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Little Miss Undercover

Lisa Lutz

Little Miss Undercover

Familie Spellman ermittelt

Aus dem Amerikanischen von Patricia Klobusiczky

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Spellman Files

erschien 2007 bei Simon & Schuster, New York.

ISBN 978-3-8412-0462-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2008 bei Gustav Kiepenheuer;

Gustav Kiepenheuer ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung einer Illustration von foto search

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Prolog

Die Befragung - Teil 1

I - Vorkriegszeit

Vor langer Zeit

Der Erstgeborene

Das Vernehmungszimmer

Clay Street Nr. 1799

Das Familienunternehmen

Bitte nicht stören

Der gute alte Onkel Ray

Die Verlorenen Wochenenden

Die Befragung - Teil 2

Rae Spellman

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Vor einem Jahr und acht Monaten

Camp Winnemancha

Die Befragung - Teil 3

II - Die Spellman-Kriege

Der Zucker-Krieg

Die Ra(e/y)-Kriege

Der Krieg um das Recht auf Arbeit in der Freizeit - Teil eins

Der Tennis-Krieg

Tennis-Verabredungen Nr. 1 – 3
Normale Verabredungen Nr. 1 – 3

Die Rock-Kriege

Die Befragung - Teil 4

Der Krieg um das Recht auf Arbeit in der Freizeit - Teil zwei

Der Zahnarzt-Krieg

Der Krieg um das Recht auf Arbeit in der Freizeit - Teil drei

Der Bar-Krieg

Der Zahnarzt-Krieg, der Hemd-Krieg (und Verfolgungsjagd Nr. 1)

III - Friedensverhandlungen

Ein letzter Auftrag

Vermisste Personen

Das Lösegeld

Der Fall Snow - Kapitel 1

Das Lösegeld – Fortsetzung

Der Fall Snow - Kapitel 2

Das letzte Match

Der Fall Snow - Kapitel 3

Der Fall Snow - Kapitel 4

Der Fall Snow - Kapitel 5

Der Wendepunkt

Der Drogendeal

Isabel schnupft Kokain - Der Film

Die Befragung - Teil 5

Der Fall Snow - Kapitel 6

Ein Waffenstillstand (und ein paar weitere Schlachten)

Das Verlorene Wochenende Nr. 25

Der Fall Snow - Kapitel 7

Der Fall Snow - Kapitel 8

Verschwunden

Die Befragung - Teil 6

Vermisst

Der Fall Snow - Kapitel 9

Einbruch und Hausfriedensbruch

Die letzte Schlacht

Epilog - Schuld und Sühne

Das Letzte verlorene Wochenende

Danksagung

Fußnoten

Leseprobe

Zielperson zieht in die Clay Street Nr. 1797 ein

Protokolle über verdächtiges Verhalten

PROLOG

San Francisco, nachts

Ich schlüpfe ins Parkhaus, hoffentlich unbemerkt. Doch meine Stiefel tappen über den nackten Beton, als wollten sie aller Welt verraten, wo ich mich gerade befinde. Und ich weiß, dass die das brennend interessiert. Ich nehme mir vor, diese Treter nur noch zu tragen, wenn ich vor Verfolgung sicher bin.

Jetzt renne ich die gewundene Auffahrt hoch und hoffe, dass sie mich bei dem Tempo nicht einholen können. Dabei schnaufe ich so laut, dass es sogar das Geräusch meiner Schritte übertönt. Hinter mir ist nichts zu hören.

Jäh bleibe ich stehen und lausche genauer. Da! Eine Autotür klappt zu, dann eine weitere, ein Motor startet. Während ich nach Daniels Wagen Ausschau halte, versuche ich, den nächsten Schritt meiner Verfolger vorherzusagen.

Endlich finde ich ihn – den nachtblauen BMW –, von beiden Seiten durch zwei riesige Geländewagen verdeckt. Ich stürze zu der frisch polierten Limousine, stecke den Schlüssel ins Schloss.

Der schrille Ton trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich brauche einen Moment, um mich davon zu erholen. Die Alarmanlage hatte ich völlig vergessen. Normalerweise fahre ich einen zwölf Jahre alten Buick, für den man nichts weiter braucht als einen verdammten Schlüssel.

Mit dem Daumen fummle ich an der Fernbedienung herum, bis endlich die Sirene verstummt. Dafür höre ich jetzt das andere Auto die Auffahrt heraufschleichen, langsam genug, um mich auf die Folter zu spannen. Endlich erwische ich den Knopf für die Türentriegelung.

Der unscheinbare Ford will sich hinter mich schieben, doch ich schaffe es gerade noch, mit quietschenden Reifen aus der Parklücke zu jagen, bevor er mir den Weg versperrt. Als ich das Parkhaus verlasse, sehe ich im Rückspiegel, dass sie mir dicht auf den Fersen sind. Ich schieße über die Straße, biege scharf nach links ab. Trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Erstaunlich, wie schnell und doch sanft dieses Luxusgefährt beschleunigt. Plötzlich wird mir klar, dass manche Leute diese Autos nicht nur aus Eitelkeit kaufen. Besser, ich gewöhne mich gar nicht erst daran.

Binnen Sekunden schnellt der Tacho auf achtzig Stundenkilometer hoch. Der Ford ist etwa hundert Meter hinter mir und holt allmählich auf. Ich drossle das Tempo, bis sie wieder an meiner Stoßstange kleben, und biege urplötzlich rechts in die Sacramento Street ein. Aber sie kennen alle meine Tricks und bleiben dran.

Wir rasen über zwei Hügel, haben in null Komma nichts die Innenstadt erreicht. Ein Blick auf die Tankanzeige verrät mir, dass ich die hohe Geschwindigkeit vielleicht noch eine Stunde halten kann. Ich biege nach rechts in eine Allee, mache einen plötzlichen U-Turn, biege dann sofort nach links und gegen die Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße ab. Zwei Wagen weichen mir hupend aus. Im Glauben, Vorsprung gewonnen zu haben, sehe ich in den Rückspiegel, doch sie lassen sich nicht abschütteln.

Südlich der Market Street beschleunige ich ein letztes Mal, mehr zur Show als um ernsthaft die Flucht zu wagen. Dann trete ich knallhart auf die Bremse. Ich will sie überrumpeln, damit sie nicht vergessen, wer hier den Ton angibt.

Der Ford hält mit quietschenden Reifen knapp drei Meter hinter mir. Ich schalte den Motor ab, atme ein paar Mal tief durch. Dann steige ich aus und gehe zu der anderen Limousine rüber.

Auf mein Klopfen gleitet das Fahrerfenster herunter. Eine Hand auf die Motorhaube gestützt, beuge ich mich leicht vor.

»Mom. Dad. Jetzt reicht’s!«

Die Befragung
Teil 1

Zweiundsiebzig Stunden später

Eine einzelne nackte Glühbirne baumelt von der Decke, ihr trüber Schein erhellt die spärliche Ausstattung des fensterlosen Raums. Das Inventar kann ich mit geschlossenen Augen aufzählen: ein Holztisch mit abblätternder Farbe, umstellt von vier wackligen Stühlen, ein Telefon mit Wählscheibe, ein alter Fernseher und ein Videorecorder. Dieser Raum ist mir sehr vertraut. Viele Kindheitsstunden habe ich hier zubringen müssen, um für Verbrechen einzustehen, die ich vermutlich alle begangen hatte. Doch jetzt stehe ich hier einem Mann Rede und Antwort, den ich noch nie gesehen habe, aufgrund eines Verbrechens, über das wir noch nichts Genaues wissen. Ein Verbrechen, das ich mir vor Angst nicht weiter ausmalen will.

Inspektor Henry Stone stellt einen Kassettenrecorder in die Tischmitte und schaltet ihn ein. Es fällt mir schwer, den Mann einzuordnen: Anfang vierzig, kurzes graumeliertes Haar, gestärktes weißes Hemd und eine wirklich geschmackvolle Krawatte. Eigentlich sieht er gut aus, aber seine kühle Professionalität wirkt wie eine Maske. Für einen Beamten ist sein Anzug zu kostspielig, das weckt meinen Verdacht. Alles und jeder weckt meinen Verdacht.

»Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse zu Protokoll«, sagt der Inspektor.

»Isabel Spellman. Siebzehn neunundneunzig Clay Street, San Francisco, Kalifornien.«

»Ihr Alter und Ihr Geburtsdatum.«

»Ich bin achtundzwanzig. Geboren am 1. April 1978.«

»Ihre Eltern sind Albert und Olivia Spellman, richtig?«

»Ja.«

»Sie haben zwei Geschwister: David Spellman, dreißig, und Rae Spellman, vierzehn, richtig?«

»Ja.«

»Bitte geben Sie Ihren Beruf und den aktuellen Arbeitgeber zu Protokoll.«

»Ich habe eine Lizenz als Privatdetektivin und arbeite für Spellman Investigations, die Detektei meiner Eltern.«

»Seit wann arbeiten Sie für Spellman Investigations?«, fragt Stone.

»Seit ungefähr sechzehn Jahren.«

Stone überfliegt seine Notizen und blickt dann zur Decke. Er scheint verwirrt. »Dann haben Sie mit ungefähr zwölf Jahren begonnen?«

»Richtig«, antworte ich.

»Ms. Spellman«, sagt Stone, »erzählen Sie mir alles von Anfang an.«

Wann alles anfing, kann ich nicht auf die Minute genau benennen, was ich aber mit Bestimmtheit weiß: Es fing nicht vor drei Tagen, einer Woche, einem Monat oder einem Jahr an. Um zu begreifen, was meiner Familie angetan wurde, muss ich ganz von vorn beginnen. Und das ist lange her.

I
VORKRIEGSZEIT

VOR LANGER ZEIT

Mein Vater, Albert Spellman, fing mit zwanzigeinhalb Jahren beim San Francisco Police Department an, wie vor ihm schon sein Vater, sein Großvater und sein Bruder. Nach fünf Jahren wurde er zum Inspektor befördert und zur Sitte versetzt. Zwei Jahre später geriet Albert ins Stolpern, als er einem Informanten einen Witz erzählte, und stürzte eine Treppe über zwei Stockwerke hinab. Seither wurde er immer wieder von unvorhersehbaren Rückenschmerzen gepeinigt.

Gegen seinen Willen in den Vorruhestand versetzt, heuerte er umgehend bei Jimmy O’Malley an, der früher als Inspektor für Raubüberfälle zuständig war und inzwischen private Ermittlungen durchführte. Das war 1970. Auch wenn Jimmy stramm auf die achtzig zuging, mangelte es seiner Firma O’Malley Investigations nicht gerade an Aufträgen. Als mein Vater dazustieß, wurde daraus ein Bombengeschäft. Albert kann ungewöhnlich gut mit Menschen umgehen, seine Arglosigkeit und sein lässiger Charme wecken auf Anhieb Vertrauen. Und obwohl sich sein Sinn für Humor auf reinem Boulevardniveau bewegt, bringt er wirklich jeden zum Lachen. Einige Standardwitze – wie zum Beispiel das Herausniesen osteuropäischer Eigennamen – bringt er permanent. Nur seine Kinder bitten ihn hin und wieder, sich etwas Neues einfallen zu lassen.

Bei einer Größe von 1,90 Meter und einem Gewicht von 110 Kilo hätte seine äußere Erscheinung leicht bedrohlich wirken können, doch sein schlendernder Gang täuschte schon immer über die Kraft hinweg, die in ihm steckte. Sein Gesicht spottet jeder Beschreibung, denn die Züge harmonieren so wenig miteinander, dass es nach einer wilden Collage verschiedener Gesichter aussieht. Meine Mutter behauptet: Wenn man nur lang genug hinstarrt, sieht er richtig gut aus. Worauf mein Vater ergänzt: Aber deine Mutter ist die einzige, die sich genügend Zeit genommen hat.

Als Albert 1974 im Auftrag einer Versicherungsgesellschaft eine gewöhnliche Observation durchführte, die im Dolores Park endete, sah er hinter Büschen eine zierliche kleine Brünette lauern. Neugierig ließ er von der Beschattung ab, für die er bezahlt wurde, um dieser geheimnisvollen Frau auf die Spur zu kommen. Bald vermutete er, dass die verdächtige Brünette selbst eine Art Observation durchführte. Zu diesem Schluss kam er, als sie eine Kamera mit einem riesigen Teleobjektiv aus ihrer Handtasche holte und serienweise ein junges Paar ablichtete, das sich auf einer Parkbank abküsste. Da ihr hektischer Umgang mit dem Fotoapparat die Laiin verriet, wollte Albert ihr ein paar nützliche Tipps geben. Er ging auf sie zu, entweder zu schnell oder zu dicht heran (keiner der beiden kann sich heute an Details erinnern), und bekam ihr Knie in den Unterleib gerammt. Später erzählte mein Vater, er habe sich verliebt, kaum dass der Schmerz nachließ.

Bevor sie ihn mit einem weiteren Stoß außer Gefecht setzte, stellte sich Albert rasch vor, um die überraschend kräftige Brünette zu beschwichtigen. Da entschuldigte sie sich und stellte sich ihrerseits als Olivia Montgomery vor; sie mahnte streng, es sei unhöflich und nicht ganz ungefährlich, sich an Frauen heranzuschleichen. Schließlich erklärte sie ihm, was sie zu dieser dilettantischen Pirsch bewogen hatte, und bat ihn um Hilfe. So stellte sich heraus, dass der Mann, der nach wie vor auf der Parkbank tändelte, Ms. Montgomerys Schwager in spe war, die Frau hingegen mitnichten Ms. Montgomerys Schwester Martie.

Den restlichen Nachmittag schwänzte Albert seinen Job, um Ms. Montgomery bei der Observation eines gewissen Donald Finker mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Was im Dolores Park begonnen hatte, führte sie beide schließlich in einen Irish Pub im Tenderloin-Viertel. Finker hatte von alldem nichts mitbekommen. Olivia sollte diesen Tag im Nachhinein äußerst erfolgreich nennen, ihre Schwester allerdings nicht. Etliche Busfahrkarten, Taxiquittungen und zwei Filmrollen später war es Olivia und Albert gelungen, Donald in den Armen von drei verschiedenen Frauen zu erwischen (die eine oder andere bezahlte er) und auch dabei, wie er zwei Buchmachern Geld zusteckte. Albert war von Olivias Scharfsinn beeindruckt; er begriff, dass die Unterstützung einer zierlichen, flinken einundzwanzigjährigen Brünetten bei Observationen von unschätzbarem Wert war. Nun wusste er nicht, ob er sie zum Abendessen einladen oder ihr einen Job anbieten sollte. Albert entschied sich für beides.

Drei Monate später wurde anlässlich einer schlichten Zeremonie in Las Vegas aus Olivia Montgomery Olivia Spellman. Zu ihrer Verblüffung fing Martie den Brautstrauß auf, doch nach dreiunddreißig Jahren ist sie immer noch unverheiratet. Ein Jahr nach der Hochzeit kaufte mein Dad O’Malley das Unternehmen ab und änderte den Namen in Spellman Investigations.

DER ERSTGEBORENE

David Spellman wurde ohne Makel geboren. Genau acht Pfund schwer, mit vollem Haar und rosig glatter Haut, gab er unmittelbar nach der Geburt einen kurzen Schrei von sich (um den Arzt hinsichtlich seiner Atmung zu beruhigen), dann verstummte er gleich wieder, vermutlich aus Höflichkeit. Binnen zwei Monaten schlief er sieben Stunden durch, manchmal auch acht oder neun.

Auch wenn Albert und Olivia ihr erstes Kind naturgemäß als Ausbund an Perfektion betrachteten, wurde ihnen erst zwei Jahre später wirklich bewusst, wie vollkommen David war – als nämlich ich zur Welt kam und Vergleichsmöglichkeiten bot.

Und David wurde mit zunehmendem Alter immer attraktiver. Auch wenn er keinem Familienmitglied wirklich ähnelt, hat er doch von Mutter und Vater nur die besten Züge geerbt, in Kombination mit einigen anderen, die offensichtlich von Gregory Peck stammen. Selbst als Pubertierender blieb er von Makeln aller Art verschont, abgesehen von dem einen oder anderen blauen Auge, das ihm ein eifersüchtiger Mitschüler verpasste (und das an David sogar noch anziehend wirkte). Ohne sich groß anzustrengen, erzielte er in der Schule Bestnoten, in unserer gesamten Familiengeschichte findet sich kein zweiter akademisch ähnlich Begabter. Als geborener Sportler lehnte er in der Highschool trotzdem jede Kapitänswürde ab – die ihm praktisch jedes Team in jeder Disziplin antrug –, um den in vielen Fällen vorhersehbaren Neidattacken zu entgehen. Dabei trübte nie eine finstere Aura diese überirdische Vollkommenheit. David war für sein junges Alter ungewöhnlich bescheiden. Trotzdem trat ich mit Vorliebe gegen jeden Stuhl, auf dem er saß.

Die Untaten, die ich an meinem Bruder beging, waren vielfältig. Meist kam ich ungeschoren davon, weil David niemals petzte, aber nicht alles entging dem strengen Blick meiner stets wachsamen Eltern. Sobald ich lesen und schreiben konnte, begann ich meine Schandtaten festzuhalten, einem Ladenverkäufer bei der Inventur nicht unähnlich. Zunächst listete ich die Verbrechen auf, um sie dann mit sachdienlichen Kommentaren zu versehen. Manchmal genügten mir ein paar Stichworte: »08. 12. 1992: Davids Festplatte gelöscht«. Manchmal fügte ich der Liste auch einen detaillierteren Bericht bei, meist in jenen Fällen, in denen ich erwischt wurde. Die Details brauchte ich, um aus meinen Fehlern zu lernen.

DAS VERNEHMUNGSZIMMER

So nannten wir es schließlich, dabei handelte es sich bloß um unseren Keller, dessen Umbau nie abgeschlossen wurde. Inventar: eine nackte Glühbirne, ein Tisch, vier Stühle, ein Telefon mit Wählscheibe und ein alter Fernseher. Angesichts der Beleuchtung und spärlichen Möblierung, die an alte Gangsterfilme denken ließ, konnten meine Eltern der Versuchung nicht widerstehen, ihre Kinder stets in diesem kärglichen Raum zu befragen.

Für mich als größten Unruhestifter der Familie stand das Vernehmungszimmer zu jeder Zeit offen. Im Folgenden einige Beispiele meiner Kellerverhöre. Die Liste ist aber bei weitem nicht vollständig:

Isabel im Alter von acht Jahren

Ich sitze auf einem der wackligen Stühle, gefährlich zur Seite geneigt. Albert geht auf und ab. Kaum hat er sich vergewissert, dass mir unbehaglich wird, fängt er an zu sprechen.

»Isabel, hast du dich gestern Nacht in das Zimmer deines Bruders geschlichen und ihm die Haare geschnitten?«

»Nein«, sage ich.

Lange Pause.

»Bist du dir da ganz sicher? Vielleicht brauchst du nur noch ein bisschen Zeit, um deinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.«

Albert setzt sich an die gegenüberliegende Seite des Tisches und sieht mir tief in die Augen. Ich senke rasch den Blick, versuche aber, keinen Fingerbreit nachzugeben.

»Ich weiß nichts von einem Haarschnitt«, sage ich.

Er legt eine kindersichere Schere auf den Tisch.

»Kommt die dir bekannt vor?«

»So eine hat doch jeder.«

»Wir haben sie aber in deinem Zimmer gefunden.«

»Da will mir jemand was anhängen.«

Zur Strafe bekam ich eine Woche Hausarrest.

Isabel im Alter von zwölf Jahren

Diesmal geht meine Mutter auf und ab, mit einem Wäschekorb unter dem linken Arm. Sie stellt den Korb auf den Tisch und zieht ein zerknittertes Oxford-Hemd heraus, in einem so blassen Rosaton, dass es sich unmöglich um die ursprüngliche Farbe handeln kann.

»Isabel, was meinst du, was hat dieses Hemd für eine Farbe?«

»Schwer zu sagen, bei dem Licht.«

»Rate mal.«

»Cremeweiß.«

»Ich finde, es ist rosa. Stimmst du mir zu?«

»Klar. Rosa.«

»Jetzt hat dein Bruder fünf rosa Hemden und kein einziges weißes, das er in der Schule anziehen kann.« (Laut Schulordnung sind ausschließlich weiße Hemden als Teil der Uniform zugelassen.)

»Wie bedauerlich.«

»Ich glaube, du hast da deine Hand im Spiel, Isabel.«

»Es war ein Versehen.«

»Ach ja?«

»Eine rote Socke. Ist mir schleierhaft, wie ich sie übersehen konnte.«

»Du bringst mir diese rote Socke in den nächsten zehn Minuten. Wenn nicht, wirst du für fünf neue Hemden aufkommen.«

Natürlich konnte ich die Socke nicht beibringen, weil es keine rote Socke gab. Dafür gelang es mir innerhalb dieses Zeitfensters, die rote Lebensmittelfarbe unbemerkt aus meinem Zimmer zu schmuggeln und in der Mülltonne unserer Nachbarn zu entsorgen.

Ich kam für diese Hemden auf.

Isabel im Alter von vierzehn Jahren

Inzwischen ist mein Vater zum ständigen Vernehmer erklärt worden. Ich für meinen Teil glaube, dass er seiner Zeit als Polizist nachtrauerte; sich mit mir auseinanderzusetzen, hielt ihn frisch.

Fünfzehn Minuten vergehen mit Schweigen, er lässt mich schmoren. Aber ich lerne das Spielchen allmählich auch, hebe den Kopf und halte seinem Blick stand.

»Isabel, hast du die Zeugnisnoten deines Bruders manipuliert?«

»Nein. Warum sollte ich?«

»Ich weiß nicht warum. Ich weiß aber, dass du’s getan hast.«

Er legt das Zeugnis auf den Tisch und schiebt es mir rüber. (Damals waren das noch diese handgeschriebenen Zettel. Man musste sich bloß ein Blankoformular schnappen und einen fähigen Fälscher finden.)

»Es ist übersät mit deinen Fingerabdrücken.«

»Du bluffst.« (Ich hatte Handschuhe getragen.)

»Und wir haben die Handschrift untersuchen lassen.«

»Und das soll ich dir abkaufen?«

Albert stöhnt auf und setzt sich mir gegenüber. »Sieh mal, Izzy, wir wissen doch alle, dass du es warst. Wenn du mir verrätst, warum, werden wir dich nicht bestrafen.«

Falls ich also gestehe, gehe ich straffrei aus. Ganz was Neues. Ich beschließe, mich darauf einzulassen, weil ich nicht die ganze Woche zu Hause festsitzen will. Mit der Antwort lasse ich mir jedoch einen Moment Zeit, als ginge mir das Geständnis nur mühsam über die Lippen.

»Jeder sollte mal eine Fünf bekommen. Einfach um zu wissen, wie sich das anfühlt.«

Es dauerte zwar eine ganze Weile, aber irgendwann hatte ich die Versuche satt, König David vom Thron zu stoßen. Es musste einen besseren Weg geben, mein Potential auszuschöpfen. Ich war zweifelsohne ein schwieriges Kind, doch mein wahres Verbrecherleben begann erst, als ich in der achten Klasse auf Petra Clarke stieß. Wir lernten uns beim Nachsitzen kennen und schlossen Freundschaft aufgrund unserer gemeinsamen (und fanatischen) Vorliebe für die Sixties-Sitcom Mini-Max. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Stunden wir damit zugebracht haben, uns völlig zugedröhnt die Wiederholungen im Fernsehen anzuschauen und so heftig zu lachen, dass es weh tat. Kein Wunder, dass wir bald unzertrennlich waren. Unsere Freundschaft beruhte voll und ganz auf geteilten Interessen – Don Adams, Bier, Marihuana und Sprayfarben.

Im Sommer 1993 wurden Petra und ich, beide fünfzehn, verdächtigt, eine Reihe von bis dato ungeklärten Vandalismusakten im Nob-Hill-Bezirk von San Francisco begangen zu haben. Ungeachtet der vielen Neighborhood-Watch-Treffen, die zu unseren Ehren veranstaltet wurden, konnte uns in keinem einzigen Fall etwas nachgewiesen werden. Damals genossen wir die Wirkung dieser Verstöße gegen geltendes Recht etwa so, wie ein Maler sein eigenes Kunstwerk bewundern mochte. Petra und ich stachelten uns gegenseitig dazu an, die Grenzen des Erlaubten immer weiter zu verschieben. Unsere Vergehen waren sicher kindisch, aber anders als dem alltäglichen Vandalismus wohnte ihnen eine geballte Ladung kreative Energie inne. Folgende Liste ist die erste, die Petra und ich zusammen erstellten. Es sollten noch viele weitere hinzukommen.

Liste der ungesühnten Verbrechen: Sommer 1993

25. 06. 93: Umgestaltung von Mr. Gregorys Garten1

07. 07. 93: Drive-by-Attacke

13. 07. 93: Diebstahl von 5 Basketbällen, 3 Feldhockeyschlägern, 4 Basebällen und 2 Baseball-Handschuhen aus dem Sportgeräteschrank der Mission Highschool

16. 07. 93: Mrs. Chandlers Schoßpudel kobaltblau gefärbt

24. 07. 93: Drive-by-Attacke

21. 07. 93: Einen Kasten Bier vor dem Treffpunkt der Anonymen Alkoholiker in der Dolores Street abgeladen2

30. 07. 93: Drive-by-Attacke

10. 08. 93: Abokarten für den Playboy ausgefüllt, im Namen diverser verheirateter Männer aus der Nachbarschaft

Unser Kerngeschäft war das, was wir »Drive-by-Attacke« nannten. Wenn gerade Inspirationsmangel herrschte, konnten wir unseren Aktionshunger immerhin in den Nächten stillen, in denen der Müll zur Abholung bereitgestellt wurde. Es war kinderleicht: Nach Mitternacht stahlen wir uns jeweils aus dem Haus. Petra holte mich mit dem (»geborgten«) Dodge Dart ihrer Mutter ab (Baujahr 1978), und dann warfen wir reihenweise die Mülltonnen um, die am Straßenrand auf ihre Leerung warteten. Petra und mir ging es dabei weniger um den Rausch der Zerstörung als um das Gefühl, mit knapper Not davonzukommen. Zum Ende des Sommers hin war es mit meiner Glückssträhne allerdings vorbei.

Wieder saß ich im Verhörzimmer. Doch diesmal bei der echten Polizei. Mein Vater verlangte von mir, meine Quelle preiszugeben, aber ich weigerte mich.

16. 08. 1993

Das Vergehen: Sechs Stunden zuvor, kurz nach Mitternacht, war ich aus dem Haus geschlichen, fuhr per Anhalter zu einer Party in der Mission Street und lernte einen Typen kennen, der sich die Nase pudern wollte. Koks ist zwar nicht mein Ding, aber der Typ trug eine Lederjacke, er hatte einen Kerouac-Roman dabei – und ich habe was übrig für harte Kerle, die lesen. Also sagte ich ihm, dass ich einen Dealer kennen würde – wie es dazu kam, erzähle ich später –, und rief den an, um ihn zu fragen, ob er sich »jetzt für den Gefallen von damals revanchieren« wolle. Auf der Fahrt zu meiner Quelle fand ich heraus, dass der Lederjackentyp von der Party in Wirklichkeit undercover arbeitete, und bat ihn, mich nach Hause zu fahren. Stattdessen fuhr er mich zur Polizei. Als sich dort offenbarte, dass ich die Tochter des hochdekorierten Ex-Polizisten Albert Spellman bin, wurde Dad hinzugerufen.

Noch ziemlich schlaftrunken betrat er den Raum.

»Nenn mir einen Namen, Izzy«, sagte er, »dann fahren wir nach Hause, und du bekommst die gerechte Strafe.«

»Egal welcher Name?«, fragte ich neckend.

»Isabel, du hast einem verdeckten Ermittler angeboten, ihm eine Prise Koks zu organisieren. Dann hast du einen Mann angerufen, der angeblich Dealer ist, und ihn gefragt, ob er sich für einen Gefallen revanchieren mag, den du ihm getan hast. Das macht keinen guten Eindruck.«

»Meinetwegen. Mehr als einen Verstoß gegen die Ausgangssperre kannst du mir aber nicht nachweisen.«

Dad beglückte mich mit seinem drohendsten Drohblick und sagte ein letztes Mal: »Nenn mir seinen Namen!«

Der Name, den die Cops hören wollten, war Leonard Williams, Len für seine Freunde aus der Oberstufe. Tatsächlich kannte ich ihn kaum und hatte ihm niemals Drogen abgekauft. Was ich über ihn wusste, hatte ich mir über Jahre zusammengelauscht. So komme ich meistens an wertvolle Informationen. Ich wusste, dass Lens Mutter arbeitsunfähig und von Schmerzmitteln abhängig war. Ich wusste, dass sein Vater bei einem Schusswechsel in einem Spirituosenladen getötet wurde, als Lenny sechs war. Ich wusste, dass er zwei kleine Brüder hatte und die Sozialhilfe sie nicht satt machte. Ich wusste, dass Len mit Drogen dealte, wie andere Kinder nach Schulausgang jobbten – um seine Familie zu ernähren. Ich wusste auch, dass er schwul war, und hatte es niemandem erzählt.

Passiert war es in der Nacht des ungesühnten Verbrechens Nr. 3. Petra und ich brachen in die Schule ein, um Material aus dem Sportgeräteschrank zu stehlen (ich glaubte, unseren chronischen Geldmangel durch den Handel mit gebrauchten Sportartikeln beheben zu können). Ich knackte das Schrankschloss, dann trugen Petra und ich den Inhalt zu ihrem Auto. Schließlich packte mich aber die Gier: Mir fiel ein, dass Walters, der Trainer, meist eine Flasche Wild Turkey in der Schreibtischschublade verwahrte. Während Petra schon im Auto saß, kehrte ich in die Schule zurück und ertappte Len dabei, wie er mit einem Footballspieler in Walters Büro herummachte. Weil ich kein Wort darüber verlor, dachte Len, er sei mir was schuldig. Er wusste nicht, wie leicht es mir fiel, Geheimnisse zu wahren, da ich selbst so viele hatte. Ein Geheimnis mehr oder weniger machte da keinen Unterschied.

»Ich bin keine Petze«, war also mein einziger Kommentar auf dem Kommissariat.

Stumm brachte mich mein Vater nach Hause. Len blieb unbehelligt. Die Cops hatten nur einen Spitznamen als Anhaltspunkt. Und ich kam relativ ungeschoren davon, anders als mein Vater, der den endlosen Spott seiner ehemaligen Kollegen über sich ergehen lassen musste; die fanden es einfach zu komisch, dass er seine eigene Tochter nicht zum Sprechen bringen konnte. Ich aber wusste, dass er in jahrelanger Feldarbeit den Ehrenkodex der kriminellen Zunft begriffen hatte und mein Schweigen in gewisser Weise respektierte.

Sieht man einmal von der Chronik meiner Missetaten und von Vergleichen mit meinem Bruder ab, spricht vieles für mich, auch wenn es einige erstaunen mag. Ich kann mir das Inventar eines jeden Raumes, den ich betrete, binnen kurzer Zeit einprägen; ich kann Taschendiebe mit der Präzision eines Scharfschützen ausfindig machen; ich kann jeden Nachtwächter dazu überreden, mir den Weg freizugeben. Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, kann ich eine Beharrlichkeit entwickeln, die ihresgleichen sucht. Und auch wenn ich vielleicht keine Schönheitskönigin bin, wollen viele Männer mit mir ausgehen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Allerdings wurden diese guten Eigenschaften (wozu auch immer sie gut sein mochten) über Jahre von meiner Provokationslust überschattet. Weil der Markt für Vollkommenheit in jeder Hinsicht von David beherrscht wurde, musste ich wohl oder übel aus meiner Unvollkommenheit Profit schlagen. Manchmal hörte man bei uns zu Hause nur diese zwei Sätze: Toll gemacht, David! Und: Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, Isabel? Während meiner Teenagerzeit wurde ich unentwegt zum Schuldirektor zitiert und von Polizeistreifen aufgesammelt, ich tat nichts anderes, als zu randalieren, im Badezimmer zu rauchen, am Strand zu saufen, Hausfriedensbruch zu begehen, bekam Schul- und Hausarrest verpasst, musste Moralpredigten über mich ergehen lassen, verstieß gegen Ausgangssperren, wachte verkatert auf, kämpfte mit Blackouts, konsumierte illegale Drogen und lief in Militärstiefeln und mit ungewaschenen Haaren herum.

Trotzdem war es mir nie vergönnt, so viel Schaden anzurichten, wie ich mir vorgenommen hatte, weil David stets für Schadensbegrenzung sorgte. Wenn ich später als erlaubt nach Hause kam, deckte er mich. Wenn ich log, bestätigte er meine Geschichten. Wenn ich stahl, brachte er die Beute zurück. Wenn ich rauchte, ließ er die Stummel verschwinden. Wenn ich besoffen im Vorgarten einschlief, trug er meinen besinnungslosen Körper in mein Zimmer. Wenn ich mich weigerte, einen Aufsatz zu schreiben, schrieb er ihn für mich, der Glaubwürdigkeit halber ließ er sich dabei auf mein sprachliches Niveau herab. Und wenn er spitzbekam, dass ich seine Arbeit nicht als meine ausgeben wollte, steckte er die Aufsätze höchstpersönlich in die Briefkästen der Lehrer.

Das Schlimmste war aber, dass David es wusste. Er wusste, dass ich mit meinem miesen Verhalten – bis zu einem gewissen Grad – auf seine Vollkommenheit reagierte. Ihm war klar, dass ich seine Schuld war, und er empfand deswegen aufrichtige Reue. Hin und wieder fragten mich meine Eltern, warum ich mich so aufführte. Und ich sagte es ihnen: um ein Gleichgewicht zu erzeugen. Hätte man David und mich addiert und dann durch zwei geteilt, wären unterm Strich zwei überaus normale Kinder herausgekommen. Später sollte Rae alles wieder aus dem Gleichgewicht bringen, aber davon erzähle ich noch.

CLAY STREET NR. 1799

Der Familiensitz der Spellmans befindet sich in der Clay Street Nr. 1799, am Rand von Nob Hill. Einen Kilometer südlich stößt man auf den Tenderloin – den heterosexuellen Rotlichtbezirk von San Francisco. In nördlicher Richtung landet man nach einer Weile unweigerlich in einer der vielen Touristenfallen, Lombard Street oder Fisherman’s Wharf oder – wenn man wirklich Pech hat – Marina.

Spellman Investigations befindet sich praktischerweise ebenfalls in der Clay Street Nr. 1799. (Mein Vater witzelt oft, dass er bloß die Treppe hinunterpendeln muss.) Das Haus ist ein imposanter, viergeschossiger viktorianischer Bau mit blauweißem Anstrich. Meine Eltern hätten sich ein solches Haus nie leisten können, wäre es nicht über drei Spellman-Generationen weitervererbt worden. Der Wert dieser Immobilie beläuft sich inzwischen auf fast zwei Millionen Dollar, so dass meine Eltern mindestens vier Mal im Jahr verkünden, sie wollten das Haus verkaufen. Doch das sind nichts als leere Drohungen. Lieber nehmen sie alte Möbel, abblätternde Farbe und ökonomische Unsicherheit in Kauf, als sich Fahrten nach Europa, Rentenanlagen und ein Heim in den Vororten zu gönnen.

Am Eingang des Hauses/der Firma meiner Familie sieht man vier Briefkästen, die von links nach rechts auf folgende Namen lauten: Spellman, Spellman Investigations (bisher haben wir nur einen einzigen Briefträger erlebt, der diese Unterscheidung konsequent einhielt), Marcus Godfrey (der ewige Deckname meines Vaters) und Grayson Consulting (eine Scheinfirma, die unser Unternehmen für leichtere Fälle verwendet).

Rund um die Bay Area verteilen sich noch zwei bis drei Briefkästen, die das Unternehmen bei höchster Geheimhaltungsstufe nutzt.

Im Haus sieht man zunächst eine Wendeltreppe, die in den ersten Stock hinaufführt. Dort sind die drei Schlafzimmer. Rechts von der Treppe befindet sich eine Tür mit dem Firmenschild Spellman Investigations. Sie ist außerhalb der Geschäftszeiten stets abgeschlossen. Links von der Treppe gelangt man ins Wohnzimmer. Früher bestimmte eine Couch mit fadenscheinigem Zebrabezug die Mitte des Raums. Jetzt steht an dieser Stelle ein schlichtes braunes Ledersofa. Um das Sofa stehen Möbel aus Mahagoni – jedes ein antikes Stück, jedoch so heruntergekommen, dass der Wert geschwunden ist. In den letzten dreißig Jahren gab es, abgesehen vom Sofa, nur eine einzige Veränderung: Der Zenit-Fernseher mit Holzverschalung (ca. 1980) wurde durch einen 27-Zoll-Flachbildschirm ersetzt, den mein Onkel nach einer äußerst seltenen Glückssträhne auf der Pferderennbahn erwarb.

Hinter dem Wohnzimmer liegt die Küche, die sich in ein bescheidenes Esszimmer öffnet, in dem noch mehr heruntergekommene Antiquitäten herumstehen. Solange ich hier unten bin, sollte ich noch die Tür zu Spellman Investigations aufschließen.

Das Büro meiner Familie befindet sich im Erdgeschoss an einem Ort, den man in jedem anderen Haushalt als Abstellraum nutzen würde. Vier Lehrerschreibtische vom Trödler (die Sorte aus beigebraunem Metall) bilden in der Mitte ein regelmäßiges Rechteck. Vor dreißig Jahren stand der einzige Computer – von IBM – auf dem Arbeitsplatz meines Vaters. Inzwischen gibt es auf jedem Tisch einen PC, im Schrank liegt zusätzlich ein Notebook, das gemeinschaftlich genutzt wird. Ein halbes Dutzend Aktenschränke in verschiedenen Farben (ebenfalls vom Trödler) verteilen sich an den vier Wänden. Das war’s auch schon an Einrichtung, abgesehen vom riesigen Aktenschredder und staubigen Rollläden. Manchmal stapeln sich bis zu einem halben Meter hohe Aktenberge auf jedem Schreibtisch. Auf dem Boden liegen Fetzen aus dem Schredder. Das Zimmer riecht nach Muff und billigem Kaffee. Am anderen Ende des Raums führt eine Tür in den Keller, wo sämtliche Verhöre durchgeführt werden. David meinte früher, der Keller sei im ganzen Haus der beste Ort, um die Hausaufgaben zu erledigen. Ich kann das nicht bestätigen.

DAS FAMILIENUNTERNEHMEN

David und ich begannen im Alter von vierzehn respektive zwölf Jahren für Spellman Investigations zu arbeiten. Da war ich bereits als das schwierige Kind verrufen, doch als Mitarbeiterin konnte ich viele meiner negativen Eigenschaften wieder wettmachen. Kein Wunder, dass ich mich so gern engagierte, wenn es darum ging, gesellschaftliche Regeln zu brechen und in die Privatsphäre von Fremden einzudringen.

Mit dem Müll fing alles an. Das war traditionell die erste Aufgabe, die den Spellman-Kindern übertragen wurde. Mom oder Dad (gelegentlich auch ein Cop) sammelten den Abfall der jeweiligen Zielperson ein (sobald er für die Städtische Müllabfuhr zur Abholung bereitsteht, gilt Abfall als Gemeingut, so dass man ihn sich auf legalem Weg aneignen kann) und brachten ihn zu uns nach Hause.

Ich streifte mir ein paar feste Gummihandschuhe über (manchmal drückte ich mir auch eine Klammer auf die Nase) und sortierte das Ganze nach Schätzen und Dreck. Meine Mutter erteilte uns immer die gleichen Anweisungen: Kontoauszüge, Rechnungen, Briefe, Merkzettel sollten wir zur Seite legen; alles, was einst essbar gewesen war oder Körperflüssigkeiten enthielt, sollten wir entsorgen. Oft schienen mir diese Anweisungen zu kurz zu greifen. Erstaunlich, wie viele Dinge in keine der beiden Kategorien fallen. Diese Ausflüge in die Müllologie lösten bei David oft schlimme Erkrankungen aus, so dass er mit fünfzehn bereits voll und ganz davon freigestellt war.

Als ich dreizehn wurde, zeigte mir meine Mutter, wie man in der Bay Area Gerichtsakten recherchiert. Damals sollten wir häufig den Hintergrund einer Zielperson klären; hierfür prüft man zuerst, ob sie vorbestraft ist. Auch hier waren die Anweisungen denkbar schlicht: Such nach belastendem Material. Übersetzt: Such nach dem Schlimmsten. Verlief die Recherche ergebnislos, war die Enttäuschung mit Händen greifbar. Menschen – die wir nur mit Namen oder Sozialversicherungsnummer kannten – enttäuschten uns, wenn sie sauber waren.

Diese Nachforschungen waren eine ungeliebte Routinearbeit. Oft musste man dafür durch die ganze Bay Area ziehen, von Gericht zu Gericht, um die Namen anhand verschiedener Register zu überprüfen. Vor Abschaffung der Kommunalen Gerichte in Kalifornien galt es, in jedem County mindestens vier Gerichte aufzusuchen: Strafobergericht, Zivilobergericht, Kommunalstrafgericht, Kommunalzivilgericht (und gelegentlich auch das Amtsgericht, wo Bagatellfälle verhandelt wurden).

Später verkürzte sich der Rechercheaufwand, als die Oberund Kommunalgerichte zusammengelegt und die meisten Register auf Mikrofiche gebannt waren. In den letzten fünf Jahren wurden praktisch alle Gerichtsinformationen in Datenbanken erfasst, so dass wir alles von unserem Büro aus recherchieren können, es sei denn, der Fall liegt mehr als zehn Jahre zurück. Was früher zwölf bis fünfzehn Stunden Außeneinsatz erfordert hatte, kann inzwischen in einem Viertel der Zeit vom Schreibtisch aus erledigt werden.

Diese Daten sind auch von Nutzen, wenn eine Zielperson mit unbekanntem Aufenthaltsort gefunden werden soll. Die Sozialversicherungsnummer ist hier das A und O. Der Heilige Gral aller Detektive. Diese Nummern fallen allerdings unter den Datenschutz. Wenn der Auftraggeber keine Sozialversicherungsnummer nennen kann, benötigt man den vollen Namen und das Geburtsdatum, mindestens aber den vollen Namen (am besten, einen der ausgefalleneren Sorte) und den letzten bekannten Aufenthaltsort. Zunächst gibt man Namen und Geburtsdatum in ein Kreditauskunftsformular ein. So kommt man an einige Daten, die auch in der vollen Kreditauskunft enthalten sind – frühere Adressen, ob eine Insolvenz vorliegt oder ein Pfändungsverfahren läuft –, aber noch nicht an alle, weil manche Daten geschützt sind. Mit Hilfe einer Kreditauskunft kann man meist aber einen Teil der Sozialversicherungsnummer in Erfahrung bringen. Und wenn in einer Quelle die ersten vier Ziffern verborgen bleiben und in einer anderen die letzten vier, muss man nur beide Quellen zusammenbringen, um die ganze Nummer zu haben.

Solche Recherchen erfordern ein Höchstmaß an Konzentration und Sorgfalt, Eigenschaften, die mir sämtliche Lehrer, die jemals mit mir zu tun hatten, absprachen. Es machte mir allerdings großen Spaß herauszufinden, welchen Dreck andere am Stecken hatten. Das ließ meine eigenen Verstöße harmloser aussehen.

Im Grunde prüften sie zunächst unsere Ekelschwelle, dann unsere Ausdauer und schließlich unsere grauen Zellen. Die junge Spellman-Generation (die ältere vielleicht auch) liebte aber vor allem das Observieren – den Teil des Jobs, bei dem man vergaß, dass man nach der Schule auch noch für die Eltern arbeitete. Doch selbst da gibt es Höhen und Tiefen. Zielpersonen sind ja nicht ständig auf Achse. Sie schlafen, gehen zur Arbeit, nehmen an vierstündigen Konferenzen auf irgendwelchen Firmensitzen teil, während man selbst in der Eingangshalle sitzt, mit knurrendem Magen und wunden Füßen. Ich war am liebsten unterwegs; David bevorzugte die toten Zeiten, da er dann seine Hausaufgaben machen konnte. Alles, was ich tat, war rauchen.

Mit vierzehn führte ich meine erste Observation durch, im Fall Feldman. John Feldman erteilte meiner Familie den Auftrag, seinen Geschäftspartner und Bruder Sam unter die Lupe zu nehmen. John hatte den Eindruck, dass sein Bruder ihn hinterging, und bat uns, Sam ein paar Wochen lang zu beschatten, um zu sehen, ob sein Instinkt ihm recht gab. John lag im Großen und Ganzen richtig, nur dass sein Bruder keine geschäftlichen Interessen verfolgte, sondern großes Interesse an Johns Frau zeigte.

David und ich waren beide blutige Anfänger, als wir die Feldman-Beschattung aufnahmen. Danach war ich ein Profi. Mein Vater fuhr den Kleinbus, meine Mutter den Honda. Beide kommunizierten über Funk mit uns. Ging Sam zu Fuß, waren David oder ich dran. Wir sprangen dann aus dem Auto, folgten der Zielperson in sicherer Entfernung und gaben unsere Koordinaten über Funk weiter, damit uns stets mindestens ein Gefährt einsammeln konnte, wenn Sam plötzlich ein Taxi, den Bus oder die Cable Car nahm. Meist nahm er ein Zimmer im St. Regis.

Bei diesem Job entdeckten wir nicht nur, dass Sam Johns Frau vögelte, sondern auch, wie sehr sich mein jahrelanges Herumstreunen bezahlt machte. Anders gesagt hatte mich mein bisheriges Leben mit einer gehörigen Portion List und Kühnheit ausgestattet, ich wusste, wie weit man gehen durfte und wann man unbedingt Vorsicht walten lassen musste. Ich hatte viel Menschenkenntnis erworben. Ich wusste genau, wann ich der Zielperson an Bord eines beliebigen Verkehrsmittels folgen konnte und wann ich mir lieber ein Taxi nahm. Ich wusste, wie lange ich die Beschattung fortsetzen konnte und wann ich besser aufhörte. Das Entscheidende war aber, dass ich nicht so aussah, als würde ich meine Brötchen damit verdienen, Fremden auf den Fersen zu bleiben.

Mit vierzehn war ich bereits ein Meter siebzig groß, nur fünf Zentimeter kleiner als heute. Ich sah ein paar Jahre älter aus, aber trotzdem höchstens wie eine Studentin – in zerknitterten T-Shirts und uralten Jeans. Weder war ich besonders auffällig noch besonders unauffällig – lange braune Haare, braune Augen, keine Sommersprossen, keine besonderen Kennzeichen. Würde ich meiner Mutter noch einen Tick mehr ähneln, wäre ich sogar schön, aber die väterlichen Gene haben meine Züge etwas gröber ausfallen lassen, und so bezeichnet man mich eher als »attraktiv« denn als »hübsch«. Trotzdem, mit achtundzwanzig sehe ich nicht übel aus, dank einer besten Freundin (die Friseurin ist) und eines leicht gewachsenen Stilbewusstseins. Lassen wir es dabei bewenden.

Mit fünfzehn wurde ich von Onkel Ray nach meinem Geburtstagswunsch gefragt. Ich sagte, eine Flasche Wodka, und als er mir das verweigerte, bat ich ihn, mir stattdessen zu zeigen, wie man Schlösser knackt. Strenggenommen gehört das nicht zum Anforderungsprofil von Privatdetektiven, aber er brachte es mir trotzdem bei, weil er es draufhatte. (Als meine Mutter dahinterkam, strafte sie ihn zwei Wochen lang mit Nichtbeachtung.) Nie würde ich im Job von dieser Fertigkeit Gebrauch machen, doch zum Freizeitvergnügen taugt sie seither immer wieder.

Mit sechzehn lernte ich, wie man sich telefonisch Informationen beschafft, ohne sich nachweislich wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen strafbar zu machen. Darin ist meine Mutter eine echte Meisterin. Ob nun Sozialversicherungsnummern, Geburtsdaten, vollständige Kreditkartenabrechnungen, Kontoauszüge oder Personalauskünfte – die bringt sie jeweils mit einem einzigen Anruf in Erfahrung, der in etwa so klingt:

»Guten Morgen. Könnten Sie mich bitte mit Mr. Franklin verbinden? ... Oh, hallo, Mr. Franklin. Ich heiße Sarah Baker und rufe Sie im Auftrag der Firma ACS an. Wir machen Personen ausfindig, die offenbar einige ihrer Vermögenswerte aus den Augen verloren haben. Jetzt haben wir mehr als tausend Anteile an einem erstrangigen Unternehmen entdeckt, die einem gewissen Gary Franklin gehören. Und ich soll überprüfen, ob Sie dieser Gary Franklin sind. Wenn Sie mir Ihr Geburtsdatum und Ihre Sozialversicherungsnummer nennen, könnte ich Ihnen gegebenenfalls die Aktienzertifikate wieder zukommen lassen ...«

Auch wenn es mir auf diesem Gebiet bestimmt nicht an Talent fehlt, ist und bleibt meine Mutter die ungekrönte Königin dieser Telefontaktik.

Mit siebzehn führte ich meine erste Observation am Steuer eines Autos aus. Als ich meinen Führerschein hatte, übte mein Vater ein Jahr lang mit mir auf der Straße. Das Konzept ist denkbar einfach – eine aggressive, aber sichere Fahrweise. Von der Zielperson sollten einen höchstens zwei Autos trennen (wenn man allein arbeitet), und man sollte mit ihren Gewohnheiten so vertraut sein, dass man stets vorausahnt, was sie/er als Nächstes vorhat, und sich nicht allein auf das Augenscheinliche verlassen muss. In dieser Disziplin glänzte mein Vater. Nach so vielen Jahren bei der Sitte hatte er ein Gespür für die Straße entwickelt sowie eine geradezu übersinnliche Fähigkeit, die Absichten einer beliebigen Zielperson im Voraus zu erraten.

Während mein Vater mir fast alle Tricks beibrachte, die man on the road braucht, zeigte mir Onkel Ray, was off the road alles möglich war. Bei Nachtfahrten ist es beispielsweise leichter, ein Auto im Auge zu behalten, bei dem nur ein Rücklicht funktioniert. Ich werde den Tag nie vergessen, als Onkel Ray mir einen Hammer reichte und mich anwies, das Rücklicht von Dr. Liebermans Mercedes einzuschlagen. Ein herrlicher Tag.

Mit meinem achtzehnten Geburtstag begann endlich die magische Zeit meiner Arbeit für Spellman Investigations. Da wir vor allem gerichtsverwertbares Beweismaterial sichern müssen, sollte man für die Ermittlungen besser volljährig sein. Ab achtzehn durfte ich offiziell Klageschriften einreichen, Befragungen durchführen und mit den sechstausend Stunden Feldarbeit beginnen, die für eine Lizenz vorausgesetzt werden. Mein Vater wies darauf hin, dass mir die Lizenz nur in einem Fall versagt bleiben könnte: wenn ich vorbestraft wäre. Jeder Anwärter auf eine Detektivlizenz wird auf Herz und Nieren geprüft. Auch wenn die Verfehlungen, die ich vor meinem achtzehnten Geburtstag begangen hatte, alle in meiner Jugendakte versiegelt bleiben würden, durfte ich mir jetzt nichts Ernsthaftes mehr zuschulden kommen lassen.

Noch an meinem einundzwanzigsten Geburtstag legte ich endlich die zweistündige Multiple-Choice-Prüfung ab und erhielt drei Monate später die Lizenz.

David hingegen beendete mit sechzehn seine Karriere bei Spellman Investigations mit der Begründung, sie schade seinen schulischen Leistungen. Danach sollte er nie wieder für die Familie arbeiten, trotzdem wurden wir mehr als einmal von ihm beauftragt. In Wahrheit aber interessierte sich David nicht die Bohne für Detektivarbeit. Seiner Meinung nach haben die Leute ein Recht auf Privatsphäre. Wir anderen waren da völlig gegensätzlicher Meinung.

BITTE NICHT STÖREN

Das gehört zum Job dazu: die Schnüffelei mit legalen und manchmal auch nicht ganz so legalen Mitteln. Damit muss man sich abfinden, so wie ein Henker sich mit der Härte seines Berufes abfindet.

Wenn du weißt, wozu du selbst und auch deine Eltern imstande sind, um vertrauliche Details aus dem Leben einer Zielperson ans Licht zu zerren, wird dir der Schutz der eigenen Privatsphäre schnell zur ersten Pflicht. Ich hatte mich schon daran gewöhnt, dass Mom sich bei meinem Bruder erkundigte, ob ich zurzeit einen Freund hatte, und mich im Fall des Falls dann beschattete, um diesen Freund zu Gesicht zu bekommen. Und so dachte ich mir nicht viel dabei, wenn ich mit sechzehn drei Mal von einem Bus in den nächsten, der in die entgegengesetzte Richtung fuhr, umstieg und anderthalb Stunden damit verplemperte, meine Mutter abzuschütteln. Selbstverständlich montierte ich einbruchsichere Schlösser an meine Schlafzimmertür und wies David an, das Gleiche zu tun. Die Schlösser tausche ich seither zweimal jährlich aus. Ich befragte Fremde und spionierte meinen Freunden hinterher. Irgendwann hat man zu viele Lügen gehört, um nicht sogar die nackte Wahrheit in Zweifel zu ziehen. Und nachdem ich vor dem Spiegel tausend Mal ein Pokerface einstudiert hatte, ließ mein Mienenspiel irgendwann nichts anderes mehr zu. Meine Eltern wollten immer ganz genau wissen, mit wem ich mich so rumtrieb. Dad war der Meinung, dass mein pubertärer Hang zu Straftaten direkt mit den Jungs zu tun hatte, auf die ich mich einließ. Mom lag mit ihrer Vermutung richtig, dass der schlechte Einfluss von mir ausging und nicht umgekehrt. Doch während beide sich in Theorien über die Auswirkungen meines Liebeslebens auf meinen Alkoholkonsum sowie meine kriminellen Neigungen ergingen, spekulierte Petra über meine Gewohnheit, jede Art von Langzeit-Beziehung schon im Keim zu ersticken. Ihr zufolge suchte ich mir entweder Männer aus, die absolut nicht zu mir passten, oder ich stellte die Geduld dieser Männer so hart auf die Probe, bis sie mir irgendwann den Laufpass gaben. Ich widersprach ihr. Da regte Petra an, ich sollte eine Liste erstellen und daraus meine Schlüsse ziehen.

Wie schon die Auflistung meiner Kellervernehmungen und ungesühnten Verbrechen ist das Verzeichnis meiner Ex-Freunde3 eine Art Spickzettel meiner Vergangenheit. Um mich möglichst kurzzufassen, beschränke ich mich auf das Wesentliche: Seriennummer, Name, Alter, Beruf, Hobby, Beziehungsdauer und Letzte Worte (aus welchem Grund wurde die Beziehung beendet?).

Liste der Ex-Freunde:

Ex-Freund Nr. 1

Name: Goldstein, Max

Alter: 14

Beruf: Neuntklässler an der Presidio Middle School

Hobby: Skateboardfahren

Beziehungsdauer: 1 Monat

Letzte Worte: »Hey Alte, meine Mom hat keinen Bock mehr drauf, dass wir zusammen abhängen.«

Ex-Freund Nr. 2

Name: Slater, Henry

Alter: 18

Beruf: Student an der University of California Berkeley

Hobby: Lyrik

Beziehungsdauer: 7 Monate

Letzte Worte: »Du hast wirklich noch nie von Robert Pinsky gehört?«

Ex-Freund Nr. 3

Name: Flannagan, Sean

Alter: 23

Beruf: Barmann im O’Reilly’s

Hobby: Ire sein; Trinken

Beziehungsdauer: 2,5 Monate

Letzte Worte (mit irischem Akzent): »Mehr alsn Guinness ham wir beide nich gemeinsam.«

Ex-Freund Nr. 4

Name: Collier, Michael

Alter: 47 (ich: 21)

Beruf: Philosophieprofessor

Hobby: Studentinnen verführen

Beziehungsdauer: 1 Semester

Letzte Worte: »Das ist akademischer Selbstmord. Ich muss dem ein Ende setzen.«

Ex-Freund Nr. 5

Name: Fuller, Joshua

Alter: 25

Beruf: Webdesigner

Hobby: die Anonymen Alkoholiker

Beziehungsdauer: 3 Monate

Letzte Worte: »Diese Beziehung würde meinen Rückfall bedeuten.«

Ex-Freund Nr. 7

Name: Greenberg, Zack

Alter: 29

Beruf: Besitzer einer Firma für Webdesign

Hobby: Fußball

Beziehungsdauer: 1,5 Monate

Letzte Worte: »Du hast meinen Bruder auf Kreditwürdigkeit überprüft?«

Ex-Freund Nr. 8

Name: Martin, Greg

Alter: 29

Beruf: Graphikdesigner

Hobby: Triathlon

Beziehungsdauer: 4 Monate

Letzte Worte: »Ehe ich noch eine einzige Frage beantworte, springe ich aus dem Fenster.«

Auf die Ex-Freunde Nr. 6 und Nr. 9 komme ich später zu sprechen. Manche Menschen lassen sich einfach nicht karteikartengerecht auf eine Handvoll Daten reduzieren, gibt man sich auch noch so viel Mühe.

Manche Listen lege ich zeitgleich mit den Geschehnissen an, andere erst viel später, wenn ich genug Abstand gewonnen habe, um alles zu bewerten. Doch selbst wenn ich alle übrigen Listen vernichten sollte, muss die folgende unbedingt aufbewahrt werden, denn sie verzeichnet das Ende meiner Terrorherrschaft im Hause Spellman.

Die drei Phasen meiner Quasi-Seelenrettung:

• Das Verlorene Wochenende Nr. 3

• Das Nickerchen in der Eingangshalle

• Die Sache mit dem fehlenden Schuh

Es sticht ins Auge, dass das Verlorene Wochenende Nr. 3 natürlich Teil einer anderen Liste ist. Als ich irgendwann die diversen losen Blätter und Zettel meiner Aufzeichnungen in eine passwortgeschützte Computerdatei übertragen hatte, legte ich eine Tabelle an, um auf einen Blick die Daten abgleichen zu können, die in mehr als einer Liste erfasst sind. Die Liste der Verlorenen Wochenenden nennt insgesamt siebenundzwanzig. Das sind zumindest die, von denen ich Wind bekommen habe. Ich wäre nicht überrascht, wenn es noch weitere gegeben hat.

DER GUTE ALTE ONKEL RAY

Bevor ich vom neuen Onkel Ray erzähle, muss ich zunächst den alten beschreiben, Onkel Ray, wie er leibte und lebte, bevor auch nur ein einziges Wochenende verlorenging. Beide Rays gehören untrennbar zusammen.

Onkel Ray: der Bruder meines Vaters – drei Jahre älter als er. Auch ein Cop. Genauer: früher auch ein Cop. Mit einundzwanzig ging er zur Polizei, mit achtundzwanzig wurde er Inspektor im Morddezernat. Er verfügte über einen hochempfindlichen moralischen Kompass und achtete stets auf ausgewogene Ernährung.

Täglich lief er seine acht Kilometer. Trank grünen Tee, lange bevor es angesagt war. Nahm taufrisches Blattzeug zu sich und knackiges Gemüse von Kreuzblütlern, er studierte Schriften zur Gesundheitsvorsorge so hingebungsvoll wie russische Literaturprofessoren die Werke Dostojewskis. Bei Hochzeiten und Beerdigungen genehmigte er sich stets nur einen Whiskey mit Soda. Nie einen Tropfen mehr.

Mit siebenundvierzig lernte Onkel Ray Sophie Lee kennen. Bis dahin hatte er nach dem Prinzip der seriellen Monogamie gelebt, doch nun war er zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Sophie, eine Grundschullehrerin, war die einzige Zeugin bei einer vorsätzlichen Tötung im Straßenverkehr, die Ray untersuchte.

Ein halbes Jahr später heirateten sie in einem Festsaal mit Blick auf die Bucht von San Francisco. An diesen Abend erinnere ich mich nur dunkel. Eines aber weiß ich ganz sicher: Mit meinen zwölf Jahren hatte ich an Onkel Rays Hochzeitstag mehr Alkohol intus gehabt als er.

Allem Anschein nach führten er und Sophie eine glückliche Ehe. Doch etwa ein Jahr nach ihrer Hochzeit bekam Onkel Ray, der sein Lebtag keine einzige Zigarette geraucht hatte, Krebs. Lungenkrebs.

Keinen Monat später wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Man operierte ihm einen Teil der Lunge heraus und traktierte ihn mit Chemotherapie. Er verlor sämtliche Haare und zwanzig Kilo Gewicht. Der Krebs bildete Metastasen. Onkel Ray ließ eine weitere Chemo über sich ergehen.

In dieser Zeit herrschte in unserem Haus ein ohrenbetäubendes Flüstern. Ständig hörte man ein Summen aus Wörtern, kurzen Sätzen und gelegentlich auch gedämpften Diskussionen, die alle nicht für unsere Ohren bestimmt waren. Allerdings waren David und ich bereits auf Hochleistung getrimmte Lauscher. »Zu Hause trainiert es sich am besten«, hieß unser Leitspruch. Im Lauf der Jahre entdeckten wir die »Schwachstellen« im Gebäude, Ecken und Winkel mit einer besonderen Akustik, von denen aus wir sogar die entlegensten Gespräche mithören konnten. Davids und meine gemeinsame Beweiserhebung im Familienhaushalt ergab eine weitere Liste:

• Die Chemotherapie schlägt bei Onkel Ray nicht an

• Sophie hat ihre Besuche im Krankenhaus eingestellt

• Mom ist schwanger

Das mit der Schwangerschaft konnte nur aus Versehen passiert sein, schlossen David und ich beim Abgleich unserer Notizen. Nach den dreizehn Jahren Erziehungsfron, die ich ihnen bisher beschert hatte, wollten unsere Eltern bestimmt keine Risiken mehr eingehen. Andererseits ist ein neues Leben das einzige, was über einen Todesfall hinwegtrösten kann. Und als Onkel Rays Tod unabwendbar schien, dürfte Mom beschlossen haben, das Baby auszutragen. Es wurde ein Mädchen, sie nannten es Rae, dem Mann zu Ehren, der bald sterben sollte. Doch dann starb er nicht.

Es war allen ein Rätsel. Die Ärzte hatten erklärt, ihm blieben höchstens noch ein paar Wochen. Um das zu bestätigen, genügte ein Blick auf sein Krankenblatt und seinen Körper. Dieser Mann lag zweifelsfrei im Sterben – bis es ihm auf einmal wieder besserging. Als die dunklen Ringe unter seinen Augen blasser wurden und seine Wangen sich langsam wieder nach außen wölbten, nahmen wir noch Abschied. Als er drei Monate später wieder Appetit bekam und von den zwanzig Kilo, die er während der heimtückischen Chemotherapie verloren hatte, fünfzehn zurückgewann, nahmen wir immer noch Abschied. Als der Arzt Sophie sechs Monate später mitteilte, ihr Ehemann würde überleben, nahm schließlich sie Abschied. Sie verließ ihn ohne ein Wort der Erklärung. Und das war die Geburtsstunde des neuen Onkel Ray.

Er begann zu trinken, und zwar richtig – mehr als einen Whiskey mit Soda bei Hochzeiten und Beerdigungen. Zum ersten Mal erlebte ich, dass Ray mich unter den Tisch soff. Er begann zu spielen, und zwar keine kleinen Pokerrunden unter Freunden, sondern Partien, bei denen der Mindesteinsatz fünfhundert Dollar betrug, Runden, die an geheimen Orten abgehalten wurden, deren Adressen verschlüsselt über den Pager gingen. Die Rennbahn wurde sein zweites Zuhause. Die Pferdchen waren seine neue Liebe. Das einzige Mal, dass ich Onkel Ray je wieder laufen sah, war, als ihm in der Halbzeitpause eines San Francisco 49er-Spiels das Knabberzeug ausging. Mit gesunder Ernährung hatte er nichts mehr am Hut. Meistens aß er Käse mit Kräckern und trank dazu kistenweise billiges Bier. Mit der seriellen Monogamie war es auch vorbei. Von nun an sollte Onkel Ray sich mit ganzen Damenmannschaften vergnügen.

Natürlich lässt sich festhalten, dass es mit dem neuen Onkel Ray lustiger zuging als mit dem alten. Allerdings vertrat außer mir niemand diesen Standpunkt. Das erste Jahr, nachdem ihn DieseScheißSchlampe verlassen hatte, verbrachte Onkel Ray bei uns. Danach nahm er sich eine Einzimmerwohnung in Sunset, gleich um die Ecke des Plough and Stars Pub. Die American-Football-Saison verlebte er in unserem Wohnzimmer, wo er mit Dad die Spiele guckte. Dabei stapelte Ray die Bierdosen neben seinem Sessel zu einer formvollendeten Pyramide – mit einer breiten Basis, die zuweilen aus acht Dosen bestehen konnte. Einmal ließ mein Vater eine Bemerkung über Rays neue Diät und über seine Enthaltsamkeit in Fitnessfragen fallen. Mein Onkel erwiderte: »Das gesunde Leben hat mich krank gemacht. Damit ist jetzt Schluss.«

DIE VERLORENEN WOCHENENDEN

Als Onkel Ray das erste Mal verschwand, war ich fünfzehn. Er kam am Freitagabend nicht zum Essen und auch nicht am Sonntagmorgen zum Footballgucken. Fünf Tage lang ging er nicht ans Telefon. Mein Vater fuhr zu ihm und sah lauter Post und Werbung aus seinem Briefkasten hervorquellen, der bestimmt eine Woche nicht geleert worden war. Er brach die Schlösser zu Rays Wohnung auf, fand die Spüle voll dreckigem Geschirr, im Kühlschrank kein einziges Bier und drei ältere Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Mit Hilfe seines ausgeprägten Spürsinns machte Dad Onkel Ray drei Tage später bei einem illegalen Pokerspiel in San Mateo ausfindig.

Sechs Monate später war er wieder verschwunden.

»Ray gönnt sich wahrscheinlich wieder ein Verlorenes Wochenende«, sagte meine Mutter im Flüsterton zu Dad. Da hörte ich schon zum zweiten Mal diese Anspielung auf den Filmklassiker von 1945, eine Art Abschreckungsgeschichte mit Ray Milland in der Hauptrolle. Wir hatten diesen Film mal im Englischunterricht zu sehen bekommen, der Grund ist mir entfallen. Ich weiß aber noch, wie ich dachte, dass sich ein ausschweifender Lebenswandel im Jahr 1945 harmlos ausnimmt gegen heutige Verlotterungstendenzen. Trotzdem blieben mir Moms Worte im Gedächtnis haften, und auch wenn mir bei den ersten beiden Wochenenden noch schleierhaft war, wo Onkel Raymond was trieb, wusste ich beim dritten Mal schon bestens Bescheid. Womit wir wieder bei der Liste wären, die ich vorhin erwähnte:

Die drei Phasen meiner Quasi-Seelenrettung

• Phase 1: Das Verlorene Wochenende Nr. 3

Dieses Wochenende dauerte zehn Tage. Die Suche nahmen wir erst am vierten Tag auf. Die Telefonnummern und Namen, die mein Vater im Lauf der ersten beiden mysteriösen Abwesenheitsfälle gesammelt hatte, lagen inzwischen säuberlich in alphabetischer Reihenfolge abgetippt und abgeheftet in seiner Schreibtischschublade. Mom, Dad, David und ich nahmen uns jeweils ein Viertel dieser Liste vor und telefonierten sie ab. Nachdem die vorliegenden Nummern noch viele weitere generiert hatten, fanden wir schließlich heraus, dass Onkel Ray Zimmer Nr. 385 des Excalibur in Las Vegas bezogen hatte, eine Kombination aus Hotel, Erlebnispark und Kasino. Anders als diese berühmten Hunde, die beim Zelturlaub verlorengehen und es dann irgendwie schaffen, die vierhundert Kilometer völlig ausgehungert und dehydriert zum Haus ihrer Herrchen zurückzuhinken, schien Onkel Ray nie den Weg zurück zu finden, auch wenn er ebenfalls dehydriert war.

Dad beschloss, mich bei diesem »Ausflug« mitzunehmen. David wäre gern dabei gewesen, aber zu diesem Zeitpunkt musste er noch einen Haufen Anmeldeformulare fürs College ausfüllen. Bald stellte sich heraus, dass es keineswegs eine lustige Ferienfahrt werden würde, die der Vater mit seiner Tochter unternahm. Die Einladung meines Dads entsprach in etwa einem Aufklärungsnachmittag in der Schule, bei dem es um die Gefahren von Alkohol- und Drogenmissbrauch geht.

Um fünf Uhr morgens hämmerte Dad an meine Tür. Um sechs sollten wir bereits unterwegs sein. Ich schlief bis 5.45 Uhr, als mein Vater misstrauisch wurde, weil aus meinem Zimmer kein Laut drang. Dafür wurde er umso lauter. Eine Reihe krachender Schläge donnerte gegen meine Tür, gefolgt von der kehligen Aufforderung, meinen faulen Arsch endlich aus dem Bett zu bequemen. Binnen fünfzehn Minuten hatte ich mich angezogen und die Tasche gepackt und schaffte es gerade noch zum Wagen, als mein Vater aus der Auffahrt bog. Mein Sprung ins fahrende Auto hätte Bruce Willis in Stirb langsam 1–10 alle Ehre gemacht.

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