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Lord Limbus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1. FROSTKRONE
  6. 2. KRIEG
  7. 3. SKLAVENMARKT
  8. 4. VISIONEN
  9. 5. EIN NEUANFANG
  10. 6. SKLAVENKINDER
  11. 7. DER LIMBUS
  12. 8. BEKANNTE GESICHTER
  13. 9. STREUNER
  14. 10. DIE WELT DER LEBENDEN
  15. 11. FERNE UFER
  16. 12. NEUE VERBÜNDETE
  17. 13. SEGEL AM HORIZONT
  18. 14. SPUREN IM SALZ
  19. 15. EIN FREMDES LEBEN
  20. 16. RÜCKSCHLÄGE
  21. 17. ANTWORTEN
  22. 18. FÜNF ALTE MÄHREN
  23. 19. BLUT
  24. 20. DAS SIEDLUNGSSCHIFF
  25. 21. FERTIG ZUM ENTERN
  26. 22. DER SIECHENFELS
  27. 23. VORBEREITUNGEN
  28. 24. ALTE RUNEN
  29. 25. DREI WAHRE GESICHTER
  30. 26. VERTRAUTER SCHATTEN
  31. 27. KONJUNKTION
  32. 28. KLIPPENTHRON
  33. 29. SEELENWANDERUNG
  34. 30. TRAUMWELT
  35. 31. EIN NEUER ANFANG
  36. 32. LORD LIMBUS

Über den Autor

Stephan Russbült wurde 1966 in Rendsburg geboren. Er absolvierte eine Lehre als Großhandelskaufmann, studierte BWL und arbeitet heute als leitender Angestellter. Aus seiner Begeisterung für Fantasy-Rollenspiele erwuchs auch seine Leidenschaft, Geschichten zu schreiben. Russbült lebt mit seiner Familie in Husum.

1.
FROSTKRONE

Der Herbst hatte es noch nicht geschafft, die Blätter von den Bäumen zu vertreiben, da fielen in dem kleinen Bergdorf Frostkrone bereits die ersten Schneeflocken vom Himmel. Schwer und nass stürzten sie aus den grauen Wolken hinunter und verweilten kaum mehr als ein paar Sekunden am Ende ihrer Reise. Soeben am Boden angekommen, schmolzen sie und verloren ihre eigene Existenz, um sich sogleich mit ihren Schicksalsgenossen zu vereinigen.

Reuben Tant drängte sich der Vergleich zu allem irdischen Lebens auf. Was war das Leben schon mehr als der Fall aus dem Schoß der Mutter, der damit endete, so hart auf den Boden zu schlagen, dass einem das letzte bisschen Luft aus den Lungen gepresst wurde. Für den einen mochten es vielleicht nur ein paar Tage im Fall des Lebens sein, für einen anderen unter Umständen mehrere Dekaden, wenn die Götter es gut mit ihm meinten. Wichtig war nicht, wie lange man lebte. Früher hatte Reuben geglaubt, dass es nur darum ging, was man während der Zeit erreicht hatte. Jetzt wusste er, dass ein Leben nur etwas wert war, wenn man es anständig gelebt hatte.

Reuben beobachtete das Spiel des Windes mit den Flocken. Der Schnee besaß etwas Reinigendes, etwas Friedliches, und einigen Menschen in Frostkrone bescherte er sogar das Gefühl der Geborgenheit. In Zeiten wie diesen, in denen Kriege, Seuchen und die Launen der Götter die Menschen verunsicherten, war es gut, etwas zu haben, was Beständigkeit bot, selbst wenn es sich dabei nur um Schnee handelte. Außerdem tat man besser daran, die weißen Flocken zu mögen, wenn man eine der achthundert Seelen dieser Gemeinde war, denn man hatte so weit oben in den Bergen fast neun Monate des Jahres mehr als ausreichend von ihnen.

Frostkrone war im Grunde genommen eine ganz normale Siedlung. Es gab eine Kirche, eine Schule, zwei Gasthöfe, das Bürgermeisterhaus und allerhand Geschäfte, die zur Zufriedenheit der Bürger beitrugen. Reisende waren zwar nicht an der Tagesordnung, aber wenn sich tatsächlich mal ein Händler oder Abenteurer in die Stadt verirrte, wurde er freundlich aufgenommen. Das Einzige, was Frostkrone von den meisten anderen Städten unterschied, war seine ungewöhnliche Lage. In fast dreitausend Fuß Höhe reckten sich die Gebäude aus den Felsen wie gewachsener Quarz in einer Druse. Die Bauten erstreckten sich über vier Plateaus, die durch in den Fels getriebene Treppen untereinander verbunden waren. Zwischen den einzelnen Stadtvierteln gab es jeweils einen Höhenunterschied von bis zu sechzig Fuß. Die Stadt war ein architektonisches Meisterwerk, auch wenn es nicht die Bewunderung bekam, die es verdient hätte.

Die Witterung hier oben ließ es nicht zu, Häuser allein aus Holz zu bauen. Somit hatte man sich entschlossen, ein einheitliches Stadtbild zu schaffen, indem man alle Gebäude im gleichen Fachwerkstil errichtete. Selbst bei nachträglich erbauten Häusern hatte man peinlich genau auf die Einhaltung dieser Maxime und die Verwendung der richtigen Baumaterialien geachtet. Sandstein, Schiefer und Lehm zu beschaffen war hier oben leicht, auch wenn Linusil, der Steinmetz, ständig nörgelte, dass Granit besser geeignet wäre. Mehr Probleme verursachte das Holz. In diesen Höhen gab es nur wenig Bäume, und wenn, dann verurteilte ihr Wuchs sie meist dazu, Brennholz zu werden.

Also hatten die Bewohner von Frostkrone sich entschlossen, in regelmäßigen Abständen vom Berg herabzusteigen, um mit vereinten Kräften in den nächstgelegenen Wäldern Bäume zu schlagen und die Stämme zurück in ihr Dorf zu bringen. Im Grunde genommen war dieser Ort ein schönes Fleckchen, um dort zu leben. Die Gemeinschaft war fast familiär, man musste auf kaum etwas verzichten, und man war weit ab von dem Trubel der großen Städte. Der einzige Nachteil lag in der langen Frostperiode und dem kräfteraubenden Auf- und Abstieg. Nur wenige Wochen im Jahr kletterten die Temperaturen über den Nullpunkt.

Reuben stand vor dem Tempel des Vaters, die schweren Eichentüren in seinem Rücken, und beobachtete das bunte Treiben auf dem Platz, denn am heutigen Markttag hatten viele der Einheimischen ihre Stände aufgebaut und boten ihre Waren feil. Nur wenige Händler von außerhalb machten sich den beschwerlichen Weg den Berg hinauf, um ihre Handelsgüter anzupreisen. Die meisten Dinge des täglichen Bedarfs wurden hier in der Stadt selbst gefertigt und konnten billiger angeboten werden als die, die erst umständlich herbeigeschafft werden mussten. Nur wer mit Schmuck oder Tuch handelte, konnte seine Reisekosten wieder hereinbekommen. Die Bürger Frostkrones verhielten sich wie die in anderen Teilen des Landes auch, und insbesondere die Frauen konnten kaum widerstehen, wenn ihnen feine Stoffe oder duftende Tinkturen aus fernen Ländern angeboten wurden.

Reuben hatte sein Augenmerk auf eine Gruppe Kinder gerichtet, die zwischen den Ständen herumtollten. Die kleinen Bälger waren ihm wohlbekannt. Besonders die zwei ältesten, die Söhne des Schmieds, hatten immer etwas auszuhecken und stifteten die Kleineren mit ihrem Unsinn an. Sie waren nicht böse. Sie wollten auch niemandem Schaden zufügen, aber der Mangel an Abwechslung in einem Kinderleben in Frostkrone ließ sie ihre Grenzen austesten. Die Händler wurden zunehmend unruhig, weil sie um ihre säuberlich aufgebauten Waren fürchteten. In einer Schlacht waren Kinderhände nicht von Nutzen, aber in der Nähe von Töpferwaren konnten sie große Verwüstung anrichten.

»Haut endlich ab, ihr Bengel«, fluchte Timusil, einer der Händler, und stieß dabei mit seinem Bein gegen den wackelig aussehenden Tisch, auf dem er seine reich verzierten Lampen zur Schau stellte. Eines der Kunstwerke kippelte bedrohlich hin und her und konnte nur vor dem zerberstenden Sturz auf das Pflaster gerettet werden, weil Tundun, der Bergbauer und Händler vom benachbarten Stand, beherzt zugriff.

»Oh, hoffentlich hab ich sie nicht kaputtgemacht«, entschuldigte er sich sofort und stellte die filigran gearbeitete Lampe mit den polierten Achatscheiben zurück.

»Nein, nein«, beruhigte Timusil ihn. »Ohne dich wäre sie heruntergefallen. Danke! Diese verfluchten Bälger haben nichts als Unsinn im Sinn.«

Im Nu hatte sich die Meute Kinder aufgelöst. Sie stoben in alle Richtungen auseinander und verschwanden zwischen den verschiedensten Marktständen.

Reuben sah, wie eine kleine Kinderhand blitzschnell in die gefüllten Körbe von Tunduns Gemüsestand griff und eine große Steinkartoffel unter dem schmutzigen Hemd verschwinden ließ. Es stand außer Frage, dass es sich um eine Mutprobe handelte, die von den Söhnen des Schmieds angestiftet worden war. Niemand in Frostkrone war so arm, dass er etwas zu essen stehlen musste, und selbst wenn, dann auf keinen Fall eine Steinkartoffel. Dieses Gemüse gab es hier zuhauf, und man konnte es sogar wild wachsend finden. Das Problem damit war, dass man es stundenlang kochen musste, um es überhaupt genießbar zu machen, und selbst dann war es nicht besonders nahrhaft und schmeckte grässlich.

Reuben war auch einmal ein Kind gewesen und wusste, wie solche Mutproben abliefen. Es ging nicht darum, was man stahl, sondern von wem. Tundun war genau das richtige Opfer. Er war ein kräftiger Mann mit zumeist hochrotem Gesicht. Was ihn aber besonders auszeichnete und perfekt erscheinen ließ für die Durchführung einer Mutprobe war, dass er sehr schnell aus der Haut fuhr.

Der Junge, es handelte sich um den jüngsten Spross der Schneiderin, setzte zum Sprint an. Doch anstatt zwischen den Ständen in Deckung zu gehen und dann in eine der hinteren Gassen zu laufen, rannte er genau an Tundun und Timusil vorbei. Noch bevor er auf Höhe der beiden Männer war, riss Timusil den Arm hoch und zeigte vorwurfsvoll auf den kleinen blonden Jungen mit der ständig laufenden Nase. Er hätte keine Chance, dem festen Griff des Bergbauern zu entkommen, und würde sich mit Sicherheit eine Tracht Prügel oder wenigstens eine Ohrfeige einfangen. Reuben entschied, dass beides nichts daran ändern würde, dass Kinder sich auf waghalsige Mutproben einließen, um den anderen zu gefallen und ihren Platz im Leben zu finden. Mit einer kaum merklichen Geste, die dem Streicheln einer imaginären Katze ähnelte, wirkte Reuben einen Zauber.

Timusil und Tundun wollten dem Jungen den Weg versperren, doch anstatt vorzuschnellen, grätschten sich ihre Beine und brachten sie zu Fall. Sie waren auf dem plötzlich vereisten Pflaster ausgerutscht und gestürzt. Niemand fand es merkwürdig, dass sich der liegende Schnee in eine Eisfläche verwandelt hatte, und das war auch gut so.

Mit einem Schreck und der Einsicht, dass es die Sache nicht wert gewesen war, rannte der Junge an den Händlern vorbei. Es blieb bei zwei blauen Flecken und dem Diebstahl eines Gemüses, das ohnehin niemand essen wollte. Niemand kam darüber hinaus zu Schaden.

Wieder einmal musste sich Reuben eingestehen, dass die Teile seines bewahrten kindlichen Gemütes die Oberhand gewonnen hatten. Er kannte den Ernst des Lebens nur zu genau und wusste, was es hieß, Verantwortung zu tragen. Doch wann immer es eine Situation zuließ, meldete sich eine innere Stimme zu Wort. Eine Stimme, die ihm sagte, er solle nicht richten, sondern versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen. Es war leicht, eine Tat oder eine Person zu verurteilen und damit Gerechtigkeit herzustellen. Aber eine Tat ungeschehen, einen Betrogenen wohlwollend oder einen schlechten Charakter zu einem guten zu machen, verlangte einiges mehr. Um genau zu sein, benötigte man zwei Eigenschaften: große Macht, um es möglich zu machen, und das Kind in sich, um diese Macht nicht zum Bösen zu verwenden.

Genau diese Eigenschaften waren es, die ihn dazu gebracht hatten, nach Frostkrone zu gehen und hier als Bruder Reuben den offiziellen Vertreter des Glaubens zu mimen und einen Tempel bauen zu lassen.

Etwas länger als sechs Jahre war es her, dass am Königshof von Uthram dem Dritten in der wundervollen Stadt Klippenthron entschieden wurde, einen drohenden Krieg durch ein Attentat abzuwenden. Die Vaarlaker, ein barbarisches Volk aus dem Norden, waren im Begriff, das Inselkönigreich Dreinebelküste anzugreifen. König Uthram kannte das Volk der Vaarlaker genau. Er wusste, dass sie geleitet wurden von Weissagungen und Omen ihrer Schamanen. All ihr Handeln wurde bestimmt von dunklen Prophezeiungen, die die alten Seher und Seherinnen ihres Volkes ihnen verkündeten. Viele dieser Weissagungen wurden gehütet wie die kostbarsten Schätze im Reich, doch manchmal konnte es passieren, dass allein ein Bier zu viel und ein ungewollter Zuhörer die stärksten Ketten eines Geheimnisses zu lösen vermochten. So besagte ein Orakel, dass das Volk der Vaarlaker so lange über ihre Feinde siegreich sein würde, bis das erste Blut in der Clanfolge von Beggarth, dem Anführer aller Clans, vergossen wurde. Mit diesem Wissen entsandte Uthram seinen Hofmagier Reuben Tant und drei weitere ruhmreiche Soldaten des Landes, um den ältesten Sohn von Beggarth zu töten. Uthram selbst glaubte nicht an Prophezeiungen, aber er wusste, dass gewisse Umstände dazu führen konnten, dass sie sich erfüllten.

Der Auftrag schlug fehl, und anstatt des ältesten Sohnes wurde die sechsjährige Tochter des Königs der Vaarlaker getötet. Die Pläne zur Eroberung von Dreinebelküste wurden zwar verworfen, doch die Rache des Volkes aus dem Norden löschte die Bewohner einer ganzen Stadt und mit ihr die traurigen Helden des Anschlages aus. Landzunge, die nördlichste Stadt von Grothe, eine der drei Inseln der Dreinebelküste, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Nur Reuben Tant konnte den rachedurstigen Häschern mit Zuhilfenahme seiner Zauber entkommen und sich in Sicherheit bringen. In seiner Schmach und seiner Trauer inszenierte er seinen eigenen Tod und tauchte unter. Er hatte eingesehen, wie dumm und sinnlos sein Auftrag gewesen war. Wie vielen Menschen sein Tun das Leben gekostet hatte. Er bereute es zutiefst, sein Leben auf diese Weise geführt zu haben, und dass er sich vom Machthunger anderer hatte verblenden lassen. Er legte alles ab, was er einst gewesen war, und flüchtete an den einzigen Ort, der weit genug entfernt von seiner Missetat lag, und an dem er noch sicher war – Frostkrone. Fortan kannte man ihn nur noch unter dem Namen Bruder Reuben, und auch er selbst verdrängte die Erinnerung an das Geschehene.

Schnell erlangte er das Vertrauen der Einwohner Frostkrones und wurde durch das Amt des Priesters, das er offiziell nie besessen hatte, zu einer angesehenen Person. Reuben kannte sich mit den Gepflogenheiten und Aufgaben eines Priesters des Vaters aus. Sein älterer Bruder war dieser Berufung nachgekommen, ging völlig in seinen Verpflichtungen auf und hatte es niemals unterlassen können, Reuben stundenlang davon zu berichten. Damals hatte Reuben es als Verschwendung angesehen, die eigenen Talente dafür einzusetzen, anderen zu helfen, die diese nicht besaßen. Heute wusste er, dass dies der einzige Grund dafür war, dass jemand vom Vater eine Gabe mitbekommen hatte. Man sollte sie dazu nutzen, anderen zu helfen. Was sein Bruder seit jeher gewusst hatte, musste er erst schmerzhaft lernen. Ohne seine wahren Fähigkeiten preiszugeben, diese aber nutzend, um sein fehlendes klerikales Wissen zu umgehen, setzte er sich für das Wohl der Menschen ein.

Unfreiwillig war er die letzten zwei Jahre sogar zur Wahl des Bürgermeisters aufgestellt worden, jedoch war er beide Male nicht angetreten. Reuben hatte ein ungutes Gefühl, was die Geheimhaltung seiner wahren Identität anging. Er lebte ständig in der Angst, jemand würde ihn eines Tages wiedererkennen – jemand aus seinem alten Leben. Mit Bürgermeister Nobriest, dem damaligen und auch jetzigen Amtsinhaber, hatte er eine Übereinkunft getroffen. Jeder Fremde, der die Stadt betrat, wurde angewiesen, zuerst in den Tempel zu gehen, um dort zu beten und etwas für die Armen, die es nicht gab, zu spenden. Somit hatte Reuben die Gelegenheit, sich die Reisenden erst einmal näher anzusehen und zu entscheiden, ob sie seiner gespielten Identität gefährlich werden konnten. Als Gegenleistung dafür verzichtete er auf das Kräftemessen in Bezug auf Wählerstimmen um das Amt des Bürgermeisters.

Heute war es wieder einmal so weit. Drei Soldaten aus Klippenthron waren gestern erschienen und hatten um ein Gespräch mit dem Bürgermeister gebeten. Sie hatten ein regelrechtes Geheimnis aus ihrem Anliegen gemacht und waren nicht gewollt gewesen, es jemand anderem mitzuteilen, wie Reuben von den Stadtwachen erfahren hatte. Man hatte sie hingehalten, sodass sie gezwungen waren, im Gasthaus »Zur Felsbrücke« zu übernachten. Nobriest hatte ihnen eine Nachricht zukommen lassen, dass er sie am kommenden Vormittag, also heute, im Tempel treffen würde, wo sie von Reuben empfangen werden würden. Diese List war notwendig gewesen, da sich die Soldaten des Königs üblicherweise nicht von den örtlichen Gepflogenheiten einschüchtern ließen und sie sicherlich nicht bereit waren, Geld zu spenden, geschweige denn bei einem Dorfpriester Buße zu tun.

Anscheinend hatten sie den Abend im Gasthaus doch ausgelassener verbracht, als Reuben es von Soldaten des Königs gewohnt war. Er hätte schwören können, dass sie nach dem ersten Hahnenschrei das Gotteshaus betreten würden, um ihren Pflichten nachzukommen, doch so war es nicht. Der halbe Vormittag war bereits verstrichen und von den Soldaten nichts zu sehen. Der Aussage der örtlichen Stadtwache nach waren sie nicht wieder abgereist, und von einer nächtlichen Schlägerei, von der sie sich erst erholen mussten, hätte Reuben bestimmt gehört. Er verabscheute jeden, der zu unberechenbar war, um ihn einzuschätzen.

Schließlich, kurz bevor Reuben des Wartens überdrüssig wurde, sah er am anderen Ende des Marktplatzes die Wappen des Königs. Drei junge Soldaten bahnten sich ihren Weg durch die Stände. Beruhigt stellte Reuben fest, dass sie zu jung waren, um ihn zu kennen. Keiner der drei Männer würde ihn entlarven können. Dennoch stellte sich die Frage, was sie hier suchten. Gelassen zog er sich in den Tempel zurück und schloss die Türen hinter sich. Es war nicht vonnöten, ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu zollen und ihnen zu vermitteln, dass sie erwartet wurden.

Reuben machte sich daran, beschäftigt zu wirken. Die Aufgaben eines Dorfpriesters waren reichhaltig. Als er vor Jahren nach Frostkrone kam und begann, den Tempel des Vaters mit der Unterstützung der Einwohner zu errichten, ahnte er nicht, wie anstrengend es sein konnte, sich um die glaubensnahen Belange der Menschen zu kümmern. Seine weitreichenden Magiekenntnisse halfen ihm zwar bei der Erledigung seiner Aufgaben, doch wurden sie den meisten Problemen dennoch nicht gerecht. Erst seine bescheidenen klerikalen Studien der Mächte, die er in den vergangenen Jahren mithilfe von Büchern und Schriftrollen angestellt hatte, sowie die Verbundenheit mit dem Glauben des Vaters, dem Gott des Schutzes, ermöglichten ihm, die Kräfte der Meditation zu nutzen. Im Laufe der Zeit gelang es ihm, durch Gebete die einfachsten Gottessegnungen und Heilungen auszusprechen. Neben Schutzzaubern und fiebersenkendem Handauflegen war es ihm sogar möglich, leichte Krankheiten zu kurieren oder wenigstens zu lindern. Schnell hatte die Bevölkerung ihr Vertrauen in ihn gesetzt, und neben den reinen klerikalen Aufgaben wurde er zum zentralen Ansprechpartner für alle übrigen menschlichen Belange.

Momentan reichte es ihm jedoch, sich mit der weltlichsten und profansten Arbeit, die ihm das Amt des Dorfklerikers einbrachte, zu beschäftigen. Er fegte den mosaikbelegten Boden vor dem Altar.

Reuben hörte, wie eine Hälfte des Eichenportals mit dem Fuß aufgestoßen wurde. Eine so gut wie jeden Brauch missachtende Geste, die man niemandem hätte durchgehen lassen dürfen. Aber in diesem Fall machte er eine Ausnahme, da es genügte, wenn die Besucher schnellstens wieder verschwanden.

»Hey, Alter, hast du den Bürgermeister gesehen?«, brüllte einer der Soldaten quer durch das Gotteshaus.

Reuben zeigte nicht die geringste Reaktion. Er war nicht gewillt, auf diese doppelte Unverschämtheit einzugehen. Im Haus des Vaters zu schreien schickte sich nicht, für niemanden, egal welchen Rang er innehatte. Ihn als »Alten« zu bezeichnen grenzte auch an eine Beleidigung. Natürlich war sein langes gewelltes Haar bereits ergraut. Schließlich würde er bald zum fünfundsechzigsten Mal seinen Namenstag feiern. Dennoch war die Betitelung mehr als respektlos. Hätte dies jemand gewagt, als er noch Hofmagier war, wäre er sicherlich nicht mit einer einfachen Zurechtweisung davongekommen.

Die Schritte näherten sich, doch Reuben ging demonstrativ weiter seiner Beschäftigung nach. Eine Hand packte ihn grob an der Schulter und riss ihn herum.

»Bist du taub, Alter? Ich hab dir eine Frage gestellt.«

Auge in Auge standen sich Reuben und der junge Soldat gegenüber. Reuben hegte die Hoffnung, dass der Mann seinen Fehler einsah und sich vielleicht entschuldigte. Unter Umständen hatte er ihn mit einem Bediensteten verwechselt, wobei dies aber nur eine klägliche Erklärung für das ungebührliche Verhalten gewesen wäre. Reuben wusste, dass die Truppen des Königs nicht in Höflichkeit und Etikette unterrichtet wurden, doch einen Mann mit Mitte sechzig, der gepflegt und offensichtlich kein Bettler war und zudem das heilige Gewand des Vaters trug, mit »Alter« zu betiteln und ihn grob anzupacken, war arrogant und unverschämt.

Der Soldat wich seinem Blick nicht aus. In seinen Augen war nicht das kleinste bisschen Reue zu sehen.

»Entschuldigt, ich war etwas abwesend«, erklärte Reuben.

»Das habe ich gemerkt. Sag schon, wo ist denn nun der Bürgermeister?«, forderte der Soldat, dessen Rangabzeichen ihn als Leutnant auswiesen, zu wissen.

»Er lässt sich entschuldigen, aber ich bin sein Stellvertreter. Ihr könnt Euer Anliegen auch mir vortragen.«

Der Soldat musterte Reuben. Er versuchte wohl, in seiner Mimik etwas zu erkennen, etwas aus seiner Körpersprache zu deuten oder irgendeinen Hinweis zu finden, der seine Behauptung unterstrich. Er fand nichts, was hilfreich war. Er würde nie etwas finden, wenn Reuben es ihm nicht gestattete.

»Priester, wir sind hier, um mit dem Bürgermeister zu sprechen und nicht mit dem zweitklassigen Stellvertreter eines drittklassigen Kaffs. Wir sind Soldaten des Königs. Wir sind keine Bittsteller.«

Reuben drehte sich um. Er erwiderte nichts und nahm seine Arbeit abermals auf. Die drei beratschlagten im Flüsterton miteinander. Reuben konnte nicht verstehen, was sie redeten, aber er wusste, dass sie nicht gelassen genug waren, die Situation auszusitzen.

»Gut, Alter, ist auch egal, mit wem wir reden. Wir sind auf Geheiß des Königs hier.«

Reuben drehte sich wenig interessiert seinem Gesprächspartner zu.

»Was will der König von einem kleinen Bergdorf, das nichts von Wert besitzt und kaum genug erntet, um sich selbst zu ernähren?«

»Wir wollen keine Steuern«, fiel ihm der Soldat ins Wort. »Wir sind hier, um alle jungen Männer zwischen zwanzig und dreißig für den Krieg gegen die Vaarlaker zu rekrutieren. Das Königreich braucht ihre Schwerter.«

Das war gelogen. Das Königreich brauchte nur ihr Blut. Reuben wusste, wie es für Hilfstruppen in Zeiten des Krieges aussah. Sie wurden geopfert. Geopfert für Informationen, die keiner brauchte. Sie wurden in den Tod geschickt, um Soldaten zu schützen, die für das Kämpfen bezahlt wurden. Sie wurden dort eingesetzt, wo das Sterben von ausgebildeten Kämpfern zu teuer war. Niemals würde er zulassen, dass auch nur eine Seele dieser unschuldigen Bürger in einem Krieg geopfert wurde. Kriege fanden nur aus einem Grund statt – weil die Mächtigen noch mehr Macht wollten. Die Menschen hier hatten nichts mit ihnen gemein, und somit sollten sie auch nicht für ihre Belange einstehen.

»In diesem Dorf gibt es keine Krieger«, antwortete Reuben gelassen.

»Du hörst mir nicht zu, wir suchen keine Krieger. Wir suchen alle Bauerntölpel zwischen zwanzig und dreißig, damit wir ihnen beibringen können, ihrem König zu dienen. Und wenn wir nicht wenigstens eine Rotte zusammenbekommen, sind wir ermächtigt, das Alter der Gesuchten in beide Richtungen auszuweiten. Ich habe gestern auf dem Marktplatz einige Jungen gesehen, die nicht mehr als fünfzehn oder sechzehn Lenze zählten, aber kräftig genug schienen, um ein Schwert zu führen.«

»Nein, ihr versteht nicht.« Reuben ließ den Besen aus seiner Hand gleiten. Klappernd fiel er zu Boden. Noch während die drei Soldaten voller Erstaunen auf das Arbeitsutensil schauten, wirkte Reuben bereits den zweiten Zauber dieses Tages.

»Order Movere Kest«, drang es dumpf aus seiner Kehle.

Wie in Trance bewegten sich die drei Männer rückwärts auf die hölzerne Kirchenbank zu. Sie stießen mit den Füßen an den unteren Holzrahmen der Sitze und sackten auf der ungepolsterten Bank zusammen. So hockten sie da wie Kinder, die ermahnt wurden und ihre Strafe erwarteten.

»Hört mir zu, Knechte des Königs«, dröhnte Reubens Stimme ihnen entgegen. »In diesem Dorf gibt es keine jungen Männer. Hier leben nur alte Greise und Witwen, die für das Kriegshandwerk nicht taugen. Wenn ihr gefragt werdet, antwortet ihr, dass der Aufstieg nach Frostkrone sich nicht lohnt, um Schlachtvieh für den Krieg zu rekrutieren. Habt ihr das verstanden?«

Mit bleichem Gesichtsausdruck und offenen Mündern bejahten sie nickend.

»Gut, ihr werdet euch sofort wieder an den Abstieg machen und jedem, der euch danach fragt, meine Worte verkünden, die jetzt auch die euren sein werden.«

Reuben trat vor und tippte dem Leutnant auf die Stirn.

»Und für dich, mein hitziger Freund, habe ich noch eine ganz besondere Aufgabe. Du wirst jedem Bettler, den du zwischen hier und Turmwall siehst, eine Münze deines Soldes geben, und in jeder Stadt wirst du den Tempel des Vaters aufsuchen und ebenfalls fünf Münzen spenden und die Götter für dein unangemessenes Auftreten um Entschuldigung bitten. Ihr könnt jetzt gehen.«

Die Soldaten erwachten wie aus einem Tagtraum. Sie schauten sich gegenseitig ratlos an, doch keiner von ihnen wagte es zu sprechen.

»Ich danke euch für euer Verständnis«, sagte Reuben mit einem breiten Grinsen im Gesicht. »Ich will euch jetzt nicht länger aufhalten, ihr habt sicherlich noch viele Städte zu bereisen. Der Vater sei mit euch.«

Mit einer tiefen Verneigung zog sich Reuben zurück und verrichtete weiter seine Arbeit. Einen Augenblick lang verharrten die Soldaten noch auf ihren Plätzen. Sie schienen sich zu fragen, was in den letzten Minuten passiert war, fanden aber keine Antwort. Dann erhoben sie sich und verließen den Tempel, ohne sich noch einmal nach Reuben umzusehen.

Der kleine Staubhaufen zu Reubens Füßen wurde aufgewirbelt, als sich das große Doppelportal kurze Zeit später erneut öffnete. Der Leutnant hastete eilig durch den Mittelgang direkt auf den Altar zu. Verstört kramte er in einer seiner Taschen und holte einige Münzen hervor. Mit klimperndem Geräusch ließ er vier Münzen in die Opferschale fallen und stand dann regungslos wie ein Büßer vor dem gewaltigen Granitblock. Reuben näherte sich ihm von hinten und drückte ihm eine weitere Münze in die Hand. Wie auf Kommando ließ der Leutnant sie aus seinem Handballen in die Schale gleiten. Dann ballte er die Hand zur Faust und drückte seine Fingerknöchel im Gebet gegen die Stirn. Als er fertig war, machte er auf dem Absatz kehrt und eilte aus dem Tempel.

»Nur Euer Großmut übersteigt noch Eure Gottesfürchtigkeit«, rief Reuben ihm nach, während der junge Soldat die Flügel des Tores hinter sich schloss.

Es waren nur wenige Augenblicke vergangen, und Reuben hatte gerade den kleinen Haufen Schmutz erneut zusammengekehrt, als ein Windstoß ihn wieder über den Fußboden verteilte. Ärgerlich sah er über die Bänke hinweg in Richtung Eingang. Elnod Nobriest, der Bürgermeister, betrat eilig den Tempel und hielt kurz hinter dem Portal inne, um noch einen nervösen Blick durch die sich schließenden Türen zu werfen.

»Kann es sein, dass ich soeben die drei Soldaten gesehen habe, die gerade dabei waren, die Stadt wieder zu verlassen?«, fragte er und kam näher.

»Das kommt darauf an, inwieweit Ihr Euren Augen traut«, erklärte Reuben, ohne vom Boden hochzusehen.

»Sie waren doch extra den beschwerlichen Weg hier hoch ins Dorf gekommen, um mit mir zu sprechen.«

»Das muss ein Missverständnis gewesen sein. Sie wollten lediglich den Segen des Vaters empfangen. Diesen Gefallen habe ich ihnen getan. Danach sind sie wieder von dannen gezogen.«

Bürgermeister Nobriest kratzte sich am Kopf und atmete tief durch. »Und?«

»Was und? Wie gesagt, ich habe ihnen den Segen natürlich erteilt. Sie werden ihn dringend brauchen. Sie ziehen schließlich gegen die Vaarlaker in den Krieg.«

»Das war alles?«

»Nein, sie haben noch gespendet.«

Reuben hatte es bis jetzt unterlassen, zum Bürgermeister aufzusehen. Das kleine Häufchen Schmutz wurde nun zielsicher durch eines der Schmutzlöcher im Boden geschoben und war verschwunden.

Elnod Nobriest schüttelte den Kopf und wartete auf weitere Informationen, welcher Art sie auch immer sein mochten. Er wartete vergebens. Nachdem der Moment des Schweigens drohte, in Peinlichkeit ertränkt zu werden, drehte er sich enttäuscht grunzend um und verließ den Tempel auf demselben Weg und ebenso eilig, wie er gekommen war. An der Tür machte er Halt und drehte sich noch einmal um. Doch Reuben hatte sich bereits aus seinem Sichtfeld begeben.

»Bruder Reuben?«, rief er unsicher. »Kann es sein, dass in dieser Stadt Dinge vor sich gehen, von denen ich nichts wissen soll?«

Reuben hob seinen Kopf zwischen den ersten Reihen der Bänke hervor.

»Bürgermeister Nobriest, welche Antwort erwartet Ihr von mir? Ich wäre wahrhaft ein schlechter Priester, wenn ich einen Mann in seinem Zweifel bestärken würde.«

2.
KRIEG

Gerade einmal drei Monate war es her, dass die Soldaten im Tempel gewesen waren und nach Rekruten gefragt hatten. Seitdem war der Winter noch vehementer über Frostkrone hereingebrochen, und beunruhigende Nachrichten über Krieg auf den Inseln der Dreinebelküste machten die Runde.

Die Dreinebelküste gehörte zum Nordkontinent Unland zusammen mit Seeben, dem großen Reich ganz im Westen, und Wuhnland im Osten. Nach Norden hin wurde sie begrenzt durch das Eismeer, der Heimat der Vaarlaker. Im Süden lag Midmeer, ein Kontinent mit vielen Königreichen, die durch Handel zu großem Reichtum gekommen waren, und Sudland, der Heimat der Wokesen, einem dunkelhäutigen Volk, dass mit Hitze am Tage und Minustemperaturen in der Nacht gleichermaßen gut umzugehen wusste.

Das Gasthaus »Zum Steinbruch« war gut besucht. Die eigenwillige Namensgebung verunsicherte die meisten Reisenden, aber die Einheimischen wussten die hervorragende Küche zu schätzen. Sie war auch der Grund, warum sich Reuben Abend für Abend hier einfand. Ein Mann ohne Familie war wie ein Hund an der Kette – er hatte ständig Hunger und war darauf angewiesen, dass Fremde ihm etwas hinstellten. Die Mahlzeit auf seinem Teller war äußerst liebevoll angerichtet. Das Ziegenfleisch war akkurat in gleich große Würfel geschnitten, und bei dem Gemüse hatte Lilian, die Köchin, darauf geachtet, dass es sich nicht mit der Soße vermischte, um nicht die feinen Geschmacksnuancen zu verlieren. Ohne es zu kosten, konnte Reuben einige seltene Kräuter am Geruch ausmachen. Thymian, Schieferwurz und Bärlauch waren gern verwendetes Beiwerk für viele Gerichte. Doch anstatt sich wie ein hungriger Wolf über das Essen herzumachen, starrte Reuben gedankenverloren auf den dampfenden Teller.

Den anderen Gästen schien es ähnlich zu gehen. Die meisten stocherten lustlos in ihrer Mahlzeit und schoben die Köstlichkeiten von einem Tellerrand zum anderen. Murmelnde Gespräche erfüllten die Luft. Vereinzelte Worte lösten sich aus dem Getuschel und drangen tief in Reubens Gedanken ein. Worte, die nur selten in Gesprächen der Bürger von Frostkrone verwendet wurden. Worte, die die Gedanken aller trübten. Vaarlaker! Krieg! Zerstörung!

Marie, die älteste Tochter von Dürrlang, dem Gastwirt, schob sich mit einer Reihe von geleerten Krügen hinter Reuben hindurch und hielt einen Moment inne. Mit ihrem Ellenbogen stupste sie ihm gegen die Schulter.

»Nichts zu essen ist auch keine Lösung, Bruder Reuben. Mein Vater hat extra frischen Thymian vom Markt geholt und das Fleisch in Marinade gelegt. Ihr solltet es probieren. Ansonsten wird er Euch noch einen seiner berüchtigten Rumtopfsorbets auftischen. Und das wollt Ihr doch schließlich nicht, oder?«

Reuben drehte seinen Kopf nach hinten und schaute der jungen, hübschen Schankmaid ins Gesicht.

»Sicherlich nicht«, presste er hervor und versuchte, seine Einsicht durch ein verkrampftes Lächeln zu unterstreichen.

Dürrlang war kein Unländer. Er kam von einem der südlichen Kontinente, Sudland oder Midmeer. Er hatte es Reuben sicherlich schon des Öfteren erzählt. Dürrlang war vor einigen Jahren mit seiner Tochter nach Frostkrone gekommen, nachdem seine Frau gestorben war, und hatte das Gasthaus übernommen. Er war ein erstklassiger Koch, was er jederzeit unter Beweis stellte, wenn Lilian ihren freien Tag hatte, aber mit seinen alkoholgetränkten Süßspeisen musste man vorsichtig umgehen, wenn man den nächsten Tag ohne pochendes Dröhnen im Kopf verbringen wollte.

Da Marie momentan der einzige Mensch war, den er mit einer kleinen Geste glücklich machen konnte, spießte er einige Brocken Ziegenfleisch auf seine Gabel und führte sie zum Mund. Tatsächlich, es schmeckte vorzüglich, doch nach einiger Zeit des Kauens entfaltete sich ein bitterer Beigeschmack in seinem Gaumen. Es lag jedoch nicht an der Art der Zubereitung, sondern an den äußeren Umständen, die ihm das Essen verdarben. Reuben merkte, wie die neuesten Nachrichten Übelkeit in ihm aufsteigen ließen, doch er konnte das Gefühl wieder unterdrücken. Solange er keine weiteren Fakten hatte, lohnte es nicht, sich dadurch eine Mahlzeit verderben zu lassen. Später würde er sich darum kümmern, alles zusammenzutragen, was es an Informationen gab, und dann würde er entscheiden, was zu tun war. Er ärgerte sich darüber, die Soldaten damals im Tempel nicht näher ausgefragt zu haben. Aus irgendeinem Grund hatte er angenommen, König Uthram führe Krieg gegen die Vaarlaker im Nordreich. Jetzt, wo er genauer darüber nachdachte, hätte ihm auffallen müssen, dass Zivilisten meist nur rekrutiert wurden, wenn Krieg im eigenen Land drohte.

Der Stuhl gegenüber von Reuben wurde zurückgerissen, und Bürgermeister Nobriest ließ sich auf ihm nieder. Knarrend protestierte der Stuhl. Mit hochrotem Gesicht beugte sich Nobriest weit über den Tisch. Zu weit. Und zu nah an seinem Essen für Reubens Geschmack.

»Ihr sitzt hier in aller Ruhe und schlemmt, während die Vaarlaker hinter Eurem Rücken schon den Dolch gezückt haben? Seid Ihr der Einzige, der noch nichts von den Neuigkeiten erfahren hat?«

Reuben legte Gabel und Messer am Rand des Tellers ab und drehte sich vorsichtig um, einen Blick über die Schulter werfend. Dann nahm er sein Essbesteck wieder auf und speiste in Ruhe weiter, ohne Nobriest zu beachten.

»Was ist nun?«, fragte der Bürgermeister gereizt.

Reuben schaute auf. »Es sind nicht die Vaarlaker in meinem Rücken. Es ist Bauer Nirgel mit seinen zwei Söhnen. Außerdem hat er kein Messer, sondern einen Löffel in der Hand.«

»Ihr wisst genau, was ich meine«, brauste Nobriest auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Ja, ich weiß, was Ihr meint. Ich weiß sogar, was Ihr meint, wenn Ihr nicht redet, um mir das Essen zu versauen. Dennoch werde ich in Ruhe aufessen. Danach werde ich alles tun, was in meiner Macht steht.«

»Was in Eurer Macht steht? Seid Ihr größenwahnsinnig geworden? Die Vaarlaker liegen mit ihren Langschiffen vor dieser Insel, und Ihr meint, ein einfacher Kleriker des Vaters wird sie davon abhalten, über uns herzufallen?«

Reuben fiel es schwer, das Gesagte gelassen zu sehen. Übertrieben diszipliniert legte er sein Besteck neben dem Teller nieder, wischte sich mit der Stoffserviette den Mund, knüllte sie zusammen und warf sie zurück auf den Tisch. Das letzte bisschen Appetit war ihm vergangen.

»Du kleingeistiger Wurm denkst, dass du jemanden danach beurteilen kannst, wie er sich dir äußerlich präsentiert. Du weißt nicht das Geringste von mir. Und die Macht, über die ich verfüge, wird dir immer ein unbegreifliches Rätsel bleiben.«

Reuben drückte sich mit den Armen von seinem Platz hoch. Der Stuhl, auf dem Bürgermeister Nobriest saß, kippelte wie von Geisterhand bewegt von einem Bein auf das andere. Erschrocken klammerte sich Nobriest an die niedrigen Seitenlehnen. Reubens Blick bohrte sich tief in den des Bürgermeisters. Ein Auge fast zusammengekniffen, das andere mit hochgezogener Braue, fixierte er Nobriest. Der Stuhl seines Gegenübers begann zu schweben und machte es möglich, dass sich die beiden Männer Auge in Auge gegenübersahen. Der Stuhl des Bürgermeisters schwebte jetzt auf Tischhöhe. Reuben bemerkte, wie die Unterhaltungen im Schankraum verstummten. Das war das erste Mal in all den Jahren, dass die Einwohner Frostkrones einen kleinen Eindruck seiner wahren Identität und Macht bekamen. Die Reaktion aller Beteiligten bestätigte ihm, dass sein Mimenspiel die ganzen Jahre erfolgreich gewesen war und gerade zu bröckeln begann. Sein gut gehütetes Geheimnis schmolz dahin wie der Wachs einer Kerze, doch Reubens Gefühl sagte ihm, dass es weder leichtsinnig noch voreilig war, seine Tarnung auffliegen zu lassen. Krieg mit den Vaarlakern bedeutete, dass ein Dorf wie Frostkrone einen starken Mitstreiter benötigte, einen, der nicht nur auf den Glauben hoffte.

»Hör mir gut zu, Bürgermeister. Die Macht, die ich besitze, ist größer als deine Vorstellungskraft. Glaube mir, wenn ich dir sage, ich werde mein Bestes tun. Doch wenn die Vaarlaker es darauf abgesehen haben, uns alle zu töten, dann wird uns niemand helfen können. Du wirst jetzt befehlen, alle Lichter in der Stadt zu löschen, und dann werden wir warten – warten und hoffen, dass sie wieder abziehen. Frostkrone liegt geschützt im Bergmassiv, was bedeutet, dass die Barbaren unsere kleine Siedlung auf dem Berg nicht ohne Weiteres ausmachen können, doch wenn sie erst angelandet sind und ihre Kundschafter aussenden, heißt es, still sein und sich wie eine Feldmaus vor dem Habicht verstecken. Aber auch vaarlakische Soldaten scheuen den langen Marsch in die Berge, wenn ihnen keine lohnende Beute winkt. Wenn sie uns vom Fuß des Berges nicht sehen können, werden sie weiterziehen.«

»Was wird passieren, wenn sie dennoch kommen?«, fragte Nobriest mit zitternder Stimme.

Behutsam setzte Reuben den Stuhl mitsamt Bürgermeister wieder ab. Verängstigt sah Nobriest zu ihm auf.

»Dann, Bürgermeister«, sagte Reuben, »werden wir uns bewaffnen und so viele dieser Barbaren töten, wie wir nur können, bevor wir sterben. Ich schwöre dir, ihr Blut wird den Schnee unserer Straßen rot färben.«

Reuben stand auf, rückte den Stuhl wieder ordentlich an den Tisch und verließ das Gasthaus. Immer noch entgeistert, starrten die Leute auf die Tür, die er hinter sich schloss.

Es hatte aufgehört zu schneien, aber der scharfe, eisige Wind schnitt ihm ins Gesicht. Reuben zog sein priesterliches Gewand enger um sich und strebte mit gesenktem Haupt auf den Tempel des Vaters zu. Die Straßen waren wie leergefegt. Das schlechte Wetter und die bedrohlichen Nachrichten hatten dafür gesorgt, dass Frostkrone fast verlassen wirkte. Nur vereinzelt drang Lichtschein aus den verschlossenen Fensterläden. Bald würde der Bürgermeister dafür sorgen, dass auch dieses zusammen mit den Straßenlaternen verlosch.

Dicht an den Eingang gedrängt, zog Reuben den großen eisernen Schlüssel unter seinem Gewand hervor. Als er ihn im Schloss herumdrehte, sah er aus dem Augenwinkel, wie sich eine schmächtige Gestalt aus dem Schatten zwischen den Pfeilern am Eingang löste.

»Nyle, was machst du hier? Es ist schon spät und außerdem eiskalt. Du solltest bei deiner Großmutter sein. Sie wird sich Sorgen machen.«

Der kleine Junge mit den lockigen blonden Haaren schlurfte mit vor Kälte verschränkten Armen auf Reuben zu. Tränen liefen über seine Wangen. Er hatte kaum genug an, um im Haus nicht zu frieren, geschweige denn hier draußen. Seit dem Tod seiner Eltern kümmerte sich die Großmutter um den Jungen.

»Komm schnell rein, Junge, du wirst dir hier noch den Tod holen.«

Schnell hatte Reuben einen Flügel der Tür geöffnet und drängte Nyle in den Schutz des Tempels, dann zwängte er sich hinterher durch den schmalen Spalt und schloss hinter sich ab. Reuben sprach einen Lichtzauber und kniete sich vor den Jungen hin. Er packte ihn an den Schultern und drehte ihn zu sich. Ihm schien gar nicht aufgefallen zu sein, dass der Priester mittels Magie Licht erschaffen hatte. Wie versteinert stand der Junge da und schluchzte.

»Was ist passiert, Nyle? Ist was mit deiner Großmutter?«

Jetzt erfasste den Jungen eine neue Welle der Traurigkeit. Laut weinend, fiel er Reuben um den Hals.

»Es … es war meine Schuld«, wimmerte er.

Reuben streifte seinen Umhang ab und wickelte ihn um den Jungen. Nyle zitterte wie Espenlaub. Die Kälte und das Weinen raubten ihm die letzten Kräfte.

»Ich habe ihr nur erzählt, dass die Vaarlaker kommen. Ich habe gehört, wie der Herold es auf dem Marktplatz verkündet hat. Großmutter sagte, ich solle hier im Tempel Schutz suchen, doch ich versprach ihr, sie zu beschützen. Sie wurde ärgerlich, aber ich wollte sie nicht allein lassen. Dann ist sie nach oben auf den Dachboden gegangen und … und … sie hatte dieses Seil mitgenommen.«

Wieder brach der Junge in lautes Schluchzen aus, das ihm die Worte raubte.

»Ich hatte es gestern noch eingefettet«, flüsterte er kaum verständlich und weinend, »damit es im Winter vom Frost nicht brüchig wird. Wir brauchen es doch für den Flaschenzug.« Nyle starrte auf seine Füße. »Ihr Hals glänzte dunkel von dem Fett.«

Reuben drückte Nyle die Handfläche auf die Stirn. »Dormiere Naktulus.«

In Sekundenschnelle fiel Nyle in Schlaf. Reuben hob ihn hoch und brachte ihn in einen kleinen Seitenraum, der für Adepten gedacht war. Dann deckte er den Jungen zu und strich ihm über das Haar.

»Schlaf ein wenig, Nyle. Es war nicht deine Schuld«, flüsterte er.

Er kannte die Großmutter des Jungen. Sie kümmerte sich um ihn, so gut sie es vermochte. Sie würde alles tun, um ihn zu beschützen. Und nun war sie tot, wenn er die Verzweiflung des Jungen richtig interpretierte. Großmutter Berg hatte anscheinend entschieden, dass Reuben mehr für den Jungen tun konnte als eine alte Frau, die an zwei Krücken lief. Er hoffte, er würde sie nicht enttäuschen. Ihr Freitod war das erste Opfer der Vaarlaker in Frostkrone, stellte Reuben frustriert fest. Und das alles, ohne dass auch nur ein einziger Vaarlaker einen Fuß durch das Stadttor gesetzt hatte. Vorsichtig schloss Reuben die Tür zu der Kammer und folgte einer Treppe nach oben. Im oberen Teil des Tempels hatte er sein privates Reich eingerichtet. Einen Raum, den außer ihm noch niemand betreten hatte. Ein Raum, der vieles aus seiner Vergangenheit barg. Der Zugang zu seinem Privatgemach bestand aus einer einfache Holzleiter, die zu einer Luke in der Decke führte. Es war nicht besonders komfortabel, aber es reichte, und es war unscheinbar. Je weniger man sich um ihn und seine Vergangenheit kümmerte, desto besser. Fast geräuschlos schloss er die Klappe im Boden des kuppelförmigen Raumes.

»Luminus Kalvares.«

Mit einem Fingerzeig erhellten sich mehrere Laternen, die im Raum verteilt hingen. Außer einem klapprigen Holzgestell, das als Bett diente, wies nichts in dem Raum darauf hin, dass dieser bewohnt wurde. Eine Unmenge Kisten, Truhen und Säcke standen umher. Für einen Außenstehenden gab es keine erkennbare Ordnung, doch Reuben wusste genau, was sich in jeder dieser Kisten befand. Zielstrebig ging er auf eine alte Truhe zu. Schwere Bronzebänder verstärkten den Deckel, und auch die Kanten waren mit Eisen beschlagen. Ein filigran gearbeitetes Schloss in Form eines Gargylenkopfes hing an der Vorderseite, das jedem Betrachter sagte: Fass mich nicht an!

»Tubex.«

Die Reaktion ließ auf sich warten. Zuerst konnte man sich nur ein entfernt klingendes Räuspern hören, dann ein unwirklich anmutendes Husten. Das Schloss schien sich zu verflüssigen. Das Metall schlug Blasen, doch die Darstellung des Kopfes blieb. Die Wangen der fremdartigen Figur blähten sich auf, der Mund kaute auf etwas herum. Nach einem Augenblick spukte der Gargylenkopf einen kleinen Schlüssel aus, der klimpernd auf den Holzfußboden fiel. Reuben nahm ihn auf und steckte ihn in das jetzt schlüssellochartige Maul der Gargyle. Noch während des Aufschnappens des Mechanismus verschlang das Schloss den Schlüssel wieder. Reuben öffnete die Truhe; aus einem Seitenfach zog er ein zwei Fuß langes Metallrohr mit zwei Einfassungen, die man in Längsrichtung justieren konnte. Er schob einige andere Dinge beiseite und zog einen lila Samtbeutel hervor, in dem sich zwei durchsichtig geschliffene Steine von der Größe einer Kinderfaust befanden.

Er ging zur Dachschräge hinüber, die bis zum Fußboden lief, und entfernte in Kopfhöhe eine mittelgroße Schindel, in der ein metallischer Haken als Griff eingelassen war. Er schob das Metallrohr durch das Loch nach draußen und befestigte anschließend die Edelsteine in den Fassungen. Mit wenigen Handgriffen justierte er den Abstand zwischen den Steinen. Ein abschätzender Blick durch das Rohr zeigte ihm, dass er die richtige Einstellung vorgenommen hatte. Durch den Sucherstab – so hatte ihn der Händler, von dem er dieses Instrument erworben hatte, genannt – konnte er bis nach Wasserstein sehen. Sie war die einzige größere Stadt auf Arum, der südlichsten der drei großen Inseln der Nebelküste und der Anlaufpunkt aller Schiffe.

Das Schauspiel, das sich ihm bot, war gleichermaßen erschreckend wie beeindruckend. Die Vaarlaker hatten ein Aufgebot an Schiffen gesandt, wie es kein zweites gab. In der Bucht vor dem Hafen lagen Dutzende Langschiffe vor Anker und schleuderten ihre brennenden Geschosse bis weit in die Stadt hinein. Dahinter erstreckten sich weitere Reihen von Schiffen, die nur durch ihre Positionslampen auszumachen waren. Arum musste eine der ersten Inseln auf dem Eroberungszug der Vaarlaker sein, sonst hätte sich die Meldung über eine so große Flotte bereits bis hierher verbreitet. In der Zeit, als Reuben noch Zauberer am Hofe des Königs gewesen war, hatte er von Kriegen erfahren, lange bevor das erste Blut vergossen wurde. Manchmal sogar, bevor selbst die Generäle beider Seiten wussten, dass eine Schlacht bevorstand. Jetzt, als einfacher Dorfpriester, erkannte er die Ernsthaftigkeit der Gefahr erst, kurz bevor sie an seine Tür klopfte.

Die Rekrutierungssoldaten vor drei Monaten hätten ein Hinweis sein können, aber kleine Gefechte gab es im Königreich ständig, und ein paar Bauern waren billiger, als teure Söldner oder eigene Truppen in den Krieg zu führen. Deshalb gleich einen groß angelegten Krieg heraufzubeschwören wäre wahnhaft gewesen. Es half nichts, die Vaarlaker stellten sie vor vollendete Tatsachen. Nun blieb nur abzuwarten und zu hoffen. Darauf, dass die Feinde an einer kleinen Gemeinde hoch oben in den Bergen nicht interessiert waren.

Reuben beobachtete weiter das lodernde Schauspiel in Wasserstein. Die Menschen, die dort unten wohnten, kannte er nicht, doch stieg in ihm wieder dieses bedrückende Gefühl auf, dass ihn vor vielen Jahren dazu gebracht hatte, sich hier zu verkriechen. Das Schicksal hatte ihn abermals eingeholt. Er wusste, dass wenn es zu einem Kampf käme, sie hoffnungslos verloren waren. Die Bürger Frostkrones waren alles andere als Krieger oder Söldner. Sie hatten schon damit zu kämpfen, das unwirkliche Leben in den Bergen zu überstehen. Vaarlakischen Barbaren hatten sie nichts entgegenzusetzen.

Warum?, fragte er sich. Warum wird eine kleine Provinz angegriffen, wenn allein der Fall des Königshauses reichen würde, um das Inselreich in seiner Grundfeste zu erschüttern und zu zerschlagen?

Es gab nur eine Antwort, und diese schmälerte die Hoffnung darauf, ungeschoren zu bleiben, erheblich. Die Vaarlaker waren ein Volk, das von Raubzügen lebte. Sie fielen über andere Länder her, nahmen sich das, was sie brauchten, und kehrten zurück in ihre Clanstädte. Sie waren nicht besonders gut organisiert, und das Miteinander unter den Clans war oft von blutigen Fehden gezeichnet. Aber wenn sich die Familien zusammenschlossen und sich aufmachten, neues Land zu erobern, waren sie eine geballte Macht, der kein König in Unland etwas entgegenzusetzen hatte.

Die Gründe für solch eine Völkerwanderung waren vielfältig. Unwetter, Naturkatastrophen oder einfach die Ausschöpfung aller benötigter Ressourcen konnten dies zur Folge haben, genauso wie die dunklen Vorahnungen und Prophezeiungen ihrer Schamanen. Die Geschichte hatte gezeigt, dass ihr Vorgehen immer gleich war. Sie zogen mit allen Clans gemeinsam los, griffen die großen Küstenstädte an, zerstörten die feindlichen Flotten und fraßen sich dann durch das Inland wie ein Heuschreckenschwarm. Sie töteten alle, die Widerstand leisteten, und von jeder Familie die Väter und alle, die stark, klug oder einflussreich genug waren, um eine spätere Rebellion anzuzetteln. Das gab ihnen Zeit, sich einzunisten. Die Überlebenden wurden in Pferche gesperrt und dienten als Versicherung gegen Vergeltungsschläge der benachbarten und befreundeten Königreiche. Sobald sie in ihrem neuen Land Fuß gefasst hatten, versklavten sie alle, die trotz Hunger und Krankheit noch am Leben geblieben waren.

Reuben erkannte, dass die einzigen Verteidigungsanlagen der Hafenstadt schon in Schutt und Asche lagen. Jede Hoffnung auf Gegenwehr war damit verloren. Nur im Kampf Mann gegen Mann war es noch möglich, ein wenig seiner Rache einzufordern, bevor man starb. So wie es aussah, reichte es den Vaarlakern aber, ihre Feinde aus der Entfernung niederzumetzeln, aus dem Schutz ihrer zweihundert Fuß messenden Langschiffe heraus. Reubens Zorn überlagerte jegliche andere Gemütsregung in ihm. Das Verlangen nach Rache wurde stärker als die Hoffnung darauf, verschont zu bleiben. Der erste Schritt der Vaarlaker nach Frostkrone hinein würde den Barbaren in Erinnerung bleiben, und das erste erhobene Schwert gegen einen der Einwohner würde er hundertfach sühnen.

Die Angriffe auf Wasserstein dauerten noch mehrere Stunden an. Dann war es endlich so weit, und die ersten Langschiffe machten an den Überresten der Pier fest. Die brennenden Fackeln verrieten Reuben, dass die Eindringlinge in Gruppen zu zehnt durch die zerstörten Straßen von Wasserstein patrouillierten und nach Überlebenden suchten. Die letzten verschont gebliebenen Häuser wurden in Brand gesteckt, genauso wie die nicht versenkten kleinen Fischerboote.

Die Barbaren hatten im Laufe der Zeit zwar nicht gelernt, taktisch vorzugehen, aber effektiv waren sie allemal. Ihre anfänglichen Überfälle vor mehr als dreihundert Jahren auf andere Länder des Reiches hatten ihren Tribut gefordert. Bürger, die ihren ersten Feldzügen entkommen waren, erwiesen sich als hartnäckige Widersacher, die mit Rachegelüsten und taktischem Verstand viele Vaarlakerleben gekostet hatten. Jetzt hatten sie ihre Lektion gelernt und töteten alles und jeden, sogar Haustiere, bis ihr Blutdurst gestillt war und der Feind gebrochen. Lagerhäuser mit Nahrungsvorräten, die sie nicht bewachen oder plündern und anderswo hinschaffen konnten, wurden abgefackelt, nur um sicherzustellen, dass niemand sie heimlich fortbrachte und damit Rebellenlager unterstützte. Angehäufte Baumaterialien wurden unbrauchbar gemacht. So viel Gründlichkeit erforderte Zeit, die ihnen ihre Übermacht gestattete. Zeit, die der Bevölkerung aus Frostkrone zum Hoffen blieb.

Reuben hielt nichts von Hoffnung. Hoffnung war etwas für Schwache, die nicht über den Mut, die Intelligenz oder die Stärke verfügten, sich gegen ihr Schicksal zu erheben. Reuben fühlte sich erschöpft. Er hatte an diesem Tag schon mehrere Zauber gewirkt, mehr als sonst in einem ganzen Monat. Er brauchte Ruhe, um nicht zu denen zu gehören, die von der Hoffnung leben mussten. Die Vaarlaker würden einige Zeit brauchen, um bis Frostkrone vorzudringen …

Reuben erwachte noch vor Sonnenaufgang. Dennoch hastete er gleich zum Sucherstab und sah den dünnen Faden, den das Schicksal für ihn und die Bürger Frostkrones gesponnen hatte. Der Faden in Form einer schier endlos wirkenden Reihe von Fackeln, der sich den schmalen Bergpfad entlang nach oben auf den Gipfel zubewegte. Es würde Nachmittag werden, bis die Vaarlaker Krieger das Dorf erreichten, doch so wie Reuben die Barbaren kannte, würden sie einige Meilen vor Frostkrone noch ein Lager einrichten. Erst mit Anbruch der Dunkelheit würden sie zum Angriff blasen. Die Nacht verunsicherte viele ihrer Feinde und schürte zusätzliche Ängste. Außerdem kam es ihrer traditionellen Kampfweise entgegen. Stets begannen sie damit, so viele Gebäude wie möglich in Brand zu stecken, um dann die in Panik herumirrenden Bewohner abzuschlachten. Die Wirkung des Feuers kam erst richtig zur Geltung, wenn es sich vor dem dunklen Nachthimmel absetzte. Je weiter es zu sehen war, desto besser.

Mit finsterer Mine zog Reuben den Sucherstab wieder ein und setzte die fehlende Pfanne zurück in die Öffnung. Ihm blieb mehr als genügend Zeit, alle Vorbereitungen zu treffen und die Einwohner zu informieren. Leider lag es weniger am langsamen Vormarsch der Feinde als an den wenigen Alternativen, die sie hatten, wenn es überhaupt welche gab.

Reuben ließ den kleinen Nyle schlafen. Der Junge hatte es schwer genug. Erst das jähe, wenn auch freiwillige Ableben seiner Großmutter, nun der bevorstehende Angriff der Vaarlaker. Reuben wollte ihm ersparen, mit ansehen zu müssen, wie ein gesamtes Dorf sich auf den eigenen Tod vorbereitete, ihn und den Jungen mit eingeschlossen.

Vorsichtig zog er die Türen des Tempelportales hinter sich zu. Dann eilte er quer über den verwaisten Marktplatz hinüber zum Haus des Bürgermeisters. Die Bewohner Frostkrones schliefen noch, wenn auch unruhig und von tiefen Ängsten überschattet, so vermutete er.

Ohne vor dem Eingang des herrschaftlichen Hauses auch nur einen Augenblick zu verweilen oder dem Bürgermeister oder seiner Familie die Gelegenheit zu geben, ihrem Besuch zu öffnen, ließ Reuben die Tür aufspringen.

»Portales Ignifas.«

Der erste Zauber des Tages sollte einer sein, der auch von einem Adepten gewirkt werden kann, dachte Reuben. So hatte es ihm sein alter Lehrmeister Istillus beigebracht. Fast konnte er die Stimme des Alten hören. Es ist, als würde man einen Apfel vom Baum pflücken. Zuerst greift man nach denen, die niedrig hängen, und die man vom Boden aus erreichen kann, bevor man den Stamm hinaufklettert. Reuben würde heute bis in die Spitze der Krone hinaufmüssen. Er wusste, dass die bevorstehende Nacht einiges mehr von ihm abverlangen würde als die simple Beeinflussung einer einfachen Mechanik wie der der Schlosses. Dennoch beruhigte es ihn zu sehen, wie leicht es war, in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Auch das Gefühl, Zauber zu wirken, die andere töteten, würde sich ihm nicht als unbekannt erweisen.

»Bürgermeister Nobriest«, rief Reuben noch auf der Treppe zu den oberen Schlafgemächern, »es wird Zeit, Euer Amt mit etwas Sinnvollem zu füllen.«

Er hatte seinen Ärger über den dicklichen Mann abgelegt und empfand es nun als angebracht, wieder die Höflichkeitsform zu verwenden. Reuben wollte ihm und seiner Frau einen Augenblick lassen, sich auf den unerwarteten Besuch vorzubereiten, aber vor allem wollte er vermeiden, Frau Nobriest im Nachtgewand zu überraschen. Das hatte weniger damit zu tun, sie vor einem peinlichen Augenblick zu bewahren, als mehr damit, sich den Anblick einer leicht bekleideten, übermäßig beleibten Frau zu ersparen, die selbst ihren Mann dazu zwang, sich umzudrehen, wenn sie sich entkleidete. Ellenore Nobriest war eine Seele von Frau. Sie war großmütig, liebevoll und eine gute Mutter. Alles, worauf es ankam im Leben. Trotzdem wünschten sich die meisten Männer, und der Bürgermeister schien da keine Ausnahme zu machen, eine Lebensgefährtin, die nicht ihre guten Charaktereigenschaften in Körpergewicht aufwog.

Die Zeit, die Reuben dem schlafenden Ehepaar gab, bevor er in das Schlafgemach vordrang, war selbst für einen jungen Liebhaber zu knapp, um halb nackt aus dem Fenster zu springen. Somit begnügte sich Frau Nobriest damit, sich mit einem schrillen Quieken die Decke über den Kopf zu ziehen, als Reuben, ohne zu klopfen, eintrat. Der Bürgermeister saß aufrecht mit halboffenem Mund und zerzausten Haaren im Bett. Sein ebenfalls voluminöser Körper wurde von einem äußerst wallenden und schlecht sitzenden Nachthemd eingehüllt, von dem Reuben hoffte, es nicht einmal als Totengewand tragen zu müssen.

»Ihr solltet Euch ankleiden«, sagte er, ohne sein Eindringen zu entschuldigen. »Es gibt einiges vorzubereiten. Die Vaarlaker kommen nach Frostkrone.«

Ein kurzer Aufschrei bahnte sich seinen Weg durch den dicken Bettdeckenwust neben dem Bürgermeister, der noch immer mit offenem Mund dasaß.

»Ich warte unten auf Euch«, sagte Reuben und machte auf dem Absatz kehrt. Mit ansehen zu müssen, wie rund dreihundert Pfund sich aus dem Bett quälten, überstieg momentan seine geistige Aufnahmebereitschaft.

Reuben war verwundert, wie schnell sich Nobriest angekleidet und frisch gemacht hatte. Nur wenige Augenblicke später stand der Bürgermeister in voller Montur mit wachen, fragenden Augen vor ihm.

»Und, wie sieht es aus?«

Reuben hatte sich mit der einfachen und oft einfältig wirkenden Sprache der Dorfbewohner längst angefreundet. Am Hofe von König Uthram hatte man mit Engelszungen gesprochen. Die kleinsten Kleinigkeiten waren stets so überschwänglich und mit einem überbordenden Wortschatz bedacht worden. Doch wirklich gesagt geworden war selten etwas. Die Einfachheit der Sprache der Bewohner des Bergdorfes sparte einem viel Zeit.

»Gut«, antwortete Reuben knapp, sah aber im verwirrten Blick seines Gegenübers, dass er diese Sprachsimplifizierung manchmal zu weit trieb.

»Sie schicken nur einen Trupp mit Fußsoldaten«, fügte er hinzu, ohne wirklich lügen zu müssen. »Dennoch müsst ihr meine Anweisungen genau weitergeben. Sorgt dafür, dass sich alle an sie halten.«

Bürgermeister Nobriest schien ihm – dem Fremden, der vor sechs Jahre in dieses Dorf gekommen war, und von dem er nicht mehr wusste als seinen Namen – zu vertrauen.

»Was sollen wir tun?«, fragte er in befehlsergebenem Ton.

»Sagt allen, sie sollen in ihren Häusern bleiben und die Türen verriegeln. Vorhänge und alles Brennbare müssen aus den Fenstern verschwinden ebenso wie die Teppiche auf dem Boden. Die Vaarlaker werden versuchen, die Häuser in Brand zu stecken. Meistens werfen sie einfach nur Fackeln oder Brandsätze durch die Fenster. Wenn das Feuer sich ausbreitet, sollen die Leute nicht versuchen, es zu löschen oder ihr Hab und Gut zu retten. Sie sollen einfach in das nächste sichere Haus flüchten. Sagt ihnen, sie sollen nur kämpfen, wenn die Barbaren in die Häuser eindringen. Niemand darf auf der Straße sein. Hört Ihr? Das ist wichtig. Niemand!«

Nobriest schaute nun doch etwas ungläubig drein. »Sollten wir nicht versuchen, ihnen mit geballter Kraft entgegenzutreten«, schlug er vor.

»Die Idee ist hervorragend«, entgegnete Reuben mit vor Sarkasmus triefender Stimme. »Woher wollt Ihr diese geballte Kraft nehmen? Macht es so, wie ich es sage, oder die Barbaren werden jeden Einzelnen von uns niedermetzeln. So haben wir noch eine Chance, dass sie Frauen und Kinder verschonen. Ich kenne die Vaarlaker und ihre Taktiken. Entweder Ihr folgt meinen Anweisungen, oder Ihr tragt die Verantwortung für den Tod Eurer gesamten Stadt und deren Bewohner.«

Das war eine Drohung, die immer half. Verantwortung, gepaart mit der Aussicht auf Versagen ließen sogar königliche Generäle auf Vorschläge von Außenstehenden hören.

»Gut, ich werde mich um alles kümmern«, gab Nobriest kleinlaut bei. »Und was macht Ihr währenddessen?«, hakte er nach, um nicht vollkommen seine Autorität zu verlieren.

»Ich werde meditieren, etwas essen und mich mit einer Flasche Messwein in den Tempel zurückziehen. Alkohol lockert die Muskeln und die Seele. Dann werde ich Vorbereitungen treffen, um die Vaarlaker am Stadttor willkommen zu heißen.«

Reuben verfügte über Zauber, die ihm erlaubten, Gedanken zu lesen, aber manchmal reichte es, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, um mehr zu erfahren. In diesem Fall traf er auf einen äußerst aufschlussreichen aber wenig Verständnis zeigenden Blick. Zum Leid von Bürgermeister Nobriest legte Reuben keinen Wert auf das Verständnis eines übergewichtigen, unter dem Pantoffel stehenden Bürokraten. Reuben verabschiedete sich mit einer höflichen Verneigung und ließ den unsicher wirkenden Bürgermeister zurück.

Bevor er sich in sein Quartier im Obergeschoss des Tempels zurückzog, erneuerte er den Schlafzauber auf Nyle und versicherte sich, dass dem Jungen nichts fehlte.

Es war bereits wieder dunkel geworden, als er mit seinen Vorbereitungen fertig war und sich den letzten Schluck aus der Karaffe eingefüllt hatte. Die Ruhe der Meditation hatte ihm gutgetan, wie auch der Wein. Obwohl es ihm nicht sonderlich schwerfiel zu zaubern, musste er sich dennoch eingestehen, dass es seinen Körper und Geist mehr ermüdete als früher.

Im Laufe des Nachmittags hatte Reuben immer wieder die Position der Vaarlaker Truppen überprüft. Tatsächlich hatten sie rund zwei Meilen vor Frostkrone ein Lager aufgeschlagen, so wie Reuben es vorausgesagt hatte. Der schmale Bergpfad hatte nicht viele Möglichkeiten zum Errichten von Quartieren geboten, weswegen sich die Krieger einfach dort niedergelassen hatten, wo sie gestanden hatten.

Ein Blick aus dem Guckloch im Dach bestätigte Reuben, dass das fremde Heer immer noch dort am Südhang des Berges verharrte. Fast eine Meile lang drängte sich Fackel an Fackel. Wie eine glühende Schlange des Todes, die lauernd auf ihre Beute wartete. Monotone Trommelschläge wurden vom Wind hinüber nach Frostkrone getragen. Aus den Augenwinkeln nahm Reuben eine einzelne Bewegung in den sonst menschenleeren Straßen wahr. Unten, in der Nähe des Stadttores musste einer der Einwohner unterwegs sein, aber so sehr seine Augen die Dunkelheit durchforsteten, er konnte niemanden ausmachen. Reubens Aufmerksamkeit wurde erneut von dem fremden Krieger in den Bann gezogen, als das Heer sich wieder zum Aufbruch wappnete. Nur langsam setzte sich der Fackelzug in Bewegung. Doch anstatt sich gleichmäßig den Berg hinaufzuschlängeln, zog sich der Schein der Lichter immer weiter auseinander und verlor mit wachsender Länge an Intensität. Erst etliche Minuten später setzte sich auch das Ende in Bewegung. Nun war es an der Zeit, mit den letzten Vorbereitungen zu beginnen. Reuben löste ein Seil, das an einem Haken an der Wand befestigt war. Es führte bis hoch zur Kuppel und lief durch einen Flaschenzug. Am anderen Ende des Seils war ein Sitzkorb befestigt war, wie man ihn im Minenbau verwendete. Langsam ließ er den Korb herabgleiten, um darin Platz zu nehmen und sich mit der, wie er fand, äußerst nützlichen und einfallsreichen Mechanik selbst in die Höhe zu ziehen. Oben angekommen, löste er die Verriegelung an der bronzenen Kuppelabdeckung des Daches und drehte sie mit einer kleinen Kurbel seitlich weg. Die drei Fuß große Dacheinfassung schob sich fast lautlos zur Seite und gab den Blick auf den Nachthimmel frei. Reuben arretierte den Korb an zwei Seiten und schob seinen Oberkörper durch das Loch in der Kuppel. Schon häufiger hatte er von hier oben aus die Sterne beobachtet und Aufzeichnungen über die Astronomie komplettiert. Doch heute, so wusste er, würden sich keine Sterne am Himmel zeigen. Die Götter hatten ihre Augen geschlossen, um der Ungerechtigkeit, die den Menschen in dem Dorf zuteil wurde, nicht beiwohnen zu müssen.

»Tenebrum Klatifar Umbrasum.«

Ein dunkler Schatten wuchs aus der Kuppel hervor. Ein Schatten, der kein Gegenstück besaß. Ein Schatten, der sich allein aus der Dunkelheit der Nacht nährte. Er verschlang die Kuppelspitze mitsamt der Luke und der dunklen Gestalt, die sich daraus erhoben hatte. Reuben war sich sicher, dass die Angreifer ihn nicht sehen würden, sie würden nichts außer dem schwarzen Nachthimmel sehen.

Die ersten Barbaren erreichten den Wendeplatz vor Frostkrone, den die Händler nutzten, um ihre Wagen für den Weg zurück nach Wasserstein zu beladen und die Ochsen oder Pferde davor zu spannen. Am Tor angekommen, bildeten die Vaarlaker eine Doppelreihe und wirken dabei äußerst diszipliniert. So hatte Reuben sie noch nie erlebt. Die über Jahre gesammelten Eindrücke, die sich in seinem Kopf von diesem Volk gefestigt hatten, passten nicht zu ihrem Auftreten. Er kannte sie als wild, aggressiv und emotional. Ihre Attacken waren schnell und brutal, aber auch von großen Verlusten gezeichnet, wenn die Gegenwehr ausreichte.

Es waren zu viele, stellte Reuben niedergeschlagen fest. Nicht dass jemals die Aussicht bestanden hätte, dass die Männer und Frauen Frostkrones den Angriff abwehren oder – noch abwegiger – die Schlacht gewinnen könnten. Aber Reuben hatte gehofft, zumindest einen Großteil der Menschen vor dem Tod beschützen zu können. Er glaubte nicht mehr daran. Vaarlakische Barbaren kamen zum Kämpfen und Töten. Hier waren mehr nordische Krieger versammelt, als es Opfer gab. Ihre Blutgier würde keine Überlebenden dulden.

Dann sah Reuben den Rammbock, den die Vaarlaker Fuß um Fuß weiter nach vorne rückten. Hundert Hände und mehr schoben diesen riesigen Stamm mit dem Kopf eines Widders durch die Reihen zum Stadttor. Reuben wunderte sich noch über die schwere Kriegsmaschinerie wie den Rammbock und mehrere Katapulte, die sie unter großen Strapazen den Berg hinaufgeschafft hatten, als der erste wuchtige Stoß gegen das Stadttor donnerte. Der Riegelbalken ächzte erbärmlich, und das Geräusch ließ darauf schließen, dass der nächste oder übernächste Stoß bereits sein Zerbersten zur Folge haben würde. Wie erwartet, brach der Riegel beim dritten Vorstoß und riss die Verankerung aus einer Seite des Portals. Der Rammbock stieß sein dämonisch wirkendes Antlitz weit durch die offene Pforte. Doch anstatt mit wildem Gebrüll in die Stadt einzufallen, um über alles und jeden herzufallen, zogen sich die Vaarlaker bis auf hundert Fuß zurück und verharrten dort.

Wieder erklangen die dumpfen Trommelschläge, genau wie beim Angriff auf Wasserstein. Hinzu gesellten sich jetzt fremdartige Gesänge, die weniger einer Sprache als mehr gesungenen Zauberformeln ähnelten. Dann hörte Reuben einen bekannten Namen heraus. Einen Namen, der leise getuschelt schon Schrecken verbreitete, doch im Chor gesungen entfaltete er erst die wahren düsteren Ängste, die ihm gebührten.

»Bakiir.«

So nannten die Vaarlaker den Krieger, eine der drei universell gültigen Gottheiten. Es gab den Vater, Schutzpatron über alle zivilisierten Völker dieser Welt. Er war der Ursprung von allem. Er bot Schutz, gab Kraft und bestimmte über die Zukunft.

Die Mutter, die Quelle jeglicher Natur, fand ihre Anhängerschaft unter den wilden Stämmen der Südlande sowie bei einigen Eingeborenen weit im Osten bei den Tausend-Sterne-Inseln.

Die Vaarlaker waren das einzige Volk, das Reuben kannte, das den Krieger verehrte und zu ihm betete. Es gab mit Sicherheit noch mehr von ihnen, andere Barbaren, fremde Kriegsscharen, doch die Bedrohung durch sie war nicht nahe genug, um sich für diese Völker zu interessieren.

Niemand leugnete das Dreiergespinst der Gottheiten. Jeder glaubte an sie, doch sprechen tat man nur zu einem. Vaarlaker waren nicht besonders gläubig. Auf die Dienste der Schamanen ihres Volkes wurde gern zurückgegriffen, wenn es darum ging, die Wunden nach dem Kampf zu heilen oder mit dunklen Omen die nächsten Schlachten anzukündigen, aber ihre Stimmen fanden nur bei wenigen Gehör. Sie sprachen oft nur mit den Clanoberhäuptern, und dann auch nur in Rätseln. Einfache Barbaren konnte man nicht mit heiser geflüsterten Orakeln beeindrucken. Sie folgten dem Mann mit der doppelten Streitaxt, nicht dem schmächtigen Greis mit seinen seherischen Fähigkeiten. Damals jedenfalls, doch heute war es offensichtlich anders. Dies war kein einfacher Eroberungsfeldzug, dies war ein Glaubenskrieg. Die Bewohner von Frostkrone würden nicht in einer Schlacht fallen, sie würden einem Gott geopfert werden, dem Krieger – Bakiir.

Nach einiger Zeit trat ein Barbarenschamane aus der Ansammlung von Kriegern hervor und baute sich vor dem Heer auf. Die Truppen der Vaarlaker schlossen immer noch weiter auf. Dicht an dicht standen die Krieger, zum Angriff bereit. Ein Vaarlaker nach dem anderen wurde von dem Schamanen gesegnet. Waffen wurden blank gezogen. Als die erste Gruppe von sechs Kriegern durch das Stadttor trat, hatte sich hinter ihnen schon die nächste gebildet.

Wie aus dem Nichts stürmte Arling, einer der zwölf Stadtwachen von Frostkrone, auf die Barbaren zu. Arling war nicht mehr der Jüngste und alles andere als ein ausgebildeter Krieger. Außerdem machte ihm die Gicht zu schaffen, die es ihm schwerfallen ließ, ein Schwert zu führen. Allein der Umstand, dass er sich vehement gegen seinen wohl verdienten Ruhestand widersetzte, erlaubte es ihm, immer noch aktiv zu sein. Diesmal jedoch überstieg sein Einsatzwille seine Fähigkeiten. Die lange Hellebarde, mit der er angriff, stach ins Leere, und Arling kam ins Taumeln. Bevor er sich fangen konnte, trieb ihm einer der Barbaren die Axt in die Seite, ein weiterer stieß ihm ein Breitschwert in die Brust. Vollkommen teilnahmslos setzten die Barbaren ihren Weg fort. Die zweite Gruppe Krieger betrat das Dorf, die dritte folgte sogleich. Sie gingen von Haus zu Haus, ihr blutiges Handwerk zu verrichten.

Reuben sah, wie eine Gruppe Barbaren die Tür zum Haus von Dingler, dem Töpfer, eintrat. Das Holz splitterte unter der Wucht ihrer Fußtritte. Die panischen Schreie von Frau Dingler gellten über den Marktplatz. Ihr Mann versuchte, die Eindringlinge mit einem Schürhaken zu vertreiben, doch die Angreifer drängten ihn immer weiter zurück ins Haus. Dann verstummten zuerst das metallische Klingen des Kampfes und wenig später die Hilferufe seiner Frau.

Reuben musste mit ansehen, wie sich eine weitere Gruppe zum Haus des Schmieds Zutritt verschaffte. Nach einem kurzen Gefecht, bei dem allerhand Mobiliar zertrümmert wurde, trat Olden Kent mit steifen Beinen in den Durchbruch seiner Werkstatt. Er begann zu taumeln, verlor das Gleichgewicht und stürzte vornüber. Ein Handbeil ragte aus seinem Rücken. Wenig später sah Reuben, wie Sibbel, die Frau des Schmieds, versuchte, ihre Kinder aus einem der Fenster zur Straßenseite in Sicherheit zu bringen. Der älteste Sohn war bereits hindurchgeschlüpft, als sie jemand brutal vom Fenster wegriss und ein schriller Schrei ihr Ende verkündete. Reuben wusste, dass es zu früh war, um einzuschreiten. Die Zauber würden seine Position verraten und die Gelegenheit, so viele Barbaren wie möglich zu töten, zunichte machen, dennoch konnte er nicht mit ansehen, wie die Menschen, die er kannte und in den letzten Jahren lieb gewonnen hatte, abgeschlachtet wurden. Nur etwa fünf Dutzend der Vaarlaker waren in dem Wirkungskreis seiner Zauber, aber diese, so beschloss er, sollten eine Kostprobe seiner Fähigkeiten bekommen.

»Tubex Influmentis Destructus.«

In seiner Hand erschienen drei kleine rot glühende Bälle, die wie bei flüssiger Lava Schlieren auf der Oberfläche zogen. Er griff sich einen, legte ihn sich auf die Handfläche und führte ihn langsam zum Mund. Dann pustete er sanft dagegen. Wie eine Feder im Wind wurde die Kugel vom Sog mitgerissen, verfing sich kurz im Wirbel des Atems, um dann ihren Weg in Richtung Marktplatz fortzusetzen. Immer schneller raste der kleine glühende Ball auf eine Gruppe Vaarlaker zu, die dem ältesten Sohn des Schmieds nachstellten. Der Junge war gerade hinter dem Haus verschwunden, als die rote Kugel einen Barbaren in den Rücken traf. Mit einem grellen Lichtblitz und einem donnernden Knall hüllte er die sechs Krieger in ein Flammenmeer ein. Wie brennende Fackeln taumelten die Vaarlaker über den Marktplatz und versuchten unbeholfen und vergebens, die Flammen zu löschen, die gierig ihre Körper fraßen. Ein kurzes Gefühl der Genugtuung durchströmte Reuben. Die Macht, die er besaß, wieder einmal zu demonstrieren war eine Sache, aber die Rache auszukosten, die in ihm loderte, überstieg jedes andere Gefühl. Hass war so rein und klar wie die Liebe, und beide Gefühle duldeten keinen Nebenbuhler.

Den nächsten Feuerball schleuderte er in das Haus des Töpfers, in dem die fremden Krieger nach Geflüchteten suchten und dabei die kompletten Waren zertrümmerten. Die kleine rote Kugel bahnte sich zielgenau ihren Weg durch ein halb geöffnetes Fenster und setzte ihren Zauber im Hausflur frei. Fenster und Türen wurden herausgerissen, das Dach brach teilweise ein, und innerhalb eines Augenblickes brannte das Haus lichterloh. Keiner der Krieger schaffte es, dem brennenden Inferno zu entkommen.

»Dort oben, auf dem Dach des Tempels!«, hörte er eine bellende Stimme vom Stadtbrunnen heraufklingen.

Sie hatten ihn entdeckt. Auf jeden Fall konnten sie nun seine ungefähre Lage ausmachen. Den letzten Feuerball schleuderte er achtlos in Richtung Stadttor. Er war sich sicher, dort reiche Beute machen zu können, denn immer mehr Vaarlaker strömten in die Stadt.

»Euer Triumph wird mehr sein als der Sieg über ein kleines Dorf hoch oben in den Bergen. Ihr werdet euch nicht nur rühmen können, Kinder, Frauen und wehrlose alte Männer getötet zu haben. Der Vater hält ein ganz besonderes Geschenk für euch bereit. Nämlich mich, den Erzmagier Reuben Tant. Den Mann, der viele eurer Blutlinien hat enden lassen. Kommt und fordert den Tribut für den Tod eurer Ahnen!«, brüllte er aus der magischen Dunkelheit heraus.

Ein Feuerball von der Größe eines Weinfasses, gefolgt von einem langen kometenhaften Schweif, schoss aus der Schwärze hervor, streifte den oberen Rand des Stadttores und schlug vor der Gruppe Barbaren auf, die gerade den Segen des Schamanen empfingen. Die Hitze war so gewaltig, dass ihre Körper innerhalb eines Herzschlages zu Asche zerfielen. Reuben konnte mit Genugtuung erkennen, dass es auch den Schamanen erwischt hatte. Sein Körper war nicht komplett verzehrt worden, doch das Feuer hüllte ihn ein und würde auch ihn bald aufgefressen haben. Als er zu Boden stürzte, stob ein Funkenregen von den glühenden Stofffetzen auf, die einst sein heiliges Gewand gebildet hatten.

Reuben wunderte sich, wie schnell sein Versteck aufgeflogen war, und mit welcher Präzision die Vaarlaker die Katapulte bedienten, die jetzt auf ihn feuerten. Der massive, in Pech getränkte und entzündete Holzspeer mit der Bronzespitze verfehlte ihn nur um fünf Fuß und schlug hinter dem Tempel auf dem Friedhof ein. Er spürte die Hitze, die der Feuerschweif ausstrahlte. Kleine Tröpfchen heißen Pechs brannten sich in seine Haut auf der Stirn. Er unterließ es, sie wegzuwischen. Sein Weg würde hier und heute enden, aber einen kleinen Tropfen der süßen Rache wollte er noch genießen.

»Gravis Acyd.«

In seiner Hand erschien ein drei Fuß langer Speer aus flüssiger Säure.

»Dieser hier ist ganz allein für dich«, flüsterte er und schleuderte die magische Waffe auf den Barbaren, augenscheinlich einer der Clanführer, der ihn entdeckt hatte, und der immer noch mit dem Finger auf die Kuppelspitze zeigte.

Der grünliche Speer flog langsamer als ein Pfeil, aber er korrigierte die Richtung zu seinem Ziel und machte es seinem Opfer somit unmöglich, ihm auszuweichen. Ohne Widerstand bohrte sich die Waffe in den Barbaren und trat hinten am Rücken wieder aus, bis sie ihn vollständig durchbohrt hatte. Sie landete auf den Pflastersteinen, wo sie sich in eine dampfende Pfütze verwandelte.

Reuben sah das nächste brennende Geschoss herannahen. Diesmal hatten seine Gegner die Richtung und Höhe korrigiert. Reuben versuchte gar nicht erst, zu flüchten oder sich zumindest in Deckung zu begeben. Er stand einfach da. Hätte ihn so jemand gesehen, hätte er den Anschein erwecken können, zu beten, aber er sprach alles andere als ein Gebet.

»Vater, Mutter, Krieger, hört mir zu. Ihr sollt keine Huldigung empfangen für dieses Opfer. Das Fleisch dieser Menschen soll euch zum Erbrechen bringen, und meine Seele wird euch im Halse stecken bleiben, damit ihr daran erstickt. Ihr Götter habt es nicht verdient, dass man zu euch betet und aufsieht, wenn ihr so ein Unrecht zulasst. Ihr seht tatenlos zu, wie sich eure Schöpfung gegenseitig mordet. Ihr konntet mich nicht aufhalten, genauso wenig wie die Vaarlaker. Doch anstatt die zu bestrafen, die sich schuldig gemacht haben, lasst ihr den Wahnsinn weiterhin geschehen. Hört ihr, ich verfluche euch!«

Das Brandgeschoss bohrte sich zu Reubens Füßen durch die kupferne Kuppel. Die breite Spitze des Spießes durchstieß selbst das Gebälk der Verstrebungen und ließ ein kleines Stück des Tempeldaches einsacken. Das Dach war nicht gebaut, um etwas anderes abzuwehren als Wind, Regen und Schnee. Flammen loderten auf und griffen auf Reubens Umhang über. Eine weitere Strebe ächzte und brach, da sie das nun zusätzlich auf ihr lastende Gewicht nicht halten konnte. Die Kuppel neigte sich unter Reuben zur Seite. Ein zweiter Katapultspeer durchschlug das Dach, gefolgt von einem Holzfass von der Größe eines Eimers. Das Fass traf den Spalt zwischen Kuppel und oberstem Mauerabsatz des Turms. Es zerplatze sofort. Die hölzernen Dauben und die zwei Reifen schlitterten über die Schindeln nach unten, während Reuben, für einen kurzen Moment in Lampenöl getränkt, in der Kuppel stand und hasserfüllt auf das Vaarlakerheer blickte.

Flammen umhüllten ihn, während er mit der Kuppel zusammen in den Tod stürzte.

3.
SKLAVENMARKT

Dreißig Jahre war es her, seitdem die Vaarlaker über die Dreinebelküste hergefallen waren. Sie hatten es geschafft, aus einem blühenden Handelsreich eine Ruine der Zivilisation zu machen. Statt edle Stoffe, wohlduftende Gewürze oder seltene Erze zu vertreiben, verschacherten sie Sklaven – Menschen aus dem Volk der Unländer. Die großen Küstenstädte ähnelten heruntergekommenen Heerlagern, viele der Wälder waren einfach gerodet und zu Brennholz oder zu Baumaterial für Schiffe verarbeitet worden. Von den vielen Gelehrten, Schreiberlingen, Künstlern und Händlern des einst so stolzen Landes waren nur entkräftete, ausgemergelte und gebrochene Sklaven übrig. Wer auch nur einen Hauch von Widerstand gezeigt hatte, war getötet worden. Im Laufe der Jahre war der Gedanke an Freiheit in den Köpfen der Unländer verblasst, und eine neue Generation kam zur Welt: Kinder, die als Sklaven geboren wurden und ihr Schicksal nicht anzweifelten. Nur ab und zu keimte ein Gedanke von einem anderen, besseren Leben in einem ihrer Köpfe auf, zart und zerbrechlich.

Jacob starrte auf seine nackten Füße. Sie waren schmutzig, wie schon sein ganzes Leben lang, was immerhin bereits dreizehn Jahre währte. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals gewaschen zu haben. Die Schale mit Wasser, die ihm die Sklavenfrauen morgens brachten, reichte gerade dazu, den Schlaf aus den Augen zu waschen und sich etwas zu erfrischen. Den Rest teilte er sich ein, um den Durst zu stillen und das trockene Brot herunterzuspülen. Die erste Lektion, die man als Sklave lernte, war, mit allem, was man bekam, zu haushalten. Entweder man lernte sie schnell, oder man gewöhnte sich daran, mit dem Gefühl von Hunger und Durst einzuschlafen.

Jacob hatte Glück, oder auch Pech, je nachdem, wie man es sehen wollte. Er war von seiner leiblichen Mutter innerhalb des Clans aufgezogen worden. Als er sechs Jahre alt war, starb sie an einer brandig gewordenen Verletzung am Fuß. In Jacobs Erinnerung hatte sie immer saubere Füße gehabt, sauber und weich. Im Gegensatz zu Sklavenkindern durften erwachsene Sklaven Schuhe tragen. Schuhe zu haben bedeutete, etwas wert zu sein. Es würde noch Jahre dauern, bis Jacob welche bekäme, doch so viel Zeit blieb ihm wahrscheinlich nicht mehr. Anstatt Schuhe trug er jetzt Ketten. Der Schmied hatte sie extra für ihn enger gemacht.

Jacobs Mutter hatte ihm immer wieder gesagt, wie klug er sei, und wie stolz sie auf ihn war. Leider konnte man Klugheit nicht essen, und Stolz kurierte keinen Wundbrand. Am Tag, als sie starb, hatte Oddrun ihm zugeflüstert, dass ihm noch fünf Jahre blieben, um zu zeigen, dass er ein guter Sklave war. Die fünf Jahre waren um, und Oddrun hatte entschieden, dass ein kluger Sklave das Essen nicht wert war, das man ihm gab. Für ihn zählte ein Sklave nur, wenn er von morgens bis abends hart arbeitete und mehr leistete, als er kostete.

»Steh nicht da wie ein geprügelter Hund«, schnauzte ihn Oddrun an und verpasste ihm einen Stoß von hinten in die Rippen. »Wenn es keinen gibt, der dich kaufen will, endest du auf dem Felsen. Also schön den Kopf hoch und die Brust raus.«

Jacob wusste, was mit dem Felsen gemeint war. Oddrun sprach vom Siechenfels, einem kleinen kargen Flecken Land mitten im Meer, auf dem alle Sklaven endeten, die krank, alt oder wertlos waren. Einmal im Monat fuhr ein Schiff zu der Insel und setzte jene dort zum Sterben ab, die eine Mahlzeit am Tag nicht wert waren.

Jacob hatte sich noch nicht entschieden, ob es besser war, einen Neuanfang als Sklave in einem anderen Clan zu erleben, oder all die Qualen hinter sich zu lassen und auf den Siechenfels zu gehen. Bis er sich entschieden hätte, würde er einfach weiterhin auf seine zerschundenen Füße starren und versuchen herauszufinden, ob der Schmerz an seinen Knöcheln, wo der geschmiedete Ring die Haut abgeschürft hatte, sich heiß oder kalt anfühlte.

Es war ein brennender Schmerz, entschied er etwas später.

Jacob sah auf. Er war schon viele Dutzend Male auf dem Markt von Nebelburg gewesen, doch nie zuvor hatten ihn so viele Menschen gleichzeitig angestarrt. Auch die Art, wie sie ihn ansahen, hatte sich verändert. Hatten die Menschen sonst durch ihn hindurchgesehen oder verächtlich auf ihn hinabgeblickt, musterten sie ihn nun. Er spürte ihre Blicke auf seinem Körper. Es waren Hunderte vaarlakische Krieger hier, die sich versammelt hatten, um Frischfleisch, wie sie es nannten, zu kaufen.

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