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Lonely

Prolog

16.11.2015

Es war ein grauer, dunkler Tag. Am Vormittag war die Sonne tatsächlich einmal kurz hinter den dicken Wolken hervorgekommen, doch sie war noch in derselben Stunde schon wieder dahinter verschwunden. Sie hatte jetzt, im November, ohnehin keine Kraft mehr. Aylin Rahde hatte darum ihre dicke Winterjacke bis zum Kinn zugezogen, die Hände in den Taschen vergraben und eine Kapuze auf dem Kopf, da es obendrein auch noch nieselte.

Aber Aylins Stimmung konnte das Wetter nicht trüben. Die Schule war vorbei und in den letzten beiden Stunden, in denen sie Sport gehabt hatte, hatte sie in der Basketballprüfung eine Eins bekommen. Das war nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches für sie, denn Aylins bestes Fach war Sport. Doch sie freute sich dennoch darüber. Besonders freute sie sich darauf, ihrem Großvater gleich von der Eins erzählen und seine Augen stolz leuchten sehen zu können. Sie würde sich an sein Bett setzen und seine Hand nehmen, sie streicheln und ihm vom Training gestern Abend erzählen und von der Sportprüfung. Dass sie mangels geeigneter Mitspielerinnen bei den Jungs gespielt hatte, machte das Ganze noch besser.

Aylin war vierzehn Jahre alt, hatte einen dunklen Teint, schwarze, widerspenstige Haare, die ihr bis zum Po reichten, dunkle, verschlossene Augen, volle Lippen und dank des täglichen Leistungssports einen sehr trainierten, kräftigen Körperbau. Dass sie es in einer Sportprüfung spielend mit Jungs aufnahm, hätte man auch aufgrund ihres leicht aggressiven Blickes sofort geglaubt. Dass sich hinter dieser extrem tough wirkenden Schale ein weicher, ganz und gar verletzlicher Kern verbarg, das hätte man eher weniger geglaubt.

Aylin überquerte eilig den Vorplatz des Krankenhauses und huschte durch die Drehtür in das trockene, warme Foyer. Sie nahm ihre Kapuze ab, zog ihren Rucksack, den sie über einer Schulter trug, wieder in eine etwas angenehmere Position und lief mit federnden Schritten zum Treppenhaus. In ihr kribbelte es vor Vorfreude, ihren Großvater wiederzusehen und so lange bei ihm zu sitzen und seine Hand zu halten, bis sie nach Hause musste, um vor dem Training am Abend noch etwas zu essen. Gestern das Training war gut gewesen. Das würde sie ihm auch gleich erzählen, und er würde sich darüber freuen. Er hätte wieder dieses stolze Funkeln in den Augen und mit Sicherheit würde ihm diese Freude dabei helfen, schneller gesund zu werden.

Aylin sprintete ohne Anstrengung die Treppen hinauf in den dritten Stock, stieß die Tür zu dem Flügel auf, in dem ihr Großvater lag, und lief zielsicher auf sein Zimmer zu. Vielleicht würde er ja heute nicht einmal mehr am Tropf hängen – vielleicht würde er schon wieder aufrecht im Bett sitzen und in der neusten Ausgabe der Eishockey News blättern, die sein bester Freund Tom ihm heute morgen mitgebracht hatte.

Zimmer B-12. Hier lag er. Die Tür war halb geöffnet und Aylin wollte schnurstracks hineingehen, als ihr jedoch eine Krankenschwester in den Weg trat und ihr den Zugang zum Zimmer versperrte. Aylin kannte die Krankenschwester bereits und blickte sie fragend an.

In ihrem Blick lag etwas sehr Ernstes und Bedauerndes. »Aylin … dein Opa ist heute Morgen gestorben.«

Schwarz. Rauschen.

Gestorben? Das konnte nicht sein! Er hatte doch gestern gesagt, dass es ihm besserginge! Aylin drängte sich an der Krankenschwester vorbei ins Zimmer – und starrte auf ein leeres Bett. Sauber, frisch bezogen und ordentlich gemacht für den nächsten Patienten.

Schwarz. Rauschen.

Nein! Nein, das konnte nicht wahr sein! Das war ein Missverständnis! Sicherlich hatte man ihn für eine Untersuchung auf eine andere Station gebracht, und jeden Moment würde er wiederkommen und verwundert fragen, was denn los sei! Aylin fühlte nichts. Da war … absolut nichts. Eine Leere. Sie fiel immer tiefer in ein schwarzes, kaltes, riesiges Loch, wie in einem Alptraum. Dies war die Stelle, an der man aufwachte. Doch sie wachte nicht auf. Sie fiel immer weiter.

Schwarz. Rauschen.

Jemand drückte sie auf einen Stuhl, doch Aylin nahm den Stuhl nicht wahr. Sie nahm den Gang nicht wahr, nicht das Gesicht der Schwester, die ihr ein Glas Wasser reichte, irgendetwas zu ihr sagte, ihr über die Wange strich. Aylin führte das Glas zum Mund, nicht weil sie Durst hatte, sondern weil irgendetwas in ihrem Körper noch wusste, was man mit einem Glas Wasser tat. Doch sie verfehlte ihren Mund und zitterte zudem so heftig, dass der ganze Inhalt des Glases auf ihrer Jacke landete. Auch das nahm Aylin nicht wahr. Sie fiel in dieses schwarze Loch, unaufhaltsam und immer schneller, mit einem entsetzlichen Fahrtwind, der ihr Tränen in die Augen trieb.

Schwarz. Rauschen.

Aylins Wangen waren nass, ihre Augen verklebt, weil die Wimperntusche verklumpt war. Aylin sah den Wartebereich, in dem sie saß, gekippt, doch sie konnte nicht wahrnehmen, dass sie seitlich auf ein paar aneinandergeschobenen Stühlen lag. Es war, als hätte ihr jemand eine riesige Spritze gegeben, die bestimmte Bereiche ihres Körpers und ihres Bewusstseins betäubt hatte. Und Aylin fiel immer noch.

»Das Städtische Krankenhaus Heschbach, Frau Höhning am Apparat«, hörte Aylin durch das Rauschen hindurch die Stimme irgendeiner Krankenschwester, die aus dem Büro drang, das gegenüber vom Wartebereich lag. »Ihre Tochter Aylin ist gerade hier eingetroffen. Bitte kommen Sie sie abholen, so schnell wie möglich.«

Warum nannte die Schwester gar nicht den Grund? Kannte Aylins Vater ihn schon? Aber es konnte doch nicht wahr sein! Das konnte einfach nicht sein! Das durfte nicht sein! Warum hatte ihr Vater sie nicht aus der Schule abgeholt? Da, das war der Beweis dafür, dass das nicht sein konnte. Das durfte nicht sein!

Schwarz. Rauschen.

Da stand eine Gestalt über Aylin, in einen dunklen Mantel gehüllt. Sie roch nach Zigarette, Kälte und Regen, und dann hockte sie sich hin und legte Aylin eine Hand auf die Schulter.

»Aylin!«

War das die Stimme ihres Vaters? Alles klang verschwommen und Aylin konnte noch immer nicht wahrnehmen, was vor ihren Augen geschah. »Papa?« Das war nicht ihre Stimme! Sie klang fremd und schwach, zittrig, tonlos. Erloschen.

»Ich bin hier, Aylin, ich bin hier. Wir fahren jetzt nach Hause.«

Aylin wollte aufspringen, gegen ihn rebellieren, jeden einzelnen Zentimeter dieses Krankenhauses nach ihrem Großvater absuchen, doch sie war zu betäubt, zu schwach, zu kraftlos. Als wäre das Leben auch aus ihr hinausgezogen worden. »Opa«, war das einzige, zu dem sie imstande war. »Ich muss doch … hier warten … auf Opa, auf … er kommt doch gleich wieder … Opa.«

Kapite 1

»Jungs, Ruhe bitte!«, rief Herr Voß mahnend und meinte damit insbesondere Roy und Pablo, die zusammen an einem Tisch saßen und lautstark herumalberten. »Holt bitte eure Hausaufgaben heraus!«

Roy hatte sie natürlich nicht gemacht. »Hast du deine Hausaufgaben?«, fragte er seinen besten Freund Pablo gespielt streng.

»Hatte keine Zeit.«

»Wie immer«, grinste Roy und zog seine schwarze Lederjacke aus.

»Ich habe diesmal echt eine Entschuldigung, weil ich meine Eltern vom Flughafen abgeholt habe und wir den ganzen Abend im Restaurant waren«, erzählte Pablo und sah dabei richtig fröhlich aus – aber eigentlich sah er immer fröhlich aus. Er war ein richtiger Sonnyboy.

»Ach, sind die wieder da?«, fragte Roy. Pablos Eltern reisten geschäftlich so oft in der ganzen Welt herum, dass Roy noch nie einen Überblick darüber behalten hatte.

Pablo nickte und senkte den Blick. »Aber nur für ein paar Wochen, dann fliegen sie wieder. Dieses Mal nach Indien. Und zwischendurch sind sie in Berlin eingeladen.« Er verdrehte die Augen.

Roy seufzte und zog sein Handy unter dem Tisch hervor. Wenn Herr Voß herumging, um die Hausaufgaben zu überprüfen, konnte das dauern. Wieder einmal – eigentlich wie immer, wenn Pablo von seinen Eltern erzählte – hatte Roy ein merkwürdiges Ziehen in der Brust, so etwas wie Eifersucht. Dabei gönnte er Pablo seine Eltern, seine Nanny, die 24/7 für ihn da war, und sein riesiges Zimmer mit sämtlichen Star Wars-Legosachen, die ein Vermögen kosteten und die sich früher jeder kleine Junge gewünscht hatte, Roy nicht ausgeschlossen. Es machte ihn nur irgendwie immer wütend, wenn Pablo sich darüber beschwerte, dass seine Eltern so selten da waren. Guck mich an, meine sind nicht einmal ab und zu da!

Pablo zuckte die Schultern. »Ich hätte die Hausaufgaben sowieso nicht gemacht. Geht ja schlecht, wenn man sie nicht versteht.«

»Gibt es überhaupt jemanden, der das versteht?«, fragte Roy, froh darüber, dass Pablo das Thema gewechselt hatte.

»Nein, vermutlich nicht – Desiree ist ja nicht im Kurs«, meinte Pablo vielsagend. »Ich frage mich wirklich, wie die das macht. Die hat immer noch in jedem Fach eine Eins. Das habe ich zuletzt in der zweiten Klasse geschafft!«

Roy grinste ihn an. »Ich habe das nie geschafft. Warum nimmst du keine Nachhilfe bei Desiree? Sie wohnt doch ohnehin gleich neben dir.«

Pablo verzog das Gesicht. »Nein danke. Ich habe ja schon Nachhilfe. Profi-Nachhilfe, von Herrn Voß persönlich empfohlen. Bringt nur irgendwie leider nicht so viel. Der Typ da reißt mir den Kopf ab, wenn ich schon wieder eine Fünf schreibe … Hab’s nicht verstanden«, sagte er zu Herrn Voß, als er vor ihrem Tisch stand.

»Ich auch nicht«, schloss Roy sich ihm an.

»Aber ich habe eine Entschuldigung!«, schob Pablo eilig hinterher und blickte Herrn Voß mit seinen großen, braunen Hundeaugen unschuldig an. »Meine Eltern sind gestern aus den USA zurückgekommen und ich musste den ganzen Abend im Restaurant sitzen und Muscheln schlürfen!«

Herr Voß blickte ihn über den Rand seiner Brille hinweg belustigt an. Auf Pablo konnte man unmöglich sauer sein, so niedlich, wie der war. Er hatte einfach Glück gehabt mit seinen blonden Locken, den kugelrunden, treuen Hundeaugen, den weichen Gesichtszügen und dem Dackelblick. Dem traute niemand zu, dass er frech oder draufgängerisch oder ein cooler Macho war. Roy dagegen war schon oft so assoziiert worden, was er ein kleines bisschen unfair fand. Bloß, weil er markante Züge und vorwitzige blaue Augen hatte!

»Hmm, wenn es so schlimm war im Restaurant, dann hätten die Mathehausaufgaben doch eine hervorragende Ausrede sein können, dort zu verschwinden, die deine Eltern doch auch sicherlich verstanden hätten«, riss Herr Voß Roy aus den Grübeleien darüber, warum die Leute schon immer gesagt hatten: »Ach, der kleine Blonde da, ja, der braucht bestimmt eine etwas kürzere Leine.«

Pablos Dackelblick geriet ins Wanken. Jetzt sah er mehr nach einer schmollenden Bulldogge aus. Fehlte nur noch, dass er die Unterlippe vorschob. »Ich habe meine Eltern gestern nach drei Monaten wiedergesehen.«

Herr Voß kniff die Lippen zusammen, dann seufzte er tief und sagte: »Ich gebe dir mal einen halben Strich. Wenn du mir die Hausaufgaben morgen nachzeigst, mache ich ihn wieder weg.«

Nun hätte Pablo wie wild mit dem Schwanz gewedelt, wenn er ein Hund gewesen wäre. »Danke, Herr Voß, das ist so nett von Ihnen!«

Herr Voß überhörte das Kompliment und wandte sich an Roy, der sich gerade überlegte, ob er sich braune Kontaktlinsen kaufen oder sich den Dreitagebart abrasieren sollte. »Und, Herr Vehling, haben Sie auch eine Entschuldigung?«

Hmm … ich habe meine Eltern nicht mehr gesehen, seit ich denken kann, dachte Roy, aber das sagte er natürlich nicht laut. »Ich hab’s nicht verstanden«, brummte er darum wahrheitsgemäß.

Herr Voß gab ein leises Grummeln von sich und gab ihm einen Strich. »Das ist der … vierzigste Strich, Roy. Das wird sich auf deine SoMi-Note nicht unbedingt so positiv auswirken …« Damit marschierte er weiter zum nächsten Tisch.

Roy blickte ihm nach. »Klar, aber Sie kriegen natürlich keinen Strich, obwohl Sie unsere Klausuren zu Hause liegengelassen haben«, knurrte er, obwohl er darüber eigentlich nicht besonders enttäuscht war.

»Ist doch gut!«, sagte Pablo auch prompt. »Ich will meinem Nachhilfelehrer echt nicht schon wieder eine Fünf zeigen. Der ist dann immer so enttäuscht.«

»Sag du mir mal lieber, warum du mit dieser Dackelmiene gesegnet bist und ich aussehe wie ein Drogendealer.«

»Tust du doch gar nicht! Hey, du siehst gut aus! Und du rauchst nicht mal.«

»Das nützt mir auch nichts, wenn ich doch so aussehe.«

»Du wirst wenigstens ernst genommen! Ich dagegen bin der süße Milchbubi.« Pablo seufzte. »Würden wir aufs Internat von Erich Kästners fliegendem Klassenzimmer gehen, dann müsste ich bei der Weihnachtsaufführung das Mädchen spielen.«

Roy musste lachen. »Nee, Pablo, der Typ war doch klug!«

Pablo boxte ihn gespielt empört. »Idiot!«

Herr Voß hatte seine Hausaufgabenüberprüfung beendet und stand wieder vorne, einen sehr unzufriedenen Blick auf dem Gesicht. »Das sind wieder viel zu viele, die die Hausaufgaben nicht haben. Habt ihr in anderen Fächern eigentlich auch eine solche Hausaufgabenpolitik?«

In anderen Fächern haben wir kompetentere Lehrer, bei denen man auch etwas versteht, dachte Roy. Er hatte noch nie bei einem guten Mathelehrer Unterricht gehabt. Vielleicht gab es so etwas gar nicht.

»Können wir das nicht mal ausführlich an der Tafel besprechen?«, fragte Alex.

»Wenn das keiner gemacht hat, bringt das nicht viel. Ich schlage vor, ihr frischt noch einmal euer Wissen auf und lest euch die Seiten 167 und 168 durch. Ich nehme dann in fünf Minuten jemanden dran, der das erklären muss, okay?«

»Nee, eigentlich nicht«, knurrte Pablo und schlug energisch sein Buch auf. Er nahm es Herrn Voß immer noch übel, dass er ihm Nachhilfe aufgehalst hatte. Jeden Dienstag zwei Stunden lang – und er schrieb trotzdem nur Fünfen.

Roy seufzte und zog sein Handy unter dem Tisch hervor. Die Erklärungen in Schulbüchern waren stets Hieroglyphen für ihn. Er hatte sich an eine Fünf in Mathe schon gewöhnt. In den anderen Fächern, die nicht zu seinen Stärken gehörten, konnte er seine Vieren halten – obwohl es seit diesem Schuljahr in Latein brenzlig aussah –, und damit war er zufrieden. Er ging auf die Whats-App-Stufengruppe, die EF hieß und von allen EF-Gruppe genannt wurde, und verdrehte die Augen. Sechzig neue Nachrichten innerhalb von einer Stunde. Habt ihr keine Hobbys? Er wollte schon desinteressiert schnell runterscrollen, als ihm jedoch das Wort Aylin ins Auge sprang. Er runzelte die Stirn.

»Was hat Herr Mertens noch mal wegen der mündlichen Prüfung gesagt?«, hatte Nils aus Roys und auch Aylins Englischkurs geschrieben, und als Antwort war zurückgekommen: »Wer ist Aylin?« Und dahinter reihten sich die üblichen Verdächtigen aus dem Englischkurs mit ihren Smileys.

»Jetzt guck dir das an«, flüsterte Roy und streckte Pablo sein Handy hin.

»Häh?«, machte der verwirrt. Er war nicht mit Roy im selben Englischkurs und verstand die Anspielung daher nicht.

Roy sah sich zum hintersten Tisch um, an dem Lonely saß und gelangweilt ins Mathebuch starrte. Dann sagte er leise zu Pablo:

»Wir haben gerade in Englisch die Quartalsnoten bekommen und Benjamin sollte Lonely rausschicken. Und er wusste wohl nicht, dass sie eigentlich Aylin heißt, und hat dann gefragt, wer Aylin ist.«

Pablo musste lachen. »Wie bitter!«

Roy funkelte ihn wütend an. »Das ist echt das Letzte! Und das dann noch in eine Gruppe schreiben, in der jeder aus der Stufe ist …«

»Lonely ja nicht«, meinte Pablo.

Roy starrte ihn an. »Wie? Verarsch mich nicht, klar ist die da drin!«

»Nein, nicht mehr. Desiree hat sie doch wieder rausgeschmissen.«

Roy scrollte die Liste der Gruppenmitglieder hinunter und stellte fest, dass Pablo recht hatte. »Was bildet Desiree sich ein?«, zischte er und fügte Lonely kurzerhand wieder hinzu.

»Jetzt mal ehrlich, Roy, du musst doch nicht immer so nett zu der sein. Lonely selbst will ja nicht dabei sein«, meinte Pablo mit gesenkter Stimme.

Weil sie auch von Anfang an keine Chance bekommen hat, nur weil sie vielleicht anders ist, dachte Roy und sah sich abermals um. Lonely guckte nicht mehr ins Buch, sondern spielte mit ihrem Taschenrechner herum, die vollen Lippen leicht verkniffen. Ihre schwarzen Haare, die bis zum Po reichten, waren wie immer offen und ein bisschen widerspenstig. Eigentlich war sie sogar ziemlich hübsch – nur eben keine der 08/15-Tussis.

»Roy, wie wäre es, wenn du uns mal die Formel für die Gegenwahrscheinlichkeit erklärst?«, riss Herr Voß ihn aus seinen Gedanken.

Roy drehte sich verwirrt nach vorne. »Äh …«

Herr Voß seufzte. »Du hattest doch gerade Zeit, um dich vorzubereiten.«

Roy starrte angestrengt in sein Buch. Pablo tippte ihm auf die Stelle, an der der Merkkasten zur Gegenwahrscheinlichkeit stand.

»Die Summe der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses E und des Gegenereignisses Nicht-E ist 1«, las er vor.

»Dann erkläre das mal in deinen Worten. Vielleicht hilft es dir, wenn du dir ein Baumdiagramm mit zwei Pfaden vorstellst«, meinte Herr Voß und stolzierte vor der Tafel auf und ab.

Roy starrte ihn an. Baumdiagramm mit zwei Pfaden? »Naja, also … ist das nicht, weil das Ergebnis hundert Prozent ist oder so was?« Es war mehr eine neue Frage als eine Antwort auf Herrn Voß’ Frage.

Herr Voß blieb stehen und hob erwartungsvoll die Augenbrauen. »Und jetzt verbinde diesen Gedanken mal mit meiner Frage.«

Was wollen Sie eigentlich von mir? »Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, gab Roy zu.

»Du hast eben vorgelesen, dass E plus Nicht-E 1 ergibt. Und jetzt sagst du, dass das Ergebnis immer hundert Prozent ist.«

»Ja, weil die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis eintritt oder nicht, hundert Prozent ergibt, weil es ja das Ergebnis für ein Ereignis ist.«

Herr Voß wiegte den Kopf, aber er schien wenigstens ein kleines bisschen zufrieden zu sein, denn er hakte nicht weiter nach. »Wer erklärt mir jetzt das inverse Baumdiagramm?«

Alle Schüler starrten möglichst unbeteiligt in ihre Bücher. Herr Voß zog seufzend einen dreißigseitigen Würfel aus seiner Tasche und ließ ihn über das Pult rollen. Dann zählte er in der Kursliste die gewürfelte Zahl hinunter.

Roy beobachtete ihn grimmig dabei. Er hasste Kurse, in denen viele schlechte Schüler waren, weil man sich in ihnen nicht hinter den guten Schülern verstecken konnte.

»Rahde, Aylin«, verkündete Herr Voß das Los und sah auf. Der ganze Kurs lachte bis auf Roy, der leise stöhnte. Ausgerechnet Lonely, die sowieso immer wegen jedem kleinen Mist ausgelacht wurde. Er hoffte bloß, dass sie das inverse Baumdiagramm erklären konnte.

»Also …«, fing sie gelangweilt an. »Das inverse Baumdiagramm ist ein umgekehrtes Baumdiagramm, an dem die Zweige und Stufen getauscht wurden.«

Ein paar Leute kicherten noch immer. Roy sah sich misstrauisch um. Warum? Sie hatte es doch richtig erklärt, oder?

»Was genau wird vertauscht?«, hakte Herr Voß nach.

Lonelys Miene verriet nichts über ihren Gefühlszustand, als sie Herrn Voß ansah. »Die Zweige. Habe ich doch gesagt.«

»Das ist mir zu ungenau. Yvonne.«

»Die totale Wahrscheinlichkeit wird mit der bedingten getauscht.«

Herr Voß nickte zufrieden.

Roy verdrehte die Augen. Als ob Lonely das nicht auch gesagt hätte! Manchmal war das Leben wirklich einfach nur unfair.

Nach der sechsten Stunde – Mathe, ihr Hassfach – hatte Aylin Schule aus. Sie packte ihre Sachen zusammen, verließ den Raum und drängelte sich durchs volle Treppenhaus. Mittwochvormittage in der Schule waren immer schrecklich, aber dieser war ganz besonders traurig. Aylin hatte bestimmt zwei Wochen lang versucht, ihren Vater dazu zu überreden, heute einfach zu Hause bleiben zu dürfen, aber Patrick hatte gesagt: »Das Leben muss weitergehen, Aylin.« Er konnte das gut sagen. Er hatte nie mit seinem Vater geredet, soweit Aylin sich erinnern konnte, er hatte ihn auch nicht im Krankenhaus besucht und wahrscheinlich machte es für ihn gar keinen Unterschied, ob er noch lebte oder nicht.

Heute war der sechzehnte November, der erste Todestag von Aylins Opa. Sie brachte ihr Englischbuch in den Spind und verließ dann das Gebäude. Als sie mit gesenktem Kopf und in die Jackentaschen vergrabenen Händen vom Schulhof ging, rief irgendjemand hinter ihr: »Tschüss, Lonely!«

Aylin drehte sich stirnrunzelnd um und erblickte Roy, der seinen Nierengurt umlegte, dann seine Lederjacke schloss und den Zündschlüssel seines Motorrades herausholte. Als sie sich umdrehte, lächelte er sie durch das hochgeklapptes Visier seines Helmes an.

Aylin drehte sich sofort wieder um und machte sich im Strom der anderen Schüler auf den Weg zur Bushaltestelle. Hätte sie heute einen Sinn dafür gehabt, wäre es ihr wahrscheinlich wieder gehörig auf die Nerven gegangen, dass Roy ständig so freundlich war. Er gehörte zu den beliebtesten Jungs der Stufe, wozu vielleicht auch die Tatsache beitrug, dass er bereits siebzehn war und einen Motorradführerschein hatte. Er fuhr eine schwarze 125er Maschine, die zugegebenermaßen schon cool war, und Aylin kannte sich wenigstens ein bisschen aus, ihr Vater hatte nämlich ebenfalls ein Motorrad.

Und ausgerechnet Roy Vehling war der einzige auf dieser Schule, der Hallo und Tschüss zu ihr sagte und sich nicht am Auslachen über sie beteiligte. Dabei war Aylin doch … nur Lonely.

Manche Leute wissen ja anscheinend noch nicht einmal, wie mein richtiger Name ist, dachte sie verbittert, blieb seufzend an der Bushaltestelle stehen und zückte ihr Handy. Was war denn das? Drei neue Nachrichten aus der … EF-Gruppe? Desiree hatte sie doch am vierten Schultag rausgeworfen, was Aylin herzlich egal gewesen war. Sie ging mit einem mulmigen Gefühl auf WhatsApp und stellte fest, dass Roy sie wieder hinzugefügt hatte.

Kurz darauf hatte Alex geschrieben: »Was soll denn das?«, und Chris: »Ey, was macht die hier?«

Gute Frage, dachte Aylin und kniff die Augen zusammen, als sie Roys »Fressen, ihr habt hier nichts zu melden« las. Natürlich beschwerte sich nach der Ansage niemand mehr. Was sollte das?

Aylin fuhr verwirrt mit dem Bus in die Stadt, kaufte in der Blumenhandlung Stiefmütterchen und machte sich auf den Weg zum Friedhof, zu dem man eine Viertelstunde laufen musste. Er lag nur ein paar Meter hinter dem Städtischen Krankenhaus, in dem ihr Opa gestorben war.

Aylin erinnerte sich viel zu gut an diese Zeit, in der sie jeden Tag nach der Schule dort gewesen war. Eigentlich war ihr Opa ursprünglich nur wegen einer Knie-OP dort gewesen, doch dann hatte er eine Lungenentzündung bekommen, die er nicht überlebt hatte. Ob letztendlich das Krankenhaus Schuld an seinem Tod war? Jedenfalls kam es Aylin oft so vor.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass er operiert werden musste. Die Knie hatten ihm schon zu schaffen gemacht, bevor Aylin geboren worden war; ein Leiden, dass er dem Job als Eishockeytorhüter zu verdanken hatte. Er war gerade einmal siebenundsechzig gewesen. Wir hätten noch so viel Zeit zusammen gehabt, Opa.

Aylin betrat den Friedhof, der von einem grauen Eisenzaun eingerahmt war, durch das verschnörkelte, niedrige Tor, das immer ein bisschen quietschte, wenn man die Klinke hinunterdrückte. Ihre Augen begannen zu prickeln, wie immer, wenn sie hierher kam.

Sie vermisste ihn jeden Tag, was kein Wunder war, denn sie war sein Leben lang so oft wie möglich bei ihm gewesen, während ihr Vater Patrick gearbeitet hatte. Für Aylin war ihr Opa mehr ein Vater gewesen als Patrick selbst.

Sie stellte die Blumen liebevoll vor den Grabstein, in den eingraviert war: Michael Rahde. 03.04.1948 – 16.11.2015. Du wirst dem deutschen Eishockey immer als ein inspirierendes Idol in Erinnerung bleiben. Ja, das war er gewesen. Eine Inspiration, ein Idol für das deutsche Eishockey. Er hatte für Deutschland im Tor gestanden als einer der besten Torhüter, die Deutschland je hatte, bis seine Knieprobleme seine Karriere mit Mitte dreißig beendet hatten, und er hatte sich sein Leben lang für den DEB engagiert. Er hätte es sogar aus Deutschland rausgeschafft, er hätte es in eine der Top-Ligen der Welt geschafft, vielleicht sogar in die KHL oder NHL. Er war einfach ein Wahnsinns-Talent gewesen und hätte reich werden können – aber das hatte er nicht gewollt. Er hatte Eishockey in Deutschland unterstützen und fördern wollen und war hiergeblieben, hatte als Held, als der Spieler in der ersten Liga gespielt und war aufgrund dieser Entscheidung sehr bekannt geworden. Später dann, als er seine Spielerkarriere beendet hatte, war er zwar Torwarttrainer in der ersten Liga und der Nationalmannschaft gewesen, hatte dann aber auch Kurse auf der ganzen Welt gegeben.

Als Aylin geboren worden war, hatte er sie so oft wie nur möglich mit ins Stadion und zu Veranstaltungen genommen, denen seine Anwesenheit Glanz verleihen sollte. Aylin hatte von Anfang an mitbekommen, wie es hinter den Kulissen eines Eishockeyspiels zuging, und einige große Profis kennengelernt.

Sie zog die Nase hoch und kniete sich auf den kalten Boden. Die heißen Tränen brannten auf ihren kalten Wangen. Für Aylin war ihr Opa das größte Idol gewesen. Er hatte ihr das Schlittschuhlaufen beigebracht, als sie drei Jahre alt gewesen war, und seitdem hatte sie in ihrer Altersklasse als Torhüterin Eishockey gespielt, in dem Verein, in dem ihr Großvater Torwarttrainer gewesen war: dem ESC Heschbach. Als Michael gestorben war, war Aylin noch in der Schülerbundesliga gewesen. Mittlerweile hätte sie zur U-17, der Jugend, gehört und allmählich auch in ein Damenteam wechseln können.

Michael Rahde war dafür bekannt gewesen, dass er eine Ruhe und Konzentration besaß, die ihn beim Spielen in eine ganz eigene Wahrnehmung des Spiels versetzte. Er konnte das Geschehen dann deutlich langsamer verfolgen. Wenn ein Torhüter sich in diesem Modus befand, dann war er dazu fähig, über sich hinauszuwachsen und Dinge zu vollbringen, die er sich später selbst nicht mehr erklären konnte. Er war dann quasi unberechenbar geworden und hatte die unhaltbarsten Schüsse gehalten. Und Aylin hatte dieses Talent auch.

Gerade bei den jüngeren Spielern war dieser höchst konzentrierte, aufmerksame Zustand selten zu finden, aber Aylin hatte ihn ständig gehabt. Vollkommen konzentriert, in sich gekehrt und aufmerksam.

Und dann war ihr Opa gestorben. Es gab niemanden mehr, der sie ermutigte, unterstützte, ihr so viele Türen in der Eishockey-Welt öffnete, der ihr anstrengende Privatstunden gab, der sich mit ihr freute, wenn ihre Mannschaft gewann, und der stolz auf sie war.

Ihr Vater Patrick hatte sich nie für Eishockey interessiert, was auch der Grund war, weshalb er nie mit seinem Vater gesprochen hatte – oder vielleicht auch andersherum: weshalb Michael nie mit seinem Sohn gesprochen hatte. Aber Aylin hatte Michael über alles geliebt, weil sie ihre Leidenschaft teilten. Und jetzt war er weg, und ihre Leidenschaft, ihr Talent, das immer ihr Lebensinhalt gewesen war, machte keinen Sinn mehr; sie spielte auch kein Eishockey mehr. Sie war jetzt wirklich Lonely.

Aylin saß in ihrem Zimmer am unaufgeräumten Schreibtisch und versuchte, Hausaufgaben zu machen, doch ihre Konzentration schweifte immer wieder zu dem Bild ab, das auf ihrem Schreibtisch stand. Sie hatte liebevoll Steinchen und Teelichter um dieses Foto, das Michael und sie zeigte, verteilt. Es bildete einen merkwürdigen Kontrast zu ihrem sonst so chaotischen Schreibtisch. Heute hatte sie die Teelichter angezündet und ließ ihren Tränen freien Lauf. Wie sollte man sich an einem solchen Tag auf die Hausaufgaben konzentrieren?

Da knackte der Schlüssel im Wohnungstürschloss und Aylin fuhr sich schnell mit dem Handrücken über die Wangen. Keine Sekunde später kam der beige Terriermischling McMissile in ihr Zimmer gewuselt und sprang an ihr hoch.

Aylin beugte sich zu ihm hinunter und bekam einen Hundekuss auf die Lippen, der sie trotz allem zum Lächeln brachte.

»Aylin, kommst du bitte mit runter und hilfst mir beim Tragen?«, rief Patrick von der Wohnungstür her.

Aylin seufzte, pustete die Teelichter aus und erhob sich. »Ja, ich komme.« Im Flur schlüpfte sie in ihre gefälschten Uggs, die sie eigentlich nur trug, wenn sie mal kurz mit McMissile rausging oder die Post reinholte – oder eben, wenn sie ihrem Vater dabei half, die Einkäufe hochzuholen. Sie wohnte mit Patrick in einem kleinen Mehrfamilienhaus mit drei Wohnungen in der mittleren.

»Warum kommst du eigentlich jetzt erst?«, fragte Aylin, während sie Patrick die Treppe hinunterfolgte. McMissile musste natürlich auch mitkommen. Er war noch jung und neugierig. Patrick hatte ihn nach Michaels Tod gekauft und das war ja erst ein Jahr her. Als ob ein Hund Michael ersetzen könnte! Aber Aylin war oft froh darüber, ihn zu haben. Er konnte gut trösten. Besser als Patrick jedenfalls.

»Ich habe Katja nach Hause gefahren. Ihr Auto ist in der Werkstatt«, erklärte er und hielt ihr die Haustür auf.

Aylin marschierte augenverdrehend an ihm vorbei und öffnete den Kofferraum. Katja König war seit ein paar Wochen Patricks neue Arbeitskollegin und er redete seitdem viel zu oft von ihr – wie nett sie war.

»Und dann … war ich bei Opa«, fügte er leise hinzu.

Aylin hielt dabei inne, zwei Wasserkästen aufeinanderzustapeln. Ach ja? Zum ersten Mal seit seiner Beerdigung? Dass du überhaupt wusstest, welcher Tag heute ist! Wahrscheinlich wusste er das auch bloß, weil Aylin ihn seit zwei Wochen darauf aufmerksam machte. Aber das Leben muss ja weitergehen. Für Michael ging es nie mehr weiter. »Soso«, machte sie kühl und hievte die Kästen aus dem Kofferraum.

»Lass doch, nimm du lieber die Taschen!«, meinte Patrick.

Aylin funkelte ihn an und drehte sich um. »Geht schon.«

Patrick seufzte, nahm die drei vollen Taschen und schloss das Auto ab. »Aylin … ich vermisse ihn doch auch … irgendwie«, sagte er leise. »McMissile, na komm!« McMissile huschte in den Hausflur, sodass Patrick die Tür zufallen lassen konnte.

»Wahrscheinlich vermisst du ihn, weil ich jetzt nicht mehr zu ihm kann und immer nur zu Hause herumhänge«, sagte Aylin bissig.

»Ist dir das nicht zu schwer, Aylin?«, fragte Patrick, anstatt auf ihren Kommentar einzugehen. Ein anderer Vater hätte jetzt empört gesagt: »Aber Aylin, das ist nicht wahr! Ich freue mich, wenn du zu Hause bist!« Aber Patrick war nicht ein solcher Vater.

»Geht schon«, sagte Aylin und bemühte sich, ihre Stimme so wenig wie möglich gepresst klingen zu lassen. »Ich trage doch nicht zum ersten Mal das Wasser!«

McMissile saß schon vor der Wohnungstür, als Aylin dort ankam.

»Was würde ich ohne dich machen?«, fragte Patrick lächelnd und schloss sie auf.

Tja, zum Wasserkästen tragen bin ich gut genug. Aylin stellte sie neben der Küchentür ab, verkniff sich das Stöhnen, damit Patrick nicht demnächst darauf bestand, das Wasser doch selbst zu tragen, und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

»Danke«, sagte Patrick und fing an, die Taschen auszuräumen. Aylin reckte sich, inspizierte den Inhalt der Tasche, die ihr am nächsten war, und zog eine Packung Müsliriegel heraus.

»Hast du dir nach der Schule etwas gekocht?«, fragte Patrick.

»Ich war bei Opa.«

»Dann mache ich uns gleich was. Ist ja schon sechs! Nächste Woche habe ich Montag und Dienstag Frühsendung. Dann steht das Essen auf dem Tisch, wenn du aus der Schule kommst.«

»Toll«, grummelte Aylin ohne Begeisterung. Dafür muss ich mir dann mein Frühstück selbst machen. Irgendwie hasste sie Patricks Beruf. Radiomoderator. Das klang überhaupt nicht cool. Außerdem war die Vorstellung, dass vielleicht sämtliche Leute aus der Schule ihrem Vater zuhörten, wie er seine blöden Witze machte, ziemlich … peinlich. Aber andererseits könnte es noch viel schlimmer sein. Er war schließlich bloß im Radio und nicht im Fernsehen. Eishockeyprofi, das klingt gut.

»Was wollen wir uns denn machen?«, riss Patrick sie aus ihren Gedanken und öffnete den Kühlschrank. »Ach, da stehen ja noch die restlichen Frikadellen von gestern …«

»Spaghetti mit Pesto«, fiel Aylin ihm rasch ins Wort. Sonst hätte Patrick am Ende sein selbst kreiertes Frikadellen-Toast mit Ketchup und Zwiebeln gegessen und Aylin hätte welche von diesen schrecklichen Tofu-Bällchen bekommen, die ein entsetzlicher Fehlkauf gewesen waren.

»Gut, dann wärme ich mir die Frikadellen eben morgen auf«, brummelte Patrick und verstaute ein paar Joghurtbecher im Kühlschrank. Als er die Tür zufallen ließ, fiel Aylins Blick wieder auf das Foto, das neben ein paar Notizzetteln hing. Es zeigte sie in der Eishalle, mit geflochtenem Zopf und in einem Pulli der Heschbacher Geparden, der DEL-Mannschaft aus Heschbach, bei der Michael Torwarttrainer gewesen war.

Da war ich noch dünn, schoss es Aylin immer durch den Kopf, wenn sie dieses Foto sah. Wie alt war sie da? Dreizehn? Naja, dünn war vielleicht der falsche Begriff. Dünn war sie nur als kleines Mädchen gewesen. Aber sie war immer … muskulös gewesen, eben nicht dick, sondern sportlich, stämmig. Und seit diesem einen Jahr, in dem sie nicht mehr spielte, hatte sich ein hartnäckiger Speck an ihrem Bauch festgesetzt und ihre Arme waren überhaupt nicht mehr muskulös. Das zweite, das sie dachte, wenn sie das Bild sah, war dann immer: Opa. Dass er nicht mehr da war und sie deshalb nie mehr in die Eishalle gehen würde – konnte. Und trotzdem … irgendwie sehnte sie sich nach der kalten Luft dort, nach dieser ganz besonderen Atmosphäre, die wahrscheinlich nur für sie etwas so Besonderes war. Das fiel ihr in letzter Zeit immer öfter auf, diese … Sehnsucht. Bestimmt ist es bloß Sehnsucht nach Opa. Und die kann ich nie mehr stillen.

»Wir sollten das Bild abnehmen«, sagte sie und biss in einen Müsliriegel.

Patrick sah sich um. »Warum denn abnehmen? Darauf siehst du total schön aus!«

Schöner als jetzt, aber schön war ich noch nie. »Da war ich in besserer Verfassung«, murmelte sie mehr zu sich selbst. Körperlich und seelisch.

Patrick lehnte sich mit dem Hintern an die Arbeitsplatte, stützte sich mit den Händen rechts und links davon ab und betrachtete Aylin. »Aylin … es ist ja jetzt schon ein ganzes Jahr her … Ich meine …« Er biss sich auf die Lippe und ließ seine Augen durch die Küche wandern, als würde er darauf hoffen, dass irgendwo an der Wand das stand, was er zu sagen versuchte. »Hast du eigentlich noch mal darüber nachgedacht mit dem Eishockey?«, platzte es dann aus ihm heraus.

Aylin ließ den Müsliriegel sinken. »Was habe ich nachgedacht?«

Patrick stieß laut die Luft aus und schien nach der richtigen Formulierung zu suchen. »Naja … vielleicht wieder zum Training zu gehen?«

Aylin spürte, wie sie sich sofort verschloss. Das war etwas, worüber sie nicht nachdenken und noch weniger reden wollte. Sie hatte sich vor einem Jahr entschieden.

»Du kennst meine Entscheidung«, hörte sie sich kühl sagen.

Patrick musterte sie eingehend. »Aylin, ich sehe dich doch, ich sehe, dass dir etwas fehlt … dass dir das Eishockey fehlt.«

»Wolltest du nicht kochen?«

»Du hast das doch immer so gerne gemacht«, überging er Aylins Kommentar. »Und anscheinend warst du doch auch so gut …« Ja, er konnte nur anscheinend sagen, weil er sie noch nie hatte spielen sehen. Weil er sich überhaupt nicht dafür interessierte. Weder für Eishockey noch für Michael noch für sie, und darum wusste er auch überhaupt nicht, wie sie sich fühlte, seit er gestorben war!

Aylin stand wütend auf. »Hör doch einfach auf damit, Papa! Ich spiele nicht ohne Opa.«

»Du warst viel fröhlicher, als du noch …«

»Als Opa noch gelebt hat!«, unterbrach sie ihn heftig. »Hast du ihm heute Blumen gebracht?«

Patricks Blick sagte deutlich ›Nein‹.

»Dachte ich mir! Warum hast du dir überhaupt die Mühe gemacht, zu ihm zu gehen?« Sie ließ ihm gar keine Zeit zu antworten – er hätte doch sowieso nicht gewusst, was er sagen sollte, das wusste er nämlich nie –, sondern stapfte aus der Küche. »Ruf mich, wenn das Essen fertig ist!« Aber Hunger hatte sie eigentlich keinen mehr.

Kapitel 2

Vielleicht war der Donnerstag sogar noch schlimmer als der Mittwoch, er begann nämlich mit einer Doppelstunde Englisch. Englisch war das Fach, das Aylin neben Mathe am meisten hasste. Da fand sie Latein viel, viel einfacher. Und das Schlimmste war, dass sie bald eine mündliche Prüfung hatten. Nächste Woche Mittwoch schon. Das bedeutete, dass sie in Englisch jetzt ständig Präsentationen hielten, um Sprechen zu üben. Aylin konnte kein Englisch sprechen und ihr graute jedes Mal vor dem Englischunterricht. Kein anderes Fach setzte sie so unter Stress, weil sie solche Angst hatte, drangenommen zu werden.

Vielleicht stelle ich mich einfach an, dachte sie und legte ihre Englischsachen auf den Tisch. Aber das änderte nichts an den Bauchschmerzen, die sie jedes Mal hatte. Und heute waren sie sogar noch schlimmer, weil Aylin ihre Tage bekommen hatte. Sie nahm eigentlich immer Magnesiumpulver gegen die Regelschmerzen, aber heute Morgen hatte sie feststellen müssen, dass weder sie noch Patrick daran gedachten hatten, neues zu kaufen, nachdem sie es im letzten Monat aufgebraucht hatte. Das passte mal wieder perfekt zu Aylins Glück. Sie rutschte so unauffällig wie möglich auf ihrem Stuhl herum und versuchte, das Ziehen zu ignorieren, als Herr Mertens den Unterricht begann.

»Good morning! I have a list in which you can enter the name of the partner you want to do the oral exam with. Because our course is so small, it should work with two per group. I will pass the list around, okay? In the end of the lesson, you will get back your vocabulary test. But we start with a transparency.« Er legte eine Folie auf den OHP und schaltete ihn ein, während sich alle darüber beschwerten, dass es den Vokabeltest nicht jetzt sofort gab. »Please desrcribe what you can see.«

Wie immer meldeten sich dieselben fünf Leute, die gut in Englisch waren. Darunter war natürlich die perfekte Desiree, die selbstverständlich neben Roy saß, der uninteressiert aus dem Fenster sah.

»Come on, not always the same people!«, stöhnte Herr Mertens und sah sich um. Aylin spürte, wie ihre Bauchkrämpfe noch ein bisschen stärker wurden, sich dann aber wieder entspannten, als Herr Mertens Roy drannahm.

»Häh?«, machte Roy und starrte die Projektion an. »Oh, yes, there is a clock and symbols from WhatsApp, Facebook and Twitter.«

»Be more precise«, sagte Herr Mertens genervt.

Roy seufzte. Er konnte zwar auch nicht viel besser Englisch als Aylin, aber bei ihm lachte natürlich niemand verächtlich. »Okay, in the middle is the clock and on the left the symbols. Oh, and on the right is a human on an rock. And the symbols and the human … zerren … on the clock.«

»Oh Roy, the English word!«, rief Herr Mertens empört. »What’s the English word for zerren?«

»To pull?«, schlug Desiree vor.

»Yes, to pull, or to tug. In this context we would say to tug. Thank you, Roy. Now, everyone of you thinks about the meaning behind this picture. You get five minutes.«

Aylin schlug seufzend ihren Hefter auf und legte eine Hand an ihren Unterleib – besser gesagt auf diese blöde Speckschicht. Sie sah sich um. Es kam ihr so vor, als wäre jeder in diesem Kurs dünner oder zumindest hübscher als sie, und freundlicher ja sowieso. Aylin hatte keine Ahnung, was sie von diesem Bild denken sollte. Es war ihr aber auch so was von egal. Sie wollte überhaupt nicht denken, sondern einfach nur aufstehen, laufen oder im Bett liegen. Oder auch einfach eine Jogginghose anziehen und einen Tee trinken. Alles war besser, als hier herumzusitzen. Sie hasste diese bescheuerte Periode. Sie brauchte die sowieso nicht. Es würde doch sowieso nie jemand ein Kind mit ihr wollen. Doch nicht mit Lonely. Sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte auf den Tisch.

»Aylin, why aren’t you writing anything?!«, fragte Herr Mertens streng und kam auf ihren Tisch zu.

»Wer ist Aylin?«, raunte Nils nicht gerade verhalten und die meisten Kursteilnehmer lachten.

Aylin zuckte mit den Schultern. Sie fanden ja immer etwas, um über sie zu lachen. Sie brauchte nur da zu sein. Wahrscheinlich lachten sie auch, wenn sie nicht da war. Und wieder einmal merkte sie, wie begabt sie darin war, nach außen hin nichts zu zeigen, obwohl sie innerlich verletzt war. »Es geht mir nicht gut«, murmelte sie leise.

»Möchtest du dich abmelden?«, fragte Herr Mertens.

Aylin schüttelte den Kopf und fragte sich im nächsten Moment, warum sie das Angebot nicht einfach angenommen hatte. Aber sie hatte sich noch nie wegen ihrer Tage abgemeldet. Es kam ihr fast wie Schwänzen vor, wie eine ziemlich lausige Ausrede, um nicht am Unterricht teilnehmen zu müssen. Aylin ging grundsätzlich immer in die Schule, sogar mit Fieber. So war es von Anfang an gewesen. Patrick hatte Aylin ständig Entschuldigungen geschrieben, wenn sie während der Schulzeit mit Michael unterwegs gewesen war, und so war Aylin bei Krankheit trotzdem gegangen, damit es nicht noch mehr Fehlstunden wurden. Und außerdem hatte sie immer Angst gehabt, am Nachmittag nicht zu Michael zu dürfen, wenn sie nicht in die Schule ging, weil sie krank war. Daher hatte Aylin von Anfang an die Zähne zusammengebissen – oft war sie ohnehin nicht krank gewesen.

Aber jetzt … jetzt gab es keinen Michael mehr. Warum war Aylin nicht einfach gegangen? Patrick war arbeiten, sodass sie ganz alleine zu Hause gewesen wäre. Sie hätte sich einen Tee machen und einen Film schauen können. Aber vielleicht würde Herr Mertens sie jetzt wenigstens für den Rest der Doppelstunde in Ruhe lassen.

Nachdem die fünf Minuten vorbei waren, ließ er sie Gruppen von jeweils drei Leuten bilden, damit sie sich austauschen und diskutieren konnten. Aylin wusste schon genau, dass danach irgendwer aus der Gruppe ihre Ergebnisse vor dem ganzen Kurs präsentieren musste. Und sie wusste auch, dass niemand sie in seiner Gruppe haben wollen würde. Sie blieb einfach sitzen und sah zu, wie sich die anderen zusammenfanden. Sie bemerkte auch Herrn Mertens’ blöden Blick, der dabei auf ihr ruhte. Fast konnte sie ihn sagen hören: »Komm, Aylin, wenn du hierbleiben willst, dann mach auch mit«, als sie jedoch etwas anders hörte: »Lonely!«

Sie sah sich um. Roy winkte ihr und deutete auf den Platz gegenüber von Desiree, die immer noch neben ihm saß.

Aylin stand seufzend auf, nahm ihren Hefter mit der einen und mit der anderen Hand ihren Stuhl, ging auf die beiden zu und setzte sich. Eine andere Wahl blieb ihr wohl nicht.

»Was holst du die denn in unsere Gruppe?«, fragte Desiree nörgelig und warf ihre blonden, glänzenden Haare nach hinten.

»Warum nicht?«, entgegnete Roy. »Stört es dich?«

Desiree verkniff die pink geschminkten Lippen und sah Aylin herausfordernd an. »Fang an, Lonely.«

»Ich hab nichts«, murmelte Aylin und versuchte, sich so gerade wie möglich hinzusetzen. Irgendwie waren diese Regelschmerzen einfach nur undefinierbar unangenehm.

Desiree seufzte laut und hoffnungslos. »Klar, was habe ich anderes erwartet. Ist ja typisch für dich.« Sie wandte sich an Roy, der mehr Mist als Brauchbares geschrieben hatte. Sie seufzte erneut und sah ihn vorwurfsvoll an. »Och Leute!«

»Du wolltest ja mit mir in einer Gruppe sein«, grinste Roy und stützte sich mit dem Ellbogen auf dem Tisch ab.

Desiree strahlte ihn mit ihren blauen Augen an. Desiree Rousseau stammte aus einem reichen französischen Elternhaus, wobei eigentlich nur ihr Vater Franzose war, der nach einem Ehestreit mit Desirees Mutter, die er angeblich mit irgendeiner Putzfrau betrogen hatte, nach Frankreich abgehauen war und nun in Paris Mode kreierte, während er seine Tochter völlig ihrer überdrehten Mutter überließ. Aylin hätte absolut nichts dagegen gehabt, wenn Desiree zu ihrem Vater nach Frankreich gezogen wäre. Sie war sowieso eine richtige Französin mit Charme, Talent in allen Bereichen und unglaublicher Schönheit. Und darüber war sie sich leider auch vollkommen bewusst.

Und Roy war der Einzige, der eine Chance bei ihr hatte, wobei die beiden sowieso früher oder später knutschend in irgendwelchen Fluren herumstehen würden. Sie wären das perfekteste Paar, das Aylin sich auch nur vorstellen konnte. Und sie waren ja auch, seit Roy in der achten Klasse nach einigen Schwierigkeiten auf seiner alten Schule schließlich für seine Ehrenrunde in ihre Klasse gewechselt war, befreundet, und Desiree himmelte ihn seither an. Er musste bloß seine Show noch ein bisschen weiterspielen und sich wie der obercoole, unerreichbare Macho aufführen.

»Dann nehmen wir eben meine Notizen«, sagte Desiree jetzt und schlug ihren Collegeblock auf.

»Willst du uns die nicht erst mal vorlesen?«, fragte Roy. »Vielleicht finden wir die scheiße.«

Desiree lächelte ihn überheblich an, wie es typisch für sie war. »Das bezweifle ich.« Sie fing an, in ihrer schönen, geschwungenen Schrift ihre Notizen auf den Collogebock zu übertragen, während Aylin sich zwang, bei jedem Atemzug bis fünf zu zählen. Das entspannte angeblich bei Krämpfen. Als sie aufsah, bemerkte sie, dass Roy sie betrachtete. Was guckte er so? Beobachtete er sie, um sich dabei zu denken, wie hässlich sie doch war? Sie senkte den Blick wieder und fühlte sich ziemlich unbehaglich.

»So, fertig«, sagte Desiree und lehnte sich zufrieden zurück. »Was hast du denn eigentlich für eine Quartalsnote bekommen, Lonely?«

Was geht dich das an? »Vier«, sagte Aylin knapp, ohne sie anzusehen.

Desiree riss ihre wie immer stark geschminkten blauen Augen auf. »Das ist aber ziemlich nett von Herrn Mertens! Ich glaube, ich hätte dir ’ne andere Note gegeben.«

»Wie gut, dass du keine Lehrerin bist, sondern nur eine Schülerin, die vom Bewertungssystem keine Ahnung zu haben scheint«, schaltete sich Roy ein.

Aylin runzelte die Stirn. Warum ergriff er Partei für sie? Und im Übrigen glaubte Aylin insgeheim genau das Gleiche wie Desiree: Sie hatte eine Vier überhaupt nicht verdient.

»Keine Beiträge, keine Englischkenntnisse, noch nicht mal Mitschriften im Unterricht … das ist doch keine Vier!«, zählte Desiree da auch schon mit wichtiger Miene auf. »Was hast du denn, Roy?«

Er drehte einen Kugelschreiber zwischen seinen Fingern und schien sich nicht gerade für seine Note zu schämen. »Vier.«

Desiree blitzte triumphierend in Aylins Richtung. »Siehst du! Du bist ja wohl besser als Lonely in Englisch!«

Roy raffte sich auf seinem Stuhl auf und sah Desiree ernst an. »Lonely macht ihre Hausaufgaben, führt ihren Hefter ordentlich und stört nicht ständig so wie ich.«

Desiree lachte. »Ja, das ist wohl wahr. Lonely macht nichts.«

Aylin tat so, als würde sie diese Unterhaltung überhaupt nicht hören. Sie taten ja auch so, als wäre sie gar nicht da, als säße sie nicht direkt mit ihnen an einem Tisch, während sie über sie redeten. Aber da bat Herr Mertens sowieso um Ruhe.

»I got back the list!«

Aylin zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte die blöde Liste nicht einmal zu Gesicht bekommen.

Herr Mertens studierte sie und runzelte die Stirn. »But … one person is missing. Who’s missing?«

Aylin meldete sich mit einem Arm, der sich schwer wie Blei anfühlte, und vernahm tatsächlich schon wieder ein paar Lacher. Das war mal wieder eine typische Loney-Aktion. So etwas passierte niemandem außer ihr.

»Oh, Aylin, I’m sorry. I thought it would work«, rief Herr Mertens und machte nicht den Eindruck, als wäre er besonders betreten.

Klar, mich vergisst man schon mal. »Ich kann auch alleine …«, fing Aylin an, doch Herr Mertens unterbrach sie gleich wieder.

»No, you will need someone for the discussion!«

Ich werde doch sowieso nicht diskutieren, dachte Aylin, als Roy sich meldete.

»Mr Mertens, Lo… Aylin can do the exame with Desiree and me!«

Aylins und Desirees Köpfe schnellten gleichzeitig zu ihm herum, und wahrscheinlich guckte Aylin genauso begeistert wie sie.

»Thank you, Roy, that’s nice!«, sagte Herr Mertens erleichtert und kritzelte etwas auf die Liste. »I think you all are ready, right? Desirees group will have the honor to start.«

Desiree sah in die Runde. »Also … ich habe ja schon den Zettel gemacht. Ich finde, Lonely sollte endlich mal etwas zu unserer Gruppe beitragen«, meinte sie mit einem Grinsen in Aylins Richtung.

Nein, bitte nicht, dachte Aylin und spürte, wie ihr Magen sich zusätzlich zu den Unterleibsschmerzen zusammenzog.

Doch da grapschte sich Roy den Zettel. »Ich mache das«, meinte er und stand auf, um nach vorne zu gehen.

Als Aylin zu Hause ankam und im Treppenhaus an Frau Schröders Wohnungstür vorbeiging, die unter ihnen wohnte, knackte das Schloss. Aylin stieß genervt die Luft aus und wurde etwas langsamer. Habe ich wirklich gehofft, sie würde nicht die Tür öffnen? Das war utopisch gewesen.

Das faltige, aufgedunsene, aber dennoch grell geschminkte Gesicht von Frau Schröder erschien hinter der Tür. »Guten Mittag, Aylin!«

»Hallo«, murmelte sie. Ihr Verdacht war, dass diese Frau ihr Rentnerleben damit verbrachte, hinter der Tür zu stehen und durch den Spion zu gucken, bis jemand kam, immer mit einer Ausrede parat, warum sie gerade jetzt die Tür aufmachte. Heute hatte sie Schuhe vor der Tür stehen, nach denen sie sich jetzt bückte. Dabei hatte es nicht einmal geregnet. »Eieiei, mein armer Rücken … Komm du mal in mein Alter, Kindchen! Und wie geht es dir?«

»Wie immer«, sagte Aylin knapp und dann verschwanden Frau Schröders in ein geblümtes und viel zu enges Kleid gepresste Speckrollen aus ihrem Blickfeld.

»Hallo, Aylin«, rief Patrick aus der Küche, als sie die Wohnung betrat. »Ich habe mich heute nach der Arbeit extra beeilt. Das Essen dauert nur noch eine Viertelstunde.«

Aylin schmiss die Tür zu und streifte ihre Chucks von den Füßen. »Kannst du Frau Schröder nicht mal sagen, dass ich mir nicht ständig ihre blöden Fragen anhören will?«, knurrte sie und hockte sich hin, um McMissile zu begrüßen.

»Es geht viel schlimmer. Stell dir vor, wir hätten so eine im Haus, die sich wegen jedem Mucks beschwert!«

»Dafür haben wir eine, die sich für jeden Mucks interessiert.«

»Ich habe dir neues Pulver geholt«, sagte Patrick.

»Ach.« Aylin hatte ihn nicht damit beauftragt. Irgendwie war es ihr immer unangenehm, mit ihm über ihre Tage zu sprechen. Sie hasste es auch, wenn er neue Tampons kaufte, und sie hatte sogar etwas dagegen, wenn er ihre BHs auf die Wäscheleine hängte. Vermutlich lag es daran, dass sie sich ihm oft so entsetzlich fremd fühlte. »Danke«, murmelte sie, zog ihre Jacke aus und brachte ihre Tasche in ihr Zimmer.

»Ging es denn heute in der Schule mit den Schmerzen?«, wollte Patrick wissen.

»Jaja.« Eigentlich nicht, aber mit dir will ich nun wirklich nicht darüber reden. »Was gibt’s zu Essen?«

»Kartoffeln mit Gemüsesoße und für mich ein Schnitzel.«

»Denk doch mal an die Tiere, Papa!«, rutschte es Aylin heraus und sie bereute es gleich wieder, weil sie wusste, dass das nur wieder eine Diskussion vom Zaun brechen würde.

»Es ist doch nur natürlich, dass wir Fleisch essen«, begann Patrick auch prompt eifrig. »Die Menschen haben immer schon Fleisch gegessen, und die Tiere werden doch nun einmal … gezüchtet, um geschlachtet zu werden.«

»Das sollten sie aber nicht«, knurrte Aylin und ließ sich lustlos an den Tisch fallen.

Patrick seufzte und setzte sich ihr gegenüber. Aylins vegetarische Lebensweise nicht nachzuvollziehen, war wahrscheinlich eine der wenigen Ansichten, die er mit seinem Vater geteilt hatte. Und eine der wenigen Themen, bei denen Aylin und ihr Opa sich uneinig gewesen waren.

»Du liebst doch Hunde«, meinte er. »Die essen auch Fleisch.«

»Hunde stammen ja auch von den Wölfen ab, die ihren Instinkten folgen und damit auf natürliche Weise die Wälder vor einem Übermaß an Pflanzenfressern bewahren, die ansonsten die ganzen Pflanzen zerstören würden. Menschen dagegen essen aus reinem Egoismus Tiere, weil sie es lecker finden!«

»Na, Fleisch enthält doch auch Nährstoffe, zum Beispiel Eisen …«

»Das ist auch in anderen Lebensmitteln drin! Ich habe doch auch keinen Eisenmangel!« Aylin hasste Diskussionen. Besonders dann, wenn sie dazu dienten, Gründe aufzuführen, niedliche kleine Ferkel und Kälber zu schlachten und Kaninchen ein Leben zu schenken, um sie zu ermorden, wenn sie dick genug waren. Vielleicht rechtfertigen diese Leute nur ihre Taten mit diesen Argumenten, weil sie in Wahrheit doch nicht das beste Gewissen dabei haben, dachte Aylin aggressiv und schenkte sich Wasser ein. »Ich habe jedenfalls keine Lust, mich mit dir darüber zu unterhalten. Ich hatte heute schon Philosophie in der Schule.« Manchmal fragte sie sich, ob sie überhaupt Patricks Tochter sein konnte, weil sie so verschieden waren. Patrick liebte es, Dinge zu hinterfragen und sich sämtliche Meinungen anzuhören und die dann auch zu hinterfragen. Und Aylin? Behielt ihre Meinungen lieber für sich, weil sie es überhaupt nicht leiden konnte, wenn versucht wurde, ihren Standpunkt zu entkräften.

Patrick sah ganz kurz enttäuscht aus, doch dann lächelte er. »Ich habe heute beim Einkaufen Zimtsterne gesehen. Soll ich mal welche mitbringen?«

»Doch nicht Mitte November!«, rief Aylin empört. »Das ist doch viel zu früh! Ich finde, die kann man frühestens Anfang Dezember kaufen … Und außerdem werde ich von diesem ganzen Weihnachtsfraß wieder fünf Kilo zunehmen.« Ich bin sowieso schon viel zu dick geworden.

»Ach was!«, erwiderte Patrick und drehte sich zum Herd um. Der hatte gut reden! Der war dürr wie ein Streichholz und konnte essen, was er wollte, ohne ein Gramm zuzunehmen.

Aylin starrte in ihr Glas. Jeder ist dünner oder schöner als ich, dachte sie. Wenn sie sich so jemanden wie Desiree vorstellte … an der war kein Gramm zu viel, sie hatte glänzende seidige Haare, ein hübsches Gesicht und war dazu auch noch klug und gut in jedem Fach. Sie hatte natürlich mal wieder eine Eins im Vokabeltest geschrieben. Was Aylin an ihren eigenen Test erinnerte, der gar nicht mal so schlecht gewesen war, wie sie erwartet hatte. »Ich habe eine Zwei minus im Vokabeltest«, erzählte sie.

»Gut«, meinte Patrick und wendete hingebungsvoll sein Schnitzel. »Ich habe übrigens trotzdem schon Dominosteine und Lebkuchen gekauft. Sind im Süßigkeitenschrank.«

Aylin lachte verbittert auf. Klar, ihre schulischen Leistungen interessierten ihn wie immer überhaupt nicht. Kein Wunder, dass man so mittelmäßig in der Schule war, wenn es den Vater sowieso nicht interessierte.

Kapitel 3

Es war irgendwie schöner, wenn Patrick morgens zu Hause war. Aylin hasste es, sich selbst ihr Frühstück zu machen und McMissile zu füttern und mit ihm rauszugehen. Patrick nahm ihn nämlich nie mit, wenn er Frühsendung hatte. Und Aylin musste dann immer eine halbe Stunde früher aufstehen.

Und nun stiefelte sie mit McMissile durch die Straßen, während ein eiskalter Wind wehte. Eigentlich machte ihr die kalte Jahreszeit überhaupt nichts aus und sie liebte den Winter, aber heute morgen war ihr trotzdem entsetzlich kalt. Vielleicht lag es ja daran, dass sie unglaublich müde war – aber das war sie selbst schuld; sie hatte bis zwölf Harry Potter geschaut.

Aylin hatte die Hände tief in die Jackentaschen geschoben, während McMissile fröhlich ein ganzes Stück vor ihr herlief und hier und da schnupperte. Wie konnte dieser Hund so früh so gut gelaunt sein? Aber McMissile musste heute ja auch nicht bis halb fünf in die Schule und einen Lateingrammatiktest schreiben. Eigentlich konnte Aylin theoretisch immer sämtliche Deklinationen und Konjunktionen, aber im Test bekam sie dann trotzdem nur eine Vier oder, wenn sie Glück hatte, eine Drei minus, weil sie einfach nicht zuordnen konnte, zu welcher Deklination die einzelnen Worte gehörten. Dann kriege ich eben eine Vier, dachte sie missmutig und gähnte. Papa interessiert das ja ohnehin nicht.

»McMissile!«, rief sie und zog ihre Hände nur widerwillig aus den warmen Jackentaschen, um ihn an die Leine zu nehmen, weil sie wieder an die Straße kamen. Sie hasste Dienstage, und diesen ganz besonders. Bis halb fünf Sport und ein Grammatiktest, und das alles mit Schlafmangel. Das einzig Gute daran war, dass man sich so richtig schön selbst leidtun konnte. Sie überquerte mit McMissile die Straße und schaute auf ihre Armbanduhr. Normalerweise würde sie jetzt gerade so langsam ins Bad gehen, um sich anzuziehen – da blieb sie mit dem rechten Fuß irgendwo hängen und merkte gerade noch, dass sie fiel. Sie versuchte, sich abzufangen, und ließ McMissiles Leine los, der genau vor ihr stand. Um nicht auf ihn zu fallen, versuchte sie, sich nach rechts abzurollen, und kam mit voller Wucht mit dem Kopf auf dem Boden auf.

Aus dem Augenwinkel nahm sie einen Fahrradfahrer wahr, der »Ohoh« machte und um die nächste Ecke bog. Aylin setzte sich auf und tastete vorsichtig nach ihrer Nase. Dem Schmerz nach zu urteilen hatte sie Nasenbluten, wenn sie nicht sogar gebrochen war! Doch ihre Finger waren trocken, nachdem Aylin damit unter ihrer Nase entlanggefahren war. Sie tastete vorsichtig über ihre Nase. Nein, gebrochen war sie wohl doch nicht.

McMissile schnupperte aufgeregt an ihr und stupste sie ein paar Mal an.

»Ich lebe noch, McMissile«, murmelte Aylin benommen und fuhr sich über die Stirn – ah! Die tat mindestens ebenso weh wie die Nase. Jetzt hatte sie wirklich Kopfschmerzen, und die hatten nichts mit der Müdigkeit zu tun.

»Ist alles okay?«

Aylin zuckte zusammen und sah sich um. Eine Frau kam auf sie zu und schaute sehr besorgt auf sie hinunter.

»Ja«, murmelte Aylin und stand mit wackeligen Knien auf. »Alles gut.« Sie klaubte fahrig McMissiles Leine vom Boden und sah sich um. Die Steine waren an einer Stelle, an der sie wohl mit dem Fuß hängengeblieben war, abgesenkt. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie schrecklich peinlich das war. Klar, dass mir so etwas passiert. Ich bin ja nur Lonely. Sie seufzte und vermied es, die Frau anzusehen, als sie geradewegs an ihr vorbei musste, um sich auf den Rückweg zu machen. Plötzlich war ihr schwindelig. Das war wirklich ein Scheißtag. Aylin hatte es ja gleich gewusst!

Zu Hause – Frau Schröder, die gerade ihren Briefkasten geleert hatte, hatte ziemlich schockiert geguckt – ließ Aylin McMissile von der Leine und ging sofort ins Badezimmer, um sich im Spielgel zu betrachten. Ach du Schreck! Kein Wunder, dass die fremde Frau auf der Straße und Frau Schröder so geglotzt hatten! An ihrer Stirn klaffte eine zentimetergroße Wunde, die im künstlichen Licht rötlich glänzte. An ihrer Nase war tatsächlich nichts zu sehen, obwohl sie sofort so sehr wehgetan hatte. Dafür war ihre Wimperntusche unter dem rechten Auge verlaufen.

Wahrscheinlich bin ich richtig platt mit der rechten Gesichtshälfte auf die Straße geknallt, und der Fahrradfahrer hat es genau gesehen, und die Frau wahrscheinlich auch, und bei meinem Glück haben bestimmt gerade in diesem Moment sämtliche Leute aus ihren Fenstern geschaut. Aber … es hätte schlimmer sein können, wenn da irgendein Steinchen in ihrem Auge gelandet wäre oder wenn das vor der Schule passiert wäre, wo jeder ihrer Stufenkameraden sie gesehen hätte – die Schule! Aylin konnte doch jetzt nicht in die Schule gehen!

Sie lief in ihr Zimmer und nahm ihr Handy aus ihrer Tasche, in die sie es schon gepackt hatte.

»Papa, ich bin beim Gassi gehen auf den Kopf gefallen«, schrieb sie Patrick eine WhatsApp. Noch sieben Minuten, dann müsste sie eigentlich zum Bus gehen. Sie nahm ihr Handy mit ins Badezimmer und suchte das Desinfektionsmittel aus dem Schrank, dass ihr der Tätowierer gegeben hatte, als sie sich ihre drei Helix-Piercings hatte stechen lassen. Sie sprühte etwas davon auf die Stirn und musste die Augen zusammenkneifen, so sehr brannte die Wunde.

Da vibrierte ihr Handy. »Foto?«, hatte Patrick geschrieben.

Wow, Papa. Irgendwie hatte die Situation ja etwas Lustiges. Aylin drehte sich im Licht, bis das Foto eine einigermaßen gute Qualität hatte, und schickte es ihm. »Hab’s schon desinfiziert«, schrieb sie hinterher und ging in ihr Zimmer zurück, um sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen zu lassen. Du hast zwölf Jahre lang fast täglich Eishockey gespielt und gehst ständig skaten, aber schlägst dir den Kopf auf, indem du auf die Straße knallst. Beim Gassi gehen. Toll, Lonely.

»Ist dir schlecht? Könnte das eine Gehirnerschütterung sein?«, kam es von Patrick zurück.

»Glaube ich nicht. Es geht schon wieder.« Das war nur halb wahr, aber Aylin wollte ihn nicht nervös machen, dann wurden seine Witze nämlich meistens noch schlechter, und das wollte sie seinen Zuhörern nicht zumuten. Ich will bloß hören, dass ich nicht zur Schule muss.

»Du bleibst heute zu Hause. Wenn ich komme, überlegen wir, ob wir zur Sicherheit zum Arzt fahren«, schrieb Patrick ein paar Minuten später. Aylin jubelte innerlich. Keine zehn Stunden Schule und kein Grammatiktest! »Okay.«

»Und melde dich, wenn es schlimmer wird!«

»Ja, mach dir keine Sorgen.« Aylin konnte nicht anders, als zu grinsen, als sie sich eine Jogginghose anzog, mit der Toy Story-T

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