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Love Coach

Zu diesem Buch

Liebeskummer lohnt sich doch …

Fast ein Jahr ist vergangen, seitdem Belles Freund mit ihr Schluss gemacht. Und ihr Liebeskummer wütet noch immer so fies wie an Tag eins der Trennung. An ihrem 25. Geburtstag platzt Belles Freundinnen allerdings der Kragen, und sie schenken ihr einen Internetkurs, der gegen den Frust helfen soll. Die wichtigste Regel dabei lautet: Lass dich niemals auf einen ernsthaften Flirt ein! Belle ist fest entschlossen, sich durch die Lektionen, die ihr der Love Coach stellt, zu beißen – komme, was da wolle. Doch ausgerechnet da trifft sie auf Jamie, der ihr mit seiner lockeren Art und seinem umwerfenden Lächeln den Kopf verdreht. Und Belle muss feststellen, dass die Regel des Kurses zu einem immer größeren Problem wird …

1

Ich stehe in der Bürotür und winke den letzten Kollegen aus der Nachbarabteilung hinterher. Vor mir auf dem breiten Flur flitzen Rollerblader mit einem leisen Surren vorbei. Ich muss den Kopf einziehen, um ihnen auszuweichen. Dabei fällt mein Blick zufällig auf die blankpolierte Glastür gegenüber.

Mein Spiegelbild lässt sich nur mit einem Satz zusammenfassen: Verdammt viel Luft nach oben! Der Ansatz muss gefärbt werden, die Augenringe schillern veilchenblau, und die Bluse ist so nachlässig gebügelt, dass sie aussieht wie gerade aus dem Koffer genommen.

Und das ausgerechnet an meinem Geburtstag!

Missmutig schließe ich die Bürotür hinter mir. Jetzt sind wir nur noch zu viert.

»Auf dich, Belle! Auf die fünfundzwanzig Jahre!«, rufen meine Freundinnen Eve, Patty und Monica im Chor. Sie stoßen mit ihren Gläsern gegen meins, dass mir die Flüssigkeit nur so über die Finger schwappt.

Macht nichts, ist nur alkoholfreier Sekt. Alles andere ist seit Eves letztem, legendärem Geburtstag im Büro verboten. Je mehr verschüttet wird, desto weniger muss ich davon trinken.

Sekt ohne Alkohol? Definitiv ein Albtraum. Da ich von einem alten Weingut in der Nähe von Portland komme, sind meine Geschmacksnerven entsprechend verwöhnt.

Ich schließe kurz die Augen, nur um sie in der nächsten Sekunde wieder aufzureißen. »Hey, was ist denn das?« Der Sekt prickelt nicht nur in edlen kleinen Perlen, sondern schmeckt auch super.

Die anderen kichern leise.

»Perfekt, oder? Etiketten ausgetauscht«, säuselt Monica mit unschuldiger Stimme und zieht ein paar abgelöste Etiketten aus ihrer Schublade. »Falls jemand jetzt noch reinplatzen sollte …«

»Ihr seid meine Mädels!« Ich drücke die Bande. Die drei wissen, wie beschissen es mir geht. Und wie nötig ich ein wenig Prickeln im Leben brauche. Auch wenn es nur vom Sekt kommt.

»Jetzt fängt ein neues Lebensjahr an …«, nuschelt Eve mit ihrem breiten texanischen Dialekt und hört sich dabei wie ein betrunkener Cowboy an.

»Alles wird anders«, pflichtet Monica ihr bei und leert ihr Glas in einem Zug. Wie sie bei dem ganzen Alkohol, den sie so trinkt, ihre perfekte Figur halten kann, ist mir ein Rätsel.

»Nicht nur anders, besser! Happy Birthday noch einmal, Süße«, sagt Patty und reicht mir ein rosa Päckchen von der Größe eines Schuhkartons.

Vermutlich neue High Heels, denn das einzige Paar, auf dem ich mehr als drei Schritte laufen konnte, habe ich Dave aus dem Fenster hinterhergeworfen, nachdem er mit mir Schluss gemacht hat. Leider haben sie nicht wie beabsichtigt seinen hübschen Kopf getroffen, sondern sind auf einem vorbeifahrenden Umzugswagen gelandet und für immer verschwunden.

»It’s Partytime«, jauchzt Monica fröhlich.

Ich werde gedrückt und geherzt. Die rosa Box liegt dabei leicht in meiner Hand. Sie glitzert und sieht echt süß aus. So prinzessinnenmäßig. Ich schüttle sie und bin mächtig gespannt. Dann öffne ich den Deckel und bestaune verwundert den Inhalt.

Es liegen keine Schuhe darin, sondern weitere kleine Päckchen und mehrere Gutscheinkärtchen.

»Was ist das?«

Die anderen grinsen sich nur eins und schauen mich abwartend an.

Nacheinander greife ich mir die hübsch verpackten Geschenke und öffne eins nach dem anderen. Danach kommen die Gutscheine dran. Als ich fertig bin, liegen vor mir Lippenstift, Wimperntusche, Lidschatten, Puder und Abdeckstift von Annayake. Nicht ganz günstig, wie ich weiß. Ein Terminkalender, in dem bereits zwei Termine stehen: ein Friseurbesuch bei Jaques de Paris, dem Friseur der Friseure in Portland, und ein Termin bei WixWax, einem Waxing-Studio. Beides in den nächsten Wochen. Und dann noch ein Gutschein für einen 50-Prozent-Rabatt in meinem Lieblingsschuhladen.

Ich streiche mir durch das lange dunkle Haar, das schon ewig keine Friseurschere mehr gesehen hat, und stelle mir verlegen meine stoppligen Beine und die Bikinizone vor.

»Die Zeit der Trauer ist vorbei. In deinem neuen Lebensjahr kannst du bei den Männern wieder voll durchstarten«, meint Patty zwinkernd und lächelt mich an.

»Aber erst einmal müssen wir die Hübsche hier etwas aufpolieren!«, sagt Monica gönnerhaft.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass sie mich insgeheim etwas belächelt, weil ich nicht halb so diszipliniert und perfekt bin wie sie. Aber jetzt hat sie definitiv recht, wenn ich an mein Spiegelbild eben in der Glasscheibe denke … Gruselig!

»Und dann vergisst sie den Arsch endlich mal!«, rutscht es Eve heraus. Sie schlägt sich sofort die Hand vor den Mund und erntet von den anderen böse Blicke.

»Aber … aber … das ist doch viel zu viel?!« Verlegen schaue ich auf den Berg Geschenke.

»Quatsch!« Patty winkt ab. »Für dich ist uns nichts zu teuer. Und damit du kein schlechtes Gewissen bekommst, den Gutschein für Jaques, WixWax und die Prozente im Schuhladen hat Eve den Mädels aus der PR-Abteilung abgeluchst. Die horten da alles Mögliche an edlen Geschenken und Goodies.«

Ich nicke erschlagen. Unserem Arbeitgeber, einem hippen Sportmodehersteller, geht es gut. Sehr gut sogar. Und ich bin stolz darauf, hier zu arbeiten. Auch wenn ich so sportlich bin wie eine Weinbergschnecke. In unseren Büros stehen Schaufensterpuppen mit den aktuellen Kollektionen bestückt. Sie sehen echt scharf aus und haben nacheinander meine Mädels motivieren können, regelmäßig an der größten Laufveranstaltung in der Region teilzunehmen, dem Portland Marathon im Oktober. Viele Kollegen aus dem Unternehmen laufen dort mit, wenn auch nicht alle die ganze Distanz. Unser Arbeitgeber sponsert die Klamotten und belohnt die Teilnehmer mit ein paar Tagen Sonderurlaub. Dafür führen die Mitarbeiter immer die neuste Kollektion vor.

Nur ich habe mich bisher erfolgreich gedrückt. Aber auf jedem Computer in den Büros zählt als Bildschirmschoner der Countdown zum Tag des Marathons herunter und macht mir beim Draufschauen ein schlechtes Gewissen. Ein schwitzendes Comicmännchen läuft auf einem Laufband, und die Zunge hängt ihm einen Meter aus dem Mund, sodass er fast drauftritt.

Könnte mir nie passieren. Ehrlich! Auf unseren Fluren ist es erlaubt, Skateboard oder auch Rollerblades zu fahren. Dabei kommt es immer wieder zu Beinahe-Zusammenstößen. Sport ist Mord. Und das ist der Beweis!

Monica öffnet inzwischen die dritte Flasche Sekt und ruft mir zu: »Das Beste kommt aber noch! Ein absolutes Spezialzusatzgeschenk!« Sie schiebt mir ein Kärtchen zu, und alle rufen begeistert: »Rock it, Baby!«

Zwei Stunden später stehe ich vollbeladen mit meinen Tabletts und Kuchenresten ein paar Blocks von der Firma entfernt an der Straße, während Eve mir ein Taxi heranwinkt. Die Mädels haben echt ins Schwarze getroffen mit ihren Geschenken, als ob sie meine Gedanken gelesen hätten.

Bis auf die Sache mit dem Zusatzgeschenk.

Als ob ich das nötig hätte! Ich packe das auch so.

»Hey, schau mal, da hält eins!«, ruft Eve mir aus ein paar Metern Entfernung zu.

Langsam drehe ich mich zu ihr um und versuche, nicht das Gleichgewicht und damit die Gewalt über die Stapel auf meinen Armen zu verlieren. Gar nicht so einfach, wenn auf dem Bürgersteig bestes Feierabendgedrängel herrscht und man ständig angerempelt wird.

Als ich das Taxi entdecke und losgehen will, stoße ich mit dem Schienbein gegen etwas Weiches. Meine Ladung verändert den Schwerpunkt und rutscht mir scheppernd von den Armen. Neben mir höre ich einen Hund erschrocken bellen.

»Mist!«, fluche ich leise und bücke mich nach den Tabletts.

»Tut mir leid. Warte, ich helfe dir!«, sagt ein Mann mit angenehm dunkler Stimme.

Als ich mich umdrehe, hockt ein Typ vor mir und hebt schon die Bleche auf.

Er sieht verdammt gut aus. Dunkle Haare, etwas länger und zerzaust, wie ich es gern mag, ein männliches Gesicht mit geschätztem Fünf-Tage-Bart und eine sportliche Figur.

»Sorry, hab wohl nicht aufgepasst.« Er schenkt mir einen Blick aus umwerfend blauen Augen und zeigt entschuldigend neben sich auf einen rehbraunen, wuscheligen Hund, der jetzt treu neben seinem Herrchen auf dem Bürgersteig sitzt und mich aus schwarzen Augen ruhig mustert.

Mein Blick sucht den von Eve. Siehst du, versuche ich, ihr per Gedankenübertragung zu signalisieren. Kein Zusatzgeschenk nötig, es fängt auch so gerade wieder für mich zu laufen an.

Sie steht keine zehn Meter von uns entfernt, unsicher, ob sie rüberkommen soll, und gibt dem Taxifahrer Zeichen, dass er warten soll.

Dann schaut sie zwischen mir und dem Typen hin und her und macht irgendwelche wirren Zeichen, die mir wohl sagen sollen, dass er ein Traumtyp ist, den ich mit dem Lasso einfangen muss. Dass sie ursprünglich aus Texas kommt, merkt man auch, wenn sie nicht spricht.

Ich drehe mich wieder zurück.

»Kann ich dir tragen helfen?«, fragt der Traumtyp.

Er steht so nah vor mir, dass ich ihn riechen kann. Männlich, sinnlich und irgendwie verwirrend. Sein Hund hat währenddessen unbemerkt begonnen, die letzten Kuchenkrümel genüsslich vom Gehweg zu schlecken.

»Äh … ja … ich meine, nein … Mein Taxi steht schon da vorn.« Ich deute auf das wartende Auto. Der Fahrer winkt mir ungeduldig mit einem griesgrämigen Gesicht zu. »Danke, muss los!«, rufe ich meinem Helfer zu, kriege verdutzt meine Sachen gereicht und sehe, wie Eve mit den Augen rollt.

Ich bin eben nicht so der Lasso-Typ.

Als ich im Wagen sitze und noch einen Blick durch die Scheibe auf den verdammt süßen Typen mit seinem knuffigen Hund werfe, ärgere ich mich über mich selbst. Das war doch der Moment für einen Neuanfang. Und ich habe ihn verpasst.

2

Heute ist der erste Tag seit Monaten, an dem ich es geschafft habe, ein paar Minuten nicht an Dave zu denken. Dieser verdammte Liebeskummer muss unbedingt ein Ende haben. Ich erkenne mich ja selbst kaum wieder.

Die Geschenke meiner Mädels und dass ich dann noch mit diesem süßen Typen zusammengestoßen bin, werte ich mal als gutes Zeichen. Vielleicht wendet sich mein Blatt ja gerade. Von wegen neues Lebensjahr und so. Hauptsache, ich muss nicht ihr Spezialgeschenk einlösen, denn das ist das Letzte, worauf ich Lust habe.

Aber dieses kleine Hochgefühl hält nicht lange an. Kaum schließe ich die Wohnungstür auf und balanciere Kuchenbleche, Geburtstagsblumen und Handtasche an der vor Jacken überquellenden Garderobe vorbei, um alles in der kleinen gemütlichen Küche abzuladen, ist sie auch schon wieder da: die Einsamkeit.

Mein Blick streift unruhig durch den Raum und sucht etwas, das mich auf andere Gedanken bringt. Auf schönere. Aber dieser Trick funktioniert nicht. Ich sehe den Backofen. Er verströmt noch den Geruch von Kakao, Zitrone, Mandelaroma und Vanille. Ein letztes Andenken an meine große Backorgie am Tag zuvor.

Leider sehe ich vor meinem inneren Auge auch, wie ich zum ersten Mal mit Dave in dieser Wohnung gekocht habe. Ich presse die Lider zusammen und versuche, die Bilder damit zu verdrängen.

Halt suchend gleitet mein Blick weiter zum Kühlschrank. Ein riesengroßes Ding, viel zu groß für mich allein. Aber Dave hat mich dazu überredet, ihn zu kaufen. Es ist eines dieser typischen Side-by-Side-Geräte mit Flügeltüren, Wasserspender, Eis-Crusher und einem Barfach, das man von außen öffnen kann. Der alte Kühlschrank funktionierte zwar noch, aber Dave fand den großen so toll und meinte, wir könnten doch schon einmal so ein Großfamiliending kaufen. Für später.

Dabei ist das Teil das Einzige, was die Harmonie in meiner sonst so wenig protzigen Küche stört. Meinem Kontostand tat es außerdem nicht gut. Zweitausend Dollar habe ich dafür bezahlt. Inzwischen weiß ich, dass es eine dumme Investition in meine vermeintlich rosige Zukunft mit Dave war.

Unser gemeinsames Foto habe ich schon längst von der Kühlschranktür entfernt. Trotzdem sehe ich es vor mir, als ob es dort noch hängen würde: Dave mit seinen blonden kurzen Haaren und den immer angespannten Gesichtszügen hat den Arm um mich gelegt. Ich lächle glücklich. Verliebt. Meine Haare wehen im Wind und umspielen mein rundes Gesicht mit den vollen Lippen und den großen Augen. Ich trage darauf ein helles Kleid, das mich etwas fülliger aussehen lässt, als ich bin; er eine dunkle Stoffhose und ein schwarzes Shirt, die ihn noch schlanker und athletischer scheinen lassen. Auch optisch waren wir Gegensätze.

Lenk dich ab, Belle! Du musst dich auf andere Gedanken bringen!, flüstert die leise Stimme der Vernunft nachdrücklich.

Er hat sich heute nicht einmal gemeldet, um mir zu gratulieren. Ich schaue auf die Uhr. Halb acht. Draußen wird es langsam dunkel. Ruft er noch an? Oder hat er mich vergessen? Meinen Geburtstag vergessen? Zu dem er mir noch vor einem Jahr einen großen Strauß Rosen geschenkt hat.

Na ja, an der Farbe der Blumen haben sich meine Mädels ganz schön gestört.

»Gelbe Rosen?«, kam es entgeistert von Eve, als ich ihr stolz von dem ungewöhnlich üppigen Strauß erzählt habe, wo Dave doch sonst ein Geizhals ist.

»Er ist sicher farbenblind und dachte, die wären rot«, versuchte Patty, zu beschwichtigen.

Nur Monica hielt den Mund. Und ich beschloss, ihr merkwürdiges Verhalten unter einem plötzlichen Anfall von akutem Neid abzutun. Der Neid der Single-Frauen. Eindeutig. Die drei waren damals solo und hätten sich sogar über ein vertrocknetes Gänseblümchen gefreut, wenn es vom Richtigen gekommen wäre.

Heute weiß ich, dass sie nicht neidisch waren, sondern ich nur naiv. Komisch, dass mir die Situation jetzt wieder einfällt. Aber die Grübelei bringt nichts.

Ich beschließe, das einzig Vernünftige zu tun: die Küche aufzuräumen, in der sich noch die Überbleibsel meiner Backorgie neben den leeren Blechen türmen. Aktivität lenkt ab, das hoffe ich jedenfalls.

Nachdem ich das zweite Blech abgetrocknet habe, klingelt auf einmal leise das Handy in der Handtasche.

Hab ich es doch gewusst! Er ruft an.

Sofort streife ich mir die Spülhandschuhe von den Fingern und greife blind in die Tasche.

»Hallo?!«, sage ich atemlos.

»Und, schon eingeloggt?«, höre ich Pattys fröhliche Stimme am anderen Ende.

Enttäuschung macht sich in mir breit. »Hallo«, sage ich lustlos.

»Was ist denn los? Du sitzt doch nicht etwa an deinem großen Abend zu Hause und bläst Trübsal? Ich dachte, du wolltest noch weg?«

Patty und die anderen denken, ich fahre heute Abend zu meinen Eltern zum Feiern. Meine Eltern glauben, ich wäre mit meinen Freundinnen unterwegs. Kleine Notlügen, da ich weiß, wie sehr das Verständnis meines Umfelds für meinen Liebeskummer und die kontinuierlich gedrückte Stimmung nach der langen Zeit geschrumpft ist.

Alle sagen mir, das wird schon wieder. Aber der gute Ratschlag ändert nun mal leider nichts daran, dass ich furchtbare Sehnsucht nach Dave habe.

»Du bist sicher auf dem Sprung, wollte nur mal hören, ob du dich schon online registriert hast«, sagt Patty, und ich höre es durchs Telefon leise rascheln. Höchstwahrscheinlich hat sie, während wir telefonieren, ihre knuddeligen Zwergkaninchen auf dem Schoß und krault sie ordentlich durch.

Für einen Moment weiß ich nicht, was sie meint, weil ich sie mit Taylor und Swiffi, so heißen die beiden rotblonden Fellknäule, vor mir sehe. Dann fällt es mir wieder ein.

Das Spezialzusatzgeschenk. Total nett gemeint, aber dennoch so überflüssig wie Schluckauf und hysterisches Kichern, wenn der Traummann ganz dicht vor einem steht. Es sei denn, er steht auf so etwas.

Ich krame die Geschenkschachtel hervor und öffne sie. Darin liegt das kleine Papierkärtchen mit den unheilvollen Wörtern.

Love Coach.

Ich starre es finster an.

Die Mädels haben mir einen Online-Kurs geschenkt. Sicher so ein Psycho-Ding. Das war ein Schlag in die Magengrube, auch wenn ich vor ihnen die Klappe gehalten und mich nett bedankt habe.

Steht es so schlimm um mich, dass ich einen psychologischen Berater brauche? Gehöre ich schon zu den schweren Fällen? Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass dieses Geschenk nicht nur zu meinem Besten sein soll. Will es mir subtil vermitteln, dass sich ihre unendliche Geduld, sich meinen Liebeskummer anzuhören, dem Ende zuneigt?

»Du, mach isch morgen«, nuschle ich und kaue auf ein paar Marshmallows herum. Ich mag ihr nicht sagen, dass mich ihr Geschenk kränkt. Nicht heute.

»Aber nicht vergessen, soll richtig toll sein. Das haben so ein paar Typen gegründet. Hier in Portland. So ein echtes Start-up, geht gerade durch die Decke.«

»Versprochen. Bin auf dem Sprung!«, flunkere ich mit schlechtem Gewissen ins Telefon und huste kurz, um von meiner Notlüge abzulenken.

»Du fährst aber jetzt nicht mehr mit dem Auto, oder?«, hakt sie besorgt nach.

»Werde ich nicht«, verspreche ich. Wie denn auch? Mein kleiner Fiat parkt noch zwischen den Fuhrparkwagen bei unserem Arbeitgeber.

Als ich an mein Auto denke, fällt mir plötzlich wieder der Typ beim Taxirufen ein. Und schlagartig bessert sich meine Laune ein wenig. Was brauche ich so einen Coach, wenn ich schon wieder jemanden gut finden kann? Auch wenn ich den wohl nie wiedersehe. Es ist ein Anfang, oder? So hilfsbereit war Dave nie. Er hätte mich die Bleche selbst aufheben lassen und noch meine Ungeschicktheit herablassend belächelt und mich mein kleines Dusselchen genannt.

Mein Fazit für heute: Es gibt anscheinend noch andere Männer. Nettere.

Patti und ich wechseln noch ein paar Sätze, und ich kratze nebenbei aus einer Muffinform die Reste.

Wenn das kein feiner Abend wird. Kuchenkrümel und Marshmallows. Dazu noch das Warten auf einen Geburtstagsanruf von Dave, zermürbendes Schwelgen in alten Erinnerungen und Selbstmitleid, vielleicht noch ein Gläschen Sekt zum Herunterspülen. Ein aufregender Geburtstag klingt anders.

Weil ich mir ein bisschen selbst auf den Geist gehe, greife ich, nachdem wir aufgelegt haben, doch noch einmal zur Karte des Love Coachs.

Rock your life!, steht in schreiend gelben Buchstaben auf einem blauen Hintergrund, der wie Meereswellen aussieht.

Ich drehe die Karte um. Neben einem Zugangscode und dem Namen der Webseite steht dort nur: Love Coach – Dein Liebeskummercoach! Rock it, Baby!

Was ist das für ein Mist?! Das ist keine Online-Therapie. Die Leute, die das verkaufen, brauchen selbst eine. Wie wollen die denn mit einem solch platten Auftritt Menschen mit verletzten Gefühlen helfen?

So verzweifelt bin ich noch nicht, dass ich das machen muss. Immerhin hat mir heute ein gut aussehender Mann geholfen. Es kann also noch nicht so schlimm sein – egal, was die anderen behaupten.

3

»Und?« Statt einer Begrüßung schiebt Monica ihren knackigen Jeanspo auf meinen Schreibtisch. Es ist Donnerstag. Also Tag drei nach der Geschenkübergabe meiner Freundinnen.

Sie schlägt die Beine übereinander. Beine, für die sie jede Frau beneidet, auch ich.

Sind die noch länger geworden, seit sie mit der Laufgruppe der Firma, in der auch Patty und Eve sind, mit dem Training für den Portlander Marathon begonnen hat? Wieso ist mein Umfeld nur so sportlich? Sollte ich den Job wechseln und in einem Donut-Laden arbeiten, wo es statt Rollerbahn im Büro für alle Beschäftigten gratis mit einer dicken Zuckerschicht überzogenes Gebäck gibt? Oder in einer dieser Cup-Cake-Factories mit bunt verzierten Kalorienbomben? Auf jeden Fall würde ich da wohl auf mehr Gleichgesinnte treffen, was meine Einstellung zu Sport angeht. Nur leider bin ich fest davon überzeugt, bei dem nettesten Arbeitgeber der Stadt mit den tollsten Kollegen zu arbeiten. Die Chance auf Verbesserung ist also gering.

An Monicas Füßen baumeln silberfarbene Rollerblades. Der letzte Schrei bei den Kollegen.

»Vielleicht schenke ich dir zum Geburtstag noch einen silbernen Schutzhelm dazu«, schlage ich ihr vor. »Sicher ist sicher …«

»Hört sich gut an, aber sag erst, was mit deinem Geschenk ist … dem Coach?«

»Bin noch nicht dazu gekommen.« Ich weiche ihrem prüfenden Blick aus. Meinen unterschwelligen Ärger über das Geschenk schlucke ich herunter und tue so, als ob ich etwas wahnsinnig Wichtiges in den Computer eingeben muss. Das kommt allerdings selten vor. Bei uns im Team geht es eher gemütlich zu. Monica leidet darunter und legt sich gerade richtig ins Zeug, um beruflich weiterzukommen. Sie gibt immer hundert Prozent. Im Job, beim Feiern und bei ihrem Aussehen. Ich liege eher so bei achtundfünfzigeinhalb.

»Mhm-mhm«, murmelt sie nur und verschränkt die Arme.

»Ich bin noch nicht so weit …«, gestehe ich ihr. Noch längst nicht. Darf ich den Kurs weiterverschenken, es ist doch nur ein Scherz gewesen, das Geschenk, oder?, betteln meine Augen stumm.

Mit streng zusammengezogenen Augenbrauen schüttelt sie den Kopf.

»Es wird super, du wirst sehen!« Unbemerkt hat Eve den Raum betreten und gesellt sich zu uns.

»Danke euch noch mal.« Ich versuche, ein letztes Mal auszuweichen. »Aber ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich brauche. Es wirkt so … so ungewöhnlich.«

Jetzt taucht auch Patty zwischen den beiden anderen auf. Alle drei schütteln synchron den Kopf und verziehen keine Miene.

»Morgen ist Freitag!« Patty schiebt sich mit beiden Händen die langen blonden Locken nach hinten und bindet sie zu einem Zopf. Sie sieht mit ihren eins fünfundsechzig und den wohlproportionierten Rundungen eher wie der Traum eines jeden amerikanischen Mannes aus als eine megasportliche Tierfanatikerin. »Du kennst doch die Zweiundsiebzig-Stunden-Regel?!«

»Ja, ja, ich tu es ja noch!«, antworte ich schuldbewusst.

»Morgen früh wollen wir Details!« Patty versucht, ein strenges Gesicht zu ziehen, was bei ihrem freundlichen und liebenswerten Wesen ein ungewohnter Anblick ist. Es gelingt ihr nicht ganz, der Versuch beeindruckt mich trotzdem.

»Sonst machen wir unser eigenes Liebeskummer-Programm mit dir, und das wird sich gewaschen haben!«, droht mir Eve – hoffentlich im Spaß – und tauscht nickend Blicke mit den anderen aus.

»Aber ich bin anders als ihr. Ich brauche länger …«, versuche ich es mit Argumenten.

»Ihr seid schon fast neun Monate getrennt«, sagt Patty vorsichtig und schaut mich mit ihren verständnisvollen dunkelbraunen Augen mitfühlend an.

»Acht!«, kommt es von mir blitzschnell, ohne nachdenken zu müssen. Schließlich zähle ich die Tage. Aber die zu nennen, wäre irgendwie peinlich.

»Vielleicht brauchst du auch ein Zwergkaninchen, etwas zum Liebhaben, das dich zusätzlich auf andere Gedanken bringt? Schade, dass Taylor und Swiffi beides Weibchen sind. Ich hätte dir gerne ein Junges geschenkt«, sagt Patty mehr zu sich selbst als zu mir.

»Hat er dich zu deinem Geburtstag angerufen?«, fragt Monica in einem Tonfall, als ob sie die Antwort schon wüsste.

»Noch nicht. Aber er hat auch immer so verdammt viel zu tun …«

»Irgendwie anders gemeldet?« Sie klingt kühl und geschäftig.

»Noch nicht …«, fange ich an, aber Eve unterbricht mich.

»Noch nicht? Selbst wenn er es vergessen hat, was ich nicht glaube, wie lange, meinst du, braucht der Idiot denn, bis es ihm wieder einfällt?«

Mir bleibt die Luft weg. Ganz schön hart, was sie da sagt. Mein Geburtstag ist doch erst drei Tage her.

»Äh … äh …«, kommt es nach einem Augenblick stotternd von mir.

Die anderen werfen sich komische Blicke zu.

»Ist was?«, frage ich irritiert.

»Nö!«, »Neee?!«, »Wieso?«, antworten sie verdächtig beiläufig.

»Was? Ist was mit Dave?« Entgeistert schaue ich in die Runde.

Alle schütteln schnell den Kopf. Etwas zu schnell für meinen Geschmack. Auffällig unauffällig.

Wir zucken alle vier zusammen, als unser Abteilungsleiter Mr. Burns plötzlich vor uns steht und auffordernd in die Hände klatscht.

»Okay, meine Damen, warum laufen eure Anrufbeantworter noch?«

»Ähm, es ist meine Schuld«, nehme ich den Fehler auf mich und schiebe reumütig hinterher: »Kommt nicht wieder vor!« Wenigstens heute nicht mehr, füge ich in Gedanken hinzu, denn ich will nicht unhöflich sein. Er ist ein feiner Kerl, der uns nicht mit unnötigen Aufgaben drangsaliert und uns unsere Freiheiten im Büro lässt, solange die Arbeit ordentlich erledigt wird. Und das wollen wir alle vier nicht aufs Spiel setzen.

Unsere kleine Versammlung löst sich augenblicklich auf. Ich tippe die Tastenkombination an meinem Telefon, um die entgangenen Gespräche abzuhören. Das Blut rauscht mir in den Ohren.

Was verheimlichen die drei mir?

4

»So, meine Liebe! Und jetzt zu Dave.« Kurz vor der Bürotoilette fange ich Patty auf dem Flur ab, der vor Kollegen nur so wuselt.

Wir weichen einem Skateboard-Fahrer aus, der seine Unterlagen in einem Rucksack durch die Gegend fährt. Es ist März, kurz vor der Freigabe unserer Herbstkollektion. Die Einkäufer, die Designer und die Produktionsleiter haben alle Hände voll zu tun, um letzte Änderungen auf den Weg zu bringen, damit die neuen Klamotten im Sommer in den Läden liegen. Und natürlich bewegen sich die meisten am liebsten auf ein paar Rollen durch die Flure. Ich sollte vorschlagen, Verkehrsschilder aufzustellen oder die eine oder andere Fußgängerampel. Aber jetzt habe ich Wichtigeres zu tun.

»Dave?« Patty sieht mich an. In ihren Augen liegt ein Ausdruck zwischen erschrocken und ertappt.

»Dave. Du weißt schon, der mit dem ich mal zusammen war«, versuche ich zu scherzen.

»Was soll mit ihm sein?« Patty macht den letzten Schritt auf die Tür zu und drückt die Klinke herunter.

»Das wüsste ich auch gern!«

Sie lehnt sich gegen die Tür, öffnet sie ein Stück und wirft voller Hoffnung einen Blick in den Raum. Aber da ist niemand, der sie vor unserem Gespräch retten kann.

»Mhm, na … na ja … Eve ist da etwas zu Ohren gekommen … Aber es ist nur ein Gerücht …«, druckst sie rum.

Bei ihren Worten läuft mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Irgendeine Vorahnung, die ich nicht so richtig greifen kann. Es liegt etwas in der Luft. »Und was für eins?«

»Ein ganz blödes, Belle. Höchstwahrscheinlich ist gar nichts dran.« Sie legt mir die Hand auf die Schulter und sagt mit warmer Stimme: »Es ist sicher nichts dran. Okay? Und wenn doch, dann sagen wir es dir. Ist das ein Deal?«

»Nein, eigentlich nicht.« Mein ganzer Körper ist steif, und ich habe das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. Ich hasse es, wenn jemand Geheimnisse vor mir hat. Besonders meine besten Freundinnen. »Rück damit raus, du weißt, dass ich nicht auf Geheimniskrämerei stehe.«

Patty holt tief Luft. Sie ist ganz blass. »Eve hat gehört, dass Dave heiraten will«, flüstert sie mit leiser Stimme.

Augenblicklich hört meine Welt auf, sich zu drehen.

Ich wünsche mir, genau jetzt von einem der Skateboarder umgemangelt zu werden und ins Koma zu fallen. In einen Zustand, in dem ich nichts mehr fühlen kann. Aber nichts dergleichen geschieht.

5

Mein Fahrstil gleicht dem einer Geisteskranken, als ich mit dem Auto zu Daves Wohnung fahre. Tränen strömen mir über die Wangen, und ich muss sie in regelmäßigen Abständen abwischen, um überhaupt etwas von der Straße vor mir zu sehen.

Ich habe mir bei Mr. Burns den Rest des Tages freigenommen, mein Urlaubskonto quillt sowieso über, und mit letzter Willensanstrengung habe ich die Tränen zurückhalten können, bis ich aus dem Gebäude raus war.

Daves BMW-Kombi steht nicht vor der Tür. Mein Handy liegt gut sichtbar in der Mittelkonsole, so als wolle es sagen: Ruf ihn an! Worauf wartest du noch?

Ich muss es wissen! Mein Herz rast wie nach einem Sprint, und ich bin kurz davor, zu kollabieren.

»Oh, hallo, Isabelle!« Er klingt überrascht, als ich ihn auf seinem Handy erreiche. Vorsorglich habe ich meine Rufnummer unterdrückt. »Herzlichen Glückwunsch nachträglich …«

Er hat meinen Geburtstag also nicht vergessen. Er sah einfach nur keinen Bedarf, mich anzurufen. Ich muss ein paar Mal schlucken, bevor ich sprechen kann. »Stimmt es?«, frage ich ihn mit tonloser Stimme.

»Was?« Er klingt betont unwissend.

»Wen heiratest du?«

»Äh …«

Es stimmt also. »Wen?«, wiederhole ich wie ein Roboter.

»So ist es nicht …«

»Wer ist es?« Der Roboter wird langsam zorniger. Ich höre mich an wie eine betrogene Ehefrau.

»Du … du kennst sie nicht …«, stottert Dave mit schlechtem Gewissen.

»Also ist es wahr?«, sage ich mehr zu mir als zu ihm.

»Hör zu«, meint Dave nach einer kurzen Pause, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt. »Ich kann es dir erklären!« Er klingt plötzlich irgendwie gehetzt.

»Wie habt ihr euch kennengelernt?«

»Ich kann jetzt nicht reden, ich bin bei einem Kunden, Bellilein«, weicht er mir aus. So ein Feigling!

»Nenn mich nie wieder so«, flüstere ich in den Hörer und lege auf. Ich schaffe es kaum, in der nächsten Parkbucht zu halten, bevor ich laut zu schreien anfange. Ich kriege mich gar nicht mehr ein und trommle mit den Fäusten auf dem Lenkrad. All meine Wut, Enttäuschung und Einsamkeit kommen in mir hoch. Die Nachricht über seine Hochzeit ist zu viel für mich.

Zwei ältere Damen in teuer aussehenden Mänteln klopfen an die Scheibe. Ich ignoriere sie und höre wie aus weiter Ferne, wie die eine zur anderen sagt: »Die Frau ist sicher Opernsängerin und stimmt sich für ihren Auftritt heute Abend ein.«

»Ja, ja«, pflichtet die andere ihr bei, »habe ich auch gehört, dass die so komische Geräusche von sich geben, wenn sie sich einsingen.«

Die beiden müssen halb taub sein, oder? Von etwas Melodiösem ist mein Wutgekreische meilenweit entfernt.

Den restlichen Tag verbringe ich zu Hause. Rufe Daves Freunde einen nach dem anderen an, um herauszufinden, wer sie ist. Die Neue. Eine Erklärung dafür zu finden, warum er sie will und nicht mich. Aber ich stoße auf eine Mauer des Schweigens. Kein Wunder, ich hatte immer das Gefühl, dass sie mich nicht mochten. Ich war ihnen zu unspektakulär, und wenn ich bedenke, welche Blicke sie Monica, Eve und Patty bei irgendwelchen Treffen zuwarfen, glaube ich, sie hätten sich eine von ihnen für Dave gewünscht.

Aber er hat sich nur die unsportliche Träumerin mit beschränktem Ehrgeiz und durchschnittlichem Aussehen geangelt. Manchmal beschlich mich während unserer Beziehung das Gefühl, dass es ihm wichtiger war, die Erbin eines renommierten Weinguts zur Freundin zu haben, als dass es ihm um mich ging. Als wäre meine Familie genauso ein Statussymbol wie gutes Aussehen und ein toller Job.

Leider bedeutet Dave mir immer noch etwas. Meine Wut kann die Sehnsucht nach ihm nicht völlig ersticken. Ich ärgere mich über mich selbst.

Als ich nach dem dritten Taschentuch greife, um meine Tränen zu trocknen, fällt mein Blick wieder auf die Karte, die noch auf dem Tisch liegt. Love Coach.

Es ist sicher der letzte Quatsch, aber was habe ich zu verlieren? Den Typen mit dem Hund sehe ich sowieso nie wieder, und vielleicht hilft es ja gegen das miese Gefühl, als Letzte herauszufinden, dass der Exfreund heiratet.

Kaum habe ich die Webseite aufgerufen, würde ich meinen Laptop jedoch am liebsten wieder zuklappen. Was ist das denn? Musik kommt aus meinem Gerät, während sich immer wieder der Schriftzug Rock your life auf dem Monitor vergrößert und wieder verkleinert. Wie ein schlagendes Herz.

Seriös sieht das nicht gerade aus, aber irgendwie … lustig. So als ob es kein Problem der Welt gäbe, das nicht leicht zu lösen wäre. In mir breitet sich ein Hauch guter Laune aus.

Nacheinander werden die Angebote der Seite eingeblendet. Love Coach – Der Liebeskummer-Coach, Flirt-Coach, Mach ihn verrückt nach dir in 6 Schritten, Soforthilfe für Sofasurfer. Ungewöhnliche Hilfe für außergewöhnlich coole Menschen, die ihr Leben rocken wollen.

Der Werbetexter des Unternehmens scheint es auf jeden Fall rockig zu mögen.

Ich gebe den Namen des Anbieters Love Coach Company in meine Suchmaschine ein. Sofort ploppen jede Menge Bewertungen auf. Das gibt es doch nicht. Die haben nur Bestnoten abgestaubt. So etwas gibt es doch nicht. Kein unzufriedener Kunde? Bin ich gerade einem Bewertungs-Fake auf der Spur?

Ungläubig schüttle ich den Kopf und klicke auf ein paar der Kundenstimmen.

Rockt!!!!!!, schreibt einer der Kunden, ein anderer: Hat mein Leben umgekrempelt, der Nächste: Als ob mich ein Man in Black geblitzdingst hätte – aller Liebeskummer weg!

Glaubt etwa einer, was da steht? Ich gehe wieder auf die Seite des Coachs. Jetzt erscheinen auf der Startseite zusätzliche Werbesätze wie: Wir garantieren, unsere Programme sind zu 100 Prozent unwissenschaftlich, zu 100 Prozent wirksam, und bei Nichtgefallen gibt es 100 Prozent Geld zurück.

Ich grinse, obwohl es mir so beschissen geht. Denn irgendwie klingt es nach Spaß, und den kann ich gerade wirklich gebrauchen. Trotz meiner Zweifel, ob der Coach bei mir wirkt, hole mich mir ein Glas Wein und setze mich wieder an den Laptop in der Küche.

Log-in blinkt mir in großen Lettern entgegen, und ich tippe meinen Gutscheincode von der Karte ein.

Einstiegsvoraussetzungen für den Liebeskummer-Coach:

Bist du der- oder diejenige, die verlassen wurde?

Du verstehst nicht, warum?

Dein Liebeskummer dauert schon länger, als die Beziehung gedauert hat?

Du leidest?

Deine Arbeit leidet?

Du bist dabei, deine Freunde zu verlieren, oder hast schon keine mehr, weil sie genervt von deinem Trauerkloßverhalten sind?

Deine Zimmerpflanzen sind verdurstet?

Dein Haustier hat sich wegen Vernachlässigung oder Überkuschlung zu deinen Nachbarn abgesetzt?

Ja, zu allem. Nur nicht zum Haustier. Allerdings sieht mein Sofakissen ziemlich mitgenommen aus.

Als Erstes werde ich nach einem Namen gefragt, mit dem ich angesprochen werden möchte. Belle tippe ich hastig ein, will schon auf den Weiter-Button drücken, da fällt mir auf, dass ich sicher anonym sein darf. Klasse! Denn es braucht keiner der mich kennt, wissen, wie es in Bezug auf Dave noch immer in mir aussieht.

Schluss jetzt!, schimpfe ich mit mir, stehe auf und gehe ins Badezimmer, wo ich mir einen prüfenden Blick im Spiegel zuwerfe. Das, was ich sehe, bin nicht ich. Will es nicht mehr sein, und wenn der Coach eine Chance ist, das zu ändern, na bitte!

An meinem Badezimmerspiegel klebt ein kleiner Aufkleber mit dem Spruch Superfüchsin forever. Er kommt von den Vormietern und lässt sich nicht abkratzen. Ich fand ihn immer ganz süß, weil in der Mitte das Motiv einer Comic-Füchsin mit einem riesengroßen Herz in der Hand prangt.

Superfüchsin, das ist es doch. Füchse sind schlau, weise, und das große Herz passt auch zu mir.

Als ich mir das Gesicht abtrockne, klingelt es an der Tür. Lillian, die über mir wohnt, steht im Hausflur. In einem wunderschönen Kleid und immer noch mit Gehhilfen. Genervt rollt sie die Augen.

»Kannst du mal?« Sie wedelt mit einer transparenten Perlon vor meinen Augen und zuckt mit den Schultern.

Seit sie sich den Fuß gebrochen hat, bin ich ihre Anziehunterstützung. Mein verheultes Gesicht scheint sie nicht einmal zu bemerken. Ich bin erleichtert darüber und bemühe mich, sie schnell wieder loszuwerden.

»Hab ein Date … Seit ich das Bein im Gips habe, reißen sich die Typen um mich, scheinen alle ein Helfersyndrom zu haben«, fängt sie an und will mehr erzählen, aber ich bin nicht in der Laune, mir ihre Erfolgsstorys anzuhören.

Ich will zurück zu meinem Coach. So gern wie ich sie mag. Ihr Leben besteht daraus, sich von reichen Typen aushalten zu lassen, die ihr teure Geschenke machen. Ob sie auch mal richtig arbeitet oder nur von Gelegenheitsjobs zwischen ihren Beziehungen lebt, weiß ich gar nicht.

Als sie weg ist, leere ich das Glas Wein und tippe meinen neuen Spitznamen in den Laptop ein.

Kaum drücke ich auf Bestätigen, erscheint auch schon ein kurzer Begrüßungstext.

Hey, Superfüchsin, aufgepasst! Wir rocken jetzt deinen Liebeskummer, bis er vom Hocker kippt und nicht mehr aufsteht! Einverstanden?

Also ein ausgebildeter Psychologe hat das wohl nicht geschrieben.

Als Nächstes folgt ein Test. Um den Grad meines Liebeskummers einzuschätzen.

Kann ich den nicht überspringen? Oder irgendwo unendlich eingeben? Denn das ist er. Er nagt an mir, zehrt mich auf, zieht mich runter, und es ist kein Licht in Sicht. Nach der Hiobsbotschaft von heute Morgen noch viel weniger als zuvor.

Aber Abkürzungen sind nicht erlaubt, und so mache ich weiter, meinem Spiegelbild zuliebe, in dem ich irgendwann mal wieder mich selbst erkennen möchte. Dabei schenke mir das zweite Glas Wein ein. Das hilft auch.

Danke! Du wirst zu deinem persönlichen Coach weitergeleitet …, wird mir mitgeteilt, und gleich darauf erscheint Rock it, Superfüchsin! Ich bin dein Love Coach auf dem Bildschirm.

Love Coach? Eigentlich ist er doch ein Liebeskummertrainer, oder etwa nicht?

Hallo, tippe ich halb motiviert. Ich hatte nicht mit einem Chat gerechnet. Love Coach? Bin ich überhaupt richtig?

Bist du. Bist du. Was geht?, schreibt der Coach.

Liest sich, als ob der ein Skateboard fahrender Teenie wäre. Na klasse. Der hat sicher ganz richtig Ahnung von den tiefen Gefühlen einer Frau Mitte zwanzig.

Was geht …? Sag mal, bist du fünfzehn oder so was?

Bin jung geblieben. Du etwa nicht?

Mhm.

Fangen wir noch mal an. Ich bin dein Love Coach. In den nächsten Wochen rocken wir dein ganzes bisheriges Leben so, dass du ein völlig neuer Mensch wirst. Einverstanden?

Vielleicht …, tippe ich zögernd.

Wie geht es dir?, fragt er.

Beschissen.

Das werden wir in den nächsten Wochen ändern. Wir haben eine Erfolgsgarantie!

Aha?!

Du bist von unserem Angebot nicht überzeugt?, werde ich gefragt. Das wird sich ändern, denn der Test hat ergeben, dass du nur stinknormalen durchschnittlichen Liebeskummer hast.

Wie bitte? Ich bekomme Schnappatmung, als ich seine Worte lese. Was bildet sich der Typ ein? Meine Welt ist zusammengebrochen, und heute wurden die letzten Mauern unter Trümmern begraben, als ich erfahren habe, dass Dave heiratet. Ich fühle mich so beschissen, dass ich es kaum aushalte, und das soll stinknormaler Liebeskummer sein?

Danke für deine Einschätzung, hab schon gedacht, es wäre etwas Schlimmes. Fühlt sich nämlich so an, schreibe ich ironisch zurück.

Glaub mir, du bist ein leichter Fall.

Kann ich mir nicht vorstellen …

Das macht nichts. Du musst nicht an unsere Analyse glauben, damit es funktioniert. Du musst dich bloß in den nächsten Wochen auf das hier einlassen, dich regelmäßig einloggen und deine Lektionen machen. Schaffst du das?

Kein Wort des Mitleids oder Verständnisses. Toller Coach! Ist der im wahren Leben Psychopath, oder warum zeigt der kein Mitgefühl? Ich will ihn schon fragen, aber das könnte unser Verhältnis unnötig belasten, deswegen schreibe ich nur: Bleibt mir ja wohl nichts anderes übrig?!

Ich sehe, du bist eine eher kritische Artgenossin … Bereit für ein bisschen Theorie?

Das ist ja wie in der Schule!

Theorie rockt aber nicht, merke ich an.

Kann aber helfen, deine Gefühle zu verstehen. Willst du das?

Wenn es sein muss, tippe ich ohne meine gewohnte Höflichkeit und schicke die Antwort los. Was soll’s auch? Ich bin anonym hier. Meine Motivation, Interesse zu heucheln, ist echt gering. Ich würde mal sagen: Augen zu und durch.

In den nächsten Minuten klicke ich mich schnell durch ein paar Textbausteine, die mir erklären sollen, was bei Menschen körperlich und psychisch passiert, wenn sie Liebeskummer haben. Nichts, was ich nicht schon wüsste. Ist ja gut und schön, dass die Hormone an meiner Krise mit schuld sind und dann auch noch negative Gedankenschleifen, aber wann geht es endlich wieder aufwärts?

Bereit für deine erste Lektion?, fragt mich mein Love Coach.

Mhm?!

Das ist ein Ja, oder? Also dann …

Mein Bildschirm bleibt kurz leer, dann kommt meine erste Lektion. Ein bunter Kasten, in dem steht:

Aufgabe 1

Lass deine Gefühle raus. Weine, jammere und trauere bei deinen Freunden und Bekannten um deine verflossene Liebe. Nimm dir Zeit dafür, mindestens zwei Wochen. Lass alles raus, was du fühlst. Ziel ist es, deine Emotionen offen zu zeigen, damit sie verarbeitet werden können. Unterdrückte Gefühle können Krankheiten auslösen.

Ist das ein Witz?, hämmere ich in die Tasten, als ich meine Lektion sehe.

Nein, wieso?, fragt mein Coach sofort zurück.

Lektion erledigt, schreibe ich.

Wann? In den letzten zehn Sekunden? Ein bisschen mehr Zeit solltest du dir schon nehmen, kommt es höflich zurück.

Rate mal, wieso ich diesen Kurs geschenkt bekommen habe? Ich habe mein gesamtes Umfeld offenbar schon so genervt, dass sie mir nicht mehr zuhören wollen. Die Aufgabe habe ich so was von erledigt! Was ist die zweite Aufgabe?

Okay, verstanden … Warte kurz …

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Viel Spaß!



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