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Lost Souls – Die Macht der Götter

Über die Autoren

Jordan Weisman ist ein amerikanischer Spieledesigner und Autor, der vier Spieleverlage gegründet hat. 2006 war er Co-Autor der interaktiven Romanserie Cathy’s Book, Cathy’s Ring und Cathy’s Key, die im Baumhaus Verlag erschienen ist. Er lebt in Bellevue, Washington.

Mel Odom ist ein amerikanischer Autor, der schon mehr als 140 Jugendbücher geschrieben hat. Er ist vor allem für seine Fantasy- und Science-Fiction-Romane bekannt, darunter The Rover, ein Buch, das 2002 den Alex Award gewann. Er lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Oklahoma.

Mel Odom – Jordon Weisman

LOST SOULS

Die Macht der Götter

Band 2

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Barbara Lehnerer

BASTEI ENTERTAINMENT

EINE MÜNDLICH ÜBERLIEFERTE LEGENDE AUS DEM MAYADORF NEHA

In den alten Zeiten, als es die Menschen noch nicht in die großen Städte zog, lebte einst ein Schamane, der erkrankte und starb, sein Leben jedoch zurückerhielt. Die folgende Geschichte brachte er mit aus dem Reich der Toten:

»Erst dachte ich noch, ich würde schlafen, doch als ich die Augen öffnete, erblickte ich die anderen Toten um mich herum, deren verrottendes Fleisch sich schon von den mürben Knochen löste, und ich wusste, dass ich gestorben war. Die Toten streckten die Arme nach mir aus, aber ich wich vor ihnen zurück.

›Lass dich lieber von ihnen ergreifen, Winzling.‹ Die rasselnde Flüsterstimme schien aus dem Bauch einer Schlange zu kommen. ›Sie sind schonender als ich.‹

Grüne Flammen schnellten aus einer in der Nähe stehenden Kohlenpfanne empor, die aus Totenschädeln geformt war, und gaben den Blick auf einen verwachsenen Mann frei, der im Dunkel der großen Höhle stand. Der Seelenstab in seiner Hand wand und krümmte sich, und ich wusste sogleich, vor mir stand Ah Puch, der Gott des Todes.

›Du fürchtest dich zu Recht, Winzling, denn heute Nacht nehme ich dir deine Seele.‹

Verzweifelt versuchte ich mich gegen die verrotteten Gerippe zur Wehr zu setzen, die mich jetzt packten und mir mit ihren knöchernen Fingern so zusetzten, dass ich vor Schmerz aufschrie. Ah Puch hob seinen Stab und wollte ihn mir gerade ins Herz stoßen, als Kukulkan plötzlich vor uns stand.

›Halte inne‹, befahl der Große Kukulkan. ›Ich habe mich entschlossen, das Leben dieses Mannes vor deiner Finsternis zu bewahren.‹

Ah Puch zog sich zurück, doch sein Körper schien sich vor Wut zu krümmen. ›Eines Tages wirst auch du der Sterblichen überdrüssig werden und sie vernichten, wenn sie beim Spiel versagen. Warum überlässt du sie nicht lieber mir?‹

›Damit du sie quälen kannst?‹, fragte Kukulkan.

Ah Puch lächelte, und mich überkam Verzweiflung. ›Sie selbst quälen sich mit ihren Ängsten und Begierden. Ich stelle ihnen nur einen Ort dafür zur Verfügung und vergnüge mich an ihnen.‹

Die Höhle füllte sich mit dem spöttischen Gelächter der Totenschädel rings um uns.

Kukulkan schüttelte den Kopf. ›Ich habe diese Menschen nicht erschaffen, damit sie dir als Spielzeug dienen.‹

›Wie schade − sie stillen meine Bedürfnisse aufs Beste.‹

Da hörte ich, wie die in seinem Stab gefangenen Seelen aufheulten, wiewohl ich mir einzureden versuchte, dass es nur der Wind war.

›Einen von ihnen werde ich auserwählen, gegen mich anzutreten.‹

Ah Puch lächelte. ›Noch nie bin ich einem Mann oder einer Frau begegnet, die mich und meinen Herrschaftsbereich nicht gefürchtet hätten. Sie alle haben Finsternis in ihren Herzen, und auch den von dir Auserwählten werde ich zu brechen wissen.‹

›Der nächste Auserwählte unter den Menschen wird aber noch im Knabenalter sein, wenn wir gemeinsam spielen.‹

Ein finsterer Blick verzerrte Ah Puchs hässliches Gesicht. ›Auch Knaben wissen, was es heißt, Furcht zu empfinden.‹

›Wohl wahr. Doch Knaben folgen ihren Träumen und geben ihrer Neugier nach. Während ein Mann eine Niederlage eingesteht, wird ein Knabe heimlich nach einem Ausweg suchen.‹

›Ich werde deinem Auserwählten Krokodil und Adler zur Seite stellen, die du ihm ja verweigern würdest‹, knurrte Ah Puch wütend. ›Ich werde deinen Auserwählten lehren, was es heißt, sich zu fürchten und zu verzagen.‹

Die Dunkelheit brach auf und verschluckte ihn.

Kukulkan wandte sich an mich. ›Nimm hier dein Leben wieder entgegen, und berichte den folgenden Generationen von dem Auserwählten, der da kommen wird.‹

Als ich erwachte, erblickte ich an meinem Hals ein Lederband, an dem ein weißer Stein mit eingraviertem Affen hing − Kukulkans Bürgschaft für ein faires Spiel.«

Kapiteltrenner

1

Nathan Richards sah zu dem großen Sicherheitszaun hinauf, der über ihm emporragte. Trotz der Wolken, die am dunklen Himmel aufzogen, glitzerte vereinzelt Mondlicht von den straff gespannten Drahtlitzen. Das Rauschen des spätabendlichen Verkehrs von Chicago hallte durch die umliegenden Gassen und kleinen Sträßchen. Die Absperrung umgab eine Lageranlage, die nicht weit von Nathans Elternhaus entfernt lag. Sie sah einschüchternd aus, besonders für jemanden, der dort einbrechen sollte.

Zumindest hat Dad es nicht weit, um mich abzuholen, falls mich die Polizei erwischt. Nathan versuchte, diesen unangenehmen Gedanken beiseitezuschieben, er wollte ihn gar nicht erst beschwören. Die Nacht würde jedenfalls eindeutig besser laufen, wenn man ihn nicht erwischte.

Sollen wir…?

Irritiert warf Nathan einen Blick in die Richtung, aus der die Stimme seines Begleiters kam, den er natürlich nicht sehen konnte. In seiner Heimatfrequenz war es ihm nicht möglich, die Verlorenen Seelen zu sehen, nicht auf direktem Wege jedenfalls. Er nahm sein iPhone aus der Hosentasche und kippte es ein wenig nach hinten, sodass das Spiegelbild seines Begleiters auf dem Display erschien. »Könnten wir die Sache gemeinsam durchziehen, dann würde ich sagen, Sie schleichen sich da rein und holen sich raus, was Sie brauchen. So aber muss ich es tun, und ich will nicht dabei geschnappt werden.«

Verdrießlich fuhr sich der alte Mann durch seinen verfilzten, grau melierten Bart. Er hatte ein blasses, schmales Gesicht, und die Augen in seinem Schädel sahen aus wie kleine Gruben. Er war klein, nicht viel größer als Nathan, aber erheblich älter als dessen dreizehn Jahre – älter sogar als Nathans Dad.

Tut mir leid. Der Alte schien in sich zusammenzusinken. In seinen abgerissenen Klamotten und der Kapuzenjacke, die ihm nicht richtig passte, sah er aus wie einer, den man entsorgt hatte, und das war ihm in etwa auch passiert. Anschließend war er gestorben.

Sofort kam sich Nathan wie ein gemeiner Fiesling vor, was ihm gar nicht behagte. In der Schule hatte er es ständig mit Brutalos zu tun, und so wie sie wollte er nicht werden.

»Sie können ja nichts dafür. Ich muss mich entschuldigen.« Nathan steckte sein iPhone ein und konzentrierte sich wieder auf den Zaun. »Ich hab einfach einen schlechten Tag heute, und das sollte ich nicht an Ihnen auslassen.«

Genau genommen hatte er eher zwei schlechte Monate hinter sich. So lange traf er sich nämlich schon regelmäßig mit den Verlorenen Seelen, und genauso lange war es auch her, seit ein Seelengeier Nathans Mutter vor seinen Augen mit sich gerissen hatte, ohne dass er es hätte verhindern können.

Wozu es auch gut sein mag, Nathan: Was du da tust, weiß ich zu schätzen. Es ist sehr nett von dir, und ich bin froh, dass ich dich gefunden habe. Hermans Stimme klang jetzt schon zuversichtlicher.

»Na ja, warten wir erst mal ab, ob es überhaupt klappt, bevor Sie mir danken.«

Nathan fröstelte und wusste sofort: Die Verlorene Seele war näher an ihn herangekommen. Schon merkwürdig, wie sehr er sich inzwischen an die Verlorenen Seelen gewöhnt hatte. Natürlich hatte er lernen müssen, sie nicht immer und nicht alle gleichzeitig an sich heranzulassen – hauptsächlich, indem er es vermied, auf reflektierende Oberflächen zu sehen. Sonst hätte er ja nachts gar nicht mehr schlafen können.

Nathan war mit Herman Borowitz über Eddie Dewar, einen ehemaligen Grillkoch im Easy Times Diner, in Kontakt gekommen. Eddie war einige Monate zuvor gestorben, trieb sich aber immer noch im Dunstkreis des Diners herum, und Nathan fragte ihn gelegentlich um Rat. Eddie wusste zwar nicht viel über Kukulkan und das Spiel, dafür aber über die Verlorenen Seelen.

Nathan trat aus dem schattigen Bereich hervor, in dem er stand, und rückte den Bolzenschneider in der Innentasche seiner Jacke zurecht. Dann griff er mit seinen behandschuhten Fingern in den Maschendraht des Zauns. »Wenn Sie jemanden bemerken, können Sie dann vielleicht rufen oder so?«

Na klar. Du kannst dich auf mich verlassen.

Gut. Ist doch gleich ein besseres Gefühl. Nathan kletterte den Zaun hinauf, indem er sich mit seinen Tennisschuhen gegen ihn stemmte und sich gleichzeitig – immer wieder neu nach Halt suchend – mit den Fingern in ihm festhakte. Dabei schlug der Bolzenschneider regelmäßig gegen den Zaun. Als Nathan oben angekommen war, machte er einen Moment Pause, weil er wusste, dass er bis jetzt noch gegen kein Gesetz verstoßen hatte. Noch nicht. War er aber erst mal auf der anderen Seite des Zauns gelandet, hatte er sich strafbar gemacht – es war eben ein Schritt mehr, als wenn man nur den Zaun eines Lagergeländes hochkletterte. Er atmete tief durch, sprang ab und bemühte sich, auf den Füßen aufzukommen. Aber er hatte die Distanz falsch eingeschätzt, landete etwas unglücklich der Länge nach auf dem Boden und schrammte sich dabei Wange und Kinn auf. Sein Gesicht brannte vor Schmerz.

Alles in Ordnung?, hörte er Hermans Stimme direkt neben sich.

»Ja. Mir geht’s super.«

Hat aber ausgesehen, als ob du dir wehgetan hättest.

Verlegen kam Nathan wieder auf die Beine und klopfte sich seine dunkle Jacke und die schwarzen Jeans ab: Sein Agenten-Outfit für die Mission heute Nacht.

»Nee. Hab mich nur abgerollt.«

Sieht aus, als ob du etwas unsanft auf deinem Kinn gelandet wärst.

»Hat mich jemand gesehen?«

Nein, noch sind wir allein. Allerdings hab ich auch eher auf dich geachtet – und ob du dir den Hals brichst.

Als sich Herman jetzt näher zu ihm hinüberbeugte und ihm zuflüsterte: Keine Sorge, das bleibt unser Geheimnis, spürte Nathan, wie ihn ein kalter Lufthauch streifte.

»Danke, aber das habe ich eigentlich gar nicht gemeint.« Nathan hatte eher erwartet, dass die Alarmanlage losschrillen würde. »Begleiten Sie mich zu Ihrer Lagereinheit?«

Herman ging neben Nathan her und wies ihm den Weg durch die niedrigen einstöckigen Gebäude. Wie eine Legowelt kam es Nathan hier vor, da all die Ziegelbauten die gleiche Größe und die gleichen orangefarbenen Türen hatten.

Unterwegs versuchte er, sich eine Art mentalen Lageplan von diesem Labyrinth zurechtzulegen, eine Fähigkeit, die er zur Perfektion gebracht hatte, seit er Videospiele spielte. Da hatte ihn die Tatsache, dass er sich Wege sehr gut einprägen konnte, vor Trollen, Kobolden und anderen scheußlichen Kreaturen bewahrt. Und heute Nacht, so hoffte er, würde sie ihn vor dem Sicherheitsdienst schützen.

Vor der Gebäudeeinheit B-38 zog Nathan den Bolzenschneider aus der Innentasche seiner Jacke und sah sich die beiden Schlösser an der Schiebetür des Lagerraums genau an. Sie wirkten beide ausgesprochen stabil.

Gibt’s ein Problem? Hermans Stimme klang, als ob sie aus nächster Nähe käme, und wie immer erschreckte es Nathan, dass ihm ein unsichtbarer Geist so dicht auf den Leib rücken konnte.

»Nein, ich wünschte nur, wir hätten die Schlüssel zu den Schlössern.«

Dazu müssten wir aber ins Leichenschauhaus einsteigen.

»Nein!« Was das betraf, war Nathan unerbittlich. Allein die Vorstellung, dass er sich nicht nur mit einer Schar Leichen, sondern obendrein auch noch mit frischgebackenen Verlorenen Seelen gemeinsam in einem Kühlraum aufhalten sollte, raubte ihm den letzten Nerv. »Der Bolzenschneider tut es auch. Wir können loslegen.«

Da bin ich aber froh; ich glaube nämlich, es wäre noch um einiges komplizierter, in das Leichenschauhaus einzusteigen. Außerdem ist es ziemlich belastend, seine eigene Leiche da rumliegen zu sehen.

Nathan schauderte bei dieser Vorstellung.

Ich hätte mich die ganze Zeit am liebsten selbst gepackt und geschüttelt, nur um mich wieder aufzuwecken, verstehst du?

»Könnten wir dieses Thema vielleicht fallen lassen?«

Behutsam klemmte Nathan die Backen des Bolzenschneiders um das erste der beiden Schlösser, presste die Griffe so fest zusammen wie er konnte, und das Schloss brach mit einem metallisch klingenden Geräusch auseinander, das auf dem umzäunten Gelände erstaunlich laut widerhallte. Nathan fuhr zusammen und sah sich um, als erwarte er, jeden Moment ein Sondereinsatzkommando der Polizei auftauchen zu sehen, das sich von einem Kampfhubschrauber mit auf ihn gerichteten Suchscheinwerfern abseilte.

Das sah unkompliziert aus. War’s das auch?

Nathan versuchte, wieder locker zu werden und zuckte mit den Achseln, als beschäftige er sich jeden Abend mit solchen Dingen.

»Nicht so schwierig, wie ich dachte.«

Er setzte den Bolzenschneider erneut an und brach auch das zweite Schloss auf. Dann hob er die Schlösser heraus und legte sie behutsam auf den asphaltierten Boden. Er ging in die Hocke, griff nach dem Hebel unten an der Tür und zog daran. Die Seilrollen quietschten, als die Metalltür zur Seite glitt.

In Erwartung einer Reaktion auf das Geräusch stockte Nathan wieder und hatte Mühe, seine Atmung zu kontrollieren. Am liebsten wäre er weggerannt, aber noch lieber wollte er Herman helfen, wenn es ihm irgendwie möglich war. Als sich jedoch keines der nächtlichen Geräusche um ihn herum veränderte, zog er eine kleine Taschenlampe aus seiner Jackentasche, knipste sie an und leuchtete mit dem harten gelben Lichtstrahl ins Innere des Lagerraums, bevor er ihn betrat.

Break.tif

Einen Moment lang dachte Nathan, er sei auf eine Schrotthalde der Gemeinde gestoßen. Zerbrochene Stühle, in ihre Einzelteile zerlegte Rasenmäher, kleinere Haushaltsgeräte, ein paar Gartenzwerge und Dutzende von anderen Gegenständen in unterschiedlichen Verfallsstadien nahmen den hier vorhandenen Platz ein.

»Richten Sie sich hier Ihren eigenen Schrottplatz ein?« Nathan schob sich vorsichtig um eine zerschrammte Wiege herum, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.

Das sind alles Gegenstände, die ich reparieren wollte. Herman stand jetzt neben Nathan. Ich habe geschickte Hände, und es gibt immer jemanden, der noch gebrauchen kann, was ich aufmöbele. Ein neuer Anstrich, ein bisschen liebevolle Pflege, und schon können die Sachen an Menschen weitergegeben werden, die sie sich sonst nicht leisten könnten.

In dem erloschenen Auge eines Fernsehers sah Nathan Herman an. Der Alte blickte um sich, als verwirre ihn etwas.

Ich kann es nun mal nicht ertragen, wenn etwas weggeworfen wird, in dem noch ein guter Kern steckt.

»Ja, das glaube ich Ihnen. Aber die Leute wollen eben manchmal gern was Neues haben

Herman schüttelte den Kopf. Das ist aber Verschwendung.

Nathan hätte ihn gern auf die Unterschiede zwischen Nintendo Game Cube und Nintendo Wii hingewiesen, entschied sich aber dann dagegen. Herman sah nicht aus, als spielte er oft Videospiele. Zunehmend nervös blickte sich Nathan jetzt im Lagerraum um. Die Geräusche von der Straße klangen hier drinnen viel lauter.

»Und wie soll ich in diesem Chaos den Schlüssel finden?«

Da drüben liegt er. In dem Schmuckkasten in der Ecke.

Nathan spähte durch die Finsternis und entdeckte zwischen einem Einrad und einem Barbie-Traumhaus einen Schmuckkasten von etwa der Größe seines Netbooks. Behutsam schob er das Einrad beiseite und nahm den Schmuckkasten zur Hand. Als er ihn öffnete, sah er einen kleinen Schlüssel auf einer Filzunterlage liegen.

»Sie haben mir noch gar nicht gesagt, wozu der Schlüssel eigentlich gehört.«

Zu einem Schließfach in der Bank.

»Sie haben ein Bankschließfach und einen Lagerschuppen?« fragte Nathan ungläubig. »Die meisten Obdachlosen besitzen ein paar Tüten, vielleicht gerade noch eine Karre.«

Die hatte ich ja auch. Aber Schließfach und Lagerraum zusätzlich. Herman seufzte. Ich bin ja nicht schon immer obdachlos gewesen, Nathan. Ist mir halt irgendwann passiert. Erst kam die Scheidung, dann hab ich meinen Job verloren. Ich konnte nicht mal mehr meine Kinder unterstützen, und sie schienen auch mit dem neuen Mann ihrer Mutter glücklicher zu sein, als sie es je mit mir waren.

Nathan hatte Mitleid mit dem alten Mann. Noch bis vor kurzem hatte er seine eigene Mutter nicht einmal gekannt. Und seinen Vater kannte er eigentlich auch nicht richtig, obwohl er mit ihm zusammenlebte. Dr. Peter Richards ging in seiner Arbeit an der Universität und im Field Museum völlig auf und galt auf seinem Gebiet als einer der führenden Experten Chicagos.

Aber jetzt, wo ich tot bin, möchte ich wenigstens, dass meine Söhne wissen, dass ich sie geliebt habe. Hermans Stimme klang matt und wie aus weiter Ferne. Sie sollen wissen, dass ich sie nie vergessen habe. In dem Schließfach liegen Geburtstagskarten und Briefe an sie, die ich nie abgeschickt habe. Doch jetzt sollen sie sie bekommen.

»Würden sie das nicht sowieso?«

Nathan, die Leute im Leichenschauhaus wissen doch nicht einmal, wer ich bin. Ich werde in einem Armengrab beerdigt. Oder aber eingeäschert. Herman stockte. Mein Gott. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Du glaubst doch nicht, dass ich was spüre, wenn sie das machen, oder?

»Nein«, antwortete Nathan, weil er es nicht wirklich wusste und schon die bloße Vorstellung gruselig fand.

Aus der Gasse draußen vor dem Lagergelände hallte das Motorengeräusch eines heranfahrenden Autos.

»Zeit, hier abzuhauen.« Bevor Nathan den Schmuckkasten zurückstellte, zog er noch schnell einen alten, verblichenen Führerschein daraus hervor, verstaute ihn zusammen mit dem Schlüssel in seiner Jackentasche und zog den Reißverschluss zu. Er knipste die Taschenlampe wieder aus und lief eilig in den vorderen Teil des Schuppens. Dort stolperte er über etwas, das er im Dunkeln nicht sehen konnte, und fiel der Länge nach hin.

Kapiteltrenner

2

Um ihn herum stürzten Mobiliar, Spielzeug und Gerümpel mit einem solchen Geschepper in sich zusammen, als sei das Jüngste Gericht angebrochen. Hermans Flüsterstimme blies ihm kalte Luft ins Ohr. Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du nicht unbedingt graziös bist?

Nathan kam wieder auf die Beine. »Ich hab nun mal nicht Daredevils Radarblick. Die Dunkelheit ist nicht mein Freund.« Er versuchte jetzt, sich etwas verhaltener auf den Eingang zuzubewegen.

Doch plötzlich leuchtete draußen vor dem Lagerschuppen ein Licht auf, und das Motorengeräusch klang schon viel näher.

Das ist der Sicherheitsdienst, der kontrollieren will, was das für ein Geräusch war.

»Meinen Sie?« Nathan blieb vor dem Schuppen stehen und überlegte, was er jetzt tun sollte. Die offene Tür war ganz sicher nicht zu übersehen, und es war nur eine Frage der Zeit …

»Hey, Junge! Was machst du denn dadrin?« Der Wagen des Wachmanns rollte näher auf den Lagerschuppen zu.

Los, lauf! Eiskalt wehte ihm Hermans Atem entgegen.

Von Panik getrieben schoss Nathan aus dem Schuppen heraus, flitzte los und versuchte in dem Gassenlabyrinth zwischen den Gebäuden den Rückweg zu finden.

Der Sicherheitsbeamte richtete einen Scheinwerfer auf Nathan, und sein Schatten – unendlich lang und dünn – lief nun vor ihm her.

»He, du! Junge! Bleib sofort stehen, oder es gibt Ärger!!«

Den hab ich doch schon längst. Nathan griff mit der Hand nach einer Hausecke, um sie enger umrunden zu können. Noch drei Kurven – den dröhnenden Lieferwagen immer auf den Fersen –, dann war er fast schon am Zaun. Viel freie Fläche gab es hier nicht, aber der Lieferwagen holte auf, und Nathan musste ja noch über den Zaun klettern.

Er erreichte ihn, warf sich dagegen, krallte die Finger in den Draht und arbeitete sich fieberhaft nach oben. Als er die Hälfte des Zauns gerade hinter sich hatte, bog der Lieferwagen um die Ecke, überzog ihn mit seinem Scheinwerferlicht und raste direkt auf ihn zu.

Nathan erreichte die Spitze des Zauns, schwang sich auf die andere Seite und sprang ab. Er landete auf einem Knie und breitete die Arme aus, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Starr vor Angst und geblendet vom Licht der Scheinwerfer sah Nathan zu, wie der Lieferwagen auf ihn zugebraust kam. Einen Moment lang dachte er, der Wachmann würde den Zaun durchbrechen und ihn überfahren. Doch dann drosselte er das Tempo mit quietschenden Bremsen, war allerdings immer noch so schnell, dass der Wagen erst zum Stillstand kam, als er mit der Nase schon gegen den Zaun stieß. Der Maschendraht gab ein schrilles Geräusch von sich, fräste sich in die Autofront hinein, kratzte etwas Lack ab, hinterließ auch ein paar Schrammen, aber er hielt.

Oh Mann, das war knapp. Nathan musste erst mal kräftig schlucken. Dann sprang er auf die Beine und verschwand in der Dunkelheit.

Break.tif

Zwanzig Minuten später blieb Nathan auf dem Weg nach Hause bei einem Minimarkt stehen. Der Schreck darüber, nur so knapp entkommen zu sein, saß ihm noch immer in den Gliedern. Er kaufte sich einen heißen Kakao und besorgte sich Wechselgeld für das Münztelefon draußen vor dem Laden. Dann trank er ein paar Schlucke und versuchte, sein Zittern in den Griff zu bekommen. Es war Mai und vielleicht ein bisschen kühler in Chicago als sonst um diese Jahreszeit, aber Nathan wusste, dass es nicht an der Temperatur lag.

Schon ein bisschen spät dafür, findest du nicht? Hermans Atem drang noch kühler als die Luft an sein Ohr.

Im Schaufenster des Minimarkts erblickte Nathan das gräulich schimmernde Spiegelbild Hermans. Wie ein begossener Pudel stand der alte Mann neben ihm. Nathan nahm sein Handy aus der Tasche und sah nach der Uhrzeit. »Es ist zwanzig nach elf. In Seattle also erst zwanzig nach neun. Ihr Sohn ist sicher noch auf.«

Nathan hatte ein paar Tage im Internet recherchieren müssen, um Simon Borowitz’ Nummer herauszukriegen, aber schließlich hatte er den Mann ausfindig gemacht. Auf seiner Website stand, dass er Webdesigner und Baseball-Trainer bei Little League war, und er sah aus wie ein netter Typ.

Ein bisschen spät für so einen Anruf, oder?

Nathan schüttelte den Kopf. Ich rufe nur an, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Dad gestorben ist. Tut mir leid, dass Sie ihn nie wiedergesehen haben. Nicht gerade ein Text, den man auf Glückwunschkarten liest, dachte er.

»Solche Anrufe kommen nie zur richtigen Zeit, glauben Sie mir.«

Das wusste Nathan ziemlich sicher, denn in den letzten beiden Monaten hatte er solche Anrufe öfter machen müssen. Den Verlorenen Seelen zu helfen war meist nicht ganz einfach, trotzdem versuchte Nathan inzwischen nicht mehr, sich davor zu drücken. Sie brauchten nun mal Hilfe, und es war ein gutes Gefühl, sie unterstützen zu können. Meistens jedenfalls. Einige von ihnen weigerten sich nämlich, seine Grenzen anzuerkennen und wurden ungehalten, wenn er sich weigerte, etwas für sie zu tun.

Vermutlich. Herman klang besorgt. Ich wünschte, meine beiden Jungs wären hier in Chicago geblieben. Dann hätte ich sie vielleicht sehen können.

Trotzdem hätten Sie nicht mit ihnen sprechen können. Nathan hatte Mitleid mit dem alten Mann. »Hören Sie, Herman, Sie wollen doch die Sachen – die Glückwunschkarten und die Briefe – ihren Kindern überlassen. Ich finde das cool. Kinder müssen wissen, dass ihre Dads sie gernhaben. Aber wenn Sie nicht möchten, dass ich diesen Anruf für Sie mache…«

Doch, du hast ja recht. Ich will ja, dass du’s Simon sagst. Er kann es dann an John weitergeben. Das ist alles, was ich tun kann. Ich meine, alles, was wir tun können.

»Sie tun genau das Richtige.« Nathan zog die Telefonnummer hervor, die er im Internet gefunden hatte, und tippte sie in das Münztelefon ein. Bei einigen Telefongesprächen, die er für die Verlorenen Seelen führen musste, benutzte er sein Handy lieber nicht, weil er befürchtete, die Telefonate könnten sonst zurückverfolgt werden.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Männerstimme. »Hallo?«

»Mr Simon Borowitz?«

Der scharfe Tonfall des Mannes zeugte von Misstrauen. »Wer spricht denn da?«

»Mr Borowitz, ich habe schlechte Nachrichten für Sie.« Nathan holte tief Luft und teilte dem Mann mit, dass sein Vater gestorben sei. Das zu übermitteln war nicht leicht. »Ich habe Ihre Adresse und werde Ihnen den Schlüssel zu einem Bankschließfach schicken, das Ihr Vater in der hiesigen Bank besitzt. Er wollte, dass Sie seinen Inhalt bekommen. Ich schicke Ihnen außerdem ein altes Exemplar seines Führerscheins, damit Sie ihn identifizieren können.«

»Soll das vielleicht ein makabrer Scherz sein?«

»Es ist kein Scherz, und es tut mir aufrichtig leid.« Nathan fühlte sich wie ausgehöhlt, als er Hermans Spiegelbild im Schaufenster neben sich stehen sah. Der alte Mann hielt den mit der Kapuze seiner Jacke bedeckten Kopf tief gesenkt. »Ihr Vater… war lange Zeit obdachlos. Ich denke, es wäre schön, wenn Sie ihn jetzt, wo er tot ist, aus dem Leichenschauhaus holen und eine letzte Bleibe für ihn finden könnten.«

»Ich ruf jetzt gleich die Polizei! Sie können doch nicht …«

Nathan legte auf. Daran, wie die Menschen Nachrichten aufnahmen, konnte er nichts ändern. Und eine wie die hier war hart und löste großen Schmerz aus, auch wenn die Leute es nicht erwartet hätten. Der Schmerz, den Nathan selbst in seinem Mitgefühl mit den Verlorenen Seelen – und ihren Hinterbliebenen – spürte, überraschte ihn jedes Mal aufs Neue.

Er griff in seine Jacke, zog einen voradressierten wattierten Briefumschlag heraus und steckte Schlüssel und Führerschein hinein. Weder auf dem Umschlag noch auf seinem Inhalt waren Nathans Fingerabdrücke zu finden. Er hatte sehr schnell herausgefunden, wie er sich verhalten musste, um sich vor jenen Menschen zu schützen, die über seine Bemühungen nicht sehr glücklich waren.

Nathan… ich danke dir. Danke für alles, was du für mich getan hast. Im Spiegelbild sah Nathan, wie Silberfäden an Hermans welken Wangen herunterliefen.

Nathan lächelte dem alten Mann zu. Er fühlte sich jetzt besser als die ganzen letzten Tage, war aber auch traurig. Der alte Mann würde seiner Wege gehen. »Kein Problem, Herman. Wohin du auch gehst, ich hoffe, du wirst glücklich.«

Das wünsche ich dir auch. Herman steckte die knochigen Fäuste in die Taschen seines Kapuzenpullis und ging davon. Selbst im Spiegelbild schwand er einfach dahin, und Nathan konnte ihn auf einmal nicht mehr sehen.

Erschöpft griff er nach seinem Kakao und machte sich auf den Heimweg. Den Briefumschlag steckte er an der nächsten Straßenecke in einen Briefkasten.

Break.tif

Zu Hause angekommen, kletterte er die Regenrinne hoch, die an der Hauswand neben seinem Zimmer verlief, und schob sich durch die Fensteröffnung. Auf dem Bildschirm seines Rechners sah er, dass es zehn Minuten vor Mitternacht war, aber er war noch gar nicht müde. Seine Unruhe rührte wohl von den Ereignissen der letzten Nacht her.

Doch der entscheidende Grund für seine Schlaflosigkeit war das Spiel: also die konkrete Erscheinungsform des Spiels, das er gegen Kukulkan um das Schicksal der Menschheit zu spielen hatte… ganz ohne jeden Druck, versteht sich. Das Spielbrett mit den Figuren lag in einer Ecke seines Schreibtischs. Mittlerweile hatte er aufgegeben, es loswerden zu wollen. In den letzten beiden Monaten hatte er nicht nur versucht, es in seinem Schrank zu verstauen oder in das Schlafzimmer seines Vaters zurückzutragen – wo er es gefunden und, ohne um Erlaubnis zu fragen, auch mitgenommen hatte –, einmal hatte er es sogar auf dem Schulweg in einen Mülleimer geworfen. Das allerdings war ziemlich beängstigend gewesen, denn etwas später hatte er es sich anders überlegt und war in der Mittagspause zurückgerannt, nur um festzustellen, dass die Müllabfuhr den Eimer bereits geleert hatte.

Aber egal, was er mit dem Brett anstellte, jedes Mal stand es wieder in seinem Zimmer, wenn er nach Hause kam. Und jedes Mal stand immer auch die gleiche weiße Figur als einzige auf dem Brett und wartete darauf, dass er seinen Zug machte. Das Spiel verhöhnte ihn mit seinem Schweigen; und dass Kukulkan sich so lange nicht gezeigt hatte, machte die Sache noch schlimmer.

Das Spielbrett war flach und mit einer Reihe konzentrischer Kreise bedruckt. Der äußere Ring kennzeichnete den Lauf der Zeit, die inneren Kreise repräsentierten die Frequenzen, die unterschiedlichen Aspekte der realen Welt also. Die weißen und die schwarzen Spielfiguren standen in ihren jeweiligen Wartebereichen, und je ein Würfel lag ordentlich auf jeder Seite des Spielfelds.

Sein Gegner hatte seine Jaguarfigur bereits in die weiße Startposition gerückt. Nathan musste also nur würfeln und ebenfalls eine Figur in Startposition bringen.

Aber genau das hatte er nicht vor. Beim ersten Mal, als er das Spiel gegen Kukulkan gespielt hatte, war er mit seiner Mutter zusammengeführt worden, die während einer archäologischen Ausgrabung bei seiner Geburt gestorben war. Nathan wusste noch immer nicht, was sich seine Eltern dabei gedacht hatten, sich dort so kurz vor der Niederkunft noch aufzuhalten – ihm kam es ziemlich bescheuert vor. Aber da war so manches, was er über seine Eltern nicht wusste.

Vor zwei Monaten hatte er noch gedacht, er könnte seine Mom vielleicht besser kennenlernen. An seinem dreizehnten Geburtstag war er nämlich dem Mayagott Kukulkan begegnet, dem Schöpfer des Spiels, in dem ein Auserwählter um das Schicksal der Menschheit spielen muss. Seit diesem Tag war Nathan imstande, die Kräfte zu nutzen, die Kukulkan ihm bei seiner Geburt verliehen hatte – und seine Mutter hatte ihn aufgespürt, um ihm das Spiel nahezubringen. Sie hatte ihm beigebracht, wie er sich durch die Frequenzen bewegen und die Verlorenen Seelen erkennen konnte, doch meistens war sie einfach nur seine Mom gewesen. Dass eine Niederlage einen hohen Preis kostete, hatte er erst festgestellt, als es zu spät war.

Zurzeit war also Nathan der Verteidiger der Menschheit – Abkömmling einer langen Ahnenreihe, die dazu bestimmt war, das Spiel gegen Kukulkan zu spielen. Laut Mayakalender sollte sich die Welt am 21. Dezember 2012 verändern und der Ausgang des Spiels darüber entscheiden, ob die Menschen in der neuen Welt weiter existieren würden. Und das war etwas anderes als Monopoly oder Nanovor zu spielen – verlor der Auserwählte, war damit auch die ganze Menschheit ausgelöscht.

Nathan fand es cool, außergewöhnliche Fähigkeiten zu besitzen und durch die Frequenzen zu reisen, es machte ihm Spaß. Ihm hatte es sogar gefallen, Kukulkan kennenzulernen, der so ganz anders war als sein Dad – präsenter, greifbarer und ohne jede Frage lustiger.

Letztendlich aber hatte Kukulkan Nathan hintergangen und ihm seine Mutter genommen. Ein Seelengeier, ein geflügeltes Ungeheuer, das Seelen in Federn verwandelte und sie bei sich trug wie ein Kampfflieger seine Treffer im Kampf, hatte sie gefasst. Einmal war Nathan in nächste Nähe eines Seelengeiers geraten und hatte die Stimmen der gefangenen Opfer gehört. Gespenstisch hatten sie geklungen, unheimlich und sehr, sehr traurig.

Seit dem Tag, an dem Nathan seine Mom verloren hatte, hatte er es abgelehnt, weiterzuspielen.

Und seitdem hatte er auch die Fähigkeit verloren, durch die Frequenzen zu reisen, was ihn am meisten störte. Er hatte sich inzwischen nämlich schon an die Vorstellung gewöhnt, sich aus seiner Heimatfrequenz – der realen Welt – hinausbewegen und wieder in sie zurückkehren zu können, wann immer er wollte. Das gefiel ihm, außer vielleicht, wenn in den anderen Frequenzen Wesen auf ihn warteten, die ihn töten wollten. In seinen Träumen konnte er zwar immer noch jede Nacht fliegen, denn dieses Geschenk hatte ihm Kukulkan zu seinem Geburtstag gemacht, aber das fachte sein Verlangen nach den Frequenzen nur noch stärker an. Wenn er träumte, hatte er nichts als seine Fantasie zur Verfügung. Die Frequenzen aber waren cooler als alles, was er sich selber ausmalen konnte, und das wollte etwas heißen.

Inzwischen müde, aber immer noch unruhig lag Nathan auf seinem Bett und starrte auf die Bücherstapel, Comics, Cartoons und Videospiele vor ihm. Nichts davon machte ihn an. Er hatte nicht mal Lust, sich auf FaceSpace umzusehen und zu checken, was die anderen aus der Schule so trieben.

Gegen seinen Willen warf er einen Blick auf die Wand über dem Spiel. Dorthin hatte er sechs Fotos von seiner Mutter, Professor Felicima Diego Barrera Richards, geklebt, und auf vieren war auch sein Vater abgelichtet. Der Anblick der Fotos machte ihn traurig, aber er brachte es auch nicht fertig, sie von der Wand zu nehmen, denn er wollte seine Mom jederzeit sehen können.

Jetzt klopfte es an seiner Zimmertür, was Nathan einfach ignorierte. Niemand betrat sein Zimmer freiwillig.

»Nathan.« Zu seiner Überraschung erkannte er die Stimme seines Dads, der niemals einen Fuß in sein Zimmer setzte. »Ich weiß doch, dass du noch wach bist. Ich möchte mit dir reden.«