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Liv & Leif

Impressum
digi:talents Schreibwettbewerb Romance 2017
Prolog
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Epilog
Glossar

digi:talents Schreibwettbewerb Romance 2017

 

»Liv & Leif. Die Wurzeln des Schicksals«

wurde als Leserliebling

beim digi:talents Schreibwettbewerb Romance 2017 gekürt,

der von digi:tales und dem Online-Portal MyPoolitzer ausgerufen wurde (www.mypoolitzer.com).

 

Mitglieder der Jury:

Bestsellerautor und Schreibcoach

Rainer Wekwerth (www.wekwerth.com)

Bloggerin Simone Belack (www.leselurch.de)

BookTuberin Jessica Heide (Melody of Books)

und das digi:tales-Lektorat.

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei unserem Kooperationspartner MyPoolitzer, bei den Jury-Mitgliedern, bei allen Voting-Teilnehmern und bei allen Autoren, die ihre Projekte eingereicht haben.

 

Nun wünschen wir euch viel Vergnügen bei der Lektüre von „Liv & Leif. Die Wurzeln des Schicksals“.

 

Das digi:tales-Team

Allen Edlen gebiet ich Andacht,

Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht;

Ich will Walvaters Wirken künden,

Die ältesten Sagen, der ich mich entsinne.

(Das Lied Wöluspa, Der Seherin Ausspruch)

 

 

And I know heart is beating,

And I know that I am dead

Yet the pain here that I feel

Try and tell me it’s not real

Yet it seems that I still have a tear to shed

(Tim Burtons Corpse Bride)

Für meine Mama Karin, deren Zuspruch und Rückhalt mich nicht nur beim Schreiben begleiten.

Danke für die durchwachten Nächte. Du machst es möglich, dass ein ganzer Roman innerhalb einer Woche entsteht.

 

 

Du lehrtest mich zu träumen,

nun muss ich alleine fliegen.

In ewigem Andenken

an meinen Großvater Alarich Schmidt.

Prolog

Ein Zittern durchfährt Yggdrasil und krachend zersplittert der erste Ast der Weltenesche. Die Erschütterung ist in allen Welten zu spüren und sie verheißt Unheil.

Die Menschen verändern sich. Ihre Blicke werden kalt, die Mienen hart und die Haut fahl. Rachsucht und Gier keimen in ihnen auf. Sie wollen die Hässlichkeit ihrer Spiegelbilder hinter Schmuck und Gold verstecken. Die Frauen flechten goldene Bänder in ihr Haar, legen schwere Ketten um ihre Hälse, hängen Goldreifen an Ohren und Arme. Sie laufen bereits geduckt unter der Last, doch sie wollen noch mehr besitzen. Sie stehlen und keifen und zerren einander an den Haaren, zerkratzen ihre Gesichter.

Die Männer schmücken sich mit der Macht, die ihnen das Gold verleiht. Sie machen sich zu reichen Erben, indem sie ihre Väter erschlagen und ihre Brüder meucheln. Familien brechen auseinander. Der Goldwahn treibt einen Keil zwischen Liebende und Freunde.

Raub und Mord fressen sich durch das Menschengeschlecht und der Nidhöggr frohlockt über die Fäule der Wurzeln Yggdrasils, die Midgard aufrecht erhalten. Er sucht die Hauptwurzel der Weltenesche, deren Lage nur er allein kennt, und beginnt, sie zu zerbeißen. Gierig schaut er auf die Folgen seiner Tat: Krieg rollt dröhnend durch die Welten. Er reißt alles, was noch gut und rein war, mit sich. Lachend beobachtet der Drache das Chaos aus Angst und Zorn, das sich schleichend über die Grenzen Midgards hinweg ausweitet. Der Friede zerbricht.

Lichtalben und Zwerge brechen uralte Bündnisse. Asen und Riesen stehen sich wieder in alter Feindschaft gegenüber. Menschen befehden sich untereinander. Drei Jahre lang vergeht nicht ein einziger Tag ohne blutige Fluten, die den Boden tränken und Yggdrasils Wurzeln mit ihrem Salz austrocknen.

Die Blätter der Weltenesche verlieren ihr sattes Grün. Sie werden gelb und ihr Rascheln gleicht einem kratzigen Husten. Als sie zu Boden fallen, legen sie dürre Äste frei, die wie knochige Finger anklagend in alle Welten deuten.

Den Nornen entgleiten die Geschicke der Götter und Menschen. Urd, Verdandi und Skuld schöpfen ohne Unterlass Wasser aus der Schicksalsquelle, um die Wurzeln Yggdrasils, in denen sie hausen, zu heilen. Als sie das Absterben der trockenen Wurzeln nicht mehr verhindern können, lassen sie die Urdquelle zu dichtem Nebel aufsteigen und schicken diesen aus, um Yggdrasil einzuhüllen und zu tränken.

Am tiefsten Punkt des Meeres öffnet die Midgardschlange ihre leuchtenden Augen. Sie, die Weltenschlange, Feind von allem, was da lebt, erhebt ihren Leib aus den Fluten und streckt sich dem Licht entgegen. Der Zorn auf ihren alten Erzfeind Thor lockt sie nach oben. Als ihr Kopf die Meeresoberfläche durchstößt, brechen Flutwellen über Midgard herein. Ein Schlag ihres Schwanzes lässt ganze Königreiche versinken. Von ihren Zähnen tropft das Gift und sie speit es zischend in die Welt der Menschen. Der faulige Odem, der aus dem Meer emporsteigt, verdunkelt den Himmel. Kälte und Hunger kriechen von Midgard aus bis in die Höhlen Niflheims. Geduldig wartet die Midgardschlange auf ihre nächste Begegnung mit Thor.

Ihr Bruder Fenris heult hungrig auf und zerrt an Gleipnir, mit dem ihn die Asen gebannt haben. Noch ist die Zeit seiner Befreiung nicht gekommen, doch er spürt, wie seine Ketten an Macht verlieren. Loki ist tief unter der Erde an Steinplatten gefesselt. Durch sein Rütteln erbeben die Berge, aus den Felsspalten dringt Schwefel und die Vulkane spucken Feuer. Sein Brüllen dringt nach oben und hallt schallend zwischen den Gebirgen umher.

Die Erschütterungen mahnen die Zwerge dazu an, sich für den Kampf zu rüsten. Einst waren ihre Höhlen sicher und für ihre Feinde unerreichbar. Doch nun rieselt Staub in ihre Hallen und Geröll füllt ihre Gänge. Risse bilden sich in dem Gestein und sie wissen, dass sie Niflheim bald verlassen müssen.

Eine große Kälte kommt über die Welt. Zwar gelingt es dem Wolf Sköll noch immer nicht, die Sonne zu verschlingen, doch der Nebel um Yggdrasil und der giftige Atem der Midgardschlange verhängen den Himmel und drei harte Winter folgen aufeinander. Zwischen ihnen liegt kein Sommer. Alle Skalden verkünden, dass der Fimbulwinter, der Vorbote Ragnaröks und das Ende der alten Zeit, angebrochen ist.

Stürme wirbeln Eiskristalle durch die Luft und begraben darunter alles, was jemals grün war. Die Menschen hungern und frieren und sind bis aufs Blut miteinander verfeindet. Es gibt für sie keine Hoffnung mehr. Sie sterben in Scharen und gelangen durch ihre Verfehlungen nach Náströnd, an den Totenstrand, wo sie in einen Käfig aus giftigen Schlangenleibern gesperrt und gequält werden.

Alle Gewässer Midgards erstarren, bis auf das endlose Meer der Midgardschlange und jenen Fluss im Osten, der das Reich der Lebenden mit dem Totenreich verbindet. Seine Wasser steigen …

Zwei Hahnenschreie erklingen: Goldkamm kräht in Asgard und tief unten in Hel werden die Toten von einem verrußten roten Hahn aus ihrem Dämmer gerissen. Auch die Riesen vernehmen seinen Ruf und machen sich bereit, ihrem Schicksal zu begegnen.

Da gelingt es Sköll nach all der Zeit, seinen Hunger zu stillen: Der graue Wolf beißt sich an den Strahlen der Sonne fest und bringt sie zu Fall. Ausgehungert stürzt er sich auf den glühenden Körper der Göttin Sol und verschlingt sie. Der trübe Himmel wird nun gänzlich schwarz und der Mond geht auf, dicht gefolgt von seinem ewigen Verfolger Hati. Auch dieser Wolf vergräbt letztendlich seine Zähne im Fleisch des Mondgottes. Das weiße Leuchten des Jahreszählers verfärbt sich rot und gemeinsam mit seinen Schreien erlischt auch das letzte Licht Manis. Die Sterne verlieren ihren Halt und irren am Himmel umher, bis sie zur Erde hinabstürzen.

Die Welten versinken in Dunkelheit.

 

»Hm, oder vielleicht doch lieber Finsternis?« Nachdenklich massierte Leif seine Schläfen und löschte das letzte Wort. Das Grollen eines nahenden Sommergewitters lag schon eine ganze Weile in der Luft. Bereits am Nachmittag war die drückende Schwüle zu spüren gewesen. Seit Stunden saß er voller Konzentration vor seinem Laptop und schrieb. Erst jetzt riss ihn ein greller Blitz aus seinen Gedanken und er löste die brennenden Augen vom Bildschirm. Erschöpft hob er seine Arme über den Kopf, um seine versteiften Glieder zu strecken. Dabei gähnte er laut. »Schon halb eins«, murmelte er müde und wischte sich mit dem linken Handrücken über seine Augen. Ein weiterer Blitz verwandelte die Welt vor seinem Fenster in ein Gemälde aus weißblauem Licht und düsteren Schatten. Seit einer halben Stunde war Donnerstag. Wie passend. Leif musste trotz seiner Müdigkeit grinsen. Gerade noch hatte er über Thor oder Donar, wie er auch genannt wurde, nachgedacht und nun hatte der Wochentag begonnen, der nach dem aufbrausenden heidnischen Gott benannt war.

Ich schweife ab, dachte er und ermahnte sich selbst. Fokus. Jetzt gerade ging es nicht um Thor, sondern um …

 

Heimdall. Der Wächtergott begreift, dass der letzte Kampf nicht mehr abzuwenden ist. Er stößt fest in sein Gjallarhorn, sodass dessen Schall durch alle Welten hallt und selbst den hintersten Winkel Hels erreicht.

Ein letztes Mal beraten sich die Asen. Der Allvater Odin holt den Rat Mimirs ein, dessen unsterblichen Kopf er stets in einem Kasten bei sich trägt.

»Einäugiger«, raunt Mimir, »Du siehst das Ende der Welten nahen.«

Odin nickt. »Ich habe getan, wozu du mir geraten hast, um die Kinder Midgards zu retten. Nun sage mir, wie ich die Söhne und Töchter Asgards beschützen kann.«

Mimir lächelt traurig. »Das kannst du nicht. Hel ist so mächtig wie nie zuvor und du selbst hast ihr zu dieser Macht verholfen, als du sie in das Totenreich verbanntest.«

»Auf dem Schlachtfeld werde ich sie …«

»Sie wird nicht kommen«, unterbricht Mimir und wiederholt: »Selbst du, Odin, Allvater, Erster unter den Göttern, kannst die Asen nicht vor ihr schützen.«

»Wer kann es dann?« Odins Stimme hat ihren Zorn verloren.

»Das vermag ich nicht zu sagen«, gesteht Mimir.

Während die Asen sich in ihre Brünnen und Panzer kleiden und ihre Waffen ergreifen, lässt Odin die fünfhundertvierzig Tore Wahlhalls öffnen. Aus jedem von ihnen strömen achthundert Einherjer. Odins Krieger formieren sich zu einem gigantischen Heer und schreiten dem Schlachtfeld und ihrer endgültigen Bestimmung entgegen.

Die Zeit des Rüstens nimmt ein Ende, als der Fenriswolf so sehr an seinen Fesseln zerrt, dass die Erschütterung alle Blätter von den Bäumen Midgards schüttelt. Yggdrasil ist nun kahl. Loki spürt das Aufbegehren seines Sohnes und wirft sich rasend und brüllend von der einen auf die andere Seite. Er reißt und tobt in seinen Fesseln. Auf diese Weise versinken mächtige Berge in der Erde, Lawinen verschütten die Meere und die Wurzeln uralter Bäume bieten keinen Halt mehr. Yggdrasil knarzt. Schließlich reißt die Erde auf und Fenris kündigt seine Befreiung mit einem markerschütternden Heulen an. Er ist stark und schnell und ausgehungert. Aus seinem Maul trieft der Geifer und seine Augen blitzen giftgrün.

Odin setzt seinen Goldhelm auf und ergreift den unfehlbaren Speer Gungnir. Er besteigt sein achtbeiniges Pferd Sleipnir, um die Schar der Götter anzuführen. Thor trägt seinen Kraftgürtel Megingjarder, seine Eisenhandschuhe Jarngreipr und den Hammer Mjöllnir. Mit seinem Bockgespann fährt er an der Seite seines Vaters. Die übrigen Asen folgen ihnen entschlossen.

Der Fenriswolf wittert den Geruch seiner Peiniger und rennt über Berge, durch Wüsten und Wälder, über das gigantische Schlachtfeld, bis er endlich vor Odin steht.

»Großvater«, haucht Fenris mit samtener Stimme und schreitet bedrohlich langsam auf den Anführer der Asen zu. Heiße Luft strömt dampfend aus seinen Nüstern. Seine Fänge blitzen im Scheine Bifrösts. Odin beobachtet, wie sich die Muskeln unter dem dunklen Fell bewegen. Er weiß um die schier unbezwingbare Macht des Fenriswolfes. Die Erinnerung überkommt ihn und er sieht vor seinem inneren Auge, wie Lokis ältester Sohn die Schwurhand Tyrs mit einem einzigen Bissen abtrennt, wie ihm das Blut aus dem Maul läuft und wie seine Zähne die Knochen der Hand zermalmen – aus Rache für die Verbannung, die Odin befohlen hat.

»Ich fürchte dich nicht. Du bist nichts als ein streunender Hund«, ruft Odin aus voller Brust und hebt seinen Speer Gungnir zum Angriff. Der Fenriswolf verzieht sein Maul zu einem grotesken Grinsen und knurrt grollend.

Die Midgardschlange verlässt endgültig ihr aufgewühltes Wellenreich. Sie windet sich an Land, Flut und Verheerung mit sich bringend. Mordlust und Rachsucht lassen Sturzbäche von Gift aus ihrem Maul fließen, sodass der Boden zischt, das Meer brodelnde Blasen wirft und jeder, der sich ihr nähert, an giftigen Dämpfen erstickt. Auch sie strebt auf das Schlachtfeld zu und die furchtlosen Einherjer treten ihr entgegen.

Die Flutwellen der Midgardschlange erreichen in diesem Augenblick Hel, wo das Totenschiff Nagelfar liegt. Das Wasser umspült den Bug, der wie der Rest des Schiffs aus den Nägeln der Toten gezimmert ist, und nimmt Nagelfar mit sich über den Fluss, als es zurück ins Meer fließt.

Heimdall entdeckt die verdreckten Segel des Totenschiffs am östlichen Horizont. Den Steuermann kennt er. »Loki!«, brüllt er über das Getöse des Kampfes hinweg, »Garm ist bei ihm!« Die Schreie der Krieger, das Brüllen des Fenriswolfes und das Zischen der Midgardschlange tönen so laut über das Schlachtfeld, dass niemand seine Worte vernimmt. Da wird der Kampf von einem durchdringenden Reißen übertönt. Der Himmel spaltet sich über Midgard und die Bewohner Muspellsheims stürzen auf Bifröst hinab und galoppieren auf das Schlachtfeld zu. Sie werden angeführt von Surt, dem Feuerriesen, dessen Schwert lichterloh brennt, sodass es den Schein der Sonne ersetzt. Doch die Brücke zwischen Asgard und Midgard hält den Riesen nicht stand. Als sie zerbricht, stürzen Surts Krieger ins Meer. Selbst das giftige Wasser kann ihnen nichts anhaben und sie kämpfen sich an Land. Eine weitere Armee formiert sich auf dem Schlachtfeld, doch dabei bleibt es nicht.

Im Norden und Osten erklingt wie Donnerhall der Hufschlag von heranpreschenden Pferden. In gewaltigen Scharen eilen Reifriesen aus Niflheim und Bergriesen und Trolle aus Utgard herbei. Sie bilden schließlich das dritte Heer.

 

Mit immer mehr Nachdruck hämmerten die Regentropfen gegen seine Fensterscheibe. Leif beobachtete, wie sie sich zu Rinnsalen vereinten und daran herunterflossen, während der von Blitzen erhellte Garten hinter einem immer dichter werdenden rauschenden Vorhang verschwand. Ein beruhigendes Geräusch. Seufzend hing Leif seinen Gedanken nach. Die Götter- und Mythenwelt der alten Germanen hatte ihn schon als Kind fasziniert. Im Grundschulalter hatte er die Thor-Comics von Marvel regelrecht verschlungen und bald hatte sein großer Bruder Kai ihm dann die Geschichten der Edda geschenkt. Das vor ihm liegende Büchlein mit dem abgegriffenen Ledereinband und den vergilbten Seiten voller verschlungener Buchstaben und Kupferstiche hatte Kai einmal sein gesamtes Erspartes gekostet. Er hatte es gehütet wie seinen Augapfel und Leif war ehrlich gerührt gewesen, als er das Geschenk zu seinem zwölften Geburtstag geöffnet hatte. Lange Zeit hatten ihn die Götter- und Heldensagen aus dem 13. Jahrhundert begleitet und beeinflusst. Leif hatte ständig in der Edda gelesen, bis er irgendwann die komplizierten Namen der Orte, Helden, Waffen und Monster auswendig konnte. Er hatte es geliebt, mit Kai über die Mythengestalten und ihre absurden Geschichten fachsimpeln zu können. Es war, als hätten die nordischen Mythen den Altersunterschied zwischen ihnen aufgehoben. Der war mit gut fünf Jahren recht groß, doch wenn es um Thor und die anderen Asen ging, waren die Brüder völlig in ihrem Element gewesen und das Alter wurde Nebensache. Sie hatten sich gegenseitig Anekdoten über Loki erzählt und die Schlachten der Mythenvölker nachgespielt. Selbst heute, mit siebzehn Jahren, hatten die Geschichten für Leif kaum etwas von ihrem Reiz eingebüßt. Ganz im Gegenteil: Er fühlte sich durch sie noch immer eng mit seinem großen Bruder verbunden. Ärgerlich schlug er das lederne Buch zu. Seit es ihm heute Morgen durch Zufall in die Hände gefallen war, hatte er die Traurigkeit nicht mehr abschütteln können. Er hatte immer wieder seinen nostalgischen Gedanken an Kai und an ihre gemeinsame Leidenschaft für die Edda nachgehangen. Kai fehlte ihm und in ihm war der unbändige Drang entstanden, seinem Bruder die Geschichten noch einmal zu erzählen. Aus diesem Grund saß er nun hier, mitten in der Nacht, mitten in den Ferien, und schrieb.

 

Odin kann kaum einen Atemzug tun, bevor der Fenriswolf sich auf ihn stürzt. Geifer speiend schnappt er nach dem Allvater, doch Gungnir verfehlt nie sein Ziel. Fenris stürzt jaulend in den Staub. Eine tiefe Wunde klafft rot an seiner Flanke und träge quillt das Blut über sein Fell, als er sich wieder aufrichtet.

»Ich habe lange auf diesen Tag gewartet – und mir die Genugtuung ausgemalt, die mich durchströmen wird, wenn ich dich verschlinge.« Blitzschnell schießt er nach vorne, doch statt Odin zu beißen, schnappt er nach Gungnir. Er reißt den Speer aus Odins Hand und schleudert ihn mit einer ruckhaften Kopfbewegung fort.

Aus den Augenwinkeln sieht Odin, wie sein Speer in der Ferne verschwindet und in dem Getümmel der Schlacht zu Boden fällt. Sein Unterkiefer spannt sich an und seine Fäuste ballen sich. »Wirst du stolz darauf sein, einen unbewaffneten Mann zu zerfleischen?«

»Was wisst ihr Asen von Stolz?«, entgegnet der Fenriswolf wütend und speit seinen Speichel in Odins Gesicht. »Ihr belügt mich und reicht mir die Schwurhand.« Er springt auf ihn zu, doch seine Pfoten stoßen ins Leere, sein aufgerissenes Maul bekommt nichts zu fassen. Irritiert blickt er umher und heult auf, als Gungnir durch seine Pfote gestoßen wird. Odin hat seinen Wunschmantel genutzt, um den Speer zurückzuholen. Nun hält er Fenris mit diesem auf dem Boden fest und es kostet den Wolf viel Kraft und Blut, sich loszureißen.

In der Zwischenzeit ist Thor den Einherjern zu Hilfe geeilt, denn gegen die monströse Midgardschlange können sie kaum etwas ausrichten. Ihre Waffen prallen nutzlos an ihren gepanzerten Schuppen ab. Mit brennenden Pfeilen zielen sie auf die Augen der Weltfeindin, doch diese weicht den Geschossen aus. Keiner der tapferen Krieger kann lange gegen sie bestehen, denn ihr spritzendes Gift frisst sich durch Rüstungen und Körper. Wer ihr zu nahe kommt, den verschlingt sie in einem Bissen.

Es ist das dritte Mal, dass der Donnergott und die Midgardschlange einander begegnen. Beide hegen tiefen Groll und sind entschlossen, den anderen zu vernichten. »Ich werde deinen Schädel zertrümmern!«, brüllt Thor und holt mit dem Hammer aus.

Die Schlange erhebt sich drohend über das Schlachtfeld. Ihr Kopf verschwindet in der Finsternis des Himmels, doch ihre Augen leuchten unheilverkündend auf Thor hinab. »Du wirssst Qualen erleiden.« Dann lässt sie ihr Gift auf ihn herabregnen.

Der Friedfertigste unter den Göttern muss in diesem Moment dem Herrscher Muspellsheims gegenübertreten. Frey weiß, dass er verloren ist, erhebt aber dennoch sein Hirschgeweih gegen Surt. Der Feuerriese lacht und Rauch quillt aus seinem schwarzen Mund. Die unermessliche Hitze seines Feuerschwertes, hat seine Haut verkohlt und nun bilden sich leuchtende Risse in seinem Körper, hinter denen Magma pulsiert. Seine Augen sind zwei glühende Kohlen und sein Lachen klingt schauderhaft. Frey bleibt unerschrocken.

»Furchtlos oder dumm?« Surt läuft gemächlichen Schrittes auf Frey zu und lässt sein Schwert dabei durch die Luft wirbeln und Funken sprühen. »Wagst es, mir unbewaffnet gegenüberzutreten.«

Frey macht einen Satz auf den Riesen zu, um das Geweih in dessen Leib zu graben, doch kaum berührt es die rußige Haut, zerfällt es zu Asche. »Schlechter Kämpfer. Wo ist dein Schwert?«

Frey weiß, wovon der Riese spricht, und selbst im Angesicht des Todes verzieht er missmutig den Mund. Seit er sein Schwert verschenkt hat, ziehen ihn die übrigen Asen mit seiner Schwäche auf. Sie tadeln seine Einfältigkeit, eine Waffe wegzugeben, die sich von selber führt, und prophezeien ihm, dass seine leichtsinnige Großzügigkeit ihm zum Verhängnis werden wird. Sie behalten recht, denkt Frey reumütig, als das scharfe Feuer seinen Leib durchdringt. Er ist der erste Gott, der in diesem Krieg fällt, doch viele weitere werden ihm folgen. Surt lacht grollend und Lava spritzt aus seinem Mund. Er ist bereit, die Götter zu vernichten und die Erde zu verbrennen.

Krachend fährt Nagelfar auf das Ufer und über die Planke strömt Hels Armee, geführt von ihrem Vater Loki. Die Toten sind bleich und ihre Augen trüb. Sie haben den Einherjern nichts an Kampfgeschick entgegenzusetzen. Sie sind nicht mutig, aber furchtlos. Nicht wild entschlossen, aber hörig. Nicht auserkoren, aber zahlreich. Die Einherjer schlagen ihre Gegner gnadenlos nieder. Sie kämpfen stürmischer als je zuvor. Dennoch werden sie zurückgedrängt, denn der Strom der Toten nimmt kein Ende.

Über sie hinweg springt Garm auf das Schlachtfeld. Tyr stellt sich dem gigantischen Höllenhund in den Weg, bevor dieser die Einherjer von hinten attackieren kann. Garm schnappt nach ihm und gräbt mit seinen Krallen tiefe Wunden. Es gibt keinen geschickteren Kämpfer als den Kriegsgott, doch seit die Asen den Fenriswolf überlistet haben, muss er sein Schwert mit der Linken führen. Der Kampf zwischen Garm und Tyr ist brutal und blutig. Keinem gelingt es, die Oberhand zu gewinnen.

»Du bist schuld an allem!«, brüllt Heimdall, als Loki Nagelfar verlässt. »Ich habe sie vor dir gewarnt. Von Anfang an habe ich das Schlechte in dir gesehen!« Er verachtet den Gestaltwandler. Ihm gibt er die Schuld an allem Unheil, das den Göttern widerfahren ist, und an dem, was ihnen heute widerfahren wird. Loki ist schuld am Tode Balders und Loki hat die drei Weltfeinde gezeugt.

»Schweig, Heimdall!«, lacht Loki. »Es interessiert niemanden mehr, was du siehst.«

»Deinen leblosen Körper sehe ich!«, schreit Heimdall und stürzt sich auf Loki.

Ihre Schwerter krachen gegeneinander. Die gegenseitige Abneigung, die sich mit der Zeit in Zorn und abgrundtiefen Hass verwandelt hat, entlädt sich nun. Funken sprühen zwischen den Metallklingen und den verachtenden Blicken der Kontrahenten.

»Du hast den Großmut Odins missbraucht und die Asen hintergangen!«, wirft Heimdall dem Riesen vor.

»Ihr habt meine Kinder verbannt und mich gefoltert!«, entgegnet Loki. Die Zeit unter der Erde hat ihn verbittert. Er fühlt sich zutiefst verraten von den Asen, die ihn gefesselt und eine Schlange über seinem Kopf befestigt haben. Die Qualen, die das Gift auf seinem Gesicht ausgelöst hatte, wird er nie vergessen. Nun kann er sich endlich rächen. »Du wirst es bis an dein Lebensende bereuen, dass du dich gegen mich gestellt hast«, verkündet Loki. »Tröste dich. Es wird nicht allzu lange dauern.« Es folgt ein rasender Schlagabtausch voller Flüche und Gebrüll. Keiner der beiden ist dem anderen überlegen. Als Heimdall strauchelt, stößt Loki dem Wächter sein Schwert durch die Brust. Er sieht ihm fest in die Augen, will die Angst und den Schmerz beobachten, wenn das Leben ihn verlässt. Doch Heimdall lächelt nur schwach. Da blickt Loki an sich herab auf das Schwert in seinem Bauch. Ein zittriges Keuchen entfährt seiner Kehle. »Nein«, haucht er leise. Dann sinken Loki und Heimdall gleichzeitig zu Boden.

Thor hat seinen Schild schützend über den Kopf gehoben und das Gift der Midgardschlange prasselt zischend darauf ein. Es bilden sich bereits Löcher darin, durch die der ätzende Speichel auf sein Haupt tropft und über sein Gesicht läuft. Er brüllt vor Schmerz und holt erneut mit Mjöllnir aus. Zweimal hat er den Hammer bereits gegen den Kopf der Schlange geschleudert, doch selbst Mjöllnir kann die Schuppenplatten nicht durchdringen. Mit ihrem schmerzerfüllten Zischen hat sich der Giftregen auf Thor verstärkt und die aus dem brodelnden Schlammboden aufsteigenden Gase haben Hunderte von Einherjern niedergestreckt. Auch Thor bekommt kaum noch Luft. Seine Atemwege sind verätzt. Sein Körper zittert unter der Last des Kampfes, doch dank der Eisenhandschuhe gelingt es ihm, den Schild weiterhin aufrecht zu halten und den Hammer ein drittes Mal gegen die Schlange zu erheben. Krachend spaltet Mjöllnir ihren Kopf. Der aufgerichtete Schlangenleib wankt und schlägt fest auf dem Boden auf. Thor lässt seinen Schild fallen und fängt Mjöllnir. Er lächelt grimmig, zufrieden darüber, den alten Feind endlich besiegt zu haben. Er wendet sich dem Schlachtfeld zu und schöpft neue Hoffnung. Die größte Bedrohung konnte er abwenden. Vielleicht, denkt er, lässt Ragnarök sich doch verhindern. Die überlebenden Einherjer jubeln ihm zu und er hebt triumphierend die Hände in den glühenden Handschuhen. Dann erblickt er seinen Vater, der voller Groll gegen den Bruder der Midgardschlange kämpft.

»Fenrir!«, brüllt Thor und stürmt auf den Wolf zu. Neun Schritte lang tragen ihn seine Beine, bis das Gift sich in seinem gesamten Körper ausgebreitet hat. Thor ächzt kraftlos, als er den Boden auf sich zurasen sieht. Noch bevor er ihn berührt, ist der Donnergott tot.

»Ein Jammer«, schnurrt der Fenriswolf mit samtener Stimme. »Er war mein Lieblingsonkel.«

Voller Schmerz und Wut brüllt Odin auf und stößt Gungnir in den Bauch des Wolfes, der in diesem Moment auf ihn zu springt. Lokis Sohn stößt einen jaulenden Schrei aus. Der Kampf der beiden dauert bereits eine Ewigkeit, doch aufgeben wird keiner. Ihre Muskeln brennen, ihre Körper sind voller Wunden. Sie atmen schwer. Odin duckt sich und der Fenriswolf hechtet über ihn hinweg. Er dreht sich auf die Seite, um den Speer bei der Landung nicht noch weiter in seine Gedärme zu treiben. Als er auf dem Boden aufschlägt, sieht Odin seine Chance gekommen. Fenrir kann sich nicht aufrichten, ohne Gungnir vorher aus seiner Unterseite zu entfernen. Er bleibt liegen und krümmt die Beine, um den Speer zu fassen zu kriegen. Nun wird Odin leichtes Spiel haben. Um den am Boden liegenden Wolf zu vernichten, braucht er keine Waffe. Doch als er triumphierend auf seinen Widersacher zuschreitet, streikt sein Körper und er beginnt, zu taumeln. Die Krallen des Sumpfwolfes haben seinen Rücken aufgerissen. Weder seine Rüstung noch sein wundertätiger Mantel haben ihm Schutz geboten. Odin verspürt keinen Schmerz, doch der Blutverlust raubt ihm Kraft. Nur langsam nähert er sich seinem Feind.

 

Die Buchstaben zerfaserten vor Leifs Augen. Müdigkeit überkam ihn, doch an Schlaf war nicht zu denken. Die Geschehnisse um Ragnarök hatten ihn derart mitgerissen, dass er stundenlang wie hypnotisiert auf seinen Bildschirm gestarrt und gearbeitet hatte. Fast hatte es sich angefühlt, als wäre Kai bei ihm gewesen und hätte der Geschichte voller Spannung gelauscht. Bis gerade. Nun war die Luft raus. Doch die Handlung befand sich auf ihrem Höhepunkt und er konnte unmöglich jetzt aufhören. Vielleicht würde ein Kaffee helfen? Er stöhnte und erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl. Koffein konnte jedenfalls nicht schaden.

Barfuß durchquerte er den Flur und übersprang die knarzende Stufe der Treppe, um seine Eltern nicht zu wecken. Es war ihnen zum Glück egal, was er trieb, solange er seinen Pflichten nachkam und sie nicht störte. Er zog die Küchentür vorsichtig hinter sich zu, damit die Geräusche des Kaffeeautomaten nicht bis oben zu hören waren. Während er auf seinen Cappuccino wartete, fragte er sich, ob Odin sich auch für Kaffee hätte begeistern können.

Nach müde kommt doof, dachte Leif, während er unwillkürlich grinsen musste, als er sich vorstellte, wie Thor und Odin, Frick und Loki sich zu einem gemütlichen Kaffeekränzchen im sommerlichen Asgard versammelten:

»Darf’s noch ein Tässchen sein, liebster Loki?«

»Gewiss doch, mein wertester Odin. Das Spitzengedeck ist übrigens herzallerliebst.«

»Sieh nur Thor, Fenrir langweilt sich. Möchtest du nicht eine Runde Hammerholen mit ihm spielen?«

»Eine wahrlich ausgezeichnete Idee, Frick. Übriges kann ich mich Loki nur anschließen, Vater: Eine wirklich schöne Spitzendecke hast du da aufgelegt. Noch Milch, Loki?«

Ein kurzes Piepen beförderte Leifs Gedanken aus der Götterwelt zurück in die mitternächtliche Küche, in der es inzwischen wunderbar duftete. Vorsichtig balancierte er die Tasse in sein Zimmer. »Dann wollen wir mal«, sagte er, um sich selbst anzutreiben, und nahm einen tiefen Schluck des heißen Getränks. Eine wohlige Wärme durchströmte ihn, während es draußen weiterhin stürmte. Inzwischen wütete ein heulender Wind, der die Äste der Bäume durch die Luft peitschen ließ. Fast klang es wie das Jaulen eines monströsen Hundes …

 

Das Kläffen Garms hallt weit über das Schlachtfeld. Schaum tropft aus seinem Maul. Er knurrt und fletscht die Zähne, doch Tyr bleibt unbeeindruckt. Seine linke Hand schmerzt und er wünscht sich die rechte zurück. Sein Körper ist von Garms Zähnen durchlöchert. Auch in dem Fell des Ungetüms klaffen zahlreiche dunkle Wunden auf, ein Auge hat er eingebüßt. Tyr hat kaum noch Kraft. Er will den Kampf endlich beenden. Er entschließt sich zu einer letzten verzweifelten Tat. »Sitz«, sagt er trocken und hält Garm den rechten Arm hin. Als der Höllenhund dem Drang nicht widerstehen kann, sein Gebiss tief im Fleisch des Gottes zu vergraben, lässt dieser schreiend sein Schwert auf Garms Nacken niederfahren. Sein Schlag ist nicht stark genug, um den Hals zu durchtrennen, und der Schmerz lässt Garm noch fester zubeißen. Die linke Hand noch immer eisern um den Schaft seines Schwertes geschlossen, sinkt Tyr zu Boden und zieht Garm mit sich. Der schwere Hundekörper begräbt den Asen unter sich. Heiß fließt das Blut aus Garms Wunde und ergießt sich über Tyr. Er stirbt in der Gewissheit, den Höllenhund mit sich in den Tod genommen zu haben.

Um Odin herum verschwimmt der Kampf zwischen Asen, Lichtalben und Riesen, zwischen Einherjern, Zwergen und Hels Totenarmee. Er hat seinen Sohn sterben sehen, er spürt, dass sein eigenes Ende – das Ende aller – naht. Niemals mehr wird er Frigg in die Arme schließen, niemals mehr wird er mit Thor zechen und scherzen. Niemals mehr wird er seinem Ziehsohn und dessen Kindern verzeihen können. Zorn und Trauer treiben ihn weiter auf den Fenriswolf zu. Wenigstens ihn will er sterben sehen, bevor sein Auge sich für immer schließt. Kurz bevor er ihn erreicht hat, gelingt es dem Unhold jedoch, sich von Gungnir zu befreien. Er hievt sich auf die Beine – gerade rechtzeitig, um sein riesiges Maul aufzureißen und Odin in einem Bissen zu verschlingen.

Der Schlamm auf dem Schlachtfeld wirft eitrige Blasen, doch selbst das Gift der Midgardschlange vermag nicht, Mjöllnir zu zerfressen. Modi und Magni, der Starke und der Zornige, schlagen sich durch die kämpfenden Gestalten, um ihr Erbe anzutreten. Thors Söhne reißen Mjöllnir aus der Erde und kämpfen Seite an Seite gegen die Riesen, indem sie den Hammer abwechselnd schwingen. Den Feinden gelingt es nicht, sie zu töten, da sie sich gegenseitig vor den Angriffen schützen.

Auch Vidar und Vali treten an die Stelle ihres Vaters Odin und bekämpfen den unaufhaltsamen Untergang Midgards und Asgards. Vidar, der nach Thors Tod nun der stärkste Ase ist, will den Göttervater rächen. Er weiß, dass bisher keine Waffe den Fenriswolf töten konnte und kaum eine ihn je verletzt hat. Also nimmt er seinen Schuh und schreitet damit auf den Wolf zu. Dieser hat sich niedergelegt, um neue Kraft zu sammeln und Odin zu verdauen. Dennoch ist er aufmerksam und kampfbereit. Weder Einherjer noch Asen haben es gewagt, sich ihm zu nähern. Als er den dicken Lederschuh sieht, lacht er. »Willst du mich damit verdreschen? Ich will gerne sehen, wie du es versuchst.«

»Mein Schuh ist fest wie Eisen«, sagt Vidar und steht nun dicht vor dem Wolf. Er hebt die Hand, als wolle er die Sohle auf den Kopf des Biestes schlagen. Der Fenriswolf lacht spöttisch und wirft seinen Kopf in den Nacken. Seine grünen Augen funkeln schelmisch und er reißt seinen Schlund fast so weit auf, wie zuvor als er Odin verschlungen hat. Vidar rammt seinen Arm mutig in den Rachen des Ungetüms. Fenris, dessen Hunger noch immer nicht gestillt ist, will während dieser Schlacht noch viele Götter verschlingen. Er schließt sein Maul, um den ihm so bereitwillig dargebotenen Arm abzubeißen. Verwundert reißt er die Augen auf, als seine Zähne nicht fest aufeinander schlagen. Vidar zieht seinen unversehrten Arm aus dem Maul. Wie kann das sein? Weshalb gehorcht ihm sein Unterkiefer nicht mehr? Da bemerkt er, dass Vidars Schuh verschwunden ist und sich nun als Maulsperre schmerzhaft in seinen Gaumen bohrt. Mit aller Kraft kann er die Sohle ein wenig biegen, doch sie springt sogleich in ihre Form zurück und stemmt seinen Schlund von neuem auf. Vidar zeigt ihm siegesgewiss sein breites jugendliches Grinsen. Ein einfältiges Grinsen, denkt der Fenriswolf. Er freut sich darauf, es aus seinem Gesicht herauszukratzen und hebt seine Pranke. Da packt der junge Gott mit beiden Händen in sein Maul hinein und drückt es auseinander. Der Fenriswolf gibt einen gurgelnden Schrei von sich und versucht, dem Asen zu entkommen, doch sein Griff ist unbarmherzig. Er schlägt mit beiden Vorderpfoten nach der Brust des Peinigers, aber dieser trägt die Verletzungen mit Fassung. Bald schon krachen die Knochen und Sehnen und der Wolf ist nicht mehr in der Lage sich zu wehren. Er spürt, wie Vidar sein Maul immer weiter aufstemmt und ihn schließlich mit bloßen Händen auseinanderreißt.

Zwei Weltfeinde, viele Asen, unzählige Einherjer, Riesen und Zwerge sind bereits gefallen, als Surt mit seinem Feuerschwert die Welt in Brand setzt. Er schleudert es über seinem Kopf. Funken sprühen und Feuer schießt in alle Richtungen. Bald steht ganz Asgard in Flammen und der Brand breitet sich über die Äste Yggdrasils auf alle umliegenden Welten aus. Das Reich der Asen brennt nieder. Walhall gibt es nicht mehr. Die letzten Einherjer stellen sich schützend um Yggdrasils Baumstamm. Die alte Welt ist verloren, doch durch ihr Opfer ermöglichen sie die Entstehung einer neuen.

Gleißendes Licht hat die Dunkelheit Midgards vertrieben. Das Gold und der Schmuck der Menschen zerfließen und verdampfen zu nichts. Als die Weltenesche verkohlt und vertrocknet in sich zusammenfällt, sinkt die Erde in das Meer hinab. Feuerwogen, Rauch und Dampf schießen in den schwarzen Himmel.

Dann ist alles still.

Und tot.

Alles?

 

Kritisch betrachtete Leif das letzte Wort. Sollte er die Geschichte mit dieser Frage enden lassen? Eigentlich wollte er weiterschreiben, erzählen, was nach dem großen Weltenbrand geschehen war. Inzwischen war es beinahe drei Uhr und noch immer tobte draußen das Unwetter. Er konnte seine Augen kaum noch offen halten, seine Glieder waren schwer. So als hätte er selbst auf dem Schlachtfeld gestanden und um sein Leben und die Existenz Midgards gekämpft. Er wollte sich auf seinem Bett ausstrecken und endlich schlafen. Doch noch konnte er sich nicht dazu durchringen. Die Geschichte war beinahe beendet. Aber eben nur beinahe. Er musste nur noch aufschreiben, wie …

Ein dumpfes Geräusch riss Leif aus dem Schlaf. Es war neun Uhr morgens und er lag mit seinem Kopf in einem unbequem verdrehten Winkel auf dem Schreibtisch, während seine inzwischen tauben Arme in der Luft baumelten. Wann war er eingeschlafen?

»Seltsam«, nuschelte er schlaftrunken, während er seinen steifen Nacken massierte. Irritiert überflogen seine Augen die letzten Zeilen des Textes. »Was zur Hölle?« Er konnte sich nicht daran erinnern, das geschrieben zu haben.

 

Die Asen, die Riesen und Weltfeinde sind fort. Selbst Surt ist in seinem eigenen Feuersturm umgekommen. Doch nicht alle Wurzeln Yggdrasils sind verglüht. Die Körper der Einherjer haben den Stumpf der Weltenesche geschützt und sie wird von neuem wachsen.

Noch ist Midgard ein Ort voll von Chaos, wo sich Feuer, Erde und Wasser mit giftigen Gasen mischen. Doch bald kommen die Elemente zur Ruhe, sodass es selbst dem Nidhöggr langweilig wird. Er sammelt die Toten der letzten Schlacht ein und trägt sie auf seinem Rücken nach Hel.

Was geschieht nun?

Die Erde wird wieder aus dem Wasser emporsteigen, sie wird grünen und Früchte tragen. Fische und Vögel werden zurückkehren. Eine neue Sonne und ein neuer Mond werden geboren. Sterne entstehen. Die Berge und der Wind und die Wolken kehren zurück.

Und die Menschen?

Mimir der Weise hat Odin verraten, wie er die Menschen retten kann. Durch seine Weisheit und Weitsicht, die Odin im Tausch gegen sein Auge erhalten hatte, war es ihm gelungen, unter allen Menschen Lif und Lifthrasir auszuerwählen, um Midgard neu zu bevölkern. Er versteckte sie zwischen den Wurzeln Yggdrasils, wo sie sich während des Weltenbrandes und noch lange Zeit danach von Morgentau ernähren. Sobald die Wunden der Erde geheilt sind, werden Lif und Lifthrasir mit ihren unzähligen Kindern zwischen Yggdrasils Wurzeln hervorkommen und das neue Midgard zu ihrer Heimat machen.

Den Nidhöggr wird man in Midgard nicht mehr entdecken. Auch wie es den Asen in der Unterwelt ergeht, vermag lange Zeit niemand zu sagen. Ehe man davon berichten wird, werden viele Jahrhunderte verstreichen.

Bis zu diesem Augenblick.

 

Selbst nachdem Leif die Seite dreimal durchgelesen hatte, konnte er sich nicht daran erinnern, diese Worte geschrieben zu haben. Er zuckte mit den Schultern. Wie auch immer, das Ende war gut.

»Ich muss echt ziemlich hinüber gewesen sein«, murmelte er zu sich selbst. »Aber hey, anscheinend bin ich sogar im Schlaf noch überragend.«

1

Der Traum lag schwer auf ihrer Brust, drückte sie fest in die Matratze. Immer tiefer. Regungslos lag sie da. Wie von ihrer Decke gefesselt, der Kopf auf dem Kissen fixiert. Ihr Atem ging flach und kratzte im Hals. Sie war durstig und fror. Ihr Körper war steif, die Muskeln kalt. Sie war gelähmt und die Zeit schien stillzustehen. Würde sie sich jemals wieder aus diesem Bett erheben? Der Druck auf ihren Körper verstärkte sich, presste die Luft aus ihrer Lunge. Sie glaubte, das Holz ihres Bettes knacken zu hören. Dann wurde sie losgelassen. Sie sackte plötzlich nach unten, fiel und entkam durch den Sturz endlich der Schwere auf ihrer Brust. Entkam sogar der Schwerkraft, bis –

 

Liv erwachte mit den Flusen ihres Teppichs im Mund. Sie lag auf ihrem tauben linken Arm, hatte den rechten hinter dem Rücken verdreht, die Beine in der Decke verfangen. Stöhnend und blinzelnd strampelte sie sich frei, kam erst auf den Bauch und dann auf die Knie. Kurz glaubte sie, im Türrahmen eine Gestalt stehen zu sehen, doch die Tür war geschlossen und davor hing nur ihr schwarzer Regenmantel. Sie griff nach dem Bettpfosten und zog sich daran hoch. Warum schlief sie nicht gleich auf dem Boden? Sie erwachte ohnehin immer hier unten.

Liv taumelte mit halb geschlossenen Augen ins Bad und ließ ihr Nachthemd auf den Boden fallen. Während das warme Wasser auf ihre Schultern trommelte, summte sie eine Melodie und versuchte, sich daran zu erinnern, zu welchem Lied sie gehörte. Dann schlüpfte sie in Shorts und T-Shirt und stellte in der Küche das Radio an. Sie grinste, als der Refrain eines Liedes erklang, das sie aus einem Hörspiel kannte. »It’s so cosy in hell. Wondering about the things she tells …«, sang sie und angelte den Orangensaft aus dem Kühlschrank. Fast leer. Typisch.

Ihre Mutter hatte eine Notiz auf dem Küchentisch hinterlassen. Ihre Handschrift war seltsam gestaucht. Wahrscheinlich war sie wie jeden Morgen in Eile gewesen. Prospekte liegen vor der Haustür. Vergiss den Tierarzttermin nicht. 11 Uhr. Hab dich lieb.

Liv warf einen Blick auf ihr Handy und verschluckte sich an ihrem Saft. 10:15 Uhr. »Verfluchter Mist«, hustete sie, während sie hektisch ihren Rucksack packte. Hatte ihr Wecker nicht geklingelt? Sie erinnerte sich, von einem eigenartigen Piepen geträumt zu haben. »Emma!«, rief sie und stopfte sich ein Stück Toast in den Mund. Emma tauchte nicht auf. »Wir haben keine Zeit für diese Spielchen. Du brauchst deine Impfung. Emma!« Liv polterte die Treppe hoch und wieder runter. Keine Spur von ihrem Golden Retriever. Da hörte sie ein Fiepen aus dem Gästebad und öffnete die Tür. Emma stürmte ihr entgegen und warf sie fast um vor Freude. Schwanzwedelnd ließ sie sich auf den Rücken fallen, damit Liv ihren Bauch kraulen konnte. »Wie bist du denn da reingekommen? Hast du dich selber eingesperrt?« Kopfschüttelnd legte Liv ihr das Halsband an und die beiden verließen eilig das Haus. Draußen schraubte sie den Anhänger an ihrem Fahrrad fest und befüllte ihn mit den Prospekten.

»Schau nicht so vorwurfsvoll. Ein bisschen Bewegung tut dir gut. Auf dem Rückweg darfst du im Anhänger sitzen«, versprach sie. Emma war faul und ein wenig zu dick, aber Liv fand, das stand ihr im Rentenalter zu. Seit Livs erstem Schultag war Emma an ihrer Seite und der lag nun immerhin schon fast zehn Jahre zurück. Es tat ihr leid, dass sie die alte Hündin heute hetzen musste, doch die Prospekte hätten bis 10 Uhr ausgeteilt sein sollen. Also trat Liv kraftvoll in die Pedale und überschlug sich fast vor Eile, wenn sie absprang und durch die Vorgärten sprintete, um die Prospekte in die Briefkästen zu stopfen. Emma wartete hechelnd am Fahrrad und stierte sehnsüchtig auf den Anhänger.

Um 11:15 Uhr hatte sie endlich den Tierarzt erreicht, der auf der Hälfte ihrer Strecke lag. Liv hoffte, in wenigen Minuten mit ihrer Arbeit fortfahren zu können, und atmete zunächst erleichtert auf, als sie sah, dass das Wartezimmer bis auf eine Person komplett leer war. Zu ihrem Pech hatte der seltsame Kauz mit dem Hawaii-Hemd und der Sonnenbrille jedoch einen halben Zoo mitgebracht. Er teilte Liv ungefragt mit, an welch kuriosen Erkrankungen seine Haustiere litten und sparte nicht an Details. Liv hatte das Gefühl, von den Augen hinter der Sonnenbrille fixiert zu werden. Der Typ erzählte lebhaft von einem Hamster mit Arthritis, einer Schlange, die einen Autoschlüssel verschluckt hatte, einem Kater, der eine Allergie gegen sich selbst entwickelte, und einem Papagei, der unter chronischem Schluckauf litt. Liv nickte geduldig, weil ihr nichts anderes übrigblieb, und starrte auf die dunkel glänzenden Gläser seiner Brille. Sie überlegte im Stillen, warum Leute überhaupt Hawaii-Hemden trugen. Außerhalb Hawaiis zumindest. Gab es Menschen, an denen sie gut aussahen? Sie hatte jedenfalls noch keine getroffen. Als der Bericht des Mannes schließlich doch ein Ende fand, erkundigte er sich nach Emma.

»Hypochondrie«, behauptete Liv. »Sie kommt jede Woche mit neuen Symptomen hierher. Letztes Mal war es ein Tinnitus, davor Schweißpfoten, davor Haarausfall. Einmal hatte sie Wahnvorstellungen und dachte, sie sei ein Hamster mit Arthritis.«

Liv rechnete damit, dass der Fremde verärgert, beleidigt oder zumindest verständnislos reagierte. Stattdessen erschien ein breites weißes Grinsen in seinem Gesicht, fast als freue er sich, dass sie sein kleines Spiel begriffen hatte. In diesem Moment wurde sein Name aufgerufen und er eilte mit seinen Käfigen und Boxen aus dem Raum. Liv kraulte Emma hinter dem Ohr und flüsterte: »Der Typ hat einen Vogel. Damit meine ich nicht den Papagei.« Emma gähnte und rollte sich zu Livs Füßen zusammen.

Liv blätterte lustlos in einigen Magazinen und rutschte auf ihrem Stuhl herum. Zweifellos bekam die Tierärztin gerade ebenfalls die Lebensgeschichten der Tiere zu hören. Es war bereits fast zwölf Uhr und sie hatte die Hälfte der Prospekte noch nicht ausgeteilt.

»Blöder Ferienjob …«, grummelte sie und begann, Angry Birds zu spielen. Bis vor ein paar Tagen war ihr Smartphone kaputt gewesen und hatte sich nicht mehr anschalten lassen. Jetzt funktionierte es auf einmal wieder einwandfrei. Liv hatte die technologische Wiederauferstehung mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Sie war erstaunlich gut ohne ihr Handy zurechtgekommen. Schließlich waren ihre Mutter und ihre besten Freunde immer in Rufweite. Erst jetzt, wo sie es zurück hatte, fiel ihr auf, wie viel Zeit sie tatsächlich damit verbrachte. Wenn sie sich auf ihren Touren verfuhr, was unerklärlicher Weise noch immer vorkam, fragte sie Google nach dem Weg. Verhasste Wartezeiten überbrückte sie mit Musik oder einem Spiel. Und wenn sie Glück hatte, schrieb ihr –

Das Handy gab einen Gong-Ton von sich und Liv stieß vor Überraschung einen spitzen Schrei aus. Emma hob irritiert den Kopf. »Jonathan hat geschrieben«, wisperte Liv aufgeregt. Sie hatte verknallte Mädchen immer albern und anstrengend gefunden, bis sie selbst eines geworden war. Mit hämmerndem Herzen öffnete sie die Nachricht. Die Prospekte und der Zeitdruck waren vergessen.

Hey, Mäuschen! Ich hab mir etwas ganz Besonderes für unser Treffen heute Mittag überlegt.

Liv grinste. Er hatte sie Mäuschen genannt. Das war natürlich ein ziemlich blöder Kosename. Nicht gerade kreativ oder individuell. Trotzdem konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass ihre Mundwinkel nach oben wanderten und ihr Magen flatterte.

Sei um 14 Uhr hungrig am Brunnen im Park. J

Livs Lächeln erstarb. Das waren nur noch zwei Stunden und auch diese schmolzen immer weiter dahin. Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken und heute zerrte das Warten ganz besonders an ihren Nerven. Als sie die Praxis mit Emma endlich verließ, blieben ihr noch genau siebzig Minuten.

»Ich weiß, du bist müde. Aber ich will dieses Date wirklich nicht verpassen. Er hat ein Picknick für mich vorbereitet und er hat mich Mäuschen genannt.« Emma blickte unbeeindruckt zu ihr auf. Liv bückte sich und kraulte mit beiden Händen ihren Kopf. »Das bedeutet, dass er mich heute fragen wird, ob ich seine feste Freundin werde. Ganz offiziell.« Ihre Stimme bebte vor Freude und sie räusperte sich. »Also muss ich ordentlich in die Pedale treten, um rechtzeitig zu diesem bedeutenden Ereignis zu kommen. Und du musst …«

Emma schob schwanzwedelnd mit ihrer Schnauze einen Stapel Prospekte zur Seite und kletterte auf den Anhänger.

»Oh. Ich vermute, das geht auch. Dann strample ich wohl doppelt so stark. Danke für dein Verständnis.« Emma bellte und legte sich wie ein Puzzlestück zwischen die Papierstapel.

Nach zwanzig Minuten war Liv nassgeschwitzt. Ihre Waden brannten und sie röchelte, als die Straße anstieg. Das Shirt klebte und ihre schulterlangen Haare kräuselten sich, sodass kleine braune Löckchen in ihr Sichtfeld lugten. Sicherlich waren ihre Wangen bereits mit roten Flecken übersät. So konnte sie unmöglich zu dem wichtigsten Rendezvous ihrer baldigen Beziehung erscheinen. Natürlich wusste Jonathan aus dem Sportunterricht, wie sie aussah, wenn sie sich körperlich anstrengte. Und natürlich kannte er ihre Angewohnheit, zu jeder Verabredung zu spät zu sein. Schließlich waren sie schon in der Grundschule befreundet gewesen. Er wusste Bescheid über jede ihrer Macken und Fehler und er hatte sich dennoch in sie verliebt. Es gab also keinen Grund, sich Gedanken über ihr Auftreten zu machen. Dennoch hatte Liv das Bedürfnis, für ihn perfekt zu sein. Oder zumindest nicht schweißtriefend und verspätet.

Sie beschloss, die letzten drei Straßen heute ausfallen zu lassen, um eine Abkürzung zu nehmen. Vielleicht konnte sie zu Hause noch kurz duschen oder zumindest ihr Oberteil wechseln. Ob ihre Mutter damit einverstanden wäre, wenn sie sich die rote Bluse auslieh? Im Gegensatz zu den meisten ihrer Klassenkameradinnen hatte Liv bereits eine recht weibliche Figur. Durch ihre Kurven sah sie in ihren gerade geschnittenen T-Shirts allerdings ein wenig pummelig aus. Die rote Bluse jedoch zeigte, wie schmal ihre Taille tatsächlich war, und der Farbton passte gut zu ihren braunen Augen …

»Verdammt«, keuchte Liv und bremste abrupt. Sackgasse. Hinter ihr gab Emma ein Grummeln von sich. »Mist. Ich hätte da hinten rechts abbiegen müssen«, jammerte sie und manövrierte das Rad und den Anhänger ungeschickt hin und her, bis sie in der schmalen Straße gewendet hatte. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und stöhnte. Es war 13:30 Uhr und ihr Chef hatte versucht, sie zu erreichen. Liv raste die Straße entlang zurück, bog schwungvoll links ab und hoffte, dass sie nun wieder auf dem richtigen Weg war. Sie schaute kurz nach hinten, um nach Emma zu sehen. Der Hund hatte seinen Kopf auf den letzten Papierstapel gebettet und blinzelte mit halb geschlossenen Augen zufrieden in den Fahrtwind. Liv lachte und drehte sich wieder nach vorne – gerade noch rechtzeitig, um der über einen Gehstock gebückten Gestalt auszuweichen, die plötzlich vor ihr auf der Straße aufgetaucht war. Der Anhänger machte hinter ihr einen gefährlichen Schlenker, fing sich aber wieder. Livs Herzschlag pochte gegen ihren Hals und drückte ihr auf die Kehle. Das wäre fast schiefgegangen. Sie bremste ab, um vorsichtig wieder auf die richtige Straßenseite hinüber zu ziehen. In diesem Moment schoss links ein Moped aus der Seitenstraße. Liv schrie auf und riss den Lenker herum. Der Fahrer war so schnell unterwegs, dass er in der Kurve ebenfalls beinahe im Gegenverkehr fuhr und Livs Anhänger an der rechten Seite nur streifte. Dennoch reichte die Stoßwirkung, um den ins Schleudern geratenen Anhänger umzuwerfen. Liv hörte Emma jaulen, während sie selbst auf den Asphalt zuraste. Sie fiel hart auf die linke Seite und wurde unter ihrem Rad begraben. Der Anhänger brach aus seiner Halterung und flog über sie hinweg. Emma landete heulend in einem Gebüsch. Benommen lag Liv auf dem Boden, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ihr Atem raste und in den Ohren rauschte das Blut. Die aufgeheizte Straße drückte kleine Steinchen in ihr Gesicht. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, in der sie sich nicht rühren konnte.

Ein Paar grauer Turnschuhe trat in ihr Blickfeld. Sie drehte den Kopf und schaute an einer schlanken, hochgewachsenen Person empor. Ein Junge, dessen Kopf von der Mittagssonne überstrahlt wurde. Er beugte sich vor und sein Gesicht tauchte aus dem flimmernden Licht heraus. Ein hübsches Gesicht, von hellem Haar gerahmt, das weiß leuchtete wie ein Heiligenschein. Seine Haut war blass, die Gesichtszüge ebenmäßig und etwas kantig. Eckige Brillengläser blitzten und offenbarten zwei hellblaue Augen, deren durchdringender Blick Liv erschaudern ließ. Er kam näher, öffnete den Mund.

Oh formten Livs Lippen, doch ihre Stimme versagte.

»In Deutschland herrscht Rechtsverkehr.« Die Worte waren sachlich und leise. Dennoch trafen sie Liv mit voller Wucht.

»W-was?« Statt ihr hoch zu helfen richtete sich der Junge wieder auf. »Zum Glück hat mein Moped keinen Kratzer abbekommen.«

Liv war sprachlos und starrte stutzig ins Licht. Da klarten ihre Gedanken endlich auf und sie trat das Fahrrad hektisch von sich, bis sie darunter hervorkriechen konnte. »Emma! Oh mein Gott! Em-« Sie stieß mit ihrem Kopf gegen Emmas feuchte Nase. Der Hund stand schwanzwedelnd vor ihr, leckte ihr quer über das Gesicht und ließ sich freudig in die Arme schließen. »Ein Glück …«, murmelte Liv in ihr Fell hinein und merkte, dass sie kurz davor war, zu weinen. Ihr ganzer Körper zitterte, doch Emma schien es gut zu gehen.

»Ich muss weiter …«, sagte der Junge träge und Liv sprang auf. »Du!«, rief sie und drückte ihm den Zeigefinger gegen die Brust. Ihr war etwas schwindelig und sie musste sich kurz sammeln.

»Ich …?«, fragte er mit gespielter Langeweile. Jetzt, wo sein Gesicht nicht mehr engelsgleich erstrahlte, erkannte Liv ihn. Er war drei Stufen über ihr, obwohl er erst ein oder zwei Jahre älter war. Ein Überflieger und Sportler. Sie wusste, dass er wie Jonathan viel Zeit in der Kletterhalle verbrachte. Die Mädchen waren alle in ihn verliebt, aber die Jungen konnten nichts mit ihm anfangen. Soweit sie wusste, hatte er nicht sonderlich viele Freunde, doch die brauchte er auch nicht, um bewundert und angehimmelt zu werden. Er hatte einen seltsamen Namen, eine alberne Alliteration. Er hieß …

»Leif Lind!«, rief sie und er hob die Augenbrauen.

»Kennen wir uns?«

Heiße Wut brodelte in Livs Magen. »Du hättest mich und meinen Hund beinahe umgebracht.« Seine Mundwinkel zuckten und sie ballte die Fäuste. »Das ist nicht lustig. Wir hätten uns ernsthaft verletzen können.«

»Oh«, sagte er und blickte mit einem Mal besorgt drein. Er fokussierte eine Stelle über ihrer Schläfe und seine Augen weiteten sich.

»Was?«, fragte Liv alarmiert. Ihr fiel auf, dass sie keinerlei Schmerzen spürte. Das lag wahrscheinlich am Adrenalin. Hatte sie sich unbemerkt eine schwere Verletzung zugezogen?

»Scheiße …«, murmelte Leif.

»Was ist da?« Liv schielte panisch nach oben, doch sie konnte nichts erkennen.

»Halt still.«

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