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Über den Autor

Béla Réthy wurde 1956 in Wien geboren. Kurz nach seiner Geburt zog er mit seinen Eltern, die zuvor wegen des Ungarn-Aufstandes nach Österreich geflohen waren, nach São Paulo. Als Réthy elf Jahre alt war, siedelte die Familie in die Bundesrepublik über. Nach einem Studium in Mainz fing Réthy 1987 als Redakteur beim ZDF an. Seit 1991 kommentiert er live Fußballspiele.

BÉLA RÉTHY
MIT KAI PSOTTA

LIVE

Die Länderspiele meines Lebens

BASTEI ENTERTAINMENT

002.tif

Für Laura und Paul

Prolog

Manchmal ist die Strecke vom Gehirn zum Mund zu kurz, und erst beim Sprechen realisiert man, dass man den Gedanken vielleicht doch besser für sich behalten hätte. Doch dann ist es zu spät. Im Gegensatz zu unseren Printkollegen können wir Kommentatoren nämlich nicht einfach die Löschtaste drücken und einen neuen Versuch machen. Es gibt keinen doppelten Boden. Gesagter Blödsinn ist gesendeter Blödsinn, Druckfehler live. Und die passieren auch mir.

Was ich aber auf alle Fälle vermeiden muss, ist, dass mir die Sicherungen durchbrennen. Dass ich übers Ziel hinausschieße, die Gäule mit mir durchgehen und ich gegen meine eigenen Vorsätze verstoße. Wegen einer schlechten Leistung in einem Fußballspiel darf man niemanden beleidigen. Ein schlechtes Spiel ist nun mal nicht mehr und nicht weniger als ein schlechtes Spiel.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich ist es allerdings doch passiert. Da habe ich ganz großen Blödsinn von mir gegeben, aber ein gewisser Carlos Valderrama hat mich einfach verrückt gemacht. Ich habe mich gefreut, diesen genialen Fußballer live erleben zu dürfen. Als »Zauberkünstler« hatte ihn kein Geringerer als der frühere argentinische Weltmeistertrainer César Luis Menotti bezeichnet, einer, »der die Position seiner Mitspieler kennt, ohne sie anzusehen, und der ihnen den Ball gibt, als würde er ihn ihnen in die Hände legen«.

Entsprechend hoch war meine Erwartungshaltung an diesen Typen mit seiner zitronengelben Lockenmähne, die an einen Löwen erinnerte. Valderrama war immerhin zweimal Südamerikas Fußballer der Jahres, 1987 und 1993. Der Kolumbianer wurde zum besten Spieler der Copa America gewählt, obwohl er nie viel gelaufen ist. Er hat auch nie viele Tore erzielt. Aber Valderrama konnte Pässe spielen, wie nur ganz wenige auf der Welt: mit einer chirurgischen Präzision. In seiner Heimatstadt Santa Marta haben sie ihm zu Ehren eine 7,50 Meter große Figur aus Bronze gebaut, als er 2002 seine Karriere beendete. Er war speziell – aber manchmal genial. Nur leider zeigte er davon an diesem 22. Juni 1998 im Vorrundenspiel gegen Tunesien in Montpellier rein gar nichts. Er trottete mit einer Behäbigkeit übers Feld, die provozierte. Mal joggte er ein paar Meter nach links, dann trabte er ein wenig vor und wieder zurück, immer auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen. Aber auf Kampf, Einsatz oder magische Momente warteten im Stadion alle vergeblich. Und so ließ ich mich zu der Aussage hinreißen: »Das da vorne, was aussieht wie eine Klobürste, ist Valderrama.«

Der Aufschrei in der Öffentlichkeit war groß. »Der Mann, der da über Kolumbiens Spielmacher redet wie Harald Schmidt in der Vorpubertät, ist Béla Réthy«, hieß es in der Berliner Zeitung.

Eine berechtigte Kritik – denn es steht weder mir noch irgendeinem meiner Kollegen zu, Spieler mit Klobürsten zu vergleichen. Hinterher habe ich mich selbst unwohl gefühlt, ein bisschen wie ein Heckenschütze.

Viele Jahre später hat die Süddeutsche Zeitung Valderrama in einem Interview gefragt, ob er mich kenne. Er kannte mich natürlich nicht und hatte zuvor auch noch nie von meinem Klobürsten-Vergleich gehört. Und auch wenn er behauptete, mir nicht böse zu sein, so möchte ich mich an dieser Stelle doch entschuldigen.

Hunderte Fußballspiele habe ich bislang in meinem Leben kommentiert, in der Regel ohne Skandalpotenzial. Ich habe Stars interviewt, die von Millionen auf dem Erdball angehimmelt werden. Ich bin um die ganze Welt gereist, um von Großereignissen zu berichten. Ich habe es auf den großartigsten Arbeitsplatz der Welt geschafft. Dabei habe ich erst im Alter von zwölf Jahren gelernt, Deutsch zu sprechen. Per Sondergenehmigung des hessischen Kultusministers wurde ich in der Schule von der sechsten in die siebte Klasse versetzt, mit der Anmerkung im Zeugnis: »Keine Note in Deutsch.«

Mein Leben ist bunt, unruhig, aber extrem spannend – ein Fernfahrerleben, ein Beruf, der zur Lebensform wurde. Gezeugt in Ungarn, geboren in Wien, aufgewachsen in Brasilien, gezwungen, nach Deutschland zu gehen – das alles bin ich. Davon möchte ich Ihnen erzählen.

Kapitel 1
Wer bin ich eigentlich?

Es gibt Menschen, denen es leichtfällt, ihre Heimat zu definieren. Sie wissen ganz genau, wo sie hingehören. Welches ihre Nationalität und wo ihr Platz im Leben ist. Mir fällt es nicht so leicht, eine Antwort darauf zu geben, was Heimat für mich ist. Mit dreizehn Jahren habe ich meine Mutter deshalb auch gefragt: »Mama, was bin ich eigentlich? Bin ich Ungar? Bin ich Brasilianer? Bin ich Deutscher?« Woher hätte ich es auch wissen sollen?

Ich spreche fließend die Sprache eines Landes, in dem ich aber nie gelebt habe: In Ungarn sind meine Wurzeln. Ich verfolge bis heute die dortige Politik, weiß selbstverständlich, wie die ungarischen Vereine in der Liga gespielt haben, ich kenne den ungarischen Meister. Ich weiß, dass sich die Nationalmannschaft seit 1986 für kein Turnier mehr qualifiziert hat. Natürlich ist es ein Unterschied für mich, ob ich ein Fußballspiel von Ungarn oder von Kamerun verfolge. Ungarn bedeutete mir mehr. Ich werde immer mehr Empfindungen für Ungarn haben als für andere Nationalmannschaften. Selbst wenn es zu einer Partie zwischen Ungarn und Brasilien kommen sollte, wäre ich für Ungarn. Allein aus Mitleid. Zwar habe ich elf Jahre in Brasilien gelebt, ich bin dort aufgewachsen und zum Fußballnarren geworden. Aber Brasilien hat doch schon alles gewonnen, Ungarn dagegen noch nichts. Diese eine Niederlage würde den Brasilianern nicht wehtun.

In einem Duell Deutschland gegen Brasilien würde ich allerdings zu den Deutschen halten. Ich arbeite seit Anfang der Achtzigerjahre als Bundesligareporter. Nahezu jeden Samstag verbringe ich in deutschen Stadien. Ich kenne die Spieler, die Manager, die gesamte Szene. Ich bin, trotz ungarischer Erziehung und trotz Jugend in Brasilien, längst hier verwurzelt und zu Hause.

Streng genommen gibt es für mich auch gar nicht das Kapitel »mein Ungarn«. Meine Eltern hatten dort ein schwieriges Leben. Meine Mutter Maria hat die Zeit so sehr geprägt, dass sie bis heute Angst vor Autoritäten hat. Wenn sie beispielsweise bei mir im Auto sitzt und ich an einer Straßenkreuzung abbiegen will, wo es nicht erlaubt ist, warnt sie mich. »Achtung, Polizei. Hoffentlich sieht das die Polizei nicht«, sagt sie dann und macht sich auf dem Beifahrersitz klein, als verstecke sie sich.

Jahrelang haben meine Eltern in Ungarn schlimmste Formen der Diktatur erfahren. Sie wurden von der Geheimpolizei gedemütigt. Mein Großvater wurde heftig drangsaliert, weil er eine amerikanische Firma leitete und somit als Klassenfeind der Kommunisten galt. An Weihnachten oder bei anderen Festen ist unsere Familiengeschichte oft erzählt worden. Ich kenne sie so gut, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Meine Mutter wurde als Tochter des Klassenfeinds aus dem Schulunterricht geholt und vom Direktor verhört, da war sie nicht einmal dreizehn. »Er wollte alles von mir wissen«, erzählte sie mir einmal. »Er hat den genauen Tagesablauf bei uns zu Hause aus mir herausgepresst. Er wollte wissen, was unser Vater zu Hause über seine Arbeit erzählt. Wer uns besuchen kommt. Ich habe mich so schlecht gefühlt. Dann hat er mich sogar bedroht. Wenn ich jemals verraten würde, worum es in dem Gespräch ging, würden mir schreckliche Dinge passieren. Als ich heulend in den Klassenraum zurückkam, wollte meine Lehrerin wissen, was passiert war. Ich habe es nicht gesagt und wurde nach Hause geschickt, wo ich den nächsten Weinkrampf hatte. Sofort wollte meine Mutter in die Schule gehen und die Lehrer zur Rede stellen. Aber ich habe sie angefleht, meine Tränen zu ignorieren. Ich habe mich vor ihr auf den Boden geworfen und gebettelt, dass sie nicht in der Schule nachfragt. Sonst wird mit mir etwas Schlimmes passieren, sagte ich ihr. Das war mein Alltag als Kind. Das werde ich niemals vergessen. Das wird mich immer verfolgen.«

Meinem Vater wurde es zunächst untersagt, seine Apothekerprüfung an der Universität abzulegen. Er stehe nicht hinter dem Marxismus, sein Wissen sei auswendig gelernt und beruhe nicht auf Überzeugung – daher falle er so oder so durch die Prüfung, so die Mitteilung seines Professors. Der Vorwurf unter anderem: Er trage amerikanische Röhrenhosen, höre Jazz und betreibe einen bürgerlichen Sport, Fechten. Kurioserweise war Ungarn eine erfolgreiche Fechtnation. Statt in seinem erlernten Beruf als Apotheker zu arbeiten, musste er daher lange Zeit als einfacher Hilfsarbeiter Geld verdienen.

Das waren schwierige Zeiten. Dann kam der 23. Oktober 1956. Meine Mutter war bereits hochschwanger mit mir. Sie war neunzehn Jahre alt, mein Vater achtundzwanzig. Bei einer friedlichen Großdemonstration forderten Studenten der Universität Budapest demokratische Veränderungen.

Sie riefen: »Wir wollen Freiheit« und »Russen raus. Ungarn gehört den Ungarn«. Mit ihren Kundgebungen gaben sie die Stimmung der Bevölkerung wieder, Tausende schlossen sich dem Demonstrationszug an. Frauen, Arbeiter, ungarische Soldaten. Einige marschierten zum Parlament, der Großteil in Richtung Rundfunkgebäude, wo die Forderungen über den staatlichen Sender verbreitet werden sollten. Plötzlich wurde aus dem Rundfunkgebäude auf die Demonstranten geschossen. Diese wehrten sich, erhielten durch die ungarischen Soldaten Waffen, feuerten zurück und stürmten den Sender. Die Gewalt eskalierte. Mehr als 200 000 Menschen versammelten sich am Abend vor dem Parlament, um Meinungs- und Pressefreiheit zu fordern. Sie verlangten nach freien Wahlen und nach Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Die Geheimpolizei feuerte in die Menge und tötete Hunderte von Menschen. Am 30. Oktober wurden jedoch das Ende der Einheitspartei und die Gründung einer Mehrparteienregierung verkündet. Es schien, als ließe sich die Sowjetunion auf Verhandlungen und den Abzug aus Ungarn ein – tatsächlich aber holte sie nur Verstärkung.

Am 4. November 1956 standen Panzer vor Budapest. Im Morgengrauen griffen die Sowjets an und bereiteten dem ungarischen Volksaufstand ein blutiges Ende. Die Stadt wurde zerbombt. Zehn Tage tobten heftige Kämpfe, vor allem in Budapest. Nach offiziellen Angaben starben 2 500 Menschen. Fast 200 000 Menschen beschlossen, ihrem Land den Rücken zu kehren.

»Als die Russen mit Panzern in Ungarn einfielen, habe ich gedacht: ›Ich kann nicht mehr. So ein Leben will ich meinem Kind nicht zumuten‹«, sagte meine Mutter. Meine Eltern beschlossen, die schöne Zweizimmerwohnung, ihre erste gemeinsame Wohnung, zu verlassen. Sie war gut geschnitten und mit Parkett ausgelegt. Als sie am 24. November ins Ungewisse aufbrachen, hatten sie jedoch nur eine Aktentasche, in der mein Vater die wichtigsten Papiere aufbewahrte, und einen Flechtkorb mit Windeln und einer Decke für das zu erwartende Baby bei sich.

Im Morgengrauen, gegen fünf Uhr, schleichen sich meine Eltern aus der Wohnung. Sie haben von einem Flüchtlingszug gehört, der in Budapest halten soll. Tatsächlich gibt es diesen Zug. Menschenmassen drängen hinein, bereits in Budapest gibt es keinen einzigen Platz mehr. Die Luft ist verbraucht. Es stinkt, es ist laut. Man sieht die Angst in den Gesichtern der Menschen. Niemand weiß, was einen erwartet. Aber alle haben Hoffnung. Hauptsache weg aus diesem aufgewühlten Ungarn. Ein Mann bietet meiner Mutter seinen Platz an. Ein paar Tage später, Ende November, soll ich zur Welt kommen. Jeder Schritt ist beschwerlich für sie.

Meine Eltern fahren bis Györ, 123 Kilometer westlich von Budapest. Der Ort liegt genau auf halber Strecke nach Wien, eine Tante wohnt dort. Als sie sich aus dem Zug zwängen, entdeckt meine Mutter ihre Eltern. »Ich wollte meinen Augen nicht trauen«, erzählte meine Mutter. »Bis zur letzten Faser in seinem Körper wollte mein Vater Ungarn nicht verlassen. Es war durch und durch Patriot. Er war ein Heimat liebender Mensch. Aber meine Mutter hat gesagt: ›Ich möchte meine Tochter in diesem Zustand nicht alleine lassen. Ich muss mit ihr zusammen sein.‹ Sie sind nur meinetwegen mitgekommen.« Meine Mutter macht sich deshalb bis heute große Vorwürfe. »Mein Vater ist vollkommen unglücklich geworden. Als er 1976 starb, zwanzig Jahre später, wusste ich, dass es ihn krank gemacht hat, Ungarn verlassen zu müssen.«

Im Gegensatz zu meinen Großeltern mütterlicherseits wurden die Eltern meines Vaters vorab nicht über die Fluchtpläne informiert. »Viele haben sich damals nicht verabschiedet. Das war eine schwierige Entscheidung für uns. Es ist auch so schon unglaublich schwer, diesen Entschluss durchzuziehen. Man will sein bisheriges Leben aufgeben. Hätten wir dann noch jemanden in der Familie weinen gesehen, und sie hätten im Gegensatz zu meinen Eltern geweint, hätten wir womöglich nicht die Kraft aufgebracht, tatsächlich zu fliehen«, erklärte mir meine Mutter.

Dennoch war die Enttäuschung bei den Eltern meines Vaters groß. Sie verarbeiteten ihre Trauer und Enttäuschung in Briefen, die sie aber mangels Adresse zunächst nicht abschicken konnten. Darin hieß es: »Gestern vor einer Woche haben wir erfahren, dass ihr abgereist seid. Es wäre schön gewesen, wenn ihr auch mit uns darüber gesprochen hättet. Wir hätten euch vielleicht einige nützliche Hinweise geben können. Zweifelsohne wäre der Abschied schmerzhaft gewesen. Aber ich hätte euch nie davon abgebracht, wenn ich gesehen hätte, wie fest euer Entschluss ist. Umso mehr schmerzt es, dass ihr kein Vertrauen zu uns hattet. Ich schreibe das nicht als Vorwurf. Ihr wolltet uns bestimmt vom Schmerz des Abschieds verschonen. Trotzdem: Mutter und Großmutter waren sehr niedergeschlagen. Tagelang musste ich sie aufbauen. In jeder Stunde des Tages sind unsere Gedanken bei euch.«

Von Györ geht die Flucht weiter nach Jánossomorja, einem 6 000-Einwohner-Dorf an der österreichischen Grenze. »Dort wurden wir«, so meine Mutter, »in einen Kornspeicher geführt, wo wir warten mussten. Stundenlang saßen wir auf Unmengen von Weizen. Bewegungslos, ohne ein Wort zu sagen. Wir mussten die Nacht abwarten, um in der Dunkelheit die Grenze zu passieren.« Jahrelang hat meine Mutter diese Weizenkörner aufbewahrt. Als ihr Vater, also mein Großvater, starb, hat sie den größten Teil der Weizenkörner auf sein Grab gelegt.

Als die Dunkelheit über den Grenzort hereinbricht, geht es los. Acht Menschen, inklusive einheimischem Fluchthelfer, schreiten einem neuen Leben entgegen. Ohne Angst, ohne Panzer, ohne Demütigung. Nur mit dem Wunsch im Kopf, dem Kommunismus zu entfliehen, stapfen sie bei Nieselregen über matschige Ackerböden. Es ist eine Qual für meine hochschwangere Mutter. Ständig fragt sie den ortskundigen Begleiter: »Wann sind wir da?« Mit letzter Kraft schleppt sie sich weiter, starr eine Baumreihe im Blick, die man ihr als Grenze genannt hat. »Dahinter haben Sie es geschafft«, sagte der Helfer immer wieder.

Es ist der 27. November. Für diesen Tag ist meine Geburt vorausgesagt. Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich verspäten sollte. In dieser Nacht verlassen meine Eltern Ungarn. Sie haben alles hinter sich gelassen und werden in Tadten, einer kleinen Gemeinde im österreichischen Burgenland, mit offenen Armen von hilfsbereiten Österreichern empfangen. Der Dorfplatz ist hell erleuchtet, das Rote Kreuz ist vor Ort. Die Menschen versorgen meine entkräftete Mutter, geben ihr Decken, Brot und warme Getränke.

Meine Eltern bleiben nur eine Nacht. Es geht weiter nach Wien, wo sie bei der Familie Schneider unterkommen. »Wir haben einfach geklingelt und um Aufnahme gebeten.« Die Schneiders sind sehr religiöse Leute, sie helfen.

Am 14. Dezember 1956, um sechs Uhr morgens, siebzehn Tage zu spät, wurde ich geboren. Wir blieben drei Monate in Wien. Weil es bei den Schneiders für uns drei zu eng wurde, zogen wir in ein Kloster. Von dort aus ging es bald weiter nach Brasilien. »Ich bin heimatlos, seit ich Ungarn verlassen habe«, sagt meine Mutter heute noch. Sie ist überzeugt: »Ein Immigrant außerhalb seiner Heimat kann sich einleben, kann sich verwirklichen – aber wohlfühlen kann er sich nicht.« Sie hat Österreich gemocht, Brasilien war ihr sehr fremd. Mit Deutschland hat sie sich arrangiert. Heimat – das war für sie Ungarn.

Im Wäschekorb ging es weiter. Von Genua über Barcelona, dann von dort mit einem UNO-Flüchtlingsschiff vorbei an Gibraltar nach Santos. 11 292 Seemeilen. Meine erste große Reise, der noch unzählige folgen sollten.

Im März 1957 beginnt schließlich mein Leben in Brasilien. Wir wohnen mitten in São Paulo, heute eine Stadt mit 23 Millionen Einwohnern, damals mit rund zehn Millionen auch nicht gerade klein. Hier lerne ich laufen, sprechen und entdecke die Welt mit meinen neugierigen Kinderaugen.

Ich würde mein São Paulo gerne so beschreiben, wie es Patrick Süskind in seinem Buch »Das Parfum« gelungen ist – über die Nase. Mich fasziniert der Geruchssinn von Süskinds Romanfigur Jean-Baptiste Grenouille. »Ein Duft hat etwas sehr Poetisches«, befand einst Jacques Polge, einer der berühmtesten Schöpfer von Chanel. Jean-Claude Ellena, Parfümeur von Hermes, schrieb: »Der Parfümeur wird gerne mit dem Komponisten verglichen, doch ich selber habe mich stets eher als einen Schriftsteller der Düfte verstanden.« Er hat Tausende Duftbausteine im Gedächtnis gespeichert. Er komponiert mit Salbei und Rosen, variiert Birne mit Vanille. Polge hat einmal auf die Frage, wie Paris vor dreißig Jahren gerochen habe, geantwortet: »Es roch nach Suppe.«

Dieses Talent fehlt mir. Ich finde keinen treffenden Vergleich, weiß nur, dass mein Brasilien auch heute noch genauso riecht wie 1957. Sobald ich aus dem Flugzeug steige, ist dieser Geruch von Zuckerrohr da. Es riecht nach Obst, ein bisschen nach Bananen, die ihren Zenit überschritten und bereits Fruchtfliegen angelockt haben. Ich rieche die feuchte Wärme. Ich kann sogar die Sonne riechen. Ich rieche meine Kindheit.

São Paulo ist die gewaltigste Stadt Südamerikas. Längst sind die monströsen Straßenschluchten morgens und abends für viele Stunden verstopft. Stoßstange an Stoßstange, Spiegel an Spiegel rollt heute die Blechlawine durch die Straßen. Es gibt Statistiken, laut denen die Autofahrer São Paulos jährlich 49,5 Tage im Stau stehen. 200 Millionen Arbeitsstunden gehen der Stadt so verloren. Gerade mal siebzehn Kilometer legen Autos im Schnitt in der Stunde zurück. Die Stadt, die den verstorbenen dreimaligen Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna vergöttert, unter anderem wurde ein bedeutendes Viadukt nach ihm benannt, kriecht. Dabei dürfen zu den Stoßzeiten unter der Woche nur ein Teil der mehr als fünf Millionen Autos, die es in São Paulo gibt, fahren, entscheidend ist die letzte Zahl auf dem Nummernschild. Diese Regel wird allerdings überwiegend brasilianisch interpretiert. Mein Eindruck: Jeder fährt trotzdem, wenn er es für notwendig erachtet.

Die Reichen gehen deshalb in die Luft, Helikopter gehören hier zum Alltag. Ihre Rotoren, dieser brutale Sound des wichtigsten Statussymbols der Stadt, dröhnen unerbittlich. Zum Geruch von São Paulo gehört daher auch Benzin. Und wenn man sich den Favelas nähert, auch der Gestank aus offenen Abwassergräben und nach verbranntem Müll.

Wenn ich die brasilianische Luft heute einatme, bin ich für einen Moment wieder ein Kind. Ich habe mein Brasilien geliebt. Meine Eltern hingegen hatten immer das Ziel, irgendwann nach Europa zurückzukehren. Vor allem meine Mutter. Sie störte sich an der Hitze und der roten Erde. Meinem Vater hingegen war es gleichgültig, wo er lebte. Er hätte auch auf dem Mars wohnen können. Von ihm habe ich diesen Pragmatismus gelernt, sich überall wohlfühlen zu können. Mein Vater durfte in São Paulo als Apotheker arbeiten, er war Qualitätskontrollleiter bei dem Pharma-Unternehmen Pfizer.

Wir bezogen eine schöne Vierzimmerwohnung. Dort, innerhalb unserer vier Wände, wurde nur ungarisch gesprochen. Trotzdem beherrschte ich mit drei Jahren Portugiesisch fließend. Ich besuchte eine brasilianische Ganztagsschule, auf der nur Jungen zugelassen waren. Um 6.30 Uhr morgens wurden wir mit dem Schulbus eingesammelt. Vor dem Unterricht sangen wir oft die brasilianische Nationalhymne. Das kleine Einmaleins wurde uns wie bei einer Gehirnwäsche eingetrichtert, sodass ich in Gedanken heute noch auf Portugiesisch rechne.

Im Sportunterricht wurde ausschließlich Fußball gespielt. Diejenigen, die besonders gut waren, durften die magischen gelben Trikots der Nationalmannschaft tragen. Ich bekam es allerdings nur selten. Körperliche Robustheit und Schnelligkeit reichten nicht, um gegen die brasilianischen Jungs zu bestehen, die in jeder freien Sekunde außerhalb der Schule mit dem Ball dribbelten. In Brasilien konnte man dem Fußball gar nicht entgehen. Direkt neben der Schule wurde damals gerade das Estádio Cícero Pompeu de Toledo, kurz Morumbi genannt, erbaut. Später sahen dort bis zu 70 000 Zuschauer die Spiele des FC São Paulo. 1970 wurde die Kapazität sogar auf 140 000 erhöht. Heute kommt es wegen Altersschwäche für die WM 2014 nicht mehr infrage.

Ich war Palmeiras-Fan, was zu ideologischen Auseinandersetzungen mit meinen Mitschülern führte, die zum Großteil Anhänger des FC São Paulo oder von Corinthians waren. Ich wusste alles über Fußball, dabei hatten wir nicht einmal einen Fernseher. Ich sammelte Zeitungsausschnitte über mein Team und lernte die Tabelle auswendig. Als die Fußball-Weltmeisterschaft 1966 im Radio übertragen wurde, hörte ich zum ersten Mal diese unaussprechlichen Namen von Beckenbauer, Schnellinger oder Tilkowski. Deutschland schien für mich nur aus Konsonanten zu bestehen.

Und dann sah ich mein erstes Spiel. Wir waren bei Bekannten eingeladen, die einen Schwarz-Weiß-Fernseher besaßen. Portugal spielte mit Eusébio gegen Nordkorea, Viertelfinale. Ein unvergessliches Match, nicht nur weil es mein erstes war. Bereits nach 25 Minuten führte Nordkorea mit 3:0. Ich sehe bis heute vor mir, wie Schlussmann José Pereira kopfschüttelnd das Gesicht in seinen Händen verbirgt. Und ich sehe vor mir, wie Eusébio, der Mann mit der Nummer 13, den Anschluss erzielt, sofort ins Tor rennt, sich den Ball schnappt, unter den Arm klemmt und zum Mittelkreis läuft. Das Gleiche macht er, nachdem er per Elfmeter zum 2:3 trifft. Eusébio erzielt noch zwei weitere Tore. Portugal siegt 5:3, ein Spiel für die Geschichtsbücher. Noch Tage später sprach ich von diesem Eusébio.

Ich selber durfte damals nie ins Stadion. Meine Eltern waren keine ausgesprochenen Fußball-Fans, außerdem hielten sie es für zu gefährlich. Zwar gab es keine Gewalt in den Stadien, aber in Brasilien werden sowohl Siege als auch Niederlagen extrem wahrgenommen. Die Massen geraten beim Fußball in Ekstase. Entweder sind sie euphorisch oder niedergeschlagen. Emotionslos ein Ergebnis hinzunehmen, so etwas gibt es in Brasilien nicht.

Ich hatte trotzdem eine gute Zeit in Brasilien. Nur wegen meines Namens hatte ich Probleme. Ich war der vierte Béla der Generation Réthy. Mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater – sie hießen alle Béla. Daher ist mir dieser Name mit großem Stolz von meinen Eltern gegeben worden. Doch in der Schule wurde ich dafür nur hochgenommen. Auf Portugiesisch bedeutet »Bela« nämlich »die Schöne«. Eine Steilvorlage für Schulkinder. Ständig riefen sie mir hinterher: »Hey, Schönheit, komm mal her.« Sie sagten, mein Name sei eine Lüge, weil ich gar nicht so hübsch wäre. Das muss man als Achtjähriger erst einmal aushalten. Mit Händen und Füßen habe ich mich gegen die Hänseleien gewehrt. Wer mich als »Schönheit« bezeichnete, kassierte ein saubere linke Gerade. Es war so schlimm, dass ich oft nur meinen zweiten Namen benutzt habe, Andreas. Der war unkomplizierter und auch in der Übersetzung unverfänglich. Als ich später nach Deutschland ging, gab es sogar kurz die Überlegung, meinen ersten Namen ganz abzulegen und so die Identität zu wechseln. Doch das habe ich zum Glück nicht übers Herz gebracht.

1968 hatten meine Eltern die Idee, mich für ein Jahr nach Deutschland zu schicken. Dort gab es ein ungarisches Internat nahe Amberg, sechzig Kilometer östlich von Nürnberg. Warum sie mich dahin geschickt haben, habe ich damals nicht verstanden. Aber meine Eltern haben es geschafft, was bei einem Kind ja nicht so schwierig ist, mir das Ganze irgendwie schmackhaft zu machen. Es sei auch nur für ein Jahr, sagten sie und behaupteten: »Es wird dir gefallen. Du wirst dich da wohlfühlen und viele neue Freunde gewinnen.« Ich ließ mich überreden, weil ich annahm, nach einem Jahr Abenteuer wieder zu meinen Freunden nach Hause zurückkehren zu können.

Mit der Boeing 707 und einem Koffer voll eleganter Hosen, Hemden und sogar mit einem blauen Blazer ging es von São Paulo über Brüssel nach Nürnberg, wo mich meine Mutter verabschiedete. Je weiter wir uns von Brasilien entfernt hatten, desto mehr bereute ich, dem Ganzen zugestimmt zu haben. Ich fühlte mich sehr schnell sehr allein. Das Internat lag hinter dicken Mauern in einem ehemaligen Kloster, einer früheren Benediktinerabtei.

Die europäisch-ungarische Schule in Kastl war 1958 zum Erhalt der ungarischen Sprache und Kultur gegründet worden. Meine Eltern waren bereit, monatlich 300 DM Schulgeld zu bezahlen, sie waren überzeugt, das sei gut für meine Ausbildung. Der Meinung war ich jedoch überhaupt nicht. Allein schon das Gebäude fand ich gruselig. Es war schließlich nicht Hogwarts, also kein Internats-Schloss, wie man es heute aus »Harry Potter« kennt. Es gab weder Treppen, die ständig ihre Richtungen ändern, noch sprechende Porträts an den Wänden, hinter denen sich Geheimgänge verbergen. Es gab keine Posteulen und keine Hauselfen. Alles war einfach nur alt und dunkel und erdrückend. Die Sonne schien selten, und es war natürlich erheblich kälter als in Brasilien.

Weil ich mich dort so unwohlfühlte, weigerte ich mich zu lernen. Vor allem wollte ich nicht Deutsch lernen. Ich hasste Deutschland, und ich fühlte mich gezwungen, hierzubleiben. Zuvor hatten meine Eltern immer behauptet, ich dürfe sofort zurück nach Brasilien, wenn es mir nicht gefalle. Aber die Signale, die ich nach Brasilien aussandte, wurden nicht empfangen.

Also beschloss ich mit elf Jahren, auf eigene Faust nach Brasilien zurückzukehren. Mein Freund Robert aus Schwäbisch Gmünd wollte mitkommen, um auch mal etwas anderes zu sehen. Heimlich schmiedeten wir unter der Bettdecke im Schein von Taschenlampen Pläne. »Wir heuern als Schiffsjungen an«, schlug ich vor. »Mit dem Schiff kann man nach Brasilien, das weiß ich. Wir müssen nur ans Wasser.« Auf der Karte entdeckten wir Hamburg, sahen, dass das Meer bis nach Brasilien reichte, und beschlossen, im Schutz der Dunkelheit abzuhauen.

Mit Taschenmesser, Leberwurstbrot und fünf Mark im Gepäck entwischten wir nur wenige Tage später aus dem Internat und brachen auf. »Bald sind wir Schiffsjungen, und dann überraschen wir meine Eltern«, sagte ich weltmännisch zu Robert, schließlich war ich ja schon in Brasilien gewesen. So liefen wir durch die Nacht, einfach weg in Richtung Bahnhof. Die Klostermauern wurden kleiner und kleiner, bis wir sie nicht mehr sahen. Wir legten Kilometer um Kilometer zurück. Es war kalt. Der feuchte Nebel krabbelte uns von unten in die Hosenbeine und ließ uns frösteln. Als die Müdigkeit zu groß wurde, quetschten wir uns in eine Telefonzelle, um dort ein paar Stunden zu schlafen. Danach ging es weiter.

Als man im Schlafsaal entdeckte, dass zwei Jungen fehlten, wurde sofort eine Großfahndung ausgelöst. Der Bayerische Rundfunk sendete einen Aufruf im Radio mit einer Beschreibung von uns. Das hörte ein älterer Mann, der uns entdeckte. Er lud uns als Anhalter zu sich nach Hause ein, bot uns einen leckeren Kakao an und benachrichtigte gleichzeitig heimlich die Polizei. So hat eine lumpige Tasse Kakao unser Abenteuer verhindert. Aus der Schiffsreise nach Brasilien wurde ein Mini-Ausflug nach Neumark. Nach nur 28 Kilometern war unsere große Reise schon zu Ende.

Ich fügte mich in mein Schicksal und sehnte den Tag herbei, an dem das eine Jahr endlich vorbei sein würde. Der Tag der Erlösung – zurück zu meinen brasilianischen Freunden, von denen ich mich nie richtig verabschiedet hatte. Zurück in die Sonne. Zurück in das Land, dessen Duft mir unentwegt in der Nase lag. Doch dann kam die nächste Überraschung. Mein Vater fand eine neue Arbeitsstelle im Rhein-Main-Gebiet. Und so erfuhr ich eines Tages völlig unvorbereitet, dass ich keineswegs nach Brasilien zurückkehren würde, sondern meine Eltern nach Deutschland kommen und wir nach Wiesbaden ziehen würden. Nach dem Motto: Nicht du kommst zurück, wir kommen zu dir. Ich wollte es gar nicht glauben.

Deutschland, das war für mich zu jener Zeit ein kaltes Land mit einer Sprache, die ich nicht verstand. Ein Land mit schaurigen Klöstern und dicken Wänden. Und in diesem Land sollst du leben, ging es mir durch den Kopf. Ich habe Brasilien im festen Glauben verlassen, nur für kurze Zeit weg zu sein. Dass es ein abruptes, aber dauerhaftes Verlassen meines gewohnten Umfelds sein würde, das hatte ich nie für möglich gehalten. Jetzt sollte es lange dauern, bis ich mein neues Leben akzeptierte.

Etwas Gutes hatte dieser Deutschlandaufenthalt dann doch. Und im Nachhinein sogar etwas Wegweisendes: Ich erlebte mein erstes Fußballspiel in einem Stadion. In meinen Internatsferien besuchte ich Verwandte in München. Ein Großonkel besaß eine Dauerkarte beim FC Bayern, der damals noch an der Grünwalder Straße spielte. Bayern in weinroten Trikots, Köln in schneeweiß. Ich sprach noch kein Deutsch, aber ich hörte die Leute um mich herum diese Namen sagen, die ich 1966 im Radio gehört hatte, Overath, Beckenbauer. Und jetzt sah ich die Gesichter dazu. Dann war da noch ein ganz dürrer Torwart, der unglaubliche Sachen hielt. Wie ein Flummi sprang er von einer in die andere Ecke. Sein Name: Sepp Maier. Bayern gewann 2:0.

Der Fußball ließ mich nicht mehr los. Der Bundesligist in der Nähe meiner neuen Heimat hieß Eintracht Frankfurt. Für diesen Klub interessierte ich mich auch auf dem Gymnasium in Wiesbaden viel mehr als für die Schule.

Im Laufe der Jahre lebte ich mich in Deutschland dann doch gut ein. Ich gewann durch meine kommunikative Art schnell neue Freunde, wodurch ich auch bald die neue Sprache beherrschte. Deutschland war doch gar nicht so schlimm und weit mehr als schlechtes Wetter, unmögliche Klöster und dicke Wände.

1979, im Alter von zweiundzwanzig Jahren, wurde ich Deutscher. Zuvor musste ich meine brasilianische Staatsbürgerschaft abgeben, das war ein hochoffizieller Vorgang. Die Brasilianer sind sehr stolz auf ihr Land. Sie teilten uns mit, dass sie traurig seien, dass meine Eltern und ich unsere Staatsbürgerschaft abgaben. Es war ein wenig wie der Abschied vom eigenen Lieblingspullover. Das Kleidungsstück, das man seit Jahren am liebsten trägt und das sich so gut auf der Haut anfühlt, musste ausgezogen und ein für alle Mal in die Ecke gelegt werden: Ich war Deutscher.

Noch heute trage ich Flip-Flops mit der brasilianischen Flagge darauf. Ich liebe die Brasilianer. Es sind angenehme Menschen, ich fühle mich zu ihnen hingezogen. Aber ich fühle mich, nach inzwischen über vierzig Jahren hier, nicht mehr als Brasilianer. Ich besitze allerdings immer noch eine kleine Latino-Ecke in meinem Herzen, verbunden mit all den Dingen, die dazugehören: Lebensfreude, Toleranz, Gelassenheit, Dinge, die man in Deutschland oft nur auf den zweiten Blick erkennt.

Ich bin Deutscher mit ungarischer Herkunft. Oder eher ein Europäer mit brasilianischer Mentalität. Heute würde ich meine Mutter nicht mehr fragen wie damals mit dreizehn Jahren: »Mama, was bin ich eigentlich? Bin ich Ungar? Bin ich Brasilianer? Bin ich Deutscher?« Streng genommen halte ich den Nationalitätenbegriff für überholt. Man kann mich überall aussetzen, und ich würde dort leben können. Ich brauche Menschen um mich herum, die ich liebe, Freunde, Familie, gute Nachbarn, einen guten Gastwirt, ein Stammlokal und meine eigenen vier Wände, wo ich mich ab und zu zurückziehen kann. Dann bin ich zufrieden.

»Mir fällt da noch was ein«

Laura ist die Tochter von Béla Réthy. Auch sie hat es in den Journalismus verschlagen. Hier verrät sie, warum ihr Vater rote Teppiche nicht mag, ein chronisch unpünktlicher Mensch ist und wie sehr sich der Fußballkommentator Béla vom Vater unterscheidet.

Von Laura Réthy

Mein Vater steht nicht gerne im Rampenlicht. Dabei könnte man meinen: Wer vor Millionen Menschen sprechen kann, genießt bestimmt die große Aufmerksamkeit. Aber um ehrlich zu sein ist das Gegenteil der Fall. Vor einer Gruppe Menschen zu sprechen, die er nicht kennt, also von Angesicht zu Angesicht und nicht über ein Mikrofon zu einem Publikum, das er nicht sieht, ist ihm eher unangenehm. Es kostet ihn Überwindung. Nur merkt ihm das niemand an. Da ist er dann doch ganz Profi. Das habe ich übrigens von meinem Vater geerbt. Mir geht es ganz genauso, und genauso merkt es mir niemand an.

Auch diese ganzen Veranstaltungen mit roten Teppichen sind überhaupt nicht seine Sache. Lieber verbringt er seine kostbare Freizeit in Ruhe zu Hause oder mit seinen Jungs bei einem schönen Glas Bier in einer seiner Stammkneipen in Wiesbaden. Früher fand ich das natürlich ziemlich blöd, weil ich gerne mal auf so eine Veranstaltung gegangen wäre. Ein schönes Kleid, gutes Essen, spannende Leute. Heute finde ich seine Abneigung gegen diese Art von Veranstaltungen sehr sympathisch. Ich finde es sehr bewundernswert, wie wenig eitel mein Vater ist.

Bewundernswert finde ich auch, wie er ständig gegen seine innere Uhr arbeitet. Eigentlich liebt er es auszuschlafen, ein Schläfchen am Mittag ist für ihn das Größte. Als Jugendlicher musste er sogar Kreislauftropfen nehmen, um es am Morgen aus dem Bett und in die Schule zu schaffen. Aber in seinem Beruf muss er natürlich ständig früh raus, ins Auto, in den Flieger. Um dann vor Ort – egal ob mit Jetlag oder nicht – ohne Pause weiterzuarbeiten. Das schafft er heute ohne die Tropfen. Nur das mit der Pünktlichkeit ist so eine Sache. Meine Oma sagt, seit mein Vater mehr als zwei Wochen zu spät auf die Welt gekommen ist, kommt er überallhin zu spät. Ein bisschen ist da was dran, und es wundert mich, dass er in seinem Leben noch nie ein Flugzeug verpasst hat. Pünktlich vors Mikrofon schafft er es auch immer, und den Stress, den er zuvor hatte, hört man ihm nie an.

Egal wo er ist, er findet Einheimische, mit denen er ins Gespräch kommt. Mal in ihrer Sprache, mal in einem Mix aus allen Sprachen oder mit Händen und Füßen. Er sucht das wahre Leben einer Stadt, probiert das einheimische Essen – einmal in China war es aus Versehen Hund – und die lokalen Schnäpse. Ich glaube, er bedauert oft, dass er auf seinen Dienstreisen so wenig Zeit hat, die Orte wirklich kennenzulernen. Da zählt dann nur der Fußball.

Ich gebe zu, dass ich von Fußball nicht viel Ahnung habe. Um ehrlich zu sein, überhaupt keine. Trotzdem mache ich den Fernseher an, wenn mein Vater kommentiert. Die Stadionatmosphäre und die Stimme meines Vaters sind einfach eine sehr vertraute Geräuschkulisse. Als ich noch alleine gewohnt habe, habe ich den Fernseher oft nebenher laufen lassen, und auch wenn ich meinen Vater lange nicht gesehen oder gehört hatte, wusste ich immer, wie es ihm geht. Ist er müde? Hat er gute oder schlechte Laune? All das, was die Zuschauer nicht hören. Das haben wir früher zu Hause schon immer gemacht. Oft haben wir nicht das ganze Spiel gesehen, aber wir haben reingeschaltet, um zu hören, wie es ihm geht – irgendwo am anderen Ende der Welt.

Kapitel 2
Bankdrücker bei Weisweiler

Streng genommen bin ich ein komischer Kerl. Ich passe jedenfalls in keine Schublade. Als Jugendlicher ging ich zu Eintracht Frankfurt, später auch zu Mainz 05 ins Stadion und feuerte beide Vereine gleichermaßen an. Eigentlich eine Todsünde, jedenfalls in den Augen der jeweiligen Fangruppen. Frankfurter und Mainzer hassen sich seit jeher, sie gelten als Erzfeinde, spätestens seit dem Aufstieg der Mainzer in die Bundesliga. Mit beiden Vereinen zu sympathisieren ist so, als würde man sich an einem Samstag in die Fankurve von Schalke 04 und am darauffolgenden Wochenende in die von Borussia Dortmund stellen – wobei ich Menschen kenne, die das machen.

Ich jubelte, wenn Gerd Klier für Mainz in der Regionalliga Südwest traf, und holte mir Autogramme von Dr. Peter Kunter, Frankfurts »fliegendem Zahnarzt«, der 234 Bundesligaspiele für die Eintracht machte, mit ihr 1974 den DFB-Pokal gewann und noch während seiner Karriere sein Zahnmedizinstudium beendete.

Selbst kickte ich beim VfR Wiesbaden und bei Schwarz-Weiß Wiesbaden. Mal stellten sie mich als Außenstürmer, mal als Verteidiger auf. Dort konnte ich meine Schnelligkeit, meinen größten Trumpf, am besten einbringen. Sonst war ich eher semi-talentiert und nicht nur schnell, sondern vor allem schnell müde.

Ich wuchs behütet auf. Meine Deutsch-Note wurde nach unserem Umzug aus Brasilien von Schuljahr zu Schuljahr besser. Dank Karl May und seiner Winnetou-Abenteuer, die ich verschlang, verbesserte ich mich von einer vier auf eine zwei. Nur in den Naturwissenschaften blieb ich eine grauenvolle Niete. Mein Vater träumte davon, dass ich der vierte Réthy in der Familie werden würde, der als Apotheker arbeitet, und half mir beim Lernen. Doch so sehr ich mich auch für ihn quälte, ich verstand nichts. Noch heute kenne ich den Unterschied zwischen Säuren und Laugen nicht. Trotzdem tat ich meinem Vater den Gefallen und fing an, Chemie zu studieren. Ein Semester, dann musste ich kapitulieren. So sehr ich mich bemüht habe, mir die Naturwissenschaften zu erschließen, es ist mir nicht gelungen.

Danach begann ich mit dem Studium der Publizistik. Der Journalismus hatte mich insgeheim immer fasziniert, nun konnte ich mich meiner wahren Leidenschaft widmen. Nebenbei fuhr ich in Wiesbaden Taxi, um Geld zu verdienen. Am Wochenende und nachts wartete ich auf Fahrgäste. Sie kamen und gingen, sie gaben mir mein erstes selbstverdientes Geld. Einmal wollten sie mich überfallen und ausrauben, einmal wollte jemand seinem Leben ein Ende setzen.

Es war eine alte Frau. Sie bat mich, sie an das Wiesbadener Rheinufer zu fahren. Sie machte immer wieder Andeutungen, dass heute ihr letzter Tag sei.

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