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Love is the Cure

Zum Andenken an Robert Key,
einen lieben Freund,
der sich unermüdlich für die
HIV-/Aids-Kranken weltweit einsetzte.

1

Ryan

Dieses Buch beschäftigt mich schon eine geraume Weile, und ich habe mich lange gefragt, womit ich anfangen sollte. Natürlich könnte man zunächst Statistiken anführen, Zahlen, Fakten und Diagramme, um das ganze Ausmaß der globalen Aids-Epidemie unmittelbar vor Augen zu führen: über 25 Millionen Tote innerhalb von dreißig Jahren, 34 Millionen Menschen weltweit, die mit Aids leben müssen, 1,8 Millionen Todesopfer pro Jahr, fast 5000 Menschen, die jeden Tag daran sterben, die sechsthäufigste Todesursache weltweit.

Doch für mich waren diese Statistiken immer nur sehr schwer zu begreifen, es gibt einfach keine Möglichkeit, die Tragweite dieser Zahlen wirklich zu erfassen.

Lassen wir also die Fakten zunächst beiseite und beginnen wir stattdessen mit einer Geschichte. Ich bin schließlich kein Statistiker, sondern Musiker. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, dass ich mit Songs Geschichten erzähle. Dass meine Musik die Menschen erreicht, bereitet mir eine unendliche Freude. Und ich hoffe, dass ich das auch mit meinem Buch schaffe – Geschichten zu erzählen, die die Menschen erreichen, um ihnen die Tragweite dieser Epidemie begreiflich zu machen, damit wir gemeinsam etwas dagegen unternehmen können.

Die erste Geschichte, die ich erzählen möchte, nimmt einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben ein. Um Aids zu verstehen, um meinen leidenschaftlichen Kampf dagegen zu begreifen, müssen Sie die Geschichte von Ryan White kennen. Mit meinem Freund Ryan fing alles an.

Ryan wurde mit einer seltenen Erbkrankheit geboren. Er ist Bluter, das heißt, sein Blut gerinnt nicht, weshalb es zu unkontrollierbaren Blutungen kommen kann. Heutzutage können Bluterkranke dank moderner Therapien ein weitgehend normales Leben führen, doch in den siebziger Jahren, als Ryan geboren wurde, war die Krankheit gefährlich und verlief oft tödlich. Als Baby und dann als Kind war Ryan immer wieder im Krankenhaus.

Und als ob ihn das Schicksal noch nicht genug gestraft hätte, infizierte sich der arme Junge bei der Behandlung seiner Bluterkrankheit mit HIV, dem Virus, das Aids verursacht. Als Ryan dreizehn Jahre alt war, konfrontierten die Ärzte ihn mit einer düsteren Prognose: Er würde höchstens noch sechs Monate leben. Ryan lebte noch über fünf Jahre. Und in dieser kurzen Lebenszeit erreichte Ryan etwas, was viele nicht in tausend Lebensjahren schaffen. Er inspirierte ein ganzes Land, veränderte den Lauf einer tödlichen Krankheit und half, Millionen Menschen das Leben zu retten. Das alles schaffte ein Kind, ein kranker Junge aus einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Es klingt wie das Drehbuch für einen Film, wie eine Gutenachtgeschichte, ein Wunder. Und es war ein Wunder. Ryans Leben war ein absolutes Wunder.

1985 hörte ich zum ersten Mal von Ryan. Ich hatte einen Arzttermin in New York. Den Grund für meinen Arztbesuch weiß ich nicht mehr. Jedenfalls saß ich im Wartezimmer und blätterte gedankenverloren in einer Zeitschrift, als ich plötzlich auf einen Artikel stieß, der mein Leben verändern sollte. Ich konnte nicht glauben, was ich da las: Ein Junge durfte nicht in die Schule gehen, und seine Familie wurde gemieden und schikaniert, weil er Aids hatte.

Ryan lebte mit seiner Mutter Jeanne und seiner jüngeren Schwester Andrea in der Kleinstadt Kokomo in Indiana. Jeanne arbeitete seit dreiundzwanzig Jahren in der dortigen Fabrik von General Motors. Die Whites waren eine echte Arbeiterfamilie, ganz ähnlich wie meine Familie. Vielleicht verstanden wir uns deshalb auf Anhieb, als wir uns schließlich kennenlernten.

1984, zur Weihnachtszeit, war Ryan in besonders schlechter Verfassung. Er hatte eine seltene Form von Lungenentzündung. Doch Tests im Krankenhaus erbrachten eine noch schlimmere Diagnose: Ryan hatte Aids. Die Lungenentzündung war eine sogenannte opportunistische Infektion, die er sich aufgrund seines geschwächten Immunsystems zugezogen hatte.

Wie sich herausstellte, hatte sich Ryan bei einer Behandlung mit dem Blutgerinnungsfaktor VIII mit HIV infiziert. Faktor VIII wird aus gespendetem Blutplasma gewonnen, wobei sich eine einzige Dosis aus dem Plasma Tausender Spender zusammensetzt. Es genügt, wenn ein Spender mit HIV infiziert ist. Da HIV erst seit Mitte der achtziger Jahre identifiziert werden konnte, gab es keine Möglichkeit, das Blut auf die Infektion zu testen. Dadurch wurden Anfang der achtziger Jahre zahlreichen Patienten in den USA und auf der ganzen Welt, darunter auch Ryan, HIV-infizierte Faktor-VIII-Präparate verabreicht. Tausende Bluter steckten sich an, bis die Pharmaindustrie und die Regierung endlich Vorschriften zur Blutreinigung und Überprüfung des Blutplasmas erließen.

Jeanne sagte Ryan erst nach Weihnachten, dass er Aids hatte. Er wusste genau, was das bedeutete: Er würde sterben.

1984 wusste jeder über Aids Bescheid, vor allem Bluterkranke. Die Krankheit war zwar noch neu und furchteinflößend, doch die Medizin hatte bereits die wichtigsten Zusammenhänge erforscht. Das HI-Virus war im selben Jahr identifiziert worden, und es war bekannt, dass es nur beim Sex oder direkt über das Blut übertragen wurde. Genauer gesagt, man wusste, dass HIV nicht durch zufällige Kontakte übertragen wurde, etwa über den Toilettensitz oder wenn man vom gleichen Wasserspender oder aus einem Glas trinkt, beim Essen dasselbe Besteck benutzt. Nicht einmal beim Küssen steckt man sich an. Es besteht schlicht und einfach kein Infektionsrisiko im täglichen Umgang mit einem Aids-Patienten.

Dennoch herrschte Angst. Sehr große Angst. Sie war allgegenwärtig, ein Geist, der jede Bewegung Ryans überschattete und ihn für den Rest seines Lebens verfolgte.

Als Ryan die Diagnose erhielt und erfuhr, dass er möglicherweise nicht mehr lange leben würde, traf er einen ungewöhnlichen Entschluss: Er wollte die Zeit, die ihm noch blieb, so normal wie möglich verbringen. Er wollte in die Schule gehen, mit seinen Freunden spielen und viel mit seiner Mutter, seiner Schwester Andrea und seinen Großeltern zusammen sein. Er wollte einfach wie jedes andere Kind sein, auch wenn seine Krankheit bedeutete, dass er das nicht war. Er bat Jeanne sogar, so zu tun, als ob er gar kein Aids hätte. Er wollte keine Sonderstellung, sondern einfach ein Gefühl von Normalität, so kurz es auch währen mochte.

Aber das war ihm nicht gegönnt. Ryan konnte nie mehr ein normales Leben führen, geschweige denn einen normalen Tod sterben. Kurz nach der Diagnose fand eine Lokalzeitung heraus, dass Ryan Aids hatte. Die Zeitung berichtete darüber, und plötzlich wusste die ganze Stadt – und dann das ganze Land – von seiner Krankheit. Danach änderte sich alles für Ryan und seine Familie. Als Kind mit der Bluterkrankheit hatte man Ryan voller Mitgefühl behandelt. Als Kind mit Aids wurde er mit Verachtung gestraft.

Da Ryan wegen seiner Lungenentzündung zu lange gefehlt hatte, wurde er nach der siebten Klasse nicht versetzt. In jenem Jahr, im Frühling 1985, war er zu schwach, um zurück in die Schule zu gehen. Doch im Sommer ging es ihm deutlich besser. Er trug sogar Zeitungen aus und wollte unbedingt wieder in die Schule, mit seinen Freunden spielen und zumindest in Ansätzen ein normales Leben führen. Doch Ende Juli, einen Monat vor Beginn des neuen Schuljahrs, gab der Schulrat bekannt, dass Ryan nicht mehr persönlich am Unterricht teilnehmen durfte, weil man befürchtete, dass er ein Gesundheitsrisiko für seine Klassenkameraden darstellte – dass er sie irgendwie anstecken könnte. Ryan sollte den Unterricht am Telefon verfolgen.

Damals war diese Angst durchaus verständlich. Aids war eine furchteinflößende und ausnahmslos tödlich verlaufende Krankheit. Aber es war auch allgemein bekannt, dass Ryan das Virus nicht durch seine bloße Anwesenheit übertragen konnte. Schließlich lebten auch Jeanne und Andrea mit Ryan zusammen. Sie tranken aus denselben Gläsern, aßen vom selben Geschirr, umarmten und küssten ihn. Sie waren ständig um ihn herum, vor allem, wenn es ihm sehr schlecht ging. Doch selbst diese intime Nähe zu Ryan hatte nicht dazu geführt, dass sie sich mit dem HI-Virus ansteckten. Wichtiger noch, die für Infektionskrankheiten zuständige Einrichtung Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sowie das Gesundheitsministerium von Indiana hatten versichert, dass Ryan keine Gefahr für Lehrer, Schüler oder Angestellte der Schule darstellte, außerdem gab es Richtlinien für einen gefahrlosen Umgang mit HIV-Infizierten.

Doch mit kühlem Verstand und naturwissenschaftlichen Fakten war der Angst nicht beizukommen. Ryan wurde praktisch unter Quarantäne gestellt. Aber er war kein Typ, der schnell klein beigab; Ryan gab nie auf. Für ihn war es völlig inakzeptabel, dass man ihn nicht mehr in die Schule ließ. Er beschloss, für seine Rückkehr an die Schule zu kämpfen.

Ryan und Jeanne verklagten die Schule. Sie hatten die Mediziner des Landes und die Gesundheitsbehörde des Bundesstaates auf ihrer Seite. Doch das Gericht wies die Klage ab. Ryans Anwälte müssten zuerst beim Bildungsministerium von Indiana Einspruch gegen die Entscheidung des Schulrats erheben, lautete die Begründung. Doch Ryans Tage waren nun einmal gezählt, und dieser Bescheid hatte vorerst nur die Wirkung, dass seine Rückkehr an die Schule weiter hinausgezögert wurde. Einstweilen wurde eine spezielle Telefonleitung eingerichtet, über die Ryan jeden Tag den Unterricht verfolgte.

Das Einspruchsverfahren war langwierig und entmutigend, und es wurde in aller Öffentlichkeit ausgetragen, mit dem vierzehnjährigen Ryan im Zentrum der Auseinandersetzung. Die lokale Schulbehörde und viele Eltern von Ryans Klassenkameraden wehrten sich heftig gegen seinen Schulbesuch. Über hundert Eltern drohten mit einer Klage, falls man Ryan erlaubte, wieder an die Schule zurückzukehren. Ende November entschied das Bildungsministerium von Indiana zugunsten von Ryan und wies die Schule an, ihn wieder als Schüler aufzunehmen, sofern es sein Gesundheitszustand erlaubte. Die lokale Schulbehörde erhob Einspruch und zögerte so Ryans Anwesenheit im Klassenzimmer weiter hinaus. Monate später ordnete das Ministerium erneut an, dass Ryan der Schulbesuch erlaubt werden müsse, sofern ihm ein Mitarbeiter des zuständigen Gesundheitsamts die Genehmigung erteile.

Nachdem bereits über die Hälfte des Schuljahrs verstrichen war, erhielt Ryan am 21. Februar 1986 die offizielle Erlaubnis zum Schulbesuch. Doch die Freude über den Sieg währte nur kurz. Bereits an seinem ersten Schultag wurde er wieder aus dem Klassenzimmer geholt und erneut vor Gericht gezerrt. Mehrere Eltern hatten sich gegen Ryans Rückkehr zur Wehr gesetzt und vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt. Als der Richter die Verfügung verkündete, jubelten die Eltern im Gerichtssaal, während Ryan und Jeanne schockiert und verängstigt daneben saßen. Es war eine moderne Hexenjagd, und Ryan sollte auf den Scheiterhaufen.

Ryans Anwälte legten Einspruch gegen die Verfügung ein, und wieder wurde ihm das Recht zugesprochen, am Unterricht teilzunehmen. Dieses Mal war die Entscheidung endgültig. Am 10. April 1986 kehrte Ryan, eskortiert von Reportern und einigen demonstrierenden Schülern, an seine Schule zurück. Er durfte nicht am Sportunterricht teilnehmen und musste eine separate Toilette benutzen, durfte nur von einem bestimmten Wasserspender trinken und musste in der Cafeteria Wegwerfgeschirr verwenden. Die Vorkehrungen waren zwar überflüssig, doch Ryan erklärte sich damit einverstanden, um keine unnötigen Ängste zu schüren. Trotzdem wurden noch am gleichen Tag siebenundzwanzig Schüler von der Schule abgemeldet. Zwei Wochen später eröffneten die Eltern eine andere Schule, an der einundzwanzig Klassenkameraden angemeldet wurden, damit sie sich nicht im gleichen Gebäude wie Ryan aufhalten mussten.

In der Schule und fast überall in seiner Heimatstadt wurde Ryan verhöhnt und schikaniert. Er wurde in aller Öffentlichkeit als »Schwuchtel« bezeichnet und mit anderen homophoben Obszönitäten beleidigt. Sein Schrank in der Schule und seine Sachen wurden durchwühlt und verwüstet. Es kursierten schlimme Gerüchte über ihn. Ein Teenager schrieb einen anonymen Brief an die Lokalzeitung, in dem er Ryan beschuldigte, andere Kinder zu beißen und zu kratzen, auf Lebensmittel im Laden zu spucken und sogar an die Wände der Schultoilette zu urinieren. Das waren natürlich lauter Lügen, aber es spielte keine Rolle. Aids machte aus Ryan einen Aussätzigen, egal, was er tat oder nicht tat.

Es ist kaum zu glauben, aber die Erwachsenen benahmen sich noch schlimmer als die Kinder. Auf der Route, wo Ryan die Zeitung austrug, kündigten die Kunden ihre Abonnements. Wenn Ryan und seine Familie essen gingen, wurde danach das von ihnen benutzte Geschirr weggeworfen. Die Eltern von Ryans Freundin verboten ihr, sich weiterhin mit ihm zu treffen. Im Rechtsstreit der Whites gegen die lokale Schulbehörde verlangten die Eltern einiger Mitschüler, dass Jeanne das Sorgerecht entzogen und Ryan ihr weggenommen (und damit auch von der Schule genommen) werden sollte, weil sie als Mutter versagt habe.

Nicht nur Ryan wurde schikaniert und ausgegrenzt; die ganze Familie musste leiden. An Jeannes Auto wurden die Reifen aufgeschlitzt. Auf das Haus der Familie White wurde geschossen, eine Kugel durchschlug eine Fensterscheibe. Auch andere Menschen, die Ryan verteidigten, wurden angegriffen. Als die Lokalzeitung für Ryans Schulbesuch Partei ergriff, wurde das Haus des Chefredakteurs mit Eiern beworfen. Ein Reporter der Zeitung erhielt sogar Todesdrohungen.

Irgendwie brachte Ryans Krankheit das Schlechteste in seinen Mitmenschen zum Vorschein. Für ihn und seine Familie gab es kaum einen Ort, wohin sie sich wenden konnten. Nicht einmal die Kirche. Die Whites waren gläubige Christen. Jeden Abend beteten Ryan und Jeanne vor dem Schlafengehen. Doch nachdem Ryans Erkrankung bekanntgeworden war, wurde die Familie von ihrer methodistischen Gemeinde gemieden. Die Gemeindemitglieder hatten solche Angst, sich bei Ryan mit Aids anzustecken, dass er und seine Familie gebeten wurden, in der Kirche nur in der ersten oder letzten Bank zu sitzen. Wenn Ryan auf der Toilette gewesen war, benutzten die anderen Gemeindemitglieder sie nicht mehr. Eltern schärften ihren Kindern ein, ihm aus dem Weg zu gehen.

In seiner Autobiographie erzählt Ryan, wie er mit seiner Familie am Ostersonntag 1985 kurz nach seiner Diagnose in die Kirche ging. Gegen Ende des Gottesdienstes gaben die Gemeindemitglieder einander die Hand und sagten: »Friede sei mit dir« – eine Ostertradition in Ryans Kirche. Doch dieses Mal wollte niemand seine Hand ergreifen. Kein einziges Gemeindemitglied bot einem kranken Kind an Ostern seinen Segen an. Nach dem Gottesdienst sprang Jeannes Auto nicht an. Sie versuchte, andere Gemeindemitglieder herbeizuwinken, die mit ihrem Auto vom Parkplatz fuhren, aber niemand hielt an.1

Trotz der Ausgrenzung in der Gemeinde und in seiner Heimatstadt, trotz der furchtbaren Schmerzen und körperlichen Leiden, die Ryan sein ganzes Leben lang erdulden musste, war er bis zum bitteren Ende voller Liebe und verlor nie seinen Glauben. Ein Jahr vor seinem Tod sagte Ryan der Saturday Evening Post, aufgrund seines Glaubens habe er keine Angst vor dem Sterben. Obwohl er von verlogenen Glaubenseiferern so schlecht behandelt worden war und er körperlich immer mehr verfiel, war Ryans Glaube stärker denn je. »Es gibt immer Hoffnung in Gott«, sagte Ryan der Zeitung. »Ich habe großes Vertrauen in ihn.«2

Als kleiner Junge ging ich voller Begeisterung in die Sonntagsschule. Ich hörte furchtbar gern die Geschichten aus der Bibel, Geschichten voller Hoffnung. Ich praktiziere zwar keine Religion, nehme mir aber bis heute die Lehre von der Nächstenliebe Jesu zu Herzen und habe großen Respekt für alle gläubigen Menschen. Der Mensch Jesus inspiriert mich, weil er bedingungslos Vergebung schenkte und zum Wohle anderer starb. Das kann man auch über Ryan White sagen. Er war ein wahrer Christ, ein moderner Jesus Christus. Ich weiß, das ist eine gewagte Behauptung, die manche vielleicht übelnehmen. Aber wenn man Ryans Geschichte kennt und ihn so wie ich als außergewöhnlichen Menschen kennenlernen durfte, gibt es keine andere Sichtweise.

Ryans Familie lebte ihren christlichen Glauben. Natürlich waren die Whites empört, dass sie von ihren Mitmenschen so schlecht behandelt wurden, aber sie verstanden deren Ängste. Sie wussten, dass dieses Verhalten auf Unwissenheit und Missverständnissen gründete. Und deshalb begegneten sie anderen mit einem Mitgefühl, das sie selbst nie erfahren durften. Sie ließen sich nicht entmutigen und bemühten sich nach Kräften, ihre Mitmenschen über Aids aufzuklären. Am Ende erreichte Ryan viel mehr Menschen als die Bewohner seiner kleinen Heimatstadt. Er erreichte die ganze Nation.

Die Geschichte eines kranken Jugendlichen, der nicht mehr zur Schule gehen durfte und von seiner Umgebung gemieden wurde, machte im ganzen Land Schlagzeilen, schon bald war Ryans Name überall bekannt. Er trat in Talkshows und in den Nachrichtensendungen auf. Er war auf der Titelseite der Zeitschrift People. Eigentlich war er ein schüchterner Junge, und Jeanne war eine liebenswert bescheidene Frau, die nie viel Aufhebens von sich gemacht hatte. Doch die Whites hielten es für ihre Pflicht, ihre Stimme zu erheben und der Welt ihre Erfahrungen mitzuteilen. Sie wollten, dass es den vielen anderen, die genauso leiden mussten wie Ryan, besserging – und nicht nur den Bluterkranken, die sich mit HIV infiziert hatten, sondern allen, die mit der Immunschwäche zu kämpfen hatten.

Während bigotte Menschen wie der berühmte Fernsehprediger Jerry Falwell und der amerikanische Politiker Jesse Helms die abscheuliche Botschaft verbreiteten, Aids sei die Strafe Gottes für Schwule, stellten sich ein sterbenskranker vierzehnjähriger Junge und seine Mutter auf die Seite derjenigen, die mit HIV/Aids leben mussten. Eine überaus mutige, mitfühlende Tat. Dafür liebe ich die beiden bis heute. Ein Junge aus einem amerikanischen Provinzstädtchen wehrte sich gemeinsam mit seiner Mutter gegen die Ausgrenzung und half so, Aids als normale Krankheit zu betrachten und ihr etwas von ihrem Schrecken zu nehmen, sie von ihrem Stigma zu befreien. Mit ihrem mutigen Auftreten sorgten sie dafür, dass der Staat reagierte und die medizinische Forschung vorangetrieben wurde. Mehr noch, sie zeigten, was wir heute wissen – dass wir den Menschen, die an HIV/Aids erkrankt sind, Mitgefühl entgegenbringen müssen, wenn wir die Krankheit dauerhaft besiegen wollen.

Als ich im Wartezimmer meines Arztes saß und Ryans Geschichte las, ging es mir wie Millionen anderer Menschen auch: Ich war aufgebracht. Mehr noch, ich wollte unbedingt etwas für diesen Jungen und seine Familie tun. »Was für eine empörende Situation«, dachte ich. »Ich muss diesen Menschen helfen.«

Doch so wütend und aufgebracht ich auch war, ich hatte keine Ahnung, was ich tun könnte. Ich dachte wohl, ich könnte helfen, in der Öffentlichkeit ein größeres Bewusstsein für das Schicksal der Whites zu schaffen oder für die Interessen Aids-Kranker einzutreten oder Spenden für die Forschung zu sammeln. Aber wie sollte ich anderen helfen, wenn ich nicht einmal mir selbst helfen konnte?

Denn die Wahrheit ist, ich war zu der Zeit stark kokainabhängig. Mein Leben war ein einziges Auf und Ab, die reinste Achterbahnfahrt. Mein Selbstwertgefühl tendierte gegen null, alles wurde dominiert von einem Hang zur Selbstzerstörung. Tief im Innern schlug aber immer noch ein mitfühlendes, menschliches Herz – sonst hätte ich wohl keinen Kontakt zu den Whites aufgenommen. Ich hoffte einfach, dass ich diesem Jungen und seiner Familie Hoffnung geben und sie irgendwie unterstützen könnte.

Am Ende war es so, dass die Whites eher mir halfen, als ich ihnen.

Im Frühjahr 1986, nachdem Ryan sich das Recht erstritten hatte, wieder am Unterricht an seiner alten Schule teilzunehmen, kamen er und Jeanne nach New York, um an einer Spendengala für die Aids-Forschung teilzunehmen und in der Sendung Good Morning America aufzutreten. Ich sah das Interview im Fernsehen und rief gleich am nächsten Morgen Jeanne an. Ich wollte Ryan kennenlernen. Ich wollte helfen. Ich lud ihn und seine Familie zu einem Konzert von mir ein.

An dem Termin für den geplanten Konzertbesuch ging es Ryan jedoch zu schlecht. Aber schließlich klappte es, die Whites flogen nach Los Angeles und besuchten zwei Konzerte von mir. Dann nahm ich die Familie mit ins Disneyland, wo ich eine private Führung und eine Party für Ryan arrangiert hatte. Ich wollte ihm ein Abenteuer schenken – dicke Limousinen, Flugzeuge, schicke Hotels –, eine sorglose Zeit, um ihn ein bisschen von seinen Schmerzen und seinen schwierigen Lebensumständen abzulenken. Doch mir ist an diesem Besuch vor allem in Erinnerung geblieben, dass ich mindestens so viel Spaß wie Ryan hatte, wenn nicht sogar mehr.

Ich fühlte mich in Gesellschaft der Whites sehr wohl und hatte sofort einen guten Draht zu Ryan. Wir stammten zwar aus verschiedenen Ländern, waren aber aus demselben Holz geschnitzt. Die Whites waren geradlinige Leute mit gesundem Menschenverstand, fürsorglich, bescheiden und stets dankbar. Was ich für sie bei diesem Ausflug und danach tat, geschah aus reiner Liebe zu ihnen. Und das meine ich wirklich so: Liebe. Ich schloss die Whites sofort in mein Herz.

Die Begegnung mit Ryan und seiner Familie führte mir meinen eigenen fürchterlichen Zustand drastisch vor Augen. Sie können sich nicht vorstellen, wie selbstsüchtig ich damals war, was für ein Ekelpaket aus mir geworden war. Das lag zum Teil an den Drogen, zum Teil an dem Lebenstil, den ich mir zugelegt hatte, aber auch an den Menschen in meiner Umgebung, die nur allzu nachsichtig mit mir waren. Ich hatte alles auf der Welt – Reichtum, Ruhm, alles –, aber ich bekam einen Tobsuchtsanfall, wenn mir die Vorhänge in meinem Hotelzimmer nicht gefielen. Ich hatte völlig die Bodenhaftung verloren. Es war einfach nur peinlich.

Ryan dagegen würde bald sterben. Seine Familie wurde schikaniert und gedemütigt. Und doch war er bei seinem Besuch in Los Angeles und auch später, wenn wir uns trafen, immer guter Laune. Beim Ausflug nach Disneyland war Ryan so schwach, dass ich ihn eine Weile im Rollstuhl schob. Für ein Kind ist es sicher unglaublich frustrierend, ausgerechnet in Disneyland an den Rollstuhl gefesselt zu sein, anstatt herumzurennen und über den größten Spielplatz der Welt zu toben. Aber Ryan genoss jede Minute. Er liebte das Leben. Ryan dachte nicht an den Tod; er dachte an das Hier und Heute und machte einfach weiter. Seine Zeit war zu kostbar, um sie mit Selbstmitleid zu vergeuden. Im Lauf der Jahre verbrachte ich relativ viel Zeit mit Ryan, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er sich auch nur ein einziges Mal beklagte. Ich weiß, dass er nicht vollkommen war, kein Mensch ist vollkommen, aber Ryan war etwas ganz Besonderes.

Und auch seine Mutter und seine Schwester waren besondere Menschen. Jeanne machte die schlimmsten Qualen durch, die man sich für eine Mutter vorstellen kann: Sie musste mit ansehen, wie ihr Kind einen langsamen und schmerzhaften Tod starb, und konnte nichts dagegen tun. Aber sie fragte nie: »Warum ich?« Sie akzeptierte ihr Schicksal und strahlte stets die Bereitschaft zur Vergebung und großes Durchhaltevermögen aus, obwohl sie in ihren stillen Stunden sicher sehr litt.

Andrea war Jeanne ganz ähnlich; sie ließ sich nicht unterkriegen, und man hörte sie nie jammern. Oft bekommt die Jüngste in der Familie am meisten Aufmerksamkeit, vor allem jemand wie Andrea, ein hübsches, sportliches Mädchen und eine gute Schülerin. Aber Andrea musste hinter Ryans Krankheit zurückstecken. Sie musste ihren heißgeliebten Sport, das Rollschuhlaufen, aufgeben, weil nicht genug Geld da war. Wie Ryan verlor sie viele Freunde und wurde gehänselt. Sie hatte es sehr schwer. Ich konnte nur staunen, wie sie mit der Situation ihrer Familie umging, sie zeigte für ihr Alter eine ungewöhnliche Reife und Klugheit.

Diese Familie inspirierte mich in einer Weise, die ich nicht erklären kann. Mit Ryan, Jeanne und Andrea zusammen zu sein, berührte mich auf ungeahnte Weise. Vermutlich könnte man sagen: Ich wollte so sein wie sie. Ich wollte Teil dieser Familie sein. Sie weckten in mir den Wunsch, mich zu ändern, ein besserer Mensch zu werden, der Mensch zu sein, der ich tief in meinem Innern war. Aber das war wegen meiner Sucht und wegen meines Lebensstils nicht einfach. Langsam stellte ich mich der Realität, aber erst Ryans Tod öffnete mir wirklich die Augen. Als sich seine Augen schlossen, öffneten sich meine. Und seitdem sehe ich die Welt anders.

Nach dem Besuch der Whites in Los Angeles unterstützte ich sie, wann immer ich konnte. Ryan kam zu weiteren Konzerten. Ich schickte Geschenke, Blumen und Karten. Ich besuchte ihn. 1988 beschloss Jeanne, mit der Familie nach Cicero umzuziehen, einer kleinen Stadt in der Nähe von Indianapolis. Sie wusste, dass das der richtige Schritt war, nachdem ihr Ryan eines Tages anvertraut hatte, dass er nicht in Kokomo begraben werden wollte. Die Familie wollte dem Ort entfliehen, der ihr so viel Kummer bereitet hatte. Eines Tages rief mich Jeanne an. Mit großer Überwindung fragte sie, ob ich ihr Geld leihen könnte, weil sie ein neues Haus in Cicero anzahlen musste.

Bis dahin hatte mich Jeanne nie um etwas gebeten. Dass sie sich jetzt an mich wandte, zeigte, dass sie meine Hilfe wirklich brauchte. Ich wusste, wie verzweifelt sie sich bemühte, Ryan und Andrea ein besseres Leben zu ermöglichen, deshalb sagte ich ihr, sie solle den Kredit vergessen, ich würde ihr das Geld einfach geben. Aber Jeanne bestand darauf, mir alles zurückzuzahlen. Sie sorgte sogar dafür, dass wir beide einen selbst aufgesetzten Vertrag unterzeichneten, in dem sie mir die Rückzahlung garantierte! Und einige Jahre später erhielt ich einen Scheck von Jeanne. Ich legte mit dem Geld sofort ein Ausbildungskonto für Andrea an. Natürlich lehnte Jeanne wieder ab, aber ich sagte ihr, dass ich helfen wollte, dass es mir wichtig sei, ihre Familie zu unterstützen. Wenn ich heute darüber nachdenke, war sie großzügiger als ich, weil sie weiter meine Unterstützung akzeptierte.

In ihrem neuen Heim in Cicero führten die Whites ein ganz anderes Leben. Die Familie wurde hier nicht nur akzeptiert, sondern war wirklich willkommen. Ryan hatte auch in Kokomo ein paar Freunde, doch in Cicero war er ein kleiner Held. Er blühte in seiner neuen Schule richtig auf, gehörte zu den besten Schülern und fand viele gute Freunde.

Das heißt nicht, dass in Cicero bessere oder freundlichere Menschen lebten als in Kokomo. Meiner Meinung nach sind die Menschen überall auf der Welt mehr oder weniger gleich; außerdem liegen die beiden Orte nur fünfzig Kilometer voneinander entfernt. Tatsächlich hatten die Einwohner von Cicero oft dieselben Fragen und dieselben Ängste wie in Kokomo. Waren ihre Kinder gefährdet, wenn sie mit Ryan zusammen waren? Stellte er ein Gesundheitsrisiko für seine Mitmenschen dar? Doch als Ryan nach Cicero zog, wusste man über HIV und Aids bereits besser Bescheid.

Ryan selbst hatte viel dazu beigetragen, das Land über Aids aufzuklären. Jeder kannte seine Geschichte, und neben Ryans Schicksal erfuhren die Amerikaner auch viel über die Krankheit. Zusätzlich wurden an Ryans neuer Schule sämtliche Schüler, Lehrer und Angestellte ausführlich über Aids informiert. Die Schulbehörde bezahlte sogar Seminare für Eltern und Mitbürger, bevor Ryan auch nur einen Fuß in ein Klassenzimmer gesetzt hatte. In der Schülersprecherin Jill Stewart, die zufällig in derselben Straße wie die Whites wohnte, fand Ryan außerdem eine wunderbare Fürsprecherin und Freundin.

Dank der Bemühungen von Jill und allen anderen waren Ryans neue Klassenkameraden nicht ängstlich, sondern verständnisvoll. Die Eltern hatten begriffen, dass ihren Kindern keine Gefahr drohte, daher konnten sie auch die Sorgen seiner Klassenkameraden beschwichtigen. Umgekehrt klärten einige Kinder ihre nervösen Eltern über die Krankheit auf. Am Ende waren die Ängste beseitigt, und Ryan genoss die volle Unterstützung seiner Klassenkameraden. In Cicero sahen die Einwohner nicht nur Ryans Krankheit, sondern vor allem den Menschen, der sich dahinter verbarg.

Ryan fand in der neuen Stadt endlich etwas Frieden, allerdings gönnte ihm seine Krankheit keine lange Ruhepause. Er wollte nie aufgeben – das versteht sich eigentlich von selbst –, aber sein geschwächter Körper hatte schon zu viel durchgemacht. Im Frühjahr 1990, gegen Ende der elften Klasse, musste Ryan wegen einer schweren Atemwegsinfektion ins Krankenhaus. Jeanne rief mich an und sagte mir, dass er auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen war. Ich flog sofort nach Indiana. Mit mir im Flugzeug saßen der Footballstar Howie Long und die Schauspielerinnen Judith Light und Jessica Hahn. Auch sie waren mit Ryan befreundet und setzten sich für seine Sache ein.

Ryans letzte Lebenswoche verbrachte ich an seiner Seite im Krankenhaus und unterstützte Jeanne und Andrea, wo immer es mir möglich war. Das hieß in erster Linie, dass ich quasi als ihr Sekretär fungierte, was mir eine Ehre war. Viele Menschen versuchten, Ryan telefonisch oder per Brief zu erreichen – Freunde, Prominente, Politiker, alle boten ihm ihren Beistand an. Ryan war manchmal bei Bewusstsein, manchmal nicht, aber er war wach, als Michael Jackson anrief. Michael war zu der Zeit der größte Popstar der Welt und vielleicht der berühmteste Mann auf Erden. Auch er war seit einigen Jahren mit Ryan befreundet und hatte ihm, großzügig, wie er war, einen roten Ford Mustang geschenkt, den Ryan heiß und innig liebte. Nun lag Ryan im Sterben und war zu schwach, um mit Michael zu sprechen. Ich hielt ihm das Telefon ans Ohr, damit Michael ihm sagen konnte, dass er ihm beistand und ihn sehr gern hatte.

In dieser Zeit stand ich Jeanne sehr nahe. Sie nannte mich damals ihren Schutzengel, da ich mich für die Familie in dieser schrecklichen Phase um die administrativen Details kümmerte und einfach für sie da war. Dabei war es genau umgekehrt. Jeanne und ihre Familie fungierten als Schutzengel für mich. Und die Botschaft, die sie mir überbringen sollten, war eindeutig: Der Nächste auf dem Sterbebett könnte ich sein.

Ich hatte alles Geld der Welt, aber das spielte keine Rolle, weil ich nicht gesund war. Es ging mir nicht gut. Doch anders als bei Ryan gab es für meine Drogensucht und meine Selbstzerstörung eine Therapie. Wenn ich an Ryans Krankenhausbett saß, Jeannes Hand hielt und den verquollenen und entstellten Körper des Jungen sah, war auch mir die Botschaft klar. Ich wollte nicht sterben.

Am 7. April sollte ich bei einem großen Festival in Indianapolis auftreten, ganz in der Nähe des Riley Hospital for Children, wo Ryan behandelt wurde. Das Festival nannte sich »Farm Aid IV« und war die vierte Veranstaltung dieser Art, die auf die Lage der Farmen und Familienbetriebe in Amerika aufmerksam machen und Spenden sammeln sollte. Monate zuvor hatte ich freudig zugesagt, zusammen mit Garth Brooks, Guns N’Roses, Neil Young, Jackson Browne, Willie Nelson und vielen anderen großartigen Künstlern aufzutreten. Doch jetzt, wo Ryan im Sterben lag, wollte ich ihn so wenig wie möglich allein lassen.

Am Abend des Konzerts ließ ich mich zum Hoosier Dome fahren und eilte auf die Bühne. Die anderen trugen ihr übliches Bühnenoutfit, ich dagegen eine Baseballkappe und eine Windjacke. Ich war so aufgewühlt, dass mir mein Aussehen egal war. Mein Kummer war nicht zu übersehen, und selbst 60000 jubelnde Fans konnten ihn nicht vertreiben. Da so viele Musiker auftraten, spielten wir alle nur ein paar Songs. Ich begann mit »Daniel« und spielte dann »I’m Still Standing«. Vor meinem dritten Song sagte ich dem Publikum: »Dieser Song ist für Ryan.« Lauter Applaus. Dass Ryan im Krankenhaus lag, war landesweit in den Nachrichten gekommen, jeder wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Ich spielte »Candle in the Wind«, und die Reaktion des Publikums war überwältigend. Ich sah auf ein Meer von Feuerzeugen, Tausende kleine Mahnlichter flackerten in der Dunkelheit für meinen sterbenden Freund.

Direkt nach dem Song rannte ich von der Bühne und eilte zurück ins Krankenhaus. Dort war ich auch, als Ryan wenige Stunden später, am Morgen des 8. April 1990, starb.

Die Beerdigung werde ich nie vergessen. Das Gefühl der Benommenheit angesichts dieser Tragödie hat sich mir tief ins Gedächtnis gebrannt. Nie werde ich den Anblick von Ryan im offenen Sarg vergessen oder die Fahrt vom Gottesdienst zum Friedhof. Es regnete. Wir fuhren sehr langsam. Ich werde auch nie vergessen, wie Jeanne mir dankte. Obwohl sie doch gerade den größten Verlust ihres Lebens erfuhr, nahm sie sich die Zeit, mir ihre Anerkennung dafür auszusprechen, dass ich da war. Wie surreal sich das alles anfühlte, es war wie ein furchtbarer Albtraum.

Es war das Ende einer langen Woche. Es war das Ende eines langen Kampfes.

Jeanne hatte mich gebeten, den Sarg zu tragen und später ein Lied zu singen. Ich fürchtete, dass ich die Fassung verlieren würde, erklärte mich aber trotzdem dazu bereit. Ich konnte ihr das nicht abschlagen, wusste aber nicht, was ich singen sollte. Ich wusste nicht, welcher Song für einen so tragischen und schmerzlichen Anlass passen würde.

Ich griff schließlich auf mein allererstes Album zurück, Empty Sky, und wählte den Song »Skyline Pigeon«, den Bernie Taupin und ich zusammen geschrieben hatten. Das war schon immer einer meiner Lieblingssongs und meiner Meinung nach der beste Titel auf dem Album, vielleicht sogar der beste Song, den ich bis dahin geschrieben hatte. Es geht um Freiheit und Loslassen; ein passendes Thema für Ryans Trauerfeier. Nun, da er von uns gegangen war, konnte Ryan wohl überallhin, seine Seele konnte unbehindert reisen, sein Geist konnte Menschen auf der ganzen Welt inspirieren. Ich entschied, dass ich nicht allein auf der Bühne stehen konnte, und studierte den Song daher mit dem Chor von Ryans Schule ein.

Vor mir auf dem Klavier stand ein Bild von Ryan, hinter mir stand sein Sarg. Ich singe den Song heute kaum noch. Vor einigen Jahren starb mein Patensohn, er wurde gerade einmal vier Jahre alt. Auch bei seiner Beerdigung spielte ich »Skyline Pigeon«.

Über 1500 Trauergäste kamen zu Ryans Begräbnis – nicht nur Familie und Freunde, sondern auch Prominente, die von Ryans Leid berührt waren, außerdem Politiker und Würdenträger. Michael Jackson war da. Judith Light war da. Howie und Phil Donehue gehörten mit mir zu den Sargträgern. Die damalige First Lady, Barbara Bush, war da. Alle waren von der Trauer überwältigt, selbst die, die Ryan kaum gekannt hatten.

Auch einige Einwohner aus Kokomo kamen zur Trauerfeier, darunter der Anwalt der Eltern, die versucht hatten, Ryan vom Schulbesuch abzuhalten. Er sprach Jeanne sein Beileid aus und bat sie um Verzeihung dafür, wie ihre Heimatstadt Ryan behandelt hatte. Sie vergab ihm, ohne zu zögern.

Nach seinem Tod wurde Ryans Grab im Laufe der Jahre viermal geschändet. Der arme Junge fand nicht einmal im Tod seine Ruhe. Dennoch lebte Ryans Botschaft weiter. Am Fuß seines Grabsteins sind sieben Wörter eingemeißelt: Geduld, Toleranz, Glaube, Liebe, Vergebung, Weisheit und Geist.

Ich liebte meinen Freund Ryan mehr, als ich sagen kann. Ich liebte an ihm, dass er niemals aufgab. Ich liebte an ihm, dass er nicht ein Fünkchen Selbstmitleid hatte. Er ließ sich niemals unterkriegen, obwohl er nicht nur gegen eine, sondern gegen zwei tödliche Krankheiten ankämpfen musste. Er stellte sich tapfer dem Tod in einem Alter, in dem die meisten Kinder keine Ahnung haben, wie kostbar das Leben wirklich ist. Doch Ryan war noch viel mehr, ein echter Held und ein wahrer Christ, weil er bedingungslos jenen vergab, die ihn leiden ließen.

Man könnte leicht denken, dass Ryans Zeit auf Erden für ihn die Hölle war. Aber so sah er das nie. Er liebte das Leben. Er liebte einfache Freuden wie die Gesellschaft seiner Freunde und Familie. Er lebte sein kurzes, von Schmerzen erfülltes Leben voller Anstand und vor allem immer mit der Bereitschaft zur Vergebung.

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