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Loki Schmidt. Die Biographie

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Reiner Lehberger

Loki Schmidt

Die Biographie

Hoffmann und Campe

Vorwort

»In meinen 90 Lebensjahren war Platz für mindestens drei Leben.« Mit Sicherheit war diese Bilanz Loki Schmidts keine Übertreibung. Der Reichtum ihrer Erlebnisse in drei Perioden deutscher Geschichte, die zahlreichen Kontakte zu Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik sowie ihre eigenen vielfältigen Aktivitäten belegen diese Beschreibung eindrucksvoll. Tiefergehend verweist das Bild von den drei Leben aber auf mehr als eine nur außergewöhnliche Vielfalt: Es steht für drei durchaus abzugrenzende und höchst unterschiedliche Bereiche in ihrem Leben, die jeweils so reich an Erfahrungen sind, dass jeder für sich gut ein ganzes Leben hätte füllen können.

Da ist zunächst einmal das private Leben der Hannelore Schmidt, geborene Glaser. Mit Disziplin, Ausdauer und Intelligenz arbeitet sich Hannelore Glaser aus materiell armen, aber kulturell reichen proletarischen Verhältnissen über die höhere Schule und ein Studium in den Lehrerberuf empor. Sie heiratet ihren Jugendfreund Helmut Schmidt und trägt über 25 Jahre die doppelte Belastung von beruflicher Arbeit und Sorge für die Familie.

Mit dem Jahr 1970 und ihrem Umzug nach Bonn beginnt das Leben an der Seite eines Spitzenpolitikers, die Jahre einer »Angeheirateten der Politik«, wie Loki Schmidt das nannte. Vieles verändert sich mit diesem Schritt. Von nun an bestimmt der Takt der Politik auch ihr Leben. Sie gibt endgültig ihren Beruf als Lehrerin auf, übernimmt repräsentative und politische Aufgaben, bereist an der Seite ihres Mannes die Hauptstädte und Sehenswürdigkeiten dieser Welt. Loki Schmidt wird zu einer Frau im Blickfeld der Öffentlichkeit, zu einer Persönlichkeit im öffentlichen Leben der Bundesrepublik Deutschland.

Nur an der Seite ihres Mannes zu stehen, ist allerdings nicht ihre Sache. Sie will auch in ihrem Bonner Leben ihre Eigenständigkeit bewahren, und so beginnt sie nach ihrem Berufsleben als Lehrerin noch einmal eine neue Profession und ein ›drittes Leben‹: das einer Naturforscherin und Naturschützerin. Sie gründet Stiftungen zum Schutze der Natur, engagiert sich für botanische Gärten und unternimmt zusammen mit Wissenschaftlern zahlreiche Forschungsreisen rund um den Globus. All dies macht sie unabhängig von ihrem Mann und seinem politischen Leben. Ihr Mann bewundert sie dafür, und sie selbst erfüllt sich damit einen Jugendtraum – auch ohne naturwissenschaftliches Studium. Fast könnte man sagen, mit diesem dritten Leben gelingt Loki eine Harmonisierung der eigenen Biographie. Die Beziehung zwischen den Eheleuten wird durch diese Eigenständigkeit Loki Schmidts im Übrigen nie infrage gestellt, sondern gestärkt.

Der äußere Verlauf, die Einschnitte und Einteilungen des Lebens, sind die eine Seite der Biographie von Loki Schmidt. Die innere Biographie, die mit der eigenen Entwicklung verbundenen und gelebten Gefühle, die als Höhen und Tiefen empfundenen Brüche des Lebens, sind die andere Seite. Und nicht immer ist alles so harmonisch, wie das Bild der drei Leben zunächst einmal suggerieren mag. Existenzielle Wünsche, wie der nach einer großen Familie, gehen nicht in Erfüllung. Es gibt Phasen der Erschöpfung und Krankheit, und es gibt auch Krisen und Enttäuschungen in einer von ihr so sehr gewollten und gestützten, fast 70 Jahre währenden Ehe. Mit einem festen Willen, mit Mut und großer Energie hat Loki sich auch den schwierigen Wegstrecken gestellt. Sie sind ein wesentlicher Teil des Lebens dieser starken Frau.

Kennengelernt habe ich Loki Schmidt Mitte der neunziger Jahre anlässlich einer Ausstellung zur Lichtwarkschule, jener Hamburger Reformschule, die auch Loki und Helmut Schmidt besucht und auf der sie 1937 ihr Abitur gemacht haben. Ich hatte Loki Schmidt zur Eröffnung dieser vom Hamburger Schulmuseum gestalteten Ausstellung eingeladen und sie um ein Grußwort gebeten. Sie antwortete prompt, und sie kam. Lokis Begeisterung über ihren »Glücksfall einer besonderen Schule« konnte sie an diesem Abend allen Anwesenden eindrucksvoll vermitteln. Es folgten zahlreiche Einladungen in ihr Haus nach Hamburg-Langenhorn und mehrere gemeinsame Projekte: eine Ausstellung und ein Katalog zu den Reform-Volksschulen der Weimarer Republik, von denen sie eine – die Grundschule Burgstraße in Hamburg-Hamm – selbst besucht hatte. Zwei Gesprächsbücher sind aus unserer Zusammenarbeit entstanden, Mein Leben für die Schule und Auf einen Kaffee mit Loki Schmidt, und gemeinsam haben wir uns lange Jahre im Projekt Lern-Werk der ZEIT-Stiftung für Schülerinnen und Schüler in schwierigen Verhältnissen engagiert.

In diesen 15 Jahren unserer Bekanntschaft haben wir viel über die verschiedenen Stationen ihres Lebens und die damit zusammengehenden zeitgeschichtlichen Ereignisse und ihre Bewertung gesprochen. Schon damals war ich beeindruckt von der Spannbreite ihrer Interessen, ihrer umfassenden Bildung und der Vielfalt ihrer Fertigkeiten. Loki Schmidt war bewandt in Musik, Kunst, Theater und Literatur, war handwerklich geschickt und hatte ein großes naturwissenschaftliches Interesse. Mit Loki Schmidt konnte man über den neuesten Roman von Siegfried Lenz sprechen, viel über die Pflanzen- und Tierwelt lernen oder von ihrer Handfertigkeit profitieren, z.B. wenn sie sich an die Reparatur eines Kassettengerätes machte, mit dem wir in den neunziger Jahren unsere ersten Gespräche aufzeichneten. »Als Tochter eines Elektrikers werde ich das doch wohl können.«

Beeindruckend war auch das Kennenlernen der häuslichen Atmosphäre. Die gefüllten Bücherregale ziehen sich durch alle Räume des Hauses, Kunstwerke vornehmlich der klassischen Moderne schmücken die Wände, das skandinavische Mobiliar ist unprätentiös und zeitlos. Viele der Charakteristika Loki Schmidts finden sich in dieser Ausgestaltung ihres Hauses wieder. Es fällt leicht, sich in dieser Umgebung auch als Gast wohl zu fühlen, sie ermöglicht Nähe und lässt Distanz bei den Gesprächen nicht aufkommen.

Meine vielen persönlichen Gespräche und Erlebnisse mit Loki Schmidt gehören zum Basismaterial dieser Biographie. Die Einbeziehung relevanter Literatur, die Befragung von Weggefährten und Zeitgenossen sowie die Auswertung von Aktenmaterial aus verschiedenen Archiven vervollständigen das Bild. Wäre das ausgeblieben, dann hätte ich weder von Loki Schmidts Bespitzelung durch die Stasi bei ihren DDR-Aufenthalten erfahren, noch hätte ich die akribisch geführten Reisetagebücher auswerten können.

Wegen seines Umfangs und seiner Ergiebigkeit war für mich das private Archiv Loki Schmidts, aufbewahrt in Hamburg-Langenhorn und inzwischen eingegliedert in das Archiv Helmut Schmidt, ein besonderer Glücksfall. Allein der in Aktenordnern aufgestellte Briefverkehr mit Hunderten von Personen, darunter Wissenschaftler, Künstler, Personen des öffentlichen Lebens und einfache Bürgerinnen und Bürger, umfasst mehr als 30 laufende Meter. Dazu kommen nicht minder umfangreiche Unterlagen zu ihren diversen Naturschutzaktivitäten und Reisen, zu ihren Publikationen und mehr als 200, fast durchweg von ihr selbst beschriftete Fotoalben. Spätestens als ich diese Bestände sichtete, war mir klar, mit welch immensem Arbeitsaufwand und mit welch hoher hanseatischer Disziplin Loki Schmidt sich ihre herausgehobene Position in diesem Lande im wahrsten Sinne des Wortes verdient hat.

Von besonderer Bedeutung für diese Biographie waren meine Gespräche mit Helmut Schmidt. Er beantwortete zahlreiche Fragen, berichtete aber auch ausführlich und sehr offen über die verschiedenen Phasen eines langen, gemeinsamen Lebens. Bemerkenswert war, dass er sich oft an kleinste Details genau erinnern konnte, auch wenn er zuweilen über die Schwächen seines Gedächtnisses klagte. Wichtig war ihm vor allem, dass ich Lokis Leistungen als Botanikerin und Naturschützerin angemessen einbeziehen sollte. Aber er wusste auch Amüsantes und Bewegendes zu berichten. Beispielsweise, dass Loki ihm irgendwann jenseits der 75 das Segeln auf dem Brahmsee verboten habe. Er könne das Boot nicht mehr allein aufrichten, und sie könne nicht mehr hinaus schwimmen und ihn retten. Und – hat er sich daran gehalten? »Ja natürlich, Loki hatte ja leider recht.«

Helmut Schmidt gab mir auch Hinweise auf wichtige Gesprächspartner, darunter etwa die Sicherheitsbeamten, die Loki über lange Jahre begleitet hatten. Vor allem aber gewährte er mir uneingeschränkten Zugang zu dem oben genannten Privatarchiv des Ehepaars. Dafür möchte ich Helmut Schmidt meinen großen Dank aussprechen.

Und ein letztes an dieser Stelle: Für dieses Buch habe ich mich um Gesprächs- oder Telefontermine mit mehr als 60 Freunden, Weggefährten und Vertrauten bemüht. Von ehemaligen Schülern über Kolleginnen, renommierten Wissenschaftlern bis hin zu früheren hochrangigen Politikern und bekannten Persönlichkeiten. Nicht einer hat abgelehnt. Alle waren von Loki nachhaltig beeindruckt, und alle waren dankbar, sie gekannt zu haben. Lokis Tochter, Susanne Schmidt, hatte recht, als sie am Ende unseres Gesprächs zusammenfasste: »Loki mochten alle!«

Kindheit und Erwachsenwerden in einer proletarischen Familie

Herkunft, Geburt und Kindheit

Alster und Michel in Hamburg kennt jeder. Die Kontorhäuser in der Innenstadt, das Hotel »Vier Jahreszeiten« und die Flaniermeile am Jungfernstieg erfreuen Stadtbewohner wie Besucher. Wer hier steht, hat den Eindruck einer schönen und reichen Stadt. Vor hundert Jahren war das nicht anders. Durch umfangreiche Abriss- und Stadtsanierungsmaßnahmen waren gerade die Mönckebergstraße und mit ihr ein neues Stadtzentrum entstanden, die neue und gigantische Speicherstadt wurde 1914 endgültig fertiggestellt. Allerdings stieß man nur wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt auf die ärmlichen Wohnviertel der Arbeiterfamilien in der Neustadt und in Hafennähe. In einem dieser Arbeiterviertel, in Hammerbrook, östlich der Alster gelegen, erblickte Hannelore Glaser, später bekannt als Loki Schmidt, am 3. März des Jahres 1919, »nachmittags um neuneinhalb Uhr«, wie es in der Geburtsurkunde heißt[1] , das Licht der Welt.

Die Geburt verlief ohne Komplikationen, Eltern und Großeltern waren überglücklich. Die Zeiten, in die Hannelore Glaser hineingeboren wurde, waren allerdings stürmisch und bewegt. Der Erste Weltkrieg war beendet, mit der Novemberrevolution von 1918 war die alte Ordnung der Kaiserzeit zerbrochen, und in welche Richtung die am 9. November in Berlin ausgerufene Republik sich entwickeln würde, war völlig ungewiss. In Hamburg beanspruchte seit dem 6. November 1918 unter der Führung der USPD ein Arbeiter- und Soldatenrat die Macht, hatte aber bereits nach wenigen Wochen einen unverkennbaren Autoritätsverfall hinnehmen müssen. An Hannelores Geburtstag wehte zwar noch die von den Revolutionären am Rathaus Mitte November aufgezogene rote Fahne, bei den Bürgerschaftswahlen am 13. März 1919 aber zeigte sich, dass die Revolutionäre kaum Rückhalt in der Bevölkerung hatten. Mit über 50 Prozent der Stimmen siegte die Mehrheits-SPD, die USPD kam auf knapp acht Prozent. Die rote Fahne wurde eingeholt, eine gedeihliche Entwicklung der Republik aber war damit keineswegs sichergestellt.

Wohnhäuser in der Schleusenstraße, um 1920

[Copyright © Stadtteilarchiv Hamm]

In dieser politisch und gesellschaftlich ungewissen Situation hatte die Familie Martens offenbar beschlossen, zumindest in der eigenen Lebenswelt für ein wenig Sicherheit zu sorgen, und war als Großfamilie im Februar 1919 in eine neue, größere Wohnung in der Schleusenstraße 11 gezogen. Hier fanden nicht nur Agnes und August Martens, eine schon seit längerem bei ihnen wohnende Pflegetochter und zwei ihrer erwachsenen Töchter, sondern auch die älteste und hochschwangere Tochter Gertrud mit Schwiegersohn Hermann Glaser und dem ersten, bald erwarteten Enkelkind Platz. Das junge Paar erhielt zwei ineinander gehende Räume, ausgestattet mit alten und einigen von Hermann selbst gezimmerten neuen Möbelstücken. Auch für das Baby hatte der geschickte Handwerker Hermann Glaser bereits ein Bettchen gebaut.

Wer hier wohnte, war von dem Wohlstand und der politischen Teilhabe in der reichen Hafen- und Handelsmetropole bis 1918 faktisch ausgeschlossen gewesen. Hier lebte das städtische Proletariat, die in enger Bebauung entstandenen Wohnhäuser waren in der rasanten Wachstumsphase der Stadt – zwischen 1880 und 1914 hatte sich die Einwohnerzahl von knapp unter 300000 auf eine Million erhöht – schnell hochgezogen worden. Wegen der Nähe zum Hafen und seinen Werften, den Hauptarbeitgebern in der Hansestadt, war dieses Wohngebiet bei den Arbeitern sehr gefragt. Die meisten von ihnen bewältigten den Weg zum Arbeitsplatz aus finanziellen Gründen zu Fuß, und da galt bei Arbeitszeiten von zehn bis zwölf Stunden pro Tag ein kurzer Weg zur Arbeit als ein hohes Gut. Dunkelheit und Enge, baumlose Straßen, wie Loki Schmidt sich an die Umgebung ihres Geburtshauses erinnert, wurden daher – wenn auch nicht klaglos – akzeptiert und hingenommen.

Von dem tatsächlichen Aussehen dieses proletarischen Wohngebiets der Stadt kann man sich heute keinen unmittelbaren Eindruck mehr verschaffen. Wie die allermeisten der hier einst stehenden Häuser existiert das Geburtshaus von Loki Schmidt nicht mehr, nicht einmal die Straße gibt es noch auf dem Stadtplan. Durch die schweren Bombardierungen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg ist dieser hafennahe Stadtteil fast völlig ausradiert worden, und nach 1945 siedelten sich hier vor allem Kleingewerbe und Kleinindustrie an. Geblieben ist allerdings damals wie heute, dass, wer hier wohnt, nicht zu den begüterten Bewohnern der Freien und Hansestadt gehört.

Am 2. März 1919, einem Sonntag, gab es in der Schleusenstraße 11 bei der Großfamilie Martens/Glaser eine kleine Einweihungsfeier mit Freunden und Verwandten. »Das Kind wird noch brauchen«, war die Meinung an diesem Abend im Familienkreis, doch bereits am nächsten Tag, am 3. März, einem kalten Märzmontag, war es so weit. Natürlich wurde Hannelore nicht in einem Krankenhaus, sondern, wie in proletarischen Familien damals üblich, in der eigenen Wohnung geboren. Unterstützt wurde Mutter Gertrud bei der Geburt ihrer ersten Tochter von einer Hebamme. Diese half später auch zwei der drei nachfolgenden Kinder der Glasers zur Welt zu bringen: Christoph 1920 und Linde 1922. Die Schwester Rose kam als Nachzüglerin erst 1929 zur Welt. Bei ihrer Geburt war eine andere Hebamme aus dem Verwandtenkreis dabei, Loki durfte unmittelbar nach der Geburt ihre kleine Schwester auf dem Bauch der Mutter sehen. Natürlich kannte Loki Schmidt den Namen ihrer Hebamme Backhaus noch 90 Jahre später, denn Frau Backhaus war nicht nur Hebamme, sondern blieb, wie für andere Frauen im Viertel auch, eine Vertraute für die Mutter. Der Beruf der Hebamme war in jenen Jahren und vor allem im damaligen Arbeitermilieu sehr angesehen, ihr Können war für die Menschen damals im Wortsinne lebenswichtig.

Über ihre Herkunft und Kindheit hat Loki Schmidt, als prominente Zeitzeugin häufig nach Ihrer Lebensgeschichte befragt, verschiedentlich Auskunft gegeben.[2] Neben einigen Details – wie der Beschreibung des als dunkel empfundenen Viertels oder dem Fehlen von jeglichem Grün in der Straße – nehmen die Bezugspunkte »Arbeitermilieu« und »Großfamilie« in ihrer Erinnerung eine zentrale Rolle ein. Verbunden sind damit eine politisch eher sozialistische Einstellung der Eltern, bescheidene wirtschaftliche Verhältnisse, ja zum Teil bittere Armut, aber auch reiche soziale und kulturelle Prägungen durch die eigene Großfamilie, vor allem aber auch durch die von den Eltern rege wahrgenommenen Angebote der Arbeiterbildung der Weimarer Republik. Das ungekrönte Oberhaupt der Großfamilie Martens war die Großmutter. Sie hielt alles zusammen, ihr Wort zählte sowohl im Haus als auch in der »Sippe«, wie Loki die Verwandtschaft zu nennen pflegte.

Die Großeltern und Eltern von Hannelore Glaser hatten allesamt Arbeiterberufe erlernt. Die Großmutter Agnes war Köchin und betreute neben ihrem eigenen den Haushalt der jüdischen Kaufmannsfamilie Mendel. Großvater August hatte eine Ausbildung als Maler und Polsterer, arbeitete später aber als Kontorbote und Krankenbesucher für die Ortskrankenkasse. Beide waren Jahrgang 1869, also gerade fünfzig Jahre alt, als Loki geboren wurde.

[Copyright © Archiv Helmut Schmidt]

Wie die Großeltern Martens hatten auch alle vier Töchter Lehrberufe erlernt. Lokis Mutter Gertrud, die älteste und 1894 geboren, war Schneiderin geworden, ihre drei Schwestern Kontoristinnen.[3] Vor ihrer Lehre hatte Gertrud eineinhalb Jahre in einem Haushalt gearbeitet. Der Vater, Hermann Glaser, war 1892 geboren, in dem Jahr also, als in Hamburg wegen der schlechten Wasserversorgung die Cholera wütete. Seine Eltern wohnten im proletarischen und dichtbesiedelten Gängeviertel um die Steinstraße. Auch sie hatten sich mit Cholerabakterien infiziert, konnten aber nach ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Hermann Glaser eine Lehre als Elektriker, war von 1912 bis 1918 Matrose der kaiserlichen Marine, und danach in seinem erlernten Beruf bei verschiedenen Arbeitgebern tätig, u.a. als Betriebselektriker beim Arbeitsamt. Solange man Arbeit hatte, konnte man in der Weimarer Republik mit dem Verdienst eines Arbeiters ein bescheidenes, aber eigenständiges Leben führen; wurde man allerdings arbeitslos, war bittere Armut die unausweichliche Folge.

Kennengelernt hatten sich Lokis Eltern bei Wochenendaufenthalten in Neugraben, das auf der anderen Seite der Elbe auf der Strecke von Harburg nach Stade liegt. Als Hermann sich im April 1912 für drei Jahre bei der Marine verpflichtete, sahen sich die beiden nur noch selten: bei Heimataufenthalten oder gelegentlichen Besuchen von Gertrud in Kiel und später Wilhelmshaven, den Standorten des Matrosen Glaser. Inzwischen hatte sich Gertrud in den Kriegsjahren politisiert. In einem handgeschriebenen Bericht für ihre Kinder und Enkelkinder aus dem Jahre 1965 berichtet sie davon. So hatte sie durch eine der Töchter der Mendel-Familie, bei der ihre Mutter arbeitete, Zugang zu Veranstaltungen der Arbeiterbildungsvereine gefunden und trat 1916 sogar – als junge Frau eher ungewöhnlich – in die SPD ein. Als sich in der Partei die Kontroverse über die Haltung zum Krieg zuspitzte und sich darüber 1917 die USPD abspaltete, sympathisierte Gertrud mit den radikalen Kriegsgegnern. In ihren Briefen an Hermann berichtete sie davon und fand bei ihm Zustimmung und Unterstützung. »Hermann war zur Westdivision nach Wilhelmshaven versetzt. Dort war kurz zuvor eine ›Meuterei‹ gewesen und zwei Matrosen erschossen worden. Nun gärte es überall. Hermann hatte einen Kameraden, ähnlich wie Gralke [ein Hamburger USPDler, den Gertrud kannte, R.L.], und so entwickelten sich unsere Ansichten in die gleiche Richtung. Ich bekam die ›Bremer Arbeiterpolitik‹, ein kleines Blättchen, das ich an Hermann weiterschickte. In unseren Briefen stand nicht viel von Liebe, umso mehr von Politik, aber trotzdem wollten wir nun endlich mal Verlobung feiern und Sylvester 1916/17 sollte es nun sein.«[4] Eineinhalb Jahre später heirateten sie. Die beiden ›Revolutionäre‹ hatten sich dafür den 1. Mai gewählt: seit 1890 als »Kampftag der Arbeiterbewegung« gefeiert, aber damals noch kein Feiertag. Alles war vorbereitet, die Hochzeit musste aber um einen Monat verschoben werden, da Hermann für diesen Termin keinen Heiratsurlaub von seinen Vorgesetzten erhielt.

In den Wochen und Monaten nach der Hochzeit war Gertrud in Hamburg politisch stark engagiert. Die radikale Linke forderte u.a. die Beendigung des Krieges, eine Rätedemokratie, die Verstaatlichung der Produktionsmittel und nicht zuletzt den Achtstundentag. »Es war eine turbulente Zeit, die Versammlungen wurden von der Polizei beobachtet. Der Laufenberg, Herz und Wolfheim [drei in Hamburg bekannte Aktivisten, R.L.] hatten Redeverbot. Heimlich mussten wir in kleine Lokale gehen, überall standen Wachposten. Liesel [Gertruds Schwester, R.L.] und ich mussten Flugblätter verteilen. Einmal mussten wir nachts in einer Wohnung irgendwo in Billbrook Flugblätter tippen und abziehen. Wir wurden im Dunkeln hingebracht und abgeholt, alles war sehr geheimnisvoll. Das war auch nötig, denn Annie Mendel und noch viele andere Genossen saßen in Untersuchungshaft.«[5] Vorsicht walten lassen musste Gertrud bei einigen anstrengenden Aktionen auch aus einem anderen Grunde. Seit dem Frühsommer 1918 war sie schwanger, und da die Trauung am 3. Juni gefeiert wurde, dürfte ihre Erstgeborene sogar ein Hochzeitskind gewesen sein.

Auch Hermann war in Wilhelmshaven in das politische Geschehen involviert. Hier hatte mit der Weigerung von Matrosen auf drei vor Wilhelmshaven liegenden Kriegsschiffen, sich noch am Ende des Krieges in eine ausweglose Schlacht schicken zu lassen, am 29./30. Oktober die November-Revolution ihren Anfang gefunden. Da Hermann Glaser an Land stationiert war, hatte er sicher keinen direkten Kontakt zu den aufständischen Matrosen, seine Sympathie aber war gewiss auf ihrer Seite. Als sich in Wilhelmshaven wenige Tage danach ein Arbeiter- und Soldatenrat gründete, schloss er sich ohne Zögern an. Auch war er an der Auflösung seiner Kompanie maßgeblich beteiligt. Den eigenen Entlassungsschein stellte er sich selbst aus und kehrte Ende November nach Hamburg zurück. Wie seine Frau beteiligte auch er sich an den Aktionen der Hamburger Revolutionäre. Anfang 1919 traten die beiden Eheleute sogar in die Kommunistische Partei ein.[6] Diese war am 31. Dezember 1918 von vormaligen Mitgliedern und Sympathisanten der USPD und anderen kleinen Organisationen gegründet worden.

Auch wenn die beiden Glasers sich wegen der sektiererischen Auseinandersetzungen in der KPD im Laufe des Jahres 1920 enttäuscht von der Partei und ihren Führern zurückzogen, ihre linke politische Haltung behielten sie bei, und sie waren weiter am politischen Geschehen in der Weimarer Republik interessiert. In den vielen nachfolgenden Wahlen entschieden sie sich, wie Loki und auch Helmut Schmidt später vermuteten, entweder für die Sozialdemokraten oder die KPD.[7] Auch Hermanns Interesse an der Entwicklung der jungen Sowjetunion blieb lange bestehen.[8]

Bestehen blieben auch Gertrud und Hermann Glasers hohe Erwartungen, dass sich mit der Ausrufung der Republik für die Arbeiterschaft in Deutschland die Dinge zum Besseren wenden würden. Anstelle des persönlichen politischen Engagements vor und nach der November-Revolution gingen sie nun ihrem starken Bildungsdrang nach. Als gute Volksschüler hatten sie am Ende ihrer Schulzeit die sogenannte Selecta besuchen dürfen, eine Hamburger Besonderheit für begabte Volksschüler, deren Abschluss in etwa dem der Preußischen Realschule vergleichbar war. Sie hatten also eine gute Schulbildung, unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen als denen des Kaiserreichs hätten sie gewiss eine höhere Schule besuchen können. Nun bemühten sie sich vor allem in den Kursen der Volkshochschule einiges nachzuholen. Auch hofften sie, dass ihre Kinder einmal bessere Chancen auf Bildung und Arbeit haben würden. Vor allem für Lokis Entwicklung sollte dieser Wunsch sich erfüllen.

Vieles, was die kleine Hannelore in diesen frühen Jahren erlebte, scheint Auswirkungen für ihr weiteres Leben gehabt zu haben. Ihre politische Nähe zur Sozialdemokratie nach 1945 hat eben nicht nur damit zu tun, dass ihr späterer Mann bereits 1946 in die SPD eintrat, sondern sie hat auch ihre Wurzeln in der politischen Haltung des eigenen Elternhauses. Die frühen sozialen und kulturellen Anregungen aus dieser Arbeiterfamilie prägten sie. Wie die Großmutter Martens so wurde auch Loki später zu der die »Sippe« zusammenhaltenden Figur, wie die Großmutter nahm auch sie später für einige Jahre eine Pflegetochter auf, und wie bei ihren Eltern gab es fast keine Tätigkeit im eigenen Haushalt, die Loki nicht auch selbst beherrschte: Sie konnte kochen, schneidern, basteln und werken, dekorieren und reparieren. Wie die Eltern interessierte sie sich für Politik, aber auch für die schönen Dinge des Lebens, für Musik, Kunst, Malerei und Kunstgewerbe, für Literatur, Naturbetrachtung und Naturpflege. Und wie die Eltern war sie in vielen dieser Dinge nicht nur eine begeisterte Rezipientin, sondern selbst aktiv: Sie spielte z.B. Geige und Bratsche in mehreren Orchestern, dazu malte und handarbeitete sie, nahm teil an Volkstanzkursen und nicht zuletzt an vielfältigen botanischen Aktivitäten.

Bei den Großeltern Martens in der Schleusenstraße lebten die Glasers bis Ende 1922, also fast vier Jahre, Hannelore lernte hier laufen und sprechen. Um mit den beiden Kindern Hannelore und Christoph ins Grüne zu kommen, schob Gertrud Glaser ihren Kinderwagen zum Hammer Park, kein kurzer Weg, aber lohnend. Auf dem alten Landsitz der Familie Sieveking war hier in den Jahren 1914 bis 1920 ein Stadtpark im Kleinen entstanden. Mit altem Baumbestand, Rasenflächen und Blumenschmuck sowie mehreren Spiel- und Sportflächen. Für die Kinder war sicher der Planschstrand an einem kleinen Wasserlauf die Hauptattraktion, das Spielen mit Baggermatsch blieb für Loki eine starke Erinnerung. Unter den Blumen weckte der Frauenmantel das Interesse der kleinen Hannelore. Da der Name aber offensichtlich zu kompliziert für sie war, wurde für Hannelore daraus »Frau Mantel« – eines ihrer ersten Worte.

Auch mit dem eigenen Namen hatte die kleine Hannelore ihre Probleme, denn die Mehrsilbigkeit war für sie eine artikulatorische Herausforderung. Also verfiel sie darauf, sich selbst Loki zu nennen, einen Namen, den sie im Hause Glaser einige Male gehört hatte. Loki ist ein Gott aus der nordischen Sagenwelt, keineswegs eine sympathische Figur, schmuck und schön von Gestalt, aber ein listenreicher und bösartiger Unhold, ein Dämon der Unterwelt und Bote des Untergangs.[9]

Von dieser Sagengestalt habe es ein Bild des Malers Hugo Höppener gegeben, das in ihrem Elternhaus eine besondere Rolle gespielt habe, so Loki Schmidts eigene Erklärung. Höppener, in der Kunstszene besser bekannt als Fidus, war ein damals populärer Künstler des Jugendstils und daher bei Lokis Eltern und deren Umfeld mit Sicherheit sehr bekannt. Und vor allem soll dieses Loki-Bild eine gewisse Ähnlichkeit mit Hermann Glaser gehabt haben, sodass immer mal wieder in der Familie davon die Rede war bzw. der Vater sogar gelegentlich von Freunden so gerufen wurde. So oder so ähnlich mag es gewesen sein. Zwar ist eine Loki-Darstellung für den Maler Fidus in den dafür relevanten Archiven und bekannten Beständen nicht nachzuweisen, aber andere zeitgenössische Abbildungen des Gottes Loki hat es sehr wohl gegeben, sodass der Kern der Geschichte, die Loki von den Eltern zu ihrem Namen übernahm, nachvollziehbar und plausibel ist. Fest steht, diesen Namen nun hat die kleine Hannelore bei ihren ersten Sprechversuchen für sich übernommen, manchmal sprach sie auch von der »Tante Loki«, ein Name, den ein Onkel von ihr bis zu seinem Tode für sie benutzte. Natürlich wusste sie als Kind nichts von den negativen Konnotationen dieser Sagengestalt – und selbst später war dies für Loki kein Anlass, auf »Hannelore« zu bestehen. Auch Bruder Christoph, ihr erster und wichtigster Spielkamerad, übernahm den Namen Loki, für die Familie und Freunde der Familie galt das Gleiche.

In der Wohnung der Großeltern waren häufig Besucher zu Gast, und es wurden kleinere und größere Feste veranstaltet. Es wurde oft zusammen gesessen und gesungen, bei Anlässen wie dem Geburtstag der Großmutter wird die Wohnung mit Krepp- und Seidenpapier geschmückt, kleine Gedichte und Theaterszenen vorgetragen. »Wurden mir die Vorbereitungen zu viel, verkroch ich mich mit meiner schwarzweißkarierten, von meiner Mutter genähten Puppe Laura unter einen Klapptisch, der noch nach dem Krieg im Haus meiner Großeltern in der Heide stand.«[10]

Großamilie Martens/Glaser, 1928 (Loki untere Reihe Mitte)

[Copyright © Archiv Helmut Schmidt]

Als 1922 die Glasers mit der Geburt der Tochter Linde auf eine fünfköpfige Familie angewachsen waren, wurde es Zeit, eine eigene Wohnung zu finden. Inzwischen hatten auch die anderen Martens-Töchter Freunde und Ehemänner, sodass die Wohnung der Großeltern für die vielen Menschen zu eng geworden war. In der Baustraße in Borgfelde, einem vorwiegend von Arbeitern bewohnten kleinen Stadtteil im heutigen Bezirk Hamburg-Mitte, fand Hermann Glaser in einem Hinterhofhaus eine primitive, aber günstige Wohnung. Die wenigen Habseligkeiten konnte man auf einem Leiterwagen mit Hilfe von Freunden selbst transportieren. Der kleinen Loki erschien es wie ein Umzug quer durch die halbe Stadt: »Da es schon dunkel war«, – der Umzug musste natürlich nach der Arbeit durchgeführt werden –, »hing eine Papierlaterne am Wagen. Meine Mutter schob den Kinderwagen mit dem Baby, mein Bruder saß am Fußende, und ich marschierte nebenher.«[11]

Loki (hinten rechts) mit den beiden jüngeren Geschwistern (hinten , 2. und 3. v. re.) und Nachbarskindern im Terrassenhof der Großeltern in der Bürgerweide, 1928

[Copyright © Archiv Helmut Schmidt]

Diese Wohnung, in der die Familie von 1922 bis 1929 leben sollte, ist Loki Schmidt in deutlicher Erinnerung geblieben. »Die neue Wohnung war Ende des vorigen Jahrhunderts gebaut worden, ein sogenanntes Terrassenhaus, im Hinterhaus gelegen, dunkel und primitiv und nicht größer als 28 Quadratmeter, aber billig: 27 Mark im Monat, etwa ein Wochenlohn meines Vaters.« Die Wohnung hatte vier kleine Zimmer, Küche, Kinder- und Wohnzimmer und einen vier Quadratmeter großen Raum, in dem die Eltern schliefen. Bad, Toilette und Flur gab es nicht, ein fensterloses WC befand sich im Treppenhaus. Loki Schmidt erinnerte sich daran, dass in die beiden Vorderzimmer nur selten die Sonne schien, Küche und Elternschlafraum waren noch düsterer, denn die nächste »Terrasse« stand schon in vier Metern Entfernung.[12]

Als im Sommer 1929 Lokis Klassenkamerad aus der Lichtwarkschule, Helmut Schmidt, zum ersten Mal hierher in die Wohnung der Familie Glaser kam, um ihr die Mütze, die sie bei den Schmidts hatte liegen lassen, nachzubringen, war er schockiert. Selbst in einer wirtschaftlich abgesicherten, kleinbürgerlichen Familie groß geworden – Helmut Schmidts Vater war Berufsschullehrer –, hatte er bis dahin keine Vorstellung davon gehabt, unter welch ärmlichen Verhältnissen eine proletarische Familie im auch damals ja schon reichen Hamburg leben musste. Noch achtzig Jahre später, als er davon erzählt, ist ihm die Empörung über diese damals erlebten Zustände und die Hochachtung, wie die Familie Glaser damit umging, anzumerken.[13] Es muss ein starker Eindruck gewesen sein, sein lebenslanges Interesse für den sozialen Wohnungsbau führt er auf dieses frühe Erleben zurück.

Für Loki war die kleine Wohnung allerdings zunächst einmal herrlich, denn nach vier Jahren Großfamilie erlebte sie es als großes Glück, mit der Familie eine eigene Wohnung zu besitzen. Die bescheidenen äußeren Umstände versuchten die Eltern mit viel Geschick zu verbessern. Da für neue Möbel kein Geld vorhanden war, baute der Vater vieles selbst und dies mit dem Vorteil, dass alles an die kleinen Räume angepasst werden konnte. Die Wände des Kinderzimmers strich er hell-ocker, damit das Zimmerchen sonnig wirkte. Und später malte er auf eine der Wände einen üppigen Urwald mit einem Pfefferfresser auf einem Baum. Auch der Bücherschrank war selbst gezimmert, darin unter anderem J. Sturms 15-bändige Flora von Deutschland, die noch heute in einem der vielen Bücherregale im Hause Schmidt in Langenhorn aufgestellt ist. Bleistiftanmerkungen und Unterstreichungen von Loki zeigen, dass sie bereits sehr früh die Bände für sich benutzt hatte.

Natürlich nähte oder strickte Mutter Gertrud fast alle Kleidung der Kinder selbst. Da sie das Schneidern gelernt hatte, konnte sie selbst aus alten Kleidern hübsche neue erstellen. Schulfreundinnen von Loki zumindest schwärmten von den »gediegenen Kleidern«, die Mutter Gertrud für Loki angefertigt hatte.[14]

Bei den Lebensmitteln für die fünfköpfige Familie musste eisern gespart werden. Fleisch gab es äußerst selten, die Brote der Kinder wurden mit Bananen- oder Gurkenscheiben belegt. Um die Familie trotzdem gesund zu ernähren, hatte Gertrud Glaser einen Kurs bei der Volkshochschule besucht und die Anregungen aus der Ernährungslehre des Schweizer Arztes und Ernährungswissenschaftlers Maximilian Bircher-Benner übernommen. Sie wusste also, dass gedünstetes Gemüse ohnehin gesünder ist als Fleischgerichte. Als Erstklässlerin wurde Loki vom Schularzt zu einer Kinderkur an die Ostsee nach Heiligendamm geschickt. Vielleicht war ein Grund, dass sie anfällig für Nierenbeckenentzündungen war. An ihre Oma schrieb sie eine Postkarte, die diese über viele Jahre aufgehoben hat: »Liebe Großmutter, Heimweh kwält(!) mich, deine Loki.«[15]

Die in der Weimarer Republik vom SPD-Senat gegründete Volkshochschule hatte für Gertrud und Hermann Glaser eine besondere Bedeutung. Regelmäßig, nach Lokis Erinnerung mindestens zweimal pro Woche, besuchten sie Kurse in den verschiedensten Sparten: zur Vor- und Frühgeschichte, zur Architektur und Stadtplanung in Hamburg, in der Kunst vor allem Veranstaltungen zum französischen Impressionismus und deutschen Expressionismus sowie Kurse zur Pflanzenkunde und Vogelwelt. Diese Bildungsbeflissenheit der Glasers war in den Arbeiterkreisen der damaligen Zeit allerdings keineswegs eine Ausnahme, sondern eher typisch, zumindest für die auch politisch interessierte und engagierte Arbeiterschaft.

Schon im Kaiserreich waren seit den 1890er Jahren zahlreiche Initiativen der Arbeiterbildung entstanden, sie reichten von Kursen zur Wirtschaft und Politik bis hin zu literarischen Lesungen und Aufführungen der Arbeitertheaterbewegung. Die eingängige Losung, unter der dies alles stattfand, war: »Wissen ist Macht«. Wichtige Verbündete fand die Arbeiterbewegung in Hamburg für ihr Anliegen in Teilen der Volksschullehrerschaft, die viele der Kurse leiteten. Denn Volksschullehrer waren im Kaiserreich und in der Weimarer Republik in der Regel Aufsteiger aus der Arbeiterschicht, sie hatten selbst die Ungerechtigkeiten der Klassengesellschaft erlebt und waren gegenüber den an Universitäten ausgebildeten Studienräten der höheren Schulen Lehrer zweiter Klasse geblieben. Eine Verbesserung ihrer eigenen Lage, das war vielen klar, war daher nur mit einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft möglich. Viele Volksschullehrer ergriffen daher für die Sozialdemokratie Partei und engagierten sich in Volkshochschulen.

Seit Loki die Schule besuchte, profitierte auch sie indirekt von den Bildungsangeboten der neuen Volkshochschule. So gab beispielsweise der Vater seine Kenntnisse in der bildenden Kunst anhand von Kunstpostkarten an die älteste Tochter weiter, vor allem aber unternahm er mit ihr Erkundungstouren durch die Stadt und machte sie mit der Architektur vertraut. Zum Beginn seiner Touren führte er seine Tochter auf die Lombardsbrücke, um von hier einen ersten Blick über die Binnenalster auf die Silhouette und die Kirchtürme der Stadt zu werfen. Eine für sie »fabelhafte« Ansicht, von der noch die 90-Jährige schwärmte; sie empfahl jedem Hamburg-Besucher, hier eine Stadtbesichtigung zu beginnen. Ihr Vater hatte sich mit den Konzepten des damaligen Hamburger Stadtbaumeisters Fritz Schumacher, den Bauten von Fritz Höger, aber auch von Kurt Oelsner im benachbarten Altona – das damals noch nicht zu Hamburg, sondern zu Preußen gehörte – detailliert auseinandergesetzt. Diese modernen Bauten, viele davon in dem für Hamburg so typischen Backstein, hatten Hermann Glaser begeistert, und diese Begeisterung übernahm auch seine Tochter. So z.B. für das berühmte Chilehaus, ein von Fritz Höger entworfener riesiger Backsteinbau, der von vorne aussieht wie ein Schiffsbug und dessen Name daran erinnert, dass der Besitzer, ein Reeder, sein Geld mit dem Salpeterimport aus Chile verdient hat. Oder für das von Schumacher entworfene Museum für Hamburger Geschichte in den Wallanlagen, in dessen Außenfassade zahlreiche bauliche Details wie Schmuckdekors, Portale und Balkons ehemaliger Hamburger Häuser verbaut worden sind.

Loki lernte auch die von Fritz Schumacher entwickelten neuen Wohngebiete und Stadtteile wie am Dulsberg, auf der Veddel, in der Jarrestadt und später in Langenhorn kennen. Hier an den Rändern der Stadt wollte der Stadtbaumeister für die kleinen Leute funktionale, bezahlbare und auch ästhetisch ansprechende Wohnmöglichkeiten schaffen. Zu Schumachers Bauprogramm gehörten im Übrigen über 40 neue Schulen – fast alles Volksschulen mit guter Raumplanung und ungewöhnlich guter Ausstattung. Ja, Hermann Glaser schwärmte für Fritz Schumacher, nicht nur weil dieser ein herausragender Architekt war, sondern auch ein engagierter Stadtplaner, der seine Bauten und Siedlungsanlagen als Beitrag zur Lösung der sozialen Frage in der rasant angewachsenen Millionenstadt Hamburg verstand.

Später sagte Loki Schmidt einmal, dass keine andere Stadt als Hamburg für sie als dauerhafter Wohnort je infrage gekommen wäre, ihr Heimatgefühl sei immer mit dieser Stadt und insbesondere mit deren Backsteinarchitektur verbunden gewesen. Ganz ohne Zweifel, die Stadttouren mit ihrem Vater, das gemeinsame genaue Hinsehen und das Sensibilisieren für die Details und die Zusammenhänge von Architektur und gesellschaftlichem Leben sind dafür maßgeblich verantwortlich.

Auch für ihre lebenslange enge Beziehung zu den klassischen Künsten, der Malerei und Musik, wurden die Wurzeln in ihrer Kindheit gelegt. In der Familie wurde viel miteinander, aber auch mit zu Besuch kommenden Freunden gesungen. Das erste Kunstwerk, an das sie sich bewusst erinnern konnte, war eine Venus von Milo aus Gips, die neben einer vom Vater geschnitzten Teepuppe in einer Glasvitrine im Schlafzimmer der Eltern stand. Außerdem malte der Vater in Öl und Wasserfarbe. Alle seine Bilder verbrannten bei der Bombardierung Hamburgs im Juli 1943, nur zwei Bilder blieben erhalten, da der Vater sie der Großmutter geschenkt hatte. Eines der beiden hatte für Loki eine besondere Bedeutung: eine Heidelandschaft mit einer zarten Birke im Vordergrund. Denn der Vater hatte Loki, als Baby auf einer Decke liegend, beim Malen dabei gehabt. »Und da rechts, gleich neben dem Rahmen, da lag eine Wolldecke, und darauf hast du gelegen«, soll er ihr später des Öfteren erzählt haben.[16] Loki hat dieses Bild des Vaters immer in Ehren gehalten. Natürlich begann sie auch selbst früh, mit Buntstiften und später mit Wasserfarben zu malen, die beiden jüngeren Schwestern eiferten ihr nach. Linde belegte später sogar einige Semester an der Kunsthochschule, Rose, das jüngste der Glaser-Kinder, suchte sich einen künstlerischen Beruf und wurde Töpferin.

Hermann Glaser hatte sich selbst Geige und Cello beigebracht. Es ist für die Eltern klar, dass auch ihre Kinder ein Instrument erlernen sollten. Denn »meine Eltern hatten die Vorstellung, dass Musik und Bildkunst ganz wichtig seien für die Entwicklung eines Kindes.«[17] Also erhielten Loki, später auch ihr Bruder Christoph und ihre Schwester Linde Geigenunterricht. Dafür wurde gespart, am Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre, als das Geld zu knapp für Musikstunden war, bot sich ein Musiklehrer aus der Nachbarschaft an. Als Gegenleistung sprang Loki bei Vorführungen seiner Musikgruppen ein. Sowohl in der Grundschule wie auch später in der Lichtwarkschule spielte sie in den Schulorchestern mit, zu Hause gab es Hausmusik vom Vater mit den beiden ältesten Töchtern im Trio oder auch mit Christoph als Quartett. Helmut Schmidt erinnert sich, dass er ein, zwei Mal vor der Tür der Glasers gestanden, fasziniert und tief beeindruckt zugehört und mit dem Anklopfen gewartet habe, bis die Musik verstummt war. Für die Familie waren diese kleinen Hauskonzerte beglückende Momente des Zusammenseins und Zusammenhalts. Nach 1933 half das Musizieren darüber hinaus, wenn auch immer nur für kurze Zeit, die politischen Widrigkeiten und eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu verdrängen.

Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 hatten auf dem deutschen Arbeitsmarkt verheerende Auswirkungen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von etwa 1,4 Millionen im September 1929 auf 6,1 Millionen im Februar 1932. Eine Zeitlang hatte die Familie Glaser gehofft, der Vater bleibe von der grassierenden Arbeitslosigkeit verschont. 1929 zog die Familie sogar in eine größere und wesentlich teurere Wohnung in die Snitgerreihe 44 in Hamburg-Hamm. Die neu errichtete Wohnanlage war eigens auf kinderreiche Familien ausgerichtet, alle Wohnungen hatten Zentralheizung und ein eigenes Bad mit Toilette, die Wohnung der Glasers war stolze 6o Quadratmeter groß. Lokis Mutter beschrieb sie: »Da war eine Wohnküche mit Kochnische, Speiskammer, Müllschlucker und Loggia, ein großes und zwei kleine Zimmer und ein Badezimmer mit Gasboiler, alles mit Zentralheizung. Vor der Tür auf der anderen Straßenseite waren ein Grasplatz und ein Knick, dahinter überall Schrebergärten. Die Snitgerreihe war eine Sackgasse und für die Kinder nun der ideale Spielplatz.«[18] Die Familie war glücklich, Loki hatte jetzt sogar einen kleinen Arbeitsplatz. Ein paar Jahre später schon sollte ihr Vater, wenn sie noch spät abends Schulaufgaben machte, eine Zigarette für sie neben das Heft legen. Ja, auch das Rauchen übernahm Loki von den Eltern.

Der Nachteil der Wohnung war, dass sie mit fast 77 Mark Miete fast drei Mal so teuer war wie die alte Wohnung. Als Hermann Glaser schließlich 1931 seine Arbeitsstelle verlor, wurde die wirtschaftliche Situation für die Familie, und dies kann man ohne Übertreibung festhalten, dramatisch. Was der Vater an Arbeitslosengeld erhielt – damals sprach man von Stempelgeld –, reichte bei weitem nicht aus, um die Familie zu ernähren und die Miete zu zahlen. Zusatzverdienste waren kaum möglich, denn als Arbeitsloser wurde Hermann Glaser immer wieder zu langen Arbeitseinsätzen, wie z.B. als Erntehelfer im alten Land, einbestellt. Gertrud Glaser, die all die Jahre durch ihre Schneiderei dazuverdient hatte, musste nun regelmäßig, d.h. Tag für Tag aus dem Haus, um in Privathaushalten zu nähen. Die kleinste Tochter Rose wurde dann zu einer Tante in der Nachbarschaft gebracht. Die Pflegetochter der Großmutter, Thora, zog nun zu den Glasers, um den Haushalt zu führen. Als diese zur Überraschung aller eine Arbeit als Lehrschwester in einem Krankenhaus erhielt, wurde es Lokis Aufgabe, während der Woche neben der Schule auch den Haushalt der Familie zu führen und für die beiden jüngeren Geschwister zu sorgen. »Manchmal kam meine Mutter so spät von der Arbeit, dass ich meine Geschwister auch abends abfüttern musste und danach erst Schularbeiten machen konnte.«[19] Mitunter gab es auch Streit unter den Geschwistern, vor allem Bruder Christoph wollte nicht immer nach der Pfeife der ältesten Schwester tanzen. Leicht war das alles für sie nicht. Als diese schwere Zeit begann, war Loki ja selbst erst 12, 13 Jahre alt, ging zur höheren Schule, hatte einen Schulweg von insgesamt zwei Stunden und musste sich dort Anforderungen stellen, die für ein Kind aus einem Arbeiterhaushalt nicht ganz einfach waren. Besonders belastend war für sie das nun häufig notwendige Einholen ›auf Pump‹. Wenn sie auch meist das bekam, was sie zum Kochen benötigte, die Blicke des Krämers und anderer Kunden, die Gefühle der Beschämung, das alles setzte ihr zu. Am schlimmsten aber war es für die Halbwüchsige, wenn sie ihre Mutter aus Verzweiflung weinen sah, da buchstäblich kein einziger Pfennig mehr im Hause war.

Über sechs Jahre sollte die Zeit der Arbeitslosigkeit des Vaters andauern, wirklich harte Jahre, die die Familie aber nicht haben zerrütten können. Erst Mitte 1936 fand er endlich wieder eine Anstellung, und zwar bei der DEBEG, der Deutschen Betriebsgesellschaft für drahtlose Telegraphie. Hier wurden Geräte für den Seefunk hergestellt. Es waren diese schweren Erfahrungen der wirtschaftlichen Not, die bei Loki später den starken Wunsch entstehen ließen, möglichst schnell ihre Ausbildung zu Ende zu bringen, ihre Eltern unterstützen zu können und vor allem für sich selbst eine wirtschaftliche Eigenständigkeit zu erlangen und zu bewahren.

Schulzeit in zwei Reformschulen

Die Grundschuljahre

Auf den Beginn ihrer Schulzeit hatte sich die kleine Loki Glaser gefreut. Im April 1925 war es so weit, sie wurde in die Volksschule Burgstraße in Hamburg-Borgfelde eingeschult. Die Schule Burgstraße hatten die Glasers für Loki – später auch für Lokis Geschwister – mit großem Bedacht gewählt. Die Burgstraße, wie sie verkürzt genannt wurde, war nicht irgendeine Schule in der Nachbarschaft, sondern war eine Schule mit einem besonders kindgerechten pädagogischen Programm und gehörte zu den 14 Versuchs- und Reformschulen, die nach dem revolutionären Umsturz von 1918 in der Hansestadt entstanden waren. Schon am 12. November 1918, d.h. nur wenige Tage nachdem auch in Hamburg ein Arbeiter- und Soldatenrat die alten Machtverhältnisse für beendet erklärt hatte, waren im Curiohaus, dem Sitz des Hamburger Lehrervereins mit dem ehrwürdigen Titel »Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens«, 3000 Hamburger Lehrerinnen und Lehrer zusammengekommen und hatten weitreichende Forderungen gestellt: die Einführung der Einheitsschule, die Selbstverwaltung der Schulen, die Glaubens- und Gewissensfreiheit für Lehrer und Schüler sowie die Gründung von Versuchsschulen. Vom offiziellen Lehrplan befreit, sollte an diesen Schulen ein freies, am Kinde orientiertes und demokratisch verfasstes Schulleben begonnen und als Modell für alle Schulen in Hamburg entwickelt werden. Als erstes gab es vier Volksschulstandorte, mit der Lichtwarkschule in Hamburg-Winterhude kam bald auch eine Reformschule im höheren Schulwesen hinzu, danach breitete sich der Reformschulgedanke auch an anderen Schulen aus.

Hamburg hatte mit seinen vielen Reformschulen eine Art Vorreiterrolle im Deutschen Reich, insgesamt gab es wohl an die 200 Schulen in ganz Deutschland, die sich explizit von der Pauk- und Buchschule des Kaiserreichs losgesagt und neue Wege in der Schulgestaltung eingeschlagen hatten. Meist standen die Lehrer dieser Schulen den Parteien des linken und demokratischen Spektrums der Weimarer Republik nahe, und die Gedanken der Jugend- und vielfältigen Kulturbewegungen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten ihr Weltbild stark geprägt.

All dies galt auch für das Kollegium der Volksschule Burgstraße, was das Ehepaar Glaser überzeugt hatte. Beide Eheleute waren ja selbst noch in der autoritär strukturierten Schule des Kaiserreichs unterrichtet worden. Beide hatten aber auch Lehrer kennengelernt, die reformerisch eingestellt waren, die die Versammlungen des Lehrervereins besuchten und sich sicher auch durch dessen Zeitschrift, die Pädagogische Reform, hatten inspirieren lassen. Spätestens seit dem Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden hier neue pädagogische Ideen verbreitet. So hatte z.B. der Klassenlehrer von Hermann Glaser, der Lehrer Feldmann, mit seinen Schülern einen freieren Umgang in der Klasse gepflegt, hatte Wert auf freies Zeichnen und Schreiben gelegt und bei Klassenausflügen naturkundliche Themen unterrichtet. Ähnliches hatte auch Lokis Mutter erlebt. 20 Jahre nachdem ihr Vater die Schule verlassen hatte, profitierte selbst Loki noch einmal von Herrn Feldmann. In Neugraben am Rande der Heide, wo Großeltern und Eltern ihre »Wochenendbude« hatten, hatte auch Herr Feldmann ein Domizil. So lernte auch Loki den Lehrer ihres Vaters kennen, und er zeigte ihr, wie man seltene Pflanzen auffinden und bestimmen konnte.

In der von Lokis Eltern besuchten Hamburger Volkshochschule war die Pädagogik der neuen Versuchs- und Reformschulen nach 1919 unter den erwachsenen Kursteilnehmern und Dozenten natürlich ein oft diskutiertes Thema. Viele der Volkshochschulbesucher hatten schulpflichtige Kinder, die Frage nach der richtigen, d.h. vor allem auch demokratietauglichen Schule wurde gerade in diesen Kreisen intensiv besprochen. Mit einem der Volkshochschuldozenten, Dr. Kurt Adams, und mit dessen Familie hatten Gertrud und Hermann Glaser sich näher angefreundet. Adams, später sogar stellvertretender Leiter der Volkshochschule und SPD-Abgeordneter in der Hamburgischen Bürgerschaft, dem Landesparlament, war begeistert von den Versuchsschulen. Seine Tochter Hilde meldete er ebenfalls auf Lokis Schule, der Schule Burgstraße an. Hier herrschte im Unterricht ein verhältnismäßig freier Umgang zwischen Lehrern und Schülern.

Lokis Eltern hatten schon vor der Einschulung ihrer ältesten Tochter Kontakt zu der Schule aufgenommen und sich an der Klassenraumgestaltung für die Schulanfänger beteiligt. Als Loki und ihre Klassenkameraden nach Ostern 1925 ihren Unterrichtsraum betraten, erwartete sie ein von Eltern und Lehrern weiß bemaltes, altersgemäßes Mobiliar. »Nach unserer beengten Familienwohnung plötzlich dieser große Raum mit all den kleinen weißen Tischen und Stühlen, das fand ich unglaublich«, erinnerte sie sich noch achtzig Jahre später.[20]

Dieser erste einladende und freundliche Eindruck sollte nicht trügen. Die vier Jahre in der Burgstraße waren für Loki eine gute Zeit: abwechslungsreich, lehr- und ertragreich. Doch was war nun das Besondere an dieser Reformschule? Zunächst einmal saß Loki mit Jungen und Mädchen zusammen in ihrer Klasse. Alle Reformschulen betrieben Koedukation, es waren ›gemischte Schulen‹. Für Loki war das gemeinsame Lernen und Aufwachsen mit Jungen allerdings nicht so spektakulär. Immerhin hatte sie ja einen fast gleichaltrigen Bruder und viele Jungen als Spielkameraden. Durchaus besonders an ihrer Schule war für Loki hingegen, dass man das Sitzenbleiben abgeschafft hatte und auf jegliche körperliche Züchtigung verzichtete. Spielkameraden aus anderen Schulen konnten da über manche Schläge auf Finger, Gesäß und Rücken berichten. Ihr späterer Klassenkamerad in der Lichtwarkschule, Helmut Schmidt, wusste sehr genau, wie das Prügelrepertoire von Lehrern aussehen konnte: »Mit dem Rohrstock, mit dem Lineal auf die Finger oder mit knopfbewehrten Lederhandschuhen links und rechts ins Gesicht.«[21] Und das, obwohl sein Vater ihn auf eine renommierte Schule geschickt hatte, die Seminarschule Wallstraße 22, eine Anstalt, an der die Seminaristen der Lehreranstalt ihre praktische Ausbildung erhielten. An der Burgstraße galt hingegen das Prinzip des angstfreien Lernens.

Fachübergreifender Unterricht an der Burgstraße, 1922

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Vor allem beeindruckte an Lokis Schule die Vielfalt der Angebote, die sie ihren Schülern und erstaunlicherweise auch deren Eltern bot. Hier lernte man nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben, sondern hier gab es, und zwar auch nachmittags, Angebote zum Musizieren und Theaterspielen, zum Malen, Turnen, zur Handarbeit und Gärtnern im eigenen Schulgarten. Bei vielen dieser Angebote spielten die Eltern eine gewichtige Rolle. Die Väter, darunter auch Hermann Glaser, bauten Regale und Sandkästen für die Klassenräume oder in der Turnhalle eine zusammenschiebbare Bühne für das Theaterspiel. Die Mütter kamen im Nähmütterkreis zusammen, nähten und flickten und machten aus gebrauchten Kleidungsstücken neue Kleidung für Kinder, deren Eltern ein geringes Einkommen hatten oder arbeitslos waren. Gertrud Glaser war als gelernte Schneiderin in diesem Kreis wegen ihrer Expertise besonders gefragt. Dazu gab es ein Eltern-, Lehrer- und Schülerorchester, das ein bis zwei Mal pro Woche probte und große Schulaufführungen veranstaltete. Loki fand dieses gemeinsame Musizieren so wunderbar, dass sie in diesem Orchester noch mitspielte, als sie längst die Burgstraße verlassen hatte. Bei der großen Aufführung der Schuloper Reise um die Welt im Jahre 1934 waren die Glasers gleich mit drei Familienmitgliedern vertreten. Der Vater spielte Cello, die Schwester Geige und Loki Bratsche. Bei der Anfertigung der Kostüme für die Figuren aus allen Kontinenten war Gertrud Glaser aktiv. Das Schulleben war zeitweise sehr stark mit dem Leben der Familie verflochten.