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Lockende Sterne der Karibik

1. KAPITEL

Hupend und wild gestikulierend lenkte der dunkelhäutige Taxifahrer seinen Wagen durch die engen und verwinkelten Straßen von Willemstad, wirkte dabei aber so fröhlich, als ob ihm dieser Teil seines Berufs ganz besonders großen Spaß bereitete.

Athena hingegen konnte seine Begeisterung nicht teilen.

Obwohl sie die Seitenscheibe heruntergekurbelt hatte, war es unerträglich stickig und heiß im Inneren des Fahrzeugs. Kein Wunder, denn die Temperatur auf Curaçao betrug im Augenblick weit über dreißig Grad, und auch die Luftfeuchtigkeit war um einiges höher als zu Hause in London. Athenas dunkler Hosenanzug und die hochgeschlossene Bluse mochten für das englische Schmuddelwetter durchaus angemessen erscheinen, für karibisches Klima war diese Kombination jedoch tödlich. Die Haut unter dem Stoff fühlte sich feucht und klebrig an, und Athena sehnte sich nach einer eiskalten Dusche, die sie, wie es im Augenblick schien, aber nicht so bald bekommen würde.

Seufzend lehnte sie sich auf der durchgesessenen Rückbank des Wagens zurück und blickte aus dem Seitenfenster. Das Taxi bog in eine breite, mit Palmen gesäumte Straße ein. Häuser, deren farbenprächtige Fassaden im gleißenden Sonnenschein erstrahlten, zogen an ihr vorüber. Doch trotz der beeindruckenden Kulisse fragte Athena sich, nicht zum ersten Mal seit Antritt ihrer Reise ins Unbekannte, ob sie vielleicht einen Fehler begangen hatte. Einen schrecklichen Fehler sogar.

Im Grunde war sie alles andere als ein impulsiver Mensch. Niemals traf sie eine Entscheidung, ohne sich zuvor über alle Konsequenzen informiert zu haben. Und doch hatte sie nicht gezögert, sich in das nächste Flugzeug nach Curaçao zu setzen. Und hier war sie nun.

Verrückt! Ich muss den Verstand verloren haben! Einfach nur verrückt! Sie schüttelte den Kopf. Was war bloß in sie gefahren, einfach so entgegen ihrer eigenen Natur zu handeln? Miles Tate, so viel stand fest, wäre stolz auf sie gewesen. Athena war sich der Tatsache schmerzlich bewusst, wie sehr sie sich von ihrem Vater unterschied – und was das für eine Enttäuschung für ihn gewesen sein musste. Und James? Unwillkürlich fragte sie sich, was er wohl zu ihrer überraschenden Wandlung sagen würde. Ob er es überhaupt glauben würde?

Doch es war müßig, über James oder ihren Vater nachzudenken. Jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Es gab im Augenblick ganz andere Probleme, um die sie sich zu kümmern hatte.

„Da sind wir“, verkündete der Taxifahrer und deutete auf ein himmelblau getünchtes Gebäude. Sein Englisch wies einen stark holländischen Akzent auf. Holländisch war die offizielle Sprache der Niederländischen Antillen, zu denen auch Curaçao gehörte. Zu Athenas Glück sprachen die meisten Einheimischen jedoch auch recht gut Englisch. „Das Palace Hotel.

Das mulmige Gefühl, das Athena schon bei ihrer Ankunft auf Curaçao beschlichen hatte, verstärkte sich, als der Wagen an den Straßenrand fuhr. Dies war bereits das achte Hotel, bei dem sie es versuchte. Doch im Augenblick schien es auf der ganzen Insel wirklich schwierig – wenn nicht gar unmöglich – zu sein, ein freies Zimmer zu bekommen. Selbst schuld. Was hast du dir auch dabei gedacht, einfach abzureisen, ohne zuvor ein Hotelzimmer zu reservieren? Und das ausgerechnet in der Hauptsaison!

„Warten Sie bitte einen Moment auf mich?“, bat sie den Fahrer, der jedoch nur unwillig zustimmte, und das auch erst, nachdem Athena sich bereit erklärt hatte, die bisher angefallenen Fahrtkosten zu begleichen. Sie waren nun schon eine ganze Weile unterwegs, und wahrscheinlich fragte er sich, ob Athena überhaupt in der Lage war, eine Weiterfahrt zu bezahlen – sie konnte es ihm nicht einmal verdenken.

Nachdem das Finanzielle geklärt war, stieg sie aus dem Wagen und trat durch zwei breite Flügeltüren ins Foyer des Hotels.

Wie sie bereits befürchtet hatte, wirkte hier alles sehr exklusiv und luxuriös – mit anderen Worten: unglaublich teuer. Trotzdem trat sie an die Rezeption, hinter der eine elegant gekleidete Blondine gerade am Computer beschäftigt war. Als sie Athena bemerkte, lächelte sie. „Herzlich willkommen im Palace Hotel. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich brauche ein Zimmer“, erklärte Athena zaghaft. „Für unbestimmte Zeit.“

Die Empfangsdame schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, Madam, aber augenblicklich kann ich Ihnen nur eine unserer Suiten anbieten, aber das wäre …“

„Ein sehr kostspieliges Vergnügen.“ Athena seufzte. „Danke für Ihre Bemühungen.“

Sie wollte sich gerade abwenden, als die Empfangsdame sie noch einmal ansprach. „Hören Sie, wenn Sie nach einer kostengünstigen Unterkunft in Willemstad suchen, sollten Sie es einmal im „De Nederlandse“ versuchen. Das ist eine kleine Pension in der Nähe des Hafens, die bei Studenten sehr beliebt ist.“

Athena bedankte sich und trat durch die Flügeltür hinaus in den prallen Sonnenschein. Blinzelnd beschattete sie die Augen mit der Hand – und atmete scharf ein. „Das kann doch nicht wahr sein!“, rief sie und hastete die Stufen der breiten Vortreppe hinunter. Am Straßenrand stand ihre Reisetasche, und von ihrem Taxi war weit und breit nichts zu sehen. Der Fahrer hatte sich einfach aus dem Staub gemacht!

Sie nahm ihre Tasche auf und blickte sich um. Obwohl sie sich direkt an einer viel befahrenen Straße befand, schienen freie Taxen Mangelware zu sein. Athena überlegte noch, ob sie zurück ins Hotel gehen sollte, um die Empfangsdame zu bitten, ihr einen Wagen zu rufen, als sie plötzlich einen heftigen Stoß in den Rücken bekam.

Athena schrie erschrocken auf und begann, mit den Armen zu rudern, um nicht zu stürzen. Sie schaffte es tatsächlich, doch ihre Tasche hatte weit weniger Glück. Hart prallte sie auf dem Boden auf, der Reißverschluss platzte auf, und Athenas gesamte Habseligkeiten ergossen sich über den staubigen Asphalt.

„Das kann doch nicht wahr sein!“ Bereit, ihren Frust an demjenigen, der hierfür verantwortlich war, auszulassen, wirbelte sie herum. „Können Sie denn nicht aufpassen, wo Sie hinlaufen? Sehen Sie nur, was Sie angerichtet haben!“

Sie hatte noch so viel mehr sagen wollen, doch dann erblickte sie die Person, von der sie soeben angerempelt worden war, und ihre Stimme versagte. Was für ein Mann! war alles, was sie in diesem Moment denken konnte.

Er war sehr groß – mindestens einen Kopf größer als Athena, die mit ihren eins sechsundsiebzig selbst schon nicht gerade klein war –, und er hatte so breite Schultern, dass sich das verwaschene schwarze Shirt bedenklich über seiner Brust spannte. Seine Bluejeans waren mit Ölflecken übersät, und er trug derbe Arbeitsstiefel, an deren Spitze die Stahlkappen durch das Leder schimmerten. Doch das alles nahm Athena nur am Rande war, denn sie war wie gefesselt von seinem Gesicht, das – liebe Güte! – männlicher wirklich nicht hätte sein können.

Der Fremde war unrasiert, und sein etwas zu langes dunkelbraunes Haar hatte er mit einem Lederband im Nacken zusammengebunden. Daran war im Grunde nichts Ungewöhnliches, doch ihn ließ es irgendwie verwegen aussehen, fast ein bisschen wie den Piraten aus diesem Film, den sie erst kürzlich im Kino gesehen hatte. Und dann diese außergewöhnlich dunklen Augen, die alles in ihrer Umgebung zu erfassen schienen – und die sie in diesem Moment verärgert anfunkelten.

„Jetzt halten Sie aber mal die Luft an, Lady, ich habe Sie ganz sicher nicht absichtlich angerempelt“, empörte sich der Pirat. „Außerdem waren Sie doch die, die mit ihrer Reisetasche den halben Bürgersteig blockiert hat. Wenn sich also jemand entschuldigen müsste, dann sind Sie das.“

Selbst wenn er, wie jetzt im Augenblick, aufgebracht war, klang seine Stimme ausgesprochen angenehm, schön tief und leicht rauchig. Es dauerte einen Moment, ehe Athena wirklich erfasste, was er gesagt hatte, doch dann holten seine Worte sie abrupt in die Gegenwart zurück.

„Wie bitte?“ Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie denken wohl, sich alles erlauben zu können, wie?“ Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu und begann, ihre verstreuten Kleidungsstücke vom Boden aufzusammeln. Als er sich mit einem Seufzen anschickte, ihr dabei zu helfen, hob sie abwehrend die Hände. „Fassen Sie bloß nichts an, verstanden? Mit Ihren ölverschmierten Fingern machen Sie höchstens alles noch schlimmer!“

Ihr Gegenüber brummte etwas Unverständliches, das entfernt wie „arrogante Ziege“ klang. Athena zog es vor, ihn zu ignorieren. Unfassbar, dass sie diesen ungehobelten Grobian noch vor ein paar Minuten angestarrt hatte, als wäre er der attraktivste Mann auf Erden!

Gerade streckte sie die Hand nach ihrer dunkelblauen Seidenbluse aus, als ein kräftiger Windstoß das Kleidungsstück geradewegs auf die Fahrbahn beförderte. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken oder auf den Verkehr zu achten, trat Athena auf die Straße, um ihr Eigentum zurückzuholen. Das heißt, sie wollte auf die Straße treten, doch der Pirat hinderte sie im letzten Moment daran.

Sie holte schon Luft, um ihn wegen dieser erneuten Unverschämtheit zurechtzuweisen, als sie beobachtete, wie ihre Bluse vom linken Vorderrad eines Pick-ups überrollt und einige Meter weit mitgeschleift wurde. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie kurz davor gewesen war, eine riesige Dummheit zu begehen. Einfach blindlings auf die Straße zu laufen – lieber Himmel! Selbst kleine Kinder wussten, dass man das niemals tun durfte.

Zerknirscht musste Athena sich eingestehen, dass das schnelle Eingreifen des Fremden sie vielleicht vor einem verfrühten und tragischen Ende ihrer Karibikreise bewahrt hatte. Und sie hätte ihm wahrscheinlich auch dafür gedankt, wenn er sie nicht gleich darauf angebrüllt hätte.

„Sind Sie völlig wahnsinnig geworden, einfach loszulaufen? Sie hätten überfahren werden können! So etwas Dummes habe ich wirklich noch nicht erlebt!“

Athena schluckte. „Jetzt werden Sie mal nicht frech, Mister! Und tun Sie bitte nicht so, als wäre es meine Schuld, dass mein Eigentum hier überall auf der Straße zu finden ist.“ Anklagend deutete sie auf die traurigen Reste der dunkelblauen Seidenbluse, die zerrissen und völlig verdreckt im Rinnstein lag. „Das war eine echte Chanel! Die hat ein halbes Vermögen gekostet, und dank Ihnen bleibt mir nichts anderes übrig, als sie wegzuwerfen!“

Er warf ihr einen Blick zu, der sie in ihrem Entschluss, sich mit ihm anzulegen, wanken ließ – jedoch nur für eine Sekunde. „Ich ersetze Ihnen die Bluse“, erwiderte er eisig und zückte seine Brieftasche. „Wie viel kostet so ein Stück Stoff?“

Athena wusste, dass sie ihn mit ihrem Verhalten nur noch mehr gegen sich aufbrachte, doch auf eine unerklärliche Art und Weise bereitete ihr genau das ein diebisches Vergnügen. Sie musterte ihn abschätzend von oben bis unten – wobei sie erneut seinen athletischen Körperbau bewunderte – und schüttelte den Kopf. „Bemühen Sie sich nicht. Sie haben mich vor einer ziemlichen Dummheit bewahrt, und ich will nicht undankbar sein – auch wenn Sie indirekt ja dafür verantwortlich sind.“

Seine Miene verfinsterte sich zusehends. „Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein“, entgegnete er kurz angebunden. Dann zog er ein kleines Bündel Geldnoten aus seiner Brieftasche und reichte es Athena. „Hier, mehr habe ich im Augenblick leider nicht dabei. Aber wenn Sie mir freundlichst mitteilen würden, wo ich Sie erreichen kann, werde ich Ihnen den Rest so schnell wie möglich zukommen lassen.“

Die Worte des Piraten ließen Athena wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren, denn sie erinnerten sie daran, dass sie noch immer keine Unterkunft für die Nacht gefunden hatte. Stattdessen stand sie hier am Straßenrand und stritt sich mit einem wildfremden Mann über Dinge, die im Grunde völlig belanglos waren. Was sie wirklich brauchte, war ein Zimmer für die Nacht!

„Was ist nun?“, drängte er. „Nehmen Sie das Geld und machen Sie damit, was immer Sie für richtig halten. Und falls Sie sich Sorgen machen, dass ich die Scheine eventuell mit meinen ölverschmierten Händen verdreckt haben könnte, so kann ich Sie beruhigen: Ich habe sie gerade eben erst von der Bank abgeholt.“

Was für eine Frau.

Dylan wusste nicht, ob er verärgert oder beeindruckt sein sollte. Eines jedenfalls stand fest: Schon lange war ihm niemand mehr so forsch gegenübergetreten. Gegen seinen Willen war er fasziniert. Zugleich ging ihm die arrogante, hochmütige Art der schönen Unbekannten aber auch gegen den Strich.

Was bildete sie sich eigentlich ein, ihn so von oben herab zu behandeln? Okay, es stimmte schon, dass sein heutiges Outfit in Sachen Reinlichkeit und Eleganz nicht gerade punkten konnte, aber er war eben dabei gewesen, der „Ocean Queen“ einen Ölwechsel zu verpassen, als er den Anruf seiner Bank erhalten hatte. Außerdem war die Fremde doch selbst völlig unangemessen gekleidet, zumindest für das karibische Klima.

Dennoch, irgendetwas reizte ihn an dieser Frau, und genau das irritierte ihn. Sie war doch gar nicht sein Typ! Früher einmal vielleicht, aber heute …

Er atmete tief durch und drängte die Erinnerungen an die Vergangenheit zurück in den hintersten Winkel seines Bewusstseins. Diese Zeiten waren längst vorbei, und er hatte sein Leben jetzt endlich wieder im Griff. Das war weit mehr, als er selbst noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätte.

„Sind Sie taub? Stecken Sie endlich Ihr Geld wieder ein und hören Sie auf, mich so komisch anzustarren!“

Dylan blinzelte irritiert, als er mit einem Mal abrupt in die Realität zurückkehrte. „Ich … Was …?“, stammelte er. Dann ging ihm auf, was sie gerade zu ihm gesagt hatte. „Sagen Sie mal, was soll das eigentlich?“, fragte er ärgerlich. „Zuerst jammern Sie herum, weil diese dämliche Bluse so teuer gewesen ist, aber wenn ich Ihnen dann anbiete, sie zu ersetzen, lehnen Sie ab. Ist Ihnen mein Geld nicht gut genug?“

Einen Moment lang wirkte sie verunsichert, ja fast verlegen – doch dieser Augenblick währte nur ein paar Sekunden. „Ich habe eben meine Prinzipien“, erwiderte sie und reckte das Kinn kämpferisch vor.

„Und zu diesen Prinzipien gehört, keinen Schadenersatz zu akzeptieren, wenn jemand Ihr Eigentum beschädigt hat?“

Darauf schien sie keine Antwort zu wissen, oder aber sie zog es vor, sich in Schweigen zu hüllen. Dylan seufzte. Diese Frau war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln – ebenso die Art und Weise, wie er auf sie reagierte. Warum steckte er die Scheine nicht einfach wieder ein? Warum drehte er sich nicht endlich um und ging – ehe er am Ende noch diesem anderen, immer stärker werdenden Impuls nachgab: sie in seine Arme zu ziehen und ihren Mund, aus dem er bisher nicht ein freundliches Wort gehört hatte, mit seinen Lippen zu verschließen.

Dylan zwang sich, tief durchzuatmen. Er wollte auf keinen Fall, dass sie mitbekam, dass die Fantasie mit ihm durchgegangen war. Hast du wirklich schon wieder vergessen, dass du es einer Frau wie dieser zu verdanken hast, dass du jetzt in einer solchen Situation steckst?

Nicht, dass er sein Leben auf Curaçao nicht mochte. Die Insel war ein idyllisches Fleckchen Erde, doch in letzter Zeit gab es einige Dinge, die es ihm schwermachten, sich an Palmen, Strand und Meer zu erfreuen. Seine augenblickliche finanzielle Situation war nämlich ein einziges Desaster.

Wenn er an das Gespräch mit diesem Bankschnösel dachte, das er erst vor wenigen Minuten geführt hatte, stieg heiße Wut in ihm auf. Vielleicht reagierte er auch nur deshalb jetzt so schroff, weil er es satt war, von oben herab behandelt zu werden. Warum tat bloß alle Welt so, als sei er nicht mehr als ein armseliger Bittsteller?

Sieben Jahre! So lange besaß er nun schon ein Konto bei seiner Bank, und in der ganzen Zeit hatte es niemals Probleme gegeben. Man hatte stets Verständnis für seine besondere Situation gezeigt, doch ausgerechnet jetzt, wo der Motor der „Ocean Queen“ dringend einer Überholung bedurfte und die Charteraufträge für die vergangenen Monate an einer Hand abzuzählen gewesen waren, hatte sich der Wind gedreht.

Dylan hatte wollte es erst gar nicht glauben wollen, als der Anruf gekommen war. Es musste sich um ein dummes Missverständnis handeln. Die Bank konnte ihm doch unmöglich so mir nichts dir nichts den Dispositionskredit kündigen!

Sofort hatte er seine Arbeit liegen gelassen und war in die Stadt gefahren, um in einem persönlichen Gespräch alle Unklarheiten zu beseitigen. Doch das hätte er sich ebenso gut auch sparen können. Da sein Konto seit Wochen permanent hoffnungslos überzogen gewesen war, hatte der neue Filialleiter der Bank beschlossen, hart durchzugreifen. Und damit wurde es finanziell jetzt endgültig eng für Dylan.

„Was ist jetzt? Nehmen Sie das Geld endlich zurück?“

Sei nicht dumm, nimm es endlich, Dylan. Sie braucht es wohl kaum so nötig wie du! Nimm es!

Er tat es, doch leicht fiel es ihm nicht. Irgendwie schaffte diese Frau es, ihm das Gefühl zu vermitteln, verloren zu haben. Und Dylan war vieles, aber ganz gewiss kein guter Verlierer. Nur: Was interessierte es ihn eigentlich? Diese Frau war eine Fremde, er würde sie niemals im Leben wiedersehen.

„Okay, Lady, Sie haben Ihren Willen, und ich empfehle mich jetzt. War mir … nun ja, sagen wir, es war äußerst interessant, Sie kennenzulernen.“

„Ich hätte durchaus darauf verzichten können“, erwiderte sie eisig, während sie ihre restliche Garderobe vom Asphalt aufsammelte.

Die Empfehlung der Empfangsdame des „Palace Hotel“ war Gold wert gewesen. Das „De Nederlandse“ war zwar keine Luxusunterkunft, aber immerhin hatte Athena nun ein Dach über dem Kopf. Sie konnte wirklich von Glück reden, es war nämlich gerade vor einer halben Stunde ein Zimmer frei geworden. Was für ein Zufall!

Nachdem sie sich frisch gemacht und umgezogen hatte, machte sie sich auf den Weg. Es war an der Zeit, ein Boot zu chartern. Bis zum Hafen war es nicht weit, und seit sie nicht länger ihren Hosenanzug, sondern knappe Shorts und ein Tanktop trug, kam ihr nicht einmal mehr die Hitze unerträglich vor. Es wäre doch gelacht, wenn sich hier kein Boot finden ließe, das sie für ihre Zwecke benutzen konnte. Viel kosten durfte es allerdings nicht, denn das „De Nederlandse“ war zwar weitaus günstiger als normale Hotels, dennoch musste sie mit ihrem Geld haushalten.

Ein bisschen bereute sie es inzwischen fast, das Angebot des Piraten – sie konnte einfach nicht aufhören, ihn in Gedanken so zu nennen – abgelehnt zu haben. Sie hätte das Geld wirklich gut gebrauchen können, aber das hätte sie ihm gegenüber niemals zugegeben.

Suchend blickte sie sich nach einem Wegweiser um. Es machte keinen Sinn, sich über einen Mann den Kopf zu zerbrechen, den sie ohnehin niemals wiedersehen würde. Es gab wichtigere Dinge, um die sie sich zu kümmern hatte.

Aber er sah schon wirklich unglaublich gut aus …

Athena ärgerte sich über sich selbst. Er schon wieder. Verflixt, warum konnte sie bloß nicht aufhören, an ihn zu denken? Sie wusste doch genau, dass diese Sorte von Männern immer nur eines brachte: Unglück.

Seufzend musste sie sich eingestehen, dass es immer wieder derselbe Typ war, auf den sie hereinfiel: Abenteurer, Draufgänger. Warum, war ihr selbst völlig schleierhaft. Sie wusste nur, dass sie sich von Natur aus von solchen Männern beinahe unwiderstehlich angezogen fühlte. Ihre neueste Bekanntschaft machte da keine Ausnahme.

Allerdings hatte sie gehofft, inzwischen eine Immunität entwickelt zu haben, die verhinderte, dass sie immer und immer wieder denselben Fehler beging. Aber warum bekam sie dann allein beim Gedanken an den Piraten ganz weiche Knie? Hatte sie aus der Sache mit James denn wirklich gar nichts gelernt?

Athenas Herz begann heftiger zu klopfen, als sie endlich den Hafen von Willemstad erreichte. Jetzt kam es allein auf ihr Verhandlungsgeschick an. Sie brauchte ein Boot, um ihr Vorhaben verwirklichen zu können. Der Haken daran war, dass die ganze Sache so gut wie nichts kosten durfte.

Für einen Moment vergaß sie all ihre Sorgen. Eine berauschende Mischung von Düften erfüllte die vor feuchter Hitze flirrende Luft. Dunkelhäutige Männer mit bloßen, schweißbedeckten Oberkörpern schleppten Kisten mit Ananas, Passionsfrüchten, Gewürzen und anderen Gütern durch die engen Gassen. Wohin man auch blickte, herrschte emsiges Treiben.

Dann verließ sie den Teil des Hafens, an dem die Handelsschiffe anlegten, und kam in den ruhigeren Bereich, wo die Boote lagen, die in privater Hand waren. Hier wollte Athena ihr Glück versuchen. Zuversichtlich, ihrem Ziel schon bald ein ganzes Stück näher zu kommen, fragte sie die erstbeste Person, die ihr über den Weg lief. Der etwa sechzehnjährige Junge legte die Stirn in Falten und schien angestrengt über Athenas Frage nachzudenken, ehe er schließlich etwas auf Holländisch rief und dann lachend in einem Hinterhof verschwand.

Wahrscheinlich hat er nicht einmal ein Wort von dem verstanden, was ich gesagt habe, dachte Athena ernüchtert. Doch sie brauchte Hilfe, so viel stand fest. Allein würde sie eine Ewigkeit brauchen, ein Boot zu finden, das sowohl ihren Vorstellungen entsprach, als auch bezahlbar war. Aber an wen sollte sie sich wenden? Sie kannte hier doch niemanden.

Was hätte Dad an meiner Stelle getan?

Der Gedanke an ihren Vater war noch immer schmerzhaft, und Athena schob ihn rasch beiseite. Jetzt gab es nur noch eines, was sie für ihn tun konnte. Und wenn es ihr nicht gelang, ein Boot oder ein Schiff für ihr Vorhaben zu organisieren, dann hätte sie ebenso gut auch gleich zu Hause in England bleiben können.

Entschlossen ballte sie die Hände zu Fäusten und schüttelte den Kopf. Nein, sie musste es einfach schaffen. Allein schon, weil sie es ihrem Vater schuldig war. Doch auch der Gedanke, sich völlig umsonst auf dieses nervenaufreibende Abenteuer eingelassen zu haben, behagte ihr nicht sonderlich. Das Ganze war einfach nichts für sie. Sie gehörte generell nicht zu den Menschen, die gerne experimentierten und Neues ausprobierten. Stattdessen bevorzugte sie ein Leben wie jenes, das sie in London führte – ruhig und friedlich.

Sie liebte die Arbeit im British Museum, mochte die Gesellschaft von wissensdurstigen jungen Menschen und interessierte sich für Historie in jeglicher Form. Doch selbst wenn allein der Umgang mit Geschichte Abenteuer für sie bedeutete, verlief ihr Leben doch in ruhigen Bahnen. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der am University College gelehrt hatte, hatte sie niemals den Ehrgeiz entwickelt, selbst auf dem Gebiet der Forschung tätig zu werden. Doch nun schien der Tag gekommen zu sein, an dem sie in Professor Miles Tates Fußstapfen trat – mehr oder weniger freiwillig.

Athena hatte das Gefühl, dass sich die Sohlen ihrer Sandaletten vom vielen Laufen schon auflösten, als sie endlich jemanden fand, der sie verstand und ihr zudem auch noch weiterhelfen konnte.

„Versuchen Sie’s bei Captain Harris unten an Kai sechs“, lautete die Empfehlung des alten Mannes, der Athena nur zu gerne folgte, denn die Chartergebühren, die dieser Harris für die Miete seines Schiffs verlangte, waren offenbar wirklich gering. Als sie dann aber das Schiff erblickte, das man ihr angepriesen hatte, wunderte sie sich nicht mehr über den günstigen Preis.

„Was für ein abgehalfterter Kahn“, stieß sie kopfschüttelnd aus.

„Was gefällt Ihnen an meinem Schiff nicht?“, erklang plötzlich eine Stimme hinter ihrem Rücken. „Ein paar Eimer Farbe, und die Queen ist wieder wie neu.“

„Wie neu? Für mich sieht dieser rostige Kahn eher aus, als wäre er ein Fall für die Schrottpresse.“ Athena drehte sich um – und erstarrte. „Sie? Was, zum Teufel, haben Sie denn hier zu suchen? Verfolgen Sie mich etwa?“

Der Pirat – denn um niemand anderen handelte es sich bei ihrem Gegenüber – schnaubte. „Wenn hier jemand verfolgt wird, dann bin das ja wohl eher ich. Immerhin liegt mein Schiff hier vor Anker, von daher schätze ich, dass ich einen recht guten Grund habe, mich hier am Hafen aufzuhalten. Die Frage lautet vielmehr: Was treiben Sie hier, Lady?“

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