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Lissas Traum vom Glück

1. KAPITEL

Kurz nach Mitternacht wachte Lissa Sanderson plötzlich auf. Sie lauschte. Wegen der tropischen Hitze standen die Fenster des Hausboots offen, um jede noch so kleine Brise vom Fluss her einzufangen. Dumpf hörte sie das Donnergrollen des heraufziehenden Gewitters. Doch das hatte ihren Schlaf nicht gestört. Und auch die extrem unsichere finanzielle Situation, die Lissa schon seit Wochen unruhig schlafen ließ, war nicht der Grund.

Nein, es waren die Schritte auf dem schmalen Steg.

Unbekannte Schritte.

Jared war in Europa. Und niemand, den Lissa kannte, würde zu einer solch unchristlichen Zeit noch vorbeikommen. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken.

Lissa hob den Kopf, als die Glöckchen des Windspiels anschlugen, und lauschte auf die näher kommenden Schritte. Schwere, entschlossene Schritte.

Todds Bild blitzte in ihrem Kopf auf, und das Blut gefror ihr in den Adern. Das war jetzt neun Monate her … Die elende Kröte würde es doch nicht wagen, sich blicken zu lassen, oder? Nein. Ganz sicher nicht!

Sie schwang die Beine aus dem Bett, schaute sich im Dämmerlicht nach der großen Stablampe um – und erinnerte sich, sie benutzt zu haben, um das Leck im Dach zu überprüfen. Und natürlich hatte sie die Lampe dort oben vergessen.

Mist!

Der Liegeplatz am Flussufer gehörte zu einer Ferienvilla in dem luxuriösen Urlaubsgebiet, doch sie konnte laut Vertrag noch zwei Jahre hier wohnen. Vielleicht hatten die Besitzer die Villa vermietet, und den Urlaubern war nicht bewusst, dass ihnen das Boot nicht zur Verfügung stand?

„Oh bitte, so muss es einfach sein“, murmelte Lissa vor sich hin.

Sie ermahnte sich, die Ruhe zu bewahren und nicht dem unguten Gefühl nachzugeben, das sie schon seit ein paar Monaten verfolgte. Die Türen waren abgeschlossen. Die schmalen Fenster standen zwar offen, aber niemand würde dort hineinklettern können. Ihr Handy lag neben dem Bett, Jared und ihre Schwester Crystal waren per Kurzwahl zu erreichen.

Das Boot neigte sich leicht, als jemand an Bord kam. Dann stoppten die Schritte. Direkt vor der Tür.

Okay, jetzt war doch Panik angesagt.

Lissa schnappte sich das Handy und drückte fahrig ein paar Knöpfe. Das Display blieb schwarz. Der Akku war leer. Bravo! Einfach fantastisch!

Mit rasendem Puls spurtete sie den Gang entlang. Von hier aus konnte sie das gesamte Boot überblicken. Nieselregen ließ die Planken im Dunkeln schimmern – und die fremde Gestalt.

Eindeutig ein Mann. Groß. Die Schultern zu breit für Todd, Gott sei Dank. Aber vielleicht war es ja der Glöckner von Notre-Dame, mit diesem Buckel, den sein Schatten auf die Planken warf.

Trotz der Hitze überkam Lissa eine Gänsehaut.

Dann hob sich der Buckel von den Schultern, und sie erkannte, dass es ein Rucksack war. Sie presste die Hand vor den Mund, um den hysterischen Schrei zu unterdrücken, der sich in ihrer Kehle emporarbeiten wollte.

Mit einem dumpfen „Plopp“ landete der Rucksack auf dem Deck. Der Fremde richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er war sogar noch größer als ihr Bruder. Lissa schnappte lautlos nach Luft.

Während sie hastig ihren Morgenmantel überwarf, den Gürtel fest verknotete und das nutzlose Handy in die Tasche gleiten ließ, versuchte sie, sich damit zu beruhigen, dass es sich vermutlich nur um einen Neuankömmling handelte, der die Gegend auskundschaftete …

Sie überlegte, ob sie durch die hintere Tür entkommen konnte. Doch dann müsste sie trotzdem über den schmalen Steg laufen, am Swimmingpool vorbei zum Carport rennen und dann vor dem Rolltor warten, bis es sich öffnete. Da war es wohl sicherer zu bleiben, wo sie war.

Und wenn dieser Mann kein Neuankömmling war … wie hatte er das Sicherheitstor öffnen können?

Er kannte den Code. Ein beruhigender Gedanke. Dennoch musste Lissa sich zwingen, langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen. Plötzlich trat sie auf dem Linoleumboden in eine Pfütze, die vorhin noch nicht da gewesen war. Mit wedelnden Armen und einem unterdrückten Fluch schlitterte sie bis in die winzige Kombüse, hielt sich an dem ebenso kleinen Tisch fest und sah wieder nach draußen.

Ein Blitz erhellte die Umrisse des Mannes an Deck. Schwarze Kleidung, bloße Unterarme und eine unnachgiebige Miene. Erschreckend gut aussehend für einen Einbrecher. Zudem kam Lissa dieses Gesicht irgendwie bekannt vor. Kurzes schwarzes Haar, in dem sich Regentropfen sammelten, Bartstoppeln auf den Wangen. Große Hände, mit denen er jetzt seine Brusttaschen abklopfte und sich dann über die Oberschenkel fuhr, als suche er etwas.

Die Vorstellung, wie diese großen Hände über ihre Brust fahren würden, verdrängte Lissa hastig. Eine Erinnerung aus Teenagerzeiten wollte sich einschleichen. Ein Typ, ebenso bedrohlich und düster verlockend wie dieser Mann da draußen …

Sie schüttelte die Bilder von früher ab. Zu oft schon war sie auf dunkle, attraktive Männer hereingefallen, um sich noch einmal zum Narren zu machen. Der Mann suchte wahrscheinlich nach seinem Dietrich, damit er das Schloss aufbekam, und sie stand hier und verlor sich in Schwärmereien. Dabei hätte sie von Anfang an die Polizei benachrichtigen sollen. Aber mit dem leeren Handy war das nun einmal unmöglich.

Sie versuchte also, sich ihren nächsten Schritt zu überlegen – ohne großen Erfolg. Sowohl ihr Hirn als auch ihre Beine verweigerten den Dienst. Der Duft der Jasminkerze, die sie vorhin abgebrannt hatte, hing noch in der Luft, vermischte sich mit dem Aroma des frischen Basilikums, das sie gepflückt und in ein Wasserglas gestellt hatte. Und dann war da noch der typische frische Geruch des ewig fließenden Gewässers …

Sollten das die letzten Erinnerungen vor ihrem Tod sein?

Erstarrt beobachtete sie, wie der Mann etwas aus der Hosentasche zog und an die Tür trat. Adrenalin schoss durch ihre Adern. Sie griff nach dem Erstbesten in ihrer Reichweite – eine große Muschelschale mit spitzen Stacheln – und richtete sich stocksteif zu ihrer vollen Größe von einem Meter sechzig auf.

„Verschwinden Sie! Das hier ist Privatbe…“

Ihre eher piepsige Aufforderung erstarb auf der Zunge, als sie das Drehen eines Schlüssels im Türschloss hörte. Beim Übertreten der Schwelle stieß der Fremde mit dem Kopf gegen das Windspiel. Er brachte den Geruch von Regen mit herein.

„Kommen Sie keinen Schritt näher!“ Lissa riss ihr Handy aus der Tasche und hielt es hoch. „Die Polizei ist bereits verständigt.“

Der Mann blieb abrupt stehen. Er schien überrascht, aber keineswegs verunsichert, und Lissa wurde klar, dass sie sich verraten hatte.

Eine Frau. Allein auf dem Boot.

Sie stürzte vor. Die provisorische Waffe in der Hand, zielte sie mit den Stacheln der Muschel auf seinen Hals. Allerdings kam sie nicht weit. Ein Unterarm, hart wie Stahl, wehrte den Angriff ab.

„Langsam. Ich tue Ihnen nichts.“ Donnergrollen untermalte seine tiefe Stimme.

„Wieso sollte ich Ihnen das glauben? Sie sind auf meinem Boot. Verschwinden Sie. Sofort.“ Wieder holte sie mit der Muschel aus, wieder blockte sein Arm sie ab.

Er gab einen Laut von sich, der einem gelangweilten Seufzer ähnelte. „Das wollen Sie doch nicht wirklich tun, Kleine.“ Und damit hatte er sie auch schon so geschickt entwaffnet, als verdiente er seinen Lebensunterhalt damit, einsame Frauen zu entwaffnen. Als er dann mit der Hand über ihren Arm fuhr, war Lissa überzeugt, dass er tatsächlich auf diese Art sein Geld verdiente.

Ihr Körper wollte ihr nicht länger gehorchen. Unwillkürlich drängte sie sich geradezu der Wärme seiner Handfläche entgegen. „Sie sind auf meinem Boot“, wiederholte sie, doch es klang nur noch wie ein Flüstern.

„Und doch habe ich den Schlüssel.“

Bevor sie diese unbestreitbare Tatsache genauer analysieren konnte, hatte der Fremde sie losgelassen. Er schaltete das Licht ein und hielt beide Hände erhoben, um ihr zu zeigen, dass er nicht vorhatte, ihr etwas anzutun.

Lissa blinzelte, bis ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. In Sekundenschnelle verarbeitete sie die neuen Informationen: Er hatte einen Schlüssel. Ohne zu zögern, hatte er nach dem Lichtschalter gefasst, als würde er sich hier auskennen …

Blake Everett!

Doch die erste Erleichterung, die sie gegen den Tisch sacken ließ, wurde rasant durch eine neue Anspannung ersetzt.

Jareds Freund. Im stolzen Alter von neun Jahren hatte sie voller Unschuld für ihn geschwärmt. Damals, mit achtzehn, war er gerade zur Navy gegangen. Als er zur Beerdigung seiner Mutter nach Hause gekommen war, musste sie … wie alt? … richtig, dreizehn gewesen sein und er zweiundzwanzig.

Schon als Jugendliche hatte sie von ihm geträumt, wie ein weibliches Wesen eben von einem Mann träumt. Natürlich hatte sie dieses Geheimnis niemandem verraten. Sie bezweifelte auch ernsthaft, dass sie ihm je aufgefallen war – außer vielleicht das eine Mal, als sie es darauf angelegt hatte, ihn zu beeindrucken, und prompt vom Skateboard gefallen war. Sie hatte sich eine blutige Nase geholt, sein weißes T-Shirt ruiniert und vor allem ihren jungen Stolz.

Unzählige Gerüchte hatte sie damals über ihn gehört. Unverbesserlicher Flegel. Schwarzes Schaf. Das hatte Lissas Schwärmerei keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Bis es dann hieß, Janine Baker sei schwanger von ihm und er habe sich schleunigst zur Navy abgesetzt. Absurderweise hatte Lissa sich betrogen gefühlt.

Seine Augenfarbe konnte sich von einer Sekunde auf die andere von einem tropischen Meeresblau zu einem kühlen Gletschergrau wandeln. Und manchmal wurde sein Blick so intensiv … Sie hatte sich oft gefragt, wie es sein musste, wenn dieser durchdringende Blick ihr gälte.

Jetzt … jetzt sah er sie tatsächlich so an, mit diesen sommerblauen Augen. Doch was Männer anbelangte, war sie lange nicht mehr so naiv wie früher. Schließlich war sie keine dreizehn mehr, und außerdem … sie hatten hier ein echtes Problem.

„Ich heiße Blake Everett“, brach er die Stille, begleitet vom Tropfen des lecken Dachs. Er ließ den Blick über ihre Erscheinung in dem knappen Morgenmantel gleiten, bevor er ihn wieder auf ihr Gesicht richtete. „Und …“

„Ich weiß, wer du bist.“ Ein Prickeln überlief Lissa von Kopf bis Fuß. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und konzentrierte sich darauf, sich zu entspannen. Zu atmen. Er musste ihre verräterisch aufgerichteten Brustwarzen nicht unbedingt sehen.

Sein Blick wurde erst abschätzend, dann argwöhnisch. Lissa fiel die Blässe unter seiner gebräunten Haut auf, die müden Linien um Augen und Mund. Dieser Mund … es war der sinnlichste, den sie je gesehen hatte. Voll, fest …

„Damit haben Sie mir gegenüber etwas voraus.“

Sie riss den Blick von seinen Lippen. Er erkannte sie also nicht. Gut. „Dann sind wir quitt.“

Fragend runzelte er die Stirn. „Wieso?“ Sie kannte ihn? Ausgelaugt nach der ermüdenden Fahrt im strömenden Regen hierher, kramte Blake angestrengt in seiner Erinnerung. Ohne Erfolg.

Schon länger war er nicht mehr in der Gesellschaft einer Frau gewesen, geschweige denn einer so attraktiven wie diesem hübschen Rotschopf. Nach Monaten nur unter Männern in der Navy empfand er ihren Duft als himmlisch. Im Licht der Deckenlampe leuchtete ihr Haar heller als jede Flamme, und ihre Augen schillerten wie eine grüne Lagune. Allerdings konnte er auch sehen, dass sich ein Gewitter in diesen klaren Augen zusammenbraute.

Kein Wunder. Sein alter Herr hatte es offensichtlich nicht für nötig befunden, sie darüber zu informieren, dass er das Boot gar nicht vermieten durfte. Es gehörte ihm überhaupt nicht mehr. Vor zehn Jahren hatte Blake seinem Vater das Boot abgekauft, damit der Alte seine Schulden begleichen konnte. Und Blake hatte sich einen ruhigen Ort sichern wollen, an den er sich während eines Landgangs zurückziehen konnte. Seither war er allerdings nicht mehr in Australien gewesen.

„Ich nehme an, Sie haben das Boot gemietet. Ich war in Übersee, und mein Vater …“

„Keineswegs. Vor drei Jahren hat mein Bruder das Boot von deinem Vater gekauft. Es gehört jetzt unserer Familie. Und es ist mein Zuhause. Du wirst dich nach einer anderen Bleibe umsehen müssen.“

„Ihr Bruder hat das Boot gekauft …“ Ein ungutes Gefühl kroch Blake über den Rücken. Er hätte es besser wissen müssen. Sein Vater war ein Glücksspieler, dem man nicht vertrauen durfte.

„Jared Sanderson.“

Jared? Der bekannte Name, spitz ausgesprochen, schnitt wie ein Messer in seine Gedanken. Blake musterte die Unbekannte genauer – die vom Schlaf wirre Mähne, die grünen Augen. Während sie ihn anfunkelte, hatte sie die Mundwinkel der vollen Lippen missbilligend nach unten gezogen. Den Kontakt zu seinem langjährigen Surf-Freund hatte er verloren, aber er erinnerte sich an die kleine Schwester …

„Du bist Melissa.“ Klein war sie noch immer, doch voll ausgewachsen, mit höchst verlockenden Kurven. Sie sah … anders aus als das Mädchen von damals. Aufregend anders … Sein Puls schlug eine Spur schneller. Oh nein, daran würde er gar nicht erst denken!

„Entschuldige bitte, wenn ich dich erschreckt habe, Melissa. Ich hätte anklopfen sollen.“

„Heute werde ich Lissa genannt. Und ja, das hättest du.“

Ihre Lippen verzogen sich zu dem Schmollmund, an den er sich von früher erinnerte. Doch heute fand er ihn faszinierend, anstatt amüsiert zu sein.

Sie nahm sich zusammen. „Entschuldigung akzeptiert, auch wenn der Schreck mich fünf Jahre meines Lebens gekostet hat. Übrigens, die Polizei habe ich nicht gerufen …“ Achselzuckend verzog sie das Gesicht. „Mein Handyakku ist leer.“ Dann blinzelte sie. „Was machst du hier?“

„Darf ein Mann nicht nach vierzehn Jahren nach Hause kommen?“ Es war mit Sicherheit nicht der richtige Zeitpunkt, um die Dämonen aufzulisten, die ihn gezwungen hatten, das Universum und seine eigene Stellung darin neu zu überdenken.

Lissa schüttelte den Kopf. „Ich meine, was tust du hier auf dem Hausboot?“

„Ich war der Meinung, dass es mir gehört.“ Er war vom eigenen Vater übers Ohr gehauen worden! Bevor er hierher gefahren war, hätte er bei seinem alten Herrn vorbeischauen sollen. Aber auf das Chaos, das ein Treffen unweigerlich ausgelöst hätte, hatte er verzichten wollen.

„Du kannst doch nicht …“ Verständnislosigkeit ließ ihre Augen dunkler werden. „Ich begreife nicht.“

„Das ist eine lange und komplizierte Geschichte.“ Zerstreut rieb er sich über den Kratzer am Kinn.

„Tut mir leid … deswegen.“ Sie wurde rot, als sie auf den roten Striemen blickte. „Ich hole dir …“

„Lass gut sein. Ist schon in Ordnung.“

Doch er beharrte nicht, beobachtete stattdessen, wie sie sich zum Schrank umdrehte und reckte. Der Morgenmantel rutschte höher an ihren Schenkeln hinauf … an schlanken, festen Schenkeln, von der Sonne geküsst …

Küssen. Das Wort beschwor Bilder in seinem Kopf herauf, bei denen er sich besser nicht länger aufhalten sollte. Dennoch prickelten seine Lippen.

Eine Tube in der Hand, drehte Lissa sich zu ihm um. „Das hier müsste …“

Sie ertappte ihn, wie er sie anstarrte. Dennoch wandte er den Blick nicht ab, schließlich war es das Beste, was er seit Langem gesehen hatte. Das Rot auf ihren Wangen wurde dunkler. Sie legte die Tube auf den Tisch, als hätte sie panische Angst, ihn zu berühren. „Hier, bitte.“

„Danke.“

Unsicher, wie sie die kleine Szene überspielen sollte, zögerte sie. „Deine lange komplizierte Geschichte … ich bin ganz Ohr.“

Hörbar stieß er den Atem aus. „Morgen werde ich nach Surfers fahren, mit Dad reden und diesen Kauf dann mit Jared regeln. Es kommt alles in Ordnung“, versicherte er. Seinem alten Freund würde er das Geld für das Boot ersetzen und Melissa – Lissa – helfen, eine neue Bleibe zu finden.

„In Ordnung? Wie denn? Jared hat das Boot gekauft, als dein Vater das Haus in Surfers verkaufte und wegzog. Nach New South Wales, glaube ich. So genau weiß das niemand …“

Wirklich überrascht war Blake nicht, dass er die Neuigkeit über das Verschwinden seines Vaters von anderen erfahren musste. An dem Tag, als er Australien verließ, hatte er seinem Vater Bargeld für das Boot gegeben. Papiere waren nie unterzeichnet worden, auch nicht nachgesandt, obwohl sie es vereinbart hatten. Als Blake nachhaken wollte, stellte er fest, dass Telefonnummer und E-Mail-Adresse nicht mehr existierten. Der Alte war sich nicht zu schade gewesen, den eigenen Sohn auszutricksen. Auch das war keine große Überraschung.

„Dann gehört die Villa wohl jetzt dir?“ Lissa schaute aus dem Fenster. Draußen war das angekündigte Gewitter losgebrochen. Regen prasselte auf Dach und Deck.

Blake nickte. Ja, er war zur Bank gegangen und hatte eine Hypothek aufgenommen, um das Haus zu kaufen, das einst der Feriensitz der Familie gewesen war. Dafür hatte er einen offiziellen Kaufvertrag.

„Warum kommst du dann auf das Boot, wenn du eine mehr als adäquate Alternative hast?“

In der Villa hatte er die Vorratskammer aufstocken und frische Bettwäsche aufziehen lassen, aber er hatte keine Ruhe gefunden. Das Haus war zu groß, es gab zu viele Räume – und zu viele Erinnerungen. Also hatte er einen alten Schlafsack hervorgekramt und war zum Flussufer hinuntergegangen in der Hoffnung, auf dem vertrauten Wasser schlafen zu können. Damit die höllischen Kopfschmerzen, unter denen er seit der Katastrophe litt und die letztendlich für seine Rückkehr nach Australien verantwortlich waren, endlich aufhörten.

„Ich hatte gehofft, etwas Schlaf zu finden.“ Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, jemanden auf dem Boot anzutreffen.

Mit kühlem Blick musterte sie ihn. „Nun, ich bin bereits hier. Und deshalb gehst du am besten jetzt ins Haus zurück.“

Ursprünglich hatte er das vorgehabt. Aber jetzt … Er stellte fest, dass er gar nicht mehr müde war. Und er hatte auch keine Lust, sich so schnell wieder von der hübschen Lissa Sanderson zu verabschieden.

Nein, so stimmte das nicht. Es war sein Körper, der bleiben wollte, der den femininen Duft noch länger einatmen, die wunderbar samtige Haut noch einmal berühren wollte.

Sein Verstand sagte ihm da etwas ganz anderes. Und auf seinen Verstand hatte Blake sich immer verlassen können. Sein Taucherteam wusste, dass er selbst unter Druck und in den gefährlichsten Situationen einen kühlen Kopf behielt. Frauen dagegen bezeichneten ihn als kalt und distanziert – meist waren das die letzten Worte, bevor sie ihn vor die Tür setzten.

In Gedanken stellte er sich auf eine schlaflose Nacht ein. „Na schön, ich lasse dich vorerst in Ruhe.“

„Vorerst?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. „Das hier ist mein Zuhause.“ Eindeutige Panik schwang in ihrer Stimme mit. „Ich … ich brauche dieses Boot.“

„Reg dich nicht auf.“ Frauen. Sie wurden immer sofort hysterisch. „Wir finden eine Lösung.“ Zum ersten Mal schaute er sich um und erinnerte sich daran, wie das Boot damals ausgesehen hatte.

Dort, wo einst eine lederne Sitzecke gestanden hatte, stapelten sich jetzt Kartons, manche offen, andere mit Packband zugeklebt. In der Kombüse hatte sich nichts geändert, nur ein Mikrowellenherd war jetzt zusätzlich in den Schrank eingebaut worden. Auf der Bank lagen alle möglichen Papiere und Unterlagen verstreut, mit einem Magneten war eine Vollstreckungsankündigung an der Kühlschranktür befestigt. Nicht sein Problem.

Eigentlich war jeder Quadratzentimeter vollgestopft mit Kram. An einer Wand lehnten Leinwände. Dosen mit Pinseln, Blei- und Kohlestiften standen daneben. Auf den Etagenbetten stapelten sich Farbpaletten, Zeitschriften, Stoffreste und Tapetenmuster.

Wie konnte jemand in einem solchen Chaos leben? Und trotzdem … irgendwie wirkte es anheimelnd. Vielleicht lag es an den vielen Kräutertöpfen, die am Fenster standen. Ein solches Gefühl hatte er seit seiner Kindheit nicht mehr gehabt, als er noch bei seiner Mutter lebte.

Grimmig fragte er sich, ob er hier überhaupt Schlaf finden könnte. Vermutlich wäre es besser, wenn er die Gegend verlassen würde. Irgendwo an der Küste konnte er sich ein Apartment mieten und komplett vergessen, dass er Melissa Sanderson begegnet war. Er brauchte Ruhe, wollte allein sein, bis er sich wieder halbwegs normal fühlte.

Aus den Augenwinkeln sah er etwas Silbernes aufblitzen. Er schaute zur Decke auf. Ein Wassertropfen. Und dem halb vollen Eimer nach zu urteilen, der darunterstand, musste es dieses Leck im Dach schon länger geben. Er war so beschäftigt mit anderen Dingen gewesen, dass ihm die nassen Flecken an der Decke erst jetzt auffielen. „Wie lange ist das schon so?“

Lissa schaute ebenfalls an die Decke, wandte dann das Gesicht ab. „Noch nicht lange. Ich komme allein zurecht. Es ist nichts.“

Sofortige Verteidigungshaltung. Interessant. Wenn er sich recht erinnerte, war die junge Melissa damals alles andere als selbstständig gewesen. „Nichts? Denk mal nach, Kleine. Wenn das Wasser die Stromkabel der Lampe da oben erreicht, haben wir ein echtes Problem.“

„Das ist mir klar“, fauchte sie. „Und es ist mein Problem, nicht unseres.“

Er schüttelte nur den Kopf. „Mir ist völlig egal, wessen Problem es ist. Auf dem Boot bist du nicht sicher.“ Er konnte sie unmöglich ruhigen Gewissens hier zurücklassen und selbst wieder ins Bett gehen, oder?

Wie um seine Worte zu untermauern, zuckte ein greller Blitz über den Himmel.

„Okay, das war’s.“ Blake schlug mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. „Du hast zwei Minuten, um zusammenzusuchen, was du brauchst. Du schläfst im Haus.“

2. KAPITEL

„Wie bitte?“ Es war schwer, jemanden wütend anzufunkeln, der so fantastisch aussah. Aber Lissa nahm keine Befehle an. Von niemandem! Nie wieder!

„Du kannst auch so mitkommen, wenn du willst. Mir soll’s recht sein.“ Blake ließ den kühlen Blick über ihren Körper wandern und fachte damit eine Hitze in ihrem Innern an, gegen die sie nicht ankämpfen konnte. „Ich dachte nur, du würdest gern frische Wäsche mitnehmen.“

Er trat einen Schritt auf sie zu, und sie zuckte unwillkürlich zusammen, als Erinnerungen an einen anderen Mann auf sie einstürzten. Groß. Einschüchternd. Gewalttätig. Einst hatte sie tatsächlich geglaubt, diesen Mann zu lieben.

Mit den Händen schob sie Blake von sich. „Bleib auf Abstand, ja?“ Er war so warm, seine Brust so hart. Zu gern hätte sie die Bilder der Vergangenheit verdrängt und die Hände über diese starke Brust wandern lassen, den Herzschlag unter der weichen Haut gespürt …

Abrupt ließ sie die Hände sinken. „Ich bleibe hier.“ Sie musste sich räuspern. „Falls etwas passieren sollte.“

„Es passiert auf jeden Fall etwas, wenn du dich nicht in Bewegung setzt.“

Bei seinem Kommandoton richteten sich ihre Nackenhärchen auf. Allerdings musste sie zugeben, dass er nicht unrecht hatte. Was konnte sie tun, wenn das Wasser wirklich in die Stromleitungen laufen sollte?

So würdevoll wie möglich ging sie zu ihrem Schlafzimmer. „Fein, dann bleibst du eben hier und passt auf.“

„Genau das habe ich vor“, rief er ihr über den Gang nach.

So? Dieser Superheld war also immun gegen die Gefahren, die er ihr soeben beschrieben hatte? Gut. Sie hatte schon genug Probleme. Da musste sie nicht auch noch einen umwerfend aussehenden Mann mit auf die Liste setzen.

„Denkst du, ein Gewitter würde es nicht wagen, dir Unannehmlichkeiten zu bereiten?“, spottete sie, griff nach Jeans und T-Shirt und sammelte ihre Waschutensilien zusammen.

Es kam keine Antwort, dennoch konnte sie die unausgesprochenen Worte geradezu hören: Ich kann auf mich aufpassen.

Und konnte sie das etwa nicht? Mit ihrer gepackten Tasche kehrte sie in die Kombüse zurück und blieb atemlos wenige Schritte vor Blake stehen. Atemlos, weil der Anblick ihres düsteren Beschützers ihr die Luft nahm. Nein, nicht düster. Seine Augen strahlten. Dennoch wirkte das kühle Blau wie eine Barriere. Und er war noch immer der grüblerische Blake, den sie von früher kannte.

„Ich bin nicht mehr so hilflos wie das dreizehnjährige Mädchen von damals.“ Hitze schoss ihr in die Wangen. Warum hatte sie ihn jetzt daran erinnern müssen?

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