Logo weiterlesen.de
Lovers

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Es ist dunkel, und ich spüre Hände auf meiner nackten Haut. Der Duft von Weihrauch und Sex liegt in der Luft, der ursprüngliche Geruch von frischem Schweiß. Finger und Zungen streicheln mich. Meinen Bauch, meine Brüste. Ich wende mich ihnen zu, damit die suchenden Münder meine harten Nippel finden.

Oh ja. So heiß saugen sie an mir. Zwischen meinen Schenkeln wächst die Anspannung. Seidige Haare streicheln wie weiche Flügel über meine gespreizten Schenkel.

Ja, küss mich genau da …

Sanfte Finger spreizen meine Schamlippen und gleiten in meinen Körper hinein. Die Leidenschaft ist wie eine elektrische Entladung, die in meinen Venen summt und mich am ganzen Körper heiß und kribbelig macht.

Ich komme gleich.

Ich öffne die Lider. Noch immer ist alles in Halbdunkel getaucht, doch darüber liegt ein silbriger Schimmer, und ich kann sie sehen. Körper, die sich neben mir winden. Männer, Frauen. Wunderschöne nackte Körper, die sich gegen meinen drücken. Und dieser wunderbare Mund, der sich auf meine Brust presst und an mir saugt, saugt. Finger, die in meine nasse Möse stoßen. Meine Hüften kommen ihnen entgegen, und Hitzeschauer laufen mir über den Körper. Plötzlich ist dieser Mund zwischen meinen Schenkeln, oh ja!, die Lippen zupfen an meiner kleinen harten Klit, saugen sie ein. Der heiße feuchte Mund, die seidige Zunge, ein Saugen und Lecken, immer härter …

Oh ja, ich komme!

Mein Körper zuckt, und ich bin wach. Ich blinzle.

Ach ja. Ich sitze im Zug.

Mein Körper summt noch immer, wie jedes Mal kurz vorm Orgasmus, und ich muss mich zu einem tiefen, beruhigenden Atemzug zwingen. Habe ich etwa ein Geräusch gemacht? Im Schlaf gestöhnt? Meine Klit pulsiert noch vor unerfülltem Verlangen. Ich presse die Oberschenkel zusammen. Doch das hilft nicht.

Beruhige dich.

Ich nehme die Wasserflasche und trinke einen großen Schluck. Dann schaue ich aus dem Fenster. Der Zug kommt vor einem winzigen, uralten Bahnhofsgebäude zum Stehen. Goleta, Kalifornien. Ich hätte in jede beliebige Kleinstadt des Landes fahren können, und jetzt wünschte ich mir, das hätte ich auch getan. Warum hatte ich nur beschlossen, herzukommen?

Einige andere Fahrgäste stehen auf und sammeln ihre Gepäckstücke ein. Aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen, es ihnen gleichzutun.

Wie dumm. Du hättest dich niemals darauf einlassen dürfen.

Aber nein. Bei dieser Reise geht es schließlich darum, mich aus meiner selbstgewählten Isolation herauszulocken, die mich langsam in den Wahnsinn trieb. Als ich mich bereiterklärt hatte, hierher an die Küste Santa Barbaras zu kommen, schien es mir noch eine gute Idee. Die perfekte Möglichkeit, mich endlich mal wieder mit etwas anderem als meinem eigenen Kopf zu beschäftigen und zu lernen, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, wozu meine Therapeutin Terry mich schon seit Monaten ermutigte. Mit wem konnte ich die Zeit wohl besser verbringen als mit anderen Autoren? Eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr hierher zurückzog. Leute, mit denen ich schon länger online kommunizierte. Das war sicheres Terrain.

Vielleicht.

Aber mein Puls ist ganz schwach und summt in meinen Ohren. Ein stakkatoartiger, harter Rhythmus. Ich streiche mir die langen, wilden blonden Locken aus dem Gesicht. Meine Haare fühlen sich im Nacken zu schwer und zu heiß an. Ich bin immer wieder kurz davor, sie mir abzuschneiden, und mache es dann doch nicht.

Vielleicht hätte ich einfach zu Hause bleiben sollen. Zu Hause ist alles so schön unkompliziert. Ich schreibe einfach meine Bücher und mache online Werbung für sie. Schön sicher vor meinem leuchtenden Computerbildschirm. Ich muss mit niemandem reden, außer mit dem Mädchen im Starbucks in meiner Straße, in Seattle. Und mit der Handvoll Freunde, die ich schon seit Ewigkeiten kenne. Sie fanden alle, diese Reise sei eine tolle Idee. Ich bin mir da nicht so sicher.

Es ist Zeit für eine Veränderung, Bettina.

Ja. Deshalb bin ich hier.

Na los. Steh auf. Sei nicht so ein Feigling.

Ich ziehe die geräumige Segeltuchtasche mit Lederabnähern von der Gepäckablage, in der mein Notebook, ein paar Bücher und mein Portemonnaie stecken, stopfe den Pullover hinein und schiebe mich den schmalen Gang zwischen den blauen Vinylsitzen entlang Richtung Ausgang. Vorbei an den kleinen, quadratischen, verdreckten Fenstern und raus aus der abgestandenen Luft. Mein Rücken und meine Beine sind nach der mehr als dreißigstündigen Reise steif, und draußen atmete ich tief die kühle und herrliche Seeluft ein.

Hübsch.

Ich sehe eine Reihe Eukalyptusbäume, die neben dem Bahnhof stehen, und atme erneut tief durch. Ihr würziger, frischer Geruch dringt tief in meine Lungen. In der Ferne sehe ich vor dem knallblauen Himmel die Silhouette einer Hügelkette, und das wild wachsende Gras ist mit winzigen Wildblumen übersät, die gelb und violett leuchten. Ich spüre, wie viel Platz um mich ist.

Vielleicht bin ich deshalb hergekommen. Vielleicht wird alles gutgehen.

Ich lächle, denn der Gedanke gefällt mir.

“Bettina? Bist du das?”

Viviane Shaw winkt mir vom anderen Ende des Bahnsteigs zu. Es ist unmöglich, sie nicht zu erkennen. Ihre tiefe heisere Stimme, die schlanke große Gestalt und vor allem die blauschwarzen Haare sind unverkennbar. Sie ist meine engste Freundin aus der Onlineschreibgruppe, in der wir uns kennengelernt haben. Viviane war in den frühen Achtzigern Sängerin bei einer berühmten Punkband, und selbst mit sechsundvierzig Jahren trägt sie noch Jeans und T-Shirt und dazu so viel Silberschmuck, dass es perfekt zu ihr passt. Ihr Lächeln ist warm, und als ich zu ihr rübergehe, zieht sie mich an sich. Ihre Umarmung ist fest und duftet nach Flieder.

“Tut mir leid, der Zug hatte Verspätung.” Ich mache einen Schritt nach hinten und löse mich aus ihrer Umarmung. Obwohl es mir gefiel, hat mich die Nähe auch beunruhigt.

“Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Schätzchen. Ist ja nicht deine Schuld. Ich hatte dadurch eine tolle Entschuldigung, in der Stadt abzuhängen und einzukaufen.” Viviane macht einen Schritt nach hinten und mustert mich. “Du bist sogar noch hübscher als auf deinen Fotos, Tina. Wow, ist das zu glauben? Wir reden jetzt seit zwei Jahren online. Ich habe das Gefühl, dich richtig gut zu kennen. Es ist immer so verrückt, oder? Wenn man Leute trifft, die man bisher nur aus dem Netz kannte, meine ich. Ich werde mich nie dran gewöhnen, egal, wie lange ich nun schon die Gastgeberin für die jährlichen Autorentreffen bin.”

“Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Für mich ist es das erste Mal, dass ich jemanden aus unserer Onlinegruppe kennenlerne. Oder überhaupt jemanden aus dem Netz.”

“Dann wird es wirklich höchste Zeit, oder?” Viviane lächelt mich an, und ich bin nicht mehr ganz so verunsichert. Sie ist einfach hinreißend. Hohe, geschwungene Wangenknochen und riesige, hellbraune Augen, die sich an den Außenseiten leicht heben. Auf mich wirkt sie wie ein exotisches Geschöpf. Farbenfroh und lebhaft und so viel jünger als ich, obwohl sie achtzehn Jahre älter ist als ich. “Du musst müde sein. Hast du Hunger? Wir können auf dem Heimweg einen Zwischenstopp einlegen.”

“Nein, vielen Dank. Ich habe im Zug gegessen.”

“Wie war die Reise?”

“Vor allem lang. Und wunderschön, wenn es hell genug war, um etwas zu sehen. Und ich liebe die Bewegungen eines Zugs. Es war beruhigend. Hypnotisierend. Es hat sich wie ein Abenteuer angefühlt.”

Sie lächelt mich an. “Ich glaube, du hast ein Abenteuer gebraucht. Zumindest ein kleines.”

“Da hast du recht. Vielleicht ergibt sich hier ja was. Zumindest ein kleines.” Ich erwidere das Lächeln, und das letzte bisschen Nervosität verschwindet allein durch diese kleine Unterhaltung. “Ah, ich glaube, da ist mein Gepäck.”

Wir holen meine zwei kleinen schwarzen Reisetaschen, und Viviane führt mich über den Parkplatz zu einem silbernen, staubbedeckten SUV. Eine große schwarze Nase drückt sich von innen gegen die Heckscheibe.

“Ich habe Sid mitgebracht”, sagt Viviane. “Ich hoffe, das macht dir nichts aus.”

“Ich mag Hunde. Ich habe mir immer einen gewünscht, aber wenn man in der Stadt in einer Wohnung lebt, ist das nicht unbedingt das Beste für einen Hund.” Sid hat einen riesigen, kantigen Schädel und durch die langen Lefzen so ein breites Hundegrinsen, dass er aussieht, als wäre er permanent glücklich. Er prustet und schnaubt, als Viviane die Heckklappe öffnet. “Mag er Fremde?”

“Aber ja, er liebt jeden. Er sieht nur so böse aus. Ich nenne ihn Sid Vicious, wenn du verstehst. Bleib, Sid. Braver Junge.”

Viviane hält die Bulldogge mit dem kräftigen Brustkorb an dem breiten Stachelhalsband fest, und ich verstaue meine Taschen im Kofferraum beim Hund. Ich streichle Sids Kopf, und sein Schwanzstummel wedelt sofort mit hundert Stundenkilometern los. Dann gehe ich zur Beifahrerseite und steige ein. Viviane springt hinters Lenkrad, lässt den Motor an und beschallt uns mit lauter Musik. Irgendein dröhnender Metalsong schwemmt über uns hinweg, als sie den Wagen auf die Straße lenkt.

Sie dreht die Lautstärke runter. “Mein Haus ist ungefähr fünfzehn Minuten entfernt. Dauert also nicht zu lange. Es freut mich wirklich, dass du gekommen bist, Tina.”

“Vielen Dank, dass du mich dabei sein lässt.”

“Kein Grund, so förmlich zu sein, Schätzchen. Ich bin hier dieselbe wie im Netz.” Viviane tätschelt mein Knie. “Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Unsere Gruppe ist ganz ungezwungen. Wir verbringen fast den ganzen Sommer zusammen, und ehe du dich versiehst, sind sie für dich wie eine Familie. Und du hast mit uns schon so lange im Netz gesprochen. Niemand unterscheidet sich im realen Leben so sehr von seinem virtuellen Ich. Obwohl du auf mich etwas schüchterner wirkst.”

“Ich glaube, das bin ich auch. Das ist wohl der Fluch meines Lebens”, gebe ich zu. Mit Viviane zu reden, fällt mir erstaunlich leicht. Es ist vermutlich unmöglich, nicht gut mir ihr auszukommen.

“Das hast du auch gesagt, als wir telefoniert haben. Aber ich glaube wirklich, dieser Aufenthalt wird dir guttun.”

“Das hoffe ich. Zuletzt fühlte ich mich so … gefangen. Und nicht nur in Bezug auf mein Schreiben.”

Vor den Fenstern ziehen in unregelmäßigen Abständen idyllische alte Häuser vorbei, dazwischen breiten sich Wiesen, Eukalyptusbäume und einige knorrige Eichen aus, die zwischen den Felsen wachsen. Über die Hügel wandern Kühe und starren auf die Straße. Es sieht aus, als beobachten sie uns. Sie sehen zu, wie die Welt an ihnen vorbeizieht. Vielleicht habe ich das auch all die Jahre getan.

“Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie du es schaffst, diese beängstigenden Frauenromane zu schreiben”, erklärt Viviane. “Ich könnte mir nie etwas ausdenken, das dramatisch genug wäre. Vor allem dann nicht, wenn es zum Schluss keine Abrechnung gibt.”

“Und ich weiß nicht, wie dir diese Liebesromane gelingen. Selbst bei den etwas düsteren Werken ist es mir ein Rätsel. Ich bin nicht mal sicher, ob ich überhaupt genug an die Liebe glaube. Darüber schreiben könnte ich jedenfalls nie.”

Vivianes Gesichtsausdruck wird kurz etwas weicher. Ich kann es sogar an ihrem Profil erkennen. Hinter ihrem Kopf fliegt die Landschaft in einem Gewirr aus Blau und Grün vorbei. “Aber ich glaube an die Liebe. Das habe ich immer und werde es auch immer tun.”

“Du vermisst ihn immer noch”, sage ich leise. Sofort wünsche ich, den Mund gehalten zu haben.

“Malcolm? Natürlich vermisse ich ihn. Seit ich ihn verloren habe, sind dreizehn Jahre vergangen. Aber wenn du jemanden liebst, vergeht das nicht irgendwann einfach.”

“Na ja, kann schon sein. Wenn man einmal jemanden geliebt hat …”

Viviane dreht sich zu mir um und hebt eine dunkle Braue. “Du warst wirklich noch nie verliebt, Bettina?”

“Nein. Niemals. Ich hatte ein paarmal einen festen Freund, aber keiner von denen konnte richtige Leidenschaft bei mir entfachen. Sie waren alle irgendwie … okay.” Ich zucke die Schultern. “Nicht mehr, nicht weniger.”

“Also, wenn es irgendwann passiert, wirst du auch daran glauben. Dann kannst du gar nicht mehr anders. Die Liebe ist eine Himmelsmacht.”

Ich lächle sie an. “So steht es auch in deinen Büchern.”

“Hast du alle meine Bücher gelesen?”

“Ich habe versucht, wenigstens ein paar von jedem in der Gruppe zu lesen. Patrices historische Krimis, Kenneth’ Kriegsepen … Oh, und ich liebe Audreys Urban Fantasy. Ich habe sogar ein paar von Leos Horrorcomics gelesen.”

“Und was ist mit Jacks Thrillern?”

“Ich finde sie brillant. Er ist brillant. Aber seine Arbeit wirkt auf mich verstörend. Ich weiß, wir alle schreiben eher über düstere Themen – das hat uns schließlich zusammengebracht –, aber tief im Herzen bin ich ein Feigling, fürchte ich.”

“Nein, ich ertrage seine Bücher auch kaum. Seine Arbeit ist psychologisch so ausgefeilt, dass sie meinen Verstand völlig durcheinanderbringt. Seine Sachen bescheren mir schlimmere Albträume als Leos blutrünstige Comics. Ah, das ist meine Abzweigung.”

Die “Abzweigung” ist vielmehr ein langer Feldweg, auf den noch mehr Eukalyptusbäume ihre Schatten werfen. Grüne Felder machen einem felsigeren Terrain Platz, als wir uns dem Strand nähern, und ich lasse das Seitenfenster runter, um den Salzgeruch des Ozeans einzuatmen.

“Wie schön es hier ist. So friedlich.”

“Ja, nicht wahr? Ich habe mich vom ersten Augenblick an in dieses Haus verliebt. Ich glaube, woanders könnte ich gar nicht mehr schreiben. Dir wird es bestimmt gefallen.”

“Das glaube ich auch.”

Wir holpern über das letzte Stück Straße und fahren hinter einem ausgedehnten, zweistöckigen Bungalow in spanischem Stil vor. Ein schindelgedecktes Dach und hohe Bogenfenster vervollständigen das Bild. Eine Bougainvillea rankt an den weißen Wänden hoch, und noch mehr Eukalyptus und ein paar vom Wind gebeugte Zypressen spenden dem weitläufigen Haus Schatten. Wir steigen aus dem SUV, und Viviane lässt die Heckklappe herunter, damit Sid rausspringen kann. Für eine so schwere Kreatur hievt er seine braunweiße Körpermasse erstaunlich behände aus dem Wagen. Ich kann das Rollen der Wellen in der Ferne hören, und die Luft schmeckt schärfer und sauberer als vorhin am Bahnhof.

“Deine Taschen holen wir später”, sagte Viviane. “Komm erst mal mit, und lern alle anderen kennen. Also zumindest die, die bisher schon eingetroffen sind.”

Sie führt mich zur Seite des Hauses und durch eine Tür ins Innere, die direkt in die Küche führt. Die Küche ist ein riesiger, offener Raum mit Terrakottafliesen und dicken, kobaltfarbenen Kacheln als Fliesenspiegel über der Küchenzeile. Die Decke ist aus dunklem Holz mit dicken Balken, und am einen Ende des Raums gibt es einen offenen Kamin, um den ein paar Stühle aus braunem Ledergeflecht um einen niedrigen Tisch aus schweren, unbearbeiteten, dunklen Holzbalken arrangiert sind. Dieser Raum wirkt wie aus einem Wohnmagazin, bloß wohnlicher. Ich liebe ihn sofort.

In der Mitte der Küche befindet sich eine Kochinsel, eine sehr schlanke, vogelgleiche Frau mit kurzen mausbraunen Haaren, ungefähr Anfang fünfzig, schneidet hier auf einem großen Brett Gemüse.

“Bettina, das ist Patrice Michaels. Unsere Expertin für historische Krimis.”

Patrice lächelt. Es ist nur ein leichtes Heben ihrer Mundwinkel. Sie hat ein schmales Gesicht und scharfe, dunkle Augen. Ich fühle mich jetzt noch mehr von ihr eingeschüchtert als vorher im Netz. Patrice ist für ihre unverhohlene und manchmal schmerzhafte Ehrlichkeit bekannt, aber sie ist eine talentierte Autorin und schon länger im Geschäft als wir anderen. Sie ist großzügig und eine riesige Informationsquelle, wenn es ums Schreibhandwerk und die Verlagsbranche geht. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob ich mich in der Nähe dieser Frau mit ihrer trockenen, scharfsinnigen Beurteilung meines Könnens überhaupt wohlfühlen kann.

“Hallo Bettina. Wie ich sehe, bist du gut angekommen.”

“Ja, vielen Dank.”

“Das Essen ist in einer Stunde fertig.”

“Patrice ist eine großartige Köchin”, mischt Viviane sich ein. Sie schafft das Unmögliche: Die ältere, säuerliche Frau lächelt ehrlich überrascht.

Viviane kann jeden zum Lächeln bringen. Ich bin froh, dass sie bei mir ist und mir den Einstieg erleichtert. Zum Glück bin ich mit dem Rest der Gruppe nicht allein. Mit Viviane habe ich am meisten online kommuniziert. Ihr vertraue ich. Ohne sie hätte ich mich nicht auf diese Reise eingelassen.

“Bettina!”

Ich drehe mich um. Hinter mir ist ein stämmiger Mann mit silbernem Schopf und wasserblauen Augen durch die Küchentür getreten. Er strahlt mich an. Kenneth Bergen.

“Kenneth. Wie schön, dich kennenzulernen.”

Er kommt zu mir rüber und nimmt meine Hand in seine Hände. Eine warme, angenehme Umarmung folgt. “Oh, du bist so hübsch. Findest du nicht auch, Audrey?”, fragt er über seine Schulter hinweg.

Sie steht noch in der offenen Tür und sieht aus wie ein Straßenkind, obwohl ich weiß, dass Audrey LeClaire schon Anfang dreißig ist. Sie besteht nur aus langen, dunklen Haaren und großen, rauchblauen Augen, die von den längsten Wimpern umrahmt sind, die ich jemals gesehen habe. Mit der olivfarbenen Haut und der kleinen, schmalen Gestalt wirkt sie auf mich wie ein Waldgeist, der zum Leben erwacht ist. Bis auf ihre Brüste, die von dem Bikinioberteil nur knapp bedeckt werden und für ihren Körper fast zu groß wirken.

Wieso fällt mir das überhaupt auf?

“Ja, wunderschön. Komm, sag Hallo, Bettina. Keine Angst, ich beiße nicht.” Audrey lächelt. Ihre vollen Lippen öffnen sich, und in einer Wange erscheint ein Grübchen. Sie kommt zu mir und schließt mich in die Arme.

Sie riecht nach Zitronen. Und nach Sex.

Mir wird heiß.

Was ist denn mit mir los? Muss an dem Traum liegen …

Ich löse mich aus der Umarmung, und Audrey strahlt mich an. “Ja, du bist wirklich eine Schönheit, Bettina.” Sie streckt die Hand aus und kneift mich behutsam in die Wange. Ich spüre, wie ich rot werde, als sie sich entfernt und lässig einen Arm um Kenneths Schulter legt. “Du benimmst dich gefälligst, Kenneth. Was würde deine Frau wohl denken, wenn sie wüsste, dass du von so vielen wunderschönen Mädchen umgeben bist?”

Kenneth errötet leicht, aber er sieht zufrieden aus. “Sie weiß, dass ich nur sie liebe. Aber ich habe den Blick eines Künstlers und weiß zu schätzen, dass ihr so bezaubernde Ladies seid.”

“Du bist ein schamloser alter Aufreißer”, neckt Viviane ihn. “Komm, Bettina. Ich zeige dir, wo du schlafen wirst. Ich habe dir eins von den Cottages zugeteilt.”

Mein Körper vibriert noch von der unerwarteten Reaktion auf Audreys Berührung, als ich Viviane durch das helle, luftige Haus folge. Alle Räume sind offen, der Wohnbereich und das Esszimmer sind nur durch einen hübschen Türbogen voneinander getrennt. Die Einrichtung besteht aus schweren importierten Möbelstücken. Es gibt dick gepolsterte Sofas, auf denen Berge bunter Kissen liegen. Alles ist so herrlich und zugleich wohnlich und gemütlich. Eine Reihe hoher Fenster wird von einem Paar windgebeugter Zypressen eingerahmt, und dahinter sehe ich bereits die Dünen, hinter denen der Strand liegt.

Die schwere Eingangstür steht offen. Alles an diesem Haus wirkt einladend, und ich sage mir immer wieder, alles werde schon gut gehen. Es war die richtige Entscheidung, herzukommen.

Wir treten durch die Tür nach draußen, wo wir einen großen, mit Terrakottafliesen ausgelegten Patio überqueren. Noch mehr Bougainvilleas klettern die Wände hoch, und die korallenfarbenen Blütenblätter liegen auf den Fliesen. Riesige Töpfe mit Rosmarin und Lavendel stehen um den Hof herum und erfüllen die salzige Luft mit ihrem herben Duft. Schwarze schmiedeeiserne Stühle stehen um einen langen Holztisch, und am anderen Ende des Hauses gibt es sogar eine Außenküche. Sid wartet draußen auf uns. Er hat sich auf einem Hundebett neben der Tür niedergelassen, springt aber sofort auf, um uns zu begrüßen. Viviane beugt sich zu ihm hinunter und krault seinen großen, grinsenden Kopf. Noch mehr Schwanzwedeln. Ich tätschle ihn. Sein Fell ist kurz und fühlt sich unter meiner Handfläche rau an.

Ich richte mich auf und schaue zum Meer, das in dunkelblauen und grünen Wellen an den Strand brandet. “Das ist unbeschreiblich schön, Viviane.”

“Das stimmt. Das hier ist mein Traumhaus. Ich kam nach Malcolms Tod auf der Suche nach einem Rückzugsort her und … bin geblieben. Es beruhigt mich. Selbst heute noch.”

“Das ist kein Ort, den irgendjemand freiwillig verlässt.”

“Freut mich, dass du so denkst. Ich hatte so sehr gehofft, dass du dich hier wohlfühlst. Soweit alles in Ordnung?”

“Ja, danke.”

“Selbst nach der Begegnung mit Patrice?”

Ich lache. “Ja, obwohl ich zugeben muss, dass sie mir ein wenig Angst einjagt.”

“Ach was, sie bellt nur und beißt nicht. Sie ist wirklich nett. Ist eben ein Flintenweib. Aber sie wird schon irgendwann lockerer. Sobald sie ein paar Tage hier ist und ich sie mit ein paar Flaschen Pinot Noir abgefüllt habe. Guter Wein ist nämlich ihre Achillesferse.”

“Gott sei Dank hat sie eine.”

Viviane grinst mich an. “Komm, die Cottages sind dahinten.”

Wir folgen Sid über den Kiesweg, der zwischen zwei Zypressen hindurchführt. Am Rand der Düne stehen zwei Holzhütten mit Wellblechdächern. Jede hat eine kleine Veranda, auf der Farne und Blumen in Körben von der Decke hängen. Gras wächst hier und da in dichten Büscheln. Es wirkt ein bisschen wild und ursprünglich, aber gemütlich. Liebenswert. Wie einem Bilderbuch entsprungen. Aber vielleicht spricht da auch nur die Schriftstellerin aus mir.

Viviane führt mich zu dem rechten Cottage und öffnet die hellblau gestrichene Holztür. Im Innern erwartet mich ein überdimensionales Doppelbett mit einem handgenähten, blauweißen Quilt. Das Bett dominiert den kleinen heimeligen Raum. Links und rechts stehen Nachttischchen und unter den beiden Sprossenfenstern befindet sich ein Zweisitzersofa, das mit weißem Segeltuch bezogen ist und unter Zierkissen begraben wurde. Daneben steht ein runder Holztisch, der groß genug für mein Notebook und ein paar Bücher ist.

“Das ist perfekt.” Ich gehe über den Holzdielenboden zum Fenster und schaue hinaus. Die Hütte riecht nach altem Holz und dem Salz des Meers. “Wer wohnt in dem anderen Cottage?”

“Bis jetzt noch niemand. Mal abwarten, wo die anderen übernachten wollen. Ich fand einfach, ich gebe dir eins von den Cottages statt ein Zimmer im Haus, so kannst du dich besser zurückziehen. Ich könnte mir vorstellen, du wirst häufiger Ruhe von den anderen brauchen. Aber wenn du lieber im Haupthaus ein Zimmer haben möchtest, kannst du auch mit jemandem tauschen.”

“Nein. Ich liebe es. Das hier ist perfekt. Vielen Dank, Viviane.”

Viviane lächelt und drückt meine Hand. Ich bin ihr so dankbar. Aber ich schaffe es nicht, ihr zu sagen, wie viel mir das alles bedeutet. Die Einladung und das Gefühl der Sicherheit, das sie mir schenkt, während ich versuche, meine Flügel etwas auszubreiten.

“Gern geschehen. Du siehst erschöpft aus. Wieso ruhst du dich nicht eine Weile aus? Ich schicke jemanden kurz vorm Dinner mit deinem Gepäck her.”

“Ich bin wirklich müde, obwohl ich im Zug geschlafen habe.”

Mein langes, traumhaftes Nickerchen. Oh ja, der Traum …

Denk bloß nicht darüber nach.

“Dann sehe ich dich beim Dinner. Komm, Sid.”

Als ich allein bin, atme ich ein paarmal tief durch und versuche, mich von der Aufregung zu erholen, die das Treffen mit den anderen für mich bedeutet hat. Dann lege ich meine Tasche ans Fußende des Betts und setze mich daneben. Ich drehe den Kopf und genieße durch die transparenten Gardinen die Aussicht. Der Himmel wird bereits diesig. Der für den späten Nachmittag so typische Nebel zieht herauf. Zwischen den Zypressen hindurch habe ich einen direkten Blick auf die Dünen und den Strand dahinter. Wellen branden ans Ufer, sie verändern ständig ihre Farbe zwischen Blau, Grün und Grau. Seetang tanzt auf den Schaumkronen und hebt sich goldbraun vom Weiß ab. Die Sonne schneidet durch den dichter werdenden Nebel, fällt auf die Schaumkronen und taucht sie in gleißendes Licht. Der Strand ist um diese Zeit verlassen und still.

Ich atme langsam aus und spüre, wie meine Schultern nach vorne sacken. Nach der Nacht im Zug bin ich schrecklich müde. Vielleicht ist ein kurzes Nickerchen genau das Richtige. Oder ich liege einfach ein paar Minuten still da. Kann nicht schaden.

Ich schiebe meine Tasche beiseite und kuschle mich in die Kissen. Ich entspanne mich zum ersten Mal, seit ich mein Apartment in Seattle verlassen habe. Das Bett ist angenehm weich, und der hypnotisierende Rhythmus des Ozeans lullt mich ein. Ich schließe die Augen und erinnere mich wieder an den Traum im Zug. Denselben Traum habe ich seit Monaten immer wieder. Jedes Mal ist es eine Orgie, bei der ich eine Person nicht von der anderen unterscheiden kann. Ich spüre nur Hände und Münder auf meiner Haut, und in meinem Körper erwacht das Verlangen wie eine Hitzewelle. Und jedes Mal wache ich im letzten Moment auf, sehnsüchtig und benommen. Zu Hause würde ich dann sofort in die Nachttischschublade nach meinem Vibrator greifen und mich allein im Bett zum Orgasmus bringen.

Ich bin zu oft allein. Das sagt Terry, und ich weiß, dass sie recht hat. Aber diese leeren Beziehungen haben mich fertiggemacht, und ich fühle mich nicht bereit, mich in naher Zukunft wieder auf etwas Ähnliches einzulassen.

Trotzdem pulsiert mein Körper jetzt vor Verlangen. Dafür genügt schon der Gedanke an den Traum. Meine Brüste schmerzen vor Lust.

Es ist zu lange her, seit jemand mich berührt hat. Monate. Und ich vermisse es im Alltag gar nicht so sehr. Aber den Traum habe ich zuletzt immer häufiger gehabt. Er wird immer realer. Und selbst wenn ich meinen Vibrator benutze, was ich fast jeden Abend mache und manchmal auch tagsüber, selbst wenn ich komme, fühle ich danach noch immer diese Leere.

Warum nur habe ich meinen Vibrator in den Koffer gepackt?

Nun beruhige dich.

Aber das Wissen, jetzt keine Erleichterung zu finden, macht es nur schlimmer.

Meine Hände haben nie für mich das leisten können, was der Vibrator schafft. Für mich war es eine Erleuchtung, als ich mir den ersten gekauft habe. Mit zwanzig habe ich ihn heimlich im Internet bestellt. Das ganze Wochenende verbrachte ich danach mit diesem violetten, brummenden Phallus zwischen meinen Schenkeln, und ich kam und kam immer wieder. Der nächste war pink und geriffelt. Danach kam einer aus schimmerndem Chrom. Oh ja, schon bald war ich eine Expertin in Sachen Sexspielzeug. Alles was sich bewegte, vibrierte und zustieß. Das war so viel einfacher, als sich mit einem Mann auseinanderzusetzen, an dem ich kein echtes Interesse hatte. Keine langweiligen Dates, bei denen ich mich anstrengen musste, um ein Gesprächsthema zu finden. Nur mein Plastikfreund, etwas Gleitgel und vielleicht ein erotisches Buch. Und jetzt sind da diese Träume, bei denen ich kurz vorm Orgasmus aufwache und meine Schenkel von meinem eigenen Saft nass sind.

Mein Körper wird heiß, und die Spannung in mir wächst. Ich will die Augen schließen und zur Ruhe kommen, aber jetzt kann ich nur noch an meinen Lieblingsvibrator denken, der außer Reichweite ist. Und an diesen verfluchten Traum. Körper, die sich eng aneinanderschmiegen. Haut auf Haut, etwas verschwitzt. Sogar im Traum kann ich den urwüchsigen Geruch von Sex wahrnehmen. Weiche Hände berühren mich, gleiten über meinen Bauch, zwischen meine Schenkel, geschickte Finger kneifen meine Nippel, berühren meine Klit. Alles wird hart, spannt sich an. Geschickte Zungen auf meiner Haut, die an meiner nassen Spalte lecken …

Oh ja …

Die Tür schwingt auf, und ich schieße hoch. Audrey steht da und sieht fast so erhitzt aus, wie ich mich fühle. Mein Herz hämmert in der Brust.

“Was um alles in der Welt hast du in diese kleinen Koffer gepackt?”, fragt sie und zerrt die beiden Koffer durch die Tür.

Meinen Vibrator.

“Tut mir leid. Ich weiß, die sind echt schwer. Ich habe viele Bücher …” Ich verstumme. Ich kann kaum sprechen.

Audrey lässt die Koffer in der Zimmermitte stehen und plumpst neben mir aufs Bett. Sie keucht nach der Anstrengung und sitzt so dicht neben mir, dass ich die Wärme ihrer Haut spüre. Und da ist viel Haut. Sie trägt das Bikinioberteil und eine kurze weiße Shorts. Ihre Beine sind dünn und lang, die nackten Füße stecken in Flipflops. Ihre Zehennägel hat sie glänzend rot lackiert. Auf mich wirkt das unbeschreiblich erotisch.

Ich blicke hoch und bemerke, dass sie mich ansieht. Nein, sie sieht mich nicht nur an. Sie beobachtet mich, als wäre es so faszinierend, wie ich ihre Zehen anstarre.

“Danke, dass du mein Gepäck gebracht hast, Audrey.”

“Na klar. Ich wollte ohnehin ein bisschen mit dir allein sein, bevor alle anderen herkommen. Ich wollte dich einfach eine Weile für mich haben.”

Sie lächelt mich an, als sei sie meine beste Freundin. Meine Schwester. Wir haben im Netz geredet, aber wir stehen uns nicht besonders nah. Nicht so wie Viviane und ich. Aber jetzt, da ich sie persönlich kennenlernen darf, ist sie anders. Wärmer. Bezaubernd.

Sie nimmt meine Hand und drückt sie. “Das wird wie ein Ferienlager. Wir machen Popcorn und hängen auf deinem Bett herum, reden über … alles. In welchen Filmstar wir verliebt sind. Über unsere Träume. Wir können reden, bis die Sonne aufgeht, und dann schlafen wir auf dem Fußboden ein wie ein Wurf Welpen.”

Ich lächle sie an. Es ist unmöglich, sie nicht anzulächeln. “Das klingt toll.”

“Du wirst es hier lieben. Ich bin jetzt im dritten Jahr dabei und komme jedes Mal wieder. Das machen wir alle, und das wirst du auch. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass du eine wunderbare Zeit hast.” Wieder lächelt sie, und mir fällt erneut das Grübchen in ihrer linken Wange auf.

“Du kennst also alle anderen in der Gruppe?”

“Oh ja, ich kenne alle.”

Es klingt, als wolle sie damit mehr andeuten.

Audrey lehnt sich zu mir herüber. Sie hebt die Hand, nimmt eine meiner Haarsträhnen und wickelt sie sich um die Finger. Sie schaut sich meine Haare neugierig an, untersucht sie so, wie sie es mit allem tut. So, wie sie den Arm über ihren Körper zu meinen Haaren führt, werden ihre Brüste zusammengedrückt, und sie präsentiert mir ein wunderschönes, goldbraunes Dekolleté.

“Du hast so schöne Haare”, sagt sie, aber ich kann nur an den dunklen Halbmond ihrer Brusthöfe denken, der unter dem geblümten Bikinitop hervorlugt. Ich bin noch immer feucht von den Gedanken an meinen Traum, aber jetzt scheint sich alles in mir in glühende Lava zu verwandeln.

Du lieber Gott, ich muss mich unbedingt zusammenreißen.

Ich habe mich vorher nie zu Frauen hingezogen gefühlt. Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Ich habe davon geträumt, mit einer Frau zusammen zu sein, und in meinem Orgientraum sind immer auch Frauen. Aber ich habe nie eine getroffen, zu der ich mich hingezogen fühlte. Bis heute.

Audrey zupft leicht an meinen Haaren. “Worüber denkst du nach, Bettina?”

Mist.

“Ich … nichts. Wirklich. Ich bin immer noch etwas fertig von der Reise. Nach dem Dinner werde ich bestimmt wieder munter.”

“Falls nicht, geh einfach früh ins Bett. Ich komme dann und decke dich zu.”

Sie zieht leicht an meinen Haaren, dann beugt sie sich vor und haucht einen Kuss auf meine Wange.

Mein Körper steht vollends in Flammen.

Ich bin sicher, dieser Kuss ist ganz und gar unschuldiger Natur. Sie will nur nett sein. Aber Audrey riecht nach Sex. Den Begriff habe ich früher schon öfter gehört, aber ich bin vorher noch nie jemandem wie ihr begegnet. Das muss es sein. Ihre natürliche erotische Ausstrahlung und die Ausläufer meines Traums vermischen sich hier. Ich kann doch nicht wirklich Sex mit einer Frau haben wollen. Das wollte ich doch noch nie, oder? Ich habe mich nie danach verzehrt, die Haut einer Frau zu berühren und ihre vollen Brüste mit beiden Händen zu umschließen. Ihre Nippel in den Mund zu nehmen. Von ihr berührt werden …

Ich atme tief durch und zwinge meinen Puls, sich zu beruhigen. Ich sage mir, dass ich Audrey nicht will. So jedenfalls nicht.

Warum fühlt es sich dann wie die größte Lüge an, die ich mir selbst bisher je erzählt habe?

2. KAPITEL

Inzwischen ist es Zeit fürs Abendessen, und ich verlasse mein gemütliches, kleines Cottage etwas beklommen. Schon jetzt ist die Hütte für mich eine Art Refugium. Ich kann vom Fenster aus den Ozean sehen und rieche das Meer und den Sommer, selbst wenn die Fenster geschlossen sind. Bis ich in meine Sandalen schlüpfe und mich auf den Weg zum Haupthaus mache, lasse ich sie allerdings offen stehen.

Ich habe meine Koffer ausgepackt, die Kleider im kleinen Schrank verstaut, mein Notebook und einen kleinen Bücherstapel auf den Tisch gelegt und meinen Vibrator in die Schublade des Nachttischchens gelegt. Sofort fühle ich mich zu Hause, weil alle meine Sachen ihren Platz gefunden haben.

Ich habe dieses merkwürdige Gefühl, hier sicher zu sein. Beschützt. Ich passe hier genauso perfekt hin wie meine Sachen. Als sei dieses Häuschen nur für mich erbaut worden. Aber zugleich ist da noch diese seltsame Anspannung, die mich innerlich völlig aufgelöst und zittrig zurücklässt. Vielleicht hat es was damit zu tun, was vorhin mit Audrey und mir passiert ist. Obwohl eigentlich nichts passiert ist. Außer, dass ich irgendwie anfange zu glauben, dass ich will, dass etwas passiert.

Gott, ich weiß ja nicht mal, was ich denken soll!

Ich schließe die Tür hinter mir und begebe mich auf dem Kiesweg in Richtung Haus. Alle anderen haben sich schon auf dem Patio versammelt, der von einem langen Tisch mit weißer Tischdecke dominiert wird, die in der leichten, vom Meer heraufwehenden Brise flattert. Der Tisch ist bereits mit großen Schüsseln und Platten voller Speisen gedeckt. Geschirr, das blau, gelb und weiß strahlt. Auf dem Tisch stehen bestimmt ein halbes Dutzend Flaschen Wein, dazu mehrere Körbe Brot, Glaskaraffen mit, wie ich glaube, Olivenöl und Balsamico-Essig. Alle tragen legere Kleidung: Viviane in Jeans, Kenneth in einer kurzen Hose und einem Hawaiihemd. Patrice trägt eine abgeschnittene Cargohose. Audrey trägt noch immer die Shorts und das Bikinioberteil, darüber hat sie sich eine durchsichtige, weiße Bluse geworfen, und der Wind spielt mit dem luftigen Stoff wie mit der Tischdecke.

Audrey bemerkt mich zuerst. Sie lächelt, kommt auf mich zu und hakt sich besitzergreifend bei mir unter, um mich zu einem Stuhl zu führen.

“Heute Abend gehört Bettina mir”, verkündet sie. Dann wendet sie sich zu mir und flüstert mir etwas ins Ohr. Ihr Atem ist warm und kitzelt. “Ich sitze immer neben dem letzten Neuankömmling. Das ist schon Tradition.”

Warum habe ich trotzdem das Gefühl, dass sie mir besonders viel Aufmerksamkeit schenkt?

Vielleicht, weil ich es so sehr will.

Alle setzen sich. Viviane sitzt am Kopfende des Tischs, Kenneth ihr gegenüber. Patrice sitzt Audrey und mir gegenüber. Sid umkreist den Tisch und bleibt bei jedem stehen, grinst und wedelt mit dem Schwanzstummel. Vermutlich hofft er, dass vom Tisch etwas für ihn abfällt. Ich kraule seinen großen Schädel, ehe er weiterzieht.

Die offenen Weinflaschen werden herumgereicht, und ich fülle mein Glas mit einem kalifornischen Chardonnay, der kühl und frisch schmeckt. Ich nehme einen Schluck. Audrey entscheidet sich für den Cabernet.

“Lasst uns auf unser neuestes Mitglied der Sommerfluchten trinken”, verkündet Viviane. “Bettina Boothe!”

“Hört, hört”, sagt Kenneth.

Alle heben ihr Glas. Audrey zwinkert mir zu, als ihr Glas gegen meines stößt. Sie lächelt, zeigt Grübchen. Sie hat wunderschöne Zähne, die fast perfekt gerade sind bis auf einen in der unteren Reihe, der ein winziges Stückchen schief steht.

Warum fällt mir nur alles an ihr so detailliert auf?

Ich bin plötzlich wieder schrecklich nervös. Bin mir allzu sehr der Frau bewusst, die neben mir sitzt.

“Bettina, was hast du denn mitgebracht, um während des Sommers daran zu arbeiten?”, fragt Patrice.

“Also, hm. Ich bin bisher zur Hälfte mit einem Buch über ein junges Mädchen fertig, das verwaist ist und in diesen schrecklichen Pflegeheimen aufwächst. Aber ich stecke fest …”

“Ah, der Hänger in der Buchmitte”, bemerkt Patrice und nickt klug. “Das ist immer der richtige Moment, um den Einsatz zu erhöhen. Etwas Tragisches oder Aufregendes muss passieren.”

“Ich jage dann meist irgendwas in die Luft”, bemerkt Kenneth grinsend.

Er hat ein nettes Gesicht. Ich glaube, ich werde ihn mehr mögen als Patrice. Keine Ahnung, wie ich über diese Verlegenheit hinwegkommen soll, die mich bei ihr immer wieder befällt.

“Also, die ganze Geschichte ist ein wenig tragisch”, erzähle ich. “Ich muss wohl … noch mehr darüber nachdenken.”

“Hier ist ein ausgezeichneter Ort, um nachzudenken”, sagt Viviane.

“Ja, das glaube ich.”

Wenn ich nur an etwas anderes denken könnte als an Audreys glatte, von einem Goldhauch überzogene Haut und den Zitrusduft ihrer Haare.

“Was ist mit den anderen?”, fragt Viviane. “Ich arbeite an einem modernen Liebesroman. Ältere Frau, junger Mann, so was. Verbotene Frucht und so. Eine total traurige und verzweifelte Liebe.” Sie seufzt glücklich.

Patrice wedelt mit ihrem Weinglas. “Mein Buch ist ein Kriminalroman mit einer düsteren Wendung.”

“Die haben deine Krimis immer”, wirft Audrey ein. Sie nippt genüsslich an ihrem Wein. Ich kann durch den Glaskelch die rubinrote Flüssigkeit sehen, die sich um ihre Unterlippe sammelt, ehe sie schluckt.

“Stimmt. Aber darum sind wir alle hier, oder?”, sagt Patrice. “Wir verstehen alle, was die dunkle Seite einer Geschichte bedeutet. Die dunkle Seite der Menschen und dieser Welt. Das hat uns alle zusammengebracht.”

“Wer hat die Onlinegruppe eigentlich gegründet?”, frage ich, weil mir auffällt, dass ich das gar nicht weiß.

“Du hast noch nie von Angela gehört?”, fragt Audrey.

“Angela?”

“Angela Moore”, sagt Viviane sehr leise. Sie wirft Patrice einen verstohlenen Blick zu. Ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat.

“Den Namen kenne ich. Sie hat diese heftigen, intensiven Psychothriller geschrieben, nicht wahr? Was ist mit ihr passiert?”

“Sie ist gestorben”, antwortete Patrice mit flacher Stimme. Sie nimmt ihr Glas und nimmt zwei große Schlucke.

“Angela war Patrices Lebensgefährtin”, sagt Viviane leise und beobachtet Patrice. Aber ihre Miene ist so undurchdringlich wie immer.

Nein. Wenn ich genau hinsehe, bemerke ich, wie ihre Kiefernmuskeln zucken.

“Das tut mir leid”, sage ich und habe doch das Gefühl, mein Beileid sei völlig unangemessen.

“So was passiert”, meint Patrice und nimmt sich ein dickes Stück Sauerteigbrot aus dem Korb. Sie nimmt die Flasche mit Olivenöl und gibt einen kleinen See auf ihren Brotteller. Dann fügt sie noch ein paar Tropfen Balsamico hinzu. “Wir sollten nicht rumsitzen wie eine Trauergemeinde. Es ist inzwischen fünf Jahre her, und es geht mir absolut gut.”

“Natürlich tut es das”, sagt Viviane. Ihr Blick wird ganz weich. Einen Moment später greift sie nach einer großen Salatschüssel aus Holz und tut erst Patrice und dann sich etwas auf. “Leo sollte auch bald eintreffen, und Jack ebenfalls.”

“Es wird schön, wenn die Jungs auch hier sind”, sagt Audrey und dreht sich zu mir um. Sie zwinkert mir zu.

“Du magst eben die Jungs”, murmelt Patrice und spießt ein Salatblatt auf.

“Ja, das tue ich, Patrice”, erwidert Audrey eine Spur zu heftig und angespannt. Sie lässt den Wein wieder im Glas kreisen, stürzt ihn dann schnell hinunter.

Warum quälen die beiden einander so? Oder ist das nur ein freundlich gemeinter Streit, wie er in den meisten Familien vorkommt?

Ich kann das nicht beurteilen. Meine Familie hatte sich nie gestritten. Keine Geschwister, es gab nur meine Eltern und mich, und sie waren nie wirklich da. Zusammen mit zwei Professoren zu leben, bedeutete für mich als Kind eine Existenz in der Isolation. Selbst die Mahlzeiten verbrachten wir alle mit einem Buch vor der Nase. Das ist vermutlich der Grund, warum ich heute über so wenig Sozialkompetenz verfüge. Und das wiederum ist ein Grund, warum ich hergekommen bin. Weil ich diese Sachen lernen will. Aber das Gespräch geht schon wieder in eine andere Richtung, und die Anspannung am Tisch weicht.

“Ich habe mir überlegt, wir sollten einen Mary-Shelley-Abend veranstalten”, regt Viviane in diesem Augenblick an. “Ihr wisst schon, wir sitzen die ganze Nacht beisammen, trinken Wein und schreiben die düstersten Geschichten, die uns einfallen.”

“Und inwiefern unterscheidet sich das von dem, was wir immer machen?”, fragt Kenneth und lacht.

“Gar nicht, das ist mir schon bewusst. Aber es wäre ein Abkommen, das wir treffen. Vielleicht schreiben wir auch jeder für sich seine Version von Frankenstein? Oh, ich fände es herrlich, Frankensteins Liebesgeschichte zu schreiben. Er war immer so eine tragische Figur.”

“Er ist ein Ungeheuer, Viv”, erinnert Audrey sie. “Er muss also tragisch sein.”

“Ja, aber jedes Ungeheuer verdient auch Liebe. Sieh dir nur mal Die Schöne und das Biest an.”

“Du bist eine hoffnungslose Romantikerin”, bemerkt Patrice.

“Das stimmt.” Viviane lächelt sie an und tätschelt Patrices Hand. Patrice runzelt die Stirn, aber als sie den Blick abwendet, sehe ich, wie sie ein leises Lächeln hinter ihrer Serviette verbirgt.

Das Abendessen vergeht mit Gesprächen, die immer wieder abschweifen. Das Essen ist wunderbar, vielleicht gibt’s ein bisschen zu viel Wein für mich. Danach helfen wir alle, die leeren Teller in die große Küche zu bringen, aber Viviane scheucht uns nach draußen. Außer Patrice darf ihr niemand beim Abwasch helfen. Kenneth setzt sich mit einer Pfeife in einen Sessel auf dem Patio, und Sid sinkt wie ein riesiger Fellhaufen neben ihn auf die Terrakottafliesen.

“Wollen wir zum Strand gehen, Bettina?”, schlägt Audrey vor und nimmt meine Hand. Ihre ist ganz klein und vogelgleich, die Knochen so zart, dass ich das Gefühl habe, ich könnte sie ohne Probleme zerdrücken.

“Hm, ich weiß nicht. Es ist schon dunkel.”

“Es gibt genug Licht vom Haus und vom Verandalicht deines kleinen Cottages. Und du warst noch nicht am Strand. Komm schon.”

“Also gut. Ich glaube, das wäre … schön.”

“Wir nehmen das hier aber mit.”

Sie schnappt sich eine Flasche Rotwein von der Kücheninsel und marschiert aus der Hintertür. Ich folge ihr um das Haus und den Kiesweg zwischen meiner Hütte und der anderen hindurch. Das zweite Cottage liegt still und dunkel da. Ein Halbmond hängt am Himmel, und sein silberner Schimmer wird vom Wasser reflektiert und spendet genug Licht, dass wir zum Strand finden. Es ist nicht annähernd so dunkel, wie ich es befürchtet habe. Audrey ist eine schwarze Silhouette vor mir, und wir stapfen über die Dünen. Ihre weiße Shorts ist in der Dunkelheit gut zu sehen.

Sie bleibt irgendwo stehen und lässt sich in den Sand plumpsen. Ich setze mich etwa einen halben Meter von ihr entfernt neben sie und starre aufs Wasser hinaus. Es sieht aus wie Tinte, im Dunkeln sind die Schaumkronen kaum zu erahnen. Das Rauschen ist herrlich, so belebend. Die Wellen rollen heran und brechen am Strand. Der Ozean ist so kraftvoll, so lebendig.

Ebenso lebhaft bin ich mir Audreys Nähe bewusst. Ihre langen, nackten Beine hat sie ausgestreckt.

“Ich liebe diesen Ort”, erklärt sie.

“Ich glaube, das werde ich auch.”

Ich bin entspannter, als gut für mich ist. Zu viel Wein. Oder vielleicht gerade genug Wein. Audrey nimmt einen Schluck aus der Flasche und gibt sie an mich weiter. Ich nehme einen vorsichtigen Schluck. Der Cabernet ist für meinen Geschmack etwas zu stark und zu vollmundig. Aber er schmeckt. Ich ziehe die Sandalen aus und vergrabe meine Zehen tief im dunklen Sand. Unter der Oberfläche ist der Sand feucht und etwas kalt, aber auf der erhitzten Haut fühlt sich das gut an.

“Erzähl mir von deinem Leben, Audrey.”

“Was möchtest du denn gerne wissen? Ich erzähle dir, was du willst. Alles, meine liebe Bettina.”

Sie ist ein bisschen betrunken. Aber das bin ich auch.

“Erzähl mir von deiner Familie.”

“Wirklich? Möchtest du nicht viel lieber alles über meine schmutzige, sexuelle Vergangenheit hören?”

Ich lache. “Vielleicht später.”

Sie seufzt, nimmt einen tiefen Zug aus der Flasche und gibt sie mir. Ich trinke, während sie beginnt zu erzählen.

“Meine Familie lebt in Richmond, Virginia.”

“Ehrlich? Da stammst du also her?”

“Ja, ursprünglich schon, obwohl ich schon überall gelebt habe. Richmond ist eine stabile, biedere Stadt mit vielen Banken. Mein Vater arbeitet bei einer Bank. Jeder gute Bürger von Richmond arbeitet bei einer Bank. Das ist einer der Gründe, warum ich so verzweifelt versucht habe, dort rauszukommen. Du kannst dir kaum vorstellen, wie wenig ich dorthin gepasst habe.”

“Du stehst deiner Familie also nicht besonders nahe?”

Audrey lacht; es ist ein kurzes, humorloses Bellen. “Meine Mutter ist seine zweite Frau. Ich habe zwei Halbbrüder und eine Halbschwester, aber sie wollen mit uns nichts zu tun haben. Nein, ihre größte Sorge ist, Daddy könnte sterben und sein ganzes Geld meiner Mutter hinterlassen. Was er vermutlich auch tun wird. Daddy ist in meine Mutter vernarrt, weshalb für mich nicht allzu viel Platz ist. Meine Halbgeschwister kommen ein paar Mal im Jahr, um Daddy zu besuchen. Ich versuche immer, dann nicht in der Stadt zu sein.” Sie trinkt aus der Flasche, und ich sitze schweigend neben ihr, weil ich nicht weiß, was ich dazu sagen soll. “Eigentlich versuche ich, die meiste Zeit nicht dort zu sein. So ist es besser für uns alle. Vor allem für mich. Ich bin es leid, unsichtbar zu sein.”

“Gott, das bin ich auch.”

Audrey wendet sich mir zu, und ich sehe, wie ihre Augen im Mondlicht funkeln. “Bist du denn unsichtbar, Bettina?”

Ich nicke. “Oh ja.” Ich kann nur flüstern. Mein Herz hämmert.

Sie starrt mich lange an. “Ich sehe dich.” Audrey hebt eine Hand und streicht mir die Haare aus dem Gesicht. Ihr Blick bleibt auf meinen geheftet, und sie zieht die dunklen, elegant geschwungenen Brauen zusammen. “Wir beide verstehen uns. Das habe ich vom ersten Moment an gewusst.”

Mir ist warm, und ich zittere am ganzen Körper. Ich lecke mir über die Lippen, die in der Meeresbrise ausgetrocknet sind.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lovers" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen