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Lockende Flammen

1. KAPITEL

Das große Doppelbett war mit Seide bezogen. Kühler, eleganter Seide, die ihren schlanken Körper zu liebkosen schien. Obwohl sich der raschelnde Stoff auf ihrer Haut längst nicht so erotisch anfühlte wie seine Berührung und gar nichts war im Vergleich zur glühenden Leidenschaft seines Kusses.

Sein Gesicht lag im Schatten, aber sie kannte seine Gesichtszüge in- und auswendig. Sie sah die dunklen, vor Intensität leuchtenden Augen, das arrogante Profil und den aufregend sinnlichen Mund gestochen scharf vor sich. Lustvolle Erregung durchschoss ihren Körper. Ein kurzer Blick auf den Mann genügte, um die in ihr schlummernde Verführerin zu wecken. Das war ihr noch nie zuvor passiert. Es war fast, als ob sie seine zweite Hälfte wäre, die seine Männlichkeit ergänzte. Sie passten perfekt zusammen, waren wie füreinander geschaffen, und sie wussten es beide. Nur bei ihm konnte sie ganz sie selbst sein und die permanente Wachsamkeit aufgeben, die ihr längst zur zweiten Natur geworden war.

Sie sehnte sich auf tausend, ja hunderttausend verschiedene Arten nach ihm. Das wissende Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, verriet ihr, dass er ihre geheimsten Wünsche kannte. Und dass er wusste, wie sehr sie seine Zärtlichkeiten auskostete.

Leonora schloss seufzend die Augen. Die Fingerspitzen, die eben noch langsam und fast andächtig ihre Brüste gestreichelt hatten, wanderten tiefer, über ihren flachen Bauch und …

Schuldbewusst riss sie sich aus ihrem Tagtraum. Wenn sie jetzt nicht sofort unter die Dusche ging, würde sie noch zu spät kommen!

Wie töricht sie doch war. Zumindest ihre Brüder würden das so sehen. Sie konnte sich nur allzu lebhaft vorstellen, wie sich die beiden johlend auf die Schenkel klopften, wenn sie wüssten, was sie sich da zusammenfantasierte.

Aber das war eben die Krux, wenn man als Mädchen zwischen zwei Brüdern aufwachsen musste. Piers war nur achtzehn Monate älter als sie und Leo ein Jahr jünger. Ihre Mutter war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, den ein wild gewordener Autofahrer verursacht hatte, als sie unterwegs gewesen war, um die Kinder von der Schule abzuholen. Das war nicht nur für Leonora und ihre Brüder ein schrecklicher Schicksalsschlag gewesen, sondern ebenso für ihren Vater, einen ehemaligen Hochleistungssportler. Um mehr Zeit für seine Kinder zu haben, hatte er nach dem Tod seiner Frau den Profisport an den Nagel gehängt und sich an der Leitung einer Sportartikelfirma beteiligt, die er irgendwann ganz übernommen hatte. Als Ex-Profisportler war er fest davon überzeugt gewesen, dass es richtig und sinnvoll war, das natürliche Konkurrenzverhalten zwischen Leonora und ihren Brüdern noch zu schüren, weil es in seinen Augen keinen besseren Weg gab, um Kinder auf die Welt der Erwachsenen vorzubereiten.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Leonora ständig in dem Gefühl gelebt, sich ihrem Vater zuliebe noch mehr anstrengen zu müssen, damit sie so war wie „die Jungs“. Deshalb hatte sie sich auch nie erlaubt zu weinen wie ein Mädchen.

Obwohl ihr Vater alle seine Kinder aufrichtig liebte, hatte er es doch nie wirklich vermocht, seiner Tochter diese Liebe zu zeigen. Aber das machte Leonora ihm nicht zum Vorwurf – im Gegenteil. Im Zweifelsfall hatte sie ihn und ihre Brüder stets leidenschaftlich gegen jede Kritik in Schutz genommen, sodass sie sich alle bis zum heutigen Tag immer noch sehr nahe standen. Nachdem sich ihr Vater vor drei Jahren entschlossen hatte, zum zweiten Mal zu heiraten, war er emotional wieder aufgeblüht. Dieser Umstand hatte Leonora ein weiteres Mal schmerzhaft deutlich vor Augen geführt, wie groß der Verlust war, den sie alle durch den Tod ihrer Mutter erlitten hatten.

Inzwischen sehnte sich Leonora unterschwellig immer öfter danach, die Frau zu sein, die wahrscheinlich aus ihr geworden wäre, wenn sie nicht ohne Mutter hätte aufwachsen müssen. Dann war es nur noch ihr Stolz, der sie an der Rolle des ehrgeizigen Wildfangs festhalten ließ, in die sie ihrem Vater zuliebe geschlüpft war. Es gab Zeiten, da fühlte sie sich so hilflos und verloren, dass sie befürchtete, nie herauszufinden, wer sie wirklich war. Und wenn sie sich dann in einem schwachen Moment ihrer wahren inneren Natur entsprechend verhielt und ihre Brüder sie auslachten, war sie so niedergeschlagen, dass sie sich prompt wieder in die vertrauten Verhaltensmuster flüchtete.

Und manchmal in intime Tagträume … so wie jetzt.

Dass sie gezwungen war, an Stelle eigener Erfahrungen Fantasien zu setzen, lag sicher auch mit daran, wie sie aufgewachsen war. Sie meinte es noch heute zu hören, wenn ihre Brüder in der Pubertät über Mädchen gelästert und Punkte für Verfügbarkeit, Aussehen und sexuelle Erfahrung verteilt hatten. Leonora war über so viel Unsensibilität entsetzt gewesen und hatte sich geschworen zu verhindern, dass je ein Junge so über sie herziehen konnte. Das war natürlich nicht ohne Folgen geblieben. Denn irgendwann hatte sie angefangen, sich gegen ihre aufblühende Sinnlichkeit zu wehren und diese mit einer kumpelhaften Art zu kaschieren. Während andere Mädchen in der Pubertät gelernt hatten, mit ihrer Sinnlichkeit und Sexualität zu spielen, hatte Leonora angefangen, beides zu fürchten.

Aber das war alles Geschichte. Ihre Brüder waren mit siebenundzwanzig und vierundzwanzig längst erwachsen und seit langem darüber hinaus, mit irgendwem oder untereinander ihre Freundinnen und ihr Sexleben durchzuhecheln.

Und Leonora selbst war ebenfalls erwachsen. Ihr einziges Problem bestand darin, dass sie mit fünfundzwanzig immer noch Jungfrau war. Zum Glück wusste das niemand, vor allem nicht ihre Brüder. Obwohl sie nicht allzu oft über ihre mangelnde sexuelle Erfahrung nachdachte, und wenn, dann höchstens auf diese selbstironische Art, die sie sich angewöhnt hatte. Es gibt wahrlich Wichtigeres, dachte sie jetzt, während sie sich unter die Dusche stellte und das Wasser aufdrehte. Zum Beispiel, wie sie endlich zu ihrem Traumjob kam.

Als Kinder waren sie alle drei groß und mager gewesen. Während Piers und Leo irgendwann beeindruckend breite Schultern bekommen hatten, war Leonora jetzt zwar nicht mehr mager, aber doch immer noch auffallend schlank und zierlich. Obwohl ihr letzter Urlaub auf den kanarischen Inseln schon einige Monate zurücklag, schimmerte ihre Haut immer noch in einem warmen Goldton. Ihre Brüste waren klein, wenn auch nicht klein genug, um auf einen BH verzichten können, und die dunklen Knospen reckten sich keck himmelwärts.

Nachdem sie eilig geduscht hatte, verließ sie das Bad und durchquerte, sich dabei abtrocknend, auf langen schlanken Beinen ihr Schlafzimmer. Ihr Gesicht war umrahmt von einer wilden dunklen Mähne, die ihr nass über die Schultern fiel.

Als ihr Blick an der Pilotenuniform auf ihrem Bett hängen blieb, bekam sie Herzklopfen. Leonora war sicher gewesen, dass der Verdacht auf sie fallen würde, als Leo an Weihnachten den Verlust seiner Ersatzuniform beklagt hatte, aber zum Glück war niemand auf die Idee gekommen, dass sie etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte.

Die arme Mavis von der kleinen Änderungsschneiderei ein paar Straßen weiter hatte sich anfangs kategorisch geweigert, die Uniform zu ändern. Das sei absolut unmöglich, hatte sie im Brustton der Überzeugung behauptet. Die Uniform sei viel zu groß, da würde Leonora nie hineinpassen, nicht einmal annähernd … und außerdem diese Mütze! Wie solle man die wohl ändern? Aber Leonora hatte darauf bestanden und Mavis versichert, dass sie ihr vollstes Vertrauen hatte, und am Ende war dieses Vertrauen belohnt worden.

Leonora wusste, dass viele Leute sie um ihre berufliche Selbstständigkeit beneideten. Dagegen ließ sich nichts sagen, schließlich machte ihr die Arbeit Spaß. Der einzige Haken an der Sache war, dass sie nie vorgehabt hatte, irgendwelchen aufstrebenden Geschäftsleuten und den Kindern ehrgeiziger Eltern Sprachunterricht zu erteilen, als sie ihre Sprachkenntnisse in Französisch und Italienisch noch durch Russisch und Mandarinchinesisch ergänzt hatte.

Aber das Leben war eben nicht immer fair, und ein Mädchen, das zwischen zwei Brüdern aufwachsen musste, schien es bisweilen besonders unfair zu behandeln. Denn schließlich war es doch so, dass sie zuerst den Wunsch geäußert hatte, Pilotin zu werden. Aber dann war ihr jüngerer Bruder plötzlich auf dieselbe Idee gekommen, und am Ende hatte er ihr auch noch ihren Traumjob vor der Nase weggeschnappt. Was bedeutete, dass er jetzt als Pilot einer privaten italienischen Fluggesellschaft durch die Welt fliegen durfte, während sie trotz ihrer überdurchschnittlichen Qualifikation immer noch als Sprachlehrerin arbeitete. Doch daran war sie ja selbst schuld, weil sie sich einen Beruf ausgesucht hatte, in dem es eine Frau immer schwerer haben würde als ein Mann – zumindest sah das ihr älterer Bruder so.

Natürlich gab es heutzutage Pilotinnen, eine Menge sogar, aber Leonora wollte keinen stumpfsinnigen Job, der nur daraus bestand, zwischen den einzelnen Inlandsflughäfen hin und her zu fliegen. Das war ihr zu wenig. Leonora wollte mehr.

Bereits in ihrer Kindheit hatte sie stets das Gefühl gehabt, immer erst laut werden zu müssen, um gehört zu werden. Nun, wenn sie erst am Steuer der Privatmaschine gesessen hatte, die dem Besitzer von Avanti Airlines gehörte, würde man sie mit Sicherheit hören.

Natürlich hatte Leo versucht, sie von ihrer Idee abzubringen, aber etwas anderes hatte sie nicht erwartet. Leonora hatte ihn erst daran erinnern müssen, dass er ihr noch etwas schuldete.

Protestiert hatte er trotzdem. „Jetzt sei doch vernünftig“, hatte er gesagt. „Das geht nicht! Ich komme in Teufels Küche, wenn ich dich an meiner Stelle fliegen lasse.“

Aber Leonora wollte nicht vernünftig zu sein. Vernünftig waren sexuell erwachsene selbstbewusste Frauen, die von Männern hofiert und angebetet wurden. Eine Frau wie sie, die immer noch den kleinen Wildfang spielte und sich hinter einem Schutzwall aus Burschikosität verschanzte, war nicht vernünftig, sondern stets für eine Mutprobe zu haben. Auch wenn sie sich manchmal verzweifelt danach sehnte, anders zu sein.

Als Alessandro die Sitzung verließ, die ihn nach London geführt hatte, zog er finster die Augenbrauen zusammen. Und als er zwanzig Minuten später vor dem Carlton Tower Hotel aus der Limousine stieg, war die steile Falte über der Nasenwurzel immer noch da. Dabei war das Treffen durchaus positiv verlaufen.

Er war ein hochgewachsener Mann, mit einer Körperhaltung, die ihm – inbesondere von seinen Geschlechtsgenossen – oft als Arroganz ausgelegt wurde, während Frauen darin den Ausdruck der selbstbewussten Persönlichkeit eines Mannes erkannten, der es nicht nur verstand, sinnliche Lust zu schenken, sondern diese auch auszukosten. Seine entschlossenen Gesichtszüge hätten einem römischen Feldherrn alle Ehre gemacht. Sie kündeten von Stolz und der unerschütterlichen Gewissheit, etwas Besonderes zu sein. Sein dunkles lockiges Haar war so kurz geschnitten, dass es nicht mehr wellig wirkte. Die unter dichten schwarzen Augenbrauen liegenden Augen erstrahlten in einem ungewöhnlichen dunklen Grau, während seinen geschmeidigen Bewegungen etwas Raubtierhaftes innewohnte. Männer begegneten ihm respektvoll, aber wachsam. Frauen waren auf Anhieb fasziniert und begehrten ihn.

Der Portier begrüßte ihn mit Namen. Die hübsche Empfangsdame am Tresen beobachtete verstohlen, wie er durchs Foyer zum Aufzug ging.

Der Grund für seine Verärgerung befand sich in seiner Jackentasche. Dabei handelte es sich um eine förmliche Einladung zusammen mit ein paar knappen Worten seines Bruders, die ihn unmissverständlich daran erinnerten, dass seine Anwesenheit bei der 900-Jahr-Feier am Wochenende am Hauptwohnsitz seiner Familie in Sizilien unumgänglich war. Fernbleiben war keine Option – bedauerlicherweise.

Und zwar aus Gründen der Loyalität. Weil sich die beiden jüngeren Brüder verpflichtet fühlten, ihrem großen Bruder beizustehen, genauso wie dieser ihnen in ihrer Kindheit verlässlich beigestanden hatte.

Obwohl Rocco, der Jüngste, diesmal ungeschoren davonkam, weil er sich auf Hochzeitsreise befand. Eigentlich hatte Alessandro gehofft, sich ebenfalls elegant aus der Affäre ziehen zu können, doch Falcons förmliche Einladung hatte ihn eines Besseren belehrt.

Da Antonio, ihr Halbbruder und erklärter Liebling ihres Vaters, tot und Rocco entschuldigt war, würden Alessandro und Falcon die beiden einzigen Söhne sein, die an der Feier teilnahmen. Antonio war bei einem selbstverschuldeten Autounfall ums Leben gekommen. Diesen Schicksalsschlag hatte ihr Vater nie verkraftet. Seitdem hatte er ein so schweres Herzleiden entwickelt, dass die Ärzte ihm kaum eine Chance gaben, das Ende des Jahres zu erleben.

Warum Alessandro der Gedanke an den bald bevorstehenden Tod seines Vaters nicht traurig machte, wussten nur seine Brüder. Immerhin hatten sie in ihrer Kindheit alle dasselbe Schicksal geteilt. Allein ihr Halbbruder Antonio war in den Genuss der Liebe seines Vaters gekommen, während Alessandro und seine beiden Brüder ungeliebt hatten aufwachsen müssen, nachdem ihre Mutter kurz nach Roccos Geburt gestorben war.

Alessandro schaute aus dem Fenster, ohne den dahinter liegenden Park zu sehen. Stattdessen stiegen vor seinem geistigen Auge die dunklen Mauern von Castello Leopardi auf. Und das Zimmer, in dem er damals gelegen und ins Leere gestarrt hatte, nachdem ihn sein Vater wegen seiner Tränen um seine Mutter ausgelacht hatte.

„Nur ein Dummkopf und Weichling weint um eine tote Frau, aber genau das bist du ja. Ein wertloser Zweitgeborener, der immer nur zweite Wahl sein wird. Vergiss das nie, auch wenn du erwachsen bist, Alessandro. Du wirst nie etwas anderes als zweitklassig sein.“

Zweitklassig. Zweite Wahl. Diese Worte hatten Alessandro sein ganzes Leben lang verfolgt. Und angespornt gleichermaßen.

Aber auch seinen erstgeborenen Sohn Falcon hatte ihr Vater nicht geliebt. Seine Liebe galt allein seinem einzigen Sohn aus zweiter Ehe. Kurz nach dem Tod seiner ersten Frau hatte er beschlossen, seine langjährige Mätresse zu heiraten, deren Existenz ihre Mutter über Jahre hinweg gedemütigt hatte. Dieser Ehe entstammte Antonio.

Antonio war sich der Macht, die er über seinen Vater besaß, nur allzu bewusst gewesen und hatte sich auch nicht gescheut, diese schamlos zu seinem Vorteil auszunutzen. Das war allerdings nur einer von vielen Gründen gewesen, warum seine Halbbrüder ihn nicht gemocht hatten. Obwohl Alessandro wahrscheinlich am meisten Grund gehabt hatte, Antonio ablehnend gegenüberzustehen.

Auch wenn das alles lange her war, hatte diese deprimierende Kindheit doch tiefe Narben auf Alessandros Seele hinterlassen, die zuweilen heute noch schmerzten und sich auch dadurch bemerkbar machten, dass er immer noch meinte, sich für seine Existenz rechtfertigen und seinen eigenen Wert beweisen zu müssen.

Deshalb hatte Alessandro seinem Zuhause schließlich den Rücken gekehrt und war eigene Wege gegangen. Statt Teil der alten feudalen Welt seines Vaters und deren Familiengeschichte zu werden, hatte er sich für die neue Zeit entschieden, in der ein Mensch nicht nach seiner Herkunft, sondern nach seinen Leistungen beurteilt wurde. Er hatte seinen Familiennamen abgelegt und den Geburtsnamen seiner Mutter angenommen, ein Name, der heute stolz auf den Flugzeugen seiner Fluggesellschaft prangte. Obwohl er inzwischen längst selbstsicher genug war, um beide Namen zu benutzen.

Er hatte der Welt zweifelsfrei bewiesen, dass er weder auf die Hilfe noch auf den Namen seines Vaters angewiesen war, um Erfolg zu haben. Was er geschafft hatte, hatte er ganz allein aus eigener Kraft geschafft. Mit dem Namen Leopardi hatte Alessandro heute keine Schwierigkeiten mehr, weil er nicht gezwungen war, sich mit ihm zu identifizieren. Jetzt war er ein Gleicher unter Gleichen, kein potenzieller Erbe und erst recht kein bedauernswerter Zweitgeborener.

Und doch konnte Alessandro seine Familienzugehörigkeit nicht ablegen wie ein getragenes Hemd. Er blieb immer ein Leopardi, was in Falcons Augen bedeutete, dass er seiner Familie gegenüber gewisse Pflichten hatte. Dieser Sichtweise seines älteren Bruders schloss sich Alessandro nur widerwillig an, was wahrscheinlich auch damit zu tun hatte, dass die Beziehung zwischen den beiden Brüdern unter der schwierigen Familiensituation in gewisser Weise auch gelitten hatte. Es gab Ungeklärtes und Unausgesprochenes zwischen ihnen, und dann war da immer auch noch die Sache mit Sofia.

Inzwischen war jedoch mehr als ein Jahrzehnt vergangen, seit Alessandro seinen älteren Bruder auf jede nur denkbare Art und Weise herausgefordert hatte. Früher war er keinem Kampf ausgewichen, was am Ende dazu geführt hatte, dass sie um dieselbe Frau konkurrierten, einen Sieg, den Falcon am Ende für sich verbuchen konnte.

Alessandros Falten auf der Stirn vertieften sich. Das war alles Vergangenheit. Er war längst nicht mehr sechsundzwanzig und musste niemandem mehr etwas beweisen, auch Falcon nicht. Und sich selbst erst recht nicht.

Und dennoch. War es nicht so, dass er auf die Einladung – oder besser gesagt Vorladung – unter anderem deshalb so unwillig reagierte, weil da „mit Begleitung“ stand? Was sollte das?

Einerseits verbot es ihm sein Stolz, ohne Partnerin an dem großen Maskenball teilzunehmen, nicht nur, aber auch, weil sein Vater das wieder einmal als ein Zeichen von Schwäche interpretieren würde. Andererseits hätte er mit Sicherheit keine Lust, die Frau, die aktuell in seinem Leben oder in seinem Bett eine Rolle spielte, mitzunehmen, selbst wenn es sie gäbe. Nicht nach den demütigenden Erfahrungen, die er damals mit Sofia gemacht hatte. Obwohl Alessandro natürlich wusste, dass das eine völlig irrationale Reaktion war.

So wie er auch wusste, dass er gut daran tat, dieser Irrationalität keinen Raum zu geben. Damals hatte er sich mächtig geschmeichelt gefühlt, als Sofia, ein atemberaubendes Model, das er bei einer PR-Veranstaltung in Mailand kennengelernt hatte, auf Teufel komm raus mit ihm geflirtet hatte. Nicht lange danach hatte er sie mit stolzgeschwellter Brust seinem Bruder vorgestellt. Dass sie zu jenem Zeitpunkt den Zenit ihrer Modelkarriere bereits überschritten hatte, war seiner Aufmerksamkeit ebenso entgangen wie die Tatsache, dass sie nur auf der Suche nach einer guten Partie gewesen war.

Heute fiel es Alessandro leicht, zuzugeben, dass das, was er damals für Liebe gehalten hatte, nur Sex gewesen war. Und ebenso, dass er diese Erkenntnis allein Falcon zu verdanken hatte. Auch wenn ihm die Art, wie das geschehen war, nicht gepasst hatte, hatte ihn sein Bruder doch vor Schlimmerem bewahrt, indem er ihm Sofias wahre Natur schmerzhaft deutlich vor Augen führte.

Alessandro wusste, dass Falcon sich immer für ihn und Rocco verantwortlich gefühlt und diese Verantwortung sehr ernst genommen hatte. Nur wie Falcon das getan hatte, war in Alessandros Augen oft demütigend gewesen. Die üble Erfahrung mit Sofia war ihm damals wie eine Bestätigung der Behauptung seines Vaters erschienen, dass er eben doch nur zweite Wahl war, ganz egal was er auch anstellte. Unangenehmer Nebeneffekt dabei war, dass sich so in ihm der Verdacht festgesetzt hatte, alle Frauen seien nur auf ihren eigenen Vorteil aus und man könnte keiner Frau trauen. Besonders nicht, solange sein charismatischer älterer Bruder in der Nähe war.

Aus dieser Erkenntnis hatte er weitreichende Schlussfolgerungen gezogen und sein Leben von Grund auf umgekrempelt. Entschlossen, sich auf eigene Beine zu stellen und nicht den Rest seines Lebens damit zu verbringen, sich vor Falcon zu beweisen, war er nach Mailand gegangen, wo er eine kleine Luftfrachtgesellschaft gegründet hatte. Zug um Zug hatte er die Fluglinie ausgebaut bis hin zu Passagierflügen und separaten Erste-Klasse-Luxusflügen, sodass er mittlerweile jedes Segment des modernen Luftfahrtgeschäfts abdeckte.

Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, der sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hatte, ohne die Verbindungen seines Vaters zu nutzen. Und doch schlummerte ganz tief in ihm drin immer noch der „Ersatzerbe“, dessen einzige Existenzberechtigung darin bestand, im Notfall den ursprünglichen Erben zu ersetzen, und der keinen eigenen Wert besaß. Aber das wusste niemand außer ihm.

Alessandro brauchte Falcons Brief nicht erst aus der Tasche zu ziehen, um sich zu erinnern, was darin stand. Falcon hatte noch nie viele Worte gemacht.

Alessandro Leopardi und Begleitung.

Wollte Falcon ihn herausfordern? Alessandro verspürte einen scharfen Stich, den er zu ignorieren versuchte.

Der Gedanke, ins Haus seiner Kindheit zurückzukehren, bereitete ihm wie immer Unbehagen. Weil es dort einfach zu viele unglückliche Erinnerungen gab.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, ein edles Unikat und extra für ihn angefertigt. Gleich würde er nach Florenz fliegen und in dem eben erst restaurierten Palazzo übernachten, der früher der Familie seiner Mutter gehört hatte.

„Hör zu, Leonora, ich halte das wirklich für keine gute Idee.“

Leonora warf ihrem jüngeren Bruder einen vernichtenden Blick zu. „Ich aber, und du hast es mir versprochen.“ Leo raufte sich stöhnend die braunen Haare und sprang auf.

„Nur weil du mich überrumpelt hast!“ Obwohl er um einiges größer war als Leonora, wirkte er jetzt wie der kleine Bruder, der von seiner älteren und schlaueren Schwester überlistet worden war. Was ja auch stimmte. Leonora triumphierte.

„Trotzdem hast du gesagt, dass ich deinen Chef das nächste Mal nach Mailand zurückfliegen darf, wenn du mit ihm nach London kommst“, beharrte sie.

„Warum willst du das bloß unbedingt? Du kennst seine Einstellung zu Pilotinnen.“ „Sicher. Ich habe mich schließlich nicht umsonst schon x-mal erfolglos bei ihm beworben.“

Leo verzog das Gesicht. „Aber du hast doch nicht irgendwas Verrücktes vor, oder? Nicht dass du womöglich noch in sein Büro spazierst, ihm reinen Wein einschenkst und ihn dann bittest, dir einen Job zu geben. Da hättest du nämlich ungefähr genauso viele Chancen, als wenn du versuchen würdest, ihn zu verführen“, warnte Leo sie unverblümt.

Leonora wusste alles über die atemberaubend schönen Frauen, mit denen sich der Milliardär und Arbeitgeber ihres jüngeren Bruders schmückte. Verletzt hatte Leos Bemerkung sie trotzdem, obwohl sie sich nichts anmerken ließ. Als ob es absolut undenkbar wäre, dass eine Frau wie sie jemals das Interesse eines Mannes wie Alessandro Leopardi wecken könnte. Nicht dass sie auch nur den geringsten Wunsch verspürte, sich in die nicht enden wollende Schlange seiner Geliebten einzureihen. Sie wollte nur als Pilotin für ihn arbeiten, und dafür war sie bereit, jedes Risiko in Kauf zu nehmen.

„Nein, natürlich nicht.“

Leonora kreuzte hinter ihrem Rücken die Finger. Sie hatte sich alles genau zurechtgelegt und zweifelte keine Sekunde daran, dass ihr Plan funktionieren würde. Er musste funktionieren. Es war einfach nicht fair. Sie konnte genauso gut fliegen wie ihr jüngerer Bruder, wenn nicht sogar besser. Und wenn Alessandro Leopardi das am eigenen Leib erlebte, würde er sie bestimmt einstellen. Mit seinem exklusiven Erste-Klasse-Service flogen Fluggäste um die ganze Welt, und ihr größter Wunsch war es, dieser auserwählten Truppe anzugehören.

„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du damit durchkommst“, versuchte Leo es erneut.

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es“, konterte Leonora prompt. „Ich habe sogar extra noch ein paar zusätzliche Flugstunden genommen.“ An die Kosten der ganzen Aktion wollte sie lieber nicht denken. Oder daran, wie viele Unterrichtsstunden in Mandarinchinesisch sie zusätzlich hatte erteilen müssen.

„Es würde mir im Traum nicht einfallen, deine Kompetenz anzuzweifeln, aber du hast ja nicht mal eine Uniform!“, wandte Leo siegesgewiss ein.

„Simsalabim!“ Leonora riss ihren Trenchcoat auf und präsentierte sich stolz in ihrer neuen Pilotenuniform. Dann holte sie aus ihrer Plastiktüte die Schirmmütze heraus.

Leo fiel fast in Ohnmacht. „Wenn du auffliegst, bin ich meinen Job ein für alle Mal los, das ist dir doch klar, oder?“, warnte er sie.

„Wieso sollte ich auffliegen? Ich bin schließlich kein Stümper.“ Leonora zog ihren Mantel aus, stopfte die lange Mähne unter die Mütze und salutierte übermütig. „Zu Diensten, Käpt’n Leo Thaxton.“

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