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Lost Souls – Das Spiel beginnt

Über die Autoren

Jordan Weisman ist ein amerikanischer Spieledesigner und Autor, der vier Spieleverlage gegründet hat. 2006 war er Co-Autor der interaktiven Romanserie Cathy’s Book, Cathy’s Ring und Cathy’s Key, die im Baumhaus Verlag erschienen ist. Er lebt in Bellevue, Washington.

Mel Odom ist ein amerikanischer Autor, der schon mehr als 140 Jugendbücher geschrieben hat. Er ist vor allem für seine Fantasy- und Science-Fiction-Romane bekannt, darunter The Rover, ein Buch, das 2002 den Alex Award gewann. Er lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Oklahoma.

Mel Odom – Jordon Weisman

LOST SOULS

Das Spiel beginnt

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Barbara Lehnerer

BASTEI ENTERTAINMENT

Meinem Sohn Nathan gewidmet,

einer verlorenen Seele,

die sich wiedergefunden und uns alle gerettet hat!

JORDAN WEISMAN

Für Chandler,

der wie sein Vater an Helden glaubt.

MEL ODOM

Kapiteltrenner

1

Zögernd blieb Nathan auf der vorletzten Treppenstufe stehen und versuchte, wach zu werden. Du hast dir das Geräusch nur eingebildet. Du bildest dir doch immer alles Mögliche ein, das ist ja nichts Besonderes.

Einen Moment lang stand er da und überlegte, ob er sich in sein Zimmer zurückschleichen sollte, bevor er noch jemanden im Haus weckte. Sein Dad und Onkel William konnten damit leben, wenn er abends lange aufblieb, solange er sein Zimmer nicht verließ, Onkel William allerdings nur unter heftigem Protest.

Obwohl sich die Heizung nach Kräften anstrengte, haftete die Kälte draußen fest an dem großen Haus. Der Winter in Chicago war in diesem Jahr sehr kalt gewesen und auch jetzt, im April, war es noch kalt. Nathan war das egal. Er hatte den Winter genauso gern wie den Sommer.

Ich sollte wieder ins Bett gehen. Morgen früh habe ich Schule und dann wird es hart. Bis jetzt war die siebte Klasse fürchterlich für Nathan gewesen und niemand anders als seine Cousine Alyssa hatte das zu verantworten. Sie war zwei Jahre älter als er und Intelligenzbestie und Cheerleader in Personalunion. Die Doppelpackung also, denn sie war allgemein beliebt, sogar bei den Lehrern, und clever obendrein.

Nathan machte kehrt und wollte gerade wieder die Treppe hochsteigen, als er das Geräusch zum zweiten Mal hörte.

Klick-Klick. Klick-Klick-Klick, hallte es durchs Haus.

Nathan blieb wie angewurzelt stehen und blickte sich um. Dieses Mal konnte er genau sagen, woher das Geräusch kam; er spähte nach unten ins Erdgeschoss, wo das Schlafzimmer seines Vaters lag.

Dann warf er einen Blick auf sein Handy, er wollte wissen, wie viel Uhr es war. Erst vier Minuten vor zwölf. Kann gar nicht glauben, dass ich so früh ins Bett gegangen bin. Aber vielleicht bin ich ja über den Hausaufgaben eingepennt … Er hatte höchstens ein, zwei Stunden geschlafen. Schon merkwürdig.

Nathan blickte den Gang entlang und sah nirgends Licht, war aber sicher, dass sein Dad sich noch nicht hingelegt hatte. Professor Peter Richards investierte selbst jede Menge Nachtstunden in die Reinigung und Katalogisierung von mesoamerikanischen Artefakten für das Field Museum, und William Richards warf seinem älteren Bruder vor, Nathans Nachtschwärmereien nicht nur zu tolerieren, sondern auch noch zu unterstützen.

Klick. Klick-Klick.

Nathan atmete tief aus; ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er die Luft angehalten hatte. Er hatte sich das Geräusch also nicht eingebildet.

Neugierige Katzen verbrennen sich zwar die Tatzen, dachte er, schlich aber trotzdem die Treppe hinunter. Die Neugier war seine größte Schwäche. Nichts hatte ihn so fest im Griff wie seine eigene Fantasie.

Am Fuß der Treppe wandte er sich nach rechts, durchquerte das große Wohnzimmer und steuerte auf den Flur zu, der zu den Räumen seines Dads führte. Aus dem Augenwinkel nahm er plötzlich eine Bewegung und dann eine Gestalt in seiner Größe mit dunklem, zerzaustem Haar wahr – um gleich darauf sein eigenes Spiegelbild auf dem Großbildschirm des Fernsehers zu erkennen. Sein Herz klopfte wie ein Presslufthammer.

Er warf einen Blick nach links und sah Licht durch die Fugen der Tür fallen, die in das Arbeitszimmer seines Dads führte. Nathan starrte einen Moment lang auf die Tür und dachte, wie so oft, dass dort ein Schild fehlte, auf dem geschrieben stand: Achtung – besessener Archäologie-Professor – nur leblose antike Gegenstände zugelassen.

Klick-Klick-Klick.

Nathan konzentrierte jetzt seine ganze Aufmerksamkeit auf die Schlafzimmertür seines Dads. Das Geräusch war hundertprozentig von dort gekommen. Obwohl er noch etwas zögernd im Flur stand, wusste Nathan genau, was er zu tun hatte.

Geheimnisse mussten gelüftet werden, sonst mochte er sie nicht.

Nathan ging hinüber zur Tür seines Vaters und drehte vorsichtig am Türgriff. Die Tür war nicht verschlossen. Den kurzen Anflug von Schuldgefühlen, weil er in die Privatsphäre seines Vaters eindringen wollte, ignorierte er, öffnete die Tür und betrat das Zimmer.

Ein leeres Bett, eine Kommode und ein großes Bücherregal. Kein Fernseher, keine DVDs, nicht mal ein Radio. Nathan verstand nicht, wie man so leben konnte. Er war erleichtert, dass sein Vater keinen Mumienschrein oder gar ein Gerippe in seinem Schlafzimmer aufbewahrte. Solche Sachen tauchten nämlich häufig in seinem Arbeitszimmer auf und dann ereigneten sich regelmäßig seltsame Dinge im Dunstkreis des Hauses, die außer Nathan niemandem aufzufallen schienen.

Nathan atmete tief durch und blieb in der Türöffnung stehen. Woher also …? Klick-Klick-Klick.

Das Geräusch kam aus dem Wandschrank zu Nathans Rechten. Gegen seinen Willen machte er einen Schritt darauf zu, als ein sonderbares Licht an den Rändern seines Blickfeldes auftauchte und er sich blitzschnell darauf einstellte, vor ihm abtauchen zu müssen. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, Horrorgestalten in seinem Computer zu vernichten, und ganz offensichtlich hatten diese blutrünstigen Video-Kreaturen sein Unterbewusstsein stärker angeregt als gedacht.

Doch das seltsame Licht war ganz einfach ein verirrter Mondstrahl, der auf eine Fotografie auf der Kommode fiel.

Alles okay, beruhige dich. Er trat näher an das Foto heran und erkannte darauf sofort Professor Felicima Diego Barrera Richards – seine Mom.

Sie war bei seiner Geburt gestorben und zählte daher nicht wirklich als Mom.

Auf dem Foto standen seine Eltern im Außenbereich eines kleinen Cafés im Schatten einiger Bäume, die Nathan nicht kannte. Im Hintergrund führte ein Mann einen Esel vorbei, der einen Leiterwagen mit Brennholz zog. Wenn man wusste, wonach man suchte, dann war es ganz einfach, den physischen Einfluss von Seiten der spanischen und der Maya-Vorfahren seiner Mutter zu erkennen; neben seinem Vater wirkte sie sehr klein, war eher dunkelhäutig und hatte schwarzes Haar. Nathan fand, dass sie im Vergleich zu seinem Vater unglaublich jung aussah.

Sein Dad war einundvierzig gewesen, als er seine dreißigjährige Kollegin geheiratet hatte. Auf dem Foto hielten sie sich an den Händen und lächelten, was sein Dad so gut wie nicht mehr tat. Anscheinend hatte seine Mom eine Seite an ihm hervorgelockt, die Nathan gar nicht kannte.

Er hatte sich immer gefragt, was für ein Mensch sie wohl gewesen sein mochte. Anders als seinen Dad stellte er sie sich vor, verständnisvoller und selbstloser. Aber manchmal wollte er auch lieber, dass sie genauso wie sein Dad gewesen war, damit das Gefühl, so viel verloren zu haben, nicht zu stark wurde.

Klick. Klick-Klick-Klick.

Der Anblick des Fotos holte vieles ans Tageslicht, worüber Nathan nicht gern nachdachte, und er war froh, als er seine Aufmerksamkeit jetzt wieder dem Wandschrank zuwenden konnte.

Vorsichtig öffnete er ihn und spähte hinein. Die Anzüge, Hemden und Hosen seines Dads waren dort untergebracht und kaum benutztes Angelgerät und Golfschläger lagen in einer Ecke. Peter Richards benutzte diese Sportgeräte meist nur, wenn er reiche Sponsoren zu Gast hatte, deren Fördergelder er für die Universität ergattern wollte.

Klick-Klick. Klick-Klick.

Das Geräusch kam eindeutig aus einem verschrammten Koffer, der im obersten Schrankfach lag. Bunte Aufkleber aus fremden Ländern bedeckten seine abgewetzte Oberfläche.

Nathan packte den Koffer am Griff, hievte ihn herunter und stellte ihn auf den Boden. Er besaß keinen Reißverschluss, sondern war mit Gurten zusammengehalten. Der Geruch von Staub und altem Leder stieg Nathan in die Nase und hätte ihn um ein Haar niesen lassen. Vor lauter Anstrengung, den Nieser zurückzuhalten, stiegen ihm die Tränen in die Augen.

Der Koffer war mit Fotos, Büchern und anderem Kram gefüllt. Nathan nahm eines der Fotos in die Hand und hielt es gegen das sanfte Mondlicht. Es zeigte Professor Felicima Diego Barrera Richards an einem Ort, der wie eine Gruft aussah. Ihr Bauch war groß und rund, und Nathan wurde schlagartig bewusst, dass ja auch er sich auf dem Foto befand. Nur war er da noch nicht geboren.

Auf der Rückseite stand in schöner Handschrift: Palenque, Mexico, 16. April.

Nathan drehte das Foto wieder um und sah es sich genauer an. Nur elf Tage später war er auf die Welt gekommen. Professor Felicima sah auf dem Foto müde, aber glücklich aus.

Warum bist du nur dort gewesen? Ich musste doch nicht ausgerechnet da geboren werden. Und du, du hättest auch nicht sterben müssen.

Die alte Wut kam wieder hoch und überraschte Nathan. Als Kind hatte er oft darüber nachgedacht, ob sein Leben anders verlaufen würde, wenn er eine Mutter hätte. Er drehte das Foto wieder um und sah sich ihr Bild noch einmal an.

Mom. Einen Moment lang dachte er, er hätte das Wort vielleicht laut ausgesprochen. Wie wir uns wohl verstanden hätten, Professor Felicima? Ob du mehr Verständnis für mich gehabt hättest als Dad? Oder hättest auch du mich auf Abstand gehalten? Wie konntest du nur einen Mann lieben, der mehr an Tote und Antikes denkt als an dich?

Während er sie ansah, kam ihm unwillkürlich in den Sinn, ob ihr Leben mit seinem Dad genauso einsam gewesen war wie seines. Vielleicht hatte sie sich ja auch daran gewöhnt – so wie er. Oder sie war genauso einsam gewesen wie sein Dad.

Dass Nathan über diese Dinge nichts wusste, ließ ihm keine Ruhe.

Vergiss es einfach. Darüber nachzudenken, ist reine Zeitverschwendung.

Nathan wandte sich wieder dem Koffer zu. Er nahm die Bücher heraus und stapelte sie auf der Seite; dabei fielen ihm nur flüchtig einzelne Titel auf, in denen die Maya und Palenque vorkamen. Das Einzige, das ihn wirklich interessierte, war ein schlichtes braunes Buch, das eigentlich wie eine Zeitschrift aussah.

Ganz unten im Koffer fand Nathan ein aus tiefblauem Stein gehauenes Kästchen. Es war massiv und schwer und fühlte sich geschmeidig, wie poliert, an.

Jemand hatte drei Bilder in die Oberfläche des Kästchens gemeißelt. Auf zwei Seiten lagen sich je eine feurige Sonne und eine Mondsichel diametral gegenüber. Und in der Mitte des Kästchens ringelte sich eine gefiederte Schlange um sich selbst.

Klick-Klick.

Nathan war sich völlig sicher, dass das Geräusch aus dem Inneren des steinernen Kästchens kam, so abgefahren das auch klingen mochte. Er nahm das Kästchen in die Hand und wollte es öffnen. Es schien fugenlos zu sein, aber er wusste, dass es irgendeinen Trick geben musste.

Dummerweise war das Rätsel aber nicht so leicht zu lösen. Das Kästchen widersetzte sich allem Ziehen und Zerren, was Nathan zunehmend frustrierte. Er versuchte, die obere Hälfte des Kästchens zu drehen, aber des Rätsels Lösung – wenn es denn eine gab – blieb ihm verborgen. Dann hörte er seinen Vater in dessen Arbeitszimmer umhergehen, ein Geräusch, das Nathan vertraut war. Sein Dad war mit seiner Arbeit fertig und räumte noch auf, bevor er ins Bett ging.

Fieberhaft stopfte Nathan alles zurück in den Koffer, mit Ausnahme des Kästchens und der Zeitschrift. Auch das Foto von Professor Felicima nahm er mit; er wollte es behalten, jetzt, wo er endlich ein gemeinsames Foto seiner Eltern gefunden hatte.

Er streifte auch die Riemen wieder über den Koffer und hievte ihn zurück in sein Fach im Schrank. Als Nathan draußen auf dem Gang die Schritte seines Vaters hörte, wusste er, dass er das Zimmer nicht wieder auf dem gleichen Weg verlassen konnte, auf dem er gekommen war. Stattdessen rannte er zum Fenster, das einige Zentimeter weit geöffnet war, so wie er es erwartet hatte. Er schob es ganz nach oben und kletterte über den Fenstersims. Dann zog er es von außen wieder herunter und rannte im gleichen Moment davon, in dem sein Vater das Zimmer betrat. Der Garten lag groß und dunkel im Schatten der Eichen und des hohen Zaunes, der den Garten begrenzte. Nathan ging um die Hausecke herum und blieb unter seinem Fenster stehen. Sein Zimmer war noch immer dunkel, was bedeutete, niemand hatte sein Verschwinden bemerkt.

Als er sein T-Shirt auszog, spürte er sogleich die schneidend kalte Nachtluft. Er verknotete Ärmel und unteren Teil des T-Shirts zu einer provisorischen Schlinge, stopfte das Kästchen, die Zeitschrift und das Foto hinein, zog sich die Schlinge über die Schulter, packte die Regenrinne und kletterte die Hauswand hoch.

Die Rinne ächzte ein wenig und fühlte sich wackelig an, aber sie hielt. Er gelangte mühelos zurück in sein Zimmer, da er, genauso wie sein Dad, immer sein Fenster offen ließ. Dort leerte er die Schlinge, zog das T-Shirt an und konzentrierte sich wieder auf das merkwürdige steinerne Kästchen.

Kapiteltrenner

2

Zwanzig Minuten später und kurz davor, die Sache aufzugeben, entdeckte Nathan das Geheimnis des Kästchens. Er hatte das dumme Ding auf zig verschiedene Arten gezogen, gezerrt, gedreht, geschoben – immer ohne Erfolg.

Irgendetwas – genau genommen mehr als nur ein Gegenstand – klickte und klackte darin ganz leise. Der einzige Unterschied zu vorher war, dass jetzt Nathan selbst den Klickton verursachte. Die Vorstellung, dass sich etwas Lebendiges in dem Kästchen verbarg, heizte seine Fantasie an, aber es machte ihn fix und fertig, nicht zu wissen, was es war.

Fast wäre er schon so weit gewesen, das Fenster zu öffnen und das Kästchen ganz nach hinten in den Garten zu befördern, als ihm einfiel, er könnte auch mal auf Sonne und Mondsichel drücken. Doch selbst dafür brauchte er einen ganz bestimmten Code. Schließlich fand er nämlich heraus, dass sich das Kästchen öffnen ließ, wenn er auf beide Symbole neunmal hintereinander nach einem gestaffelten Vor-Zurück-Schema drückte, das in immer höher klingenden Klicktönen mündete.

Beim letzten Klicken wichen die beiden Hälften des steinernen Kästchens auseinander und ein schmaler Spalt wurde sichtbar. Das Kästchen ließ sich allerdings noch immer nicht ganz öffnen und Nathan musste noch ein bisschen länger damit herumspielen, bevor es sein allerletztes Geheimnis preisgab. Er entdeckte, dass er die beiden Hälften in entgegengesetzte Richtungen drehen musste, wobei die obere Hälfte in die gleiche Richtung zu bewegen war, in der sich auch die Schlange ringelte.

Im Kästchen befanden sich elf winzige Skulpturen, von denen fünf aus weißem Stein und fünf aus Obsidian gemeißelt waren, zusätzlich eine, die einen eher gelblichen Farbton besaß. In dem Symbol auf einem der Figürchen erkannte er einen Jaguar, die anderen Symbole auf den übrigen Figuren sagten ihm nichts.

Außerdem lag da noch ein gefaltetes Blatt Papier mit einer kreisförmigen Struktur darauf. Als Nathan es herausnahm und auseinanderfaltete, war sein erster Gedanke, dass es sehr, sehr alt war – vielleicht sogar aus Papyrus. Dann sah er sich die Zeichnung darauf genauer an: Sie bestand aus konzentrischen Kreisen, von denen jeder ein sich wiederholendes Symbol enthielt.

Außerdem befanden sich einige Würfel in dem Kästchen, die aussahen, als seien sie aus Knochen geschnitzt worden und mit den Jahren vergilbt. Vielleicht sind sie aus Menschenknochen hergestellt. Ziemlich eklig, aber irgendwie auch cool.

Gut, es handelte sich ganz offensichtlich um ein Spiel. Das war ein Vorteil für ihn, da er ein guter Spieler war. So wie das Spielbrett angelegt war, musste es entweder ein Zwei-Personen-Spiel oder eines für zwei Teams sein, doch es glich keinem, das er kannte.

Er legte das Spielbrett auf ein Fernsehtischchen neben seinem Bett und setzte die Figuren behutsam auf die Spielfläche, aber außerhalb des äußersten Kreises und schwarze und weiße voneinander getrennt. Wie bei einem Schachspiel besaß die schwarze Gruppe die gleichen Spielfiguren wie die weiße. Jetzt musste er nur herausfinden, wie man das Spiel zu spielen hatte – denn natürlich lag keine jahrhundertealte Spielanweisung bei. Typisch. Als Erstes verliert man bei Spielen immer die Spielregeln. Höchstwahrscheinlich musste sich jeder Spieler auf irgendeine Weise durch die verschiedenen Kreise auf das Ziel zubewegen, aber natürlich musste es Regeln für die einzelnen Züge geben.

Nathan nahm an, dass über ein Spiel, das es schon so lange gab, längst recherchiert und geschrieben worden war, und loggte sich deshalb ins Internet ein, um zu sehen, ob er etwas darüber fand – aber ohne Erfolg. Wegen der Herkunft seiner Mutter und der Büchertitel in ihrem Koffer ging er davon aus, dass es sich um ein altes Artefakt der Maya handelte.

Im Allgemeinen versuchte Nathan angestrengt wegzuhören, wenn sein Vater zu seinen langatmigen Geschichten über die Forschungsmethoden ansetzte, die er anwandte, wenn er die Geschichte eines Artefakts ergründen wollte. Jetzt wusste Nathan die Ironie zu schätzen, die darin lag, dass er genau dieselben Techniken plötzlich selbst brauchte. Ganz sicher würde er heute Nacht nicht noch einmal ins untere Stockwerk laufen und sich ins Arbeitszimmer seines Vaters schleichen, um sich Literatur über die Brettspiele der Maya zu holen.

Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als das gute alte Lexikon heranzuziehen. Hätte nie gedacht, dass das bescheuertste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe, mir irgendwann nützlich sein könnte.

Während er den Staub von dem Band mit dem Buchstaben M wegpustete, entdeckte er ein Buch über die Mayakultur wieder: Das Geschenk einer wohlmeinenden Tante, die ihm die Chance geben wollte, »die Kultur seiner Mutter kennenzulernen«, wie es in der Widmung hieß. Er überflog den Lexikoneintrag über die Maya und fand ihn ganz interessant, vor allem, weil er Verweise auf einige Spiele enthielt. Gerüstet mit den Namen, die die Historiker den diversen Spielen zugeschrieben hatten, wandte er sich dem Buch über die Mayakultur zu. Darin wurde ein Spiel beschrieben, das dem Damespiel ähnelte und Bezüge zur Mathematik hatte.

Nathan sah sich die gemeißelten Figuren seines Spiels einen Moment lang an und befand, dass es rein gar nichts mit Mathematik zu tun hatte. Er mochte Mathematik, hasste aber gleichzeitig den Matheunterricht. Das ist doch mal ein anspruchsvolles Rätsel: Bringt man Mathelehrern eigentlich bei, wie man ein interessantes Fach so richtig öde rüberbringt oder ist diese Fähigkeit in der Natur der Mathelehrer angelegt?

Er stieß auf ein anderes Spiel der Maya, das Bul hieß und eine Art Kriegsspiel zu sein schien. Der Beschreibung zufolge war es nicht unwahrscheinlich, dass es sich aus einem Würfelspiel mit dem Namen Haxbil-Bul entwickelt hatte. Aber dieses Spiel wurde mit Maiskörnern gespielt und mit Bohnen, auf die einseitig ein einziger Punkt gemalt war und die vermutlich Würfel darstellen sollten.

Bul war ganz offensichtlich nicht das Spiel, das Nathan gerade gefunden hatte, aber seine Geschichte war trotzdem interessant. Es war nämlich ein Glücksspiel und anscheinend hatten die Maya bei diesem Spiel ihr Vermögen und sogar ihre Freiheit verlieren können. Die Verlierer wurden tatsächlich zu Sklaven der Gewinner und mussten ihnen bis an ihr Lebensende dienen.

Das klang ganz schön drastisch. Wenn man bei Halo verlor, dann hieß das nur, dass man an anderer Stelle wieder neu beginnen und Beleidigungen über sich ergehen lassen musste. Die Vorstellung, dass man zur Strafe bis ans Ende seiner Tage die Hausarbeit für jemand anderen erledigen musste, war bizarr.

Er legte ein Lesezeichen in die Seite und las weiter. Bald war ihm klar, dass er in diesem Buch alles gefunden hatte, was es für ihn zu finden gab, schlug es frustriert zu, ging zu seinem Bett hinüber und setzte sich neben das Spiel. Er bewegte die Figuren hierhin und dorthin und stellte sie in unterschiedlichsten Positionen auf, um zu sehen, ob ihn irgendeine Idee ansprang. Nichts. Langsam wünschte ich mir, ich hätte dieses Ding nie gefunden. Dann musste er sich aber eingestehen, dass das nicht wirklich stimmte: Auch wenn es ihn unglaublich frustrierte, war es trotzdem spannend, dass sich ein Geheimnis hinter dem Spiel zu verbergen schien. Er schob die Teile wieder aus dem Kreis hinaus und überlegte, was er bereits wusste. Es gab eine klare zahlenmäßige Verteilung der Figuren. Fünf von ihnen konnten mit fünf anderen auf dem Spielfeld konkurrieren, was aber war das Ziel und was der Grund, dorthin zu gelangen?

Nathan streckte sich auf dem Bett aus, starrte auf das Spiel und versuchte, mit reiner Willenskraft aus den Figuren schlau zu werden. Aber auch das funktionierte nicht.

Er schloss die Augen und stellte sich das Spielfeld vor. Im Geiste rückte er die Figuren herum: Es musste doch einen Startpunkt geben. Und mittendrin fiel er in Schlaf.

Break.tif

»Nathan.«

Er schlug die Augen auf. Ein smaragdgrüner Wald umgab ihn und der raue Wind roch nach dem Atem eines Raubtiers.

Vögel in prächtigen Farben starrten aus hohen Bäumen auf ihn herab. Nathan kannte sie sogar: scharlachrote Aras, Motmotguans mit türkisen Augenbrauen, Maskentölpel, Regenbogentukane und Dutzende anderer Vögel. Als er noch jünger gewesen war, hatten ihn Vögel sehr fasziniert und er hatte viel über sie gelernt. Sie krächzten, schnalzten und pfiffen mit einem ohrenbetäubenden Lärm.

Nathan wich zurück und hielt sich die Ohren zu.

Lebhaft hoben sich die Farben vor dem grünen Laub ab.

Über sich vernahm er plötzlich ein träges Knurren. Langsam sah er nach oben. Ein wunderschöner, aber mörderisch aussehender Jaguar räkelte sich auf einem dicken Ast. Die große Raubkatze gähnte träge und ihre rosafarbene Zunge rollte sich aus ihrem Rachen heraus. Ihr Schwanz wand sich und schlug auf und nieder.

Als Nathans Augen sich an das schattige Licht des Waldes gewöhnt hatten, sah er erst, dass in den Bäumen rund umher noch weitere Raubkatzen lagen. Ganz vorsichtig versuchte er, sich auf dem unebenen Untergrund davonzuschleichen.

Es ist doch nur ein Traum. Flipp bloß nicht aus.

Nur dass die Szenerie ihm hier realer vorkam als je zuvor in irgendeinem anderen Traum – und seine Träume waren lebhaft. Er machte noch einen Schritt zur Seite und stolperte dabei über eine frei liegende Baumwurzel. Um ein Haar wäre er gefallen, fing sich jedoch gerade noch mit Händen und Knien ab.

Jetzt wurden die Jaguare lebendig. Auf einmal sahen sie alle in Nathans Richtung und einige erhoben sich elegant in den Vierfüßlerstand.

»Ganz ruhig.« Nur keine Angst zeigen, sagte er sich, aber er wusste nicht, ob er das schaffen würde. Man hatte ihm beigebracht, dass Tiere es spürten, wenn man Angst hatte. »He, entspannt euch mal alle.« Ein wenig schwankend und mit ganz langsamen Bewegungen zog Nathan sich in eine kauernde Position zurück.

Er war sich ziemlich sicher, dass ihm im Traum nichts passieren konnte. Schließlich war er schon von Zombiehorden niedergemacht und von Aliens erschossen worden, war in Träumen, in denen er nicht fliegen konnte, von steilen Klippen gefallen und hatte all das überlebt, weil er natürlich immer irgendwann aufgewacht war.

Dieser Traum hier aber war um vieles interessanter als seine anderen Träume und er wollte gar nicht wach werden, bevor er nicht noch etwas weitergeträumt hatte.

»Willkommen, Nathan.«

Die Stimme, die das sagte, war eine Nathan unbekannte Männerstimme. Eine angenehme Baritonstimme, eine, die gern lachte. Die sofort Vertrauen weckte – wie die von einem Athleten, der nach einem großen Sieg mit einem Sportreporter spricht.

»Wer sind Sie?« Nathan wich noch einen Schritt zurück.

Die Jaguare bewegten sich unruhig. Noch weitere erhoben sich auf ihren Ästen.

»Ich bin ein Freund. Ich fand es an der Zeit, dass wir uns kennenlernen. Wir haben viel gemeinsam.«

Merkwürdig. Obwohl seine Träume im Allgemeinen sehr detailreich waren, sprachen die Menschen in ihnen normalerweise nur über Dinge, die Nathan sofort wissen musste. Dass sich die Zombies beispielsweise näherten. Oder wo die verwundbarste Stelle im Verteidigungssystem der Aliens war. Solche Sachen eben, notwendige Informationen.

Alltagskommunikation? Eher weniger.

»Ich habe aber keine Dschungelfreunde.« Nathan sah sich nach einem Fluchtweg um. »Ich steh ja nicht mal auf Tarzan.« Und es sieht ganz so aus, als hätte ich auch keine Freunde in der Familie der Raubkatzen.

»Das hier ist kein Dschungel. Es ist ein Wald.«

»Egal. Das ist mein Traum.«

»Tatsächlich? Was träumst du denn?«

»Irgendwelches Zeug.«

Der Mann lachte. »Es wäre gut, wenn wir uns unterhalten könnten.«

»Worüber denn?«

»Na, über irgendwelches Zeug.« Der Mann kicherte über seinen eigenen Scherz.

»Sehr witzig.«

»Ich würde mich gern Auge in Auge mit dir unterhalten.«

Nathan musste sich eingestehen, dass er so jemanden wie diesen Mann gern kennenlernen würde. Normale Leute würden sich doch nie in einem Wald rumtreiben, in dem es von wilden Jaguaren und anderen Bestien wimmelte, die in den grünen Schatten lauerten.

»Sie wissen ja, wo Sie mich finden.« Nathan versuchte, die Richtung zu orten, aus der die Stimme kam.

»Hast du Angst, dass die Raubkatzen sich deine Zunge schnappen könnten?«

Trotz der Bedrohlichkeit, mit der die Jaguare vor ihm auf und ab schritten, musste Nathan lächeln.

»Na klar, und meine anderen Körperteile auch. Sind das hier Ihre Haustiere?«

»Nein. Ich kann ihnen sagen, dass sie auf Abstand gehen sollen, wenn du Angst hast. Ich dachte aber, du würdest über diesem eher minimalen Problem stehen. Es sei denn, dir gefällt die Vorstellung, Kauspielzeug für sie zu sein.« Der Mann lachte.

»Na toll.« Obwohl Nathan sich durchaus fürchtete, wusste er, dass er sich in seinem Traum sicher fühlen konnte. Seine kämpferische Natur brach durch und wollte sich der Herausforderung stellen. Er drehte sich in die Richtung, aus der die imposante Stimme kam und wusste, dass er, sollte all dies wirklich nur ein Traum sein, einen Machtvorteil hatte, den der Mann nicht einschätzen konnte.

In diesem Augenblick setzten die Jaguare zum Sprung an. Ihr Knurren und Fauchen übertönte das Vogelgezwitscher. Das durch das Blattwerk schimmernde Sonnenlicht ließ die Krallen der Raubkatzen wie ein Feuer aus Ebenholz aufblitzen.