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Louise und die Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38
  45. Kapitel 39
  46. Kapitel 40
  47. Kapitel 41
  48. Kapitel 42
  49. Kapitel 43
  50. Kapitel 44
  51. Kapitel 45
  52. Kapitel 46
  53. Kapitel 47
  54. Kapitel 48
  55. Kapitel 49
  56. Kapitel 50
  57. Kapitel 51
  58. Kapitel 52
  59. Kapitel 53
  60. Kapitel 54
  61. Kapitel 55

Über dieses Buch

Louise hat ihr ganzes Leben lang nach der Liebe gesucht. Jetzt ist sie neunzig Jahre alt, und sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Eines Tages schickt ihr ein unbekannter Absender ein Paket ins Altersheim. Darin: ihre alten Tagebücher. Louise weigert sich zunächst, das Paket anzunehmen. Doch es scheint, als wolle das Schicksal, dass sie sich ihr Leben noch einmal vor Augen führt. Schließlich gibt sie nach, und ihr Lieblingspfleger Fabio liest ihr vor, ein Buch nach dem anderen. Louise erlebt durch diese Bücher erneut ihr Leben mit allen Höhen – und den zahlreichen Tiefen. Und am Ende stellt sie sich zwei Fragen: Wer hat ihr das Paket geschickt, und ist ihre Suche nach der Liebe wirklich beendet?

Über den Autor

Marcel Vaarmeijer wurde 1963 in Amsterdam geboren und wuchs dort und in Enschede auf. Nach der Schule ging er zur Marine und arbeite bei Shell. Seit 1989 veröffentlicht er bereits Gedichte, Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Inzwischen arbeitet er als Autor und freier Journalist. »Louise und die Liebe« ist sein erstes Buch, das in Deutschland erscheint. Vaarmeijer lebt mit seiner Frau in Amsterdam.

Marcel Vaarmeijer

LOUISE und
die LIEBE

Roman

Aus dem Niederländischen von
Simone Schroth

»Sag mir, wo die Männer sind,
wo sind sie geblieben?«

Marlene Dietrich

1

Einen wunderschönen guten Morgen, Frau Veldman.«

Ihre Stimme schlägt wie eine Kanonenkugel in meinem Zimmer ein. Zwei Füße in Holzschuhen klappern laut über den Boden. Sie trägt Parfüm, ein billiges, penetrantes Parfüm; wahrscheinlich hat sie es von ihrem Mann bekommen.

Die Männer von heute wissen nicht mehr, wie sie einer Frau gefallen können. Billiges Parfüm, verwelkte Chrysanthemen, Schmuckstücke, die sich nach drei Tagen grün verfärben – viel mehr haben sie den Frauen nicht zu bieten, und viel mehr haben die auch nicht nötig.

Nachdem sie die Vorhänge mit einem unbeherrschten Ruck aufgezogen hat, beugt sie sich über mich.

Oberschwester Melissa – schon ihr zwingender Blick reicht aus, damit man aus dem Bett springt und sich beeilt. Aber die Jahre, in denen ich aus dem Bett gesprungen bin und mich beeilt habe, liegen weit hinter mir.

»Gut geschlafen, Louise?«, brüllt sie mich an, als wäre ich taub und senil. Das hat der Arzt irgendwann mal in meine Akte geschrieben. In Patientenakten steht eine ganze Menge. Tatsächliche Wahrheiten, unterstellte Wahrheiten, aus der Luft gegriffene Wahrheiten. Die letzte Kategorie scheint immer häufiger vorzukommen, vor allem in den Aufzeichnungen von Medizinern, die lieber Geiger oder Gemüsehändler hätten werden sollen.

Ich schaue ihr in die Augen. Blaugrau sind sie, wie der Himmel vor einem drohenden Unwetter.

»Im Jahr 1928 habe ich gut geschlafen«, antworte ich. »Maurice Ravel komponierte seinen Boléro, Graf Zeppelin unternahm seinen ersten Flug, und ich habe geschlafen wie ein Baby.«

Melissa grinst. Sie hat kurze gelbe Zähne. Zu viele Süßigkeiten und zu wenig Milchprodukte, von der Sorte gibt es hier noch mehr.

Mit einem bösartigen Kniff in meine Wange besiegelt sie das Ende der Nacht, das Ende der Dunkelheit, in der wir für ein paar Stunden vom Tumult des Alltags erlöst sind.

Verschwinden kann man am besten dort, wo wenig Platz ist: in Kleiderschränken, Berghütten, Weinkellern, Baumhäusern. Mein Verschwindeort ist mein Zimmer. Ein armseliger, praktisch eingerichteter Raum mit einer Fläche von viereinhalb auf fünf Metern, wo ich in aller Ruhe an meinem endgültigen Verschwinden arbeiten kann.

Als ich ins Heim gekommen bin, vor ungefähr sieben Jahren, haben sie mich in ein Zimmer mit drei anderen Patienten gesteckt. »Das ist das übliche Verfahren für Neuankömmlinge«, hatte die Direktorin erklärt. »Nur wenn Sie zu viel Unruhe verursachen, werden wir Sie in ein Einzelzimmer verlegen.«

Für diese Unruhe habe ich gesorgt, und zwar schneller als erwartet. Nachdem ich zwei Tage und Nächte durchgeschrien hatte, entschied man sich dafür, das in der Hausordnung detailliert beschriebene Verfahren zu verkürzen, und ich bekam mein eigenes Zimmer. Dort habe ich noch ein paarmal geschrien, nicht, um meine mentale Regression auf die Spitze zu treiben, wie ich das vorher getan hatte, sondern um dem Personal den Eindruck zu vermitteln, dass es richtig gehandelt hatte.

Die Beruhigungstabletten, die ich bekam, behielt ich genau so lange im Mund, bis die Schwester weitergegangen war und ich die Pillen unbemerkt in der Toilette herunterspülen konnte. Später wurden sie durch Tropfen ersetzt, und noch ein wenig später ließ man auch die weg. Jetzt nehme ich nur noch ein Schlafmittel für die tumultlosen Nächte, deren Träume meistens verschwunden sind, wenn ich aufwache.

Melissa zieht mir die Decke weg. Obwohl ich ein Nachthemd trage, bedecke ich instinktiv mit beiden Händen Brüste und Scham. Alte Gewohnheiten wird man nicht so schnell los. Es gab Zeiten, in denen ich es versucht habe, aber nach ein paar fruchtlosen Anstrengungen habe ich beschlossen, meine Gewohnheiten zu akzeptieren. Gefahr liegt immer und überall auf der Lauer. Über Monate kann sie sich verstecken, in Sträuchern, Bäumen, Häusern, bis die eigene Wachsamkeit nachlässt und die Gefahr einen an der Kehle packt. Dann weiß man, dass man unvorsichtig gewesen ist und die alten Gewohnheiten, so kindlich und unschuldig sie auch sein mögen, nie ablegen kann.

»Dann schauen wir doch mal, ob die Nacht ein großes Geschäft gebracht hat«, sagt Melissa, während sie mir das Nachthemd ein Stück hochschiebt und die Klebestreifen meiner Windel löst.

Ich will ihre Hände wegschieben, aber es ist zu spät. Die Windel öffnet sich, ich kneife die Augen zu. Sobald die Gefahr einmal zugeschlagen hat, braucht man einen Augenblick, um wieder zu sich zu kommen, den ersten Schreck zu verarbeiten. Dann kann man sich der Situation ergeben, in diesem Fall Melissas kalter Hand, die mir die feuchte Windel unterm Gesäß wegzieht.

»Kein großes Geschäft, Louise? Das ist schon der dritte Tag ohne, das muss ich melden.«

Melden, das tun sie hier gerne. Jede noch so kleine Unwichtigkeit, die sich im Heim ereignet, wird sofort gemeldet. Danach passiert nichts. Die Meldungen verschwinden in einem Buch, das Buch verschwindet in einem Schrank, und man geht zur Tagesordnung über.

»Kalte Hände haben Sie«, sage ich. »Halten Sie die in Zukunft erst mal in warmes Wasser, bevor Sie über mich herfallen.«

Melissa ist heute milde gestimmt. Lächelnd steckt sie die Windel in einen kleinen weißen Plastikeimer mit Deckel. Alle Schwestern im Frühdienst haben so einen Behälter bei sich, in dem sie unsere schmutzigen Windeln mitnehmen. Vom Inhalt wird natürlich Meldung gemacht, genau und detailliert.

»Ich werde dafür sorgen, dass Sie ein Mittelchen bekommen«, ruft Melissa, die den Eimer auf dem Boden abgestellt hat und sich die Hände an der Schürze abwischt. »Ein Mittelchen für das große Geschäft und eins für Ihren großen Mund.«

Mein großer Mund wird sicher auch sofort in einem Buch verschwinden. Von großen Mündern hält man hier nichts. Alles dürfen die Bewohner haben: die Grippe, Furunkel, Diabeteszehen, Blähungen zum falschen Zeitpunkt, aber ein großer Mund ist verboten.

»Sorgen Sie dafür, dass Ihre Hände nicht so kalt sind, Melissa. Kalte Hände erinnern mich an den Tod, und an den will ich noch nicht denken, zumindest vorerst noch nicht.«

Wieder wird mir in die Wange gekniffen. »Sie sind ein kleines Biest, Louise. Ich werde darüber hinwegsehen.«

»Und das Mittelchen?«

»Darüber werde ich auch hinwegsehen.«

Wenn man sich erst mal in einem so kleinen Zimmer befindet, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man verschwindet. Viel mehr als ein wenig Hingabe und Geduld braucht es nicht, um den Menschen um einen herum die Illusion zu vermitteln, man wäre nicht mehr da, verzogen an einen Ort, an dem einen niemand mehr erreichen kann.

Das Abbrechen jeglicher Kommunikation ist von großer Bedeutung. Kommunikation verbindet uns miteinander. Wer kommuniziert, existiert und wird nie auch nur in die Nähe des Verschwindens gelangen.

So ist meine Taubheit entstanden, meine vermeintliche Taubheit. Dass ich gar nicht mehr oder nur verwirrt auf das reagiert habe, was man mir mitzuteilen hatte, störte mein Kommunikationsvermögen erheblich.

Die Leute begriffen das schnell. »Louise ist taub«, sagten sie zueinander, »was soll man machen, in dem Alter.«

Nur ganz wenige ignorierten diese Feststellung und redeten unermüdlich weiter mit mir. »Sie sehen wunderbar gepflegt aus, meine Liebe. Kommen Sie aus einer reichen Familie? Reiche Menschen sehen immer gepflegt aus.«

Am besten ignoriert man diese quakenden Monster, dann geben sie die Sache früher oder später von selbst auf. Sollte das nicht der Fall sein, sind Schläge die ideale Lösung. Ein kräftiger Schlag ist in der Regel genug, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich ab und zu habe gehenlassen. Einmal war da ein Mann, der den ganzen Tag auf mich einredete; sogar durch die Flure des Heims folgte er mir und setzte sich vor den Toiletten auf den Boden, wenn ich mich dort in einer Kabine versteckte. Den habe ich ordentlich zusammengeschlagen – natürlich dort, wo es niemand sehen konnte, sonst hätte das eine Meldung nach sich gezogen.

Dement werden ist der zweite und zugleich letzte Schritt im Stören der Kommunikation. Wenn man die ganze Zeit nur Unsinn von sich gibt, haben die Leute es bald satt. Mit debilen Personen, die noch dazu taub sind, lässt sich nur mühsam quatschen. Als ich dieses Stadium erreicht hatte und mich alle ignorierten, konnte ich mich ruhigen Herzens in das Zimmer zurückziehen, das ich mir durch Schreien erobert habe und nie wieder hergebe.

Im Badezimmer werde ich auf einem orthopädischen Hocker gewaschen. Melissa kann auch lieb sein, wenn es nötig ist, vor allem, wenn sie einen Schwamm in der Hand hält und der Patient nackt und wehrlos auf einem Hocker vor ihr sitzt. Sie weiß, dass ich mich nicht wohlfühle, mich für meine Narben und Falten schäme. Darum bemüht sie sich, diese Erniedrigung für mich so angenehm wie möglich verlaufen zu lassen.

»Hat man Ihnen schon die Haare gewaschen, Louise?«

»Zweimal, meine Haare sind diese Woche schon zweimal gewaschen worden.«

»Dann lassen wir das heute weg, alles sieht noch gut aus.«

Mit einem warmen Wasserstrahl spült sie mir den Schaum vom Körper. Das ist der beste Teil des Gewaschenwerdens, der einzige, auf den ich mich freue. Fast fühle ich mich wieder wie ein Kind im Waschzuber. Mama gießt mir einen Eimer Wasser über den Kopf, und meine älteren Geschwister warten gelangweilt darauf, dass sie an der Reihe sind.

Abtrocknen und anziehen kann ich mich selbst. Ich könnte alles allein, aber zu viel Selbstständigkeit löst bei anderen Argwohn aus. Und ruckzuck landet man wieder in einem Vierbettzimmer und muss das ganze Theater von vorn abziehen.

Um Viertel vor neun sitze ich in vollem Ornat im Rollstuhl. Melissa hat mir das lange Haar zu Zöpfen geflochten und mit einem Gummi unten verschlossen. Sie tut das sehr gern, sagt sie. Sie hat früher einmal eine Ausbildung zur Friseurin absolviert, aber Menschen fertigzumachen lag ihr mehr als Menschen eine Freude zu machen.

Über den Flur werde ich zum Speisesaal gefahren. Ein wunderschöner Tag beginnt. Es wird ein Tag wie jeder andere werden, ein Tag mit einem Anfang und einem Ende, drei gesunden Mahlzeiten und einem Schritt in Richtung des Verschwindens, das ich jetzt innerhalb absehbarer Zeit vollziehen werde.

2

Ich war nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der ich keine Neigung zum Verschwinden hatte. Meine Jahre mit dem Jungen – oder besser gesagt: der Junge selbst – hielten mich vom Verschwinden ab.

Die Verantwortung für ein Kind setzt in einer Frau besondere Kräfte frei. Es gibt ein Leben, bevor man ein Kind zur Welt gebracht hat – und ein Leben danach. Das Leben davor besteht vornehmlich aus dem Erfüllen der eigenen Sehnsüchte. Hin und wieder findet man auch die Zeit, die Sehnsüchte anderer zu erfüllen, Sehnsüchte, die einen erschaudern lassen, Sehnsüchte, mit denen man sein Geld verdient, und Sehnsüchte, die man unendlich genießt, weil die Erfüllung der eigenen Sehnsüchte manchmal mit der der Sehnsüchte anderer zusammenfällt. Aber solche Augenblicke sind selten, und letzten Endes bleibt die Erfüllung der eigenen Sehnsüchte bei Weitem die wichtigste Motivation in einem Leben. Manche Menschen geben ihres jedoch völlig auf und stellen sich ganz und gar in den Dienst der anderen: der Obdachlosen, chronisch Kranken, hungrigen Kinder in armen Ländern, Sektenführer oder Wale. Zu dieser Sorte Mensch gehörte ich nicht. Mein Leben stand gänzlich im Zeichen meiner selbst und dem Erlangen von allem, was mein Herz begehrte. Und ich begehrte viel, ich war außergewöhnlich gierig, wenn es darum ging, mein Herz zufriedenzustellen. Mit derselben Inbrunst wie eine Nonne, die unaufhörlich ihre Gebete aufsagt und sich vor einem Kreuz die Knie wundscheuert, erfüllte ich die Sehnsüchte meines Herzens.

Die Ankunft des Jungen löste allerdings eine große Umkehr aus. Schon, als er noch in meinem Bauch war, hörte ich ihn rufen und spürte, wie meine Sehnsüchte, die mir so viel bedeuteten, sich langsam, aber sicher in nichts auflösten. Als die Geburt näherrückte, waren alle Sehnsüchte verschwunden, und ich wusste, dass sich mein Leben nur noch um eine einzige Person drehte: um den Jungen, meinen Jungen.

Eigentlich war ich zu alt, um noch ein Kind zur Welt zu bringen. Nachdem mich unser Hausarzt auf seinem Behandlungstisch untersucht hatte, hatte er gesagt: »Die Wechseljahre. In Ihrem Alter hört die Menstruation auf, und Sie können keine Kinder mehr bekommen.«

Erleichtert war ich nach Hause gegangen, um mich wieder ungebremst in die Erfüllung meiner Wünsche zu stürzen. Die wucherten noch immer in mir und forderten meine ganze Aufmerksamkeit. Aber drei Tage später, während ich meine Sehnsüchte durch einen Theaterbesuch erfüllte, spürte ich plötzlich eine merkwürdige Bewegung in meinem Unterleib. Die Vorstellung hatte gerade angefangen, und ich traute mich nicht, aufzustehen und mich mit rotem Kopf bis zum Ende der Reihe durchzuzwängen. Nach ein paar Minuten, in denen ich noch zweimal dieselbe Bewegung spürte, stand ich dann doch auf und bahnte mir hastig einen Weg zum Mittelgang. Die bösen Blicke der Zuschauer, die für mich Platz machen mussten, ignorierte ich, und den Scherz des Künstlers auf der Bühne über meinen plötzlichen Aufbruch nahm ich gar nicht richtig wahr.

Auf der Toilette hielt ich meine Hände lange unter kaltes Wasser. Mir war sehr warm geworden, und auf diese Weise hoffte ich, etwas Abkühlung zu finden. Währenddessen schaute ich in den Spiegel über dem Waschbecken. Mir blickte mein Gesicht entgegen, das Gesicht, das ich immer länger betrachtete, weil ich älter wurde und dementsprechend mehr Zeit brauchte, um mich zurechtzumachen. Aber diesmal wirkte es anders. Meine Augen, meine Wangen, mein Blick strahlten etwas aus, das ich sofort wiedererkannte und das mich mit Angst und Freude erfüllte. Der Arzt hatte sich geirrt – ich war nicht in den Wechseljahren, ich war schwanger.

Am selben Abend rief ich meinen Mann an. Er war viel unterwegs und übernachtete in billigen Hotels. Auf einem Zettel neben dem Telefon lag eine Liste mit den Telefonnummern. Die zweite war die richtige. Eine flämische Dame stellte mich durch, und nach viel Rauschen und Knacken hörte ich die Stimme meines Mannes. »Ist etwas passiert? Was ist denn los?«

»Ich bin schwanger«, sagte ich.

Mein Mann sagte nichts. Ich hörte, wie er Luft holte, wie ein Bett knarrte.

»Hast du mich gehört? Ich bin schwanger, wir bekommen ein Kind.«

Wieder Schweigen, dann sagte er: »Ich setze jetzt meine Brille auf. Ohne Brille kann ich mich nicht orientieren.« Er tat es und richtete sich im Bett auf. Es war Viertel vor zehn, am nächsten Morgen musste er wieder früh aufstehen. »Bist du schon beim Arzt gewesen?«

»Ja, am Montag. Er sagte, ich sei in den Wechseljahren, aber heute habe ich gespürt, wie sich in mir ein Kind bewegt hat. Schon sechsmal, dreimal im Theater, zweimal im Taxi und einmal zu Hause.«

»Du warst im Theater?«

»Bei Wim Sonneveld. Er hat sogar einen Witz gemacht, als ich aufgestanden bin und mich zwischen den Leuten zum Ausgang durchgezwängt habe.«

»Du kannst nicht immer und ewig ins Theater und ins Kino rennen, Louise. Irgendwann muss Schluss damit sein.«

»Ab heute ist Schluss damit.«

»Ab heute?«

»Ich bekomme ein Kind, darauf muss ich mich vorbereiten.«

»Du hast dich doch in deinem ganzen Leben noch nie auf etwas vorbereitet.«

»Freust du dich denn gar nicht?«

»Wenn du ins Theater oder ins Kino willst – darauf bereitest du dich immer vor. Und auf das Kaufen von Kleidung und Schuhen bereitest du dich vor, sogar sehr gründlich.«

Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden. Mein Körper machte sich schon für die Ankunft des Kindes bereit, ich hatte keine Zeit zu verlieren. »Warum freust du dich denn nicht? Du wirst Vater.«

»Ich bin schon Vater, ich habe zwei erwachsene Töchter und zwei Enkelkinder.«

Die Tränen liefen mir über die Wangen. Mit einem Taschentuch trocknete ich mir die Augen. »Aber ich nicht«, erklärte ich. »Ich habe keine Kinder.«

Mein Mann seufzte. Er schlug die Decken zurück und stellte mit einem Rumms die Füße auf den Boden. »Ich will, dass du morgen zum Arzt gehst.«

»Das hatte ich sowieso vor.«

»Ich will, dass er dich gründlich untersucht.«

»Darauf werde ich bestehen.«

»Wir müssen ganz sicher wissen, dass du schwanger bist.«

»Wirst du dich dann freuen – wenn ich es bin?«

»Ja, dann werde ich mich freuen. Dann kaufe ich eine Flasche Jenever und eine Schachtel Zigarren. Die Flasche trinke ich höchstpersönlich aus, und die Zigarren verteile ich unter den Nachbarn und allen Ladenbesitzern in der Straße. Alle Welt soll wissen, dass ich ein Kind bekomme, ein Mann von fünfundfünfzig Jahren mit einem Haarteil und einem Kind.«

Die Schwangerschaft verlief beschwerlich. Ich war zu mager, sagte der Arzt, mein Körper nicht in der Lage, ein Kind zu versorgen. Im fünften Monat wurde ich stationär aufgenommen. Ich war völlig erschöpft. Mein Magen konnte kein Essen mehr bei sich behalten, die Kraft war mir aus dem Körper geflossen, und in meinem Bauch verhungerte das Kind.

Mit löffelweise verabreichtem Brei und einer Infusion hielten sie mich am Leben. Ich wurde langsam ein bisschen kräftiger, wenn davon überhaupt die Rede sein kann.

Die Frau im Bett neben mir, die sich in der letzten Woche ihrer Schwangerschaft befand und jeden Moment ihr Kind bekommen konnte, gab mir ein Stückchen Schokolade. »Sie brauchen Hilfe«, sagte sie, »Hilfe von unten und Hilfe von oben. Ich werde für Sie beten.«

Ich dankte ihr. Die Schokolade schmeckte gut, und ein bisschen Unterstützung von oben konnte nicht schaden.

Nach acht Monaten setzten die Wehen ein. Mein Körper stieß das Kind ab. Ich musste es loswerden, sonst würden wir es beide nicht überleben.

»Können Sie pressen?«, fragte der Arzt.

»Rufen Sie meinen Mann an«, verlangte ich. »Jemand soll meinen Mann anrufen.«

Eine Schwester legte mir einen kalten Waschlappen auf die Stirn. »Sie müssen pressen«, sagte sie. »Wenn eine Wehe kommt, müssen Sie pressen.«

Das tat ich, zwölf Stunden lang. Mein Mann war inzwischen eingetroffen und saß auf einem Stuhl vor der Glasscheibe. Er trug seinen besten Anzug. Mein Mann besaß viele teure Anzüge, aber zu diesem Anlass hatte er seinen allerbesten angezogen. »In diesem Anzug habe ich geheiratet«, sagte er zwischen zwei Wehen. »Für mein Kind ist mir nur das Beste gut genug.«

Niemand hörte ihm zu. Ich wurde beinahe ohnmächtig, eine neue Schwester schlug mir auf die Wangen, der Arzt holte eine Zange herbei, und ein wenig später kam das Kind zur Welt.

»Ein Junge«, rief eine andere Schwester, »es ist ein Junge.«

Mein Mann war aufgestanden. Ich sah, wie er näher kam. Es war früh am Morgen. Er weinte. Während meiner Schwangerschaft hatte er ständig wiederholt, er hätte gern einen Sohn, dass er schon immer gern einen Sohn wollte. Diesen Sohn hatte er jetzt bekommen, und zum ersten Mal sah ich meinen Mann weinen.

»Sehr blass ist er«, flüsterte er mir ins Ohr, »aber er ist da, unser Junge.«

Wenn ich einen Wunsch freihätte, wenn ein gnädiger Engel aus dem Himmel herabsteigen würde, um mir einen Wunsch zu erfüllen, dann würde ich ihn darum bitten, die Uhr um vierzig Jahre zurückzudrehen, damit unser Junge ein wenig länger etwas von seinem Vater gehabt hätte.

Aber Engel habe ich hier noch nie gesehen, und Wünsche werden nur in Märchen erfüllt. Etwas mehr als ein Jahr nach der Geburt unseres Jungen wurde mein Mann krank, und anderthalb Jahre später starb er in demselben Krankenhaus, in dem er einmal in seinem besten Anzug geweint hatte.

Beim Begräbnis schneite es. Es war Februar. Ich trug einen Pelzmantel und drückte den Jungen fest an mich. Er schlief. Von der Beerdigung hat er nichts mitbekommen. Fünfhundert Leute waren erschienen, die meisten hatten mit der Arbeit meines Mannes zu tun. »Er war sehr beliebt«, sagte eine Frau in dem Saal, in dem der Trauergottesdienst abgehalten wurde. »Wie schrecklich für Sie und für das Kind.«

Nach der Bestattung, die wie ein unwirklicher Film an mir vorbeizog, fuhr ich in einem Taxi nach Hause und schloss alle Vorhänge. Ich wollte niemanden sehen und von niemandem gesehen werden.

Im Dunkeln glitten die Tage vorbei. Ich schlief kaum und aß Cracker mit Käse und Marmelade. Ich dachte über mein Leben nach, ich dachte über den Jungen nach. Ein Kind braucht zwei Eltern, zwei Boote, in denen es froh und ohne Sorgen aufwachsen kann. Wenn eines der Boote sinkt, hängt alles von dem anderen Boot ab. Es muss stark und verlässlich sein, sodass das Kind seine lange Reise ins Erwachsenenleben ohne Schwierigkeiten vollziehen kann.

Was blieb mir anderes übrig, als dieses Boot zu sein? Ich öffnete die Vorhänge, duschte und nahm das Kind, das sechs Tage auffällig ruhig in seinem Laufstall gesessen hatte, auf den Schoß. »Von heute an wirst du nicht mehr als unser Junge durchs Leben gehen, sondern als mein Junge«, sagte ich, »als der Junge, der seine Mama von ihrer Neigung zu verschwinden abhalten muss.«

Der Junge lachte. Er hatte weiße Milchzähne und blonde Locken. Ich hatte auch blonde Locken, aber ich lachte nicht mehr.

3

Das Frühstück nehme ich immer im Speisesaal zu mir. Wegen meiner empfindlichen Gesundheit habe ich ein Anrecht darauf, für alle Mahlzeiten auf meinem Zimmer zu bleiben. Mittags und abends esse ich schon seit Jahren dort, aber für das Frühstück verlasse ich mein Refugium. Der flüchtige Kontakt mit den anderen Bewohnern, die auch intensiv mit dem Verschwinden befasst sind, stellt noch eine ausreichend große Freude für mich dar, um die erste Mahlzeit des Tages außerhalb meines Verstecks zu mir zu nehmen.

»Früher hatte ich Zähne«, sagt Godfried Mandjes, »schöne weiße Zähne, mit denen ich zubeißen und angeben konnte. Jetzt habe ich ein schwarzes Loch im Gesicht, einen Löffel für den Brinta-Brei und einen Strohhalm für den Tee.«

Unsere Abteilung ist geschrumpft. Letztes Jahr gab es hier noch zehn Bewohner, nach der Grippewelle sind fünf übrig geblieben. Nach draußen können wir nicht, jedenfalls nicht allein. Nur in Begleitung einer Schwester oder eines Arztes dürfen wir das Heim verlassen. Manchmal auch mit einem Familienmitglied, solange man das meldet.

»Können Sie mir vielleicht ein Brot schmieren?«, bittet mich Sophia. Ihre Hände zittern so stark, dass sie das Besteck fast nicht halten kann.

»Gib dir keine Mühe«, sagt Tante Martha, »die Frau da ist stocktaub.« Tante Martha hat eine raue Stimme; sie hat viel geraucht und fünfzig Jahre in einer traditionellen Kneipe gearbeitet.

»Sind Sie wirklich taub?«, will Sophia wissen. »Haben Sie kaputte Ohren?«

Tante Martha hat eine Scheibe Vollkornbrot für Sophia genommen. »Was soll da drauf, Schatz? Ich habe nicht ewig Zeit.«

Sophia deutet auf ein Glas mit Erdnussbutter und auf ein anderes mit Erdbeermarmelade.

»Erdnussbutter und Marmelade«, sagt Godfried, der sich einen Tropfen Brinta aufs Kinn gekleckert hat, »dafür würde ich einen Mord begehen, für ein Brot mit Erdnussbutter und Marmelade.«

Ich nehme mir ein weißes Brötchen mit jungem Gouda. Meine Zähne sind auch weg, aber weil ich ein künstliches Gebiss habe, macht das nichts.

»Mein Sohn ist Oberst«, sagt Sophia. Sie nimmt ihr Brot und führt es zitternd zum Mund. »Oberst in Indien.«

»Dein Mann war Oberst in Niederländisch-Indien«, murmelt Opa Bussink, während er den sechsten Löffel Zucker in seinen Kaffee leert. »Dein Sohn ist Baumchirurg in Kanada.«

Sophia beißt von ihrem Brot ab. Die Bemerkung scheint sie gar nicht gehört zu haben.

»Mein Sohn ist ein faules Schwein«, brummt Tante Martha. »Mein Mann war auch ein faules Schwein, aber mein Sohn ist noch viel schlimmer.«

Godfried Mandjes kleckert sich einen Tropfen Brinta aufs Hemd. »Lieber ein faules Schwein als keine Zähne. Faule Schweine können wenigstens noch essen.«

Sie amüsieren mich, die Verschwinder. Ihr Jammern, ihr Widerstand, ihre hilflosen Versuche, dem immer näher kommenden Verschwinden zu entrinnen, stellen für mich eine angenehme Unterhaltung dar. Ich will mich nicht in düsterer Stimmung davonmachen, das würde meinem Leben nicht gerecht. Verschwinden ist eine ernste Angelegenheit, ein bisschen Abwechslung macht den Prozess leichter und den Abschied erträglicher. Ein zum Tode Verurteilter darf am Abend vor seiner Hinrichtung eine Mahlzeit seiner Wahl zu sich nehmen, egal, welches Verbrechen er begangen hat. Was spricht also dagegen, dass ich mir mein bevorstehendes Verschwinden mit einem unschuldigen Genuss leichter mache?

Neulich meinte Doktor Conraad, der Hauspsychiater, mit dem ich alle zwei Wochen ein Gespräch führe, dass die amüsanten Frühstücksunterhaltungen auch für mich einen Versuch darstellen, mich gegen das Verschwinden zu wehren. Zwar einen unbewussten, aber doch einen, über den es sich nachzudenken lohne.

Ich habe über seine Worte nachgedacht. Ich habe sie mit einem blauen Filzstift auf die Fliesen in meinem Badezimmer geschrieben. Es war ein wasserfester Stift, zwei polnische Reinigungskräfte haben einen ganzen Nachmittag gebraucht, um die Wörter wieder von der Wand zu schrubben, und Melissa hat die Sache gemeldet.

Während meines nächsten Gespräches mit Doktor Conraad erklärte ich: »Ihre Theorie ist Quatsch, ich wehre mich nicht gegen das Verschwinden. Fragen Sie doch die polnischen Reinigungskräfte, die haben Ihr Gewäsch von meiner Badezimmerwand geschrubbt. Vier Stunden haben sie dafür gebraucht. Als sie fertig waren, habe ich sie gefragt, ob da etwas dran sei, ob ich diese Behauptung an der Wand ernst nehmen solle. ›Nicht doch‹, sagte eine von ihnen, ›Behauptungen auf Wänden braucht überhaupt niemand ernst zu nehmen.‹«

Doktor Conraad schrieb in sein Notizheft, wie ich reagiert hatte. Zu Psychiatern kann man sagen, was immer man will. Das Berufsgeheimnis hält sie davon ab, Meldung zu machen. Für Mord- und Selbstmordpläne gilt das nicht, aber davon kann hier keine Rede sein.

»Königin Juliana war auch Baumchirurgin«, erzählt Tante Martha. »Sie dachte, Bäume wären Menschen. Später hat Prinzessin Irene Bäume umarmt. Diese ganze Familie ist ziemlich verrückt, das könnt ihr mir glauben.«

Mit einer Serviette wischt Melissa die Breiflecken von Godfried Mandjes’ Hemd und Kinn. Auf seiner Hose ist bestimmt auch etwas gelandet. Godfried Mandjes trägt immer fleckige Hosen. Ab und zu kaufen ihm seine Töchter eine neue Hose, weil sie sich für die ganzen Flecken schämen. Am nächsten Tag erscheint Godfried in seiner neuen Hose im Speisesaal und kleckert sie sofort wieder mit Breispritzern, Teetropfen und anderem Zeug voll, das ihm aus dem Mund fällt, weil er kein Gebiss hat.

»Mein Sohn hat Königin Juliana einmal auf ihrem Staatsbesuch in Indien begleitet.« Sophia leckt an ihrem Brot. Sie kaut nicht gern, aber sie mag Erdnussbutter und Erdbeermarmelade. »Er war ihr Adjutant.«

Opa Bussink rollt eine Käsescheibe zusammen und steckt sie sich in den Mund. »Dein Mann ist mit Juliana gereist. Es war ihr erster Staatsbesuch in Indonesien, und dein Mann war da zeitweise als ihr Adjutant angestellt.«

»Ich dachte, er war Oberst? Dein Mann war doch Oberst?« Godfried kleckert sich wieder einen Tropfen Brinta aufs Kinn. Diesmal reagiert Melissa schnell und wischt den Tropfen sofort weg.

»Genauso war es, meine Beste«, sagt Tante Martha. »Dein Mann war Oberst und der Adjutant von Königin Juliana. Zusammen haben sie mit Bäumen gesprochen, Prinzessin Irene hat ein paar davon umarmt, The Blue Diamonds sangen Ramona, und Prinz Bernhard lag mit Anneke Grönloh unter einer Kokospalme und hat mit ihr rumgemacht.«

Nächste Woche spreche ich Doktor Conraad wieder. Dann werde ich ihm mitteilen, dass ich seine Arbeitsweise für verwerflich halte und seine Dienste nicht länger in Anspruch nehmen möchte.

Auf die Wand in meinem Badezimmer werde ich schreiben: Sehr geehrter Herr Doktor Conraad, Sie sind ein Hund. Sie nagen an Knochen, an denen sich kein Fleisch mehr befindet. Sie stecken den Leuten Ihre Schnauze zwischen die Beine und riechen an ihrem Hosenstall. Sie pissen an Bäume und lassen Häufchen zurück, wo es Ihnen gerade passt. Sie beschnüffeln und bespringen Weibchen, ohne dass jemand darum gebeten hat. Sie bellen, auch wenn es dafür keinen Grund gibt. Sie stinken, und die Flöhe haben in Ihrem Fell ein ganzes Zirkuszelt aufgebaut. Ich schubse Sie zurück in Ihren Korb, da können Sie ungestört jaulen und zu sich kommen. Danach gibt es dann die Spritze, nur einen kleinen Pieks, und Sie werden friedlich einschlafen. Leben Sie wohl, Doktor Conraad, der Ofen brennt schon. Grüße und Küsse von Ihrer treuesten Verschwindekandidatin Louise.

Die polnischen Reinigungskräfte werden die Wand wieder sauberschrubben, Melissa wird eine Meldung schreiben, die Direktorin wird mich mit einem Besuch beehren und ihr Missvergnügen wegen meines rebellischen Benehmens zum Ausdruck bringen.

Die Medizin, die ich zur Strafe einen Monat lang werde nehmen müssen, wird bei mir Benommenheit und schlimme Träume verursachen. Mein Stuhlgang wird noch mühsamer werden, ich werde ein paar Pfund zunehmen und viel Wasser und Pflaumensaft trinken.

Sollen sie nur machen. Ich bestimme, wie und wann ich verschwinde. Ich habe keine Eile, und wenn ich es doch eilig haben sollte, finden sie mich schon von selbst.

»Kokospalme?«, fragt Sophia. »Kommen Sie zufällig aus Indien?« Sie hat ihr Brot abgeleckt. Auf Nase, Kinn und Wangen kleben Erdnussbutter- und Marmeladenreste.

Melissa braucht zwei Tücher, um alles abzuwischen.

»Ich komme aus einer Kneipe«, antwortet Tante Martha. »Da wehte es die Leute aus allen Himmelsrichtungen heran: blaue Kerle, braune Kerle, gelbe Kerle. Man kann sich gar nicht vorstellen, was ich alles gesehen habe.«

Als Melissa die Tücher in den Abfalleimer wirft, stecke ich mir schnell ein Käsebrot in die Tasche. Etwa um zehn Uhr bekomme ich oft Appetit, und zwar nicht auf einen Apfel oder einen Pfirsich, die schon seit Tagen in meiner Obstschale verschrumpeln, sondern auf etwas Herzhaftes. Käse ist herzhaft, und das Brot füllt mir den Magen. Für den Abend und die Nacht nehme ich auch gerne etwas mit: ein hart gekochtes Ei fürs Fernsehen, eine Packung Schokostreusel, wenn ich nicht schlafen kann. Die Schalen und die leere Packung werfe ich aus dem Fenster. Unter meinem Zimmer stehen Sträucher, dichte Sträucher voller Lügen und Geheimnisse.

»Das war im August 1971«, sagt Opa Bussink, »der erste Staatsbesuch unserer Königin in Indonesien. Juliana hatte einen komischen Hut mit Blumenmuster auf, und der Prinz trug seine Militäruniform. Prinzessin Irene war nicht dabei, also wird sie auch keine Bäume umarmt haben. Dass Prinz Bernhard mit Anneke Grönloh herumgemacht hat, halte ich nicht für ausgeschlossen. Der Prinz war sehr enthusiastisch, was das Rummachen betraf.«

Godfried Mandjes wirft ärgerlich seinen Breilöffel auf den Tisch. »Ich habe auch rumgemacht. Ich wohne in einem Irrenhaus, ich habe keine Zähne, und ich mache rum, als gäbe es kein Morgen.«

»Und Sie sind Baumchirurg«, ergänzt Sophia, »das ist auch nicht übel.«

Melissa wischt die Tropfen von Godfrieds Hemd. Den Teller mit Brinta, der noch lange nicht leer ist, nimmt sie mit.

Sophia drückt sich die abgeleckte Brotscheibe vor die Stirn. »He, wer hat da das Licht ausgemacht? Ist eine Sicherung rausgeflogen?«

Tante Martha nimmt Sophia das Brot vom Gesicht und wirft es über die Schulter nach hinten. »Die blauen Kerle haben sie ganz gemein betrogen. Die braunen auch, aber nicht so schlimm wie die blauen. Da hätte Juliana etwas unternehmen müssen, statt bescheuerte Blümchenhüte zu tragen. Dann hätte ich auch noch ein kleines bisschen Respekt für die Frau – wenn sie den armen Kerlen aus Indien geholfen und Bernhard mal ordentlich an den Eiern gepackt hätte.«

4

Fabio ist aus dem Urlaub zurück. Er ist braun geworden, seine Finger sehen aus wie Zimtstangen.

»Wo ist mein Schatz? Wo ist mein Mädchen?« Mit ausgebreiteten Armen kommt er auf mich zu und gibt mir vier Küsse, zwei auf jede Wange.

Ich fasse ihn bei den Ohren. Ich schaue ihn mir gut an. Dann lasse ich ihn los. Er riecht nach Knoblauch und Aftershave, ekligem Aftershave.

Fabio lässt sich neben mir nieder. Ich sitze noch im Rollstuhl. Auf dem Tisch steht ein Glas Tee; Melissa hat es gebracht. Daneben liegen zwei Pillen, die meinen Stuhlgang in Schwung bringen sollen. Es gibt auch Pillen für die Stimulation der Lebensfreude. Opa Bussink und Tante Martha nehmen sie täglich ein. Godfried Mandjes will nichts davon wissen. Lebensfreude ist eine Erfindung, sagt er, und Erfindungen kann man nicht stimulieren.

»Warum läufst du immer wieder weg, Fabio? Liebst du mich nicht mehr? Läufst du deshalb vor mir davon?«

Fabio gibt mir noch einen Kuss. Wenn ich böse bin, verteilt Fabio Küsse. Damit vertreibt er alles Bösesein. Auch wenn ich nicht böse, sondern gut gelaunt bin, verteilt Fabio Küsse, aber nie so viele wie in den bösen Zeiten.

»Ich laufe doch nicht weg, Louise. In Gedanken bist du immer bei mir. Daran musst du denken, wenn ich gerade nicht da bin: daran, dass du Tag und Nacht in meinen Gedanken bist.«

»Ich will nicht in deinen Gedanken sein, ich will, dass du hierbleibst.«

Ich bekomme meinen sechsten Kuss. Fabios Lippen riechen nach Anis. Er hat sich etwas draufgeschmiert, einen fetten Balsam gegen trockene Lippen und Sonnenbrand.

Auf dem Boden neben seinem Stuhl steht eine Plastiktüte mit Geschenken. Wenn Fabio mich verlässt, sei es für ein Wochenende, eine Woche oder einen längeren Urlaub, bringt er immer Geschenke mit. Er weiß, wie er meinen Schmerz lindern kann, wie er meine Vorwürfe zum Verstummen bringt. Fabio weiß alles, vielleicht sogar mehr, als mir lieb sein kann. Er liest in mir wie in einem Buch, er schaut durch mich hindurch wie ein Röntgenapparat. Meine Lügen, meine kleinen Dramen, meine Wehwehchen, alles, mit dem ich alle anderen reingelegt habe – nur Fabio weiß, wie es wirklich damit aussieht. Aber er meldet es nicht. Fabio macht nicht gern Meldung. Auch wenn ich bald mein Verschwinden vollbracht haben werde, wird er es nicht melden. Das haben wir so abgesprochen: Er wird sich zu mir ans Bett setzen und mir mit einer Hand übers Haar streicheln, ganz sanft, als ob ich schlafe, ganz tief schlafe.

Als Fabio Bonasera vor fünf Jahren mit seinem klappernden Kaffeewagen in mein Zimmer kam, hatte er noch kein Diplom. Eine Uniform trug er zwar, aber seine Ausbildung hatte er noch nicht abgeschlossen.

»Bist du Türke?«, fragte ich. »Du siehst aus wie ein Türke.«

Er lächelte und reichte mir die Hand. »Ich heiße Fabio Bonetti, und ich bin Italiener.«

»Du sprichst aber nicht wie ein Italiener.«

»Ich bin hier geboren. Mein Vater kommt aus Padua, meine Mutter aus Turin. Mein Vater war Gastarbeiter. Jetzt wohnen meine Eltern wieder in Italien. Sie konnten sich nicht an das Klima und die Atmosphäre in den Niederlanden gewöhnen.«

Ich schaute ihn an. Er hatte etwas Liebes an sich, etwas, das einen für ihn einnahm und das man bei den anderen Pflegekräften kaum spürte.

»Angenehm, Fabio Bonasera. Ich bin Louise.«

»Bonetti«, erwiderte er höflich, »mein Name ist Fabio Bonetti.«

»Ich finde Bonasera schöner. Das bedeutet ›Guten Abend‹. Der Abend ist der beste Teil des Tages, daran will ich erinnert werden, wenn ich dich sehe.«

»›Guten Abend‹ heißt ›buona sera‹, nicht ›bona sera‹.«

»Ich hätte gern ein Glas Apfelsaft. Hast du Apfelsaft dabei?«

Fabio holte einen Tetrapak Apfelsaft von seinem Wagen und schenkte mir ein Glas ein. Solche Tätigkeiten müssen alle Neulinge ausführen: die Flure wischen, Betten machen, Badezimmer putzen und Getränke austeilen. Später, wenn sie in der Ausbildung ein wenig weiter fortgeschritten sind, dürfen sie auch pflegerische Handlungen verrichten, und zwar unter der Überwachung von jemandem mit Diplom.

»Bonasera ist übrigens ein Vorname«, sagte Fabio. Er hatte das Glas auf den Nachttisch gestellt.

Ich lag auf dem Sofa unter einer Decke. Es war kalt in meinem Zimmer. Man musste sparen, und die Heizkosten mussten gedrückt werden.

»Schön, Fabio. Wann kommst du wieder?«

»In einer Stunde, dann muss ich Ihr Zimmer saugen.«

Fabio macht die Plastiktüte auf, und das erste Geschenk kommt zum Vorschein.

»Was ist denn da drin?«

»Etwas Leckeres. Mach’s nur auf.«

Ich zerreiße das schöne Papier und schaue mir die Dose Bonbons an, Limoncellobonbons. »Hast du die den ganzen Weg aus Italien mitgebracht?«

Fabio nickt und gibt mir das nächste Päckchen.

Jedes Jahr in den Sommerferien reist Fabio mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn nach Italien. Sie mieten einen kleinen Wohnwagen und fahren viertausend Kilometer, um seine Eltern zu besuchen. Im Wohnwagen gibt es einen Kühlschrank für meine Bonbons. Manchmal habe ich den Verdacht, dass Fabio das Wohnmobil für mich mietet, damit die Bonbons nicht schmelzen, aber der ist haltlos. Fabio hat solche Fahrten schon gemacht, bevor er mich kannte. Er fliegt nicht gern, und ein Auto findet er zu eng für eine so lange Reise.

»Oh, ein Parfum«, sage ich gespielt überrascht. Jedes Jahr bringt mir Fabio das gleiche Parfum mit. Auf meinem Frisiertisch steht die alte Flasche. Ich gehe sparsam damit um. Wenn ich es dreimal pro Woche verwende, komme ich ein Jahr damit aus.

Nach einer halben Stunde sind alle Geschenke ausgepackt. Der ganze Tisch ist voll. Ich bin schon seit dreißig Jahren nicht mehr in den Urlaub gefahren, aber wegen der Geschenke von Fabio kommt es mir vor, als wäre ich kurz wieder in Italien.

»Du hast mich wirklich verwöhnt, ich verdiene es nicht, verwöhnt zu werden.«

»Und darum habe ich dich verwöhnt«, sagt Fabio, während er die Plastiktüte zusammenfaltet. »Leute, die es nicht verdienen, müssen ganz besonders verwöhnt werden.«

Wir schauen einander an. Fabio legt mir eine Hand aufs Knie. Ich schließe die Augen und nehme den Geruch der engen Straßen von Genua wahr, vom Strand von Positano, der Olivenbäume auf Stromboli.

Gegen seinen neuen Namen hat sich Fabio nicht lange gewehrt. »Sie können mich gern Bonasera nennen, ich mag den Abend auch. Tagsüber gibt es nur Hektik und Lärm, am Abend ist dann Raum für Ruhe und Vergnügen.«

Was als zurückhaltendes Kennenlernen begann, wurde schnell zu einer engen Freundschaft. Fabio fühlte sich in meiner Nähe wie zu Hause, gestand er mir nach ein paar Wochen. »Sie sind so anders als die anderen Patienten.« Ich sagte, ich sei keine Patientin, sondern eine Verschwinderin, und er müsse mir regelmäßig die Füße massieren. Das hat er auch getan. Außer dem Abend liebt Fabio auch Füße. »Die Füße sind die edelsten Körperteile eines Menschen, und Ihre Füße ganz besonders.« Ich bestätigte seine Worte, vor allem den zweiten Teil. Mein Körper war in einen ernsten Zustand des Verfalls geraten. Mit jedem Bereich war ich unzufrieden, nur mit meinen Füßen nicht, denn denen schien die Zeit nichts anhaben zu können. So oft er konnte, massierte mir Fabio die Füße. Am Anfang hatte er viel zu tun und kam oft nicht weiter als ein paar Handgriffe. Als er sein Diplom hatte und mehr Zeit mit mir verbringen konnte, wurden die Massagen länger. Wenn ich auf die Jahre zurückschaue, in denen ich Fabio Bonasera kenne, denke ich, dass meine Füße in unserer Freundschaft eine entscheidende Rolle gespielt haben. Unsere Gespräche waren auch wichtig, aber das Massieren meiner Füße gab den Ausschlag.

»Und ich will, dass du mich duzt«, erklärte ich. »›Sie‹ oder ›Frau Veldman‹ will ich nicht mehr hören.«

»Was willst du denn dann hören?«

»Freundliche Worte. Von Beleidigungen habe ich genug, ich brauche freundliche Worte. Steht mir das im Angesicht des Todes nicht zu?«

»Ich werde immer freundliche Dinge sagen«, versprach Fabio, »ich werde dich mit freundlichen Dingen überschütten, das steht dir zu, und ganz bestimmt im Angesicht des Todes.«

Mit einem Schluck Tee nehme ich die Abführpille ein. Meine Verdauung muss wieder in Gang kommen, sonst folgen drastische Maßnahmen.

Fabio packt die Geschenke weg. Fast alles verschwindet in der untersten Schublade des Frisiertischs. Im Heim wird viel herumgeschnüffelt und gestohlen, aber in die untersten Laden und Schrankteile schauen die Leute nie. Dafür muss man sich bücken, und wenn man sich bückt, wird man müde. Die Limoncellobonbons und ein Fläschchen Birnenwein kommen in den Tischkühlschrank in meiner kleinen Küche. Nicht in allen Einzelzimmern gibt es einen Kühlschrank. In der Hausordnung steht, dass das verboten ist, man aber Ausnahmen machen kann, wenn die Bewohner keine Gefahr für ihre Umgebung darstellen. Zu dieser Gruppe gehöre ich. Ich stelle keine Gefahr mehr für meine Umgebung dar und lutsche bei hohen Temperaturen gern auf einem Eiswürfel herum.

»Wann wirst du wieder weglaufen? Wann lässt du mich wieder im Stich?«

Es ist spät, Fabio ist lange in meinem Zimmer gewesen und muss jetzt unbedingt zu den anderen Bewohnern.

»Fürs Erste werde ich nicht weglaufen, Louise. An Weihnachten kommen meine Eltern zu uns.« Er gibt mir noch einen Kuss auf die Wange, einen langen diesmal, als könnte er sich damit freikaufen.

»Eines Tages laufe ich von dir weg, Fabio Bonasera. Denk an meine Worte: Eines Tages wirst du derjenige sein, der verzweifelt zurückbleibt.«

»Rede doch nicht solches Zeug, Louise.« Fabio steckt sich die zusammengefaltete Plastiktüte in die Tasche und nimmt mich an beiden Händen. »Ich laufe dir nicht weg und du läufst mir nicht weg. Abgemacht?«

Es gefällt mir nicht, dass Fabio mich nicht ernst nimmt, aber er hat mich heute verwöhnt, darum sage ich: »Abgemacht.«

5

Nicht lange, nachdem er seinen Vater verloren hatte, wurde mein Junge krank. Er hatte Fieber, war müde und klagte über Bauchschmerzen. In der Toilette entdeckte ich Durchfallpfützen mit einer beunruhigenden Farbe.

Der Hausarzt ließ die Exkremente untersuchen und rief mich zwei Tage später an. »Ihr Sohn muss sofort ins Krankenhaus«, teilte er mir mit. »Ich habe gerade mit einem Spezialisten gesprochen; in einer Viertelstunde wird Ihr Sohn abgeholt.«

Vor Schreck griff ich nach den Zigaretten in meiner Schürze, steckte mir eine an und nahm einen tiefen Zug. Während der langsam verlaufenden Krankheit meines Mannes hatte ich wieder zu rauchen angefangen und noch nicht die Kraft gefunden, wieder damit aufzuhören. »Krankenhaus? Haben Sie Krankenhaus gesagt?«

»Ja, Krankenhaus«, bestätigte der Hausarzt. »Ihr Sohn ist sehr krank, wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Ich nahm noch einen Zug und blies den Rauch mit einem Seufzer aus. »Keine Zeit verlieren? Was ist los mit meinem Jungen? Wird er sterben? Wird man mir wieder einen geliebten Menschen wegnehmen?«

»Wenn wir uns jetzt beeilen, wird man Ihnen gar niemanden wegnehmen.«

Mir war schon sehr viel weggenommen worden. Mit diesem Fluch musste ich mich ganz offensichtlich abfinden: dass man alles Schöne und alles, was ich liebte, aus meinem Leben wegreißen würde. Hin und wieder passiert das vielen Menschen, aber niemandem so oft wie mir. Ich war zur Welt gekommen, um ganz und gar ausgeplündert zu werden. Alles, was ich liebte, alles, was mich froh machte, alles, was mir etwas bedeutete – früher oder später würde man es wie Unkraut aus meinem Leben reißen.

Im Krankenhaus brachte man meinen Jungen in einem kleinen Zimmer unter. Ich musste draußen auf dem Flur bleiben und konnte durch ein Fenster nach ihm schauen. Er trug einen Krankenhausschlafanzug; seinen eigenen hatte eine Krankenschwester mitgenommen.

Ich klopfte mit den Fingernägeln gegen die Scheibe. Mein Junge lag unter den Decken und wandte mir langsam das Gesicht zu. Er tat sein Bestes, um zu lachen. Mein Junge hatte immer sein Bestes getan, um zu lachen. Auf diese Weise beruhigte er mich, auch wenn es gar nichts gab, worüber ich mich beruhigen musste.

Ich nickte und warf ihm drei Handküsse zu. Er lachte wieder. Dann drehte er den Kopf weg und schloss die Augen.

»Paratyphus«, erklärte der Spezialist, »Ihr Sohn hat Paratyphus.«

Wir saßen einander an seinem Schreibtisch gegenüber. Der Spezialist war Belgier, Niederländisch sprach er mit einem charmanten Akzent.

»Was ist Paratyphus, Herr Doktor?«

Der Spezialist nahm seine Lesebrille ab. Ich sehnte mich nach einer Zigarette.

»Paratyphus ist eine Darmkrankheit, die durch ein Bakterium verursacht wird. Hier bei uns kommt diese Krankheit nur selten vor. Hat Ihr Sohn vielleicht etwas Komisches gegessen?«

»Etwas Komisches?«

»Hat er Dreck vom Boden aufgehoben? Kleine Kinder machen das; die stecken sich doch alles in den Mund. Hat sich Ihr Sohn irgendetwas Komisches in den Mund gesteckt?«

»Mein Sohn steckt sich nie etwas Komisches in den Mund.«

Der Spezialist schob die Lesebrille in die Brusttasche seines Kittels. »Wie auch immer, Ihr Sohn hat Paratyphus und wird bis auf Weiteres in einem Isolierzimmer bleiben müssen. Sie dürfen ihn jeden Tag besuchen, aber Sie müssen hinter der Scheibe bleiben. Diese Krankheit ist sehr ansteckend. Sie müssen Ihr Haus mit Bleichmittel und Seifenlauge reinigen, vor allem die Toilette und die WC-Brille. Alle Kleidungsstücke, die Ihr Sohn bisher getragen hat, müssen weggeworfen werden, und das Bettzeug auch. Hier ist ein Zettel, auf dem alles steht. Gehen Sie auf Nummer sicher, lieber zu viel sauber gemacht als zu wenig.«

Auf dem Weg nach Hause rauchte ich fünf Zigaretten. Ich war den ganzen Weg zu Fuß gegangen. Wir hatten eiskaltes Wetter, und der Wind blies mir böse ins Gesicht. In der Tasche hatte ich den Zettel mit den Instruktionen. Ich nahm mir vor, meinen Jungen jeden Tag zu besuchen. Wenn er die Augen aufmachte, sollte er das Gesicht seiner Mutter sehen können. Er musste wissen, ich würde es nicht zulassen, dass man ihn aus meinem Leben riss. Ich würde ihn festhalten, ganz fest, genau so lange, bis ich ihn wieder gesund mit nach Hause nehmen durfte.

Wie eine Besessene fiel ich über das Haus her. Mit einem Eimer Seifenlauge und einer Flasche Bleichmittel putzte ich zweimal die Toilette. Die Brille schraubte ich ab und ersetzte sie durch eine neue. Das Zimmer meines Jungen, wo die meisten Bakterien waren, räumte ich fast ganz aus. Seine Kleidungsstücke, seine Teddybären, sein Bettzeug, seine Spielsachen und der Teppich, alles landete in Müllsäcken. Den Holzfußboden und die Möbel säuberte ich akribisch mit Bürsten und Lappen. Die anderen Zimmer im Haus putzte ich auch. Am Ende reinigte ich mich selbst mit einem Glas Jenever – mein Mann hatte ihn kurz vor seinem Tod trinken wollen, um ein letztes Mal das Leben zu feiern, dazu aber nicht mehr die Gelegenheit gehabt.

In den kommenden Tagen wollte ich noch Gardinen und Vorhänge waschen, die Fenster putzen und alle Pflanzen wegwerfen, an denen mein Junge geleckt hatte. Der Spezialist hatte recht: Kinder steckten sich einfach alles in den Mund. Mein Sohn tat das nie, aber er leckte an Dingen. Was andere Kinder mit den Händen machten, tat er mit der Zunge. Der Geschmack eines Gegenstandes war ihm wichtiger als die Form. Ich vermutete, dass er sich die Krankheit geholt hatte, indem er an etwas geleckt hatte, auf dem sich das gefährliche Bakterium befand. Jahre später würde er zugeben, dass es ein Würstchen gewesen war, das er auf der Straße gefunden hatte – oder etwas, das aussah wie ein Würstchen.

Seine Genesung dauerte sechs Wochen. Der Schnee war inzwischen geschmolzen, und die ersten Krokusse blühten.

Ich holte meinen Jungen mit einem Taxi ab. Zum Laufen war er zu schwach. Der Paratyphus hatte ihn kahl gefressen; ich erschrak, als ihn die Schwester anzog und ich seine Rippen zählen konnte.

»Geben Sie ihm zuerst etwas warmen Brei«, empfahl mir der Spezialist, »drei, vier Schüsseln am Tag. Wenn er das gut verträgt, können Sie Kartoffeln und frisches Gemüse kochen und zerdrücken, damit seine Eingeweide keine Schwierigkeiten mit der Verdauung bekommen. Und er darf auf keinen Fall an irgendetwas lecken. Wir haben bemerkt, dass Ihr Sohn auffällig oft an Dingen leckt. Das darf nicht mehr passieren.«

»Ich werde darauf achten, Herr Doktor«, sagte ich. »Er wird mit dem Lecken aufhören.«

Im Taxi starrte mein Junge lustlos vor sich hin. Er war leichenblass und sagte kein Wort. Als wir an einer Ampel hielten, wollte er an der Fensterscheibe lecken, aber ich zog ihn gerade noch rechtzeitig weg. Er schaute mich böse an. Er wollte lecken, er sehnte sich danach zu lecken. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass Lecken gefährlich war, dass er wieder krank werden und sterben würde. Er zog die Schultern hoch und starrte wieder vor sich hin. Meine Worte hatten ihn nicht beeindruckt. Die kleinen Schläge auf die Finger, die ich ihm später gab, wenn er an irgendetwas lecken wollte, halfen besser.

Sein Zimmer sah genauso aus wie vorher. Alle Sachen, die ich sechs Wochen vorher weggeworfen hatte, hatte ich durch neue ersetzt. Ich war von Pontius zu Pilatus gelaufen, um die richtigen Teddybären, das richtige Spielzeug und die richtigen Kleidungsstücke kaufen zu können.

Als ich ihm einen Teller Brei eingeflößt und ihn ins Bett gesteckt hatte, sagte er: »Papa Bär ist anders.«

»Ich habe ihn gewaschen, ich habe alles gewaschen.«

»Wo ist Papa Bär?«

Ich nahm den größten Teddybären und legte ihn meinem Sohn auf die Brust. »Hier ist Papa Bär, mein Junge. Papa Bär hat auf dich gewartet.«

»Nein«, schrie er und schlug den Bären weg. »Papa Bär ist tot.«

Ich erschrak. Ich hatte alles gekauft, was es nur zu kaufen gab, aber seinen alten Papa Bär hatte ich nicht finden können. In diesem Moment begriff ich, dass auch aus dem Leben meines Jungen alles Schöne weggerissen werden würde.

Auf Anraten meines Hausarztes, der sich Sorgen machte, weil mein Sohn sich nur langsam erholte, habe ich ihn zwei Wochen später in ein Kinderheim am Meer gebracht. Dort sollte er fünf Monate bleiben und wieder ganz zu Kräften kommen. Dabei komme es auf die frische Luft an, erklärte der Hausarzt, davon gehe es geschwächten Stadtkindern schneller wieder besser.

Während dieser fünf Monate stürzte ich mich wieder in das Erfüllen meiner eigenen Sehnsüchte. Ich besuchte Theater, Kinos, Restaurants, und im Sommer wohnte ich vier Wochen lang bei einer Freundin in Biarritz. Sie besaß ein schönes Apartment am Boulevard, ein Geschenk ihres verstorbenen Ehemannes. Er hatte in guten Zeiten gute Geschäfte gemacht. Mein Mann hatte auch Geschäfte gemacht, aber die Zeiten waren nicht so gut gewesen.

Jeden Tag schickte ich meinem Sohn eine Postkarte. Ich hatte dreißig Karten aus den Niederlanden mitgenommen. Ich wollte nicht, dass er Post aus einem anderen Land bekam und dachte, ich hätte ihn im Stich gelassen.

Im September holte ich meinen Jungen aus dem Kinderheim ab. Er hatte feuerrote Wangen mit Sommersprossen darauf und sah besser aus als jemals zuvor. Während der ganzen Reise sang er: »Auf ’nem großen Fliegenpilz, rot mit weißen Stippen, saß das Zwerglein Spinnenbein und tat munter wippen.«

Die Leute im Zug kamen zu uns ins Abteil, um sich meinen Jungen anzuschauen. So viel Fröhlichkeit hatten sie lange nicht mehr erlebt. Ein Mann sagte: »So fröhlich war ich auch mal, und zwar 1943, da habe ich bei einer Bauernfamilie in Sibculo gewohnt.«

Zu Hause hörte mein Junge auf zu singen. Den Mohrenkopf, den ich extra für ihn gekauft hatte, rührte er nicht an, und etwas später schlief er auf dem Sofa ein.

Ich deckte ihn zu und legte Papa Bär ganz dicht neben ihn. Den alten Papa Bär hatte man aus seinem Leben gerissen, der neue würde ihn nie wieder verlassen.

6

Fabio schiebt mich im Rollstuhl über den Flur. Es ist Dienstagmittag, halb zwei, Zeit für unseren wöchentlichen Ausflug. Nase und Hände hat mir Fabio mit ein bisschen Sonnencreme eingeschmiert, Lichtschutzfaktor 40.

»Sieh an, sieh an, wohin wird unsere Königin denn ausgeführt?«, fragt Tante Martha. Sie sitzt am Esstisch und schält eine Orange; der Saft läuft ihr an den Unterarmen entlang.

»Nach Indien«, ruft Sophia, die im Nachthemd am Fenster steht. Es ist sehr warm im Speisesaal. Die Ventilatoren sind kaputt, und eine Klimaanlage wäre zu teuer. »Mit der Oranje nach Tanjung Perak. Was für eine große Reise, Majestät.«

Godfried Mandjes sitzt vor dem Fernseher. Der ist ausgeschaltet, aber das stört Godfried nicht. »Die Frau ist doch taub«, sagt er, ohne sich umzudrehen, »ich habe keinen einzigen Zahn mehr im Mund, und Schiffe nach Indien landen sowieso auf den Klippen.«

Opa Bussink liegt lang ausgestreckt auf dem Sofa. Er gähnt und kratzt sich im Schritt seiner kurzen Hose. Seine knochigen weißen Beine sind noch dünner als letztes Jahr.

»Wenn du nur mit deinen Pfoten von meinem kleinen Italiener wegbleibst«, ruft Tante Martha. »Dieses Diebsgesindel treibt es doch schlimmer als die Kaninchen.«

Fabio beschleunigt seine Schritte. Er hasst vulgäre Bemerkungen, und Tante Martha kann er nicht ausstehen. Kurz darauf sausen wir durch die Drehtür und sind draußen. Auf einer Bank unter der Markise sitzen zwei Schwestern und rauchen. Ich setze meinen Hut und meine Sonnenbrille auf. Fabio schiebt mich über den Radweg in Richtung des Dorfes. Ich spüre seine behutsame Hand auf der Schulter. Damit beruhigt er mich. Tante Martha hat ihn irritiert, nicht verletzt.

Zweimal im Jahr organisiert die Direktion einen gemeinsamen Ausflug. Geld für gute Ventilatoren oder eine Klimaanlage gibt es nicht, einen Geldtopf für tolle Ausflüge dagegen schon. Mit einem ganz besonderen Bus, in den auch Rollstühle und Rollatoren passen, besuchen sie Museen, Tier- oder Vergnügungsparks, Festivals und andere beliebte Attraktionen. Diese Ausflüge schließen Essen und Trinken ein; auch daran wird nicht gespart.

Ein einziges Mal bin ich mitgefahren. Ich wohnte erst einen Monat im Heim und dachte, es könnte vielleicht ganz nett werden.

Der Bus brachte uns in den Miniaturenpark Madurodam. Vorn beim Fahrer stand ein dicker Mann in einem verschlissenen Smoking. Die ganze Fahrt über lallte er uralte Schlager in ein Mikrofon. Alle Bewohner, auch diejenigen, die kein Wort mehr herausbrachten, lallten aus voller Kehle mit.

Ich wollte schreien, kreischen, aus dem Bus springen, aber die Fenster konnte man nicht öffnen, und ich war noch heiser von der Schreierei früher in diesem Monat.

In Madurodam zogen wir wie eine bunte Karnevalsflottille herum. Die Meute war völlig aufgedreht. Fünf Pfleger, drei Ärzte und acht Freiwillige begleiteten die Gruppe, aber wie sich herausstellte, waren sie nicht in der Lage, alle im Zaum zu halten. Viele Bewohner betraten die Flächen mit den Miniaturen, schauten durch die Fenster der kleinen Häuser und riefen einander zu, was sie da sahen. Ein Mann zog sich die Schuhe aus und watete mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch den Hafen von Rotterdam. Eine dicke Frau zog am Nationalmonument auf dem Dam. Sie wolle es mitnehmen, erklärte sie, und auf den Fernseher stellen. Godfried Mandjes, der damals noch drei braune Zähne besaß, setzte sich auf die Landebahn von Schiphol. »Jetzt seht mal zu, wie ihr mich hier wegbekommt«, rief er. »Wer mich hier wegkriegen will, muss schon ganz schön auf Zack sein.«

Auf der Rückfahrt herrschte Stille im Bus. Der Sänger fuhr nicht mehr mit, und die meisten Bewohner waren in ihren Sitzen eingenickt. Für den Schaden, den sie in Madurodam angerichtet hatten, kam die Versicherung auf.

Fabio fährt mich durch den Park. Er bleibt so viel wie möglich unter den Bäumen, und Leuten mit angeleinten Hunden weicht er geschickt aus.

»Ist die Hitze sehr schlimm für dich, Louise? Wenn es dir zu heiß wird, musst du es sofort sagen.«

Ich hebe die rechte Hand und bedeute ihm, dass er weiterschieben soll. Trotz des Hutes und der Sonnencreme bricht mir der Schweiß aus.

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