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Lippenstift statt Treppenlift

Über die Autorin

Johanna Urban schrieb einige Jahre hauptberuflich Reportagen über ferne Länder. Zurzeit düst sie in atemberaubender Geschwindigkeit durch ihre Heimatstadt München: von den Hausaufgaben der beiden Kinder zum Hörgerätesäubern bei der Mutter, zum Medikamentebesorgen für die Schwiegermutter, zum Elternabend der Schule und zwischendrin in ein Redaktionsbüro, wo sie ihren Lebensunterhalt verdient. Fürs eigene Alter hat sie zwei Pläne. Erstens: ignorieren. Zweitens: Demenz unter Palmen – im Altersheim in Thailand.

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Inhalt

Der Tag, an dem Mama durchdrehte

Diagnose Demenz oder: In meinem Alter darf man doch wohl ein bisschen vergesslich sein!

Viel Spaß mit der Caritas!

Oma und Ömi – im Doppelpack noch fröhlicher!

Wer nicht hören will, muss jammern!

Geduldsfäden oder: Hilfe, meine Mutter macht mich verrückt!

Krankheit als Hobby

Wenn Mama richtig zulangt

Abschied von Papa

Von wegen Altersarmut!

Liebe Oma

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Der Tag, an dem Mama durchdrehte

Es war ein ganz normaler Tag im September, als bei meiner Mutter die Schallplatte hängen blieb.

Hätte ich nicht in diesem Moment zufällig angerufen, dann wäre es mir wohl noch eine Weile nicht aufgefallen. So aber …

»Wie es mir geht?«, schepperte sie in den Telefonhörer, so laut, als müsse sie Baustellenlärm übertönen. Mama ist nämlich schwerhörig, und weil sie sich weigert, ein Hörgerät zu tragen, klappt es bei ihr nicht mehr so gut mit der Lautstärkenregulierung, und ihre Stimme klingt eigentlich immer, als würde sie gleich in hysterisches Schreien kippen. Wenn man mit ihr telefoniert, hat man noch eine Zeit lang danach ein Summen im Ohr und fühlt sich beinahe selbst taub. Heute schwang aber noch etwas anderes in ihrer Stimme mit. Es klang beunruhigend. Ich war mir nur nicht ganz sicher, was es war.

»Ich sage dir, wie es mir geht«, sagte Mama: »Ich muss mich konzentrieren. Denn ich muss heute noch mein Captopril nehmen!« Allmählich wurde mir klar, was da mitklang. Nämlich nackte Panik.

»Und dann muss ich noch … was wollte ich sagen? Genau: Dann muss ich noch mein Captopril nehmen. Und dann … Und dann … Und dann … muss ich noch mein Captopril nehmen!!!«

»Dann nimm doch einfach dein Captopril«, rutschte es mir heraus.

»Unterbrich mich nicht, das ist nicht so einfach!«, raunzte sie so laut durch den Hörer, dass mein neunjähriger Sohn am anderen Ende der Küche von seinem Nintendo aufblickte. »Ich muss nämlich jetzt noch mein … mein … mein … Captopril nehmen. Und dann? Ach ja: Dann muss ich mein Captopril nehmen. Und dann … Und dann …«

»Mama! Mama! Hallo, hör mir mal zu: Wie viel Captopril hast du denn schon genommen?«

»Zuerst muss ich noch …«

»Wie viel?«, fragte ich.

»Ich! Weiß! Es! Nicht!« Jetzt schrie sie wirklich.

»Alles klar«, sagte ich. »Ich bin gleich bei dir.«

Es war nicht mein erster Notfalleinsatz, in letzter Zeit hatten sie sich gehäuft. Einmal zum Beispiel hatte Mama das Telefon mit der Fernbedienung verwechselt und immer wieder versucht, den brüllenden Fernseher mit der Wiederwahltaste leiser zu stellen. Aber da klang sie eher belustigt als panisch, und als ich bei ihr ankam, hatte sie ihren Irrtum längst bemerkt und versuchte, ihn zu überspielen: »NATÜRLICH kann man den Fernseher nicht mit dem Telefon regulieren«, sagte sie in einem Ton, als sei ich diejenige gewesen, der diese ziemlich merkwürdige Verwechslung unterlaufen war.

Wenn der Fernseher sich wegen Fehlbedienung nicht mehr leiser stellen lässt, besteht keinerlei Risiko für Leib und Leben. Ganz anders bei der Überdosierung von Medikamenten. Welche Menge Captopril sie wohl schon intus hatte? Und: Was war Captopril überhaupt?

Hoffentlich nur irgendwelche Vitamintabletten, davon schluckte sie immer eine Menge. Ansonsten musste sie noch Herz- und Bluthochdrucktabletten nehmen, so viel wusste ich. Und dann gab es da noch ein Medikament: das unaussprechliche. Nicht unaussprechlich, weil es so kompliziert auszusprechen wäre. Sondern weil seine Existenz im Haus meiner Mutter nicht erwähnt werden durfte. Sie weigerte sich, es einzunehmen, und versteckte es in einer Küchenschublade. Aber dieses Mittel hieß nicht Captopril, sondern Ebixa, das wusste ich sicher.

Vielleicht hätte ich sicherheitshalber gleich den Notarzt rufen sollen. Doch auf ein paar Minuten wird es jetzt auch nicht ankommen, dachte ich, und dann parkte ich auch schon vor dem Haus.

Zum Glück lag Mama nicht bereits im Captopril-Koma, sondern stand an der geöffneten Wohnungstür, die Pillenpackung in der Hand, als ich mich in den dritten Stock zu ihr hochkämpfte. Bis auf einen alarmierten Gesichtsausdruck sah sie aus wie immer: etwas jünger, als sie war. Das Jünger-Aussehen ist Teil ihres Lebensinhalts. Früher behauptete sie zwar immer, so ab siebzig würde sie sich die Haare ganz kurz schneiden lassen und aufhören, sie zu färben, sie würde flache Schuhe tragen und all die Dinge tun, die sie sich ein Leben lang versagt hatte: zum Beispiel beim Schwimmen einfach mit dem Kopf unterzutauchen, ohne Angst um Frisur und Make-up.

Nun ist Mama aber schon achtzig und macht immer noch auf jung. Auf andere Rentnerinnen mit prothesenbeiger Kleidung und schlohweißen Haaren blickt sie herab, und nach wie vor besitzt sie kein einziges Paar wirklich bequemer Schuhe – obwohl ihr wegen Rückenproblemen jeder Schritt schwerfällt.

Heute trug sie Jeans zu einem türkisfarbenen Baumwollpulli und einem bunt bedruckten Schal um den Hals – als wäre sie erst um die vierzig. Nur, dass Vierzigjährige sich meist nicht bei 25 Grad im Schatten so unangemessen dick in Baumwollpullis und Schals hüllen. Und im Spätsommer garantiert auch keine Feinstrumpfhosen unter der Jeans tragen.

Auf Mas Oberlippe hatten sich bereits Schweißperlen gesammelt, und an den Schläfen klebte das Haar, sodass man weiße Ansätze erkennen konnte. Weiße Ansätze! So etwas hatte es früher nie bei ihr gegeben. Weiße Ansätze zeigten, dass es ihr alles andere als gut ging.

»Ich sage dir: Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist!«, stöhnte sie und ließ sich aufs Sofa fallen. »Ich bin fix und fertig!«

Kein Wunder, das wäre ich auch gewesen: Die Wohnung glich einem Backofen. Alle Fenster waren verschlossen, alle Samtvorhänge zugezogen, als wollte sie verhindern, dass das kleinste Lüftchen eindringt. Um hier nicht ebenfalls in verwirrte Katatonie zu verfallen, riss ich erst mal alles auf und flutete die Wohnung mit Sonne und Licht, und Mama blinzelte und hielt sich die Hand vor die Augen wie Dracula bei Tagesanbruch. Aber wenigstens hörte sie nun auf zu schwitzen und erholte sich ein kleines bisschen.

Jedenfalls stellte sich heraus, dass es sich bei Captopril um ihr Bluthochdruck-Mittel handelte. Und außerdem, dass die Packung noch völlig unberührt war, zum Glück. Lage für Lage breitete Mama die Tabletten für mich auf dem Couchtisch aus, als müsse sie einen Beweis erbringen. Dann nahm sie noch die Packungsbeilage heraus und faltete sie umständlich auseinander.

»Und?«, sagte sie erwartungsvoll. »Was meinst du?«

»Anscheinend hast du ja noch gar kein Captopril genommen. Also kannst du auch nicht zu viel davon genommen haben. Es sei denn, du hast noch eine Packung …«

Bei diesem Stichwort sprang sie auf (soweit man das aufspringen nennen kann, wenn es jemand im Rücken hat) und brachte mir noch eine Packung Captopril – auch völlig unberührt.

»Weißt du«, sagte sie und senkte die Stimme. »Diese hier sollte ich eigentlich gar nicht besitzen. Die hat mir die Tremel mal aus Versehen verschrieben, als ich fast noch eine ganze Packung hatte.« Die Tremel ist ihre Ärztin. »Und gestern habe ich die neue Packung aus der Apotheke geholt. Meinst du, ich bekomme jetzt Ärger?«

Einiges von dem, was meine Mutter mittlerweile so von sich gibt, hätte sie früher allenfalls ironisch gemeint. Deswegen weiß ich manchmal nicht, was ihr voller Ernst ist und was nicht, und reagiere oft total falsch: »Klar«, sagte ich. »Das gibt einen Riesenärger! Da steht bestimmt Gefängnis drauf!«

»Nein!!! Wirklich wahr?!«, antwortete sie, und mir wurde klar, dass sie das einen Moment lang tatsächlich glaubte.

»Nein, natürlich nicht. Es ist ja schließlich nicht gesetzlich verboten, zwei Packungen Captopril zu besitzen.«

»Nein, natürlich nicht!«, sagte Mama und versuchte sogar, ein bisschen zu lachen. Aber sie blickte immer noch etwas besorgt.

»Jedenfalls: Anscheinend hast du noch gar keine Tablette genommen, also kannst du ja auch nicht zu hoch dosiert haben. Also ist alles gut.«

»Meinst du?«, sagte meine Mutter und klang alles andere als beruhigt.

Nein, das meine ich eigentlich nicht. Natürlich ist nicht alles gut, wenn ein Mensch sich plötzlich überfordert fühlt von der simplen Aufgabe, eine Tablette, die er nun seit wohl zwanzig Jahren täglich schlucken muss, einzunehmen. Oder den Fernseher mit dem Telefon leiser stellen will. Das ist gar nicht gut.

Darum war ich mit ihr auch schon beim Neurologen gewesen. Das Problem war nur: Mama weigerte sich, die Diagnose des Mannes anzuerkennen und die verschriebenen Tabletten – Ebixa, das Alzheimer-Mittel – einzunehmen. Wenn ich davon anfing, flippte sie völlig aus und warf mich aus der Wohnung.

Darum erwähne ich den Neurologen und die Krankheit und die Tabletten gerade lieber nicht.

Zum Glück habe ich eine gute Freundin, die Ärztin ist. Die sagte, es sei sowieso nicht erwiesen, dass Tabletten bei dieser Diagnose helfen. Sie sagte auch, dass es sein kann, dass der Zustand meiner alten Mutter sich über die Jahre nicht unbedingt verschlechtert. Bei manchen Leuten bliebe er ziemlich konstant. Manchmal beruhigte mich dieser Gedanke.

An jenem Tag im September aber nicht: Von »konstant« konnte gerade nicht die Rede sein, und natürlich merkte meine Mutter das selbst. Das war sicher auch der Grund für ihre Panik.

Am wichtigsten war es jetzt also bestimmt, sie zu beruhigen und abzulenken, dachte ich. Wenn sie ganz ruhig und entspannt ist, dann wird sie vielleicht wieder einigermaßen normal. Dachte ich. Und ich sagte: »Weißt du was, um die Tabletten kümmern wir uns einfach später. Und jetzt gehen wir am besten raus, irgendwo ein Eis essen!«

Beim Thema Essen kam Leben in meine Mutter, blitzschnell schlüpfte sie in ihre vertraute Rolle als nährende Mutter und Großmutter und ging zum Tagesgeschäft über: »Hast du Hunger? Willst du was essen? Eis habe ich keines, aber eine schöne Portion Spagetti kann ich dir kochen. Willst du vielleicht auch einen Salat?«, fragte sie mit Eifer.

Ich hatte bereits gegessen, fast dachte ich aber darüber nach, noch einmal etwas zu mir zu nehmen. Einfach, damit Mama sich dazusetzte und mitaß. In letzter Zeit hatte sie ziemlich abgenommen. Tatsächlich schlabberte die Jeans geradezu an ihr.

Früher war meine Mutter immer ein bisschen rundlich gewesen, obwohl sie sich eigentlich permanent auf Diät befand. Ihr beliebtester Spruch damals war: »Ich esse nichts und nehme ständig zu!« Mittlerweile hat er sich ins Gegenteil verkehrt: »Ich esse wie verrückt und nehme ständig ab!« Nur hatte ich langsam den Verdacht, dass sie eben nicht aß wie verrückt, sondern Mahlzeiten vergaß.

Daher kamen wahrscheinlich auch die nächtlichen Bauchschmerzen, die sie seit einiger Zeit plagten. Wegen dieser rätselhaften Bauchschmerzen hatte die Tremel sie sogar schon zum Kardiologen überwiesen, der aber nichts hatte finden können. Ich bin ganz fest der Meinung, bei den Bauchschmerzen handelt es sich um Hunger.

»Mama, willst DU nicht vielleicht etwas essen?«

»Ich habe heute schon unglaublich viel gegessen!«, sagte sie.

»Was denn?«

»Genug, mehr als genug.«

»Aber was?«, insistierte ich.

»Ich habe zum Beispiel mal ein ganzes Baguette zum Frühstück gegessen – ein ganzes, stell dir vor!«

Mal. Zum Beispiel. Bloß wann? Wenn überhaupt!

»Wir könnten zusammen einkaufen gehen. Frisches Baguette vielleicht. Und dann gehen wir ins Café zum Eisessen.«

»Ich bin pappsatt, ich bekomme mit Sicherheit kein Eis herunter, und ich brauche auch nichts!«, sagte Mama in bestimmtem Ton.

Na gut, dachte ich. Es ist ja noch was im Kühlschrank, den hatte ich erst vor zwei Tagen aufgefüllt, da hatte ich sie mit ihren beiden Enkelkindern besucht – meinem neunjährigen Sohn und seiner sechzehnjährigen Schwester. Jetzt könnte ich eigentlich wieder nach Hause fahren. Am nächsten Morgen sollte ich zu einer einwöchigen Geschäftsreise aufbrechen. Ich wollte noch packen und ein wenig Zeit mit Mann und Kindern verbringen.

Früher war ich mal Reisejournalistin. Mittlerweile bin ich eher Reiseredakteurin. Das bedeutet: Die Kollegen reisen, ich bearbeite ihre Artikel in der Redaktion. Jetzt, wo die Kinder älter werden, würde ich auch gern wieder öfter unterwegs sein. Meine Mutter allerdings wird auch älter, das hatte ich nicht bedacht. Und deswegen komme ich nach wie vor nur selten zum Reisen.

Ich wollte mich gerade verabschieden, da stand Mama plötzlich doch in Schuhen da (mit Absätzen! Und eindeutig etwas zu eng!), die schwarze, prall gefüllte Lederhandtasche geschultert, und sagte: »Na, dann gehen wir mal, oder?« Und: »Meinst du, ich brauche eine Jacke?« Anscheinend hatte sie ganz vergessen, dass sie erst nichts von meinem Vorschlag wissen wollte.

»Nein, Mama, eine Jacke ist viel zu warm!«, seufzte ich. »An deiner Stelle würde ich auch mindestens die Strumpfhose ausziehen, bevor wir gehen. Sonst schwitzt du dich noch tot!«

»Aber ich trage immer eine Strumpfhose!«, sagte Mama.

Früher trug sie nie Strumpfhosen im Spätsommer.

»Das ist doch viel zu warm!«

»Überhaupt nicht. Ich bin so daran gewöhnt – ich bemerke die Stumpfhose überhaupt nicht«, behauptete Mama.

Also dackelten wir los. Wobei »dackeln« wahrscheinlich nicht der richtige Ausdruck ist. Dackel können nämlich eine ziemliche Geschwindigkeit erreichen, es sind ja Jagdhunde. Wir hingegen schlichen langsam den Bürgersteig entlang.

Mama wäre eigentlich eine Kandidatin für einen Rollator, wegen des Rückenleidens – eine Wirbelsäulenverkrümmung, die ihr Schmerzen in den Beinen verursacht. Und wegen eines diffusen Schwindels, der sie seit Jahren immer wieder befällt. Da wäre es gut, wenn sie sich ab und an festhalten könnte. Sie könnte ihren Einkauf in den Rollator stellen und ihn schieben, statt alles schleppen zu müssen, und wenn sie unterwegs ermüdete, könnte sie sich einfach auf den Rollator setzen. So wie Abertausende andere alte Damen auch, die überall ganz munter und mobil mit ihren Rollatoren in der Stadt unterwegs sind.

Nur leider passen das Konzept Rollator und der Lebensinhalt Jünger-Aussehen nicht zusammen. Mama sagte immer, sie möchte lieber tot umfallen, als mit einem Rollator unterwegs zu sein. Diese Einstellung macht jeden Gang beschwerlich. So auch an jenem Tag: Spätestens nach hundert Metern musste meine Mutter sich immer wieder kurz setzen, zum Beispiel auf Bänke, Poller, kleine Mauern. Trotz der kleinen Ruhepausen kam sie furchtbar ins Schwitzen, nicht nur wegen der Anstrengung.

»So eine Hitze, unerträglich!«, stöhnte sie.

»Besonders in Strumpfhosen«, sagte ich.

»Das liegt nicht an der Strumpfhose, dass mir zu warm ist, sondern am Wetter«, giftete sie und warf mir einen Blick zu, als wünsche sie mir einen Kugelblitz an den Hals, und ich verkniff mir jeden weiteren Kommentar, damit sie sich nicht noch mehr aufregte.

Wir kauften Brot und ein paar Kleinigkeiten, und dann steckte ich auch noch zwei Eis aus der Truhe am Supermarkteingang in die Tüte. Auf dem Weg zurück bestand ich dann darauf, dass wir kurz Pause machten und das gerade erstandene Eis aßen, weil es ja Geldverschwendung wäre, es verkommen zu lassen.

Geldverschwendung ist bei meiner Mutter ein gutes Argument. Geld verschwendet sie grundsätzlich keines. Früher war sie großzügig, das Geld saß locker. Mit den Enkeln ist sie immer noch generös, mit sich selbst nicht mehr. Sie hat zwar genug Rente, trotzdem spart sie sich jeden Luxus vom Mund ab, und zwar wortwörtlich: Im Supermarkt kauft sie grundsätzlich nur Billigprodukte, solche, wo »NO NAME« oder »Ja!« aufgedruckt steht. Sie kauft nur billigstes Supermarktfleisch, eingeschweißte Ware, auf der orangefarbene Angebots-Aufkleber prangen, weil bereits das Verfallsdatum naht. Das Prinzip Bio geht total an ihr vorbei – hauptsächlich wegen des Preises.

»Wie soll sich zum Beispiel eine fünfköpfige Familie von Biofleisch ernähren, wenn ein einzelnes Hühnerbrüstchen vier Euro kostet?«

»Aber Mama, du bist doch gar keine fünfköpfige Familie. Ein Stückchen Biofleisch ab und an kannst du dir doch leicht leisten.«

»Nein danke«, sagt sie dann. »Ich hatte heute schon ein wunderbares Wiener Schnitzel aus dem Supermarkt. Weich wie Butter!«

Nur der Rinderwahn ist ihr noch absolut präsent. Rinderwahn ist zwar aus den Nachrichtensendungen völlig verschwunden, mittlerweile wird sogar grundsätzlich bezweifelt, dass er sich überhaupt auf den Menschen überträgt und mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit in irgendeiner Form in Verbindung steht. Doch meine Mutter hat nach wie vor entsetzliche Angst vor Rinderwahn. Darum hat sie seit 1993 kein Rindfleisch mehr gekauft: viel zu gefährlich.

Wir fanden eine ruhige Bank im Schatten, ich packte das Eis aus, und Mama sagte: »Möchtest du meines nicht mitessen? Ich schaffe es nicht, ich bin nämlich satt.«

Und dann passierte, was in letzter Zeit immer passiert, wenn man ihr etwas zu essen hinstellt: Das Eis verschwand in Sekundenschnelle in ihrem Mund. Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, der so blitzschnell ein Eis verzehrte.

Nach dem Eis brach ich Stücke von dem eben gekauften Baguette ab und belegte sie mit der frisch erstandenen Salami, dann scheibchenweise mit Käse, und alles verschwand in Rekordgeschwindigkeit im Mund meiner Mutter. Es war, als würde sie Lebensmittel wie Luft einatmen, und das bestärkte mich in meiner Theorie: Sie hatte mal wieder eine Zeit lang vergessen zu essen.

Schließlich inhalierte sie noch ein paar Oliven, direkt aus dem Glas, und dann sagte sie: »Da sieht man es mal wieder: Ich esse unglaubliche Mengen. Ich verstehe gar nicht, warum ich ständig abnehme!«

Nach dem kleinen Picknick saßen wir eine Weile im Park, der Himmel blitzte wie frisch poliert, eine sanfte Brise brachte die Pappeln zum Rauschen. Über der ganzen Szenerie herrschte friedliche Ruhe, und Mama machte sich furchtbare Sorgen um ihre Handtasche, die auf meiner Seite der Bank neben der Einkaufstüte stand, weil ich ihr das schwere Ding getragen hatte.

»Ist meine Tasche noch da?«, fragte sie alle paar Minuten mit Panik in der Stimme. Vier Mal schaffte ich es, ganz ruhig mit »Klar, deine Tasche steht hier neben mir«, zu antworten. Erst beim fünften Mal konnte ich mich nicht mehr beherrschen: »Nein, jetzt hat einer sie geklaut!«, sagte ich.

»Wie bitte?!«

»Nichts. Die Tasche steht natürlich noch da, hier ist doch weit und breit kein Mensch außer uns. Wer sollte sie also schon nehmen?«

»WIE BITTE?!« (Das war die Schwerhörigkeit.)

»Die Tasche ist noch daaahaaa! Wer sollte sie schon klauen!«

»Na wer wohl«, sagte Mama. »Ein Dieb natürlich!«

»Was war das für ein schöner Nachmittag!«, sagte Mama, als wir schließlich wieder in der Wohnung ankamen, aber dann fiel ihr Blick auf die Tabletten auf dem Couchtisch, und die ganze Entspannung war flöten. Plötzlich ging es wieder nur noch um das Captopril, und dann das Captopril, und dann das Captopril. Da wurde mir klar, dass ich jetzt unmöglich einfach gehen und am nächsten Tag verreisen konnte. Und dass da auch niemand war, den ich um Hilfe bitten konnte, denn meine Schwester war auch gerade verreist, und mein Mann hatte schon mit seiner eigenen alten Mutter genug zu tun. Und mit unseren Kindern. Und natürlich mit seinem Job.

Ich hatte also nur zwei Möglichkeiten: Geschäftsreise canceln. Oder …

»Hör zu, Mama: Ich bring dich jetzt ins Krankenhaus. In diesem Zustand möchte ich dich nicht allein hier lassen.«

»Gute Idee!«, sagte Mama ernst.

Es gibt ja alte Leute, die sich grundsätzlich weigern, ins Krankenhaus zu gehen. Meine Schwiegermutter beispielsweise. Die würde selbst mit einem Splitterbruch oder einem Herzinfarkt alles tun, um dem Krankenhaus zu entgehen.

Bei Mama dagegen habe ich immer den Eindruck, sie geht ganz gern ins Krankenhaus. Im Krankenhaus kann man ja immer sicher sein, dass der nächste Arzt nicht weit ist. Das beruhigt sie irgendwie.

Für Klinikbesuche und ähnliche Anlässe hatte ich meiner Mutter schon vor einiger Zeit einen hübschen roten Rollkoffer geschenkt. Weil alle Gegenstände auf Rollen bei meiner Mutter im Generalverdacht stehen, nur etwas für alte Leute zu sein (egal, wie oft ich beteuere, dass heute jeder Mensch Rollkoffer verwendet), steckte das gute Stück aber noch unbenutzt in Plastikfolie, da pellte ich es nun heraus. Dann öffnete ich ihren großen Wandschrank.

Darin offenbarte sich, dass sie seit etwa 1972 nichts mehr in die Kleidersammlung gegeben hatte. In Bezug auf Nachthemden ergab das insgesamt einen meterhohen Stapel – genug für ein ganzes Nonnenkloster oder alle Insassen eines mittelgroßen Altersheims. Wobei ich mich schon fragte, wie jemand mit einem Rückenleiden zu solch einer Menge derart akkurat gebügelter, bodenlanger Batistnachthemden kam. Für solche Reflektionen bestand nun aber keine Zeit, darum raffte ich die vier obersten zusammen und legte sie in den roten Koffer.

»Viel zu wenig«, befand Mama, deshalb holte ich noch drei.

»Wer weiß, wie lange ich dort bleiben muss«, erwiderte sie darauf und holte noch ein paar. Bis der Koffer schließlich fast überquoll von Nachthemden, so etwa zwanzig an der Zahl. Erst dann wurde sie ruhig. Dann packte ich noch alle ihre Medikamente in ein Seitenfach, inklusive Ebixa, dem unaussprechlichen aus der Küchenschublade. Dann gratulierte ich mir innerlich zu dem Kauf des Rollkoffers – wenn ich alles in Mamas Umhängereisetasche hätte transportieren müssen, hätte ich auch Rückenschmerzen bekommen. Und dann zogen wir los.

Jetzt dämmerte es schon, und in der Notaufnahme saßen bereits ein älterer Herr mit Kreislaufproblemen, arabische Touristen mit einem fiebernden Teenager, ein gereizter Blinddarm, ein verstauchter Fuß und sieben oder acht betrunkene junge Männer in Tracht, die leicht verletzt auf ihre Lederhosen bluteten: Es war der erste Oktoberfestsamstag. Zum Glück hatten wir vorreserviert.

Ein Klinikum ist natürlich kein Hotel. Trotzdem konnte ich Mama einbuchen, denn ich verfügte über Vitamin B: Beziehungen. Meine Freundin hatte früher in besagtem Krankenhaus gearbeitet, und sie hatte uns bereits telefonisch angekündigt, deshalb durften wir gleich durch zum Check-in.

Dort erwartete uns das übliche Prozedere: das Aufnahmeformular.

»Geburtsdatum?«, fragte die Schwester.

»Waaas will sie?«, wandte sich Mama, die in großen Räumen mit Hintergrundgeräuschen noch schlechter hörte als sonst, an mich.

»Mama, die Schwester braucht deine Daten für den Aufnahmebogen«, erklärte ich.

»Weeen?«, fragte Mama.

»Das Geburtsdatum, bitte«, wiederholte die Schwester, und Mama, die endlich verstanden hatte, sagte: »Neunzehnter oder zwanzigster Mai. Schreiben Sie einfach, was Sie wollen.«

Ich verdrehte die Augen: Tausendmal hatte ich ihr schon gesagt, sie solle beim zwanzigsten bleiben. Aber sie hörte ja nie auf mich.

Es war nämlich folgendermaßen: Mama war eine Hausgeburt, und eine Zeit lang hatte sie geglaubt, sie sei an einem neunzehnten geboren worden. So steht es in ihrer Geburtsurkunde, so steht es auch in ihrem Personalausweis und in ihrem Reisepass. Vor rund sechzig Jahren dann erzählten ihre Eltern ihr ganz nebenbei, dass es tatsächlich bereits kurz nach Mitternacht gewesen sei, als sie das Licht der Welt erblickte. »Aber da war ja schon der zwanzigste und nicht mehr der neunzehnte!«, sagte meine Mutter, worauf mein Opa erwidert haben soll: »Ist doch völlig egal!«

Meiner Mutter aber nicht. Fortan feierte sie ihren Geburtstag immer am zwanzigsten Mai, und sie gab dieses Datum auch überall an: bei der Krankenkasse, bei jedem Arbeitgeber, später auch bei der Rentenanstalt. Nur Pass und Geburtsurkunde ließ sie niemals korrigieren – vielleicht kam sie einfach sechzig Jahre lang nie dazu.

Dass es sich so zutrug, weiß ich noch aus der Zeit, als meine Mutter sich selbst daran erinnerte: Sie hat die Geschichte ab und an erwähnt. Leider vergaß meine Mutter irgendwann die Umstände rund um die unterschiedlichen Geburtsdaten so gut wie vollständig.

Dann passierte, was in den letzten Jahren öfter vorkommt: Wenn Mama etwas nicht mehr weiß, dann denkt sie sich eine Geschichte aus. In diesem Fall lautet sie folgendermaßen: Irgendwelche Ämter hätten einen Fehler in ihre Papiere gebracht, und als sie diesen Fehler korrigieren wollte, hätte der zuständige Sachbearbeiter sich mit den Worten »ist doch völlig egal« rundheraus geweigert. Das erzählt sie immer und immer wieder. Denn wenn Mama auch so einiges vergisst: Geschichten, die sie sich ausdenkt, um zu vertuschen, was sie vergisst – die vergisst sie nie.

Mama setzte also an, der verblüfften Aufnahmeschwester die Umstände ihrer doppelten Geburtsdaten zu erläutern. Dazu kramte sie tief in ihrer ausladenden Handtasche nach Ausweisen, Briefen, Unterlagen und anderen Beweismitteln, und als sie den Kopf wieder aus der Tasche zog, hatten die Schwester und ich uns schon nonverbal über Augenverdrehen, Brauenheben und Kopfnicken verständigt. Deswegen komplimentierte sie Mama zurück auf die Wartebank und ließ mich die Formalitäten regeln, zum Glück.

Über die Gründe für unser Erscheinen musste ich mich nach diesem kleinen Vorfall dann gar nicht mehr groß auslassen – die Schwester war im Bilde und tippte eifrig in den Computer. Dann schickte sie Mama zur Urinprobe und schließlich in einen Behandlungsraum mit Liege ganz am Ende des Ganges.

Da saßen wir dann im Neonlicht und warteten. Und warteten. Anscheinend waren meine Beziehungen doch nicht so gut – wahrscheinlich war es schon zu lange her, dass meine Freundin hier gearbeitet hatte. Man konnte hören, wie sich die Behandlungszimmer nebenan füllten und wieder leerten. Es wurde immer später und später. Wie es in Notaufnahmen eben so ist.

Schließlich kam eine Schwester und fragte, welche Tabletten meine Mutter einnehme und was das Problem sei. Und Mama sagte: »Schwester, wir kommen zu Ihnen, denn ich habe Schmerzen im rechten Bein! Und im Rücken auch, besonders wenn ich mich bücke …« Da musste ich wieder sehr viel unauffällig mit dem Kopf schütteln und gestikulieren und flüstern, und die neue Schwester schrieb ebenfalls ganz fleißig in den Patientenbogen.

Als sie draußen war, sagte ich: »Mama, wir sind doch heute nicht wegen der Rückenprobleme da.«

»Ja, aber ich habe doch Rückenprobleme! Und das Bein tut weh, hier, sieh mal, ich bin ganz schwach im rechten Bein …«

Und das stimmte natürlich. Es ist nur so: Die Schmerzen sind chronisch, aber mit Schmerzmitteln einigermaßen erträglich. Eigentlich weiß sie das, nur heute nicht, deswegen musste ich ihr das alles erneut ganz ausführlich erklären: dass wir NICHT wegen des Rückens im Krankenhaus sind.

Sie hört zu und nickt, aber man merkt: So richtig kann ich nicht zu ihr durchdringen. Es ist nicht, weil sie das grundsätzlich nicht mehr verstehen würde. So weit ist sie mit ihrer Vergesslichkeit noch nicht. Wenn sie sich konzentriert und ruhig ist, versteht sie rational eigentlich noch alle Zusammenhänge.

Das Problem ist, dass sie nur noch selten ruhig ist. In letzter Zeit befindet sich Mama in permanentem Ausnahmezustand. Alles macht ihr Angst. Die Panik erschwert ihr das klare Denken und macht sie irrational und wirr. Und mir gelingt es fast nie, sie zu beruhigen. Vielleicht bin ich auch einfach zu ungeduldig, zu schnippisch, zu leicht genervt. Und ich weiß: Das hat sie nicht verdient. Sie hat Geduld verdient, wie sie sie immer mit uns hatte.

Mama war als junge Frau auf den ersten Blick nicht gerade der Muttchen-Typ. Dazu war sie viel zu sehr auf ihr Erscheinungsbild fixiert, und auf ihre berufliche Unabhängigkeit. Sie gehörte ja zu einer der ersten Generationen von Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnten. Nach der Scheidung von unserem Vater war Mama froh, dass sie als technische Zeichnerin einen Job hatte, mit dem sie uns ernähren konnte. Attraktiv war sie außerdem, auffällig gekleidet, mit hochhackigen Schuhen, tiefem Ausschnitt, roten Lippen, langen Haaren. Sie hatte Verehrer in Scharen. Sie war eine Frau, bei der man hätte denken können, die Kinder liefen so nebenher.

Dabei war es ganz anders: Wir standen im Zentrum ihres Lebens, und damit alle unsere Kindersorgen und Wehwehchen. Mama war nie ungeduldig, nie desinteressiert. Sie war der Meinung, man müsse Kinder mindestens ebenso für voll nehmen wie Erwachsene. Wie gleichberechtigte Partner nahm sie uns zu jeder Einladung mit, die sie besuchte. Und wenn das jemandem nicht gefiel – was nicht selten vorkam, denn in den Siebzigerjahren war es noch nicht üblich, die Kinder überallhin mitzuschleppen –, dann ging sie da einfach nicht mehr hin.

Waren wir krank, bekümmert oder müde, dann verwöhnte sie uns nach Strich und Faden, mit Wärmflaschen und Teechen und Süppchen, mit denen sie uns fütterte. Und sie war immer auf unserer Seite: Wenn ein Lehrer sich über uns beschwerte, dann war es erst einmal er, der einen Beweis für unser Fehlverhalten zu erbringen hatte. Und selbst wenn er das konnte, wurde er von ihr beschuldigt, nicht in der Lage zu sein, pädagogisch zielfördernd mit uns umzugehen. Einen neuen Mann ließ sie übrigens (wegen uns, sagte sie) nie ins Haus.

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