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Lockruf des Mondes

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Prolog
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. Über die Autorin

 

Für Christine Feehan und Sherrilyn Kenyon.

Ein herzliches Dankeschön dafür, dass ihr mein Interesse für das paranormale Genre geweckt habt und neue Charaktere in meinem Herzen wachgerufen habt.

Eure Bücher haben mir viele schöne Stunden geschenkt.

Ich hoffe, dass meine Kinder des Mondes meine Leser auch nur halb so sehr berühren.

Mit freundlichen Grüßen

Lucy Monroe

Prolog

Vor Tausenden von Jahren erschuf Gott ein Volk, das so streitbar war, dass sogar seine Frauen im Kampf gefürchtet waren. Sie waren ein durch und durch kriegerisches Volk, das es ablehnte, sich irgendwelchen anderen Regeln als seinen eigenen zu unterwerfen. Ihre Feinde sagten, sie kämpften wie Tiere; ihre geschlagenen Gegner sagten nichts mehr, denn sie waren tot.

Sie wurden als primitives, barbarisches Volk betrachtet, weil sie ihre Haut mit blauen Tätowierungen verunstalteten. Diese Zeichnungen, die immer ein Tier darstellten, waren in der Regel schlicht und schmucklos, auch wenn einige Clanmitglieder mehr Tätowierungen trugen, deren künstlerische Feinheit sich mit der der Kelten messen konnte. Diese reicher geschmückten Männer waren die Anführer des Clans - ihre Feinde hatten die Bedeutung dieser blauen Tätowierungen jedoch nie entschlüsseln können.

Einige mutmaßten, dass sie Symbole ihrer kriegerischen Natur waren, womit sie nicht ganz unrecht hatten, weil die Tiere für einen Teil ihrer selbst standen, der von diesem wilden, freiheitsliebenden Volk unter Todesstrafe geheim gehalten wurde. Es war ein Geheimnis, das sie in all den Jahrhunderten ihrer Existenz bewahrt hatten, als die meisten von ihnen quer durch Europa abgewandert waren, um sich im unwirtlichen Norden Schottlands anzusiedeln.

Ihre römischen Feinde nannten sie Pikten, und dieser Name wurde auch von anderen Völkern ihres Landes und der Länder weiter südlich übernommen, doch sie selbst bezeichneten sich als Chrechten.

Ihr tierähnliches Verhältnis zu Kampf und Eroberung rührte von einem Teil ihrer Natur her, der ihren rein menschlichen Gegenstücken nicht gefiel. Denn diese kämpferischen Geschöpfe waren Gestaltwandler, und die bläulichen Tätowierungen auf ihrer Haut waren Kennzeichen, die im Verlauf eines Übergangsritus verliehen wurden. Wenn ihre erste Veränderung stattfand, wurden sie mit der Art von Tier gekennzeichnet, in das sie sich verwandeln konnten. Einige hatten die Kontrolle über diese Veränderung, andere nicht, und während die Mehrzahl von ihnen Wölfe waren, gab es auch große Raubkatzen und -vögel unter ihnen.

Keiner der Gestaltwandler pflanzte sich jedoch so schnell oder zahlreich fort wie ihre rein menschlichen Brüder und Schwestern. Obwohl sie eine Furcht erregende Spezies waren und ihre Schläue und Gerissenheit noch verstärkt wurde durch ein Verständnis der Natur, das die meisten Menschen nicht besaßen, waren sie jedoch nicht tollkühn und wurden auch nicht von ihrer tierischen Natur beherrscht.

Ein Krieger konnte hundert Feinde töten, doch falls er starb, ohne Nachwuchs gehabt zu haben, führte sein Tod zu einer unvermeidlichen Verringerung des Clans. Einige der piktischen Clans und solche, die in anderen Teilen der Welt unter anderen Namen bekannt waren, hatten es schon vorgezogen auszusterben, als sich den ihnen unterlegenen, aber weitaus zahlreicheren Menschen um sie herum zu unterwerfen.

Die meisten Gestaltwandler der schottischen Highlands waren zu klug, um lieber dem Ende ihrer Rasse ins Auge zu blicken, als sich mit den Menschen zu vermischen. Sie sahen einen Weg in die Zukunft. Im neunten Jahrhundert nach Christus bestieg Keneth MacAlpin den schottischen Thron. Von chrechtischer Herkunft seitens seiner Mutter, war MacAlpin das Ergebnis einer sogenannten »Mischehe«, und seine menschliche Natur war stärker ausgeprägt. Er war nicht »verwandlungsfähig«, was ihn jedoch nicht daran hinderte, Anspruch auf den piktischen Thron zu erheben, wie er zu jener Zeit genannt wurde. Um sein Königtum zu sichern, verriet er bei einem Abendessen seinen chrechtischen Bruder, ermordete alle übrigen Mitglieder der königlichen Familie - und verursachte damit ein für immer tief verwurzeltes Misstrauen bei den Chrechten rein menschlichen Geschöpfen gegenüber.

Trotz dieses Misstrauens wurde den Chrechten jedoch klar, dass sie im Kampf gegen die ständig wachsende und immer weiter vordringende menschliche Rasse nur noch aussterben oder sich den keltischen Clans anschließen konnten.

Und so schlossen sie sich ihnen an.

Soweit dem Rest der Welt bekannt war - und obwohl zahlreiche Beweise für ihre frühere Existenz vorhanden waren -, gab es das einst als Pikten bekannte Volk nicht mehr.

Da es nicht ihrer Natur entsprach, von anderen als ihren eigenen Leuten regiert zu werden, wurden die keltischen Clans, die die Chrechten aufgenommen hatten, innerhalb von zwei Generationen von verwandlungsfähigen Leadern angeführt. Die meisten der rein menschlichen unter ihnen wussten nichts davon; einigen wenigen jedoch wurden die Geheimnisse ihrer Verwandten anvertraut. Diejenigen, die über diese Geheimnisse im Bilde waren, wussten, dass es den sicheren und sofortigen Tod bedeutete, den Schweigecode nicht einzuhalten.

Deshalb wurde dieser Schweigecode so gut wie nie gebrochen.

1. Kapitel

Und so verschleppte der Werwolf das Mädchen in die Wildnis, und niemand hörte je wieder etwas von den beiden.« Joans düstere Stimme verklang, als die dunklen Schatten in der Küche länger wurden und sich über die beiden jungen Frauen legten, die so aufmerksam an ihren Lippen hingen.

Emily Hamilton versuchte, sich vorzustellen, von einem Werwolf in die Wildnis verschleppt zu werden - oder auch nur überhaupt von irgendwem irgendwohin entführt zu werden -, aber es gelang ihr einfach nicht. Mit ihren neunzehn Jahren war sie über das Alter hinaus, in dem die meisten jungen Damen verheiratet oder in einem Kloster untergebracht wurden. Sie würde ihr Leben als Dienstmädchen ihrer Stiefmutter verbringen.

Und nicht einmal ein Werwolf würde Sybils Zorn riskieren, um mich zu entführen, dachte Emily.

»Gibt es denn wirklich Werwölfe in den Highlands, Joan?«, fragte ihre jüngere Stiefschwester Abigail in etwas steifem Gälisch.

Die Haushälterin schüttelte den Kopf, auf dem sie einen so fest sitzenden Schleier trug, dass nicht einmal ein einzelnes graues Haar zu sehen war. »Nein, Mädchen. Aber wenn es einen Ort gäbe, an dem solche Ungeheuer existieren könnten, dann wäre es dieses raue, unwirtliche Land.«

»Ich dachte, du hättest gesagt, die Highlands wären schön«, warf Emily in einem viel natürlicher klingenden Gälisch als Abigails ein.

Was aber auch gar nicht überraschend war. Dass ihre jüngere Schwester überhaupt sprach, war ausschließlich auf ihre eigene Beharrlichkeit zurückzuführen. Als Abigail vor drei Jahren fast am Fieber gestorben wäre, hatte sie ihr Gehör verloren. Und die Krankheit hatte auch jegliche Harmonie in Emilys Familie zerstört.

Taubheit wurde von einigen als ein Zeichen der Verdammnis betrachtet und von den meisten als ein Fluch.

Sybil hatte klargestellt, dass sie es vorgezogen hätte, wenn ihre Tochter gestorben wäre, statt von diesem »Leiden« heimgesucht zu sein. Über Nacht war Abigail von einem Wertposten, mit dem ihre Stiefmutter ihre eigene Stellung in der Welt zu verbessern hoffte, zu einem Problem geworden, um das man besser einen großen Bogen machte. Und so war es Emily überlassen geblieben, ihre jüngere Stiefschwester gesund zu pflegen und sie wieder in den Haushalt einzugliedern.

Aus Angst, dass Abigail von den anderen Burgbewohnern die gleiche Zurückweisung erfahren würde wie von ihrer eigenen Mutter, hatte Emily ihr Bestes getan, um die Behinderung ihrer Schwester zu verbergen. Das junge Mädchen hatte sie in ihren Bemühungen unterstützt und gelernt, von den Lippen abzulesen und so zu sprechen, als könnte sie die Stimmen um sich hören.

Bisher war die Täuschung gut gelungen. Nur wenige Leute innerhalb der Burg wussten, dass die Fünfzehnjährige nicht hören konnte.

»Es ist ein schönes Land, oder zumindest hat meine Mutter das immer gesagt … aber das Leben da ist auch härter. Die Clans sind so wild, dass selbst die Frauen dort wie Männer kämpfen können.«

Das hörte sich nach einem großartigen Ort an, dachte Emily.

Eine Stunde später waren der Rest der Familie und die Dienstboten zu Bett gegangen. Oder zumindest alle bis auf Emilys Vater und ihre Stiefmutter, die noch im großen Saal saßen und sich unterhielten. Emily war gewöhnlich die Letzte der Familie, die schlafen ging, und jetzt brannte sie vor Neugier, was so wichtig sein könnte, dass es ihre Eltern über deren normale Schlafenszeit hinaus beschäftigte.

Sie blieb oben an der Treppe stehen, die in den großen Saal hinunterführte, und hielt sich im Schatten. Lauschen mochte zwar nicht damenhaft sein, aber es bot ihr eine gute Möglichkeit, ihre Neugier zu befriedigen und über die Pläne ihres Vaters und ihrer Stiefmutter informiert zu sein. Zu viele andere waren darauf angewiesen, dass Emily sie vor Sybils Machenschaften und der kalten Gleichgültigkeit ihres Vaters, was ihr Wohl anging, beschützte.

»Aber Reuben, du kannst doch nicht die Absicht haben, Jolenta hinzuschicken!«, rief ihre Stiefmutter erregt.

»Der Befehl des Königs war eindeutig genug. Wir sollen eine Tochter im heiratsfähigen Alter zu diesem Lehnsherrn in den Highlands schicken.«

Emily duckte sich hinter einen Tisch und machte sich so klein wie möglich, was nicht weiter schwierig war, da sie zu ihrem Leidwesen nicht gerade groß war. Auch das war etwas, was ihr Sybil oft zum Vorwurf machte. Ihr fehle die »vornehme Haltung«, die sich für die Tochter eines Barons gezieme, pflegte sie zu sagen. Aber sich hinter einem Tischchen zu verstecken, war ohnehin nichts Vornehmes - und wenn ich noch so groß gewesen wäre, dachte Emily.

»Jolenta ist noch viel zu jung zum Heiraten!«, ereiferte sich Sybil.

»Sie ist vierzehn. Emilys Mutter war ein Jahr jünger, als ich sie zur Frau nahm.«

Emily wusste, dass Sybil jede Erwähnung der ersten Frau ihres Mannes hasste, und so reagierte sie auch dementsprechend giftig. »Und ein Baby kann schon in der Wiege verlobt werden. Viele Mädchen werden verheiratet, wenn sie gerade mal zwölf sind, aber fast ebenso viele sterben im Kindbett. Ein solches Schicksal kannst du unserem zarten kleinen Blümchen doch nicht wünschen?«

Statt einer Antwort gab ihr Vater nur ein unverbindliches Geräusch von sich.

»Da könntest du genauso gut vorschlagen, die kleine Margery statt meiner lieben Jolenta hinzuschicken.«

Emily lächelte in ihrem Versteck. Margery war gerade mal sechs Jahre alt, und selbst die Kirche weigerte sich, Ehen anzuerkennen, die zwischen Partnern unter zwölf geschlossen wurden.

»Wenn Jolenta im heiratsfähigen Alter ist, dann ist Abigail es mit fünfzehn ja wohl auch. Außerdem würde das mit Sicherheit ihre einzige Chance sein, einen Ehemann zu finden«, stellte Sybil herzlos fest.

Bittere Galle stieg in Emilys Kehle auf. Sie hatte schon immer gewusst, wie kalt ihre Stiefmutter war, doch ein solcher Vorschlag war einfach ungeheuerlich, und das musste ihr Vater wissen.

»Das Mädchen ist taub.«

Emily nickte zustimmend und spähte hinter ihrem Tisch hervor, um ihre Eltern sehen zu können. Sie saßen fast direkt unter ihr an der langen Tafel, waren aber zu vertieft in ihr Gespräch, um aufzuschauen und sie zu entdecken.

»Das weiß niemand außer der Familie und einigen Bediensteten, die es nicht wagen würden, unser Geheimnis zu verraten«, meinte Sybil.

Doch Abigail konnte nicht hoffen, eine solche Behinderung vor einem Ehemann zu verbergen, und genau das sagte ihr Vater auch.

»Bis er diesen Makel überhaupt bemerkt, wird er die Ehe vollzogen haben und kann nichts mehr dagegen tun«, sagte Sybil abschätzig. »Schließlich ist er Schotte. Jeder weiß, dass sie Barbaren sind, insbesondere die Angehörigen der Highland-Clans.«

»Und du machst dir keine Sorgen, was er ihr antun könnte, wenn er es bemerkt?«, fragte Sir Reuben.

Emily musste sich auf die Lippe beißen, um ihre selbstsüchtige Stiefmutter nicht anzuschreien, als Sybil nur die Schultern zuckte.

»Ich habe keine Lust, deswegen einen Krieg mit einem der Highland-Clans zu riskieren.«

»Sei nicht dumm! Dieser schottische Laird wird wohl kaum eine so weite Reise unternehmen, um seinen Ärger an dir auszulassen.«

»Ich bin dumm?«, entgegnete Sir Reuben in gefährlich leisem Ton.

»Nur wenn du dich in dieser Entscheidung von den Ängsten alter Weiber leiten lässt«, versetzte Sybil, was wieder einmal bewies, wie wenig Respekt ihr Herr und Gemahl ihr einflößte.

»Warst du es nicht, die mir empfohlen hatte, unserem Oberherrn auf seine Forderung nach Kriegern nur ein kleines Kontingent Ritter zu schicken?«

»Wir konnten ja wohl kaum unsere Ländereien unzureichend bewacht lassen.«

»Aber seine Verärgerung über meine Knauserigkeit hat zu dieser neuerlichen Forderung geführt.«

»Ich hatte aber recht, oder nicht? Es gab keine Strafaktion deswegen.«

»Eine Tochter zu verlieren, ist keine Strafaktion für dich?«

»Sie müssen irgendwann heiraten, und es ist ja nicht so, als hätten wir nicht einen ganzen Schwarm von ihnen.«

»Von denen du aber nur eine für ganz und gar entbehrlich hältst.«

»Die anderen könnten noch vorteilhafte Verbindungen eingehen.«

»Selbst Emily?«

Ein abfälliges Lachen ihrer Stiefmutter war die einzige Antwort auf diese kleine Spitze ihres Vaters.

»Ich werde dem König die Antwort überbringen lassen, dass meine Tochter innerhalb eines Monats mit ihrer Aussteuer zu Lord Sinclairs Festung reisen wird.«

»Aber nicht Jolenta?«, fragte Sybil mit zitternder Stimme.

Sir Reuben seufzte angewidert. »Nicht Jolenta.«

Er wollte also Abigail nach Schottland schicken. »Nein!«, schrie Emily entsetzt.

Sir Reuben und Sybil schraken beide zusammen und blickten zu ihr auf wie Bussarde, die beim Streit über einen Kadaver gestört worden waren.

Emily lief die Treppe hinunter, so schnell sie konnte. »Ihr dürft Abigail nicht einem so furchtbaren Schicksal überlassen!«

Sybil verzog angewidert den Mund. »Hast du schon wieder gelauscht?«

»Ja. Und ich bin froh, dass ich es getan habe.« Mit wild pochendem Herzen wandte Emily sich ihrem Vater zu. »Du darfst nicht einmal daran denken, Abigail so weit fort zu einem Mann zu schicken, der ihre Behinderung für ein Zeichen Gottes halten könnte, dass sie unrein ist.«

»Vielleicht ist es ja ein solches Zeichen«, warf Sybil ein, doch Emily beachtete sie nicht.

»Bitte, Vater. Bitte tu das nicht!«

»Wie deine Stiefmutter schon sagte, könnte das Abigails einzige Chance auf eine Heirat sein. Würdest du ihr die verweigern wollen?«

»Ja, wenn es bedeutet, sie zu einem barbarischen Schotten zu schicken, der furchtbar wütend sein wird, wenn er merkt, wie du ihn hintergangen hast.« Als Emily sah, wie sich das Gesicht ihres Vaters verhärtete, nahm sie sich zusammen. Sie wollte nicht den Kampf verlieren, bevor er begonnen hatte, weil ihr Verhalten ihren Vater kränkte. Deshalb zwang sie sich, ihren Blick zu senken, so schwer es ihr auch fiel. »Bitte, Vater. Nimm mir meine Einmischung nicht übel, doch ich bin mir sicher, Sybil irrt sich. Ich glaube nicht, dass ein stolzer schottischer Clan-Chef eine solche Täuschung einfach hinnehmen würde und sich damit zufriedengäbe, seine Wut an seiner unglücklichen Gattin auszulassen.«

Die Tatsache, dass beide Elternteile das für eine annehmbare Alternative hielten, war mehr, als Emily ertragen konnte.

»Du denkst also, dass der Clan-Chef mir den Krieg erklären würde?«

»Ja.«

»Was weiß sie denn schon?«, höhnte Sybil. »Sie hat doch keine Ahnung von der Welt.«

»Ich habe die Geschichten über diesen wilden Menschenschlag gehört, Vater.«

»Geschichten, die man dummen Kindern erzählt, um ihnen Angst zu machen«, sagte Sybil.

»Dann ist also auch meine Tochter dumm?«, fragte Sir Reuben und bewies damit, dass er die Beleidigung seiner Frau noch nicht vergessen hatte.

Sybil ballte die Fäuste, als sie merkte, dass es ein Fehler gewesen war, so unverblümt zu sprechen, vor allem weil nun beide wussten, dass ihr Gespräch mit angehört worden war. Der Stolz ihres Vaters könnte solch bissige Worte seiner Frau noch verkraften, wenn sie unter sich waren, aber er würde nicht dulden, dass andere - nicht einmal eine bescheidene Tochter - ihn in einem Licht sahen, das ihn schwach erscheinen lassen könnte.

Emily war entschlossen, das zu ihrem Vorteil auszunutzen. »Du bist einer der klügsten Barone des Königs, Vater. Das weiß jeder.«

»Zu klug, um Krieg mit einem barbarischen Volk zu riskieren, nur um eine zu umtriebige Gemahlin zu beschwichtigen?«

Emily wusste es besser, als darauf zu antworten, und blieb still, während Sybil ärgerlich nach Luft schnappte.

»Und wen sollte ich an ihrer Stelle hinschicken?«

»Jolenta?«, fragte Emily.

»Nein!«, rief Sybil und zupfte ihren Mann am Ärmel. »Bedenkt doch bitte, Sir, dass die Verlobte des Erben von Baron de Coucy vor einem knappen Monat am Fieber gestorben ist. Der Baron wird sich schon bald nach einer neuen Braut für seinen Erben umsehen. Seine Mutter hat bereits zum Ausdruck gebracht, dass sie unsere Jolenta ansprechend findet.«

Das jüngere Mädchen hatte die letzten beiden Jahre bei Hof verbracht, eine Ehre, die Emily nie zuteilgeworden war.

»Ich dachte, du seiest der Meinung, sie sei zu jung zum Heiraten?«

»Für eine Hochzeit mit einem barbarischen Schotten, aber doch nicht für die mit dem Sohn eines mächtigen Barons.«

»Und wen sollte ich dann deiner Meinung nach auf Befehl des Königs hinschicken?«

»Abigail …«

»Nein, bitte nicht, Vater …«

»Ich habe keine Lust, über die Verheiratung einer meiner Töchter Krieg zu führen.«

Emily zuckte zusammen bei der Bemerkung ihres Vaters. Zwischen ihren Eltern war Stille eingetreten, und sie fürchtete deren Ausgang, wenn sie jetzt schwieg. Aber sie hatte Angst vor ihren eigenen Überlegungen und dem, was sie für die Schwester, die sie zurücklassen musste, und auch für sie selbst bedeuten würden.

Schließlich holte sie tief Luft und zwang sich dann zu sagen: »Schick mich hin, Vater.«

»Sie?«, wandte sich Sybil aufgebracht an ihren Mann. »Glaubst du, der Schotte würde dir nicht den Krieg erklären, wenn du ihm ein so undiszipliniertes Mädchen schickst? Sie würde ihn mit Sicherheit schon in ihrer ersten Woche als seine Frau verärgern.«

»Du hast selbst gesagt, dass diese Leute Barbaren sind. Da würde er eine wahre englische Dame ja wohl kaum zu schätzen wissen.«

Der alte Schmerz durchzuckte Emilys Herz. Ihr Vater hatte keine höhere Meinung von ihr als ihre Stiefmutter. Das war ihr schon seit dem Tod ihrer leiblichen Mutter klar gewesen, als er einem kleinen, am Grabe seiner Mutter weinenden Mädchen vorgeworfen hatte, dass es nicht der Sohn war, den er sich ersehnt hatte. Denn wäre Emily ein Junge, wäre ihre Mutter nicht gestorben, nur weil sie versucht hatte, ihm einen Erben zu gebären.

Emily wusste, dass diese grausamen Worte eine Lüge waren … heute. Doch bis sie Sybils zweite und dritte Schwangerschaft gesehen hatte, nachdem sie ihrem Vater den erwünschten Erben schon geschenkt hatte, hatte Emily sie für bare Münze genommen. Und sich ihretwegen schrecklich nichtswürdig gefühlt.

Aber sie glaubte schon lange nicht mehr, dass es sie wertlos machte, als Frau zur Welt gekommen zu sein. Sechs Jahre Korrespondenz mit einer mächtigen Äbtissin hatten sie von dieser falschen Vorstellung geheilt. Und das rief sie sich jetzt in Erinnerung, als sie ihren Blick erhob, um ihren Vater anzusehen.

»Glaubst du, dass du in der schottischen Wildnis besser zurechtkommen wirst als Abigail?«, fragte er, als hätte er nur darauf gewartet.

»Ja.«

»Ich denke, da hast du vielleicht sogar recht.« Er wandte sich an seine Frau. »Mein Entschluss ist gefasst, Sybil. Ich werde Emily auf Verlangen meines Oberherrn nach Schottland schicken.«

»Und Abigail?«, hakte Emily mit leiser Stimme nach.

»Sie bleibt hier unter meinem Schutz.«

Der große schwarze Wolf hob witternd den Kopf und spannte seinen mächtigen Körper an, um, falls nötig, augenblicklich aufzuspringen.

Außerhalb seines eigenen Territoriums, selbst in Begleitung seiner Gefährten, lauerten überall Gefahren. Er hatte keinen Angriffstrupp mitgebracht, und der Clan, den auszuspionieren er hergekommen war, hatte ein volles Kontingent von Wolfskriegern. Einige waren sogar so mächtig wie seine eigenen.

Was bedeutete, dass sie auf der Hut sein mussten.

Lautlos schlich er durch den Wald, wohl wissend, dass seine beiden Gefährten dicht hinter ihm waren, auch wenn er sie nicht hören konnte. Die Gegenwart aller drei blieb unbemerkt von Mensch und Tier, und so sollte es auch sein.

Von der Nacht seiner ersten Verwandlung an hatte sein Vater ihn gelehrt, seinen Geruch zu verbergen, und mit den Jahren hatte er die Kunst vervollkommnet. Andere Werwölfe und sogar wilde Tiere konnten im Dunkeln nahe genug herankommen, um ihn zu berühren, und bemerkten trotzdem niemals seine Gegenwart. Als Begleiter hatte er zwei ebenso erfahrene und geschickte Krieger ausgewählt.

Obwohl er oft innehielt, um Witterung aufzunehmen, war es nicht seine hochempfindliche Nase, die das erste Anzeichen wahrnahm, dass sein Bruder Ulf recht gehabt hatte. Es waren seine Ohren, die ein Geräusch vernahmen, das kein menschliches Wesen über eine solche Entfernung hätte hören können. Von der Burg des Clans hinter den Bäumen und über die mit Gras und Heidekraut bestandene Ebene hinweg hörte er das unverkennbare Lachen des Mädchens.

Susannah, die Wölfin, war hier.

Es war ihre sanfte menschliche Stimme, die dort sprach, auch wenn nicht einmal sein scharfes Gehör die einzelnen Worte erfassen konnte. Sie klang nicht so, als wäre sie in Schwierigkeiten, aber das änderte nichts an den Fakten oder wie er darauf reagieren musste.

Ein Clan-Gesetz - ein uraltes Clan-Gesetz, das den meisten Kelten und jedem Chrechte-Krieger bekannt war, der sich ihnen vor zweihundert Jahren angeschlossen hatte, war gebrochen worden. Eine Frau aus Balmoral war ohne Zustimmung des Clan-Oberhaupts zur Paarung verschleppt worden.

Lachlan, Laird der Bewohner von Balmoral und Leitwolf des Kontingents der Chrechten unter ihnen, würde den Affront nicht dulden.

Ulf hatte sich nicht geirrt hinsichtlich dessen, was der Wölfin widerfahren war, die während der letzten Vollmondjagd verschwunden war. Und er hatte auch recht gehabt, als er meinte, die Sinclairs müssten dafür bestraft werden. Kein Highland-Chief würde eine solche Unverfrorenheit seinem Clan und seiner eigenen Person gegenüber dulden. Denn das würde den Schluss zulassen, dass die Sinclairs ihn für zu schwach hielten, um Clan-Gesetze durchzusetzen, und dass seine Krieger ihre Frauen nicht zu schützen wussten.

Er würde sich eher mit England verbünden, als eine solche Einschätzung seines Clans unwidersprochen zu lassen. Die wirkungsvollste Botschaft für die anderen Highland-Clans würde jedoch keine Kriegserklärung, sondern gut geplante Rache sein. Wie er seinem Bruder schon gesagt hatte, als Ulf einen sofortigen Angriff auf die Sinclair'sche Festung vorgeschlagen hatte.

Auf einem erschöpften Pferd und selbst auch in nicht viel besserer Verfassung, betrachtete Emily ihr neues Zuhause mit einer Mischung aus Neugier und Beklommenheit.

Die Reise von den Besitzungen ihres Vaters ins schottische Hochland war lang und strapaziös gewesen. Kurz nachdem sie die Sinclair'schen Ländereien erreicht hatten, war eine Eskorte Krieger eingetroffen, um sie den Rest des Weges zu begleiten.

Emily war enttäuscht und erleichtert zugleich gewesen über die Entdeckung, dass ihr zukünftiger Ehemann nicht bei der Eskorte war. Ein Teil von ihr wollte die erste Begegnung mit ihm hinter sich bringen, ein sogar noch größerer Teil jedoch war froh darüber, sie auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben.

Die Sinclair'schen Krieger hatten den englischen Soldaten jeden weiteren Zutritt zu den Ländereien ihres Clans verweigert. Sie hatten Emilys Begleitung übernommen, und sie musste leider feststellen, dass sie keine besonders unterhaltsame Gesellschaft waren. Sie sprachen nur, wenn sie gefragt wurden, und antworteten so einsilbig wie möglich. Ob ihr Zukünftiger wohl auch so wortkarg war?

Vielleicht würde sie sich besser fühlen, wenn die Leute aufhörten, sie so anzustarren. Keiner lächelte, nicht einmal die Kinder. Einige Erwachsene warfen ihr sogar ganz unverhohlen böse Blicke zu. Verwundert wandte Emily sich an den ihr am nächsten reitenden Soldaten. »Einige Clan-Mitglieder wirken richtig feindselig. Warum ist das so?«

»Sie wissen, dass Ihr Engländerin seid.«

Anscheinend musste ihr das als Erklärung genügen, denn schon verstummte er wieder, und nicht einmal ihre Neugier war groß genug, um sie dazu zu bringen, dem Mann noch mehr Fragen zu stellen.

Der Clan wusste also schon, dass sie Engländerin war? Das konnte nur bedeuten, dass sie von den Leuten bereits erwartet wurde.

Doch ihre Kleidung sprach ja auch für sich. Emily trug die dunkelblaue Tunika über dem weißen Unterkleid mit den modisch weiten Ärmeln zwar schon seit drei Tagen, und nach der langen Reise war sie ebenso zerknittert und verstaubt wie sie, doch auch wenn sie noch makellos gewesen wäre, hätte sie nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Tracht der Highlander gehabt.

Jeder hier, sogar die Kinder, trugen grün, blau und schwarz karierte Plaids. Eine geschmackvolle Farbkombination, fand Emily. Einem der Männer ihrer Eskorte gegenüber hatte sie sogar eine anerkennende Bemerkung darüber fallen lassen - wenn auch hauptsächlich, um ihr Erstaunen darüber zu überspielen, dass die Unterschenkel der Männer so nackt waren wie am Tag ihrer Geburt.

Natürlich seien es schöne Farben; sie seien schließlich die der Sinclairs, hatte der Mann gebrummt.

Danach hatte Emily alle Versuche aufgegeben, Konversation zu betreiben.

Nun wandte sie ihre Aufmerksamkeit von der alles andere als freundlichen Bevölkerung der Burg der Sinclairs zu. Das Bauwerk überraschte sie. Emily war nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber bestimmt nicht etwas, das ihrer elterlichen Burg so ähnlich war. Der Boden war zu einem Hügel aufgeschüttet worden, der von einem tiefen Burggraben umgeben war. Die Burg selbst, die wie ein einzelner hoher Turm aussah, befand sich oben auf der Hügelkuppe und war von einer Palisade umgeben. Diese Mauer aus dicht nebeneinander in die Erde gerammten Pfählen erstreckte sich bis zum Fuß des Hügels, um auch den Burghof zu umgeben.

Sie hatte sich wirklich nichts so Großartiges in den Highlands vorgestellt. Vielleicht war ihr zukünftiger Gemahl ja doch gar nicht so unkultiviert? Möglicherweise hatte er sogar ein gutes Herz und würde ihr erlauben, Abigail zu sich zu holen. Denn das war ihre inständigste Hoffnung.

Ihre Eskorte führte sie über die Zugbrücke auf die Feste zu.

Eine Gruppe Soldaten auf den Eingangsstufen der Burg erregte Emilys Interesse. Alle hatten die Arme vor der Brust verschränkt und starrten sie mit finsteren Gesichtern an. Ein in ihrer Mitte stehender Soldat, der größer war als alle anderen, runzelte am grimmigsten die Stirn. Emily versuchte, ihn nicht anzusehen, weil die Feindseligkeit, nein, der Hass, der von ihm ausging, sehr erschreckend war.

Sie hoffte nur, dass dieser Mann kein enger Berater ihres Zukünftigen war. Suchend ließ sie ihren Blick über die Menge gleiten, um den Herrn dieser Menschen, ihren zukünftigen Ehemann, zu finden. Ihre Eskorte hatte sie schon fast zu den finster dreinblickenden Soldaten geführt, bevor Emily erkannte, dass einer von ihnen der Laird sein musste. Ihre einzige Entschuldigung, es nicht schon früher gemerkt zu haben, war ihr brennender Wunsch, es möge anders sein.

Hoffentlich ist es nicht der wütende Mann in ihrer Mitte!, flehte sie im Stillen, schickte ein Stoßgebet zum Himmel und bekreuzigte sich sicherheitshalber auch noch.

Als ebenjener Soldat vortrat, schickte sie ein letztes verzweifeltes Stoßgebet zum Himmel. Aber sie wusste, dass es umsonst gewesen war, als er, ohne sie zu beachten, ihrer Eskorte ein Zeichen gab, ihm zu folgen.

»Wo soll die Engländerin hin?«, rief der Soldat an ihrer Seite.

Ihr zukünftiger Ehemann zuckte nur die Schultern und ging weiter. Emily konnte sich beim besten Willen keine vernünftige Erklärung für sein unmögliches Benehmen denken. Selbst wenn er ein Barbar war, wie Sybil behauptet hatte.

Ich kann nur froh sein, dass nicht Abigail an meiner Stelle hierher geschickt worden ist, dachte Emily. Gott allein wusste, was für fürchterliche Dinge dieser Mensch ihrer sanften Schwester angetan hätte. Oder vielleicht war es eher der Teufel, der das wusste.

Schnell schüttelte sie den unschönen Gedanken ab, aber das Gefühl drohenden Unheils, das sie überfiel, ließ sich nicht so leicht verdrängen.

2. Kapitel

Emilys Begleiter stiegen von ihren Pferden, und zwei junge Burschen eilten herbei, um die Tiere wegzuführen. Emily beeilte sich, von ihrem eigenen müden Pferd zu steigen, und landete dabei beinahe auf dem Boden. Ihre Beine waren auf dem langen Ritt seit Tagesanbruch eingeschlafen und taten ihr jetzt höllisch weh.

Heiße Tränen brannten hinter ihren Lidern, aber sie blinzelte heftig, um sie zu verdrängen. Und dann streckte sich plötzlich eine Hand nach ihr aus, um sie zu stützen, und erstaunt blickte sie auf. Es war eine der Frauen des Clans, die ihr zu Hilfe kam.

Sie war hübsch mit ihrem lockigen dunklen Haar und den ein wenig schräg stehenden, samtig braunen Augen. Und sie war schwanger. Die Wölbung unter dem Plaid der Frau war nicht zu übersehen, aber falls Emily sich nicht irrte, war sie vielleicht gerade mal im fünften Monat.

Sie machte einen Knicks vor ihr. »Mein Name ist Caitriona, doch ich werde Cait genannt. Wir werden Schwägerinnen sein.« Die Frau sprach langsam und mit ausgeprägtem schottischem Akzent, der Emily wieder einmal daran erinnerte, wie weit im Norden Schottlands sie sich hier befand.

»Du sprichst Englisch?«, fragte Emily verblüfft, während sie den Knicks der Frau ein wenig unbeholfener erwiderte, weil ihre Muskeln ihr noch immer nicht gehorchen wollten.

»Ja.«

»Ich freue mich, dich kennenzulernen, Cait. Ich bin Emily Hamilton, die Tochter von Sir Reuben«, sagte sie auf Gälisch.

»Das hatte ich mir schon gedacht«, erwiderte Cait mit einem schelmischen Glanz in den Augen. »Und du sprichst ja sogar unsere Sprache!«

»Die Besitzungen meines Vaters liegen an der Grenze.«

»Ach so. Ich wusste nur, dass du Engländerin bist.«

»Könnte es sein, dass du weißt, wo ich jetzt hin soll?«

Inzwischen waren die Soldaten nämlich alle schon verschwunden.

»Du wirst bis zu der Hochzeit bei mir bleiben. Ich bedaure, dass ich dir kein eigenes Zimmer geben kann, aber im Moment sind alle Schlafräume in der Burg belegt.« Cait lächelte entschuldigend, wobei ihr Gesicht sogar noch schöner wurde.

Kein Wunder, dass Emilys Zukünftiger verärgert war, jemanden wie sie heiraten zu müssen, wenn alle Highland-Frauen so schön waren wie diese. Denn Emily machte sich keine Illusionen bezüglich ihres Aussehens. Dafür hatte Sybil schon gesorgt. Emilys mangelnde Größe war nicht das Einzige, was ihre Stiefmutter an ihrem Äußeren auszusetzen hatte.

Laut Sybil war Emilys Haar zu lockig und zu farblos. Ganz im Gegensatz zu dem glänzenden dunklen Haar der Frau, die vor ihr stand, war Emilys eine Art Mittelding zwischen Blond und hellem Braun. Sybil hatte oft bemerkt, dass es sich offenbar nicht entscheiden könne, was es sein wollte.

Sie beklagte unter anderem auch die Tatsache, dass Emilys Augen nahezu violett waren. Wer hatte je von veilchenfarbenen Augen gehört? Sybil hatte mehr als ein Mal in Emilys Hörweite gesagt, dass dies ein Zeichen des Himmels sein könnte und sicherlich kein gutes. Doch Emilys größter Makel nach Aussage ihrer Stiefmutter war ihr wohlgerundeter Körper, der zu üppig war, um dem derzeitigen Schönheitsideal hochgewachsener, vornehmer und untertriebener Weiblichkeit zu entsprechen.

»Wird es deinen Gemahl nicht stören, wenn ich bei dir bleibe?«, fragte sie, während sie mit steifen Fingern an den Gurten an ihrer Satteltasche herumhantierte.

Cait nahm ihr die Arbeit ab. »Mein Mann ist vor vier Monaten im Krieg gefallen.«

Emily fragte nicht, in welchem Krieg. Nach Ansicht der Engländer und selbst der Schotten, die im Flachland lebten, befanden sich die Highlander andauernd im Krieg oder bereiteten sich auf einen vor. »Das tut mir sehr leid.« Impulsiv nahm sie die Hand der anderen Frau und drückte sie. »Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, dein Zuhause mit mir zu teilen?«

Eine Frau in Trauer würde vielleicht lieber ungestört sein wollen.

»Nein, ich freue mich über die Gesellschaft. Es ist oft sehr einsam auf der Burg, da ich die einzige Frau bin, die hier lebt.«

Also lebte Cait auf der Burg? Emily war nicht sicher, ob das eine gute oder schlechte Neuigkeit war, da hier ja auch der grimmig dreinschauende Krieger zu Hause war, den sie heiraten sollte. »Gibt es hier denn keine weiblichen Bediensteten?«, fragte Emily erschrocken, als ihr die Bedeutung von Caits Worten aufging.

»Ein paar, aber die leben auf dem Burghof.«

»Keine innerhalb der Burg?«, wollte Emily mit einem Blick auf das große, turmähnliche Gebäude wissen. Aus der Nähe sah es sogar noch eindrucksvoller aus als auf den ersten Blick, auf jeden Fall groß genug, um bequem eine Familie und ihre Bediensteten zu beherbergen. »Wer benutzt denn all die Schlafgemächer?«

»Krieger.«

»Ist das nicht ungewöhnlich?«

Cait seufzte. »Hier nicht.«

»Ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass dein Bruder mich weder begrüßt hat noch irgendeine andere Reaktion auf meine Ankunft zeigte.« Außer Feindseligkeit, doch das behielt Emily für sich, weil sie sich nicht schon gleich nach ihrer Ankunft über ihn beklagen wollte. Sie hoffte, dass er vielleicht nur schlechte Laune hatte und sie nicht halb so sehr verabscheute, wie es sein giftiger Blick hatte vermuten lassen.

»Ach, stör dich nicht an Talorc. Er hat sich mit dieser Heirat noch nicht angefreundet, aber er wird schon noch vernünftig werden«, erwiderte Cait ermutigend, als sie in den Turm voranging.

Sie sagte noch etwas anderes, doch Emily hörte ihr schon nicht mehr zu. Der Saal der Burg war riesig und nur schlecht beleuchtet, und vor allem war er voller Soldaten, die das Plaid der Sinclairs trugen. Die Männer beachteten jedoch weder Cait noch Emily, wofür diese ausgesprochen dankbar waren.

Ihre Eskorte hatte sie schon als einschüchternd genug empfunden, aber en masse waren die Krieger ihrer neuen Familie geradezu beängstigend.

Unwillkürlich trat sie näher an Cait heran und folgte ihr zum hinteren Teil des großen Saales und eine Treppe hinunter. Ein offener Durchgang zur Rechten gab den Blick auf einen Lagerraum frei, aber Cait führte sie in ein Zimmer, das sich links davon befand. Es war ein kleines Schlafzimmer, das anders als die meisten Räume auf der unteren Ebene des Turms eine Reihe winziger Fenster in Deckennähe hatte, die Licht hereinließen.

Außerdem war es viel sauberer und gemütlicher als die schmucklose große Halle. Emily legte ihre Satteltasche auf das Bett zu einigen Bündeln, in denen sie ihr Gepäck erkannte, das die Männer der Eskorte übernommen hatten, als sie die Soldaten ihres Vaters fortgeschickt hatten.

Auch das Bett war mit einem Sinclair-Plaid bedeckt. Ein weiteres Plaid war über den einzigen Sessel im Raum drapiert, und an einer Wand standen zwei kleine Truhen.

Cait hob den Deckel einer dieser Truhen an. »Hier kannst du deine Sachen unterbringen.«

»Danke.« Emily wollte nichts mehr, als sich auf dem Bett zusammenzurollen und hundert Jahre lang zu schlafen, aber sie nahm sich zusammen und begann, ihr Gepäck wegzuräumen. »Du sagtest, dein Bruder hätte sich noch nicht mit dieser Heirat angefreundet?«

Cait reichte der sichtlich erschöpften Engländerin die auf dem Bett liegenden Bündel an. »Ja.«

»Warum? Weil er jemand anderen heiraten wollte? Oder stört es ihn, dass ich Engländerin bin?«

»Es ist sehr ungewöhnlich für einen Highlander, außerhalb der Clans zu heiraten«, erwiderte Cait diplomatisch.

In Wahrheit war sie jedoch noch immer schockiert darüber, dass ihr Bruder der Forderung des Königs stattgegeben hatte, eine Engländerin zu heiraten. Talorc hatte mehr Anlass als die meisten, sowohl den Engländern als auch den Menschen zu misstrauen. Und da Emily beides war, machte Cait sich große Sorgen, ob diese Verbindung nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Sie versuchte jedoch, das Positive daran zu sehen und zu glauben, dass ihr Bruder seine Vorurteile überwinden würde. Er wollte einfach nicht begreifen, dass nicht alle Menschen unglaubwürdig waren, nur weil manche zu Verrat imstande waren. Auch einige der Chrechten waren das; es war nicht nur eine menschliche Schwäche. Für Talorc machte das jedoch keinen Unterschied; er zog es vor, alle rein menschlichen Wesen für schwach und prinzipienlos zu halten.

Ebenso wenig konnte man alle Engländer in einen Topf werfen; sie konnten ja schließlich nicht samt und sonders gottlose Usurpatoren sein? Die reizende Frau neben ihr hatte jedenfalls nicht den Geruch von Verrat oder Gier an sich, so wie es bei Caits Stiefmutter der Fall gewesen war.

»Du meinst also, dass die Leute hier, dein Bruder eingeschlossen, genauso entsetzt darüber sind, dass ich Engländerin bin, wie es meine Eltern waren, als sie eine ihrer Töchter fortschicken mussten, um einen Schotten zu heiraten?«

»›Entsetzt‹ ist noch ein mildes Wort für Talorcs Reaktion, als er die Nachricht von Schottlands König erhielt.«

»Ich verstehe.«

»Nimm es nicht persönlich«, riet ihr Cait.

»Wie könnte ich? Der Mann hat ja nicht einmal ein Wort mit mir gesprochen.«

Cait entspannte sich, Erleichterung erfasste sie. »Schön, dass du so vernünftig bist.« Sie seufzte wieder. »Leider kann ich das von meinem Bruder nicht sagen.«

»Hat er euren König verärgert, um so gestraft zu werden?«

»Aber nein«, rief Cait verblüfft. Auf was für Ideen kamen diese Engländer? »König David schätzt meinen Bruder sehr, doch er wird von den Normannen Englands beeinflusst und hat viele ihrer Gebräuche angenommen. Er will Talorc nicht ohne Grund mit einer Engländerin verheiraten. Er hofft, dass du ihn zähmen wirst.«

Diesmal machte Emily große Augen und sah aus, als hätte sie gerade einen ganzen Fisch verschluckt. »Hat dein Bruder das gesagt?«, fragte sie scharf. »Ich hätte nicht gedacht, dass so ein grimmiger Krieger seiner jüngeren Schwester etwas so Privates anvertrauen würde.«

Darauf lachte Cait. »O nein, das weiß ich nur, weil ich die Gespräche der Soldaten belauscht habe.«

Emily schmunzelte und lachte, als Cait vor Verlegenheit errötete.

»Ich weiß, dass es eine beschämende Angewohnheit ist, aber …«

»Wie würdest du sonst etwas in Erfahrung bringen?«, schloss Emily für sie.

Mit dem Gefühl, eine Schwester und Seelenverwandte gefunden zu haben, fragte Cait: »Du findest das also nicht sehr unartig von mir?«

»Ich habe auch schon so manches wichtige Gespräch in der Burg meines Vaters belauscht«, erwiderte Emily schulterzuckend. »Männer lassen Frauen über vieles im Dunkeln, obwohl sie das besser nicht tun sollten … und Eltern sind nicht immer so ehrlich zu ihren Kindern, wie man es sich wünschen würde.«

»Da kann ich dir nur zustimmen. Mein Bruder ist viele Jahre wie ein Vater zu mir gewesen. Er hat mir nicht einmal gesagt, dass er meine Heirat arrangiert hatte, bis ich in den großen Saal gerufen wurde, um meine Ehegelübde abzulegen.«

»War deine Ehe glücklich?«

Cait wünschte, sie könnte das bejahen, weil es so offensichtlich war, dass ihre neue Freundin Trost suchte, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, Emily zu belügen. Nicht einmal, um sie zu beruhigen. »Er war eine gute Partie, um die Macht meines Bruders innerhalb des Clans zu festigen, aber Fergus und ich hatten kaum etwas gemeinsam.«

»Trotzdem muss es jetzt, da du von ihm schwanger bist, schwer für dich sein, dass er nicht mehr ist.« Dann schlug Emily entsetzt die Hand vor ihren Mund. »Es tut mir so leid, Cait! Ich weiß, dass ich nicht darüber sprechen sollte.«

»Ist es eine englische Angewohnheit, Unwissenheit vorzutäuschen, wenn eine Frau ein Kind erwartet?«, entgegnete Cait, die sich bemühte, nicht über die Vorstellung zu lachen, weil sie Emily nicht kränken wollte.

»Ja, das ist es wohl.«

Cait schüttelte den Kopf. »Das Kind kommt in vier Monaten, und ich kann es kaum erwarten. Mutter zu werden, ist ein großer Segen unter meinen Leuten.«

»Die Äbtissin sagt, dass den Lehren der Kirche zufolge das Gebären eines Kindes eine Wiedergutmachung der Sünden Evas ist.« Emily furchte leicht die Stirn. »Dass es als Beweis für den himmlischen Segen zu einem ehelichen Bund betrachtet wird.«

»Eine Äbtissin hat das gesagt?« In Caits Ohren hörte sich das mehr nach der Aussage eines Priesters an.

Emily grinste verschwörerisch und zwinkerte Cait zu. »Na ja, sie hat nicht gesagt, dass sie das auch denkt.«

»Soviel ich weiß, kann eine Äbtissin eine Frau von großer politischer Macht in England sein.«

»Ja.«

»Dann kannst du von Glück sagen, mit einer verwandt zu sein.«

»Oh, nein, das bin ich keineswegs.«

»Dann bist du also in einem Kloster unterrichtet worden?«

»Nein, aber eine sehr gelehrte Äbtissin nahm während einer Reise zu einer ihrer früheren Schülerinnen Quartier in unserer Burg. Sie war eine wunderbare Frau. Sie war nie zu ungeduldig, um meine Fragen zu beantworten, und versuchte sogar, Papa zu überreden, mir den Besuch ihrer Klosterschule zu erlauben. Meine Stiefmutter lehnte das jedoch ab, und später hatte ich Grund, darüber froh zu sein, doch man erlaubte mir wenigstens eine rege Korrespondenz mit der Äbtissin. In erster Linie wohl, weil meine Stiefmutter sie sich nicht zur Feindin machen wollte, aber was auch immer der Grund war, ihre Schreiben werden eins der Dinge sein, die mir hier am meisten fehlen werden.« Emily lächelte, obwohl ihre veilchenfarbenen Augen vor Müdigkeit gerötet waren. »Doch ich werde sicher andere Dinge finden, die mich dafür entschädigen«, schloss sie tapfer.

Cait bewunderte Emilys Optimismus und hoffte nur, dass ihr Vertrauen belohnt werden würde.

Im Laufe der nächsten Tage entdeckte Emily viele Eigentümlichkeiten an ihrem neuen Heim, von denen die auffälligste für sie war, dass ihr zukünftiger Ehemann nach wie vor kein einziges Wort mit ihr gesprochen hatte. Meistens ignorierte er sie, wenn er sich aber doch einmal dazu herabließ, sie zu bemerken, war sein Gesichtsausdruck genauso finster wie bei ihrer allerersten Begegnung vor der Burg.

Auch sie bemühte sich nicht, sich mit ihm bekannt zu machen, weil sie es für klüger hielt, ihre Begegnung auf später zu verschieben, wenn er besserer Laune war. Was jedoch wahrscheinlich erst an dem Tag geschehen würde, an dem sie vor ihren Schöpfer trat, befürchtete sie schon beinahe.

Emily half Cait bei der Führung des Haushalts, wie sie zuvor Sybil unterstützt hatte, nur dass die Arbeit ihr hier weit mehr Spaß machte. Cait und sie hatten viel gemeinsam, und so wurden sie auch sehr schnell gute Freundinnen.

Die beiden Frauen durchquerten eines Abends gerade den großen Saal, als Talorc seine Schwester rief. »Bring die Frau her, Cait!«

Cait verzog bei dem mürrischen Tonfall ihres Bruders das Gesicht, kehrte aber um, um zu gehorchen.

Die Frau? Emily konnte die Dreistigkeit des Lairds kaum fassen. Wenn er nicht bald anfing, Manieren zu zeigen, würde sie ihm eine Gardinenpredigt halten, die Sybils wie freundliches Geplauder erscheinen lassen würde. Der Ärger, der schon seit ihrer Ankunft in ihr brodelte, kochte hoch.

Im Vorbeigehen flüsterte ihr Cait zu: »Lass dir von ihm keine Angst machen. Er ist nicht so bissig, wie er tut.«

Emily hätte fast gelacht, weil es nur zu offensichtlich war, dass auch Cait ein bisschen Angst vor ihrem Bruder hatte. Aber dann wurde sie nur noch ärgerlicher bei dem Gedanken. Eine Schwangere vertrug keine Aufregungen. Hatte ihr Vater das nicht oft genug gesagt, wenn Sybil ein Kind erwartet hatte? Emily drehte sich zu Talorc um und sah ihn ungehalten an, machte jedoch keine Anstalten, seiner Forderung nachzukommen.

»Ist diese Frau schwachsinnig? Oder warum kommt sie nicht herüber?«, herrschte Talorc seine Schwester an. »Du hast gesagt, sie spräche unsere Sprache.«

Cait warf Emily einen besorgten Blick zu und machte große Augen, als sie Emilys aufsässige Haltung sah. Aber dann verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln.

Emily gab ihr keine Chance, ihrem Bruder zu antworten. »Warum fragt Ihr diese Frau nicht selbst?«, forderte sie Talorc heraus. »Vorausgesetzt natürlich, Ihr könnt Euch dazu überwinden, das Wort an sie zu richten.«

Denn falls er glaubte, sie würde einen Mann heiraten, der nicht mal mit ihr sprach, dann hatte er sich schwer getäuscht.

»Oder vielleicht werde ich es Euch auch einfach sagen. Ich bin weder schwachsinnig noch taub. Ihr braucht Eure Bitten also nicht zu schreien wie ein alter Mann, der nicht mehr richtig hört.«

»Ihr untersteht Euch, mich zu beleidigen?«, fuhr Talorc auf.

»Natürlich beleidigt sie dich nicht«, mischte Cait sich hastig ein.

Emily begann, auf den Clan-Chef zuzugehen. »Nein, ich beleidige Euch nicht.«

Talorc nickte, als besänftigte ihn ihre Erklärung, aber ihre nächsten Worte ließen ihn vor Zorn erröten.

»Würde ich Euch beleidigen wollen, könnte ich mir viel schmählichere Dinge vorstellen, als Euch einen alten Mann zu nennen. Es ist eher eine Beleidigung für schwerhörige alte Männer, deren laute Stimmen mit Eurem Geschrei zu vergleichen«, erwiderte sie und nickte zur Bekräftigung.

Daraufhin brüllte Talorc wieder los, diesmal etwas über die derben Zungen englischer Frauen, woraufhin Emily laut herauslachte, weil sie es zu komisch fand, von einem so ungehobelten Flegel wie diesem unzivilisiert genannt zu werden. Auch Cait lächelte, und Emily war sicher, dass ihre neue Freundin ihre Belustigung verstand.

Talorc platzte fast vor Wut. Er packte die unverschämte Engländerin, als sie ihn erreichte, konnte sich aber gerade noch genug beherrschen, um sie nicht zu schütteln. Seine Kraft war zu tödlich, um sie gegen eine Unschuldige einzusetzen, selbst wenn diese eine renitente, kratzbürstige Engländerin war. Sie war hübsch mit ihren veilchenfarbenen Augen und weiblichen Rundungen, doch er verspürte nicht die kleinste körperliche Reaktion, als er sie berührte.

Er zog sie näher, bis ihre Schenkel sich berührten, und … nichts geschah. Kein Begehren regte sich in seinen Lenden, kein Verlangen, sich mit dieser Frau zu vereinigen. Es war genauso, wie er befürchtet hatte, als der Befehl des Königs ihn erreicht hatte. Talorc war ein Werwolf, und selbst mit einer Werwölfin als Gefährtin war die Chance auf Nachwuchs nur gering - mit einer rein menschlichen Frau war sie jedoch buchstäblich gleich null.

Nur in einer echten Bindung konnten Kinder aus einer Paarung zwischen Wolf und Mensch hervorgehen. Talorc wusste jedoch nicht, woran er erkennen könnte, ob eine Frau seine wahre Gefährtin war. Laut Aussage der Ältesten seines Rudels gab es keine Möglichkeit dazu … oder zumindest nicht bis nach der Paarung. Doch hatte diese erst einmal stattgefunden, konnte es kein Zurück mehr geben. Die Gesetze seines Rudels schrieben vor, dass der körperliche Akt eine lebenslange Bindung nach sich zog.

Einer Sache war er sich jedoch ganz sicher: Wenn es ihnen bestimmt wäre, wahre Gefährten zu sein, würde die Frau ihn körperlich zumindest reizen. Doch er begehrte sie nicht. Er bewunderte zwar ihren Mut, aber abgesehen davon war sie ihm nicht mal sympathisch. Und wie hätte es auch anders sein können? Schließlich war sie Engländerin.

Sein Vater hatte die Torheit einer ehelichen Verbindung mit den hinterlistigen Engländern am eigenen Leib erfahren. Man konnte ihnen nicht vertrauen - niemals. Er würde sich seine Gefährtin nicht von einem menschlichen König aussuchen lassen, der viel zu angetan von ihrem Feind im Süden war.

Er stieß Emily weg und sah seine Zurückweisung in der Wut ihrer lavendelfarbenen Augen reflektiert.

Die Frauen seines Clans waren nicht so undiszipliniert, aber Talorc hatte keine Lust, diese englische Wildkatze zu zähmen. »Hör zu, Frau, ich werde keine Feindin heiraten, nicht mal, um es meinem König recht zu machen.«

»Das höre ich gern«, erwiderte sie. »Ich glaube, ich wäre nämlich lieber mit einem Ziegenbock verheiratet als mit dir!«

Cait nutzte das empörte Gestammel ihres Bruders, um Emily die Treppe hinauf zu ihrem Gemach zu scheuchen. Sie schob sie schnell hinein und schloss die Tür. Dann sah sie Emily mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Erstaunen an. »Bist du verrückt?«

»Nein - und er?«

Cait lächelte. Aus dem Lächeln wurde ein Kichern, und bald schüttelten sich beide so vor Lachen, dass Emily sich aufs Bett fallen ließ und Cait sich an die Wand lehnen musste, um sich zu stützen.

»Ich kann nicht glauben, dass ich lache, obwohl mein Bruder uns nun sicher beide umbringen wird«, sagte Cait, als sie wieder zu Atem kam.

»Jetzt habe ich dich mit meinem vorlauten Mund in Schwierigkeiten gebracht, nicht wahr? Auch wenn ich nicht verstehe, wie Talorc dich nach solch kurzer Bekanntschaft für mein Benehmen verantwortlich machen könnte.«

Cait schüttelte den Kopf. »Er wird nicht wirklich böse auf mich sein, aber ich glaube, es war ihm ernst gemeint, als er sagte, er würde dich nicht heiraten.«

»Das ist ein Segen, soweit ich sehen kann«, erwiderte Emily ein bisschen schroff.

Cait stieß sich von der Wand ab, steckte ein paar lose Fältchen ihres Plaids fest und schüttelte den Kopf. »Aber was wird aus dir, wenn er dich nicht heiratet?«

Emilys Triumphgefühl verblasste. »Keine Ahnung.« In seiner gegenwärtigen Verfassung würde er ihre Schwester Abigail bestimmt nicht nachkommen lassen, damit sie bei ihnen leben konnte.

»Hast du meinem Bruder wirklich gesagt, du wärst lieber mit einem Ziegenbock verheiratet?«, fragte Cait, während sie die jetzt wieder ordentlichen Falten über ihrem vorstehenden Leib glatt strich.

Emily errötete bei der Erinnerung daran und bereute ihre unbedachten Worte nun. Sie hatte England mit der Absicht verlassen, sich im Haushalt ihres Zukünftigen so unentbehrlich zu machen, dass er ihr gestatten würde, Abigail zu sich zu holen. Jetzt jedoch sah es so aus, als würde er Emily ihres ungebührlichen Verhaltens wegen sogar selbst nach Hause schicken.

Und sie hegte keinen Zweifel, dass Abigail an ihrer Stelle hergeschickt werden würde, sogar wenn Talorc keine neue Braut verlangte. Emilys Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken.

Dann seufzte sie vor Verärgerung über sich selbst. Talorcs ungehöriges Benehmen war keine Entschuldigung dafür, dass sie derart den Kopf verlor. »Aye, das habe ich gesagt. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Sybil predigt mir andauernd, ich müsste damenhafter sein. Dein Bruder denkt wahrscheinlich auch, dass ich es nicht bin, und nichts wird seine Einstellung jetzt noch ändern können.«

Cait lachte wieder und schüttelte den Kopf. »Das ist noch untertrieben. Mein Bruder ist es schon nicht gewöhnt, dass ihm Männer widersprechen - und wenn dies auch noch eine Frau wagt, wird ihn das mit Sicherheit für lange Zeit verärgern.« Der Gedanken schien Cait etwas zu ernüchtern.

»Glaubst du, dass er mich wirklich nicht heiraten wird, auch wenn er damit dem Befehl seines Königs zuwiderhandelt?«

»Du brauchst gar nicht so erfreut zu klingen. So schlecht ist Talorc gar nicht«, erwiderte Cait mit leisem Tadel in der Stimme.

»Ja, was solltest du auch anderes sagen? Immerhin bist du seine Schwester. Und ich bin auch nicht erfreut … nicht wirklich.« Nicht, wenn ihr Verantwortungsgefühl für ihre Schwester verlangte, dass sie diesen griesgrämigen Krieger ehelichte. »Aber denkst du, er hat es wirklich so gemeint, wie er es sagte?«

»Ich weiß nicht. Talorc sagt kaum etwas, was er nicht ernst meint. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er das überhaupt schon mal getan hat«, gab Cait zu.

»Glaubst du, er wird mich nach England zurückschicken?«

Ein sorgenvoller Blick erschien in Caits Augen. »Das weiß ich wirklich nicht, Emily, aber ich persönlich will nicht, dass du gehst. Ich habe mich schon so an deine Gesellschaft gewöhnt.«

Die Frage, ob sie heimgeschickt werden würde oder nicht, war auch am nächsten Nachmittag noch nicht beantwortet. Und obwohl Emily die Highlands nur allzu gern verlassen hätte, wusste sie, dass sie Talorc, was immer er auch hinsichtlich ihrer Zukunft entschieden haben mochte, ausreden musste, sie nach England heimzuschicken. Und dass sie sich auf jeden Fall bei ihm entschuldigen musste.

Auch wenn der Gedanke, bei dem Laird zu Kreuze kriechen zu müssen, genauso unerfreulich war wie die Aussicht, seine Frau zu werden.

Aber Abigail würde ein Leben bei dem Sinclair-Clan nicht überstehen. Diese Leute steckten voller Vorurteile, und die Tatsache, dass ihre Schwester nicht nur Engländerin, sondern zudem auch noch behindert war, würde ihr das Leben unter ihnen zur Hölle machen.

Cait war der einzige Mensch innerhalb des Clans, der Emily das Gefühl vermittelte, willkommen zu sein. Alle anderen ignorierten sie oder waren von unverhohlener Feindseligkeit ihr gegenüber. Besonders die Soldaten. Es war fast so, als empfänden sie es als persönlichen Affront, dass sie dazu auserwählt worden war, ihren Laird zu heiraten. Emily kam sich wie eine Aussätzige vor, und ohne Caits Freundschaft wäre sie verzweifelt.

Als die beiden Freundinnen zu dem Bach hinuntergingen, in dem die Frauen des Clans ihre Wäsche wuschen, wurden sie mit bösen Blicken empfangen. Niemand schenkte ihnen auch nur ein winziges Lächeln. Emily tat ihr Bestes, die Wellen der Feindseligkeit, die ihr entgegenschlugen, zu ignorieren, und begann, ihre von der Reise verschmutzten Kleider zu waschen. Aber die Clan-Frauen zogen sich eine nach der anderen vom Bach zurück und ließen in aller Deutlichkeit erkennen, dass sie nicht von ihrer Gegenwart beschmutzt werden wollten. Bittere Tränen stiegen Emily in die Augen.

»Verhalten sie sich allen Außenseitern gegenüber so?«, fragte sie Cait, während sie blinzelte, um ihre Tränen zu verdrängen und so zu tun, als kümmerte es sie nicht.

»Nein. Einer unserer Krieger hat sich gerade mit einer Frau aus dem Balmoral-Clan zusammengetan, und die anderen Frauen haben sie sehr freundlich aufgenommen.« Cait seufzte. »Ich befürchte, dass sich die Nachricht von deiner Konfrontation mit meinem Bruder schon unter den anderen herumgesprochen hat. Sie sind ihrem Laird alle sehr treu ergeben.«

»Und ich habe ihn einen Ziegenbock genannt.«

»Nicht wirklich«, sagte Cait mit einem Lächeln.

»Auch du bist deinem Bruder treu ergeben, doch du hasst mich nicht, oder?«, hakte Emily nach, als ihr der Gedanke kam, dass Caits gutes Herz zwar Mitgefühl empfinden mochte, sie Emily aber trotzdem genauso ablehnen könnte wie der Rest des Clans.

»Natürlich nicht! Und die anderen Frauen werden es auch nicht tun, wenn sie dich erst einmal richtig kennengelernt haben.«

»Obwohl er mich seine Feindin genannt hat?«

Cait zuckte mit den Schultern. »Du bist ja auch Engländerin.«

»Und folglich der Feind?«

Die andere Frau seufzte traurig. »Ja, aber es ist mehr als das. Vielleicht hätte ich es dir besser gleich sagen sollen. Nur hatte ich gehofft, dass Talorc lernen würde, dies alles vernünftiger zu sehen.«

»Was vernünftiger zu sehen?«

»Dass unser Vater mit einer Engländerin verheiratet gewesen war.«

»Eure Mutter war Engländerin?«

»Nein. Sie ist gestorben, als ich noch sehr klein war. Unser Vater hat wieder geheiratet, als Talorc vierzehn war. Ich war damals fünf. Die Frau war sehr schön, jedoch nicht vertrauenswürdig. Sie waren erst drei Jahre verheiratet, als sie unseren Vater an einen landgierigen englischen Baron verraten hat. Ihr Verrat kostete unseren Vater und viele unserer Clan-Angehörigen das Leben. Talorc hat die Tat nie vergeben oder vergessen.«

»Das kann ich mir vorstellen, aber glaubt er wirklich, ich würde ihn auch verraten? Nur weil ich eine Engländerin bin?«

Cait wandte den Blick ab. »Ja.«

Am nächsten Morgen sprach Emily Talorc an. Sie wusste, dass sie sich bei ihm entschuldigen musste, also konnte sie es auch gleich hinter sich bringen. Außerdem wollte sie, dass er ihr erlaubte, zu dem kleinen See zu gehen, von dem Cait ihr erzählt hatte.

Sie sehnte sich danach, ein Bad zu nehmen, und wollte keine Wiederholung des Vortages erleben. Aber natürlich würde sie Talorc nichts von dem eigentlichen Zweck des Ausfluges erzählen.

»Was wollt Ihr?«, fragte er barsch.

»Ich möchte mich entschuldigen … dafür, dass ich gesagt habe, ich würde lieber einen Ziegenbock heiraten als Euch.«

»Warum?«

»Weil ich wütend auf Euch war.«

»Ich weiß, warum Ihr mich beleidigt habt. Doch weshalb entschuldigt Ihr Euch dafür?«

»Weil bei einer mit Beleidigungen begonnenen Ehe wenig Hoffnung auf Harmonie besteht.«

»Ich sagte doch schon, dass es keine Ehe geben wird.«

»Aber Euer König …«

» … wird einen so belanglosen Befehl zu gegebener Zeit wieder vergessen.«

»Ihr glaubt, ein Befehl zu heiraten sei bedeutungslos?«

»Ja.«

»Verstehe. Und was gedenkt ihr dann, mit mir zu tun?«

Er zuckte mit den Schultern, als wäre ihre Zukunft völlig nebensächlich. Was sie für ihn bestimmt auch war. Aber Emily konnte nicht so emotionslos sein. »Ich will nicht, dass Ihr mich nach Hause schickt.«

»Ihr lügt wie alle Engländer.«

»Ich lüge nicht.«

»Ihr wollt doch gar nicht hier leben.«

»Das ist wahr.«

»Also lügt Ihr.«

»Das tue ich nicht.« Sie sah keine andere Möglichkeit, als ihm von Abigail zu erzählen.

»Dann kamt Ihr also in der Hoffnung her, Eure Schwester davor zu bewahren, meine Frau werden zu müssen?«

»Ja.«

»Das ist lobenswert.« Er sagte es nur widerstrebend, doch er schaute sie zumindest nicht mehr ganz so finster an.

»Abigail ist ein sehr sensibles, zerbrechliches Geschöpf. Sie würde die Kälte Eures Clans einer englischen Braut gegenüber nicht verstehen.«

»Aber Ihr schon?«

Absolut nicht, dachte Emily, doch sie wollte nicht die kleine Verständigung gefährden, die sie erreicht hatten, indem sie das eingestand. »Ich will nur nicht, dass meiner Schwester wehgetan wird.«

»Ich werde ihr nicht wehtun.«

»Dann schickt Ihr mich also nicht zurück?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden.«

Er erhob sich, als wollte er gehen, und Emily begriff, dass ihr Gespräch beendet war. Schnell brachte sie noch ihre Bitte wegen des Sees vor. Talorc antwortete nicht direkt, wies jedoch einen jungen Soldaten an, sie zu begleiten, womit er einerseits seine stillschweigende Zustimmung zu erkennen gab und andererseits, wie unwichtig Emily seiner Einschätzung nach war, da er keinen erfahrenen Krieger zu ihrer Begleitung abstellte.

Aber er schien zumindest das mit Abigail verstanden zu haben, was immerhin schon etwas war. Als Cait hörte, wohin Emily wollte, bestand die junge Frau darauf, sie zu begleiten.

Nach einem halbstündigen Spaziergang erreichten sie den See. Cait befahl dem jungen Soldaten, mit abgewandtem Gesicht auf der anderen Seite eines Gebüschs zu warten. Als der Junge merkte, dass die beiden Frauen baden wollten, bekam er einen puterroten Kopf und beeilte sich, der Schwester seines Clan-Chefs zu gehorchen.

Wie immer achtete Emily darauf, im flachen Wasser zu bleiben, und lehnte Caits Aufforderung, mit ihr hinauszuschwimmen, innerlich erschaudernd ab. Der Gedanke, sich in tieferes Wasser zu begeben, verursachte ihr Übelkeit wie immer, doch sie war stolz darauf, wie gut sie das verbergen konnte.

Emily und Cait hatten ihr Bad beendet und zogen sich gerade wieder an, als Cait sich urplötzlich versteifte. Dann drehte sie sich zu der Stelle um, an der der Soldat wartete, und kniff die Augen zusammen, um durch das dichte Unterholz zu spähen.

»Was ist?«, fragte Emily. »Er beobachtet uns doch wohl nicht, oder?«

Cait schüttelte den Kopf und legte warnend einen Finger an ihre Lippen. Emily konnte sich nicht vorstellen, was sie so erregte, aber sie kam Caits Aufforderung nach und zog sich so leise wie nur möglich an. Schweigend und mit besorgter Miene tat Cait es ihr nach.

Emily wurde ganz starr vor Anspannung, als sie das kleine Messer, das sie bei den Mahlzeiten benutzte, aus ihrem Gürtel zog. Ihr Blick war auf das nur wenige Schritte vom Seeufer entfernte Unterholz geheftet, wo auch Cait hinschaute, obwohl Emily keine Ahnung hatte, wonach sie Ausschau hielten. Nach einem wilden Tier vielleicht? Aber sie hatte nichts gehört, und ihr Gehör war ausgezeichnet.

Die Antwort erhielt sie eine Sekunde später, als fünf hünenhafte Krieger in dunkelblau, grün und gelb karierten Plaids und mit makaberen blauen Mustern in ihren Gesichtern aus dem Wald heraustraten. Sie ritten die größten Pferde, die Emily je gesehen hatte - und dazu noch ohne Sattel.

3. Kapitel

Emily glaubte, auf alles vorbereitet gewesen zu sein in diesem Hochland, doch darauf war sie nicht gefasst. Hätte ihr am Tag zuvor jemand gesagt, es gebe noch Furcht erregendere Krieger als die Sinclairs, hätte sie ihn ausgelacht. Aber jetzt war ihr gar nicht zum Lachen zumute.

Oh nein. Das Einzige, woran sie denken konnte, war zu beten.

Die hünenhaften Männer, deren grimmige Gesichter durch die blaue Kriegsbemalung sogar noch einschüchternder wirkten, ritten auf Cait und sie zu. Das Furchteinflößendste an ihnen war jedoch nicht so sehr die Tatsache, dass sie noch größer als die Sinclair-Krieger waren, sondern vielmehr ihre Haltung - diese Arroganz, als gehörte ihnen die ganze Welt, mit allem, was sich darauf bewegte.

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