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Lucy`s Song

Über den Autor

Bjørn Ingvaldsen wurde 1962 in Odda / Norwegen geboren. Er war einige Jahre Journalist und arbeitete am Museum für Archäologie in Stavanger. Sein erstes Buch wurde 1995 veröffentlicht, seitdem hat er zahlreiche weitere Bücher geschrieben, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Seine Titel wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. LUCY’S SONG ist sein erstes Buch, das im Boje Verlag erscheint.

BASTEI ENTERTAINMENT

At the age of thirty-seven she realized she’d never Ride through Paris in a sports car with the warm wind in her hair

Shel Silverstein, The Ballad of Lucy Jordan

Es war auf einer Lichtung. Auf der Lichtung, die immer das Ziel unserer Spaziergänge war. Von Mama, Lucy und mir. Aber jetzt waren noch andere Leute dort. Ich weiß nicht, wer. Und ein Auto. Ein blaues Auto. Die Türen standen auf einer Seite offen. Das Wetter war schön. Die Sonne schien. Auf der Erde lagen Decken. Aus dem Wagen ertönte Musik. Ich saß auf einer der Decken. Gleich neben mir stand ein Grill. Ich konnte die Würstchen riechen. Mein Lieblingsessen. Jemand lief auf der Lichtung hin und her. Sicher irgendwelche größeren Kinder. Ich glaube nicht, dass sie zu uns gehörten. Jemand gab mir ein Würstchen in die Hand. Ein Würstchen in einem Stück Brot. Der Ketchup tropfte auf meine Kleidung. Ich wusste, das machte nichts, denn Mama sah mich lächelnd an. Sicher sangen die Vögel. Die Musik war ziemlich laut. Lucy saß auf der gleichen Decke neben mir. Sie streckte die Hände nach etwas aus. Ich weiß nicht, was das war. Vielleicht ein Ball. Oder eine Blume. Einige der Erwachsenen lachten laut. Riefen etwas. Jemand drehte die Musik aus, suchte einen anderen Sender. Wieder erklang Musik. Mama stutzte, sagte etwas, dann lachte auch sie. Und dann tanzte sie über das Gras der Lichtung. Sie tanzte zu dem Song. Da war dieser Song. Der Song, den sie so gern sang. Lucy’s Song.

Ich sah das Radio über dem Bett an. Mama hatte es vor ein paar Jahren für die Küche gekauft. Jetzt hatte sie es mit ins Krankenhaus genommen. Das war eine nette Gesellschaft, sagte sie. Wenn es ihr zu schlecht ging, um zu reden oder zu lesen, dann war es schön, das Radio einzuschalten. Ein wenig Musik und etwas Unterhaltung. Und Nachrichten. Sie wollte wissen, was passierte.

Der Song war zu Ende. Die Ansagerin im Radio erklärte, was wir gehört hatten. »The ballad of Lucy Jordan«. Lucy’s Song.

Ich schaute Mama an. Sie sah immer so klein aus, wenn sie in diesem Bett lag. In so einem Krankenhausbett, das in alle möglichen Richtungen gedreht, gehoben und gesenkt werden konnte. Mit einem großen Kopfkissen und einer dicken Bettdecke. Sie verschwand fast darin. Und obwohl ich leise ihren Atem hören konnte, bewegte sich die Bettdecke nicht.

Ich stand auf und drehte das Radio leiser. Es gab Sportnachrichten. Mama interessierte sich nicht für Sport. Die Tür hinter mir ging auf, jemand schaute ins Zimmer, war aber schon wieder verschwunden, bevor ich sehen konnte, wer es war. Nur Mama und ich waren im Raum. Mama und ich und Mamas Atemzüge.

Ich nahm das Comicbuch hoch, in dem ich gelesen hatte, und blätterte die Seiten durch, die ich schon gelesen hatte. Es war ziemlich langweilig. Meine Tante hatte mir ein paar Bücher gegeben und gesagt, ich würde die Comichefte zu schnell durchlesen. Da sei es besser, wenn ich gleich ein ganzes Comicbuch hätte. Stimmt wohl, dachte ich, ist sicher besser, wenn es ein gutes Buch wäre. Das war dieses hier nicht. Langweilige Zeichnungen und eine Geschichte, von der ich nicht viel verstand. Irgendetwas in der Zukunft.

Ich war wohl eingeschlafen. Das Buch fiel mir aus der Hand und rutschte auf den Boden. Es gab einen lauten Knall. Ich beugte mich hinunter, um es aufzuheben. Mama drehte sich zu mir. Sie lächelte.

»Sitzt du immer noch hier?«, fragte sie.

»Ich wollte warten, bis du aufgewacht bist«, erwiderte ich.

»Das ist lieb.«

»Sie haben gerade das Lied gespielt. Im Radio. Das Lied über Lucy. Das du immer gesungen hast.«

»Die Ballade von Lucy Jordan«, sagte Mama. »Ein trauriges Lied.«

»Findest du, dass es so traurig ist?«

»Es handelt von einer Frau, die nur zu Hause ist und sich langweilt. Ihr Mann arbeitet und die Kinder sind in der Schule. Sie hat nichts anderes zu tun, als sich um die Blumen zu kümmern. Sie denkt daran, dass sie inzwischen siebenunddreißig Jahre alt ist und niemals mehr erleben wird, in einem Cabrio durch Paris zu fahren, während ihr der warme Wind durch die Haare weht.«

»Traurig«, sagte ich.

»Und dann klettert sie aufs Hausdach und schreit, bis ein Krankenwagen kommt und sie abholt.«

»Warum hast du das Lucy immer vorgesungen?«

»Weil es ein schönes Lied ist. Und weil Lucy Lucy heißt. Einfach deshalb.«

»Aber Lucy ist doch nach unserer Urgroßmutter benannt, oder?«

»Nach meiner Urgroßmutter. Sie war Dänin. Deine und Lucys Ururgroßmutter.«

»Jedenfalls haben sie das gerade im Radio gespielt.«

»Weißt du«, sagte Mama, »ich glaube, das habe ich auch gehört. Während ich geschlafen habe. Auf jeden Fall habe ich gerade von dem Lied geträumt.«

Die Tür hinter uns wurde geöffnet. Eine Krankenschwester kam mit einem Glas Saft für Mama und einer Tablette.

»Schön, dass Sie wach sind«, sagte sie.

»Das nützt nicht viel«, sagte Mama mit einem Blick auf die Tablette, »mir ist immer noch genauso übel.«

Trotzdem schluckte sie die Tablette mit ein wenig Saft.

»Möchtest du auch ein Glas Saft?«, fragte die Krankenschwester mich.

»Nein danke.«

»Vielleicht ein Eis?«

»Oh ja.«

Sie lächelte und ging, um mir ein Eis zu holen. Kurz darauf kam sie mit einem kleinen Eis am Stiel mit Schokoladenüberzug wieder herein.

»Es ist warm draußen«, sagte sie.

Ich aß langsam mein Eis, während Mama wieder die Augen schloss.

»Ich habe euch viel vorgesungen«, sagte sie. »Kannst du dich noch dran erinnern? Abends. Meistens, damit Lucy ruhiger wurde.«

Ich nickte.

»Du hast auch ein Lied über Blumen gesungen«, sagte ich.

›Where have all the flowers gone‹, ja. Das mochtet ihr gern. Und dann habe ich viele Abba-Songs gesungen. Solche, wie wir sie im Radio gehört haben.«

»Du hast auch immer gesungen, wenn wir Auto gefahren sind. Lieder mit vielen Strophen.«

»Damit es keinen Krach auf der Rückbank gab«, sagte Mama. »Ich habe immer Musik eingeschaltet oder aber selbst gesungen. Das hat jedes Mal funktioniert. Und abends, wenn ihr ins Bett gegangen seid, habe ich Gute-Nacht-Lieder gesungen. Aber die haben euch nicht so gut gefallen. Am liebsten mochtet ihr die Lieder, die ich auch mochte.«

»Vielleicht hast du ja am besten gesungen, wenn du das gesungen hast, was du auch am liebsten mochtest?«

»Das kann sein. Und vielleicht mochte ich die Lieder am liebsten, die ich am besten gesungen habe.«

»Ich singe nie«, sagte ich.

»Das solltest du aber«, sagte Mama, »du hast eine schöne Gesangsstimme.«

Ich versuchte den Song aus dem Radio zu singen, kannte aber nur die ersten Worte.

»Vielleicht finde ich den Text ja in einem der Liederbücher zu Hause«, sagte ich.

»Ich glaube nicht, dass wir den haben«, meinte Mama. »Aber du kannst im Internet suchen. Da findest du ihn bestimmt.«

Ich hörte an ihrem Atem, dass sie kurz davor war, wieder einzuschlafen.

»Ja«, antwortete ich. Obwohl ich wusste, dass sie es nicht mehr hörte.

Ich blieb noch eine Weile sitzen und betrachtete sie. Meine Mutter da im Bett. Dann dachte ich an das Bild, das zu Hause an der Wand hängt. Mit Heftzwecken an der Pinnwand befestigt. Mama und ich, Onkel und Tante. Wir machten Ferien in Italien. Lucy war woanders. Wir mieteten ein Auto und fuhren in ein kleines Dorf. Der Onkel wollte Wein bei einem Winzer kaufen, von dem er gehört hatte. Wir verfuhren uns und kamen durch mehrere Dörfer, bevor wir das richtige fanden. Es war mitten am Tag und der Weinladen war geschlossen. Wir gingen in ein Café und aßen Eis, während wir darauf warteten, dass wieder geöffnet würde. Mama lachte die ganze Zeit. Tante machte ein Bild von ihr. An dieses Bild musste ich jetzt denken. Mama, gesund und lachend. Jetzt war sie so verändert. Irgendwie nicht mehr die gleiche Mama. Auch wenn ich wusste, dass sie im Grunde noch die gleiche war, war sie es doch nicht. Alles war anders. Ihr Aussehen, ihre Stimme. Der Geruch. Die Art, wie sie Dinge betrachtete. Sicher auch die Art, wie sie dachte.

Das Foto war vom letzten Sommer.

Ich überlegte, ob ich nach Hause gehen sollte. Aber was sollte ich zu Hause? Lucy war da. Und unsere Katze. Zusammen mit irgendeiner Frau, die ich nicht kannte. Eine, die sich um Lucy kümmern sollte. Vor allem um Lucy, aber auch um mich. Um mich musste sich niemand kümmern. Ich wusste nicht, welche der vielen Frauen, die sich um uns kümmerten, heute bei uns sein würde. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich einen Unterschied zwischen ihnen erkennen würde. Sie redeten alle gleich und taten alle die gleichen Dinge. Ich konnte mich auch nicht mehr daran erinnern, wie sie eigentlich hießen. Wer wer war. Ich wollte lieber warten, bis meine Tante kam. Es wäre schön, wenn sie die ganze Zeit da wäre. Das ganze Wochenende. Denn die Wochenenden waren am schlimmsten. Morgen sollte Lucy wieder in die Schule. Und anschließend ins Zentrum. Solange sie dort war, kam keiner zu uns nach Hause. Keine fremde Person, die an meine Tür klopfte, keine Fremde, die sich zu mir ins Wohnzimmer setzte. Niemand, der freundlich mit mir reden wollte.

Ich ging auf den Flur hinaus, um zu sehen, ob auf dem Teewagen noch Kuchen stand. Aber es war nur Kaffee dort. Also ging ich stattdessen auf den Balkon, um nach dem Hubschrauber zu schauen. Es war toll, bei den Startvorbereitungen zuzusehen. Alle hatten es eilig, aber irgendwie auf eine eingespielte Art und Weise. Jeder wusste, was zu tun war. Und noch spannender war es, wenn der Hubschrauber landete. Wenn die Leute herumliefen, um zu helfen, den Patienten herauszuholen. Aber die Luke zum Hangar war jetzt geschlossen, ich konnte den Hubschrauber drinnen stehen sehen.

Ein alter Mann saß gleich neben mir auf einem Stuhl. Er trug ein Joggingdress und stützte sich auf ein Stativ mit einer Tropfflasche. Ein Schlauch war an seinem Arm befestigt. Er bemerkte mich nicht. Oder war nicht an Kontakt interessiert. Was mir nur recht war. Es brauchte sich niemand um mich zu kümmern. Ich beugte mich übers Geländer, um zu sehen, ob mein Fahrrad noch dort stand, wo ich es abgestellt hatte. Es stand da, es war das einzige Fahrrad, das dort im Ständer stand. Vielleicht sollte ich eine Runde Rad fahren?

Das Motorengeräusch eines Autos ließ mich aufhorchen. Ein kleines gelbes Auto hatte Probleme, aus einer Parklücke herauszukommen. Der Fahrer gab zuviel Gas und ließ den Wagen vorund zurückhüpfen. Ich musste lachen. Das sah so komisch aus. Mir wäre es fürchterlich peinlich gewesen, wenn ich am Steuer gesessen hätte. Ein Mann und eine Frau blieben auf dem Bürgersteig stehen, um zuzugucken. Ob der Person im Auto wohl die Hitze in den Kopf schoss? Die Szene erinnerte mich an diese lustigen Filmclips, die man sich im Internet ansehen konnte. Nur schade, dass sich der Wagen direkt unter mir befand, so konnte ich nicht sehen, wer da am Steuer saß.

Endlich war es geschafft, der Wagen konnte losfahren. Ich sah dem gelben Auto hinterher, wie es die Straße entlangfuhr, bis ich einen anderen Wagen entdeckte. Ein rotes Cabrio mit offenem Verdeck. Die Frau, die ihn fuhr, hatte lange blonde Haare. Obwohl sie nicht besonders schnell fuhr, wurden ihre Haare nach hinten geweht. So ein Auto …

Sie hielt direkt unter mir an und fuhr rückwärts auf den freien Parkplatz, auf dem gerade noch der kleine gelbe Wagen gestanden hatte. Die hat keine Probleme mit dem Einparken, dachte ich. Als der Wagen stand, öffnete sich der Kofferraumdeckel von allein. Das Verdeck kam herausgefahren und legte sich an seinen Platz. Ein richtig festes Verdeck. Nicht so ein dünner Stoff. Ich wollte es weiter beobachten, sehen, wohin die Frau ging, doch da waren plötzlich Sirenen zu hören.

Ein Krankenwagen kam mit hoher Geschwindigkeit auf den Eingang der Notaufnahme zugefahren und hielt abrupt an, während zwei Personen aus dem Krankenhaus angelaufen kamen, um zu helfen. Sie öffneten die hinteren Türen und zogen eine Trage heraus. Drei Personen in Sanitäterkleidung stiegen aus dem Krankenwagen. Der eine schob Räder unter die Trage, so dass sie geschoben werden konnte. Ein anderer hielt einen großen Apparat in den Händen. Irgendwelche Schläuche waren an der Person auf der Trage befestigt. Ob es ein Mann oder eine Frau war, das konnte ich nicht sehen, aber es war viel Blut da. Jemand rief etwas und alle fünf verschwanden mit der Trage zwischen sich im Krankenhaus. Der Krankenwagen blieb draußen stehen, mit laufendem Motor und blinkendem Blaulicht auf dem Dach. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

Dann schaute ich wieder auf den Parkplatz. Die Frau, die das rote Auto gefahren hatte, war fort. Sie war sicher zum Haupteingang gegangen. Für einen Moment dachte ich, dass ich herausfinden müsste, wer sie war, um sie zu fragen, wie viel so ein Auto wohl kostet. Aber warum eigentlich? Ich könnte so ein Auto ja sowieso niemals kaufen.

Einer der Sanitäter kam wieder heraus, verschloss die hinteren Türen des Krankenwagens und fuhr ihn rückwärts in die Garage ...

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