Logo weiterlesen.de
Warum lügt dein schöner Mund?

Warum lügt dein schöner Mund?

Packender Roman um das Schicksal der kleinen Berryl

Von Erika Sommer

Blanca von Loevenich, die exzentrische Schauspielerin, wurde ermordet. Ihr lebloser Körper treibt im Parkweiher von Gut Eulengrund. Ihr Mann Graf Götz, der sich während ihrer zahllosen Affären fürsorglich um die gemeinsame Tochter kümmert, steht vor den Trümmern seiner Existenz. Er wird von der örtlichen Polizei verdächtigt, aus Eifersucht seine Frau erwürgt zu haben. In seiner Verbitterung entlässt er das gesamte weibliche Personal. Er duldet keine Frauen mehr auf Eulengrund. Eine Entscheidung, die ihm teuer zu stehen kommt, als bei der Heuernte wichtige Arbeitskräfte fehlen.

Das Schicksal aber soll ihm eine Gruppe junger Menschen schicken, die in der Nähe Urlaub macht. Die fröhliche Truppe ist fleißig und packt mit an. Unter ihnen ist Berryl Menzel. Sie kennt die tragische Geschichte des Grafen und steht ihm dennoch völlig unbefangen gegenüber. Ihre Frische und Natürlichkeit öffnen Götz das Herz. Niemals hat der enttäuschte Mann geglaubt, noch einmal so lieben zu können.

Doch er ahnt nicht, dass er sein Herz erneut an eine Schauspielerin verloren hat …

Die große Standuhr schlug zehn, als Daisy Richrath das Haus verließ. Ausgerechnet heute musste sie verschlafen, wo doch Madame gerade sie mit dem Auftrag ausgezeichnet hatte, der Komtess Detemple das Hochzeitskleid abzustecken.

Nervös blickte sie sich nach einem Taxi um und winkte aufgeregt, als ein dunkler Wagen langsam heranfuhr und neben ihr stoppte.

Aufatmend öffnete sie die Tür und setzte sich in den Fond.

„Fahren Sie los, aber so schnell wie möglich!“, befahl sie. „Ich muss in zehn Minuten auf Schloss Detemple sein.“

Der elegant gekleidete Mann sah Daisy einen Moment lang sprachlos an, dann glitt ein amüsantes Lächeln um seinen Mund.

Gehorsam nickte er, langsam fuhr der Wagen an.

„Können Sie nicht etwas schneller fahren?“, fragte sie den Fahrer ärgerlich. „Mann, meine Stellung hängt davon ab, dass ich pünktlich bin.“

„Ich bin doch kein Rennfahrer – und wenn es wirklich so wichtig ist, dann hätten Sie ein wenig früher aufstehen sollen.“

Verblüfft riss das junge Mädchen die Augen auf.

„Woher wissen Sie denn, dass ich mich verschlafen habe?“

Er lachte leise, aber steigerte das Tempo.

Daisy zupfte ihr Kleid zurecht, dann nahm sie ihren Handspiegel hervor und prüfte ihr Gesicht.

„Links sitzt etwas zu viel Make-up, mein Fräulein, es muss besser verrieben werden, und ihr Mund sieht aus wie eine zerdrückte Kirsche.“

Ganz langsam ließ Daisy ihren Spiegel sinken und starrte den Mann an. Das war doch einfach unverschämt!

„Was – was fällt Ihnen ein?“, fragte sie schließlich zornig.

Er sah sie mit einem schnellen Blick von der Seite an. Wieder lag dieses eigenartige Lächeln um seinen schmalen Mund.

„Nun werden Sie nur nicht gleich grantig. Ich meine es doch nur gut. Oder liegt Ihnen nichts daran, einen guten Eindruck auf Schloss Detemple zu hinterlassen?“

„Welchen Eindruck ich hinterlasse, ist allein meine Sache. Sie haben mich lediglich auf dem schnellsten Weg dahin zu bringen“, schimpfte Daisy außer sich.

„Bin ja bereits dabei“, erklärte er ungerührt. „Aber ich kann mir nicht denken, dass es für eine Dame ein beruhigendes Gefühl ist, wenn sie weiß, dass ihre Kriegsbemalung nicht einwandfrei ist. Außerdem – wenn Sie meine Meinung hören wollen – verstehe ich einfach nicht, dass ein so junges, hübsches Mädchen so etwas überhaupt nötig hat.“

„Ich – ich – habe Sie nicht um Ihre Meinung gebeten!“ Daisy war noch nie so verdutzt gewesen wie in diesem Augenblick. Entsetzt schaute sie auf das Armaturenbrett. „Wo haben Sie denn Ihre Zähluhr?“, fragte sie ängstlich.

„Ich bin kein Taxifahrer“, erwiderte er amüsiert.

„Ja – aber – Sie waren doch am Taxistand“, stammelte sie völlig verwirrt.

„Irrtum, mein Fräulein. Ich hatte nur einen Augenblick dort gehalten, weil ich mir ein paar Zigaretten gekauft habe.“

„Du heiliger Bimbam!“ Das Mädchen stöhnte und kroch förmlich in sich zusammen. „O Gott – o Gott – da habe ich mich ja nett blamiert.“ Sie wurde jäh wieder lebhaft und richtete sich erschrocken auf. „Aber wo fahren Sie mich denn hin?“

„Wohin Sie befohlen haben, gnädiges Fräulein, zum Schloss Detemple, Luisenplatz 14 – 18.“

Daisy war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos, ein Zustand, der nicht sehr oft vorkam.

Wie, wenn der Mann ein Mädchenhändler war und sie nun verschleppen würde? Warum hatte er sie nicht sofort auf ihren Irrtum aufmerksam gemacht? Was führte er im Schilde?

Bei diesem Gedanken wurde es Daisy ganz anders. Sie fühlte, wie ihr der Schweiß ausbrach.

„Lassen Sie mich heraus, hören Sie, ich will aussteigen!“, rief sie wütend.

Sofort hielt der Wagen an. Gelassen drehte sich der Mann am Steuer zur ihr um.

Daisy sah in ein braungebranntes Gesicht, in dunkle Augen, in denen kleine Fünkchen zu tanzen schienen. Die Hände, die auf dem Steuer lagen, waren gepflegt.

„Hören Sie mal, kleines Fräulein“, sagte der Fahrer nun langsam; seine Stimme klang warm und dunkel, „zuerst stürzen Sie auf meinen Wagen zu, als ginge es um Ihr Leben, verlangen von mir, dass ich Sie sofort zum Schloss bringe. Nachdem ich Ihren Wunsch erfülle, herrschen Sie mich plötzlich an, zu halten und Sie aussteigen zu lassen. Was wollen Sie denn nun eigentlich? Soll ich Sie nun hinfahren oder hier aussteigen lassen?“

Seine Stimme klang keineswegs unfreundlich, eher, als ob er sich über sie lustig mache.

Einen winzigen Augenblick zögerte Daisy noch, aber dann siegte ihre Vernunft.

„Wenn Sie mich wirklich hinfahren wollten?“, fragte sie unsicher und sah ihn mit ihren großen Augen bittend an.

„Es ist mir ein Vergnügen, denn schließlich kommt es ja nicht häufig vor, dass eine so reizende junge Dame mich für einen Taxichauffeur hält.“

Daisy verzog die Lippen, als ob sie auf eine Zitrone gebissen hätte.

Musste der Mann sie denn unbedingt an ihre Ungeschicklichkeit erinnern? Es war aber auch zum Verzweifeln; sie verwechselte so manche Dinge und Menschen und brachte sich immer wieder damit in die größte Verlegenheit.

„Sagen Sie einmal, warum haben Sie es eigentlich so eilig?“

„Ich bin im Modehaus Carmen beschäftigt. Da die Komtess Detemple zu unseren besten Kunden zählt, wurde ich mit dem Sonderauftrag beehrt, ihr Hochzeitskleid abzustecken.“

Der Mann sah angelegentlich auf die Straße. Sekundenlang war es wie ein Schatten über sein Gesicht gehuscht.

„Sie sprechen so, als sei es eine große Bevorzugung, dass man Sie zu der Komtess schickte.“

„Ist es auch, mein Herr. Wer zur Zufriedenheit der Komtess arbeitet, die sehr verwöhnt und anspruchsvoll ist, der kann mit Stolz von sich sagen, dass er etwas kann.“

Er gab keine Antwort, bog von der Straße in einen Seitenweg zum Schloss ein.

„So, da wären wir!“ Er fuhr nicht bis zum Schloss. „Ich denke, dass Sie lieber das letzte Stück zu Fuß gehen“, erklärte er ruhig.

Daisy war es wirklich lieber so. Hastig sprang sie aus dem Wagen und reichte ihm herzlich die Hand.

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, mein Herr, denn ich weiß nicht einmal Ihren Namen“, sagte sie mit leisem Vorwurf.

„Chris Loevenich“, stellte er sich nach kurzem Zögern vor.

„Also nochmals vielen Dank, Herr Loevenich. Es war sehr nett, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben.“

„Gern geschehen. Aber darf ich nun auch wissen, mit wem ich das Vergnügen hatte?“, fragte er lächelnd.

„Ich heiße Daisy Richrath.“ Sie sah hastig auf ihre Uhr. „Aber nun muss ich mich eilen, sonst komme ich zu spät.“

Sie winkte noch einmal zurück und lief dann eilig den Weg zum Schloss hinauf.

Der Mann blieb einen Augenblick reglos in seinem Wagen sitzen und sah nachdenklich hinter der zarten Mädchengestalt her, dann strich er sich mit einem leisen Seufzer über das Haar und ließ seinen Wagen wieder anfahren.

Daisy wäre mit Recht verwundert gewesen, wenn sie gesehen hätte, dass ihr „Fahrer“ in den Schlosshof einbog und den Wagen wie selbstverständlich in die Garage brachte.

***

Komtess Detemple empfing das junge Mädchen mit sichtlicher Ungeduld.

„Ein wenig früher hätte auch nichts schaden können“, erklärte sie ungnädig.

Daisy schluckte krampfhaft. Sie gab keine Antwort, aber was dieses Schweigen sie kostete, das wusste nur sie.

Daisy Richrath stammte aus sehr gutem Hause. Ihr Vater war ein hoher Offizier gewesen und ihre Mutter eine Baroness. Aber als der Vater plötzlich starb, blieb der Mutter nur eine winzige Rente, mit der sie und die Tochter kaum das Leben fristen konnten.

Daisy aber war praktischer veranlagt als die Mutter. Sie hatte im Internat nähen gelernt und viel Freude daran gefunden. Außerdem war sie von einer bewundernswerten Geschicklichkeit, sodass unter ihren Händen die herrlichsten Modelle entstanden, die aller Entzücken hervorriefen.

Dieses Können machte sich die junge Daisy nun zunutze. Obwohl die Mutter verzweifelt protestierte, nahm sie eine Stelle im Salon Carmen an und hatte es schon nach einem Jahr so weit gebracht, dass sie eine der besten Kräfte in dem teuren Salon war und die anspruchsvollste Kundschaft nur von ihr bedient werden wollte. Daisy war sehr stolz auf das, was sie geschafft hatte, und besonders darauf, dass die Mutter nun keine Not zu leiden brauchte.

Frau von Richrath empfand es zwar als demütigend, dass ihre Tochter reiche Damen bedienen musste, obwohl sie selbst Anspruch darauf hatte, als Dame behandelt zu werden. Nur die Chefin wusste, dass sich hinter dem schlichten Namen Richrath die Offizierstochter Daisy von Richrath verbarg, und sie machte keinen Gebrauch davon, weil sie es dem jungen Mädchen nachfühlen konnte, dass es diese Tatsache verheimlichen wollte.

Aber in diesem Augenblick empfand Daisy es bitter, dass sie sich von dieser arroganten Komtess so dumm kommen lassen musste, und sie musste an sich halten, um nicht aufzufahren. Was diese Gans sich nur einbildete!

Erbost steckte Daisy das wundervolle weiße Kleid, das die Komtess in vier Wochen zu ihrer Hochzeit tragen sollte, auf die abgemessene Länge zurecht. Das Kleid war Daisys eigener Entwurf, ein Gedicht in Seide und Tüll, und es wurmte sie, dass ausgerechnet die Komtess es tragen sollte.

Komtess Detemple schien ihren Unmut schon wieder vergessen zu haben. Sie wurde auf einmal sehr redselig und sprach lebhaft auf das Mädchen ein.

Daisy gab höflich, aber sehr kurz Antwort und war glücklich, als sie sich verabschieden konnte.

„Ich werde meiner Chefin Ihre Wünsche betreffs des Unterkleides mitteilen, Komtess“, versicherte sie, während sie sich seufzend all die kleinen und großen Wünsche der anspruchsvollen Kundin notierte.

Tief atmete Daisy auf, als sie das Schloss endlich verlassen konnte.

***

Christian Graf Loevenich, von allen Freunden nur Chris gerufen, betrat nach kurzem Anklopfen das Zimmer seiner Braut, die ihn mit einem anklagenden Wortschwall überfiel.

„Wo warst du gestern? Du wusstest doch, dass wir das Haus voller Gäste hatten! Empörend, dass du einfach nicht kommst und mich so zum Gespött der Leute machst. Es war nun schon das dritte Mal, dass du nicht zu meiner Gesellschaft erschienen bist.“

Graf Chris nahm gelassen eine Zigarette aus seinem Etui und zündete sie umständlich an.

„Eine sehr liebevolle Begrüßung für eine Braut, findest du nicht, Blanca?“, fragte er dann mit leichtem Sarkasmus, und seine braunen Augen sahen die Komtess spöttisch an.

„Was erwartest du nach dieser erneuten Enttäuschung, die du mir bereitet hast?“, erklärte sie wütend. „Du hast doch wohl nicht im Ernst damit gerechnet, dass ich dir nun um den Hals falle und für gut befinde, was du getan hast? So verliebt bin ich doch wieder nicht, um blind gegen deine Fehler zu sein.“

Die Männeraugen hatten sich jäh verdunkelt.

„Verliebt, Blanca, ja, bist du das denn überhaupt noch?“

Er atmete ein paarmal tief. Er wusste nicht, wie es kam, aber auf einmal glaubte er ein junges, reizendes Mädchen vor sich zu sehen mit großen, strahlenden Augen, die ihn neugierig ansahen.

Ohne dass er es wusste, lag in seinen dunklen Augen ein forschender Ausdruck, als er nun seine Braut ansah.

Wie kam es nur? Gerade heute fiel ihm zum ersten Mal auf, dass Blancas Make-up viel zu stark aufgetragen war, dass ihre Lippen zu rot waren, die Augenwimpern zu stark getuscht.

War es, weil er der strahlenden, natürlichen Jugend begegnet war? Dieses junge Mädchen war nur eine einfache Näherin und schien doch in ihrer Frische wie der ewige Frühling zu sein.

„Warum siehst du mich so an?“ Komtess Blanca wurde sichtlich unruhig und warf schnell einen Blick in den Spiegel.

Aber sie konnte nichts feststellen, was seinen seltsamen Blick gerechtfertigt hätte, und so legte sie ihn in ihrer Eitelkeit als Bewunderung aus.

„Eigentlich war ich gekommen, um dich zu bitten, mit nach Eulengrund zu fahren. Götz würde sich sehr freuen, wenn wir ihm etwas Gesellschaft leisteten. Seine Frau ist wieder einmal auf Tournee.“

Unmutig verzogen sich die vollen, roten Mädchenlippen.

„Wir sollen auf dem langweiligen Gut bleiben?“, fragte sie und schüttelte sich. „Das kannst du nicht von mir verlangen, Chris, wo du doch weißt, wie sehr ich das Gutsleben hasse, diese Einsamkeit und Stille.“

„Vergiss nicht, dass dieses Gut meine Heimat ist. Vielleicht erscheint es dir sonderbar, aber ich liebe gerade diese Ruhe und friedliche Stille.“

„In diesem Fall werden wir beide uns nie einig sein, Chris. Ich bin zu sehr Städterin, und ich kann deine Schwägerin sehr gut verstehen, dass sie ihre bunte, schillernde Welt nicht mit dem Leben auf dem Gut vertauschen will.“

„So, du kannst sie verstehen, obwohl sie die Frau meines Bruders ist und ein Kind hat?“, fragte der Graf zornig.

„Du lieber Gott, soll sie sich vielleicht wegen des kleinen Balgs auf dem Gut vergraben? Dem kleinen Mädchen fehlt doch nichts, es hat genug Personal um sich!“ Die Komtess zuckte die Schultern.

„Herrgott noch mal, glaubst du wirklich, dass diese bezahlten fremden Menschen dem Kind die Mutter ersetzen können?“

„Du bist ein Schwärmer, mein Lieber“, erklärte die Komtess kühl. „Über eines musst du dir klar sein: Wenn ich erst deine Frau bin, dann glaube nur nicht, dass ich meine Tage im Kinderzimmer zubringen werde und meine Jugend mit Kindergeplärr vergifte.“

„Soll das vielleicht heißen, dass du keine Kinder willst?“

„Ganz recht geraten, mein Lieber.“

„Aber das ist doch Irrsinn, Blanca! Wo liegt denn noch der Sinn unserer Ehe, wenn sie kinderlos bleiben soll?“

Amüsiert lachte sie auf. Noch nie hatte ihr Lachen in seinen Ohren so kalt geklungen wie in diesem Augenblick.

„Man hört doch aus all deinen Worten immer wieder deinen älteren Bruder heraus. Götz war dir ein guter Lehrmeister, Chris“, spottete sie.

„Lass Götz aus dem Spiel, einen besseren und edleren Menschen als ihn gibt es nicht!“

Sie trat schnell auf ihn zu. Nachdem sie ihn so sehr gereizt hatte, hielt sie es nun für an der Zeit, nachzugeben.

Aber diesmal schien es nicht so leicht zu sein, den Verlobten wieder völlig auszusöhnen. Blanca hatte das Gefühl, als ob sich eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen errichtet hätte.

„Ich komme mit dir, Chris“, sagte sie nach kurzem Überlegen, da ihr alles daran lag, ihn wieder zu versöhnen.

Aber nicht die Liebe war es, die sie bewog, so nachgiebig zu sein, sondern die ernste Unterredung, die ihr Vater erst vor einer Stunde mit ihr gehabt hatte.

Kurz und bündig hatte er ihr erklärt, dass sie vor dem Ruin ständen und nur ihre bevorstehende Heirat die Gläubiger noch einmal bewogen hätten, die Versteigerung aufzuschieben. Nun lag es an ihr, Blanca, die Familie vor dem Untergang zu retten und sich selbst vor Armut zu bewahren.

Als Graf Loevenich ihr zum ersten Mal gegenüberstanden hatte, hatte sie sofort Gefallen an dem schlanken, hochgewachsenen Mann gefunden, in dessen braunen Augen ein Funke aufgesprungen war, als er sie zum ersten Mal sah. Eine Zeit lang war sie leidenschaftlich in ihn verliebt gewesen, obwohl er in seiner Wesensart genau das Gegenteil von ihr war. Sie war temperamentvoll bis zur Unbeherrschtheit, und ihre Dienerschaft konnte davon ein Liedchen singen. Er dagegen war ruhig und besonnen. Er lachte gern und war von innen heraus fröhlich. Im Gegensatz zu seiner Braut liebte er die Natur und hasste allzu viel Geselligkeit und lautes Treiben.

In der ersten Zeit hatte er heimlich gehofft, dass seine Liebe das ungestüme Wesen der Braut formen und leiten könnte, aber nun hatte er längst eingesehen, dass sein Bruder recht gehabt hatte, der ihm bündig erklärte, dass er bei der Komtess genauso wenig sein Glück finden werde, wie er es selbst bei seiner Frau gefunden hatte, die eine berühmte Schauspielerin war.

„Sie passen nicht zu uns, sie sind wie Schmetterlinge, die nur der Sonne entgegenfliegen“, hatte er sehr ernst gesagt, als Chris ihm die Braut vorgestellt hatte. „Wir aber sind Bauern geblieben, Chris, und mit der Scholle verwachsen. Wir haften mit unseren Füßen am Boden und können ihrem Flug nicht folgen, weil wir zu plump und schwerfällig dazu sind. Und das, mein Junge, kann kein Glück bringen, denn einer wird immer der Leidende sein, und da sie nicht zum Leiden geboren wurden, so werden wir es sein – du und ich.“

„Aber sie liebt mich, und ich liebe sie, und wenn zwei Menschen sich lieben, dann muss es doch einen Weg geben, der sie zusammenführt, Götz?“, hatte er eingewandt.

„Das habe ich auch einmal geglaubt, Chris, aber wie schnell hat dieser Glaube sich in ein Nichts aufgelöst! Wie kann denn Liebe leben, wenn sie keine Nahrung findet? Erst ist es Einsamkeit, Sehnsucht, die dich fast krank macht, wenn du wieder allein bist, dann wird es Verbitterung, Zweifel werden wach. Plötzlich siehst du alles mit ganz anderen Augen, hörst auf einmal das leise Gemurmel und Geraune um dich herum, siehst die teils bedauernden, teils spöttischen Blicke, und dann ist das Misstrauen da. Es nagt und frisst und lässt dich keine Ruhe mehr finden. Und eines Tages erkennst du, dass von deiner einst so großen Liebe nichts mehr geblieben ist als Verachtung, die manchmal an Hass grenzt, weil du an ‚ihre‘ Treue nicht mehr glauben kannst. Du fühlst es, Chris, jeder Nerv sagt es dir, aber du kannst es nicht beweisen, weil sich alles weit ab von dir abspielt und du keinen Teil an ihrem Leben hast.“ Schweratmend hatte der Bruder sich abgewandt.

Chris hatte Mitleid mit ihm empfunden, denn er wusste, wie sehr gerade der stille, ernste Bruder seine Frau liebte, und wie sehr er unter diesem Leben litt, zu dem sie ihn verurteilt hatte.

Noch ahnte er nicht, wie bitter recht der Bruder mit seinen Worten hatte, noch wusste er nicht, dass Blanca schon längst keine Liebe mehr für ihn empfand, sondern sich heimlich mit dem Baron traf.

Was keinem bisher gelungen war, diesem Mann fiel es wie von selbst in den Schoß. Er hatte es verstanden, das kühle Herz des Mädchens voll und ganz zu erringen, und Blanca wäre sofort bereit gewesen, sich von Chris loszusagen, wenn der Baron nicht selbst so bitter arm gewesen wäre.

Dass Blanca nun auf einmal zustimmte, mit Chris auf das Gut zu fahren, rührte ihn und stimmte ihn weicher, denn er wusste, dass es für sie ein Opfer bedeutete.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lore-Roman 84 - Liebesroman" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen