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Lockende Versuchung

1. KAPITEL

Oktober des Jahres 1742

„Liebe Gemeinde.“ Die hohe, fast pfeifende Stimme des Kuraten hallte im Gewölbe der leeren Kirche St. Martin im Felde, eine bei der eleganten Welt Londons derzeit bevorzugte Andachtsstätte. „Wir sind hier im Angesicht Gottes versammelt, um diesen Mann und diese Frau in den heiligen Bund der Ehe zusammenzufügen, einen ehrenwerten Stand …“

Einen ehrenwerten Stand? Julianna Ramsay konnte ein bitteres Lachen nur mühsam zurückhalten. Ein Bund – oder besser eine Bindung – sicherlich. Am liebsten hätte sie dem Geistlichen das Gebetbuch aus den plumpen Fingern gerissen und durch eines der hohen Fenster hinter dem Altar geschleudert.

„Wenn einer unter euch ist, der ernsthafte Gründe gegen diese Eheschließung vorzubringen hat, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.“

Hart schloss sich Jeromes derbe Hand um Juliannas schlanken Arm. Zornig streifte sie den von der durchzechten Nacht noch deutlich gezeichneten Stiefbruder mit einem raschen Seitenblick. In seinen dunklen Augen spiegelte sich die ganze Bosheit und Mitleidlosigkeit seiner Seele wider.

Er schien ihren Blick zu spüren, denn seine Lippen verzogen sich zu einem hämischen Grinsen. Nur immer zu, Schwester, schien er sagen zu wollen, gönne dir ruhig einen hysterischen Wutanfall. Dann wird man dich in die dunkelste Zelle des Irrenhauses von Bedlam einschließen, noch ehe der Tag vorüber ist.

Verzweifelt kämpfte Julianna bei diesem Gedanken um ihre Selbstbeherrschung. Sie presste die Lippen aufeinander, um ihren wütenden Protest zu unterdrücken, und ihre Miene glich den erstarrten Zügen auf den marmornen Gesichtern der Grabdenkmäler an den Wänden. Diesen Gefallen werde ich dir nicht tun, Jerome, dachte sie verächtlich, während sie dem fragenden Blick des Geistlichen auswich.

Der klein gewachsene Kurat räusperte sich und erhob die viel zu hohe Stimme. „Willst du, Julianna Ramsay, diesen Mann zu deinem rechtmäßig angetrauten Gatten nehmen …“

Zögernd richtete Julianna nun den Blick auf ihren Bräutigam, Sir Edmund Fitzhugh. Er konnte Crispin Bayard, dem Mann, den sie zu ehelichen gehofft hatte, wohl kaum unähnlicher sein. Wenn sie an ihren schönen jungen Liebsten dachte, krampfte sich ihr das Herz zusammen. Die Worte, die sie nun vor dem Altar Gottes aussprechen musste, würden ihre Hoffnung auf eine glückliche Zukunft mit Crispin für immer zunichtemachen.

Oh, mein Geliebter, schrie ihre Seele über Tausende von Meilen hinweg, die sie trennten, warum hast du mich so im Stich gelassen? Doch sogleich erhob sich in ihrem Innern eine protestierende Stimme. Wie hätte Crispin, als er sich auf den Weg in die Südsee machte, ahnen können, dass ihr Vater in der Zwischenzeit nach dem Bankrott seines Geschäfts sterben und Julianna damit auf Gedeih und Verderb in die Hände ihres verachteten und zugleich gefürchteten Stiefbruders geben würde?

Die erwartungsvolle Stille, die sich plötzlich über die wenigen Gäste und Zuschauer legte, und der neuerliche Druck von Jeromes derber Hand holten Juliannas Gedanken in die Gegenwart zurück.

„Ja.“ Das Wort klang wie ein Aufschrei.

Der Geistliche lächelte nachsichtig. Zweifellos missdeutete er die Heftigkeit ihrer Antwort als den dringenden Wunsch, einen Mann von Reichtum und Ansehen zum Gatten zu nehmen.

„Und willst du, Edmund Fitzhugh, diese Frau zu deiner rechtmäßig angetrauten Gemahlin nehmen, um mit ihr fortan in Gottes heiligem Sakrament zu leben …“

Wieder wanderten Juliannas Blicke zu ihrem künftigen Gemahl, während dieser seine Aufmerksamkeit auf die Worte des Kuraten lenkte. Sie hätte ihn auch ohne Jeromes entsprechenden Bericht für einen ehemaligen Seefahrer und Schiffskapitän gehalten. Die herausfordernde Haltung von Sir Edmunds breiten Schultern, die einen geradezu wagemutigen Eindruck vermittelte, und seine breitbeinige Stellung verrieten die Zahl der Jahre, die er auf einem schwankenden Schiffsdeck verbracht hatte. Seinen großen, kräftigen Händen konnte man ansehen, dass sie mühelos in der Lage waren, ein Segel zu reffen oder in wilder See das Steuer festzuhalten. Das feste Kinn mit der kleinen Kerbe und die harten Linien seines Mundes kennzeichneten ein entschlossenes, ausdauerndes Naturell, und in seinen tief liegenden Augen, die so kalt und grau waren wie der Atlantik, lag immer ein merkwürdig angestrengter Ausdruck, so als suche er einen weit entfernten Horizont ab.

Alles in allem war er weit davon entfernt, das erbarmungswürdige alte Wrack zu sein, das sie am heutigen Morgen vor den Altarstufen erwartet hatte. Doch damit war auch der verzweifelte Plan, die Absichten des Stiefbruders zu durchkreuzen und sich ungebunden für Crispin zu bewahren, fehlgeschlagen. Als Jerome auf ihrer sofortigen Eheschließung bestand, hatte sie ihren vertrauten Vetter Francis damit beauftragt, einen Gatten für sie ausfindig zu machen, der zu alt und hinfällig war, um die Ehe tatsächlich zu vollziehen. Da alles so schnell gehen musste, war keine Gelegenheit gewesen, Francis nach dem Erfolg seiner Mission zu befragen. Doch aus seiner zufriedenen Miene hatte sie geschlossen, dass die Angelegenheit nach Wunsch geklärt sein musste.

Jeromes spöttische Bemerkung über Sir Edmund hatte sie in der Überzeugung bestärkt, dass dieser Mann ihren Vorstellungen auf ideale Weise entsprach. „Er sammelt alte Drucke und altertümliches Kunstgewerbe und scheint selbst eine Art Antiquität zu sein. Denke nur, er zieht es vor, sein eigenes Haar zu tragen, obwohl es an manchen Stellen dürftig genug ist, um nach einer guten Perücke zu verlangen.“

Eine Antiquität? Unter anderen Umständen hätte Julianna diesen Gedanken äußerst belustigend gefunden. Zudem hatte Jerome Sir Edmunds vorgeschrittenes Alter noch um einige Jahre übertrieben. Nun aber stellte sich ihr Bräutigam als ein Mann in den besten Jahren dar, der durchaus zum Vollzug einer Ehe tauglich war. Der kühne Rettungsplan hatte also kläglich versagt.

„… willst sie als die eine und einzige an deiner Seite in Ehren halten, bis dass der Tod euch scheidet?“

„Ja.“ Der Ton von Sir Edmunds Stimme war dunkel und volltönend, wenn auch mit einem deutlichen Anklang von Schärfe. Eine solche Stimme ließ keinen Widerspruch zu, weder von einer Schiffsbesatzung noch von der Dienerschaft oder dem Eheweib. Gnade mir Gott, dachte Julianna entsetzt. Habe ich nicht soeben hoch und heilig versprochen, meinem Gatten gehorsam zu sein?

Ihre kindischen Träume von einer nicht vollzogenen Ehe waren ein Hirngespinst gewesen. In wenigen Augenblicken würde sie für immer diesem strengen Mann gehören, denn Jerome hatte all ihre vertrauten Dinge verkauft – ihre geliebten Bücher und selbst ihre wie eine Kostbarkeit gehütete Harfe. Angeblich brauchte er jeden Penny, um die Schulden des Vaters zu begleichen. Eine gnädige Benommenheit überkam Julianna. Wie aus weiter Ferne beobachtete sie den Ablauf der Trauung, als betreffe sie eine Fremde.

„Wer übergibt diese Frau an diesen Mann zum heiligen Ehestand?“

„Ich“, erwiderte Jerome gleichgültig.

In Juliannas Ohren aber klang dieses Wort wie ein höhnischer Triumph. Und als sie der nach abgestandenem Brandy stinkende Atem ihres Stiefbruders traf, bewegte sie abwehrend den goldbestickten Fächer.

Wer übergibt diese Frau? Für die meisten Bräute war diese Frage eine bloße Formalität. In ihrem Fall jedoch traf sie genau die Wahrheit. Ihr Stiefbruder gab sie einem völlig fremden Menschen. Nur um des Geldes willen zwang er sie zur Ehe. Sie wurde verkauft wie all ihr Hab und Gut, wie das Vermögen ihres verstorbenen Vaters, an denjenigen, der den höchsten Preis zu zahlen bereit war.

„Im Namen Gottes nehme ich, Edmund Fitzhugh, dich, Julianna Ramsay, zu meiner rechtmäßig angetrauten Gattin. Ich werde von heute an zu dir halten in guten wie in schlechten Tagen, in Armut und Reichtum, in Krankheit und Wohlergehen, bis dass der Tod uns scheidet.“

Als nun die Reihe an Julianna kam, bewegte sie krampfhaft die Lippen, doch die Worte kamen kaum hörbar aus ihrem Munde. Starr blickte sie an Sir Edmunds hochgewachsener Gestalt vorbei und richtete den Schwur an Crispin, ihr Herz einzig und allein für ihn zu bewahren.

„Ich, Julianna Ramsay, nehme dich, Edmund Fitzhugh, zu meinem rechtmäßig angetrauten Gatten …“

Die Worte waren kaum mehr als ein Hauch, und Sir Edmund hatte den unerfreulichen Eindruck, als sehe seine künftige Gemahlin durch ihn hindurch.

Warum, zum Teufel, blickt sie bei der Aussicht, meine Frau zu werden, nur so jammervoll drein, fragte er sich voller verletzten Stolzes. Schließlich ging der Plan dieser Ehe doch in erster Linie von ihr aus. Als ihr schüchterner Vetter mit diesem törichten Vorschlag bei ihm aufgetaucht war, hatte er keine andere ehrenhafte Möglichkeit gesehen, als darauf einzugehen.

„… in Krankheit und Wohlergehen, bis dass der Tod uns scheidet.“

Bei Klang dieser Worte wurde Edmund unvermittelt die Tragweite dessen klar, was er soeben im Begriff war auszuführen, und diese Erkenntnis traf ihn wie ein unerwarteter Schlag in die Magengrube. Julianna Ramsay wirkte in ihrem schlecht sitzenden schwarzen Gewand und den zum größten Teil unter einer wenig kleidsamen Haube versteckten wirren Locken unsagbar jung. Obwohl er kaum vierzig Jahre alt war, hatte er in seinem Leben mehr gesehen und erlebt als andere mit achtzig. Die abenteuerlichen Jahre in der Tropen hatten ihre Spuren an seiner körperlichen Verfassung hinterlassen, und im Augenblick wünschte sich Edmund angesichts seiner ungewissen Zukunft nichts dringlicher als in den bequemen Armstuhl seiner Bibliothek entfliehen zu können, zu einer Pfeife würzigen westindischen Tabaks und den vertrauten Werken von Shakespeare oder Marcus Aurelius.

„Mit diesem Ring binde ich dich …“ Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, als er den schweren Goldreif über Juliannas eiskalten, starren Finger streifte, und nur mit Mühe konnte er den vorgeschriebenen Satz vollenden.

Vor vielen Jahren hatte er sich geschworen, nie wieder zu heiraten. Die Ehe passte nicht zu seinem einzelgängerischen Wesen. Er und Amelia hatten einander während der nicht enden wollenden Monate ihrer kurzen Verbindung zutiefst unglücklich gemacht, doch nie hatte er sich einzureden versucht, Schuld daran habe allein seine kalte, ehrgeizige, viel zu früh verstorbene Gattin getragen. Welcher unsinnige Einfall hatte ihn nun nach all den Jahren an den Traualtar zurückgeführt?

Verstohlen musterte er Julianna, die neben ihm kniete, um das Abendmahl zu empfangen. Das fahle Licht eines trüben Herbstmorgens fiel durch die Fenster der Apsis und hob die Zeichen von Schlägen in ihrem fein gezeichneten Gesicht deutlich hervor: ein bläulicher Striemen über ihrer Wange, dunkle Flecke am Kinn und eine geschwollene Unterlippe. Der Anblick dieses jungen, verletzlichen und offensichtlich brutal misshandelten Wesens an seiner Seite weckte den männlichen Beschützerinstinkt in ihm, und es zuckte ihm in der Hand, Jerome Skeldons feisten Nacken damit zu umschlingen. Wahrhaftig, um Julianna Ramsay aus den Fängen dieses Wüterichs zu befreien, war er sogar bereit, den Kopf erneut in die Schlinge des Ehestandes zu stecken.

„Oh, Gott, der du das Sakrament der Ehe geheiligt hast, blicke gnädig auf diese deine frommen Diener.“

Edmund holte tief Luft und reckte die Schulter. Wie auch immer, jetzt waren vollendete Tatsachen geschaffen worden. In diesem Augenblick hatte er die Verantwortung für Juliannas Sicherheit übernommen, und er würde ihr nun jede nur mögliche Bequemlichkeit verschaffen. Mehr konnte sie doch wohl kaum von ihm verlangen. Danach würde er zu seiner geruhsamen, wohlgeordneten Lebensweise zurückkehren und sich einreden, dass die beunruhigenden Ereignisse der vergangenen Tage niemals stattgefunden hatten.

Als er sich erhob, um die Glückwünsche der kleinen Hochzeitsgesellschaft entgegenzunehmen, plagte ihn nur noch ein einziger Gedanke: ob wohl Crispin tatsächlich einverstanden sein würde …

Jeromes Kutsche ratterte über das Kopfsteinpflaster der Piccadilly Street und brachte ihn, Julianna und Francis zum Hochzeitsmahl nach Fitzhugh House. Lässig in die Ecke des Polstersitzes gelehnt, zog er einen silbernen Flakon aus seiner Rocktasche, öffnete ihn und nahm einen großen Schluck daraus. Dann wischte Jerome den Rand betont sorgfältig ab und hielt die Flasche Julianna hin. „Wollt Ihr mir nicht Gesellschaft leisten, Mylady?“, fragte er mit beißendem Spott.

Doch die junge Frau hob nur verächtlich die Brauen.

„Ach so, du willst dir die Eindrücke dieses großen Tages natürlich nicht vernebeln“, stichelte Jerome. „So ist es doch, Schwester, nicht wahr?“

Diese offene Verhöhnung versetzte Julianna einen schmerzhaften Stich und brachte ihr zugleich zu Bewusstsein, dass es außer ihr selbst niemanden gab, den sie für den Lauf der Dinge verantwortlich machen konnte.

Inzwischen hatte Jerome das Flakon seinem Vetter angeboten. „Bist du vielleicht etwas geselliger aufgelegt als deine Cousine, Underhill?“

„Nein, nein“, wehrte Francis ab. „Ich beabsichtige, meinen Durst beim Hochzeitsmahl zu stillen. Juliannas Gemahl macht den Eindruck eines wahren Gentleman, und so fühle ich mich verpflichtet, seine Gastfreundlichkeit entsprechend zu würdigen.“

Jerome hob gleichmütig die Schulter. „Ganz wie du willst.“ Dann nahm er einen weiteren Schluck zu sich und stöhnte danach genussvoll.

So ging es nun schon, seit die Kutsche sich in Bewegung gesetzt hatte: Jerome brachte Julianna mit seinen spöttischen Höflichkeitsfloskeln nicht weniger auf als Francis mit seinen gut gelaunten, aber nichtsdestoweniger lästigen Unterhaltungsversuchen. Diese Situation zerrte schrecklich an ihren Nerven.

Die unnatürlich Ruhe, die während der Hochzeitszeremonie über sie gekommen war, verflüchtigte sich immer rascher, und hinter der Maske der Gefasstheit kam ein verängstigtes Kind zum Vorschein. Ratlos starrte sie auf den breiten Goldreif, der ihren Finger wie eine Fessel umschlang. Konnte sie wirklich die Frau dieses kalten, schweigsamen Mannes sein? Und wie sollte sie den heutigen Tag und die Nacht überstehen, gar nicht zu reden von den darauffolgenden Tagen und Monaten und Jahren?

Der Kurat kletterte in Sir Edmunds Kutsche. „Ich bitte um Verzeihung für die Verzögerung“, sagte er atemlos. „Aber während ich noch dabei war, den Ornat abzulegen, hielt mich der Gemeindevorsteher mit einer dringlichen Angelegenheit auf.“

„Wie bitte?“ Widerstrebend wandte Edmund den Blick vom Fenster ab, denn er hatte die Überraschung noch nicht verwunden, die Juliannas rasche Entscheidung, die Kutsche ihres Bruders zu nehmen, bei ihm hervorgerufen hatte. War es nur das Bestreben gewesen, schnell dem Platzregen zu entkommen? fragte er sich zum wiederholten Male. Oder sollte sie die Gesellschaft dieses widerlichen Flegels Skeldon absichtlich der seinen vorgezogen haben?

„Der Gemeindevorsteher“, wiederholte der Kurat mit lauterer Stimme. „Er lässt Euch ausrichten, dass er ungemein bedauert habe, bei Eurer Trauung nicht anwesend sein zu können. Wenn Ihr nicht in so großer Eile wegen der Eheschließung gewesen wäret, hätte er es ganz bestimmt ermöglicht …“ Er brachte ein riesiges Taschentuch zum Vorschein und trocknete sich vorsichtig das Gesicht ab. „Ein Wetter ist das“, murmelte er. „Aber Regen am Hochzeitstag bedeutet Glück für die junge Ehe, soviel ich weiß.“

Edmund erwiderte achselzuckend: „In Surrey heißt es: glücklich die Braut, die die Sonne bescheint.“

Der Geistliche kicherte leise. „Weil wir gerade von der Braut sprechen – wo ist denn die reizende junge Frau?“

Ist sie tatsächlich reizend, überlegte Edmund, während er beiläufig das Fehlen seiner Gemahlin mit ihrer Hast erklärte, sich in dem erstbesten Wagen vor dem Regenguss in Sicherheit zu bringen. Nein, nicht im landläufigen Sinne, entschied er sich schließlich. Ihre Augen zum Beispiel hatten eine merkwürdige Farbe: das blasse Bernsteinbraun von frisch gebrühtem Tee. Um wirklich schön zu sein, war der Mund auch zu groß. Aber vielleicht vermittelten ja auch die Verletzungen in ihrem Gesicht einen falschen Eindruck.

Nun, wie auch immer, auf jeden Fall berührte ihn Juliannas einnehmende Art, und deshalb scheute sein doch so leidenschaftsloses und standhaftes Herz vor dem Ausdruck von Widerwillen zurück, den er in den Augen seiner Braut zu erkennen geglaubt hatte.

Die beiden Kutschen passierten eine von schmiedeeisernen Gittern unterbrochene Steinmauer und hielten dann vor dem Eingangstor von Fitzhugh House an, einem geräumigen, vielfenstrigen Gebäude aus tiefrot gebrannten Ziegeln. Der Regenschauer hatte sich in der Zwischenzeit zu einem leichten Plätschern abgeschwächt, und als Julianna Jeromes Kutsche verlassen hatte, bot Edmund ihr höflich den Arm.

Vor der schweren geschnitzten Eichentür wartete ein Bediensteter in einer makellosen Livree. Sir Edmund nickte ihm zu und wandte sich dann an seine Gemahlin. „Lass uns damit beginnen, dass ich dir meinen Haushofmeister vorstelle, Mr Mordecai Brock.“

Der Mann verneigte sich wortlos. Er trug einen außerordentlich beeindruckenden Backenbart und hatte die düstersten Augenbrauen, die Julianna je zu Gesicht gekommen waren. Zwei stechende blaue Augen betrachteten die neue Hausherrin voller Missfallen.

„Ich bin erfreut, Euch kennenzulernen, Mr Brock“, sagte Julianna, obwohl sie weit davon entfernt war, irgendwelche Freude darüber zu empfinden.

Der Haushofmeister öffnete schweigend die Tür und geleitete die Hochzeitsgesellschaft in eine große, mit Marmorplatten ausgelegte Eingangshalle. Eine elegant geschwungene Holztreppe führte von dort aus in das erste Stockwerk empor.

In der Halle selbst war eine wahrhafte Armee von Dienstboten aufmarschiert: Lakaien, Kutscher und weibliches Hauspersonal jedweder Bestimmung. Sir Edmund schritt mit seiner jungen Gemahlin die Reihe ab wie ein General, der seine Truppen inspiziert, während Mr Brock den Namen jedes einzelnen nannte. Aber Julianna hörte kaum hin. Nur der Ausdruck der Gesichter beeindruckte sie. Unverhüllte Neugier und Geringschätzung lag darin. Die offene Antipathie der Leute bedrückte sie, zumal sie zu den Bediensteten in ihrem Vaterhaus ein durchaus freundliches Verhältnis gepflegt hatte. Wenn sie den Leuten doch verständlich machen könnte, wie wenig es sie danach verlangte, in diesem Hause zu sein! Offensichtlich ebenso wenig, wie diese ihre Anwesenheit wünschten.

Als die allgemeine Vorstellung beendet war, flüsterte Mr Brock Sir Edmund ein paar Worte zu, der sich darauf sofort an Julianna wandte. „Würdest dich mich wohl bitte für einen Augenblick entschuldigen? Eine wichtige Angelegenheit erwartet mich.“ Dann winkte er Francis herbei. „Ich bitte Euch, mich für kurze Zeit zu vertreten, Underhill, und meine Gemahlin in das Speisezimmer zu geleiten.“

„Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, Sir Edmund“, erwiderte Francis strahlend und reichte Julianna mit einem ermunternden Lächeln den Arm.

Doch deren walisisches Temperament begann sofort zu kochen. Wie konnte dieser Narr es wagen, so überaus selbstzufrieden auszusehen? Er war doch angeblich Crispins bester Freund. Nannte er das vielleicht Freundschaft – die heimliche Braut seines Jugendgefährten einem völlig Fremden auszuliefern? Unter dem Schutz ihrer weiten Röcke versetzte sie Francis einen so heftigen Stoß gegen das Schienbein, dass er erschrocken zusammenzuckte und seine ohnehin sanften Augen den Ausdruck eines todwunden Rehes annahmen, während Juliannas Blick keinen Zweifel über ihren Zorn zuließ.

Als zwei Lakaien die Flügeltür zu dem Speisezimmer öffneten, kam ein bewundernder Laut über die Lippen des Kuraten. Im sanften Schein zahlloser Kerzen wirkte die mit Silber, Kristall und vergoldetem Porzellan reich gedeckte Tafel wie eine geöffnete Schatztruhe.

„Sir Edmund ist ein sehr großzügiger Gastgeber“, murmelte der Geistliche tief beeindruckt.

„Wenn nicht sogar ein außergewöhnlich freundlicher“, setzte Jerome halblaut hinzu, während er zu der Anrichte hinüberschlenderte und die dort aufgereihten Weinflaschen einer genauen Inspektion unterzog.

Trotz ihrer unliebenswürdigen Attacke schob Francis höflich einen Stuhl für Julianna zurecht. „Das ist ein Festmahl, wie ich es mir gewünscht habe. Dein Vater hat zwar auch immer eine gute Tafel gehalten, meine Liebe, aber das hier übertrifft selbst sein bestes Galadiner.“

Mit einem verächtlichen Schniefen unterbrach Jerome seine Besichtigung. „Vater vergeudete sein Vermögen, indem er jeden Tunichtgut von London bewirtete. Er hätte seine Aufmerksamkeit lieber auf das Geschäft anstatt auf seinen Salon richten sollen. Dann hätte er nicht derart ungeordnete Verhältnisse hinterlassen.“

„De mortuis nil nisi bonum“, mahnte der Geistliche im frommen Tone. „Sprecht nur Gutes von einem Toten.“

„Gutes sprechen? Ich habe Gutes getan, indem ich meiner Schwester in so kurzer Zeit einen Bräutigam verschafft habe, und das auch noch ohne jede Mitgift.“ Jerome nahm eine der Flaschen und füllte sich ein Glas.

Bei diesen Worten hätte Julianna ihm an liebsten einen der rotbackigen Äpfel aus der großen Obstschale an den Kopf geworfen. Doch zum Glück betrat in diesem Augenblick Sir Edmund das Speisezimmer.

„Ah, wie ich sehe, habt Ihr mich zur rechten Zeit erwartet, Skeldon“, sagte er und befahl einem der Lakaien, auch den anderen Gästen Wein einzuschenken. Dann ging er zu seinem Platz am Kopfende der Tafel und erhob den kostbaren Kristallkelch. „Lasst uns das Hochzeitsmahl mit einem Toast auf die Braut beginnen.“ Unter der betonten Herzlichkeit dieser Worte glaubte Julianna allerdings eine verborgene Feindseligkeit erkennen zu können.

„Wenn Ihr gestattet, Sir Edmund.“ Die Worten kamen Jerome bereits nicht mehr ganz sicher über die Lippen. „Ich glaube, als Juliannas um zehn Jahre älterer Bruder und bis vor Kurzem ihr Vormund, bin ich wohl am besten geeignet, Eurer jungen Gemahlin einen Gruß zu entbieten.“

Julianna erbleichte. Genau diese Worte hatte Jerome gestern Abend benutzt, als sie sich in ihr Schlafzimmer zurückziehen wollte und er ihr den Weg versperrte. Glaubst du, ich lasse dich in der Hochzeitsnacht zu Bett gehen ohne einen brüderlichen Gruß zuvor? Glücklicherweise hatte er wieder einmal zu tief ins Glas geschaut, sodass sie seinem Zugriff entkommen konnte, wenn auch nicht ohne einen blauen Fleck auf der Wange. Aber danach hatte sie die ganze Nacht wach gelegen und inbrünstig gebetet, dass ihr Ehemann zu alt und schwächlich sein würde, um sie jemals derart lüstern zublicken.

Inzwischen hatten die Herren mit unverhüllter Begeisterung auf das Wohl der schönen Braut getrunken und erwartungsvoll wieder Platz genommen.

„Ich fürchte, ich werde nie in meinem Leben wieder so gut essen“, seufzte Francis, nachdem zunächst die Suppe aufgetragen worden war, gefolgt von Aal in Gelee und einer mit pikant gewürzten Nierchen gefüllten heißen Pastete.

„Gefüllte Schnepfen!“, flüsterte der Geistliche andächtig, während er mit Messer und Gabel einen der knusprig gebratenen Vögel zerlegte. „Und sogar drei Paar davon.“ Hastig stopfte er sich ein großes Stück des zarten Fleisches in den Mund.

Unter anderen Umständen hätte auch Julianna diese köstlichen Speisen sehr genossen, doch heute brachte sie kaum einen Bissen davon hinunter und spielte nur nervös mit dem Essen auf ihrem Teller. Aber auch Sir Edmund schob jedes einzelne Stückchen mehrfach hin und her, bevor er hin und wieder einmal eines davon in den Mund steckte.

Um so mehr glich Francis die Appetitlosigkeit des Brautpaares aus. Er griff so herzhaft zu, als habe er wochenlang nichts Richtiges zu essen bekommen und erwarte auch in Zukunft denselben Mangel. Gut gelaunt scherzte er dabei mit dem Kuraten, während Jerome sich vorzugsweise an Sir Edmunds ausgezeichneten Weinen schadlos hielt.

Als ein Lakai wieder einmal Juliannas kaum berührten Teller abräumte, fiel ihr Blick auf ein Porträt über dem Kamin. Es zeigte eine schöne Frau in dem Gewand der vorigen Generation. Mit ihrem ovalen Gesicht und dem festen Kinn ähnelte sie dem Hausherrn. Nur ihre Lippen waren voller, und die Augen sahen irgendwie vertrauenerweckend aus.

Bei diesem Anblick wich Juliannas Zurückhaltung einer kindlichen Neugier. „Ist das ein Bild Eurer Mutter, Sir Edmund?“, erkundigte sie sich.

Der Hausherr schreckte bei ihren Worten zusammen, so als habe er ihre Gegenwart völlig vergessen. Francis und der Kurat waren immer noch in ihr lebhaftes Gespräch vertieft, das Jerome hin und wieder mit albernen, abgestandenen Witzen zu bereichern versuchte. Inmitten dieses Stimmengewirrs schien sich Sir Edmunds Antwort mehr an die Frau auf dem Gemälde denn an Julianna zu richten, und sie musste sich näher zu ihrem Gatten neigen, um etwas verstehen zu können.

„Leider kann ich mich an meine Mutter nicht erinnern“, sagte Sir Edmund gedankenverloren. „Sie starb bei meiner Geburt. Das Bild dort drüben zeigt meine Schwester Alice. Sie war mehr als ein Dutzend Jahre älter als ich und hat Mutterstelle bei mir vertreten. Nun ist sie auch schon fast zehn Jahre tot.“

Nach einer kurzen Pause schien er noch etwas hinzufügen zu wollen, als Francis unvermittelt eine Frage an ihn richtete. „Wir haben gerade das Wappen der Fitzhugh dort an der Wand bewundert, Sir Edmund. Stimmt es, dass Ihr der Träger eines Adelstitels seid, der auf die Zeit von Wilhelm dem Eroberer zurückgeht?“

Mit etwas bemühter Freundlichkeit erwiderte der Hausherr: „Der erste Fitzhugh kam tatsächlich zusammen mit Herzog Wilhelm nach England. Ich stamme jedoch von einer langen Linie jüngerer Söhne ab. Ein Edmund Fitzhugh nahm im Jahre 1096 bereits am ersten Kreuzzug teil, und ein späterer fiel 1148 bei Agincourt am 25. Oktober, dem Tag des Heiligen Crispin.“

Die Erwähnung des Namens Crispin durch Sir Edmund war mehr, als Julianna ertragen zu können glaubte. Vielleicht hat Jerome ihm erzählt, wem meine wahre Liebe gehört, dachte sie verzweifelt, und nun will er mich an unserem Hochzeitstag damit erschrecken. Ihre Knie begannen so stark zu zittern, dass sie sie mit den Händen festhalten musste, und sie dachte dabei krampfhaft über eine Möglichkeit nach, sich mit einer einigermaßen glaubhaften Entschuldigung zurückziehen zu können.

In diesem Augenblick erhob sich Sir Edmund unvermutet. „Ich bitte nun, uns zu entschuldigen, meine Herren. Meine Gemahlin und ich möchten uns zurückziehen, da mein Gesundheitszustand derzeit nicht der beste ist und Lady Fitzhugh zweifellos noch an dem Kummer ihres erst jüngst eingetretenen schweren Verlustes leidet. Meine Tafel und mein Weinkeller stehen Euch auch weiterhin zur Verfügung.“ Dann legte er Juliannas Hand auf seinen Arm und schob seine junge Frau so rasch zur Tür hinaus, dass ihr keine Möglichkeit mehr blieb, irgendeine Bemerkung dazu zu machen. Noch als die Lakaien die schweren Türflügel lautlos hinter ihr schlossen, hörte sie den bewundernden Pfiff von Jerome und seine dreiste Bemerkung: „Der alte Genießer hat es ja sehr eilig!“

Vergebens versuchte sie, den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuschlucken. Aber vielleicht war es wirklich das beste, alles schnell hinter sich zu bringen. Nichts war doch schlimmer, als auf ein unausweichliches Ungemach warten zu müssen.

Als sie sich wieder in der Halle befanden, wandte sich Sir Edmund mit einer leichten Verbeugung an sie und erklärte zu ihrer Überraschung: „Ich hoffe, du bist mit unserem plötzlichen Aufbruch einverstanden gewesen. Ich konnte es nämlich nicht eine Minute länger mit diesem Menschen in einem Raum aushalten.“

Da Julianna keine Ahnung hatte, was er damit zum Ausdruck bringen wollte, nickte sie nur mechanisch, während ihr Gemahl ein Hausmädchen herbeiwinkte. „Zeige Lady Fitzhugh ihre Suite, Gwenyth, und hilf ihr beim Auspacken oder was sonst zu tun ist.“ Sein Gesicht wirkte plötzlich angespannt und müde. „Ich fürchte“, fuhr er fort, „dass ich auch dir im Augenblick keine Gesellschaft mehr leisten kann. In den vergangenen Tagen habe ich meine Kräfte übermäßig beansprucht und brauche jetzt Ruhe. Später werde ich in dein Zimmer kommen, und dann können wir über alles reden.“

Wieder nickte Julianna wortlos und folgte etwas verwirrt dem Mädchen, das vor ihr die Treppe hinaufstieg. Offensichtlich muss ich auf das Ungemach doch noch warten, dachte sie resigniert.

2. KAPITEL

„Eure Zimmer liegen auf dieser Seite, Mylady.“ Die Stimme der Bediensteten hatte einen vertrauten walisischen Tonfall, und Juliannas Herz wandte sich ihr ob dieser erfreulichen Tatsache sofort zu. Was auch immer in Sir Edmunds Haus auf sie zukommen mochte, so schien sie doch zumindest eine Verbündete hier zu haben.

Von der Redeweise ihrer Großmutter waren ihr einige Bruchstücke in Erinnerung geblieben, sodass sie mit etwas Mühe ein paar kurze Sätze in der walisischen Sprache zustande brachte. So erkundigte sie sich denn auf diese Weise bei der Bediensteten, wie lange sie denn schon von „daheim“, fort sei.

Ihre Bemühungen hatten den gewünschten Erfolg. Entzückt wandte sich Gwenyth um und überschüttete ihre Herrin sogleich mit einem ausführlichen Bericht, von dem Julianna allerdings nur hie und da ein einzelnes Wort verstand. Deshalb hob sie abwehrend die Hand.

„Es tut mir leid, aber so gut beherrsche ich Walisisch nun auch wieder nicht. Meine Großmutter stammte aus Cymru an der nördlichen Küste, und deine Sprechweise erinnert mich an meine Kinderzeit.“

„Ach so, nun ja, also, um es noch einmal auf englisch zu sagen: Ich bin vor zwei Jahren aus dem Hügelland nördlich von Abergavenny gekommen. Das war damals, als mein Papa sich aus dieser Welt verabschieden musste. Meine Tante arbeitet hier im Haus als Köchin. Was wird sie nur sagen, wenn sie hört, dass Ihr unsere alte Sprache kennt!“

Als Julianna in das strahlende Gesicht des Mädchens blickte, wusste sie, dass sie eine Bundesgenossin gefunden hatte.

Auf halbem Wege entlang einer weitläufigen Galerie blieb Gwenyth vor einer verschlossenen Tür stehen. „Ich hoffe, Eure Zimmer werden Euch gefallen, Ma’am. Wir hatten ganz schöne Mühe, in so kurzer Zeit alles fertigzustellen. Tantchen sagte, wenn jemand behauptet hätte, der Kapitän würde noch vor dem Wochenende eine Braut ins Haus bringen, hätte sie …“

Die weiteren Worte verklangen hinter Julianna, während sie über die Schwelle ihres neuen Heimes schritt und einen hellen Salon betrat, hinter welchem man ein Schlafzimmer erblicken konnte. Während sie sich umsah, fragte sie sich, ob sie wohl träume. Denn obgleich sie ohne Zweifel zum ersten Male in ihrem Leben dieser Suite ansichtig wurde, fühlte sie sich darin auf Anhieb heimisch.

In der äußersten Ecke stand der mit kunstvollen Intarsien verzierte Schreibtisch ihres Vaters. Neben dem Kamin entdeckte sie ihren kleinen Frühstückstisch und die breite gepolsterte Sitzbank, auf welcher sie noch kürzlich mit ihrem Vetter Francis gesessen hatte. Ein großer Schrank in der Nähe der Tür enthielt all ihre Bücher, deren Titel sie bis auf den letzten auswendig kannte. Wie betäubt lehnte sich Julianna an den Türrahmen und wagte weder zu sprechen noch sich zu bewegen aus Angst, dieser wundervolle Traum könne ganz plötzlich wieder verfliegen.

Doch obwohl sie ihren Augen immer noch nicht so recht traute, überzeugte sie ihre Nase alsbald, dass alles seine Richtigkeit hatte. In dem Zimmer lag ein wohlbekannter Geruch, gemischt aus dem Duft von Vaters Tabak, seinem Perückenpuder und ihrem eigenen Rosenwasser, alles miteinander gleichsam unterlegt von der etwas muffigen Ausdünstung alter Bücher. Kein noch so teures Parfüm und kein Gewürz aus dem fernen Indien dünkte ihr so süß wie dieser heimatliche Duft. Langsam wich der Druck von ihrer Brust, und warme Tränen quollen unter ihren Lidern hervor. Seit dem Todestag des Vaters hatte sie nicht mehr weinen können, auch nicht in den letzten schrecklichen Tagen. Nun aber war sie von diesem unerwarteten Glücksgefühl überwältigt worden.

Rasch eilte sie in das Schlafzimmer und fand dort ihr Bett vor, noch mit dem gewohnten Leinenzeug und den alten Vorhängen. Auf dem Kopfkissen lag ihre Schoßharfe, und von der gegenüberliegenden Wand sah das Bild ihrer Mutter auf Julianna herab. Mit einem unterdrückten Freudenschrei presste sie das so sehr entbehrte Instrument an ihr Herz, während die hellen Tränen über ihre Wangen liefen und ihr ganzer Körper von heftigem Schluchzen erschüttert wurde.

„Findet Ihr wirklich, dass alles in Ordnung ist, Mylady?“, erkundigte sich Gwenyth beunruhigt. „Wie ich schon sagte, wir hatten wenig Zeit zum Einräumen, da die Sachen erst gestern Abend gebracht wurden. Fühlt Ihr Euch wohl, Ma’am? Soll ich Euch vielleicht eine Tasse Tee bringen … oder etwas Stärkeres?“

Bei dieser Frage mischte sich ein leises Lachen in Juliannas Freudentränen. Sie ergriff Gwenyth bei den Händen und tanzte mit ihr durch das Zimmer. Es schien ihr fast, als sei ihre liebe Winnie, die alte Amme, als junges Mädchen wieder auferstanden.

„Oh, Gwenyth, ich könnte mich gar nicht wohler fühlen. Es ist alles wundervoll. Richte der Dienerschaft meinen herzlichsten Dank aus.“ Mit dem Handrücken wischte Julianna die Tränen ab und versuchte, sich wieder zu beruhigen. „Eine Tasse Tee wäre mir sehr willkommen. Und ich hätte auch gern eine Schüssel mit warmem Wasser, um mich zu waschen.“

„Ich könnte Euch auch ein Bad herrichten, Mylady. Im Ankleidezimmer ist alles Nötige vorhanden. Es hat seine eigene Feuerstelle und auch einen großen Badezuber“, erklärte Gwenyth eifrig und fügte dann in entschuldigendem Tone hinzu: „Der Herr hat nämlich seine eigenen Vorstellungen von Sauberkeit, Ma’am. Mehr als einmal habe ich ihn sagen hören: Der wildeste Eingeborene von Borneo riecht besser als gemeinhin eine Londoner Hausfrau.“

Es fiel Julianna nicht schwer sich vorzustellen, wie Sir Edmund ungerührt eine derartige Meinung zum Ausdruck brachte. Viele Menschen würden wahrscheinlich über eine solche Empfindlichkeit die Nase rümpfen. Sie selbst jedoch konnte ihm in diesem Falle nur aus vollem Herzen zustimmen.

„Wahrscheinlich ist das auch der Grund“, fuhr Gwenyth in einem nahezu verschwörerischen Flüstertone fort, „dass er keine Perücke trägt. Er nennt sie ein Läusenest!“ Über diese unerhörte, aber nichtsdestoweniger zutreffende Bezeichnung schütteten sich die beiden Mädchen vor Lachen aus.

„Ich werde gleich Feuer im Kamin machen, Mylady, und dann hole ich Euch Tee. Wenn Ihr ihn ausgetrunken habt, ist das Wasser heiß.“

Als Gwenyth gegangen war, setzte Julianna die Erkundung ihres neuen Heims fort. Das kleine Ankleidezimmer mit der flachen Kupferwanne gefiel ihr außerordentlich. Es enthielt die zwei alten Kirschbaumschränke aus ihrem Vaterhaus und einen nagelneuen Toilettentisch mit einem großen Spiegel und zwei Bürsten mit versilberten Rücken.

Wie konnte das nur geschehen, fragte sie sich immer wieder. Wie war es möglich gewesen, all diese Dinge wieder aufzukaufen und so überlegt und sorgfältig in ihren Räumen aufzustellen, dass es aussah, als warteten sie auf ihren Einzug? Es gehörte sehr viel Freundlichkeit und Verständnis dazu, die Mühe der Suche nach den verloren geglaubten Gegenständen auf sich zu nehmen und auf diese Weise die neue Herrin willkommen zu heißen. Nie und nimmer hätte sie Sir Edmund Fitzhugh mit seiner strengen Miene so viel Einfühlungsvermögen zugetraut. Ob sie ihn wohl falsch beurteilte? Schließlich hatte sie noch keine hundert Worte mit ihm gewechselt.

Als sie sich später dem ungewohnten Genuss ihres Bades hingab, dachte Julianna zum wiederholten Male über ihre neue Situation nach und ließ sich mit dem duftenden Seifenwasser auch die Erinnerung an Jeromes lüsternen Zugriff abwaschen. Ob es wohl besser sein würde, wenn ihr Bräutigam heute Abend in ihr Zimmer kam, um sein Recht als Ehemann wahrzunehmen? Der Gedanke, dicht und unbekleidet neben einem Fremden im Bett zu liegen, trieb ihr die heiße Röte ins Gesicht, und vor Zorn schienen ihr fast die Haare zu Berge zu stehen. Ungeachtet aller Schwüre, kirchlicher Segenssprüche und notariell beglaubigter Ehekontrakte konnte sie sich das Ganze nicht anders vorstellen als einen Akt roher Gewalt.

Sir Edmund Fitzhugh wirkte so zurückhaltend und gelassen, und es war einfach undenkbar, dass diese harten Lippen küssen könnten, diese festen Hände zärtlich liebkosen, diese raue Kommandostimme Liebesworte murmeln … Aber war es nicht ihre Pflicht, sich dem Manne dankbar zu erweisen, der sie vor einem weitaus schlimmeren Schicksal bewahrt hatte?

Zu guter Letzt saß Julianna, eingehüllt in ein warmes Barchenttuch, vor dem Spiegel und ließ sich von Gwenyth die feuchten Locken auskämmen und über ihre Kindheit im fernen Wales berichten. Die feuchtwarme Luft in dem kleinen Raum hatte die rosige Färbung ihrer Wangen zurückgebracht. Das Kaminfeuer ließ ihr rotbraunes Haar wie Gold und Kupfer schimmern. Sie hatte beschlossen, es in ihrer Hochzeitsnacht offen zu tragen, über Schultern und Nacken ausgebreitet sollte es sie wie ein Mantel umhüllen. Als die bereits treu ergebene Gwenyth endlich ihr Werk vollendet hatte, schickte Julianna sie fort, um sich ein wenig auszuruhen, nicht ohne ihr zuvor zu versichern, dass sie sich um ihre Zuweisung als Zofe bemühen werde.

Eine Zeit lang starrte Julianna erschöpft in den Baldachin über ihrem Bett und wartete auf den erlösenden Schlaf. Doch trotz der vielen unruhigen Nächte, die hinter ihr lagen, konnte sie kein Auge zutun. So erhob sie sich denn wieder, nahm eine Kopie des „Don Quichotte“ von dem spanischen Dichter Miguel de Cervantes aus dem Bücherschrank und setzte sich damit auf die mit Brokat bezogene Polsterbank. Mit sechzehn Jahren hatte sie das von ihr bewunderte Buch in mühevoller Arbeit aus dem Spanischen ins Englische übersetzt. Doch heute konnte nicht einmal Señor de la Mancha ihre Gedanken in den Bann ziehen. Nach einer halben Stunde bereits gab sie den vergeblichen Versuch wieder auf, sich durch Lesen abzulenken. Wo findet ein Mädchen heutzutage einen fahrenden Ritter, wenn es seiner bedarf, fragte sie sich seufzend, während sie den Band an seinen Platz zurückstellte.

Ruhelos wanderte sie, einem Tier im Käfig gleich, durch die Zimmer und blieb nur hin und wieder an einem der Fenster stehen, um einen Blick in den Hof oder in den Garten zu werfen. Der Wind hatte wieder aufgefrischt und warf die Regenschauer prasselnd gegen die breiten Fenstersimse. In den dunklen Scheiben spiegelte sich ihr Bild: ein geisterhaftes Mädchen, das Regentropfen weinte.

Irgendetwas in dem Aufruhr des Wetters rührte eine Saite in Juliannas keltischer Seele an. Wenn sie ihrer Unruhe nicht Herr wurde, war es wohl besser, sich in sie zu versenken. Entschlossen kroch sie in das Bett zurück, zog die Vorhänge zu, sodass sie wie von einer Hülle aus Dunkelheit umgeben war, und griff nach ihrer Harfe. Als sich ihre Hände um die vertrauten Rundungen aus Eschenholz schlossen, ließ sie die Stirn auf das altväterliche Instrument sinken.

Die Finsternis ringsumher gab ihr ein Gefühl der Sicherheit. Schon als Kind hatte sie gern im Dunkeln gesessen. Dunkelheit schützte vor verborgenen Gefahren, bewachte heimliche Tränen und achtete ganz persönliche Sorgen und Ängste. Und in der kühlen Umarmung der Finsternis konnte sie sich am besten auf den Klang und den Ausdruck ihres Harfenspiels konzentrieren. Langsam zog Julianna das mit Schnitzereien verzierte Instrument in die richtige Stellung. Sie hatte sich vor dem Verlust der Harfe mehr gefürchtet als vor dem Verlust der Finger, die jetzt leise an den Saiten zupften. Nach altem walisischen Recht durfte die Harfe unter keinen Umständen dazu benutzt werden, die Schulden seines Besitzers zu begleichen. Ein Engländer würde das niemals begreifen.

Heute Abend würde keine andere Musik ihre Seele erfüllen können als die uralten walisischen Balladen, die nur auf der altertümlichen Harfe richtig zur Geltung kamen. Unter Juliannas geschickten Fingern erklangen die Klagelieder ihres in blutigen Schlachten niedergerungenen Volkes. Wie viele ihrer Vorfahren mochten in eine Ehe gezwungen worden sein, die andere beschlossen hatten? Wie viele waren zum Opfer der Kriegszüge geworden, missbraucht und verlassen? Wie viele hatten der Liebe eines sterblichen Mannes entsagt und einen entbehrungsvollen Frieden in den Armen der Kirche gefunden? Nicht wenige Jahrhunderte waren darüber hinweggegangen, und doch war eine Frau noch immer nicht mehr als ein Stück Vieh.

Weiter und immer weiter spielte Julianna, auch als ihre Finger bereits schmerzten. Versunken in die süßen, wehmütigen Klänge sang sie die alten Weisen dazu mit einer Stimme, die rau war von ungeweinten Tränen. Zu einem der Lieder kehrte sie immer wieder zurück. Es stammte von ihrem Vorfahren Gryffud ab yr Yneed Coch und war ein Trauergesang für Llywelyn Olaf, den letzten fürstlichen Herrscher von Wales.

„Siehst du nicht den Weg des Windes, den Pfad des Regens Merkst du nicht, dass die Welt zu Ende ist?“, schloss er voller Verzweiflung.

„Oh, Mylady, wie herrlich das klingt!“

Bei dem Klang von Gwenyths Stimme fuhr Julianna zusammen. In der Zuflucht ihres Bettes hatte sie alles um sich herum vergessen. Nun aber musste sie aus ihrer Höhle kriechen und sich einem Schicksal stellen, dem sie nicht ausweichen konnte.

„Ich habe niemanden wieder die Harfe spielen gehört, seit ich von daheim weggegangen bin“, sagte Gwenyth, während sie die Bettvorhänge aufzog. „Das war doch Llywelyns Klage, nicht wahr? Es klingt wundervoll, obwohl es so traurig ist.“

Resigniert legte Julianna das Instrument zur Seite, erhob sich und fragte sich dabei, was Gwenyth wohl davon halten mochte, dass eine Braut vor ihrer Hochzeitsnacht ein Trauerlied sang. Doch die kleine Zofe war offensichtlich zu gut erzogen, um das Tun und Lassen ihrer neuen Herrin infrage zu stellen. „Ich habe noch einen Bissen zu essen mitgebracht, Mylady, falls Euch danach ist“, sagte sie freundlich.

Julianna nickte schweigend. Vom Türrahmen aus blickte sie beklommen auf ihr Bett zurück. Würde es ihr nach dieser Nacht jemals wieder als eine sichere Zuflucht erscheinen? Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Angstvoll wickelte sie sich fester in ihren Schal und betrat rasch den Salon, in dem ein helles Feuer im Kamin brannte und der Tisch einladend gedeckt war. Nie zuvor hatte Julianna ein derartiges Verlangen nach Ablenkung und Gesellschaft gehabt wie am heutigen Abend.

„Gwenyth, willst du mir einen Gefallen tun? Komm her und trinke eine Tasse Tee mit mir.“

Die Zofe sah sich erschrocken um, so als sei ihr ein rachedürstender Mr Brock auf den Fersen. „Oh, Ma’am, das geht nicht. Es gehört sich doch nicht, nicht wahr?“

„Das kann schon sein. Aber ich möchte jetzt nicht allein sein. Es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn du bei mir bleiben würdest.“

Gwenyth schwankte sichtlich zwischen dem offenkundigen Wunsch nachzugeben und einem ausgeprägten Gefühl für Anstand.

„Nun, ich werde tun, was Ihr wünscht, Ma’am. Aber ich trinke keinen Tee. Ich werde einen Eurer Koffer auspacken, während Ihr esst.“

„Danke, Gwenyth. Das ist wahrscheinlich die beste Lösung. Vielleicht kannst du mir dabei noch etwas über Sir Edmund erzählen … ich meine, nicht nur von seinem Abscheu vor Schmutz. Ich muss nämlich zugeben, dass ich noch keine sehr deutliche Vorstellung von meinem Gemahl habe.“ Nach den letzten Worten räusperte sich Julianna verlegen.

„Soweit mir das möglich ist, gern, Mylady. Aber der Herr hat leider bisher kaum ein Wort zu mir geäußert. Deshalb war ich ja auch so verdutzt, als er mir befahl, Euch die Suite zu zeigen. Mr Brock und auch Tantchen Enid arbeiten schon sehr lange für ihn, und sie glauben anscheinend, dass Sir Edmund sogar die Sonne auf- und untergehen lassen kann.“

Juliannas Miene hatte offensichtlich ihre Gefühle für Sir Edmunds furchterregenden Haushofmeister verraten, denn das Mädchen kicherte belustigt. „Ach, ganz so schlimm ist unser Mr Brock gar nicht“, beruhigte sie ihre Herrin. „Er bewacht zwar unseren Herrn wie eine alte Bulldogge, aber sein Bellen ist dabei schlimmer als sein Beißen.“

„Ich hoffe“, rief Julianna amüsiert, „dass ich, um die Wahrheit deiner Behauptung herauszufinden, nicht erst selbst gebissen werden muss!“

Wieder brachen die Mädchen in schallendes Gelächter aus, und es dauerte eine Weile, bis Gwenyth mit ihrer Erzählung fortfahren konnte.

„Als ich die vielen Bücher sah, die in Euer Zimmer gebracht wurden, Ma’am, da dachte ich bei mir: Wer immer sie sein mag, diese Lady, auf alle Fälle passt sie gut zu unserem Herrn. Er hat nämlich auch eine Unmenge von Büchern. Mehrere Zimmer sind damit angefüllt. Und er verbringt die meiste Zeit in seiner Bibliothek, liest dort in dicken Wälzern und raucht seine Pfeife. Und er spießt einen förmlich mit den Blicken auf, wenn man ihn dabei stört. Er ist nämlich kein besonders geselliger Mensch, müsst Ihr wissen. Das Festmahl heute war die erste Vergnüglichkeit, seit ich in diesem Hause bin.“

Ein scharfes Klopfen an der Tür ließ Julianna schuldbewusst hochfahren. Während Gwenyth erschrocken in ihrem vorgetäuschten Auspacken innehielt, betrat Sir Edmund den Salon. Bei seinem Anblick schlug Juliannas Herz bis zum Halse, und eine dunkle Röte überzog ihr reizendes Gesicht. Ihr Gemahl wirkte sehr ausgeruht. Hatte er sich etwa auf diese Weise Kraft für die heutige Nacht geholt? Mit seinem leicht verrutschten Spitzenjabot und den geöffneten Westenknöpfen wirkte er nichtsdestoweniger nicht mehr ganz so einschüchternd wie während der Trauung in der Kirche. Das tröstete Julianna im Augenblick ein wenig.

„Ich komme dann morgen früh wieder und packe den Rest aus, Mylady“, sagte Gwenyth hastig. „Oder braucht Ihr heute noch irgendetwas Bestimmtes?“

„Nein, nein, danke, Gwenyth. Es reicht alles bis morgen. Gute Nacht.“

Nach einem raschen Knicks huschte das Mädchen zur Tür hinaus, und wenn es nach Julianna gegangen wäre, dann hätte sie sich der Davoneilenden sogleich angeschlossen.

Stattdessen spürte sie, wie sich eine beklemmende Stille über den Raum legte, die nur von dem Knacken der brennenden Scheite auf dem Feuerrost und dem Ticken der Kaminuhr unterbrochen wurde. Julianna streifte das Zifferblatt mit einem ratlosen Blick und fragte sich, ob die Uhr wohl beim Umzug Schaden genommen hatte, denn es schien ungewöhnlich viel Zeit dahinzugehen, bis wieder eine Minute verstrichen war.

„Möchtet Ihr nicht Platz nehmen, Sir Edmund?“, fragte sie schließlich verwirrt. „Ich nehme gerade einen kleinen Imbiss zu mir. Die Speisen heute Mittag sahen sehr verlockend aus, aber ich war zu aufgeregt, um sie richtig genießen zu können. Möchtet Ihr auch etwas essen?“

„Nein, danke.“ Sir Edmund setzte sich auf die andere Ecke der Bank. „Ich hatte in den letzten Tagen überhaupt keinen Hunger. Aber du solltest dich von mir dabei nicht stören lassen.“

„Ach, ich habe schon ausreichend gegessen.“ Das appetitlich angerichtete kleine Mahl hatte plötzlich seinen Reiz verloren. Vorsichtig rückte Julianna noch ein wenig mehr zur Seite.

„Ich hoffe …“ Sir Edmund räusperte sich ausgiebig. „Ich hoffe, die Einrichtung findet deine Zustimmung.“

Aus den Augenwinkeln heraus musterte Julianna ihren Gemahl. Er wirkte genauso unsicher, wie sie sich selbst fühlte, und diese Feststellung milderte ihre Befürchtungen. Was Sir Edmund Fitzhugh auch für ein Mensch sein mochte, auf alle Fälle war er in den Verführungskünsten anscheinend nicht sehr bewandert.

Anstelle einer Antwort kam nur ein nervöses Lachen über ihre Lippen. Schließlich sagte sie: „Ob sie meine Zustimmung findet? Ihr stellt Euer Licht aber gewaltig unter den Scheffel, Sir Edmund! Ich habe vor Freude geweint, als ich all mein Hab und Gut hier wiederfand.“

Sir Edmund runzelte die Stirn. „Man hätte es dir gar nicht erst wegnehmen dürfen. Diese ganze infame Handlungsweise … Ich nehme an, Skeldon hat diese Dinge verkauft, nicht wahr? Und ist er auch dafür verantwortlich?“, fügte er hinzu, während er auf die langsam verblassende Schramme auf ihrer Wange wies.

Unwillkürlich hielt Julianna schützend die Hand darüber, so entsetzt war sie von der Erkenntnis, dass die Zeichen von Jeromes Zudringlichkeit der Aufmerksamkeit ihres Gemahls nicht entgangen waren. Aber Sir Edmund legte seine Finger mit leichtem Druck um ihr Kinn und zwang sie auf diese Weise, ihn anzusehen.

„Ich kann dir versichern, mein liebes Kind“, sagte er leise, „dass du in diesem Hause keine solche Behandlung zu erwarten hast. Wahrscheinlich werde ich kein perfekter Ehemann sein, denn ich habe dafür zu wenig Erfahrung. Aber mit einem gemeinen Feigling, der die Hand gegen eine Frau erhebt, stelle ich mich bestimmt nicht auf eine Stufe. Hier ist jetzt dein Zuhause, in dem du immer sicher sein wirst.“

Es lag wohl an dem Schimmer von Mitgefühl in seinen unergründlichen Augen. Aber vielleicht war es auch die besänftigende Zartheit seiner Hand und seiner Stimme gewesen. Wie auch immer – Julianna wurde unvermittelt von ihren so lange unterdrückten Gefühlen überwältigt, und ehe sie noch wusste, wie ihr geschah, fand sie sich an Sir Edmunds breiter Brust wieder, wo sie ihren ganzen Kummer in Strömen von Tränen von der Seele spülte.

Durch das nass geweinte Hemd spürte sie die Wärme seiner Haut. Sein Leibrock roch nach Pfeifentabak und ein ganz kleines bisschen nach einem fremdländischen Gewürz, das ihr unbekannt war. Sie musste an Crispin denken, den sie von ganzem Herzen liebte. Aber Crispin war für sie verloren. Mutterseelenallein stand sie in einer feindlichen Welt, und nur dieser eine Hafen bot ihr noch Trost und Sicherheit. Entschlossen kniff Julianna die Augen zu, hob das Gesicht zu ihrem Gemahl empor, strich mit den Lippen über sein energisches Kinn und drückte sie dann zitternd auf seinen Mund. Einen Herzschlag lang schien sich Sir Edmund dieser unerwarteten Liebkosung hinzugeben. Seine Lippen wurden weich unter der schüchternen Einladung dieses zaghaften Kusses.

Doch dann schob er Julianna jählings von sich weg und sprang so hastig auf, als habe die Polsterbank unter ihm Feuer gefangen. „Was soll das?“, rief er aufgebracht. „Hast du den Verstand verloren?“

Allmächtiger, was habe ich falsch gemacht, dachte Julianna erschrocken. Habe ich mich etwa ungebührlich betragen? „Ich … ich dachte … das heißt, Jerome sagte mir … er sagte, Ihr wolltet einen Erben für Euer Vermögen.“

„Ach was, ich musste ihm doch irgendetwas sagen.“ Sir Edmund rang offensichtlich immer noch um Fassung. „Und außerdem habe ich bereits einen passenden Erben, wie du sehr gut weißt, und absolut kein Interesse daran, ihn von seinem Platz zu verdrängen.“

Wer um alles in der Welt hat nun eigentlich den Verstand verloren, fragte sich Julianna bei diesen Worten verstört.

„Aber … aber wenn Ihr nicht … das heißt … also, warum, bitte schön, habt Ihr dann um meine Hand angehalten?“

Sir Edmund blickte sie mit einem merkwürdigen Ausdruck, gemischt aus Überraschung und Belustigung, an. „Ach, du weißt also nicht, wer ich bin?“, sagte er wie aus einer plötzlichen Eingebung heraus.

„Natürlich weiß ich, wer Ihr seid“, erwiderte Julianna ärgerlich. „Aber ich habe trotzdem keine Ahnung, wovon Ihr eigentlich redet.“

„Nein, du kennst mich demnach wirklich nicht“, wiederholte Sir Edmund und erschien dabei merkwürdig erleichtert. „Das erklärt natürlich alles – insbesondere deine Miene während der Trauung. Ich habe selbst bei Galeerensträflingen schon fröhlichere Gesichter gesehen.“

Julianna errötete und senkte den Blick. „Ich habe es nicht persönlich gemeint, Sir Edmund“, murmelte sie verlegen.

„Das hoffe ich auch! Schließlich bin ich ja für alle jungen Mädchen der Traum ihrer schlaflosen Nächte.“ Der ironische Ton seiner Stimme veranlasste Julianna, wieder aufzublicken. Dieser Beweis eines trockenen Humors überraschte sie derart, dass sie ein Kichern nicht unterdrücken konnte, woraufhin Sir Edmund den Mund auf eine Weise verzog, dass man es beinahe für ein Lächeln hätte halten können.

„Und ich dachte, deine jammervolle Miene sollte deinen Stiefbruder täuschen. Es tut mir aufrichtig leid, dass du einen solchen Kummer ertragen musstest, aber dadurch wurde zumindest Skeldon von deinem Widerwillen gegen eine Ehe mit mir überzeugt. Vielleicht lag das in Underhills Absicht.“

„Francis? Ja, ich hätte ihn vielleicht nicht mit einer so schwierigen Angelegenheit betrauen sollen. Er ist ein herzensguter Kerl, aber …“

„Aber auch ein sehr bescheidener, anständiger Mensch“, vollendete Sir Edmund freundlich. „Du hättest keinen besseren Anwalt deiner Sache finden können als ihn. Er hat mir die näheren Umstände und deine Zwangslage sehr überzeugend dargelegt – und ich muss gestehen, dass es nicht leicht war, mich zu überzeugen. Schließlich liebe ich meine Einsamkeit und meine Ruhe.“ Nach einem prüfenden Seitenblick auf seine junge Frau ließ er sich vorsichtig wieder auf der Polsterbank nieder.

„In diesem Punkte teile ich völlig Eure Ansicht, Sir Edmund. Keiner von uns war wohl sehr auf diese Heirat erpicht. Doch was hat das mit Eurer Identität zu tun, die mir angeblich nicht bekannt ist?“

Sir Edmund hob die Hände. „Nun, bei Tisch habe ich schon einen vergeblichen Versuch unternommen, über meine Familie zu sprechen. Seit Jahrhunderten erhalten nämlich die männlichen Nachkommen der Familie Fitzhugh die Namen Edmund und Crispin. Mein Vater war der Reverend Crispin Fitzhugh, und auch mein Neffe, der Sohn meiner Schwester Alice, trägt den Namen Crispin … Crispin Bayard.“

Ihr geliebter Crispin der Neffe von Sir Edmund Fitzhugh? Julianna musste sich diese Erkenntnis mehrmals im Geiste wiederholen, bevor sie sich in ihrem Kopfe festsetzen konnte. „So seid Ihr also … Crispins … Crispins ‚gewisser‘ Onkel, wie er Euch nannte? Ich kann es kaum glauben! Aber ich frage mich, warum er mir nie Euern Namen genannt hat, wenn wir über Euch gesprochen haben.“

„Nun“, erwiderte Sir Edmund, „ich denke, dass mein Neffe erfahren genug war, um zu wissen, dass ein Onkel kein geeigneter Gegenstand für eine Unterhaltung mit seiner Liebsten ist.“

„Immerhin hat er mir einmal gesagt, dass er alles, was ein Gentleman wissen muss, von Euch gelernt hat“, widersprach Julianna eifrig.

Aber Sir Edmund schüttelte nur abwehrend den Kopf. „Mit dieser Behauptung ist er über das Ziel hinausgeschossen. Ich denke, wir haben beide das meiste davon der Erziehung durch unsere liebe Alice zu danken.“

Bei diesen Worten überkam Julianna unvermittelt das Gefühl, als stehe ihr teurer Crispin unsichtbar neben ihr im Zimmer. Spontan ergriff sie die Hand ihres Gatten und drückte sie fest. „Es ist mir eine große Freude, Euch nun endlich persönlich kennengelernt zu haben“, sagte sie lächelnd.

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