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Little Things

April 1993

Marietta, Georgia

Endlich! Sully hatte schon gedacht, dass dieser Tag nie enden würde. Schule war sowieso nichts, was er sonderlich spannend fand, oder wofür er sich begeistern konnte, aber an Tagen wie diesen hatte er manchmal das Gefühl, dass die Stunden sich ewig zogen. Ernsthaft, als er vorhin im Klassenzimmer auf die Uhr gesehen hatte, hätte er schwören können, dass sie rückwärts gelaufen war!

Jetzt aber klingelte die Schulglocke und man konnte gar nicht so schnell gucken, wie der Zehnjährige seinen Ranzen genommen und verschwunden war. Eigentlich dachte Sully, dass er der Erste war, der aus dem Klassenzimmer stürmte, aber Taylor rannte wirklich noch zwei Sekunden vor ihm aus der Tür und Sully sah ihm verwirrt hinterher. Was war denn mit ihm nicht richtig? Normalerweise war der Anderson-Junge immer ruhig und still, packte seine Sachen gemächlich ein und machte eigentlich nicht den Eindruck, als wenn er es so eilig hätte aus der Schule zu kommen.

Aber selbst wenn, das konnte er so nicht auf sich sitzen lassen! Sully war hier derjenige, der immer zuerst verschwand, sobald die Glocke ertönte, und das würde er sich auch nicht nehmen lassen. Mit einem kleinen Grinsen im Gesicht legte er deswegen an Tempo zu, behielt Taylor genau im Auge und als sie beide vom Hof waren und auf die Straße einbogen, die zur Bushaltestelle führte, hatte er ihn eingeholt. Sullys Mundwinkel zogen sich noch ein Stück weiter nach oben, als er einen Satz machte, dem anderen Jungen auf den Rücken sprang und sie beide krachend zu Boden gingen.

"Aua! Verdammt, was soll das?" Mürrisch versuchte Taylor ihn von sich zu stoßen, doch das sah Sully ja gar nicht ein. Immerhin ging es hier um seine Ehre!

"Ja, das frage ich mich auch!", erwiderte er deswegen und kicherte, während er dabei zusah, wie der Anderson-Junge unter ihm hervorkroch und dabei aussah wie eine Schildkröte, die sich mühselig an Land hievte. Zumindest stellte Sully sich vor, dass es so aussah.

"Wovon redest du überhaupt?"

"Du bist aus dem Klassenzimmer gerannt! Du rennst sonst nie aus dem Klassenzimmer!"

Verwirrt sah der andere Junge ihn an, während er sich seine braunen Haare aus dem Gesicht strich.

"Was? Dich stört es, dass ich schneller war als du?"

Kräftig nickte Sully und beschloss dann doch die Güte zu haben, von seinem Klassenkameraden herunterzugehen und sich wieder aufzurichten. Die Mühe den Dreck von seiner Jeans zu klopfen, machte er sich gar nicht erst, weil wen scherte es? Ihn ganz bestimmt nicht und seinen Vater erst recht nicht. Vielleicht würde Simon mal wieder einen Kommentar ablassen, dass er aussah wie der hinterletzte Stricher, aber Sully wusste gar nicht genau, was ein Stricher sein sollte und die Meinung seines Bruders war ihm sowieso ziemlich egal.

"Warum?", wollte Taylor wissen, der sich wesentlich mehr Mühe gab seine Kleidung wieder zu richten und die Bücher aufzusammeln, die ihm bei dem Sturz aus der Hand gefallen waren.

"Wie, warum? Weil das meine Aufgabe ist!"

"Hä?"

Wieder bahnte sich ein Kichern Sullys Kehle nach oben, weil das einfach zu witzig war. Taylor stand vor ihm, die Haare vollkommen zerzaust, das dunkelblaue Shirt hing schief und er hatte so einen verwirrten Gesichtsausdruck, wie Sully das noch nie bei jemanden gesehen hatte.

"Naja, jeder hat doch seine Aufgabe, oder? Bella ist die Klassensprecherin, Marvin der Streber, Christian der Sportler und ich bin eben der -"

"Pausenclown", vollendete Taylor den Satz, wobei er nicht zu wissen schien, ob er das witzig finden sollte.

Sully hingegen grinste von einem Ohr zum anderen und nickte fröhlich. "Genau!"

"Und was hat das damit zu tun, dass ich heute ausnahmsweise einmal schneller aus dem Zimmer – Oh, Scheiße! Ich muss los!" Taylor schien wieder einzufallen, warum er heute so eine Hektik an den Tag legte, denn er sammelte schnell auch das letzte Heft vom Boden auf und rannte dann schon wieder los. Unfassbar! Hatte der ihm nicht zugehört?

"Wo willst du denn hin?", wollte Sully wissen, der gar nicht einsah die Sache auf sich beruhen zu lassen und sich ebenfalls wieder in Bewegung gesetzt hatte. Sie mussten sowieso in dieselbe Richtung. Die Andersons wohnten nur eine Straße weiter und sie hatten denselben Schulweg. Wenn Sully jetzt so darüber nachdachte, dann fragte er sich, warum sie nicht zusammen zur Schule gingen. Immerhin waren sie ja auch in derselben Klasse. Mysteriös! Aber auch ein Sulyvan Parker konnte nicht an alles denken. Es war auch so schon schwer genug das einzige Genie in der Familie zu sein.

Kurz warf der andere Junge ihm einen Blick zu, schien irritiert zu sein, dass Sully immer noch neben ihm her rannte. "Zum Comicbuchladen!", kam dann die überraschende Antwort.

"Was? Warum?"

Jetzt war es an Taylor zu grinsen, und zwar so glücklich, wie Sully das bei seinem Klassenkameraden noch nie gesehen hatte. "Heute kommt das neue Heft von den Mutant Ninja Turtles raus!"

Sully machte große Augen und wäre um ein Haar in den nächsten Laternenmast gelaufen, doch Taylor hatte die Güte ihn vorher am Kragen ein Stück zur Seite zu ziehen, sodass ihm das erspart blieb. Aber auch egal! Ninja Turtles! "Woah, echt? Heute schon?"

Eifrig nickte der andere Junge, wobei er nicht aufhörte zu grinsen. "Ich warte schon seit einer halben Ewigkeit darauf, und heute ist es endlich soweit."

"Ich wusste gar nicht, dass du Comics liest." Die Fröhlichkeit seines Klassenkameraden war ansteckend und jetzt war Sully selbst ganz aufgeregt. Sie rannten weiter die Straße hinab, umrundeten ein paar Passanten, die ihnen wild hinterher fluchten, aber keiner von beiden störte sich daran.

"Natürlich lese ich Comics. Was machst du denn nach der Schule?"

Kurz lachte Sully auf. "Wenn ich dir das verrate, dann muss ich dich danach töten!"

"Dafür musst du mich erst einmal kriegen", gab Taylor zu bedenken, legte noch einen Zahn zu und Sully hatte langsam wirklich Probleme hinterherzukommen. Seit wann war der denn so schnell?

Erst am Comicbuchladen machten die Jungs halt, blieben stolpernd vor der Tür stehen und mussten beide erst einmal Luft holen. Keuchend lehnte Taylor sich an die Scheibe und verzog dann missmutig das Gesicht. "Oh nein, der hat gar nicht auf!"

"Was?" Sully folgte dem Blick und sah jetzt auch das Schild, welches verkündete, dass der Laden für ein paar Tage geschlossen hatte. Warum? Wie konnte man ihnen das antun? "Das ist nicht fair!"

"Warum stört dich das?"

"Weil … weil … darum!" Na, wenn das nicht überzeugend war, dann wusste Sully auch nicht.

Taylor schnaubte leise und als Sully ihn genauer betrachtete, fiel ihm auf, wie enttäuscht der Junge aussah. Irgendwie erinnerte er ihn gerade an die Katze seiner Nachbarin, wenn sie im Regen vor der Tür saß und die alte Mrs. Ford sie nicht reinlassen wollte. Bevor Sully großartig darüber nachdenken konnte, machte er einen Schritt auf den anderen Jungen zu. "Wir könnten zu mir gehen. Ich habe noch ein paar uralte Comics von meinem Bruder. Vielleicht ist da ja etwas dabei, was dich interessiert."

Skeptisch sah Taylor ihn an, schien sich nicht sicher zu sein. "Ich weiß nicht, ob meine Mum das erlaubt."

"Sie muss es ja nicht erfahren!", entkräftete Sully jeden weiteren Protest und zog seinen Klassenkameraden einfach mit sich. Glücklich oder überzeugt sah dieser nicht unbedingt aus, aber das ignorierte Sully gekonnt.

Oktober 1996

Taylor stand etwas abseits der kleinen Gruppe und beobachtete das Geschehen mit trauriger Miene. Sonderlich gemocht hatte er Simon nie, wenn er ganz ehrlich zu sich war, und er wusste auch, dass Sully kein gutes Verhältnis zu seinem Bruder gehabt hatte, aber trotzdem war es nicht schön ihn jetzt zu beerdigen. So genau wollte Taylor sich gar nicht vorstellen, wie es wäre einen seiner Geschwister beerdigen zu müssen. Alleine bei dem Gedanken jagte ein Schauer über seinen Rücken, der alles andere als angenehm war.

Dabei war das vielleicht auch etwas anderes, weil er sich eigentlich ganz gut mit seinen Geschwistern verstand. Seine Mutter liebte er ebenfalls, auch wenn sie es ihm nicht immer leicht machte. In Sullys Familie war das ganz anders. Seine Mutter war schon vor Jahren mit ihrem ältesten Sohn verschwunden, keiner von beiden ließ sich jetzt zu Simons Beerdigung blicken. Stewart machte seiner Rolle als Vater auch nicht gerade Ehre, lebte eher sein eigenes Leben, als auch nur irgendwie Interesse an seinen Kindern zu zeigen. Es war anders als bei Taylors Mutter. Seine Mum war auch viel mit sich selbst beschäftigt, aber das war nicht einmal Absicht. Sie war eine Chaotin, die manchmal nicht wusste, wo rechts und links war, oder welches Datum sie aktuell hatten. Er konnte ihr auf jeden Fall nicht böse sein. Bei Stewart jedoch ...

Vor ein paar Wochen waren Sully und er im Park gewesen. Sein Freund hatte seit neustem das Skateboard für sich entdeckt und bekloppt wie er eben war, begnügte er sich nicht damit einfach auf dem Ding zu fahren, sondern musste damit kleine Hürden überspringen und sich andere Herausforderungen suchen. An dem Tag hatte Sully eine Treppe mit dem Board überspringen wollen. Taylor hatte ihn gewarnt, ihm gesagt, dass er niemals so weit kommen würde und dass er sich noch alle Knochen brechen würde, doch sein Freund hatte nur gelacht, mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass es die Sache doch wert wäre.

Knochen hatte er sich am Ende nicht gebrochen, aber Sully hatte trotzdem ausgesehen wie nach einem Autounfall. Die Platzwunde an seinem Kopf hatte schlimm geblutet, sein halbes Gesicht und seinen Hals in Rot getränkt, die Jeans hatte er sich bei dem Sturz an den Knie aufgerissen und auch sonst hatte er einige nicht gerade nette Schrammen davongetragen. Stewart hatte das nicht interessiert. Als sie so nach Hause gekommen waren, hatte er seinem Sohn nur einen komischen Blick zugeworfen, ihm gesagt, er sollte bloß aufpassen nicht den Teppich zu versauen und sich dann wieder dem Fernseher gewidmet. Noch nie hatte Taylor verstanden, wie sein Freund das einfach so hinnehmen konnte und als er Sully mal danach gefragt hatte, hatte dieser nur gemeint, dass er es nicht anders gewohnt war und er es nicht schlimm fand. Das sah Taylor ja anders, aber da auch er nichts dagegen machen konnte, hielt er bei dem Thema meistens den Mund.

Jetzt machte Stewart Parker jedoch keinen desinteressierten Eindruck, was Taylor wirklich wunderte. Der Mann hatte dunkle Ringe unter den Augen, sah mit einer Miene auf Simons Sarg, die an Verzweiflung grenzte, während ihm stumme Tränen über die Wange rollten. Gerade sah Taylor nicht einen schlechten Vater vor sich, sondern einen gebrochenen Mann, dem man etwas Wichtiges genommen hatte.

Sully stand neben ihm, hatte aber eine ziemlich ausdruckslose Miene aufgesetzt. Obwohl Taylor seinen Freund in- und auswendig kannte, war es ihm gerade unmöglich irgendwas in seinem Gesicht zu lesen, was ihn selbst unruhig werden ließ. Er wusste immer, was Sully dachte, immer, genau wie es umgekehrt der Fall war. Seit sie die Nachricht von Simons Tod bekommen hatten, wurde Taylor aber nicht wirklich schlau aus ihm.

Sonst war nur noch einer von Simons Freunden anwesend und der Priester, der seine Rede hielt und dabei ehrlich gesagt ziemlich gelangweilt klang. Ein Junkie mehr oder weniger, was scherte ihn das auch? Vermutlich nichts und das war noch trauriger als alles andere. Man sollte meinen, dass es die Gemeinde und die Gesellschaft erschütterte, wenn ein achtzehnjähriger junger Mann durch eine Spritze den Tod fand, aber es hatte niemanden interessiert. Hier in der Gegend war das pure Statistik.

Als die Rede vorbei war, wurde der Sarg ins Grab gelassen und damit war die Zeremonie auch zu Ende. Stewart schleppte sich zum Priester, um noch ein paar Worte mit ihm zu wechseln, und machte dabei den Eindruck, als wenn er jeden Moment umfallen würde. Simons Freund war schneller verschwunden, als man gucken konnte, und es blieb nur noch Sully übrig, der am Grab stehen blieb und stumm hinabsah.

Unschlüssig, was er tun sollte, trat Taylor zu seinem Freund und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Weder er noch Sully hatten Geld für Anzüge und er glaubte auch nicht, dass Simon das großartig interessiert hätte, aber immerhin trugen sie beide Hemden.

Irritiert hob Sully den Blick und sah ihn an aus diesen sonst so lebenslustigen, blauen Augen an, die jetzt fast schon matt wirkten. Nur langsam bildete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, was auf einem Friedhof einfach vollkommen Fehl am Platz wirkte. "Endlich ist der Scheiß vorbei. Was machen wir jetzt?"

Unsicher sah Taylor zu dem Grab und dann zu Stewart. "Ich weiß nicht, habt ihr nicht noch Leichenschmaus oder so etwas?"

"Mit wem denn?" Sully schnaubte abfällig. "Ist ja nicht so, als wenn es irgendjemanden interessieren würde. Oder siehst du hier eine trauernde Masse?"

Stumm schüttelte Taylor den Kopf. Nein, natürlich nicht. Trotzdem. Gehörte sich das nicht so? "Willst du nicht trotzdem bei deinem Dad bleiben?"

J

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