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Lucy in the Sky oder das 10x-Gen

„Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass

ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. […]

Ich will, dass ihr handelt,

als würde euer Haus brennen.

Denn es brennt.“

Greta Thunberg

(in ihrer Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2019)

Vorwort

„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ - Was für ein Titel für einen Roman! Der würde mir auch gefallen. Natürlich möchte ich mich nicht mit Gabriel Garcia Marques messen. Gerne aber hätte ich geschrieben: Die Liebe in den Zeiten des Klimawandels – aber das war mir zu platt…

In diesem Buch gerät eine junge Soziologin unfreiwillig in einen Klimakrimi und beginnt sich zu verlieben, in einen Kontinent, in einen Mann, vielleicht in eine neue Rolle …

Im Text werden immer wieder Songs erwähnt. Ich habe dazu eine Playlist auf YouTube erstellt. Mit der möchte ich Dich mit auf die Reise der Heldin mitnehmen. Auf der letzten Seite des Buches findest Du einen QR-Code, mit dem die Seite aufgerufen werden kann. So ist es möglich, wenn gewünscht, mit dieser Musik bei den Erlebnissen dabei zu sein.

In diesem Buch werden männliche und weibliche Bezeichnungen nach Möglichkeit im Wechsel verwendet.

Flugangst

Lucy wollte eigentlich gar nicht nach Pretoria fliegen. Sie hätte es cool gefunden, wie Greta über den Atlantik zu segeln. Sie würde auch lieber mit einem Schiff fahren. Denn sie hatte schon immer Flugangst.

Laufen, die Erde unter den Füßen spüren: Ja. Schwimmen, im Wasser schweben: Ja. Reiten, sich mit einem Pferd verbunden fühlen: Ja. Aber fliegen?

Im duty free shop kaufte sie sich drei kleine Fläschchen Whisky, die sie dann im Flugzeug in ihre Cola goss und langsam trank. Der Geschmack erinnerte sie an frühere Disco-Erlebnisse, bei denen sie sich auch vorher diese Mischung verabreichten, vorglühten, wie sie damals sagten. Mit diesen Erinnerungen und dem Einsetzen einer leichten Benommenheit bekam sie das Abheben des Fliegers nicht mehr so ganz mit.

Sie sah aus dem Fenster. Berlin-Tegel wurde immer kleiner, der Himmel kam immer näher. Der Schub drückte ihren Rücken gegen den Sitz. Wieder juckte es an ihrer rechten Schulter, genauer gesagt an ihrem Schulterblatt an einer Stelle, an der sie mit der Hand nicht hinkam, wenn sie ihre Jacke anhatte. Ein Insektenstich? Nein, da war doch im Flughafen im Gedrängel ein leichter Schlag auf die Schulter gewesen. Sie spürte es, seit sie durch die Sicherheitsschleuse gegangen war.

Aber nun flog sie und das Flugzeug lag ruhig in der Luft. Lucy in the Sky with Diamonds fiel ihr ein. Dieser Beatles-Song hatte ihrem Vater gefallen. Ihr gefiel er nicht besonders, sie mochte eher die Lieder der 90er und 2000er. Zum Beispiel hörte sie mit 14 ständig die Songs von Avicii. Es ging Lucy oft so, dass in besonderen Lebenssituationen plötzlich Musik da war, die sie begleitete und die sie durch den Tag trug. Jetzt war es Heaven von Avicii. Sie setzte ihren Kopfhörer auf und verband sich mit ihrem Smartphone.

In Zürich hatte sie bei der Zwischenlandung zwei Stunden Zeit. Sie schlenderte wieder durch die zollfreie Zone und „glühte“ noch einmal nach. Leicht benommen setzte sie sich in den Wartebereich und beobachtete die vielen Menschen. Das Geräusch der Rollkoffer, die neben oder hinter den Fluggästen hergezogen wurden, übertönte die Gesprächsfetzen der anderen Menschen. Über eine Million Menschen waren jeden Tag gleichzeitig in der Luft, hatte sie kürzlich gelesen. Eine ganze Großstadt – ständig in den Wolken.

Sie schaute sich langsam um. Die Business-Frauen und Business-Männer waren klar von den Touristen zu unterscheiden. Manche hatten Hawaii-Hemden an, manche dicke Pullover, manche edle Anzüge. Was zog die Menschen so in die Welt hinaus? Abenteuer? Abwechslung? Jobs? Wo würde sie gerne mal hin? Bilder von Meer und Seen tauchten vor ihrem inneren Auge auf - allerdings würde sie nicht fliegen. Ein leichtes Fernweh befiel sie.

Der bärtige Mittdreißiger, den sie gerade fixierte, unterschied sich ein wenig von den vorher genannten. Sie fand ihn auffällig unauffällig gekleidet. War er auf einer geheimnisvollen Mission unterwegs? Nun schaute er zu ihr, wandte den Blick aber gleich wieder ab. Er erhob sich und ging fort.

Nach dem erneuten Start schaute sie hinaus. Die Schweizer Berge lagen schon unter Wolken verborgen. Ein „Bing“ und eine Leuchte kündigten nach einer Weile an, dass sie die Reisehöhe von etwa 10.000 Metern erreicht hatten und sie sich abschnallen konnten. Aus dem Fenster waren jetzt nur noch weiße Wolkentürme von oben zu sehen.

Ihr Gesicht spiegelte sich im Fenster der Maschine – sah sie betrunken aus? Nein. Ihre kurzen blonden Haare waren zwar etwas zerzaust, aber das einfache Makeup um ihre stahlblauen Augen hielt. Die Furche zwischen ihren Augenbrauen – ein Stressanzeiger – hatte Normaltiefe.

Ja, ihre Augen. Sie hatte in den 30 Jahren ihres Lebens die Erfahrung gemacht, dass niemand lange ihren Blick aushielt. Besonders bei Männern war das ein echtes Phänomen und manchmal ein Problem. Wenn jemand ihr zu nahe kam, musste sie ihm nur in die Augen schauen und schon wandten die klugen Männer den Blick ab. Die anderen fingen plötzlich an zu blinzeln, als ob sie in zu helles Licht geschaut hätten und waren für einen Moment wie paralysiert. Falls sie einen Mann mal sympathisch fand, was nicht so häufig vorkam, dann schaute sie auf seinen Mund, seine Hände oder seine Oberarmmuskulatur, aber auf keinen Fall in die Augen. Damit er ihr gewogen blieb.

Ihr Vater hatte dieses Phänomen als erster entdeckt. Er untersuchte ihre Augen und stellte fest, dass das Weiße in ihren Augen besonders weiß war und dadurch einen starken Kontrast zur Umgebung abgab. Ihre Iris war klar und von mehreren Blautönen durchzogen. Eiskristallhellblau am Rand und zur Mitte hin erschienen immer dunkler werdende Blautöne, die im Schwarz der Linsenöffnung endeten, so dass ein Beobachter das Gefühl hatte, in ein schwarzes Loch zu fallen. Wenn im Kindergarten andere Kinder sie ärgerten, schaute Lucy sie an, bis sie weinten. Andere Mütter sprachen schon vom „bösen Blick“, sodass ihr Vater sie in einem anderen Kindergarten anmeldete. Dann trainierte er mit ihr „lieb gucken“, damit sie in Zukunft unbehelligt blieb.

Sie wäre lieber mit dem Zug nach Südafrika gefahren, aber ging das überhaupt? Und wie lange hätte das gedauert? Das Ticket für den Flug bekam sie geschenkt, weil die südafrikanische Republik sie eingeladen hatte, einen Vortrag zu halten. Sie hatte ihn schon oft gehalten, aber nun konnte sie ihn endlich einmal auf Englisch vortragen. Das war gut, da sie ihre Forschungsergebnisse gerne international veröffentlichen wollte: „Neue Wege der Resozialisierung im offenen Strafvollzug“. Ihre Uni, die Stadt Berlin und sogar die Bundesregierung hatten ebenfalls Interesse an dem Thema bekundet und unterstützten ihre Forschung und diese Reise finanziell. Vielleicht könnte sie danach an ihre Doktorarbeit denken. Sie fand das Thema interessant. Ein früherer Schulfreund von ihr war mit 21 in den Knast gekommen und danach immer wieder rückfällig geworden. So wie fast jeder 2. Straftäter in Deutschland. In Norwegen war es nur jeder 5. Woran lag das?

Lucy schaute sich um. Wieder viele Geschäftsreisende, Frauen und Männer mit Laptop auf dem Schoß oder auf der Ablagefläche. Ein Pfarrer, eventuell anglikanisch, mit Kopfhörern, ein Typ mit Indiana-Jones-Hut. Die anderen konnte sie von ihrem Sitz aus nicht erkennen.

Sie selbst hatte sich flugzeugbequem gekleidet. Sie fühlte sich wie Lucy in the Sky – nur ohne Diamonds: Blue Jeans, weißes T-Shirt, Chucks und ihre Lieblingsjacke. Außen weiches dunkel-braunes Kunstleder, innen flauschiges Teddyfutter. Die Farbe war nicht mehr genau zu erkennen. Sie hatte sie von Ihrem Vater zum Abitur bekommen und sie begleitete sie schon seit 12 Jahren. Sie mochte den Geruch nach, ja, was war das eigentlich? Ein bisschen Vanille, ein wenig Parfümduft, nach ihr natürlich und nach etwas Heimeligem, was sie an ihr Kinderbett erinnerte. Lucy hatte sie immer mit dabei, sie war fast mit ihr verheiratet. Selbst wenn sie zu irgendwelchen offiziellen Empfängen reiste – diese Jacke hatte sie entweder an oder sie war im Gepäck mit dabei. Lucy fühlte sich in ihr geborgen. Mit ihr hatte sie schon einiges erlebt. Und das sollte bei dieser Reise so bleiben.

Ihr fiel der Song This Shirt von Mary Chapin Carpenter ein. Sie singt vom alten Hemd ihres Vaters, das sie überall hin begleitet. Lucy nahm ihr Smartphone und fand den Song in ihrer Playlist. Sie stöpselte ihre Ohrhörer ein …

Sie musste mal und legte alles in ihre Handtasche in der Ablage. Auf dem Weg zur Toilette fiel ihr eine Frau auf – nein, das konnte doch nicht sein – die hatte die gleiche Jacke an! Nein, doch nicht, aber ähnlich, sie besaß innen ein anderes Futter, aber auch die Jeans und das weiße T-Shirt, allerdings mit irgendeinem Logo, samt den kurzen blonden Haaren, machten sie fast zu einer Doppelgängerin. Auf der Toilette dachte sie, die muss ich mir auf dem Rückweg noch einmal genauer anschauen. Ob sie sie ansprechen sollte? Männer würden vielleicht untereinander sagen: „Ey Alter, coole Jacke!“ Was würde sie fragen?

Absprung

Als sie aus der engen Toilette kam und schon nach einer Formulierung für die Doppelgängerin suchte, baute sich wie aus dem Nichts ein kräftiger Mann vor ihr auf. Vollbart, braune Augen, die Mundpartie konnte sie nicht sehen, da er eine Sauerstoffmaske davor trug. Der Typ aus dem Wartebereich in Zürich! Bevor sie weiter kam mit ihren Betrachtungen, drückte er ihr ebenfalls eine Maske auf den Mund und knallte ihr einen Rucksack vor die Brust und presste einige Worte hervor, die sie nicht verstand.

Durch seine Maske klang das irgendwie lustig, oder lag das am Whisky? Er bückte sich und öffnete mit einer Art Schraubenschlüssel eine Klappe im Boden. Jetzt sah sie, dass die Passagiere in ihren Sitzen und das Personal mit geschlossenen Augen auf dem Boden lagen. Hatte er sie betäubt? Schnell hielt sie die Maske fest und zog sich das Gummiband über den Kopf.

Wieder rief er ihr etwas zu und als sie nicht reagierte, schubste er sie kurzerhand in die Öffnung.

Es musste der Frachtraum sein. Sie landete unsanft auf irgendetwas Gummiartigem, dann stand sie schwankend neben einem Gepäck-Container. Da sie immer noch nicht reagierte, riss er ihr den Rucksack aus den Händen und legte ihr das Ding an – es war ein Fallschirm!

Oben schien sich wieder die Klappe zu öffnen, aber er war mit drei Sprüngen an einer Ladeluke, öffnete sie – sie wollte ihn noch fragen, wie er die Luke betätigen konnte, wenn das Flugzeug in der Luft war, aber schon riss der Sog beide hinaus. Die eiskalte Luft fetzte ihr ins Gesicht und riss an ihrem Körper. Sie war schlagartig nüchtern.

Ihr erster Gedanke war, wie komme ich jetzt nach Pretoria? Ihr zweiter, ich will noch nicht sterben, und ihr dritter, wie öffne ich einen Fallschirm? In Filmen sah man immer, dass es da eine Reißleine gab. Sie schaute an sich hinunter und merkte, dass es eigentlich hinauf heißen müsste, sie fiel mit dem Kopf nach unten. In einiger Entfernung sah sie sogar noch das Flugzeug, das schnell immer kleiner wurde. Und sie sah in weiter Ferne einen Mann an einem Fallschirm baumeln, und der sich mit jeder Sekunde weiter entfernte. Der hatte ihn also schon geöffnet. Irgendwie schaffte sie es sich zu drehen und fiel nun mit dem Blick nach unten.

Jetzt erwachte Lucys Überlebenswille. Wie lange fällt man aus 10.000 m Höhe. Sie überschlug schnell im Kopf … etwa drei Minuten. Ungefähr so lang wie ein Song, passen würde jetzt Fallin‘ von Alicia Keys. Sie suchte die Gurte des Fallschirms ab und entdeckte eine rote Schlaufe. Sie zog daran und nun fluppte ein kleiner Fallschirm heraus, flatterte kurz und zerrte den großen Schirm mit sich. Ein Schlag riss an ihrem ganzen Körper und dann hing sie im langsam fallenden Schirm. Nachdem sie sich von dem körperlichen Schock etwas erholt hatte, durchströmte sie ein Glücksgefühl – sie schwebte und sie lebte noch.

Unten formte sich Landschaft. Die sah ziemlich wüst und leer aus. Genauer gesagt: es war Wüste und Leere. Weit und breit nur Dünen. Aber was für welche! Eine kam ihr auch schon entgegen. Wie war das nochmal mit Abrollen? Aber da steckte sie auch schon bis zur Hüfte im Sand.

Wüste

Irgendwie gelang es ihr den Fallschirm und die Sauerstoffmaske zu lösen und sich aus dem Sand zu befreien. Sie schaute sich um und sah in allen Richtungen nur Sand, Dünen und Horizont. Wo um Himmels willen war sie gelandet? Afrika auf jeden Fall - und Sahara war naheliegend. Die Sonne ging langsam unter. Sie wusste aus Romanen, dass es nachts sehr kühl werden konnte. Gut, dass sie noch ihre Jacke und den Fallschirm hatte.

Sie dachte: Jetzt müsste doch eigentlich der Abschnitt im Roman kommen, wo sie nach langem Dürsten und mit aufgesprungenen Lippen von einem sympathischen Wüstensohn mit tiefblauen Augen gerettet würde.

Könnten wir diese Phase bitte überspringen? rief sie laut. Nur ein feines Säuseln des Windes kam als Antwort. Ihr fiel der Song Unendlich von Silbermond ein: „Meine Augen suchen Wasser in der Wüste…“

Die Nacht war kalt. Sehr kalt. Aber sie hatte sich mit der Fallschirmkappe aus Kunstseide einwickeln und schützen können. Jetzt im Morgengrauen spürte sie ihren Durst und ein ungewohntes Knirschen im Mund: Sand. Die Sonne ging schnell auf. Noch fühlte sich das gut an. Was hatte sie dabei? Kein Handy, keine Handtasche, keine Uhr, keine Sonnencreme. Nur ein dünnes Goldkettchen mit einem kleinen Kreuz. Und natürlich ihre Jacke. Sie schnuffelte hinein. Sie dachte an ihren Vater. Das beruhigte sie ein wenig. In den Jackentaschen fand sie dann einen Kugelschreiber, eine Büroklammer, einen nicht aufgeblasenen Luftballon von irgendeinem Parteikongress, Lippenstift, ein Hustenbonbon, das sie jetzt in den Mund schob, um den Sand herunterzuschlucken.

Ihre Eltern hatten sie Lucia Madeleine genannt, weil ihr Vater Schweden liebte und ihre Mutter Frankreich. In Schweden wird jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit am 13. Dezember das Fest der heiligen Lucia gefeiert. Lucia bedeutet die Leuchtende. Dort ist es Brauch, dass ein blondes Mädchen einen Ring mit brennenden Kerzen auf dem Kopf durch das Haus trägt. Ihre Mutter dagegen mochte die Sängerin Madeleine Peyroux. So kam sie zu zwei völlig unterschiedlichen Vornamen. Wenn ihre beiden Eltern aber beide Namen zusammen aussprachen, dabei noch die Hände in die Hüften stützten, dann wusste sie, dass sie etwas angestellt hatte. Ihre Freundinnen nannten sie aber irgendwann Lucy – das hatte sich durchgesetzt, und so war es bis heute geblieben.

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