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Loser oder was?

VORWORT

Mobbing ist zu einem überall verbreiteten Problem geworden.

Je mehr eine Gesellschaft den persönlichen Eigennutz zum Motor ihres Handelns macht, desto mehr greifen Konkurrenzdruck, Neid und Rücksichtslosigkeit um sich.

Schon in Kindergarten und Schule zeigt sich der Kampf um Macht und Einfluss, der Wirtschaft und Politik bestimmt, als persönlicher Wettstreit um Ansehen, Vorteile und exklusive Beziehungen.

Je weniger Kinder in der Familie soziales Verhalten erfahren, umso eher glauben sie, ihre Bedürfnisse nur auf Kosten anderer befriedigen zu können. Der Wunsch ein respektierter Teil einer Gruppe zu sein wird dann nicht in gleichwertigen Beziehungen zu allen verwirklicht, sondern führt zu Gruppenbildungen, die sich gegen andere abgrenzen, diese abwerten und erniedrigen.

Die jeweils zum Opfer Gemachten haben es schwer sich dagegen zu wehren, denn nur wenige haben gelernt kreativ und selbstbestimmt Mobbing entgegen zu treten. Aus Angst selbst zum Opfer zu werden wird ihnen meist Hilfe verweigert.

Dieses Buch versucht eine Vielzahl von Lösungsansätzen und gewaltfreien Konfliktstrategien zu zeigen, die ich als Jugendlicher und später als Lehrer und Ausbilder von Schüler-Streitschlichtern erprobt und vermittelt habe.

Aus eigener Erfahrung als Mobbing-Opfer habe ich gelernt, dass es möglich ist, sich aus dem verhängnisvollen Kreislauf von Erniedrigung, Angst und Selbstverachtung zu befreien, der so viele lähmt und seelisch zerstört.

Immer wieder habe ich erlebt, wie Kinder und Jugendliche sich aus der Zwangsjacke ihrer eingeübten Blockaden heraus arbeiten und Selbstzweifel und Mutlosigkeit in Selbstvertrauen und Zuversicht verwandeln konnten.

Dieses Buch richtet sich vor allem an Jugendliche, stellt aus ihrer Perspektive typische Konflikte dar und zeigt in anschaulicher Form wie sich Probleme zwischen Schülern, Lehrern und Eltern angehen lassen.

Ich habe die Form eines Tagebuchberichts aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen gewählt, weil Jugendliche in diesem Alter Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Sie sind fähig, ihre Probleme zu durchschauen und selbständig nach Lösungen zu suchen. Ich hoffe, dass sie durch diesen aus dem Leben gegriffenen Bericht lernen können, wie befreiend es ist weder Opfer noch Täter, sondern Freund unter Freunden zu sein.

Roland Greis studierte Deutsch, Englisch und Philosophie und arbeitete von 1977 bis 2015 als Gymnasiallehrer. Seit 2000 bildete er auch Schüler-Streitschlichter aus.

Heute ist er als Bildhauer, Maler und Autor tätig.

1

Gleich nach der ersten Stunde hat sich so ein Großer mit stechenden Augen vor mir aufgebaut und mein Biobuch gegrabscht.

,,Damit du weißt, wie das hier läuft", hat er genuschelt und in meinem Buch geblättert.

,,Also, ich hab hier das Sagen und wenn du keinen Ärger willst, halt dich dran. Wenn du versuchen solltest aufzumucken, das haben schon andere versucht. Ist ihnen gar nicht gut bekommen."

Er bog das Buch bis es fast brach und ließ es auf den Tisch klatschen.

,,Verstanden?"

Er hat mich drohend angeglotzt und weil das ja nicht schwer zu verstehen war, habe ich ja gesagt.

Da hat er mir noch einen tiefen Blick geschenkt, sich umgedreht und ist mit so einem Gang wie ihn Actionhelden draufhaben zu seinem Platz gelatscht. Hat seinem Nachbarn irgendwas zugenuschelt, sich noch einmal zu mir umgesehen und die Beine unter dem Tisch ausgestreckt.

Jetzt wusste ich also echt, wie das hier lief.

Die nächsten Tage habe ich damit verbracht, mir die Klasse etwas genauer anzusehen.

Der Große, der sich mir an meinem ersten Tag vorgestellt hat, wird von allen Pitt genannt. Passt, wie ich finde, echt gut zu ihm. Weniger, allerdings, weil er dem gleichnamigen Schauspieler gleicht.

Pitt ist meist mit zwei anderen Jungen zusammen. Der eine ist ziemlich stämmig, hat einen Stiernacken und kleine, im Fett versunkene Augen. Bei mir heißt er Bully. Und den Dritten, den mit dem Schlitzmund und der schiefen Nase, nenne ich Terrier.

ln der Klasse sind 18 Jungen und 10 Mädchen. Zwei von den Jungen gelten als Loser. Der eine ist ziemlich dick und kann einem nicht in die Augen sehen. Er sitzt die meiste Zeit auf seinem Stuhl und wartet, dass ihm wieder einer eins auswischt. Er heißt, glaube ich, Waldemar oder so, aber die meisten nennen ihn Stinktier. Wieso hab ich noch nicht herausgefunden.

Der Andere ist ziemlich groß und dünn, hat Pickel und eine Brille, die seine Augen hervorstehen lässt. Er heißt Fred, wird aber von allen Frettchen genannt. Er zuckt dauernd mit den Augenlidern und erschrickt, wenn ihn einer anlabert.

Dann sind da noch zwei Jungs, die immer zusammenstecken und so gut wie nie mit einem anderen reden. Sie werden meist in Ruhe gelassen. Ich nenne sie das U-Boot. Sie verhalten sich so unauffällig, dass die meiste Zeit keiner merkt, dass sie da sind. Wenn sie dann doch mal ein Lehrer drannimmt, was selten passiert, bin ich immer wieder überrascht, dass es sie gibt.

Ich hab mal ein Buch über einen Shaolin-Mönch gelesen, der sich unsichtbar machen konnte. Irgendwie erinnern mich die Beiden daran. Keine schlechte Methode, Streit aus dem Weg zu gehen. Du musst nur alles, was um dich herum vorgeht, einfach ausblenden und dich auf etwas Bestimmtes konzentrieren. So stand das in dem Buch über den Mönch. Muss wohl was dran sein. Wenn man zu zweit ist, geht das wahrscheinlich noch einfacher. Weil man dann was hat, das einem hilft, die anderen zu vergessen.

Mir ist aufgefallen, dass das die sogenannten Loser nicht können. Man sieht es ihnen förmlich an, wie sie ständig in Angst vor etwas sind. Sie erwarten dauernd einen Angriff und das zieht die Angreifer regelrecht an. Wir haben vor einiger Zeit in Physik einen Versuch mit einem luftleeren Raum gemacht. Als dann das Ventil geöffnet wurde, ist die Luft voll reingezischt. So ungefähr muss das auch bei diesen Leuten funktionieren. Sie pumpen mit ihrer Angst den Raum leer, in den die Anderen dann ganz leicht eindringen können.

Auch in meiner vorigen Klasse waren solche Typen. Die haben dauernd Probleme gehabt. Taten einem ja irgendwie Leid. Aber geholfen hat denen eigentlich keiner. Auch ich nicht.

Wenn die wenigstens versucht hätten, was dagegen zu tun. Oder um Hilfe gebeten hätten. Aber die haben sich immer nur passiv verhalten und nichts gemacht. Echt nervig. Wer hat da schon Lust, sich ins Schussfeld zu stellen. Wenn die selber keinen Finger für sich krumm machen!

Irgendwie war ich früher auch nicht viel anders. Dauernd hat irgendein Idiot mir eins übergebraten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich mit dem Muskeltraining angefangen habe. Und dann ist etwas Komisches passiert. Ich habe gemerkt, wie ich stärker wurde und dass ich was an mir ändern kann und plötzlich habe ich nicht mehr dauernd dieses Scheißgefühl mit mir rumgeschleppt. Und das müssen die anderen irgendwie gemerkt haben, denn sie haben mich in Ruhe gelassen.

Das war als ich dreizehn war. Und dann habe ich angefangen genauer hinzuschauen. Weil ich wissen wollte, wie das funktioniert, was da so abläuft.

Kurz danach sind wir wieder mal umgezogen. Und jetzt habe ich mir vorgenommen, meine Chance zu nutzen. Denn hier kennt mich noch keiner, schon gar nicht von früher.

2

Heute habe ich in der Schule etwas gelernt. So was kommt vor.

Ich war etwas früher losgegangen, weil ich sehen wollte, was morgens vor Schulbeginn so abgeht. Ich war nicht der Einzige, den es nicht mehr zu Hause hielt. Vor mir entdeckte ich Bully, der wohl aus einem anderen Grund so früh unterwegs war. Er musste ziemlich geladen sein, denn er trat dauernd irgendwo gegen. Ich hielt Abstand, weil ich nicht auch dazu gehören wollte.

Auf dem Schulgelände sah ich schon von weitem Waldemar, den Unglücksraben, der an seinem Fahrrad rumfummelte. Bully war nicht mehr weit von ihm weg. Die letzten Schritte beschleunigte er und trat voll gegen das hintere Schutzblech. Waldemar zuckte zusammen und tat einen Hüpfer.

,,Du hast mein Fahrrad kaputt gemacht!“ quetschte er in einem weinerlichen Tonfall heraus.

,,Kriegst gleich noch eins in die Fresse!" schrie Bully und holte aus.

Waldemar riss die Arme hoch und versuchte seinen Kopf zu schützen.

Bully sah sich kurz um, hielt inne und trat dann noch einmal gegen die Speichen.

,,Ein Ton zum Lehrer und ich mach dich alle", grunzte er.

Er glotzte zu mir rüber.

Jetzt bloß nicht provozieren, dachte ich. Ich musste an den Film über Gorillas denken. Denen durfte man auch nicht in die Augen gucken, wenn sie einen anstarrten. Wahrscheinlich fühlten sie sich sonst in ihrer Affenehre verletzt oder so.

Ich drehte mich also weg und ging zum anderen Eingang. Der war durch einen Gebäudeteil verdeckt und ich hatte gesehen, dass auch Waldemar dahin ging, nachdem er versucht hatte sein Schutzblech geradezubiegen. Ich ging zu ihm hin.

„Wenn du willst, bezeuge ich, was passiert ist."

Er schaute ziemlich erstaunt und winkte dann ab.

,,Hat sowieso keinen Sinn."

,,Wieso nicht?" fragte ich.

,,Weil ich keine Lust habe, hinterher zusammengeschlagen zu werden.“

,,Aber wenn du nichts machst, geht das immer so weiter."

„Immer noch besser als im Krankenhaus zu landen."

,,Schon mal versucht, dich zu wehren?"

,,Einmal hab ich's dem Lehrer gemeldet. Und als der Andere alles abgestritten hat, meinte der Lehrer, da kann man nichts machen. Da steht Aussage gegen Aussage. Und hinterher hat der Typ mich fertig gemacht."

,,Aber diesmal war ich als Zeuge dabei."

,,Nee, keine Lust. Das eine Mal hat mir gereicht. - Trotzdem danke."

Irgendwie tat er mir Leid, wie er da mit hängenden Schultern rumhing. Erinnerte mich ziemlich krass an mich selbst.

,,Was hältst du davon, wenn wir in den Pausen zusammen was machen?"

Er guckte ganz schön geschockt.

,,Meinst du das ernst?"

,,Klar. Ich weiß, wie's dir jetzt geht. Hab ich auch mal alles durchgemacht."

Er schaute überrascht, wollte was sagen, griente dann aber nur verlegen.

Wir sind dann, als es klingelte, in die Klasse. Er immer ein paar Schritte hinter mir, obwohl genug Platz war. Hat mich ziemlich genervt, dass ich mich dauernd umdrehen musste. Hab dann auch nichts mehr gesagt.

In der Klasse war unser Freund Bully gerade dabei, seinem Oberboss Pitt seine Heldentat vorzuführen.

,,Ich hab voll reingetreten. Und das Stinktier geht voll in Deckung."

In dem Moment hat er mich gesehen.

Ich bin zu meinem Platz gelatscht ohne ihn zu beachten. Dann kam Waldemar rein.

,,Ey, Stinktier, wie geht's denn so?" höhnte Bully. „Nächstes Mal stellste deine Karre nicht wieder in meinen Weg. Kannste sonst gleich verschrotten."

Waldemar hat sofort den Kopf eingezogen und sich in voller Montur auf seinen Platz gesetzt.

Inzwischen drängelten noch mehr in die Klasse. Bully drehte sich wieder seinem Oberpitt zu, der die ganze Zeit grinsend zugeschaut hatte. Fürs Erste war der Tag wohl für die gerettet. Dann kam der Breese rein. Er gab die Deutscharbeit zurück. Ich war fein raus, hatte ja nicht mitgeschrieben.

,,Einige von euch sollten sich schon mal nach einer anderen Schulform umsehen."

Dazu ein bedeutungsschweres Grinsen, das wohl triumphierend gemeint war.

,,Tja, Christof da hast du ja mal wieder dein ganzes Können gezeigt", höhnt der Typ und knallt Bully sein Arbeitsheft auf den Tisch.

,,Du kannst froh sein, dass ich nicht sechsminus drunter geschrieben habe!"

Bully läuft puterrot an und stiert auf sein Heft. Ich kann hören, wie seine Fingerknöchel knacken. Aber das war noch nicht alles.

,,Waldemar, nicht schlecht, aber du musst deine Arbeit noch besser gliedern."

Der guckt ziemlich bedröppelt. Schielt zu Bully hin, der ihn hasserfüllt anstiert.

W

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Viel Spaß!



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