangs noch völlig normal. Es dauerte eben seine Zeit, bis die Narkosemittel verarbeitet waren.

Die Schwester hielt ihr die Tabletten und ein Glas Wasser hin. „Hier. Schön schlucken, das hilft!“, sagte sie freundlich und aufmunternd.

Melody gehorchte. Das kühle Wasser fühlte sich in ihrem rauen Hals sehr angenehm an. Inzwischen konnte sie schon Pillenschlucken, Zähneputzen und den Fernseher einschalten. Auch mit Messer und Gabel konnte sie umgehen. Und sie las die Illustrierten, die die Schwester ihr brachte.

Nur warum wusste sie ihren eigenen Namen nicht?

Sosehr sie sich auch bemühte: An keine noch so unbedeutende Einzelheit ihres Lebens vermochte sie sich zu erinnern – nicht einmal an den Autounfall, durch den sie in diese Lage gekommen war.

Alles, was sie bisher erlebt hatte, war wie weggewischt. Posttraumatischer Gedächtnisverlust hatte der Neurologe es genannt. Seine Antwort auf die Frage, wie lange so etwas dauern konnte, hatte nicht ermutigend geklungen.

„Das menschliche Gehirn ist ein ganz besonderes Organ, über das wir noch immer zu wenig wissen. Ihr Zustand kann nach einer Woche oder erst nach einem Monat abklingen. Leider besteht aber auch die Möglichkeit, dass sich gar nichts daran ändert. Wir können nur abwarten.“

Genau das wollte Melody nicht. Sie wollte es jetzt wissen. Ständig wurde ihr versichert, welch großes Glück sie gehabt hatte. Und tatsächlich hatte sie sich außer am Kopf kaum Verletzungen zugezogen. Nur ein paar blaue Flecken, aber keinerlei Knochenbrüche oder Platzwunden. Narben würde sie nicht zurückbehalten.

Dennoch, sehr glücklich fühlte sie sich nicht, wenn sie zum Beispiel fernsah und dabei statt Lieblingsschauspielern, die sie ja haben musste, nur Gesichter sah, die ihr absolut nichts sagten. Oder wenn sie ihr Tablett mit Essen bekam und keine Ahnung hatte, was sie immer gemocht hatte und was nicht.

In Wahrheit erschien ihr ihre Situation wie eine Strafe des Himmels für etwas, an das sie sich ebenfalls nicht erinnerte.

Die Schwester kontrollierte die Infusion, notierte etwas auf dem Karteiblatt und sagte: „Klingeln Sie, wenn Sie etwas brauchen.“ Dann verließ sie das Zimmer.

Antworten auf meine Fragen brauche ich, dachte Melody.

Vorsichtig berührte sie ihren Kopf und ertastete die mehrere Zentimeter lange Naht über dem linken Ohr.

Mit der Operation, die zur Druckminderung vorgenommen worden war, hatte man Melody das Leben gerettet. Inzwischen hatte sie von einem Sozialarbeiter erfahren, dass sie keine Verwandten hatte. Keine Geschwister, keine Kinder. Auch für eine etwaige Ehe gab es keinen Anhaltspunkt.

Ob sie Freunde oder Kollegen hatte, wusste Melody nicht, und besucht hatte sie bisher noch niemand.

War sie schon immer so allein gewesen?

Wie man ihr gesagt hatte, wohnte sie in San Francisco, Kalifornien – auch wenn sie sich an diese Stadt nicht erinnerte. Jedenfalls lag sie mehr als anderthalb tausend Meilen vom Unfallort entfernt. Melody fragte sich, wie sie Buchstaben und Zahlen erkennen, aber mit Fotos der Stadt, in der sie lebte, nichts anfangen konnte.

Außerdem wunderte sie sich, was sie so weit weg von Zuhause gemacht hatte. Urlaub vielleicht? Oder Freunde besucht?

Oder gab es irgendeinen anderen, womöglich nicht ganz legalen Grund?

Denn nachdem sie aus dem Koma aufgewacht war, hatte sie den Inhalt ihrer Handtasche auf dem Bett verteilt, um ihrer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Zu Melodys Erstaunen war neben Geldbeutel, Lippenstift, Haarbürste und Nagellack ein dickes Bündel Banknoten zum Vorschein gekommen!

Schnell hatte sie es zurück in die Tasche gestopft und erst im Schutz der Dunkelheit wieder hervorgeholt und gezählt. Es waren über viertausend Dollar in verschiedenen Scheinen.

War sie etwa auf der Flucht, weil sie ein Verbrechen begangen hatte? Hatte sie vielleicht einen Supermarkt überfallen? Aber dann wäre sie spätestens nach dem Unfall verhaftet worden.

Bestimmt gab es eine ganz natürliche Erklärung, und alles würde sich als nicht so schlimm herausstellen. Bis dahin würde Melody ihre Entdeckung für sich behalten. Vorsichtshalber behielt sie die Tasche von jetzt an immer bei sich – für alle Fälle.

Als sie Stimmen im Krankenhausflur hörte, reckte sie den Kopf, um zu sehen, wer kam. Vor der geöffneten Tür standen zwei Männer. Der eine war der Neurologe Dr. Nelson, den anderen kannte Melody nicht, was in ihrer Lage nichts besagte.

War er auch Arzt? In letzter Zeit hatte sie wahrlich mehr als genug Ärzte zu Gesicht bekommen.

Irgendetwas an diesem Mann, an seiner Körperhaltung, verriet, dass er nicht zum Krankenhauspersonal gehörte. Bestimmt war er jemand Wichtiges. Jedenfalls strahlte er diese natürliche Autorität aus.

Kommt er von der Polizei? dachte Melody erschrocken. Vielleicht ist das viele Geld nach dem Unfall aufgefallen, und nun wird deswegen ermittelt.

Allerdings ließ sich mit dem Einkommen eines Polizisten kaum ein solch edler Anzug bezahlen. Obwohl Melody sich selbst wunderte, woher sie wusste, dass der Anzug teuer war, bestand doch kein Zweifel, dass es stimmte. Ihr Instinkt sagte es ihr.

Selbst der Name des Designers lag ihr auf der Zunge, wollte ihr aber partout nicht einfallen.

Vermutlich war der Anzug sogar maßgeschneidert. Und wie der Mann ihn zu tragen verstand!

Während der Arzt sprach, hörte der Unbekannte aufmerksam zu. Ab und zu nickte er. Wer konnte es nur sein? Offensichtlich kannte er sie, sonst würde er kaum vor ihrer Tür stehen.

In diesem Augenblick schaute er sie an und ertappte sie dabei, wie sie ihn mit unverhohlenem Interesse betrachtete. Als sich ihre Blicke begegneten, tat Melodys Herz einen Hüpfer.

Dieser Mann sah einfach blendend aus: schlank und groß gewachsen, mit hellen Augen, die seine Intelligenz verrieten, und entschlossenen Gesichtszügen. Kurzum, er machte einen überwältigenden Eindruck. Fast wie ein Hollywood-Schauspieler.

Er sprach noch mit dem Arzt, blickte dabei jedoch fortwährend in Melodys Richtung.

Dann betrat er das ...

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