Logo weiterlesen.de
Lockruf der Versuchung

1. KAPITEL

Langsam ließ Stone Westmoreland den Blick über die Frau neben sich gleiten. Sie hatte ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt und klammerte sich nun mit geschlossenen Augen an ihn. Offensichtlich litt sie unter Flugangst. Sie fürchtete wohl, das Flugzeug würde jeden Moment abstürzen.

Ihr Atem ging keuchend. Als erlebte sie soeben den besten Orgasmus ihres Lebens. Schon der Gedanke erregte ihn … Und die Berührung löste ein sehnsüchtiges Ziehen in ihm aus, das von Sekunde zu Sekunde intensiver wurde.

Leise seufzend lehnte Stone sich zurück und schloss die Augen, während das Flugzeug Atlanta hinter sich ließ und Kurs auf Montana nahm. Als Bestsellerautor, gefangen zwischen seinen Geschichten und den Abgabeterminen der Verlage, war es lange her, dass er sich auf eine Frau eingelassen hatte. Nun genügte eine unbewusste Berührung, um heftiges Verlangen in ihm zu entfachen.

Er atmete tief durch. Es würde ihm guttun, den nächsten Monat auf der Ranch seines Cousins zu verbringen. Er musste den Kopf freibekommen und sein neues Buch planen. Durango und er, beide dreiunddreißig Jahre alt, hatten sich immer sehr nahegestanden. Außerdem war da noch sein Onkel Corey, der nicht weit von Durango entfernt in den Bergen lebte, und sich im Alter von vierundfünfzig Jahren von seiner Arbeit als Ranger zurückgezogen hatte.

Stone erinnerte sich an wunderbare Sommer, die er mit seinen Geschwistern und Cousins bei Onkel Corey verbracht hatte. Der Ranger hatte nie geheiratet. Keine Frau, die nicht zur Familie gehörte, hatte jemals seine Ranch auf dem Berg betreten. Corey behauptete von sich selbst, ein Eigenbrötler zu sein, dessen Lebensstil sich nicht mit der Ehe vereinbaren ließ.

Jetzt wanderten Stones Gedanken zu seinen Brüdern. Die beiden älteren hatten inzwischen geheiratet, und nun wartet die ganze Familie darauf, dass Stone auch endlich vor den Traualtar trat.

Nein. Eher würde die Hölle zufrieren.

Das Junggesellendasein gefiel ihm. Sicher, seine Schwägerinnen waren alle tolle Frauen, doch genau wie Onkel Corey hatte er schon vor langer Zeit beschlossen, dass die Ehe nichts für ihn war. Stone scheute sich davor, Verantwortung zu übernehmen. Jedenfalls diese Art von Verantwortung, die mit Frau und Kindern einherging. Lieber genoss er die Freiheit, zu tun und zu lassen, was immer er wollte.

Sein Status als gefeierter Autor von Action-Thrillern ermöglichte ihm diesen Luxus. Er reiste um die Welt, recherchierte für seine Bücher, war vollkommen ungebunden. Frauen betrachtete er als reizvollen Zeitvertreib, und meistens war es nicht schwierig, jemanden für eine kurze Affäre zu finden. Doch immer bestimmte Stone die Regeln.

Er musste an Mark denken, einen guten Autorenfreund. Der hatte sich nach seiner Heirat vollkommen verändert. Schreiben war plötzlich nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens. Es war fast, als hätte Mark durch die Ehe seine Identität eingebüßt.

Allein bei der Vorstellung, dass eine Beziehung auch seine Leidenschaft fürs Schreiben dämpfen könnte, bekam Stone Beklemmungen. Seit er mit dreiundzwanzig sein erstes Buch veröffentlicht hatte, war Schreiben sein Lebensinhalt. Und er hatte nicht vor, das jemals zu ändern.

Dennoch beschloss Stone, die Frau neben sich genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie war wirklich hinreißend. Ihr braunes Haar fiel glatt bis über die Schultern, ihr Teint war auffallend makellos. Die hohen Wangenknochen, die fein geschnittene Nase und die sanft geschwungenen Lippen ließen sie sehr apart aussehen. Das dezente Make-up unterstrich ihre natürliche Schönheit.

Stone blickte auf ihre Hände. Sie trug keinen Ring.

In diesem Moment geriet das Flugzeug in leichte Turbulenzen, und die Frau umklammerte sein Bein fester. Stone presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Finger vom intimsten Teil seines Körpers. Okay, sie wollte ihn ganz sicher nicht absichtlich dort berühren, trotzdem …

Vorsichtig beugte Stone sich zu ihr hinüber. Er nahm den zarten Duft ihres Parfüms wahr, fühlte sich einen Moment versucht, seine Lippen auf die samtige Haut ihres Halses zu drücken.

Stone riss sich zusammen. Seit wann machte ihn allein der Anblick von nackter Haut scharf? Er war nie verrückt danach gewesen, eine Frau ausgiebig zu spüren, sie zu kosten und mit den Lippen jeden Zentimeter ihrer Haut zu erforschen!

Bis jetzt.

Hastig verdrängte er den Gedanken. Dann beugte er sich noch ein Stück näher zu der jungen Frau hinüber und flüsterte: „Die Turbulenzen sind vorbei. Sie können mich jetzt loslassen.“

Überrascht öffnete sie die Augen, wandte den Kopf und sah ihn an. In diesem Augenblick wünschte sich Stone, er hätte sie niemals angesprochen. Sie hatte die schönsten braunen Augen, die er sich vorstellen konnte. Heftiges Verlangen durchströmte seinen Körper und raubte ihm den Atem.

Ihr Blick wanderte zu ihrer rechten Hand, die noch immer auf seinem Oberschenkel ruhte. Hastig zog sie sie zurück. „Oh, das tut mir leid! Ich wollte Sie nicht – ich dachte, meine Hand läge auf der Lehne. Verzeihen Sie bitte!“

Ihr war deutlich anzumerken, wie peinlich ihr die Situation war. Stone unterdrückte ein Lächeln. Er mochte ihren Tonfall, der so ganz anderes klang als sein Südstaatenslang. Sie stammte sicher aus dem Norden.

Lässig winkte er ab. „Es ist ja nichts passiert. Ich heiße übrigens Stone Westmoreland“, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Noch immer lag ein Hauch von Verlegenheit auf ihrem hübschen Gesicht, doch sie erwiderte seinen Händedruck überraschend fest. „Und ich bin Madison Winters“, stellte sie sich vor.

Er schenkte ihr ein warmherziges Lächeln. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Madison. Ist das hier Ihr erster Flug?“

Sie schüttelte den Kopf und ließ seine Hand los. „Nein, ich habe nur entsetzliche Flugangst. Wann immer möglich, meide ich Flugzeuge. In diesem Fall ging es leider nicht anders.“

Stone nickte verständnisvoll. „Und woher kommen Sie?“ Er konnte sich die Frage nicht verkneifen. Ihre weiche Stimme mit dem wunderschönen Akzent hatte ihn so verzaubert, dass er sich einfach nur wünschte, sie möge immer weitersprechen.

„Ich lebe in Boston.“

Wieder nickte er. „Ich stamme aus der Gegend um Atlanta“, erzählte er, um das Gespräch im Gang zu halten. Warum er das wollte, hätte er nicht mit Bestimmtheit sagen können. Eins stand jedenfalls fest, diese Frau war definitiv interessant.

„Ich mag Atlanta“, erwiderte sie bereitwillig. „Ich war einmal mit meiner Klasse dort.“

Er hob fragend die Brauen. „Ihre Klasse?“

Als sie lächelte, machte sein Herz einen Sprung.

„Ja, ich bin Musiklehrerin.“

Stone war überrascht. Für eine Künstlerin hatte er sie nicht gehalten. „Sicher ein interessanter Job.“

Ihr Lächeln wurde noch strahlender. „Stimmt, das ist es. Ich liebe meine Arbeit.“

Leise lachte er auf. „Ja, heutzutage ist es eher eine Seltenheit, wenn jemand in seinem Job glücklich ist.“

Sie musterte ihn forschend. „Und Sie? Was machen Sie beruflich?“

Er zögerte kurz. Als Bestsellerautor benutzte er ein Pseudonym, um seine Privatsphäre zu wahren. Doch aus unerfindlichen Gründen hatte er das Gefühl, ihr gegenüber ehrlich sein zu wollen. „Ich bin Schriftsteller.“

Das schien ihr offenbar zu gefallen. „Oh, wie wundervoll. Schade, ich kann mich nicht erinnern, ein Buch von Ihnen gelesen zu haben. Worüber schreiben Sie?“

Stone schmunzelte. „Ich schreibe Action-Thriller. Vielleicht sagt Ihnen mein Pseudonym etwas. Rock Mason.“

Sie blinzelte, zog scharf den Atem ein. „Sie sind Rock Mason? Der Rock Mason?“

Jetzt grinste er verschmitzt. „Ja, genau der.“

„Wirklich? Meine Mutter hat jedes ihrer Bücher verschlungen! Sie ist ein Riesenfan von Ihnen.“

„Und Sie? Haben Sie meine Bücher gelesen?“

Sie senkte den Blick. „Nein, tut mir leid. Ich habe einfach keine Zeit für so etwas. Aber Sie sollen ein begnadeter Schriftsteller sein.“

„Vielen Dank.“

„Sie haben eine Menge Bewunderer in Boston. Waren Sie jemals dort?“

„Ja, vor einigen Jahren hatte ich eine Signierstunde in einem Buchladen. Boston ist eine sehr schöne Stadt.“

Madisons Gesicht leuchtete auf. „Ja, das stimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Zwar hatte ich die Wahl zwischen verschiedenen Universitäten, aber ich wollte nicht weg von Zuhause.“

In diesem Moment servierte die Stewardess ihnen Getränke und Snacks.

Kaum war sie weitergegangen, setzte Stone das Gespräch fort. „Und jetzt fliegen Sie also nach Montana. Geschäftlich?“, erkundigte er sich, während er fasziniert zusah, wie sie ein Stück von ihrem Kuchen abbiss. Erneut durchfuhr Stone heißes Begehren.

Und wie sie ihren Kaffee trank, genüsslich, mit geschlossenen Augen, als wäre es das Beste, das sie jemals gekostet hatte …

Madisons Miene umwölkte sich. „Nein“, sagte sie zögernd, „meine Reise ist privat.“ Sie musterte ihn kurz prüfend. „Ich fliege nach Montana, um meine Mutter zu suchen.“

Stone horchte überrascht auf. „Ihre Mutter ist verschwunden?“

Seufzend lehnte Madison sich in ihrem Sitz zurück. „Ja. Vor zwei Wochen ist sie mit einer Frauenreisegruppe von Boston nach Montana geflogen. Sie wollten eine Tour durch den Yellowstone Nationalpark machen.“ Mit gesenktem Kopf, den Blick gedankenverloren auf ihren Kaffeebecher geheftet, fügte sie hinzu: „Alle Frauen sind zurückgekommen – bis auf meine Mutter.“

Ihre Stimme spiegelte deutlich wider, wie beunruhigt sie war. Kein Wunder! „Haben Sie inzwischen was von ihr gehört?“

„Ja. Sie hat mir auf den Anrufbeantworter gesprochen und gesagt, dass sie ihren Urlaub um zwei Woche verlängern möchte.“

Madison wunderte sich selbst, dass sie Stone all diese privaten Informationen anvertraute. Schließlich war er ein völlig Fremder für sie. Doch sie brauchte jemanden zum Reden. Und Stone Westmoreland schien ein guter Zuhörer zu sein.

„Sie hat einfach nur ihren Urlaub verlängert, und Sie fliegen jetzt hin, um das zu überprüfen? Verstehe ich Sie richtig?“

Madison erkannte an seinem Tonfall, dass er eben nicht verstand, worum es ging. „Na ja“, erwiderte sie leise. „Wie es aussieht, ist ein Mann im Spiel.“

Er nickte. „Oh. Jetzt hab ich’s begriffen.“

Nein, hatte er nicht. Madison fuhr fort: „Wahrscheinlich denken Sie, ich übertreibe, dass es keinen Grund gibt, beunruhigt zu sein, Mr Westmoreland. Aber …“

„Nennen Sie mich einfach Stone. Bitte.“

„Ok.“ Ein zaghaftes Lächeln legte sich um ihre Lippen, und sie atmete tief durch. „Meine Zweifel sind leider begründet, Stone. Noch nie in ihrem Leben hat meine Mutter sich so verhalten.“

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Und Sie fürchten jetzt, irgendwas an der Sache ist faul?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube eher, sie macht eine Art Midlife-Crisis durch. Vor ein paar Monaten ist sie fünfzig geworden. Bis dahin war eigentlich alles in Ordnung.“

Stone nahm einen Schluck Kaffee. Er erinnerte sich an die Zeit, als seine Mutter fünfzig geworden war. Sie hatte beschlossen, eine Weiterbildung zu machen, und einen Job angenommen. Sein Vater hatte sich mit dieser Entscheidung schwergetan. Doch nichts hatte sie stoppen können.

Das Verhalten von Madisons Mutter erschien ihm vollkommen normal. Wenn es sie glücklich machte, mit einem Mann in der Wildnis unterzutauchen, dann sollte sie das tun. Aber nach Madisons besorgtem Gesichtsausdruck zu urteilen, war die junge Frau da anderer Meinung.

„Angenommen, Sie finden sie“, wollte Stone wissen. „Was haben Sie dann vor?“

„Ich werde ein ernstes Wörtchen mit ihr reden.“ Madison presste die Lippen zusammen. „Wissen Sie, mein Vater starb schon vor zehn Jahren an einem Herzinfarkt. Seitdem ist meine Mutter alleinstehend. Eigentlich ist sie der vernünftigste Mensch, den Sie sich vorstellen können. Dass sie einfach so mit einem Mann durchbrennt, den sie gerade erst kennengelernt hat, passt einfach nicht zu ihr.“

In Stone erwachte der Action-Thriller-Autor. „Sind Sie sicher, dass sie freiwillig mit ihm gegangen ist?“

Madison trank einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee. „Ja, es gibt Zeugen. Unter anderem die Frauen aus der Reisegruppe. Sie sagten, meine Mutter hätte einfach eines Morgens ihre Sachen gepackt und ihnen mitgeteilt, dass sie den Rest des Urlaubs mit diesem Mann verbringen würde. Ich habe das natürlich nicht geglaubt.

Inzwischen hatte sie sich richtig in Rage geredet. „Wahrscheinlich hätte ich das FBI eingeschaltet, wenn ich nicht ihre Nachricht auf dem Anrufbeantworter gehört hätte. Dummerweise war ich zu der Zeit nicht zu Hause, also konnten wir nicht miteinander sprechen. Sie klang gut gelaunt und beruhigte mich, dass ich mir keine Sorgen zu machen bräuchte. Aber natürlich mache ich mir Sorgen!“

Daran zweifelte Stone keine Sekunde. „Kann Ihre Mutter denn einfach so länger von ihrer Arbeit fernbleiben?“, erkundigte er sich verblüfft.

„Ja, sie leitet eine ambulante Pflegestation für Senioren. Es ist ihre eigene Firma, und sie hat jede Menge kompetenter Mitarbeiter. Sie muss nicht unbedingt dort sein. Im Grunde verbringt sie ohnehin die meiste Zeit mit der Organisation von Spendenveranstaltungen.“

„Wissen Sie denn überhaupt, wo Sie suchen wollen? Montana ist riesig, das ist Ihnen klar, oder?“

„Ich habe mir ein Zimmer auf der Silver Arrow Ranch reserviert, einem Touristenressort in der Nähe von Bozeman. Kennen Sie es?“

Stone lächelte in sich hinein. Ja, er kannte die Silver Arrow Ranch. Sie lag nicht weit von Durangos Ranch entfernt. Was bedeutete, dass Madison und er noch eine Weile miteinander zu tun haben würden. Eine erfreuliche Vorstellung.

Yep, kenne ich. Ich wohne nämlich ganz in der Nähe der Ranch. Wir beide werden also für eine Weile Nachbarn sein.“

Ihre Miene leuchtete auf, als würde diese Nachricht sie freuen.

„Ich werde eine Tour in die Berge machen“, informierte sie ihn.

Stone zog die Stirn kraus. „In die Berge? Warum?“

„Dorthin hat der Mann meine Mutter mitgenommen. Er lebt da anscheinend.“

„Tatsächlich? In den Bergen?“, hakte er nach kurzem Schweigen nach.

Er hatte immer gedacht, sein Onkel Corey wäre der Einzige in der Gegend, der genug Mumm besaß, so weit abseits jeglicher Zivilisation zu leben.

„Ja. Alles, was ich weiß, ist, dass er irgendwo auf diesem riesigen Berg wohnt. Früher war er wohl Ranger im Nationalpark. Ich kenne seinen vollen Namen nicht, aber er scheint sehr bekannt in der Gegend zu sein. Irgendwas mit Carl, Cole oder so.“

Stone verschluckte sich an seinem Kaffee und hustete heftig.

„Alles in Ordnung?“, fragte Madison besorgt.

Er war sich nicht sicher. Die Beschreibung des Mannes, mit dem Madisons Mutter ihren zweiten Frühling genoss, klang ganz nach seinem Onkel Corey. Unmöglich, das konnte nicht sein. Corey nahm keine Frau mit auf seinen Berg!

Stone räusperte sich. Er suchte Madisons Blick, in der Hoffnung, sich verhört zu haben. „Habe ich Sie richtig verstanden? Dieser Mann in den Bergen, der früher Ranger war … das ist der Mann, mit dem Ihre Mutter durchgebrannt ist?“

Madison tupfte sich den Mund mit einer Papierserviette ab. „Ja, klingt absurd, oder? Können Sie sich das vorstellen?“

Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dachte Stone. Ganz sicher meinten sie nicht dieselbe Person. Das war vollkommen ausgeschlossen. Oder?

Er bedachte Madison mit einem nachsichtigen Lächeln. „Nein, das übersteigt wirklich meine Fantasie.“

2. KAPITEL

Ich muss ihn zu Tode gelangweilt haben, dachte Madison, während sie Stone unauffällig von der Seite musterte. Ihr Gespräch war irgendwann im Sande verlaufen. Jetzt hatte er die Augen geschlossen und sich in seinem Sitz zurückgelehnt. Sie konnte nicht erkennen, ob er schlief oder einfach nur tief in Gedanken versunken war. Doch sie nutzte die Gelegenheit, ihn genauer zu mustern.

Wenn man einen Mann als anziehend bezeichnen konnte, dann traf diese Beschreibung auf ihn zu. Breite Schultern, schmale Hüften. Doch am meisten faszinierten Madison die mandelförmigen Augen. Eine Farbe wie dunkler Samt, und sein Blick schien bis auf den Grund ihrer Seele vorzudringen.

Madison ertappte sich dabei, wie sie wünschte, er würde sie noch einmal ansehen, damit sie in diesen dunklen Tiefen versinken konnte.

Sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen wurde von kurz geschnittenen schwarzen Locken umrahmt. Beim Anblick seiner sinnlichen Lippen hatte Madison das Gefühl, förmlich dahinzuschmelzen. Wie es sich wohl anfühlen würde, mit den Fingerspitzen ganz sachte über seine glatte Haut zu streichen?

Zum ersten Mal in ihrem Leben saß Madison in einem Flugzeug, ohne dass die Angst vor einem Absturz sie regelgerecht paralysierte. Und das hatte sie Stone zu verdanken, der ihre gesamte Aufmerksamkeit gefangennahm.

Normalerweise war sie nicht der Typ für einen Flirt. Nicht nach dem, was Cedric ihr angetan hatte. Herauszufinden, dass der Mann, den man heiraten wollte, eine Affäre hatte, war hart gewesen. Seitdem war Madison fest entschlossen, niemanden mehr an sich heranzulassen. Manche Menschen waren einfach dafür bestimmt, allein zu bleiben. Mit dieser Vorstellung hatte sie sich notgedrungen arrangiert.

Gedankenverloren ließ sie sich in den Sitz zurücksinken. War ihre Mutter einfach zu lange allein gewesen? Lag es vielleicht daran, dass sie mit irgendeinem Kerl durchgebrannt war, den sie kaum kannte?

Madison wusste, die Ehe ihrer Eltern war nicht besonders glücklich verlaufen. Doch auch nach dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren hatte Abby Winters sich nicht für andere Männer interessiert. Was also hatte dieser eine Mann jetzt an sich, dass sie ihm sogar in die Berge folgte?

Madison unterdrückte ein Seufzen. Die Midlife-Crisis, ganz eindeutig. Nachdem sie diese Diagnose gestellt hatte, überlegte Madison, was sie ihrer Mutter sagen würde, sobald sie ihr gegenüberstand.

Auf diese Frage fand sie nicht wirklich eine Antwort. Doch eins war klar: Erwachsene Frauen, die mitten im Leben standen, liefen nicht einfach so mit dem Erstbesten davon!

Sie selbst war fünfundzwanzig. Und sie würde niemals etwas mit einem Mann anfangen, den sie nicht kannte. Nicht einmal, wenn er so umwerfend gut aussah wie Stone. Madison musterte den Mann neben sich aus dem Augenwinkel. Widerstrebend musste sie sich eingestehen, dass die Vorstellung, mit ihm durchzubrennen, durchaus verlockend war.

Sehr verlockend sogar.

Rasch schob sie den Gedanken zur Seite. Eine übergeschnappte Frau in der Familie war mehr als genug.

Und wenn sie wirklich Onkel Corey gemeint hat?

Wieder und wieder grübelte Stone über diese Möglichkeit nach. Er gab vor, zu schlafen, damit Madison seine Unruhe nicht bemerkte. Ob er Durango anrufen sollte? Sein Cousin, der inzwischen ebenfalls als Park Ranger arbeitete, wusste sicher mehr.

Hm, solange Madison neben ihm saß, war das nicht möglich. Sie würde jedes Wort mithören. Also musste er bis nach der Landung warten. Und er hoffte inständig, dass es nicht nur einen ehemaligen Ranger in den Bergen gab, dessen Name mit C begann …

Stone atmete tief durch. Da roch er es wieder. Einen Hauch von Madisons Parfüm. Wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, musste er zugeben, dass sie seinen Puls vom ersten Moment an zum Rasen gebracht hatte. Noch vor dem Start des Flugzeugs. Er hatte versucht, sich abzulenken, nicht auf die attraktive junge Frau neben sich zu achten. Und dann hatte sie ihn versehentlich berührt.

Ihn elektrisiert.

Dieser Flug würde ihm definitiv in Erinnerung bleiben.

Stone öffnete die Augen und blickte zu Madison hinüber. Sie schien zu schlafen. Ihr Atem ging tief und gleichmäßig. Es sah aus, als hätte sie ihre Flugangst überwunden. Ein wehmütiges Lächeln legte sich um seine Lippen. Ein wenig erinnerte sie ihn an seine kleine Schwester Delaney.

Mit fünf älteren Brüdern und sechs älteren Cousins war Delaney sehr behütet aufgewachsen. Nach ihrem Abschluss an der medizinischen Fakultät hatte sie überraschend einen arabischen Scheich kennengelernt. Die beiden hatten sich ineinander verliebt, und jetzt lebte Delaney als Prinzessin im Mittleren Osten. Gelegentlich besuchte sie ihre Familie in den Staaten und arbeitete in einem Krankenhaus in Kentucky, um ihre medizinische Ausbildung abzuschließen.

Stone versuchte, sich in dem engen Sitz so gut wie möglich auszustrecken. Gerne hätte er seine verspannten Muskeln ein wenig gelockert, doch er fürchtete, Madison aufzuwecken. Fasziniert ließ er den Blick über ihre harmonischen Züge gleiten. Sie war wirklich die schönste Frau, die ihm jemals begegnet war.

Und nein, bevor er keine konkreten Informationen von Durango hatte, wollte er lieber nicht weiter über ihre Mutter und den ominösen Ranger nachdenken.

Die Landung verlief ohne Probleme. Madison atmete auf, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Sie löste gerade den Anschnallgurt, als sie Stone fragen hörte:

„Brauchen Sie Hilfe?“

Rasch wandte sie den Kopf und begegnete seinem Blick. Ihr Herz hüpfte vor Freude.

„Nein, vielen Dank. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, warte ich lieber, bis der erste Ansturm vorbei ist. Aber ich lasse Sie gerne vorbei.“

„Ich habe es nicht eilig. Mein Cousin ist wahrscheinlich sowieso noch nicht da. Er ist nie pünktlich.“

Sein Lächeln ließ Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen. Schnell blickte Madison zur Seite und beobachtete, wie die Passagiere das Flugzeug verließen. Sie sollte sich ein Beispiel an ihnen nehmen. Je eher sie sich von Stone Westmoreland verabschiedete, desto besser für ihren Seelenfrieden. Dieser Mann wirbelte ihre Gedanken durcheinander. Das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen, musste sich einzig und allein darauf konzentrieren, ihre Mutter zu finden.

„Wissen Sie schon, wie Sie zur Silver Arrow Ranch kommen?“

Wieder begegneten sich ihre Blicke. „Ja. Jemand wird mich abholen.“

Stone nickte. „Wie schade. Wir hätten sie mitnehmen können. Ich bin sicher, Durango hätte nichts dagegen, und die Ranch liegt auf dem Weg.“

„Durango?“, fragte Madison nach.

Stone lächelte. „Ja, mein Cousin. Er ist Ranger im Yellowstone Nationalpark.“

Überrascht schnappte Madison nach Luft. „Er ist Ranger? Dann kennt er vielleicht den Mann, mit dem meine Mutter auf und davon ist!“, meinte sie aufgeregt.

Ja, wahrscheinlich sogar besser, als du dir vorstellen kannst …

Den Gedanken behielt Stone wohlweislich für sich. „Möglicherweise“, erwiderte er schließlich einsilbig.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich ihn gerne fragen.“

„Natürlich, kein Problem.“ Stone hoffte nur, dass er vorher Gelegenheit hatte, unter vier Augen mit Durango zu sprechen.

Madison öffnete die Gepäckklappe über den Sitzen und nahm eine Tasche heraus. „Dann lassen Sie uns gehen.“

Stones Blick blieb an der Tasche hängen. Eine Nobelmarke, wenn ihn nicht alles täuschte. Er lächelte in sich hinein. Erinnerte sich daran, wie Delaney einmal behauptet hatte, man könne die Klasse einer Frau an ihrer Tasche erkennen. Wenn das stimmte, war Madison Winters ein Juwel.

Der schmale Gang zwischen den Sitzreihen bis in den vorderen Teil der Maschine schien kein Ende zu nehmen. Als Madison das Gedränge vor der Flugzeugtür erreichte, stoppte sie abrupt. Sofort legte Stone stützend seine Hände um ihre Taille.

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Dankeschön.“

„Es ist mir eine Freude.“

Madison erschauerte leise. Es fühlte sich gut an. Seine starke, muskulöse Brust so dicht an ihrem Rücken. Die Berührung seiner Hände, die Wärme und Sicherheit versprach.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lockruf der Versuchung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen