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Lucy kriegt’s gebacken

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Liebe Leserinnen,

„Lucy kriegt‘s gebacken“ ist die Geschichte von Lucy und Ethan. Es geht um eine zweite Chance im Leben. Der Tod ihres Mannes hat Lucy das Herz gebrochen, und sie ist davon überzeugt, sich nie wieder verlieben zu können … Deshalb ist sie jetzt auf der Suche nach einem ungefährlichen, etwas langweiligen Typen - er soll einfach nur ein guter Kamerad sein und nicht etwa die wahre Liebe. Doch Ethan, ihr treuer Nachbar, ist wild entschlossen, nicht mehr länger die Rolle des „Freundes mit gewissen Vorzügen“ zu spielen. Lucy soll in ihm endlich mehr sehen.

Ich hoffe wie bei jedem meiner Romane, dass Sie oft lachen und ab und zu ein paar erleichternde Tränen vergießen werden. Diesmal gibt es etwas Neues - eine Katze! Fat Mikey ist eine Verbeugung vor meinem eigenen majestätischen Haustier Cinnamon. Den Namen habe ich mir von meinen Nachbarn etwas weiter die Straße hinunter „ausgeborgt“. Ich hoffe, dass Sie sich mit diesem zänkischen Kätzchen anfreunden.

Ich hatte das Glück, in einer großen ungarischen Familie aufzuwachsen, mit jeder Menge Kinder und viel Gelächter und Essen - vor allem Nachspeisen -, weswegen es mir besonderen Spaß bereitet hat, die Geschichte in eine Bäckerei zu verlegen. In diesem Buch wird viel gutes Essen beschrieben … Wenn Sie mögen, können Sie sich einige der Rezepte auf meiner Homepage im Internet anschauen. Und auch wenn die schwarzen Witwen in der Geschichte reine Erfindung sind, wurden sie doch von meinen drei Großtanten Anne, Mimi und Marguerite und von meiner Großmutter Helen (deren Spitzname Bunny war) inspiriert. Unsere Familientradition des Backens wird von meinen wunderbaren und liebevollen Tanten mit Begeisterung fortgeführt. Rita, deren Kuchen legendär sind, Hillary, die die beste Apple Pie diesseits des Mississippi macht, und Teresa, die zwar selbst nicht backt, aber so klug war, einen in dieser Hinsicht äußerst talentierten Mann zu heiraten.

Lassen Sie mich wissen, wie Ihnen das Buch gefallen hat! Ich finde es immer wieder herrlich, von meinen Lesern zu hören.

Alles Liebe,

Kristan
www.kristanhiggins.com

Dieses Buch ist - endlich! - meiner geduldigen, lustigen, großzügigen und wunderbaren Mutter gewidmet, Noël Kristan Higgins. Danke für alles, Mom. Ich liebe dich sehr.

DANKSAGUNG

Maria Carvainis, meine liebe Freundin und Agentin - bescheiden und hintergründig. Danke für alles, was du für mich getan hast.

HQN Books. Vielen Dank der brillanten Keyren Gerlach für die einfühlsamen Kommentare und den Glauben an dieses Buch. Danke Tracy Farrell und dem Rest des so wundervoll ermutigenden Teams für das Vertrauen und die Unterstützung.

Ich bedanke mich bei meiner ältesten und engen Freundin Catherine Arendt und ihrer Familie, die mir immer wieder Ratschläge zu dem typischen Rhode-Island- Slang gegeben haben. Das nächste Mal geht die Kaffeesahne auf mich.

Mark Rosenberg, Marc Gadoury und Kate Corridan von The Apple Barrel at Lyman Orchards in Middlefield, Connecticut, wo es die besten Backwaren Neuenglands gibt. Danke, dass ich zuschauen, Fragen stellen und im Weg herumstehen durfte, während dort Brot und Gebäck für die glücklichen Kunden von Lymans gebacken wurde.

Dankbar bin ich auch Cassy Pickard, die mich fröhlich mit italienischen Flüchen versorgt und die erste Fassung gelesen hat, außerdem Toni Andrews, die mehr über die Dramaturgie eines Romans weiß als sonst jemand auf der Welt. Meine Freunde bei CTRWA waren unglaublich begeistert von diesem Projekt, und ich schätze mich glücklich, sie als „Resonanzboden“ zu haben.

Und als Letzte auf der Liste, aber Erste in meinem Herzen, danke ich den drei großen Lieben meines Lebens - meinem wundervollen Ehemann und den beiden besten Kindern der Welt.

1. KAPITEL

„Du hast da ein Barthaar.“

Obwohl ich diesen laut geflüsterten Kommentar hören kann, registriere ich ihn nicht so richtig, weil ich gerade vollkommen verzückt meine eine Stunde alte Nichte anstarre. Ihr Gesichtchen ist noch ganz rot von der Anstrengung, zur Welt zu kommen, ihre dunkelblauen Augen sind groß und sanft wie die einer Schildkröte. Wahrscheinlich sollte ich meiner Schwester nicht verraten, dass ihr Baby mich an ein Reptil erinnert. Nun, das Baby ist erstaunlich schön. Einfach ein Wunder.

„Sie ist unglaublich“, murmle ich. Corinne beginnt zu strahlen, dann rückt sie das Baby ein winziges Stück von mir weg. „Kann ich sie mal halten, Cory?“ Meine beiden Tanten murren leise - bisher hat nur Mom das Kind halten dürfen, und mit meiner Bitte halte ich mich offensichtlich nicht an die Reihenfolge.

Meine Schwester zögert. „Also … nun …“

„Lass sie, Corinne“, redet Chris ihr gut zu, und zaghaft reicht sie mir das kleine Bündel.

Das Baby ist warm und zerbrechlich, und meine Augen füllen sich mit Tränen. „Hallo, du“, wispere ich. „Ich bin deine Tante.“ Ich kann nicht glauben, wie sehr ich dieses Baby liebe - es ist fünfundfünfzig Minuten alt, und ich würde mich - falls nötig - ohne Zögern für sie vor einen Bus werfen.

„Pssst. Lucy.“ Das ist wieder Iris’ Stimme. „Lucy. Du hast da ein Barthaar.“ Meine sechsundsiebzigjährige Tante tippt sich an die Oberlippe. „Genau hier. Außerdem hältst du sie falsch. Gib sie mal mir.“

„Also wirklich, ich weiß nicht“, begehrt Corinne auf, aber Iris nimmt mir energisch das Baby ab. Ohne das süße Gewicht meiner Nichte fühlen sich meine Arme leer an. „Haar“, sagt Iris und zeigt mit dem Kinn auf mich.

Unwillkürlich lege ich einen Finger auf die Oberlippe - iihh! Etwas, das so dick und spitz ist wie ein Stück Stacheldraht, ragt aus meiner Haut. Ein Barthaar! Iris hat recht. Das ist ein Barthaar.

Meine winzige Tante Rose schleicht sich an mich heran. „Lass mich mal einen Blick drauf werfen“, sagt sie mit ihrer Kleinmädchenstimme und betrachtet meine Lippe. Bevor ich mich versehe, packt sie das ärgerliche Ding und reißt es aus.

„Autsch! Rose! Das tut weh!“ Ich drücke einen Finger an den schmerzenden Haarfollikel.

„Keine Sorge, Liebling, ich hab es erwischt. Du kommst wahrscheinlich in die Wechseljahre.“ Sie wirft mir ein verschwörerisches Lächeln zu und hält mein Barthaar ins Licht.

„Ich bin dreißig Jahre alt, Rose“, protestiere ich schwach. „Und jetzt hör auf, es anzustarren.“ Ich wische das Haar von ihrem Finger. Reiner Zufall. Ich bin nicht in der Menopause. Das kann gar nicht sein. Oder? Zugegeben, ich fühle mich heute, da meine jüngere Schwester vor mir ein Kind bekommen hat, etwas alt …

Rose sucht in meinem Gesicht nach einem weiteren Haar. „Das gibt es. Deine Cousine Ilona war erst fünfunddreißig. Ich glaube nicht, dass du zu jung bist. Ein Schnurrbart ist üblicherweise das erste Anzeichen.“

„Elektrolyse“, schlägt meine Mutter vor, während sie die Bettdecke um Corinnes Füße feststeckt. „Grinelda macht das. Sie soll mal einen Blick darauf werfen, wenn sie zu ihrer nächsten Sitzung kommt.“

„Deine Wahrsagerin bietet auch Elektrolyse an?“, fragt Chris.

„Sie ist ein Medium. Und ja, Grinelda verfügt über vielerlei Talente“, verkündet Iris und lächelt Emma an.

„Komme ich vielleicht auch mal dran? Soweit ich weiß, bin ich auch ihre Großtante“, piepst Rose. „Und ich bleiche übrigens. Einmal habe ich mich rasiert, aber drei Tage später sah ich aus wie Onkel Zoltan nach einem Saufgelage.“ Sie nimmt Iris meine Nichte ab und verzieht ihr faltiges, süßes Gesicht zu einem Lächeln.

„Oh, rasieren. Niemals rasieren, Lucy“, ruft Iris. „Da bekommst du Stoppeln.“

„Ähm, okay.“ Ich werfe meiner Schwester einen Blick zu. Das ist ganz bestimmt keine normale Unterhaltung an einem Entbindungsbett. „Wie geht es dir überhaupt, Corinne?“

„Mir geht es fantastisch“, sagt sie. „Könnte ich jetzt bitte meine Tochter wiederhaben?“

„Aber ich halte sie doch erst seit einer Sekunde!“, widerspricht Rose.

„Gib sie ihr“, befiehlt Chris, und Rose gehorcht - allerdings nicht, ohne wie eine Märtyrerin zu seufzen.

Meine Schwester blickt auf das Baby hinab, dann sieht sie ihren Mann an. „Meinst du, wir sollten sie mit Purell einreiben?“, fragt sie mit besorgt gerunzelter Stirn.

„Desinfektionsmittel? Ach was“, antwortet Chris. „Ihr Mädchen habt euch doch vorher die Hände desinfiziert, oder?“

„Selbstverständlich. Emma soll sich auf keinen Fall Kinderlähmung einfangen“, sagt Iris ohne einen Hauch von Sarkasmus in der Stimme. Ich unterdrücke ein Grinsen.

„Chris, Liebling, wie geht es dir eigentlich, Süßer?“, fragt Corinne ihren Mann.

„Um einiges besser als dir, Schätzchen. Ich habe schließlich nicht gerade ein Kind zur Welt gebracht.“

Corinne winkt ab. „Lucy, er war einfach wunderbar. Wirklich. Du hättest ihn sehen sollen! So ruhig und hilfreich. Er war unglaublich.“

„Ich habe überhaupt nichts gemacht, Lucy“, beteuert mein Schwager. Er streichelt dem Baby die Wange. „Deine Schwester - sie ist unglaublich.“ Die frischgebackenen Eltern blicken sich mit gegenseitiger Bewunderung an, und ich spüre den vertrauten Kloß im Hals.

Jimmy und ich hätten einander vielleicht auch so angesehen.

„Hallo! Ich bin Tania, Ihre Stillberaterin!“ Die dröhnende Stimme lässt uns alle zusammenfahren. „Na was für ein hübsches Baby! Wollen Sie es vor Publikum ausprobieren?“

„Corinne, wir gehen.“ Mir ist vollkommen klar, dass meine Mutter und meine Tanten lieber bleiben würden, um entsprechende Kommentare abzugeben. „Wir kommen später wieder. Ich bin so stolz auf dich.“ Ich küsse meine Schwester, berühre noch einmal die Wange des Babys und versuche zu ignorieren, dass Corinne ihrem Kind danach das Gesicht abwischt. „Bye, Emma“, flüstere ich, und wieder habe ich Tränen in den Augen. „Ich hab dich lieb, Kleines.“ Meine Nichte. Ich habe eine Nichte! Bilder von Teepartys und Gummihüpfen füllen meinen Kopf.

Meine Schwester lächelt mir zu. „Bis später, Lucy. Ich hab dich lieb.“ Sie tätschelt meinen Arm mit ihrer freien Hand, schon ganz versiert im Umgang mit ihrem Baby.

„Dann schauen wir uns mal Ihre Brustwarzen an“, bellt Tania, die Stillberaterin. „Ehemann, nehmen Sie das Baby, bitte. Ich muss mir die Brüste Ihrer Frau ansehen.“

Wie ein gut abgerichteter Border Collie scheuche ich meine Mutter, Rose und Iris aus dem Zimmer. Im Flur fällt mir etwas auf. Meine Mutter und meine Tanten sind heute alle in Schwarz gekleidet. Ich bleibe stehen. Meine Mutter trägt einen schicken schwarzen Wickelpullover, der auch Audrey Hepburn gut gestanden hätte, Iris einen formlosen schwarzen Rollkragenpulli und Rose eine schwarze Strickweste über einer weißen Bluse. Mein T-Shirt ist zufällig auch schwarz - ich stehe morgens um vier Uhr auf und verbringe nicht viel Zeit mit der Wahl meiner Garderobe; dieses T-Shirt lag nur zufällig ganz oben auf dem Stapel.

Durch eine ironische und unglückliche Laune des Schicksals lautet der Mädchenname von meiner Mutter, Iris und Rose Black. Den ursprünglichen Namen Fekete hat mein Großvater, als er aus Ungarn immigrierte, der Einfachheit halber ins Englische übersetzt. Durch eine sogar noch ironischere und unglücklichere Laune des Schicksals waren alle drei noch vor ihrem fünfzigsten Geburtstag verwitwet, deswegen ist es nicht überraschend, dass man sie die schwarzen Witwen nennt. An diesem glücklichsten aller Tage tragen wir also alle aus irgendeinem Grund Schwarz. Und plötzlich geht mir Verschiedenes auf: dass ich - die ich ebenfalls jung meinen Mann verloren habe - heute selbst an eine schwarze Witwe erinnere. Dass ich gerade mein erstes Barthaar entdeckt habe und Ratschläge über Gesichtshaarentfernung über mich ergehen lassen musste.

Und dass ich weit davon entfernt bin, ein eigenes Kind zu haben - ein Gedanke, der mir in letzter Zeit immer öfter kommt. Seit Jimmys Tod sind immerhin schon fünf Jahre vergangen. Fünfeinhalb. Fünf Jahre, vier Monate, zwei Wochen und drei Tage, um genau zu sein.

Diese Gedanken überlagern das Geplapper meiner Tanten und Mutter, als wir über die kurze Brücke nach Mackerly fahren, zurück in die Bäckerei, in der wir vier arbeiten.

„Wir gehen auf den Friedhof“, verkündet Mom, als sie hintereinander aus dem Auto hüpfen, erst Iris, dann Rose, dann meine Mutter. „Ich muss deinem Vater von dem Baby erzählen.“

„Okay.“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Dann bis später.“

„Willst du nicht mitkommen?“, fragt Rose. Alle drei drehen den Kopf in meine Richtung.

„Ach, ich glaube eher nicht.“

„Du weißt doch, dass sie damit ein Problem hat“, sagt Mom geduldig. „Lasst uns gehen. Bis später, Schatz.“

„Klar. Viel Spaß.“ Den werden sie haben, das weiß ich. Ich sehe ihnen nach, wie sie die Straße Richtung Friedhof hinuntergehen, wo ihre Ehemänner - und meiner - begraben liegen.

Die Sonne scheint, die Vögel singen, meine Nichte ist gesund. Das ist ein sehr, sehr glücklicher Tag, Barthaar hin oder her. Verwitwet oder nicht. „Ein glücklicher Tag“, sage ich laut vor mich hin und betrete die Bäckerei.

Der warme, zeitlose Duft der Bunny‘s Hungarian Bakery umfängt mich wie eine weiche Decke. Zucker und Hefe und Dampf, ich inhaliere tief. Jorge putzt gerade die Backstube. Er sieht auf, als ich hereinkomme. „Sie ist umwerfend“, verkünde ich. Er nickt, lächelt, dann fährt er fort, Teig von den Tischen zu kratzen.

Jorge spricht nicht. Er arbeitet schon jahrelang im Bunny‘s, ist irgendwas zwischen fünfzig und siebzig, glatzköpfig mit wunderschöner hellbrauner Haut und einer Tätowierung vom gekreuzigten Jesus auf dem Arm. Er hilft uns beim Putzen und den Auslieferungen, denn Bunny‘s beliefert verschiedene Restaurants in Rhode Island - mit meinem Brot, dem besten Brot des Landes.

„Ich werde heute Abend die Brotlieferung zu Gianni‘s bringen, Jorge“, sage ich, als er beginnt, die Brotlaibe zu stapeln. Er nickt, steuert auf die Hintertür zu und bleibt dort einen Moment stehen. Das ist seine Art, Auf Wiedersehen zu sagen. „Schönen Nachmittag.“ Er lächelt, dass sein Goldzahn aufblitzt, und geht.

Die Gefriertruhe summt, die schlecht funktionierenden Leuchtröhren über der Arbeitsfläche knistern, die Kühlöfen ticken. Davon abgesehen ist, außer meinem eigenen Atem, nichts zu hören.

Bunny‘s befindet sich seit siebenundfünfzig Jahren in Familienbesitz. Gegründet von meiner Großmutter, kurz nachdem mein Großvater mit achtundvierzig Jahren starb, ist es seitdem immer von den Frauen der Familie geführt worden. Männer halten sich in unserer Familie nicht besonders lange, wie Ihnen vielleicht schon aufgefallen sein mag. Nachdem mein eigener Vater starb, als ich gerade mal acht Jahre alt war, begann meine Mom, ebenfalls im Bunny‘s zu arbeiten, zusammen mit Iris und Rose. Und seit Jimmys Autounfall bin ich ebenfalls mit an Bord.

Ich liebe die Bäckerei, und mein Brot ist der Beweis dafür, dass es einen Gott gibt, doch finde ich es nur fair zu sagen, dass ich unter anderen Umständen nicht hier arbeiten würde. Brot zu backen - so erfüllend das auch sein mag - ist nicht meine wahre Passion. Ich habe eine Ausbildung zur Konditorin gemacht, und zwar am fantastischen Johnson & Wales Culinary Institute in Providence, nur etwa eine halbe Stunde von Mackerly, unserer winzigen Insel südlich von Newport, entfernt. Nach der Prüfung bekam ich sofort einen Job in einem der eleganteren Hotels der Gegend. Doch nach Jimmys Tod hielt ich es einfach nicht mehr aus. Den Druck, den Lärm, die langen Arbeitstage … die Leute. Deswegen habe ich mich den schwarzen Witwen im Bunny‘s angeschlossen. Unglücklicherweise ist die Arbeitsaufteilung schon vor Jahren beschlossen worden - Rose ist für die Kuchen verantwortlich, Iris für süße Stückchen und Donuts, Mom für die Geschäftsführung. Da blieb für mich nur das Brot übrig.

Brotbacken ist eine Zen-artige Kunst, die vom Rest der Welt nicht recht begriffen wird. Eine Kunst, die ich zu lieben gelernt habe. Jeden Tag um halb fünf fange ich an, den Teig zu mischen, zu kneten, gehen zu lassen und dann in den Ofen zu schieben. Danach lege ich mich gegen zehn Uhr wieder aufs Ohr und komme nachmittags zurück, um das Brot zu backen, das wir an die Restaurants liefern. Meistens bin ich dann gegen vier Uhr am Nachmittag wieder zu Hause. Dieser Zeitplan passt ganz gut zu dem unbeständigen Schlafrhythmus, den ich mir nach dem Tod meines Mannes angewöhnt habe.

Ich stelle fest, dass ich nach einem weiteren Barthaar taste. Wo eines ist, können schließlich auch weitere sein. Nein. Alles scheint in Ordnung, aber ich werfe für alle Fälle noch einen Blick in den Badezimmerspiegel. Keine weiteren Haare, Gott sei Dank. Ich sehe ganz normal aus: rotblondes, zu einem Pferdeschwanz zusammengefasstes Haar, hellbraune Augen - Whiskeyaugen hat Jimmy sie immer genannt -, ein paar Sommersprossen. Ein freundliches Gesicht. Ich finde, ich würde eine wirklich niedliche Mutter für jemanden abgeben.

Ich wollte immer eine Familie, immer ein paar Kinder haben. Von einem schwarzen Haar abgesehen deutet alles darauf hin, dass ich noch jung genug dafür bin. Oder nicht? Was, wenn Tante Rose recht hat und die Wechseljahre schon im Schatten lauern und nur darauf warten, sich auf mich zu stürzen? Heute ein Barthaar - und in ein paar Monaten muss ich vielleicht schon anfangen, mich regelmäßig zu rasieren. Meine Stimme wird sich verändern. Ich werde vertrocknen wie ein Laib Brot, der zu lange im Ofen geblieben ist. Was einmal schön und verheißungsvoll aussah, wird durch Nichtbeachtung zu einem harten und geschmacklosen Klumpen. Dieses Barthaar ist eine Warnung. Mensch! Ein Barthaar!

Ich presse kurz meine Brüste zusammen. Puh. Die beiden Mädchen scheinen noch gut in Form zu sein, nichts hängt oder sackt nach unten. Ich bin noch jung. Bisschen reif vielleicht. Aber kann schon sein, dass mein Haltbarkeitsdatum schneller abläuft, als ich zugeben mag. Verdammtes Barthaar.

Jimmy hätte gewollt, dass ich weitermache, dass ich glücklich bin. Natürlich hätte er das gewollt. „Was meinst du, Jimmy?“, frage ich laut. „Ich glaube, es wird Zeit, einen Mann kennenzulernen. Einverstanden, Liebling?“

Ich warte auf eine Antwort. Seit seinem Tod hat es immer wieder Zeichen gegeben. Zumindest glaube ich das. Im ersten Jahr tauchten zum Beispiel Zehncentstücke an den unmöglichsten Stellen auf. Manchmal erhaschte ich einen Hauch seines Geruchs - Knoblauch, Rotwein und Rosmarin … Er war Chefkoch im Gianni‘s, dem Restaurant seiner Eltern. Ab und zu träume ich von ihm. Aber heute, als es um mein Liebesleben geht, geschieht nichts.

Die Hintertür geht auf, und meine Tanten und meine Mom kommen herein. „Es war schön auf dem Friedhof!“, verkündet Iris. „Wunderschön! Wenn ich allerdings die Typen erwische, die so nah am Grab von meinem Pete Gras mähen, erwürge ich sie mit meinen bloßen Händen.“

„Ich weiß. Das habe ich der Friedhofsverwaltung auch schon gesagt“, trällert Rose. „Letztes Jahr haben sie die Geranien abgemäht, die ich für Larry gepflanzt habe. Ich hätte am liebsten geheult!“

„Du hast geheult“, betont Iris.

Mom kommt in eine Wolke Chanel No. 5 gehüllt zu mir. „Dieses Baby ist wirklich wunderhübsch, oder?“, fragt sie lächelnd.

Ich grinse sie an. „Absolut. Gratuliere, Oma.“

„Mmm. Oma. Das klingt gut“, sagt sie selbstzufrieden.

Iris nickt zustimmend - sie ist bereits Oma, dank der beiden Kinder, die ihr Sohn Neddy und seine Exfrau gezeugt haben. Rose hingegen schmollt.

„Das ist einfach nicht fair“, sagt sie. „Du bist so viel jünger als ich, Daisy. Ich hätte als Erste Oma werden sollen.“ Rose und Iris sind weit über siebzig, meine Mutter ist fünfundsechzig, und Roses einziger Sohn hat sich bisher noch nicht fortgepflanzt (was bei seinem Hang zu Dummheiten vermutlich eine gute Sache ist).

„Oh, Stevie wird schon noch ein Mädchen schwängern, keine Sorge“, meint meine Mutter milde. „Allerdings frage ich mich, ob er jemanden zum Heiraten findet, wenn sie befürchten muss, auch jung zu sterben.“

Als ihnen klar wird, wie heikel das Thema ist, drehen sich die schwarzen Witwen alle auf einmal zu mir um und sehen mich an.

Wissen Sie, der Schwarze-Witwen-Fluch hat in meiner Generation bisher nur mich getroffen. Meine Schwester lebt in der ständigen Angst, dass Chris ebenfalls jung sterben könnte, aber bisher ist alles in Ordnung. Anne, die Tochter von Iris, ist lesbisch, und aus irgendeinem Grund gehen die schwarzen Witwen davon aus, dass Laura (seit fünfzehn Jahren Annes Partnerin) wegen ihrer sexuellen Orientierung von dem Fluch verschont bleiben wird. Neddys Exfrau wird auch als ungefährdet betrachtet. Sowohl Ned wie auch Stevie sind gesund, wobei Stevie ein Wackelkandidat sein könnte (er hat mal bei einer Mutprobe giftigen Efeu gegessen, da war er zweiundzwanzig). Die biologischen männlichen Nachkommen in unserer Familie bleiben bisher verschont - es scheinen nur die Ehemänner von einem frühen Tod ereilt zu werden. Mein Großvater, meine Großonkel, mein eigener Dad, die Männer meiner Tanten - alle sind jung gestorben.

Außerdem hat keine schwarze Witwe jemals wieder geheiratet. Aus den verstorbenen Ehemännern sind Heilige geworden, aus den Ehefrauen stolze Witwen. Auf die Idee, sich einen neuen Mann zu suchen, sind sie nie gekommen. Das geht dann ungefähr so: „Pah! Wofür brauche ich einen Mann? Ich hatte doch schon meinen Larry/Pete/Robbie. Er war die Liebe meines Lebens.“

Bevor ich selbst Witwe wurde, dachte ich, dass die schwarzen Witwen es geradezu genossen, allein zu leben. Ich hielt sie für unabhängige Frauen, die stolz darauf waren, was sie erreicht hatten. Ich dachte, ihre Weigerung, noch einmal zu heiraten, wäre der Beweis für ihre Selbstsicherheit, für ihre Freiheitsliebe, ja sogar für ihre Macht. Als ich dann selbst Witwe wurde, kapierte ich es. Man kann sich einfach nicht vorstellen, sich noch einmal im Leben zu verlieben.

Die Hintertür öffnet sich erneut. „Freitagabend, die Happy Hour ist da!“, erklingt eine vertraute Stimme.

„Ethan!“, ruft der Chor der schwarzen Witwen Überraschung vortäuschend.

Ethan Mirabelli, der jüngere Bruder meines verstorbenen Mannes, kommt mit einer Kühltasche herein.

Er küsst jede einzelne schwarze Witwe, umarmt meine Mutter besonders lang und flüstert ihr etwas zu, woraufhin sie zu strahlen anfängt und seine Wange tätschelt. Dann sieht Ethan mich an. „Hey, Luce. Gratuliere, dass du erneut Tante geworden bist.“

„Danke, Ethan“, antworte ich lächelnd. „Ich schätze, sie ist zwar keine richtige Cousine für Nicky, aber so was Ähnliches, richtig?“ Nicky ist Ethans Sohn. Und dann krümme ich mich innerlich, als mir klar wird, was ich da gerade gesagt habe. Nickys Cousinen und Cousins wären schließlich Jimmys Kinder gewesen - Jimmys und meine.

„Ganz genau“, sagt Ethan nur.

„Und wie geht es Nicky?“, will Tante Iris wissen.

„Er ist hübsch, klug und hat ein Händchen für die Damenwelt. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.“ Nicky ist vier, aber alles, was Ethan sagt, stimmt. Mein Schwager lächelt mich an, dann packt er die Tasche aus - Martinishaker, kleines Messer, Gläser und einige Flaschen Alkohol. „Ich dachte, heute Abend gibt es mal French Martinis, Mädels“, ruft er und gießt Wodka in den Mixer. „Zu Ehren des Babys sind sie rosa. Ich hoffe nur, dass es genauso eine Schönheit wird wie alle anderen Black-Frauen.“

Wie erwartet beginnen die schwarzen Witwen zu gurren und kichern. Ethan hat sie schon lange um seinen kleinen Finger gewickelt.

„Ist es noch zu früh für Alkohol?“, fragt Rose mit ihrer kindlichen Stimme. Nach einem Blick auf die Uhr beantwortet sie ihre eigene Frage, indem sie ihm ihr Glas hinstreckt. Es ist halb fünf. So wie jeden Freitag.

„Du musst nichts trinken“, sagt Ethan, während er schon den Martini in ihr Glas füllt.

„Sei nicht so“, sagt Rose und tätschelt seine Hand. „Schenk schon ein.“ Grinsend gehorcht er. „Ethan“, fährt Rose fort, „was mich viel mehr interessiert, ist, wie du dieses nette Mädchen überhaupt hast schwängern können?“

Ethan hebt eine Augenbraue, was ihm ein verwegenes Aussehen verleiht. „Möchtest du mit mir ins Büro kommen? Ich würde es dir nur zu gern zeigen.“

Tante Rose stößt einen gespielt spitzen Schrei aus. „Ich meinte, warum du sie nicht geheiratet hast? Diese nette Parker?“ Als ob sie das nicht schon eine Million Mal gehört hätte.

Ethan zwinkert mir zu. „Ich habe ihr einen Antrag gemacht, falls du das vergessen hast. Sie wollte mich nicht. Sie wusste, dass ich heimlich in die schwarzen Witwen verliebt bin und mein Herz ihr niemals ganz gehören würde.“ Dann reicht er mir ein Glas. „Bitte sehr, Lucy.“

„Danke, Eth.“

Die Cocktailstunde freitagnachmittags ist eine Tradition in der Bäckerei. Ethan, der beruflich unter der Woche durchs Land reist, kommt jedes Wochenende nach Mackerly, um seinen Sohn zu sehen - und mich, wie ich gestehen muss. Seit Jimmys Tod ist Ethan ein großartiger Freund. Die meisten Wochenenden beginnen, indem er zur Happy Hour in die Bäckerei kommt und mit meiner Mutter und meinen Tanten flirtet. Die wiederum der Ansicht sind, dass er über Wasser gehen kann oder so etwas.

„Also, wie geht es dem Baby?“, fragt Ethan die schwarzen Witwen, dann lehnt er sich zurück und lauscht grinsend, wie sie von der Schönheit des Babys schwärmen.

Ich nehme einen symbolischen Schluck aus meinem Glas, höre zu und lächle. Obwohl seit so vielen Jahren verwitwet, sind die schwarzen Witwen lebendiger als die meisten Menschen, die ich kenne.

Dann blicke ich auf meine Uhr und stelle den Drink weg. „Ich muss jetzt das Brot zu Gianni‘s bringen. Ethan, möchtest du mitkommen?“

„Himmel, nein“, antwortet er fröhlich. „Wozu in aller Welt sollte ich meine Eltern besuchen, wenn ich stattdessen mit diesen ungarischen Schönheiten trinken kann?“

Noch mehr Zungengeschnalze von den schwarzen Witwen, noch mehr geheuchelte Entrüstung über seine Worte und zugleich tiefstes Einverständnis.

„Zahlt es sich aus, den Gigolo zu geben?“, frage ich.

Ethan lacht. „Kann sein. Wir sehen uns später, Luce.“ Wir leben beide in The Boatworks, einer ehemaligen Segelbootwerft, die in Eigentumswohnungen umgewandelt wurde.

Ich gehe in die Backstube. Das Brot für Gianni‘s ist noch warm. Meine Atmung beruhigt sich, meine Bewegungen werden weich und effizient, als ich jedes einzelne Brot in Folie packe und dann in die große Lieferkiste staple. Im Himmel muss es nach frischem Brot duften - tröstlich und anheimelnd. Als die Kiste voll ist, hebe ich sie hoch, drücke die Hintertür auf und trete in den hellen Sonnenschein.

Bestürzt stelle ich fest, dass im Starbucks um die Ecke der Teufel los ist, sogar um diese Uhrzeit. Bunny‘s könnte ein paar von diesen Kunden gut gebrauchen, denke ich. Seit Jahren dränge ich die schwarzen Witwen, denen jeweils dreißig Prozent der Bäckerei gehören, auch Kaffee anzubieten. Das würde natürlich eine große Veränderung bedeuten, und die schwarzen Witwen mögen Veränderungen nicht. Mir gehören leider nur zehn Prozent der Bäckerei, somit kann ich meine Ideen nie durchsetzen.

Einen Block vom Starbucks entfernt befindet sich Gianni‘s Ristorante Italiano, das meinen Schwiegereltern Gianni und Marie gehört. „Lucy“, rufen sie erfreut, als ich mich durch die Hintertür kämpfe.

„Hi, Marie, hi, Gianni.“ Ich bleibe stehen, um mich küssen zu lassen. Paolo, der Souschef und ein entfernter Verwandter aus Rom, nimmt mir das Brot ab, während Micki mir aus der Küche, wo sie gerade Knoblauch und Petersilie schnippelt, eine Begrüßung zuruft. Kelly, mit der ich in eine Klasse gegangen bin und die hier bedient, winkt mir zu.

„Wie geht es dir? Und dem Baby? Hoffentlich sind alle wohlauf?“, fragt Marie. Ich habe sie angerufen, bevor ich ins Krankenhaus gegangen bin - wir stehen uns sehr nahe.

„Sie ist so wunderhübsch“, verkünde ich strahlend. „Meine Schwester war echt tapfer. Siebzehn Stunden!“

„Dammriss?“ Maries Frage lässt Gianni zusammenzucken.

„Ähm, das haben wir noch nicht besprochen“, murmle ich.

„Wir schicken ihr was Gutes zu essen“, sagt Gianni. „Ein Baby ist so ein Segen.“

Einen Moment lang sind wir still. Mein Blick wandert zum Schrein über dem Zwölf-Flammen-Herd. Zwei Kerzen, das rote Kopftuch, das Jimmy beim Kochen immer getragen hat, und ein Foto von ihm. Sein breites freundliches Gesicht grinst mir zu, seine wundervollen Augen funkeln. Er kam nach der norditalienischen Seite seiner Familie - lockiges, schmutzig blondes Haar, Augen wie das Mittelmeer und ein Lächeln, das eine Kleinstadt komplett mit Strom hätte versorgen können. Ein kräftiger, großer Mann mit breiten Schultern und einem dröhnenden Lachen. Bei ihm habe ich mich immer vollkommen beschützt und sicher gefühlt, bedingungslos geliebt.

Verdammt. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Die Mirabellis stört das nicht. Marie streichelt meinen Arm, sie hat auch Tränen in den dunklen Augen, und Gianni tätschelt mit seiner großen Hand meine Schulter.

„Weißt du, ob Ethan am Wochenende nach Hause kommt?“ Marie wischt sich über die Augen.

Ich zögere. „Ähm, ich glaube schon.“ Zu erfahren, dass ihr Sohn sich nur ein paar Häuser weiter bei meiner Familie befindet, würde sie kränken.

„Dieser Job von ihm“, murrt Gianni. „Völliger Unsinn. Ah!“ Er wedelt empört mit einer Hand durch die Luft, und ich muss mir ein Grinsen verkneifen.

Ethan war auf demselben College wie ich, hat aber kurz vor seinem Abschluss als Meisterkoch das Studium abgebrochen, um für einen Lebensmittelkonzern zu arbeiten. Eine Firma, die hauptsächlich für das ungeheuer populäre Getränk „Instead“ bekannt ist, das alle Nährstoffe einer ausgewogenen Mahlzeit enthält, ohne dass man sich die Mühe machen muss, auch tatsächlich etwas zu essen. Ich glaube, meine Schwiegereltern hätte es weniger gestört, wenn Ethan Drogendealer oder Pornostar geworden wäre. Ehrlich. Ich meine, sie besitzen ein Restaurant. Und das erklärte Ziel von Ethans Firma ist es, die Leute davon abzuhalten, sich hinzusetzen und zu essen.

Mein Blick wandert zurück zu Jimmys Foto. Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment, um die Mirabellis mit meinem Entschluss zu überrumpeln. Das kann warten. Warum sollte ich ihnen das Wochenende ruinieren? Obwohl sie mir natürlich eine eigene Familie von ganzem Herzen gönnen, würde ihnen das, was ich zu sagen habe, wehtun. Außerdem muss ich vorher sowieso noch einiges im Haushalt erledigen.

Gegen neun an diesem Abend spiele ich eine spannende Partie Scrabble mit meinem Computer, dabei habe ich sieben Kilo schnurrende Katze auf dem Schoß - Fat Mikey. Es klopft an der Tür. „Komm rein“, rufe ich, weil ich weiß, wer es ist.

„Hey, Lucy“, höre ich Ethan rufen. Meistens schaue ich nicht einmal auf - das Boatworks hat ein codiertes Sicherheitssystem, das Fremde draußen hält, und außerdem tendiert die Kriminalitätsrate in Mackerly gegen null.

„Hi, Eth. Wie läuft‘s?“ Ich reiße den Blick vom Bildschirm los - ich wollte gerade „Zenit“ legen, womit ich Maven, meinen Computererzfeind, haushoch geschlagen hätte, aber Menschen gehen schließlich vor. Das sollten sie zumindest. Ich tippe das Wort doch noch diskret ein, dann klappe ich den Laptop zu. Jetzt bist du dran, Maven.

„Wunderbar.“ Ethan, der in den letzten fünf Jahren viele Stunden in meiner Wohnung verbracht hat, öffnet wie selbstverständlich meinen Kühlschrank. „Kann ich eins davon haben?“

„Sicher. Die habe ich sowieso für dich gemacht.“ Im Kühlschrank befinden sich sechs kleine Förmchen mit Ananas-Mango-Mousse und Himbeerglasur.

„Möchtest du auch eins?“ Ich kann hören, dass er bereits den Mund voll hat.

„Nein, danke. Die gehören alle dir.“ Ich esse meine eigenen Desserts nicht. Schon seit Jahren nicht mehr.

„Schmeckt fantastisch“, sagt er, als er ins Wohnzimmer kommt.

„Freut mich.“ Ich weiche seinem Blick aus.

„Hey, danke, dass du die Fotos von Nick gemailt hast.“ Er kratzt die Reste aus dem Förmchen.

„Gern geschehen. Er sieht wirklich süß aus.“ Am Mittwoch wurde in Nickys Kindergarten ein Stück über den Lebenszyklus des Schmetterlings aufgeführt. Nicky spielte den Samen einer Seidenpflanze. Da Parker, Nickys Mutter, immer die Kamera vergisst, habe ich mir angewöhnt, Nicky zu fotografieren und die Fotos dann an Ethan zu schicken. „Ähm, hör mal, Ethan, wir müssen uns unterhalten.“ Ich krümme mich innerlich.

„Klar. Ich hol mir nur noch schnell eins von denen. Schmeckt einfach unglaublich.“ Er geht zurück in die Küche, und ich höre, wie der Kühlschrank erneut geöffnet wird. „Übrigens muss ich dir auch was erzählen.“ Er kommt zurück ins Wohnzimmer. „Aber Ladys first.“ Er wirft sich in den Sessel und lächelt mich an.

Ethan sieht ganz anders aus als sein Bruder, was einerseits schade, andererseits aber auch tröstlich ist. Im Gegensatz zu Jimmy ist Ethan etwas … nun, durchschnittlich. Er sieht zwar gut aus, aber irgendwie nicht weiter bemerkenswert. Mittelbraune Augen, normales Gewicht. Eher der Vanille-Typ. Er hat einen sauber gestutzten kleinen Bart, wie ihn viele Baseballspieler tragen - also eher einen Dreitagebart, was ihn etwas verwegen wirken lässt, aber er ist … nun, er ist Ethan. In gewisser Weise sieht er wie ein Elf aus - also nicht wie die quietschenden Nordpolelfen, aber wie ein cooler Elf, ein Tolkien-Elf, leicht grimmige Augenbrauen und ein durchtriebenes Grinsen.

Er betrachtet mich geduldig, und ich schlucke. Schlucke erneut. Das ist eine nervöse Macke von mir. Fat Mikey springt auf Ethans Schoß und stößt ihn mit dem Kopf an, bis Ethan dem herrischen Kater gehorcht und ihn unterm Kinn krault. Ethan hat ihn vor ein paar Jahren aus einem Teich gerettet, und da er meinte, niemand würde dieses hässliche Vieh aufnehmen, hat er ihn mir überlassen. Fat Mikey hat seinen Retter nie vergessen und schenkt ihm jetzt ein verrostet klingendes Schnurren.

Ich räuspere mich. „Also hör mal. Seit Jimmys Tod warst du einfach … nun, einfach unglaublich. Ein wirklich guter Freund, Ethan.“ Das stimmt, aber ich finde nicht die richtigen Worte, um meiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen.

Es zuckt um seinen rechten Mundwinkel. „Tja. Du warst auch toll.“

Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Genau. Jedenfalls … Also, es ist so, Ethan. Wie du ja weißt, hat Corinne ein Kind bekommen. Und da ist mir aufgefallen, dass … also …“ Ich räuspere mich. „Nun, ich hätte auch gern ein Kind.“ Ah, das kam irgendwie anders heraus als beabsichtigt.

Er sieht mich fragend an. „Wirklich.“

„Ja. Ich wollte immer Kinder haben, weißt du. Deswegen, ähm …“ Warum bin ich so nervös? Es ist doch nur Ethan, er wird mich verstehen. „Also, ich denke, ich bin jetzt so weit, einen … Mann kennenzulernen. Ich möchte wieder heiraten. Eine Familie gründen.“

Ethan lehnt sich nach vorn, woraufhin Fat Mikey von seinem Schoß springt. „Verstehe“, sagt er.

Ich schaue einen Moment lang auf den Boden. „Genau.“ Dann riskiere ich einen Seitenblick und füge hinzu: „Also sollten wir besser aufhören, miteinander zu schlafen.“

2. KAPITEL

Ethan blinzelt, doch sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht. „Okay“, sagt er nach einer kurzen Pause.

Ich habe schon den Mund geöffnet, um eine Diskussion abzuwiegeln, da wird mir klar, dass er gar nicht diskutieren will. „Okay. Toll“, nuschle ich.

Ethan lehnt sich zurück und schaut zur Küche. „Deine neue Nichte zu sehen hat dich also schwer beeindruckt, hm?“

„Ja. Ich schätze schon. Ich meine, ich wollte immer … na ja, du weißt schon. Mann, Kinder, all das. Ich habe in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht, und heute dann …“ Ich ziehe es vor, das Barthaar unerwähnt zu lassen. „Ich schätze, es ist einfach an der Zeit.“

„Meinst du das jetzt rein theoretisch, oder hast du schon jemanden im Sinn?“ Fat Mikey stößt ein kleines Miauen aus, hebt dann eine Pfote und beginnt, sie zu lecken.

Ich huste. „Rein theoretisch. Ich dachte nur … Ich finde, wir beide sollten zuerst einen klaren Schnitt machen, verstehst du? Ich kann mich nicht auf die Suche nach einem Ehemann begeben, solange ich einen guten Freund mit gewissen Vorzügen habe.“ Ich beginne, nervös zu lachen.

Ethan will etwas sagen, überlegt es sich dann aber anders. „Sicher. Die meisten Männer wären nicht erfreut, von so einem Arrangement zu erfahren“, sagt er milde.

„Genau“, bemerke ich nach kurzem Schweigen.

„Klemmt die Tür immer noch?“ Er nickt in Richtung Schiebetür, die auf den Balkon führt.

„Mach dir keine Gedanken darüber“, murmle ich. Mein Gesicht fühlt sich ganz heiß an.

„Ach zum Teufel, Luce, was soll das? Ich repariere sie. Du bist noch immer meine Schwägerin.“ Einen Moment lang starrt er einfach nur durch die Glastür.

„Bist du sauer?“

„Nö.“ Er steht auf, kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf den Kopf. „Ich werde zwar den heißen Sex mit dir vermissen, aber du hast wahrscheinlich recht. Ich komme morgen vorbei, um die Tür zu reparieren.“

Das war‘s? „Okay. Ähm, danke, Ethan.“

Und dann ist er weg, und ich muss gestehen, dass es sich merkwürdig anfühlt. Leer und still.

Ich hätte gedacht, er würde etwas mehr … nun, was auch immer veranstalten. Immerhin schlafen wir jetzt seit zwei Jahren miteinander. Sicher, unter der Woche ist er nicht hier, und an den Wochenenden, wenn Nicky bei ihm ist, haben wir auch nichts in der Richtung unternommen, und doch. Ich schätze, ich habe weniger … Gleichgültigkeit erwartet.

„Worüber beschwerst du dich eigentlich?“, frage ich mich laut. „Es hätte gar nicht besser laufen können.“ Fat Mikey reibt sich zustimmend an meinem Knöchel, und ich beuge mich vor, um sein seidiges Fell zu streicheln.

Der Abend streckt sich endlos lange vor mir aus. Ich habe noch sieben Stunden, bis ich in die Bäckerei muss. Ein normaler Mensch würde jetzt ins Bett gehen, aber mein Tag-Nacht-Rhythmus ist etwas durcheinander. Noch etwas, was Ethan und ich gemeinsam haben: Dieser Mann schläft nur fünf Stunden pro Nacht. Ich frage mich, ob wir künftig noch spätnachts zusammen Scrabble oder Guitar Hero spielen werden, jetzt, wo wir kein Paar mehr sind … Nun, wir waren nie ein richtiges Paar. Nur Freunde und irgendwie Verwandte, die durch Jimmy für immer miteinander verbunden sind. Plus Geliebte, obwohl mir das Wort nicht gefällt. „Freund mit gewissen Vorzügen“ klingt da schon besser.

Im ersten Jahr nach Jimmys Tod gehörte Ethan zu den wenigen Menschen, deren Gesellschaft ich ertragen konnte. Meine Freunde - nun, es war für sie und für mich schwierig. In einer Zeit, in der die meisten von ihnen noch nicht einmal über eine ernsthafte Beziehung nachdachten, hatte ich einen Mann geheiratet und schon wieder beerdigt. Viele meiner Freunde verschwanden nach und nach, weil sie wohl nicht wussten, was sie zu einer Frau sagen sollten, die mit fünfundzwanzig Jahren und nach acht Monaten und sechs Tagen Ehe Witwe geworden war.

Corinne hat mit mir gelitten, aber für mein emotionales Gleichgewicht war es nicht gut, dass sie jedes Mal losheulte, wenn sie mich sah. Meine Mom hingegen reagierte auf Jimmys Tod mit Resignation, ganz nach dem Motto „Kenn ich, weiß ich, habe ich schon erlebt“. Meine Tanten - vergessen wir‘s. Für sie war es eben Schicksal. Arme Lucy, aber wenigstens hat sie es jetzt hinter sich. Natürlich waren sie nicht herzlos genug, das laut auszusprechen, aber ich konnte es spüren, wenn sie mich umarmten. Und was Gianni und Marie anging - in ihrer Nähe hielt ich es fast nicht aus. Jimmy war ihr erstgeborener Sohn gewesen, der Chefkoch ihres Restaurants, der Erbe, der Kronprinz, und natürlich waren die Mirabellis vollkommen am Boden zerstört. Obwohl wir uns damals oft trafen, waren unsere Treffen für alle Beteiligten äußerst qualvoll.

Ethan war der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ich mich nicht noch schlechter fühlte als allein. Vielleicht weil wir fast im selben Alter waren, vielleicht weil wir an der Johnson & Wales studiert hatten, bevor er mich mit Jimmy verkuppelte.

In diesen ersten schwarzen Monaten war Ethan mein Fels in der Brandung. Er besorgte mir eine Wohnung direkt unter seiner. Er schenkte mir eine Playstation, und wir verbrachten viel zu viele Stunden mit Autorennen und Schießereien. Er kochte für mich, weil ich mich sonst ausschließlich von Kokosküssen und gefüllten Schokokeksen ernährt hätte. Er brachte mir mit Parmesan überbackene Auberginen, Hühnchen Masala, Hackbraten. Wir schauten zusammen Filme an, und es war ihm egal, wenn ich ein paar Tage nicht duschte. Wenn ich weinte, nahm Ethan mich geduldig in die Arme, streichelte mir übers Haar und sagte mir, dass es uns beiden eines Tages wieder besser gehen würde und dass er, wenn ich nicht aufhörte, sein Hemd vollzuheulen, ein Schockhalsband für mich besorgen und auch benutzen würde.

Dann wieder reiste er eine Woche lang durch die Gegend, um Kunden zu umgarnen, was schließlich sein Job war, für den er fürstlich bezahlt wurde. Er schickte mir E-Mails mit schmutzigen Witzen, brachte mir kitschige Souvenirs mit, mailte Fotos von seinen halsbrecherischen Abenteuern - Helicopter-Skiing in Utah, Surfen in Costa Rica. Es gehörte zu Ethans Job, den „Instead“-Konsumenten zu demonstrieren, welche Zeitverschwendung eine richtige Mahlzeit darstellte - Zeit, in der man stattdessen viele lustige Dinge tun konnte. Ironisch, wenn man bedenkt, wie gerne Ethan kocht und isst.

Nach den ersten sechs Monaten, als ich nicht mehr ganz so verheult war, zog Ethan sich ein wenig zurück und begann zu tun, was normale Männer eben tun. Etwa zwei Monate lang war er mit Parker Welles zusammen, einer reichen Sommertouristin, und ich fand, dass sie ganz gut zueinanderpassten. Ich mochte Parker, sie war respektlos und geradeheraus. Ethan schien die Richtige gefunden zu haben. Deswegen überraschte es mich, als Ethan mir von ihrer einvernehmlichen Trennung erzählte. Dann teilte Parker ihm mit, dass sie schwanger war, und schlug sehr höflich seinen Heiratsantrag aus. Sie blieb allerdings in Mackerly und zog in die riesige Villa ihres Vaters in der Ocean View Avenue, wo alle reichen Leute leben. Nach neun Monaten brachte sie Nick zur Welt. Warum sie Ethan nicht heiraten wollte, bleibt ein Rätsel, sie hat mir wieder und wieder gesagt, was für ein toller Kerl er ist - aber eben nicht für sie.

Nach Nickys Geburt verbrachten Ethan und ich wieder mehr Zeit miteinander. Ich schätze, die Sache mit den „gewissen Vorzügen“ musste einfach irgendwann geschehen, obwohl keiner von uns es geplant hatte. Genauer gesagt war ich richtig geschockt, als er zum ersten Mal … Nun, dazu später mehr. Ich sollte jetzt mal an etwas anderes als an Ethan denken.

Seufzend blicke ich mich in meiner Wohnung um. Hübsch ist sie - zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine große sonnige Küche mit genügend Abstellfläche zum Backen. Drucke hängen an den Wänden neben einem großen Foto von Jimmy und mir an unserem Hochzeitstag. Die Möbel sind bequem, der Fernseher hochmodern. Jimmy und ich hatten gerade ein Haus gekauft, als er ums Leben kam. Natürlich wollte ich dort nicht ohne ihn einziehen, also verkaufte ich es und zog hierher, in Ethans Nähe.

Ich dachte, es würde länger als zehn Minuten dauern, mich von Ethan zu trennen, und jetzt weiß ich nicht so recht, was ich tun soll. Es ist halb zehn an einem Freitagabend. Ab und zu kommt Ash, der Gothik-Teenager von nebenan, für ein Videospiel vorbei oder um einen Film zu gucken, aber heute Abend findet der Schulball statt, und ihre Mutter hat sie gezwungen, hinzugehen. Ich könnte noch einmal den Unterrichtsplan für den Backkurs durchgehen, den ich am Community College gebe, aber das wäre des Guten zu viel, da ich das schon letzte Woche erledigt habe. Mein Blick fällt auf den Fernseher.

„Fat Mikey, hättest du Lust, dir eine schöne Hochzeit anzusehen?“ Ich nehme meinen Kater auf den Arm und drücke ihn fest, was er tapfer über sich ergehen lässt. „Du hast Lust? Guter Junge.“

Die DVD ist schon eingelegt. Ich weiß, ich weiß, ich sollte sie mir nicht so oft ansehen. Aber ich tue es trotzdem. Wenn ich wirklich einen Mann finden will, sollte ich allerdings langsam damit aufhören. Ich überlege, stattdessen den Küchenboden zu schrubben, entscheide mich dann doch dagegen und drücke auf Play.

Im Schnellvorlauf lasse ich meine Hochzeitsvorbereitungen ablaufen, amüsiere mich über die ruckartigen, hastigen Bewegungen meiner Schwester, die mir den Schleier feststeckt, während meine Mutter sich die Augen abtupft.

Bingo. Jimmy und Ethan stehen vor dem Altar von St. Bonaventure. Ethan, der Trauzeuge, reißt gerade einen Witz, und die beiden Brüder lachen. Dann schaut Jimmy auf und sieht, wie ich den Gang entlangschreite. Sein Lächeln verblasst, sein großer Mund klappt ein wenig auf, und er wirkt wie von Liebe überwältigt.

Ich drücke auf Pause, Jimmys Gesicht friert auf dem Bildschirm ein. Seine Augen waren so schön, und er hatte beinahe lächerlich lange Wimpern. Sein Körper war muskulös, obwohl er den lieben langen Tag kochte und aß, das etwas längere Haar wellte sich leicht, und wie er dann die Augen halb schloss, als er mich betrachtete …

Ich schlucke, spüre wieder diese vertraute Enge im Hals, als ob dort ein Kieselstein feststeckt. Das begann gleich nach Jimmys Tod - ich habe sogar meine Cousine Anne einmal gebeten, nachzusehen, ob da ein Tumor wäre, aber sie meinte, es handle sich um ein klassisches Paniksyndrom. Und jetzt ist es wieder da, schätze ich, weil ich, ähm, beschlossen habe, den nächsten Schritt zu tun. Oder so etwas.

Ich werde erst wieder wirklich leben, wenn ich einen neuen Mann gefunden habe. Ich möchte heiraten und Kinder bekommen. Das möchte ich wirklich. Ich bin ohne Vater aufgewachsen und würde niemals freiwillig alleinerziehende Mutter werden. Und obwohl ich Jimmy mein Leben lang vermissen werde, ist es an der Zeit, weiterzumachen. Einen anderen Ehemann zu finden … ist eine gute Idee. Ganz bestimmt.

Nur werde ich nie wieder jemanden so lieben wie Jimmy. Das ist die Wahrheit. Und wenn man bedenkt, wie am Boden zerstört ich nach Jimmys Tod war, ist das wahrscheinlich eine gute Sache. Ich möchte nicht noch einmal so etwas durchmachen. Nie wieder.

3. KAPITEL

Am Mittwoch radle ich durch den Ellington Park. Es ist ein wunderschöner Tag Anfang September, eine Meeresbrise würzt die salzige Luft mit dem Duft von Herbstlaub, das sich an den Spitzen schon zu verfärben beginnt. Bestens gelaunt trete ich in die Pedale. An so einem herrlichen Tag kann man unmöglich traurig sein.

Mackerly auf Rhode Island, Neuengland, ist eine bezaubernde und winzige Stadt. Knapp hundert Meter vom Festland entfernt, leben hier zweitausend Bewohner. Im Sommer kommen weitere fünfhundert Touristen dazu. Ein Fluss mit Ebbe und Flut teilt die Insel, und jeder muss diesen Fluss überqueren, egal ob mit dem Auto oder zu Fuß.

James Mackerly, dessen Vorväter auf der Mayflower nach Amerika kamen, hat unsere hübsche Stadt rund um ein großes Stück Land erbaut - Ellington Park, benannt nach der Familie seiner Mutter. Am äußersten Ende des Parks befindet sich die Grünanlage der Stadt, die unter anderem durch einen Fahnenmast zu Ehren der im Krieg gefallenen Einwohner besticht. Dort steht auch die Statue unseres Gründervaters. Südlich erstreckt sich der Memorial Friedhof, der wiederum in den eigentlichen Park führt - Kieswege, blühende Bäume, der bereits erwähnte Fluss, ein Spielplatz, ein Fußball- und ein Baseballplatz. Der Park ist mit Ulmen und Ahornbäumen gesprenkelt und von einer schönen Sandsteinmauer umschlossen. Weiter die Narragansett Bay hinauf liegen Jamestown und Newport, weshalb das winzige Mackerly von Touristen oft übersehen wird. Was die meisten von uns in Ordnung finden.

Die ehemalige Segelbootwerft, in der Ethan und ich wohnen, liegt genau gegenüber vom Parkeingang. Bunny‘s wiederum befindet sich gegenüber vom Nordeingang mit Blick auf die Grünanlage und die Statue von James Mackerly auf seinem Pferd Trigger (okay, der Name des Pferdes ist nicht bekannt, aber wir alle nennen es so). Wenn ich ein normaler Mensch wäre, würde ich über die kleine Fußgängerbrücke fahren, dann die herrlichen Wege durch den Park genießen, anschließend mit dem Fahrrad an der Hand den Friedhof durchqueren und auf der anderen Seite in die Grünanlage gegenüber von der Bäckerei und den anderen Ladengeschäften gelangen: Zippy‘s Sport Memorabilia, das Gebäude gleich neben Bunny‘s, Lenny‘s Bar, Starbucks und Gianni‘s Ristorante Italiano. Dieser Weg wäre nur ungefähr eine halbe Meile lang. Aber ich bin nicht normal, ich umfahre den Park, biege auf die Park Street ein und überquere den Fluss auf der Bridge Street, um wieder auf die Main Street zu fahren. Alles in allem sind das ungefähr drei Meilen.

Ich mag den Friedhof nicht. Ich liebe den Park, aber den Friedhof kann ich einfach nicht betreten. Stattdessen fahre ich um ihn herum. Jeden Tag, ein gutes Ausdauertraining.

Ich ducke mich unter einem tief hängenden Ast hindurch und radle an der Friedhofsmauer entlang. Unter einem großen Kastanienbaum sehr nahe an der Straße liegt das Grab meines Vaters. Robert Stephen Lang, 42 Jahre, geliebter Vater und Ehemann. „Hi, Daddy“, rufe ich beim Vorbeifahren.

Selbst bevor mein Vater starb und lange vor Jimmys Tod habe ich den Friedhof gehasst, und zwar aus gutem Grund. Als ich vier war, starb Iris‘ Mann Onkel Pete (Speiseröhrenkrebs, nachdem er ein Leben lang filterlose Zigaretten geraucht hat). Man hatte mir nicht erlaubt, ihn zu besuchen - ein Sterbehospiz ist nicht gerade der passende Ort für Kinder -, und deswegen habe ich nicht gewusst, wie abgemagert er am Schluss ausgesehen hatte. Der Sarg war bei der Totenfeier geschlossen, an den Wänden hingen Fotos des jüngeren und gesünderen Pete.

Jedenfalls gingen wir alle zum Friedhof, die Männer in dunklen Anzügen, jede Menge schwarze Schirme schwebten über den Trauergästen. Es war ein nasser Frühling gewesen, der Boden vom Regen aufgeweicht. Unsere Schuhsohlen versanken in der Erde, Wasser drang in unsere Schuhe. Es war furchtbar traurig - all die weinenden Erwachsenen machten mir als Vierjähriger Angst. Und dann wurde alles noch viel schlimmer.

Cousin Stevie (der später den giftigen Efeu verspeisen sollte) war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt. Wir alle standen um das Grab herum, als der Priester das Gebet sprach. Stevie langweilte sich - sein eigener Dad lebte noch (er sollte erst drei Jahre später bei einem Zugunglück sterben). Für Stevie war damals alles langweilig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich zurückgehalten, da Rose ihm mit seinem eigenen sofortigen Tod gedroht hatte, falls er sich nicht benähme. Aber jetzt konnte er es nicht mehr länger aushalten.

In der Nacht zuvor hatte es wie gesagt heftig geregnet, es war matschig, meine Mutter weinte, und es war viel lustiger, Stevie anzusehen als meine trauernde Mommy.

Stevie war also gelangweilt und beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Etwas sehr Dummes, könnte man sagen. Er vergrub die Schuhspitze in die nasse Erde, und ein Klumpen Matsch landete mit lautem Klatschen im Grab. Stevie war fasziniert und überlegte, ob er noch einen Erdklumpen zum Fallen bringen könnte, ohne dass es seine Mutter bemerkte. Ganz bestimmt. Also noch einen. Größer diesmal. Klatsch. Was für ein hübsches Geräusch.

Die Erwachsenen brummten sich gerade durch das Vaterunser. Stevie blickte auf, sah, dass ich ihn beobachtete, und beschloss, sich vor seiner kleinen Cousine noch mehr aufzuspielen. Also vergrub er den Schuh bis zum Knöchel, wühlte in der Erde herum und ließ eine kleine Schlammlawine ins Grab stürzen. Dabei verlor er das Gleichgewicht und stolperte mit den Armen rudernd nach hinten. Als er dabei gegen den Sarg knallte, sorgte er dafür, dass dieser ein paar Zentimeter über den Rand des Grabes rutschte. In Zeitlupe glitt er dann in das Loch hinein, und der Sargdeckel sprang auf.

Onkel Petes Leiche - oh mein Gott, wie schrecklich, auch nur daran zu denken -, Onkel Petes abgemagerte Leiche fiel heraus, hing für einen Moment in der Luft und landete dann mit einem schrecklichen Geräusch in seinem nassen Grab.

Die Schreie kann ich noch immer hören. Tante Rose kreischte, Onkel Larry, der instinktiv wusste, dass sein Sohn dafür verantwortlich war, schlug Stevie mehrmals auf den Hintern. Stevie heulte laut auf. Iris wurde ohnmächtig. Neddy und Anne schrien und schluchzten. Mein Vater zog meine schwangere Mutter von dem fürchterlichen Anblick weg. Und ich, ich stand da wie erstarrt und schaute hinunter auf das Ding, das meinem Onkel Pete kein bisschen ähnlich sah.

Vier Jahre später, vom Weinen vollkommen dehydriert und in Panik, dass ihm etwas Ähnliches wie Onkel Pete widerfahren könnte, wurde ich während der Beerdigung meines eigenen Vaters ohnmächtig und wäre - so geht die Familienlegende - beinahe selbst in das Grab gestürzt.

Ich würde mal behaupten, das sind ausreichend Gründe, um eine Friedhofphobie zu entwickeln. Was Jimmys Beerdigung betrifft - daran kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß nur, ich zitterte so heftig, dass ich ohne Ethans Arm um meine Schulter nicht hätte stehen können.

In Wahrheit jagen mir nicht alle Friedhöfe eine Heidenangst ein. In der Grundschule haben wir mal einen Ausflug zu einem historischen Friedhof nicht weit von Mackerly gemacht, und das war vollkommen in Ordnung für mich. Einmal haben Jimmy und ich das Wochenende in Orleans auf Cape Cod verbracht und einen wunderschönen Friedhof entdeckt, auf dem wir sogar ein Picknick zwischen den Granitgrabsteinen und den uralten traurigen Geschichten veranstalteten. Doch diesen speziellen Friedhof, auf dem so viele Männer meiner Familie liegen - diesen Friedhof kann ich einfach nicht betreten. Nach der Beerdigung war ich kein einziges Mal an Jimmys Grab. Darauf bin ich nicht stolz. Es gibt mir das Gefühl, eine schlechte Witwe zu sein, aber ich bin einfach nicht in der Lage, durch dieses Tor zu gehen.

Ich erreiche die Main Street, lasse meine Fahrradklingel ertönen, überquere dann die Kreuzung und flitze auf den Parkplatz der Bäckerei. Dort steht das Auto meiner Schwester. Oh, wie schön!

Jorge kommt gerade aus der Tür. „Hast du das Baby gesehen?“, frage ich. Er nickt grinsend. „Ist sie nicht hübsch?“

Wieder nickt er, Lachfältchen um die Augen.

„Bis später, Jorge.“ Er kommt später für die Nachmittagsauslieferungen zurück.

„Hi, Cory!“, rufe ich und drücke mich geschickt an den schwarzen Witwen vorbei, um einen Blick auf das Baby zu erhaschen. „Oh. Oh wow. Oh Corinne.“ Zwar habe ich Emma gestern erst gesehen, aber die Anfangsbegeisterung muss erst noch nachlassen. Das Baby schläft in den Armen meiner Schwester, die Haut rosa und weiß, die Lider so neu und durchsichtig, dass ich die Venen sehen kann. Es schürzt niedlich die Lippen, als es im Schlaf zu saugen beginnt.

„Sie hat Wimpern!“, verkünde ich erstaunt.

„Nicht so nah ran, Lucy“, murmelt Corinne und fischt ein Reisefläschchen Purell aus der Tasche. „Du bist eine Bazillenschleuder.“

Ich schaue meine Schwester an. Ihre Augen sind feucht. „Alles in Ordnung, Cor?“

„Mir geht es großartig“, wispert sie. „Ich mache mir nur Sorgen um Chris. Er ist letzte Nacht zweimal aufgewacht, weil das Baby geschrien hat. Er braucht seinen Schlaf.“

„Nun, du auch“, hebe ich hervor, während ich gehorsam meine Hände mit Desinfektionsmittel einreibe.

„Er braucht ihn mehr.“ Corinne steckt die Decke um Emma fest. „Er darf nicht schlappmachen. Er könnte krank werden.“

Meine Tante Iris wuselt herbei, sie trägt wie üblich ein Flanellhemd aus der Männerabteilung. Sie hält Corinne die Hände hin. „Vollkommen steril, Corinne, Liebes. Gib mir das Baby. Und setz dich hin.“

„Ich nehme das Baby!“ Meine Mutter schwebt herbei wie eine Königin. Heute trägt sie rote Lacklederschuhe mit acht Zentimeter hohen Absätzen und ein rot-weißes Seidenkleid (Mom backt niemals - sie kümmert sich ausschließlich ums Management). Sie stellt eine Tasse Kaffee und ein paar Kekse für Corinne auf den Tisch und streckt die Arme aus. Zaghaft überlässt Corinne ihr das Baby.

Moms Gesicht wird ganz weich vor Liebe, als sie ihr einziges Enkelkind ansieht. „Oh, du bist einfach perfekt. Ja, das bist du. Lucy, kümmere dich um Mr. Dombrowski.“

„Hi, Mr. D.“, sagte ich zu dem neunundsiebzigjährigen Mann, der jeden Nachmittag in die Bäckerei kommt.

„Guten Tag, meine Liebe“, murmelt er und betrachtet forschend unsere Vitrine. „Nun, das hier sieht interessant aus. Was ist das?“

„Das sind Kirschtörtchen.“ Ich erschauere leicht. Iris pampt dafür einfach einen Löffel Dosenkirschen auf tiefgefrorenen Teig. Nicht ganz das, was ich machen würde. Nein, ich würde diese wunderbaren Paoniakirschen aus Colorado nehmen - in Providence gibt es einen Laden, der sie extra einfliegen lässt. Etwas Zitronenquark, einen Klacks Sahne, Zimt, vielleicht einen Spritzer Balsamico-Essig, um die Süße zu betonen, wobei ich wegen der Zitrone vielleicht eher …

„Und das? Was ist das, meine Liebe?“

„Das ist Aprikose.“ Auch aus der Dose, aber das lasse ich unerwähnt. Merkwürdig - meine Tanten können fantastisch backen, aber das heben sie sich für Familienfeiern auf. Für nicht ungarische, nicht blutsverwandte Menschen sind Dosenfrüchte gut genug. Und tiefgefroren (und noch mal und noch mal tiefgefroren) ist auch in Ordnung, die Leute würden ein gutes barak zserbo nicht mal erkennen, wenn es sie in den Hintern beißt.

Mr. Dombrowski schlurft an der Theke entlang und mustert jedes einzelne süße Teilchen, das wir anbieten. Er kauft zwar nie etwas anderes als Quarktaschen, aber der nette alte Mann hat nicht gerade viel zu tun. Jeden Tag zu uns zu kommen und eine Quarktasche zu kaufen - deren eine Hälfte er zum Tee isst und die andere am nächsten Tag zum Frühstück - gibt seinem Tag etwas Struktur. Er schlappt weiter, murmelnd und Fragen stellend, als ob er entscheiden müsse, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuteilen sei. Ich kann das gut verstehen. Mr. D. ist auch einsam.

Als ich schließlich Mr. Ds kargen Einkauf in die Kasse tippe, geht Corinne ans Telefon und wählt eine Nummer. „Chris? Hi, Liebling, wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Bist du okay?“ Sie schweigt einen Moment. „Ich weiß. Ich dachte nur, dass du vielleicht ein wenig müde bist. Mir geht es natürlich gut! Hervorragend. Oh, ihr geht es auch gut! Wunderbar! Sie ist perfekt! Das ist sie. Ich liebe dich auch. So sehr. Du bist ein wundervoller Vater, weißt du das? Ich liebe dich! Bis später. Liebe dich! Ich ruf dich später an!“

Wie erwähnt lebt Corinne in der ständigen Angst, dass ihr zumindest äußerlich gesunder Mann am Rande des Todes stehen könnte. Früher haben Corinne und ich dem Familienfluch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sicher, Mom und die Tanten waren Witwen - sehr traurig, natürlich, aber das hatte doch nichts mit uns zu tun. Und doch, als ich Jimmy traf, dachte ich einen Augenblick lang, wie klug es wäre, sich in einen starken einen Meter fünfundachtzig großen Mann mit vielen Muskeln und wenig Cholesterin zu verlieben (ja, ich habe auf einer ärztlichen Untersuchung bestanden, als wir unsere Bluttests machten). Und möglicherweise schließen die meisten jungen Bräute auch nicht gerade eine saftige Lebensversicherung auf ihren Verlobten ab so wie ich.

Jedenfalls, als Jimmy starb, verfestigte sich irgendwie die Idee in Corinnes Kopf, dass auch sie dazu bestimmt war, jung Witwe zu werden. Sie hat Christopher geheiratet, aber erst nach dem siebten Heiratsantrag. Sie kocht für ihn fett- und salzarme Speisen, sitzt jeden Tag mit der Stoppuhr in der Hand neben dem Crosstrainer, damit er sein fünfundvierzigminütiges Cardiotraining absolviert, und steht jedes Mal kurz vor einem Ohnmachtsanfall, wenn er im Restaurant Speck bestellt. Sie ruft ihn ungefähr zehnmal am Tag an, um sich zu vergewissern, dass er noch atmet, und um ihn an ihre unsterbliche Liebe zu erinnern. In jeder anderen Familie hätte man Corinne schon längst freundlich gedrängt, Medikamente zu nehmen oder eine Psychotherapie zu machen. Wir jedoch finden, dass Corinne sich klug verhält.

„Also, was gibt es bei dir Neues, Lucy?“, fragt meine Schwester mit gerunzelter Stirn. Ihr Blick ist auf das Baby gerichtet, ihre Fäuste sind geballt, vermutlich zählt sie im Geiste die Sekunden, bis sie Emma wieder zurückbekommt.

Ich hole tief Luft. Zeit, mit der Sprache rauszurücken. „Ich glaube, ich bin jetzt so weit, wieder einen Mann kennenzulernen“, verkünde ich laut und schlucke dann - da ist wieder dieser Kieselstein in meinem Hals.

Meine vollmundige Erklärung fällt in sich zusammen wie ein zu kurz gebackener Biskuitkuchen. Iris’ und Roses Augen weiten sich vor Schock, ihre Münder klappen auf. Mom wirft mir einen verwirrten Blick zu und sieht dann wieder ihr Enkelkind an.

Aber Corinne klatscht in die Hände. „Oh Lucy! Das ist fantastisch! Das … ist … Oh Süße, ich hoffe, du findest jemanden, der so wunderbar und perfekt ist wie Chris, und ich wünsche dir, dass du genauso glücklich wirst wie ich!“ Dann beginnt sie zu schluchzen und rennt zur Toilette.

„Die Hormone“, murmelt Iris.

„Ich habe nach Stevies Geburt eine Woche lang geheult“, stimmt Rose ihr zu. „Andererseits wog er viereinhalb Kilo, der kleine Teufel. Ich wurde mit mehr Stichen zusammengeflickt als ein Quilt.“

„Ich habe monatelang geblutet. Die Ärzte lügen“, fügt Iris hinzu. „Und meine kebels - hart wie Steine. Ich konnte wochenlang nicht auf dem Bauch schlafen.“ Aus irgendeinem Grund ist es bei uns Tradition, weibliche Geschlechtsteile auf Ungarisch zu benennen.

Doch meine Galgenfrist währt nur kurz. Die schwarzen Witwen drehen sich zu mir um. „Du willst wirklich noch mal heiraten?“, will Iris wissen.

„Ach Lucy, bist du dir sicher?“, fragt Rose mit ihrer Piepsstimme und ringt die Hände.

„Ähm, ich denke schon.“

„Wie schön für dich“, sagt meine Mom mit lebhafter Unaufrichtigkeit.

„Nach dem Tod von meinem Larry wollte ich nie wieder einen anderen Mann“, erklärt Rose.

„Ich auch nicht“, ruft Iris. „Niemand konnte in Petes Fußstapfen treten. Er war die Liebe meines Lebens. Ich konnte mir nie vorstellen, mit einem anderen zusammen zu sein.“ Sie sieht mich an. „Damit will ich nicht sagen, dass du das genauso halten musst“, fügt sie etwas verspätet hinzu.

Die Glocke über der Eingangstür klingelt, und Captain Bob kommt herein, ein alter Freund meines Vaters. Bob besitzt ein Zwölf-Meter-Boot, mit dem er Touristen für eine Stunde um die Insel schippert und ihnen dazu aufregende und nicht verbürgte Geschichten aus der Gegend erzählt. Das weiß ich, weil ich als Nebenjob öfter sein Boot steuere.

„Hallo, Daisy. Es ist heute ein wunderschöner Tag, nicht?“ Sein durch zu viel Sonne und Irish Coffee gerötetes Gesicht wird sogar noch röter. Er ist seit Jahrzehnten in meine Mutter verliebt. „Und wen haben wir denn da?“ Captain Bob macht einen Schritt auf meine Mom zu.

Mom dreht sich weg. „Meine Enkelin. Atme sie nicht an. Sie ist erst fünf Tage alt.“

„Natürlich. Sie ist sehr hübsch“, sagt Bob und sieht dabei zu Boden.

„Was kann ich für dich tun, Captain Bob?“, frage ich. Außer dir eine Verabredung mit meiner Mom zu besorgen?

„Ich nehme eine Quarktasche, wenn das in Ordnung ist.“ Er lächelt dankbar.

„Natürlich ist das in Ordnung.“ Der arme Kerl kommt jeden Tag herein, um meine Mutter anzustarren, der es die größte Freude bereitet, ihn im Gegenzug anzumeckern. Vielleicht sollte das meine erste Dating-Lektion sein: Behandle Männer schlecht, und sie lieben dich für immer. Andererseits musste ich Jimmy nie schlecht behandeln. Es reichte ein einziger Blick.

Meine Schwester kommt mit verheulten Augen von der Toilette zurück. „Ich muss sie jetzt stillen“, ruft sie. „Meine Brüste platzen gleich. Oh, hi, Captain Bob.“

Bob, der zusammengezuckt ist, murmelt einen Glückwunsch, dann schnappt er sich die Quarktasche und das Wechselgeld.

„Ist Stillen hygienisch?“, wundert sich Rose.

„Aber natürlich. Das ist das Allerbeste für das Baby.“ Iris dreht sich zu Captain Bob um. „Meine Tochter ist Lesben-Ärztin. Frauenärztin. Sie sagt, dass Stillen das Beste ist.“ Es stimmt, dass Anne lesbisch ist und Frauenärztin - aber sie ist keine Ärztin für Lesben (oder nicht nur), auch wenn Iris‘ Beschreibung immer so klingt. Bob murmelt etwas, dann macht er sich mit einem weiteren sehnsuchtsvollen Blick auf meine Mutter davon.

„Ich habe nie gestillt“, sagt Rose nachdenklich. „Zu meiner Zeit haben nur Hippies gestillt. Die duschen nicht jeden Tag, weißt du. Die Hippies.“

Corinne geht mit ihrem Baby zum einzigen Tisch im Bunny‘s - die schwarzen Witwen wollen die Kunden nicht dazu ermutigen, sich länger als nötig in der Bäckerei aufzuhalten. „Wir sind hier nicht bei Starbucks“, verkünden sie gerne. „Wir lassen uns unser Essen nicht per Lastwagen liefern. Holt euch euren Schickimicki-Kaffee doch woanders.“ Meine Tanten sind einer der Gründe, warum Starbucks nebenan dermaßen floriert.

Corinne zieht diskret ihr T-Shirt hoch, fummelt an ihrem BH herum und bringt das Baby dann in Position. Sie zuckt kurz zusammen und schnappt nach Luft, doch als sie meinen Blick bemerkt, legt sie sofort ein Lächeln auf.

„Tut das weh?“, frage ich.

„Ach was“, lügt sie. „Ist nur ein bisschen … Ist schon gut. Ich werde mich daran gewöhnen.“ Schweiß bricht ihr auf der Stirn aus, und ihre Augenlider flattern vor Schmerz, aber das Lächeln bleibt.

Wieder bimmelt es. Diesmal kommen zwei Kunden herein. Parker und Nicky.

„Nicky!“, kreischen die schwarzen Witwen und fallen über den kleinen Kerl her wie Geier auf frisch überfahrene Tiere. Der Junge wird geküsst und geherzt und angebetet. Er grinst mir zu, und ich winke, mein Herz schwillt an vor Liebe. Er ist ein wunderschöner Junge, das Ebenbild von Ethan.

„Gibt es Zuckerguss?“, fragt er, und meine Mutter und Tanten schieben ihn in die Backstube, um ihn mit Zucker vollzustopfen.

„Zucker ist nicht gut für ihn, Parker“, klärt meine Schwester sie auf, während sie sich den Schweiß von der Stirn wischt. „Du solltest nicht erlauben, dass sie Nicky Zucker geben.“

„Na ja, meine Tanten haben mir beigebracht, wie man sich nach dem Essen übergibt„, entgegnet Parker ruhig, “dagegen scheint mir etwas Zuckerguss ziemlich harmlos zu sein.„ Sie lächelt mir zu. “Hi, Luce.“

„Hi, Parker“, antworte ich, ebenfalls lächelnd.

Parker und ich sind Freundinnen. Das liegt vielleicht daran, dass sie eine der wenigen ist, die mich nicht schon kannte, bevor ich Witwe wurde, und vielleicht auch daran, dass ich großzügig darüber hinwegsehe, wie groß, schlank, nett und reich sie ist. Auf jeden Fall sind wir befreundet. Das Erste, was sie je zu mir sagte (nachdem sie gerade erfahren hatte, dass ich die Witwe bin) war: „Himmel! Wie beschissen!“ Keine Plattitüden, keine peinliche Mitleidsbekundung. Das fand ich ziemlich erfrischend. Und ich war geschmeichelt, als sie mich nach der Trennung von Ethan anrief und noch mehr, als sie mich dann detailliert an ihrer Schwangerschaft teilhaben ließ. Zu dieser Zeit packten mich alle anderen noch mit Samthandschuhen an. Erwähne bloß keine Kinder - sie ist Witwe. Sag nichts über dein Liebesleben - sie ist Witwe. Doch Parker hat einfach nur mich gesehen - ich war Witwe, ja, aber vor allem ein Mensch. Sie wären überrascht, wie selten so was vorkommt.

„Das ist also die Kleine“, sagt Parker jetzt und beugt sich vor, um Emma anzusehen, die gierig trinkt wie ein Student bei einer wilden Bierparty. „Wow, sie ist wirklich hübsch, Corinne.“

„Danke.“ Corinne wendet sich mit dem Baby ab, um möglichen Ebola- oder Tuberkuloseviren aus dem Weg zu gehen. „Lucy, könntest du mal eben für mich Chris’ Nummer wählen? Ich möchte nur hören, ob es ihm gut geht.“

„Du hast gerade mit ihm gesprochen.“

„Ich weiß.“ Eine Träne läuft ihr über die Wange.

„Geht es dir gut, Süße?“, frage ich. „Sind das wirklich nur die Hormone?“

„Mir geht es wunderbar.“ Sie lächelt mich unter Tränen an.

Ich tue, worum sie mich gebeten hat, und reiche ihr das Telefon. Corinne, das Baby noch immer an sie geheftet, geht in eine Ecke, um mit ihrem Mann zu sprechen.

„Deine Schwester hat ein Problem“, bemerkt Parker und wirft einen Blick in die Backstube, um nachzusehen, ob ihr Sohn auch wirklich genug Zuckerguss bekommt. Dann setzt sie sich auf Corinnes Stuhl.

„Das stimmt. Wie war dein Wochenende?“

„Toll. Ethan ist vorbeigekommen, und wir haben alle zusammen Tarzan geschaut.

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