Logo weiterlesen.de
Lion Feuchtwanger

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Vorwort

Kapitel 1: Sie waren ausgesprochene Bajuwaren. Herkunft und Familie

Kapitel 2: In der Früh nicht in der Synagoge gewesen, zur größten Verstimmung Papas. Kindheit und Jugend

Bildteil

Kapitel 3: In meiner Ästhetik hab ich mir eine feste Burg gebaut. Literarische Anfänge

Kapitel 4: Mein Hirn denkt kosmopolitisch, mein Herz schlägt jüdisch. Feuchtwangers Judentum

Kapitel 5: Was nicht literarische, musikalische und theatralische Dinge berührt, kümmert uns nicht. Bohemien in München

Kapitel 6: Sie liebt das Gutbürgerliche, den Sonntag, den Bratenrock. Frühe Veröffentlichungen

Kapitel 7: Die mit feinstem Ohr Hörenden unter meinen Kritikern in Annahme und Ablehnung waren Frauen. Ein erotisches Dichterleben

Kapitel 8: Dieser Bau ist das stolzeste und mächtigste Theater, das meine armen Augen je gesehen. Vagabundenjahre: Die Reise in den Süden

Kapitel 9: Staub stopft und Erde uns den Mund. Kriegsjahre in München

Kapitel 10: Ein jedes war irgendwann verboten. Feuchtwanger als Dramatiker

Kapitel 11: Ich kenne ihn gut, diesen Typ des Schriftstellers und Revolutionärs. Feuchtwanger und die Revolution 1918/19

Kapitel 12: Brecht da. Im Grund sehr frech. Freunde und Weggefährten

Kapitel 13: … gegen Dummheit und Gewalt … Der Meister des historischen Romans

Kapitel 14: Der heutige Mensch ist durch den Film rascher geworden. Die Berliner Jahre

Kapitel 15: Sitze hier augenblicklich gänzlich ohne Geld. Flucht nach Frankreich.

Kapitel 16: … zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann. Die Reise nach Moskau

Kapitel 17: … was mit mir geschehen wird, liegt gänzlich im dunkeln … Lagerhaft und Flucht aus Frankreich

Kapitel 18: Im Grunde geht es mir hier nicht schlecht. Exil in Amerika

Kapitel 19: Eine große Hoffnung auf Befreiung blieb: Amerika. Revolutionsromane

Kapitel 20: Überhaupt macht mir der Betrieb hier außerordentlich zu schaffen. Späte Jahre

Anhang

Zeittafel

Anmerkungen

Bildnachweis

Personenregister

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für meinen Sohn Maximilian

1977 – 2013

VORWORT

Die erste Fassung dieser Biographie erschien zum 100. Geburtstag Lion Feuchtwangers im Jahr 1984. Mehrere Auflagen und Ausgaben sind seither gefolgt. Damals hatten die westdeutsche Germanistik und die Verlage in der Bundesrepublik endlich die ideologischen Scheuklappen beiseitegelegt, und die Werke vieler Autoren, die während der Zeit des Nationalsozialismus ins Exil gehen mussten, wurden neu aufgelegt oder fanden in populären Fernsehverfilmungen erstmals wieder den Zugang zu einem breiten Publikum. Mit Blick auf die Exilliteratur muss von einer in den 1960er Jahren zunächst nur sehr zögernd einsetzenden Wiederentdeckung von Büchern gesprochen werden, deren Schöpfer in der Zeit der Weimarer Republik den Kreis der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller bildeten. In der Sowjetischen Besatzungszone sah das ganz anders aus. Die Autoren des deutschen Exils wurden von der dortigen Kulturpolitik – natürlich nicht ohne politische Hintergedanken – schon unmittelbar nach dem Ende des Krieges umworben und gedruckt. Mancher Exilant fand in der DDR eine neue Heimat, weil die Bonner Republik ein Willkommen nicht über die Lippen brachte und die meist linken, linksliberalen und jüdischen Exilschriftsteller in dem Staat, der die Untaten und Verbrechen der jüngsten deutschen Vergangenheit lange strikt verdrängte und verleugnete, übersehen, diffamiert und kaum noch gedruckt wurden. Für Feuchtwanger galt dies in besonderem Maße. Der Weltautor und Republikaner hatte einst für das große Anti-Hitler-Bündnis öffentlich gekämpft und glaubte in der Sowjetunion den entschiedensten Gegner des Dritten Reiches zu erkennen. Nach dem Krieg ließ sich der seit 1940 in den Vereinigten Staaten lebende Schriftsteller im deutsch-deutschen Alleinvertretungsgerangel von keiner Seite vereinnahmen. Im Bonner Staat hat man sowohl sein antifaschistisches Engagement als auch seine positive Haltung zum demokratischen Sozialismus mit Verdammungsurteilen belegt.

In diesem Zusammenhang führte mich ein sehr persönliches Erlebnis zu dem Entschluss, über Lion Feuchtwanger eine Biographie zu schreiben: Vor über vierzig Jahren hielt ich mich zu Filmarbeiten in Tel Aviv auf und fand am Buchstand des King David Hotels eine deutsche Übersetzung der »Geschichte des jüdischen Krieges« von Flavius Josephus. Ich las sie in den Drehpausen mit wachsender Begeisterung. Bei meiner Rückkehr hörte ich davon, dass der Schriftsteller Lion Feuchtwanger die Geschichte dieses jüdischen Historikers in einem Roman verarbeitet hatte. Mit großer Enttäuschung musste ich feststellen, dass weder die Josephus-Trilogie noch eine Biographie über den Autor in den Buchläden zu finden war. Als ich dann eine DDR-Ausgabe fand und gelesen hatte, war ich empört über die Ignoranz der westdeutschen Literaturszene. Es war eine produktive Empörung, denn ich begann nicht nur mit meinen Vorarbeiten für eine Biographie, sondern drehte zum 100. Geburtstag für die ARD auch ein Filmporträt des Schriftstellers.

Inzwischen hat der Zusammenbruch der kommunistischen Sowjetunion und eine friedliche Revolution in der DDR die ideologischen Kämpfe von gestern Geschichte werden lassen. Eine Lesergeneration ist herangewachsen, die den Kalten Krieg und seine maßlosen Propagandalügen nur noch aus den Büchern kennt. Sie begegnet dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger und seinem Werk (und dem seiner schreibenden Altersgenossen) mit einer in vielen Punkten veränderten Sichtweise. Jede Zeit liest ihre großen Autoren von einst neu.

1984 galt es noch, den Streit der Ideologen – zu denen auch viele Vertreter der deutsch-deutschen Germanistik und der Literaturkritik zählten – um Feuchtwanger und sein Werk ausführlich darzustellen. Heute rücken neue alte Fragen in den Vordergrund. Krieg und Machtmissbrauch, die Verteidigung der demokratischen Grundtugenden und die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung, das Ringen um Vernunft in einer sich immer tiefer im Materialismus verlierenden Weltgesellschaft, der Kampf um Märkte und Gewinne, die inzwischen wieder von Gewalt und Mord begleitete Suche nach dem »wahren« und einzigen Gott, der »arge Weg der Erkenntnis«, den zu beschreiten wir uns als Individuen so häufig zu verweigern versuchen – Feuchtwangers Themen sind höchst aktuell geblieben. Seine Romane – heute ausnahmslos auf dem Buchmarkt präsent – spiegeln uns in einem figurenreichen und auf Breite und Tiefe angelegten Panoramabild die Welt und ihre Bewohner in ihrem Scheitern und in ihrem heroischen Trotzdem wider. Sie sind zeitlos, und auch deswegen sind die Leser diesem Autor mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod weiterhin treu geblieben. Die Auflagen von Feuchtwangers Romanen erreichen natürlich nicht mehr die Höhen, die sie zu seinen Lebzeiten hatten. Aber er gehört zu den wenigen Schriftstellern seiner Generation, deren Name und deren Werk den Wandel der Zeiten und den Wandel der Leserschaft erfolgreich überlebt haben. Mit dem Ende der deutsch-deutschen Ideologieintrigen wird ihm auch die Literaturkritik endlich etwas gerechter. Denn ein großer Erzähler ist Feuchtwanger, ein ironischer und verstehender Deuter unserer Triebe und unserer Leidenschaften, ein hellsichtiger Geschichts- und Menschenkenner. Nicht von ungefähr, dass er zu Lebzeiten immer wieder einmal als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde.

Ich hatte noch das Glück, einigen wichtigen Zeitgenossen und Weggefährten Feuchtwangers begegnet zu sein. Die Witwe Marta Feuchtwanger empfing mich zu langen Gesprächen in der Villa Aurora in Pacific Palisades. Harold von Hofe, Nachlassverwalter und Hochschullehrer an der University of South California in Los Angeles, öffnete mir nicht nur das unentbehrliche Feuchtwanger Archiv (Feuchtwanger Memorial Library) an seiner Universität, sondern wusste auch zahlreiche Details aus dem späteren Leben des Schriftstellers zu berichten. Lola Humm-Sernau, die langjährige Sekretärin, traf ich an wunderschönen Sommerabenden in Ascona. In Santa Barbara und in Santa Monica lernte ich Schauspielerinnen, Künstlerehefrauen und Journalisten kennen, die Feuchtwanger auf Partys oder bei Lesungen begegnet waren. Zeitzeugen urteilen sehr persönlich. Manches ist vergessen oder verdrängt, anderes hält man lieber im Verborgenen. Aber sie sind für jeden Biographen ein Geschenk.

Der Wunsch, diese Lebensbeschreibung zu überarbeiten und sie in weiten Teilen neu zu schreiben, ist auch dem Zugang zu bislang verschlossenen Archiven und Zeugnissen aus dem Feuchtwanger-Umkreis zu verdanken. Im Marbacher Literaturarchiv liegt seit einigen Jahren der Nachlass von Lola Humm-Sernau und im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main ein beträchtlicher Bestand von Briefen des amerikanischen Feuchtwanger-Verlegers Benjamin Huebsch und der Feuchtwanger-Freundin Eva Herrmann. Das Archiv der Berliner Akademie der Künste ist neu geordnet. In Moskau können seit 1990 westliche und östliche Wissenschaftler das russische Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte und andere Archive nutzen. Was die dort verwahrten Dokumente für den Blick auf Feuchtwangers Leben und Handeln im Zusammenhang mit seiner so umstrittenen Moskau-Reise bedeuten, findet vor allem in den Arbeiten der Bochumer Slawistin Anne Hartmann ihren wissenschaftlich-biographischen Niederschlag. In den Vereinigten Staaten konnte schon vor einigen Jahren Alexander Stephan die Feuchtwanger-Akten des FBI einsehen. Hinzu kommt die Neuveröffentlichung von Tagebüchern aus der Feder von Zeitgenossen Feuchtwangers und von wichtigen Briefeditionen.

Feuchtwanger und sein Werk sind weiterhin Thema vieler wissenschaftlicher Monographien, Habilitationen, Dissertationen oder Magisterarbeiten. Auch biographische Arbeiten zu speziellen Lebensaspekten und Lebensabschnitten sind neu erschienen. Die 2001 gegründete und seitdem überaus rührige Internationale Feuchtwanger Gesellschaft veröffentlicht regelmäßig Forschungsberichte. All diese Arbeiten und neu erschlossenen Dokumente haben den Blick auf Feuchtwanger und seine Romane nicht fundamental verändert. Aber sie haben vieles belegt, sichtbarer und deutlicher gemacht. Sie haben auch manche Spekulation und manchen polemischen Angriff auf seine Person und sein öffentliches Wirken relativiert. Nicht zuletzt hat sich in den vergangenen dreißig Jahren der Blick des Verfassers dieser Biographie verändert, sieht er manches in einem neuen Licht. Seine Sympathie für den Mann und sein Werk ist ungebrochen geblieben. Wie auch immer: Feuchtwanger lebt!

Vielen Mitarbeiterinnen in den Archiven oder Helfern und Diskussionspartnern im Kreise der Feuchtwanger-Forscher gilt es für Unterstützung, Kritik und Zuspruch zu danken, ebenso der sorgsamen und kritischen Begleitung des entstehenden Manuskripts durch das Lektorat von Maria Matschuk. Ohne sie wäre manche Fundstelle im Dunkel geblieben und manches Buch nicht gelesen worden. Die Liste wäre zu lang, um alle aufzuführen, die geholfen und geraten haben. Die es betrifft, wissen, wie viel ich ihnen schuldig bin. Aber: Meine Tochter Judith von Sternburg hat meine Feuchtwanger-Abenteuer über Jahre hinweg klug, eingreifend, zeitaufwendig und mahnend begleitet. Sie weiß, was mir das in schweren Tagen bedeutet hat. Für ihre Treue danke ich ihr von Herzen.

Wiesbaden, im April 2014

Wilhelm von Sternburg

Der Schriftsteller L. F. war 19mal in seinem Leben vollkommen glücklich und 14mal abgründig betrübt. 584mal schmerzte und verwirrte ihn bis zur Betäubung die Dummheit der Welt, die sich durch keine Ziffer ausdrücken läßt. Dann wurde er dagegen abgestumpft. Sehr genau erkennend, daß Leistung sich nicht deckt mit Erfolg und daß der Mann sich nicht deckt mit der Leistung, würde er, falls man ihn fragte: »Bist du einverstanden mit deinem bisherigen Leben?«, erwidern: »Ja. Das Ganze nochmal.«

Lion Feuchtwanger, 1935

KAPITEL 1

Sie waren ausgesprochene Bajuwaren

Herkunft und Familie

Erste Spuren führen ins 16. Jahrhundert. Es ist die Zeit des großen Aufbruchs, es beginnt die Epoche, die die Historiker später unter dem Begriff »Neuzeit« einordnen werden. In der alten Welt hat der Rebell aus Wittenberg die Grundfeste der jahrhundertealten Ordnungsmacht erschüttert. Die Papstkirche, innerlich längst verfault und ein Spielball in den Händen der weltlichen Mächte, droht zunächst unter den schonungslosen Anklagen der Reformatoren fast ohne Gegenwehr zusammenzubrechen. Der Mönch Martin Luther hat eine Revolution bewirkt.

Auch in Mittelfranken, dem Herrschaftsgebiet der Landgrafen von Nürnberg, erheben sich die jahrhundertelang unterdrückten und geschundenen Bauern gegen ihre hochmütigen Herren, unterliegen aber schließlich in einem langen blutigen Gemetzel. Im kleinen Städtchen Feuchtwangen an der Sulzach hat man Glück. Eine Hinrichtung auf dem Marktplatz, willkommene Unterbrechung eines träge geregelten Alltags – mehr bekommen die Bürger von den Stürmen der Zeit nicht mit. Als zwanzig Jahre später die Truppen Karls V. im Schmalkaldischen Krieg plündernd durch Süddeutschland ziehen, kommen die Feuchtwangers ebenfalls glimpflich davon. Schlecht ging es ihnen im Übrigen auch vorher nicht. Ein Benediktinerkloster, im 9. Jahrhundert gegründet und ab 1197 sogar ein Chorherrenstift, brachte ihnen das notwendige Auskommen. Die Mönche, Kinder ihrer Zeit, waren längst verlottert und dem Sinnlich-Weltlichen zugetan wie jeder andere.

Zu den Einwohnern Feuchtwangens zählten einige jüdische Familien. Das war nichts Besonderes. Juden hatten sich überall dort in den christlichen Reichen Europas niedergelassen, wo Grafen und Fürsten, Könige und Kaiser es ihnen gestatteten. In der Regel gegen eine beträchtliche Bezahlung. Immer wieder auch wurden sie verjagt. Es gab Schlimmeres. In Zeiten der Pest und des Hungers suchten die verzweifelten Menschen nach Gründen für den Zorn ihres Gottes. Waren da nicht die Hostienschänder und Entführer christlicher Kinder, die in grausigen Ritualmorden bereits den künftigen Sieg über die Christen feierten? Ein paar Worte genügten oft, und wie in einem Rausch zogen die Menschen in die Viertel der Juden. Sie erschlugen Männer und Frauen, Greise und Kinder. 1543 erscheint Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen«. Ein böses Pamphlet, das die Vorurteile seiner Zeit demagogisch verwertet und die alten Verleumdungen erneuert. »Darum wisse du, lieber Christ, und zweifle nicht daran, dass du nächst dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind habest als einen rechten Juden, der mit Ernst Jude sein will.«1 Eine schlimme Schrift für die Juden, deren Reichsschutz durch die zunehmende Entmachtung des Kaisertums ohnehin beträchtlich gesunken ist. Luthers Worte, wie auch die der katholischen Kirche, bescherten vielen Christen sogar ein gutes Gewissen, wenn sie die Judenviertel stürmten und niederbrannten.

Im mittelfränkischen Feuchtwangen beginnt die Leidenszeit der jüdischen Einwohner ebenfalls nach 1550. »Markgraf Georg Friedrich erfüllte die Wünsche des Landtags …: Im Oktober 1560 hatte er die Vertreibung der Juden befohlen; Pfingsten 1561 sollte das Land geräumt sein.«2 Ein Pogrom soll die Feuchtwangener Juden bereits 1555 aus der Stadt vertrieben haben. Die Verjagten finden Unterschlupf in Schwabach bei Nürnberg und im oberpfälzischen Sulzbürg. Andere verschlägt es nach Pappenheim im Altmühltal.

Drei Brüder fliehen mit ihren Familien in die nächstgelegene Judensiedlung im bayerischen Fürth. Zwei der Brüder werden unterwegs von vagabundierenden Volkshaufen gelyncht. Die anderen können sich unverletzt zur Fürther Judengemeinde durchschlagen. Fortan nennen sich die Überlebenden dieser Gruppe die »Feuchtwanger«. Ebenso übrigens wie die Leidensgefährten in Schwabach, Sulzbürg und Pappenheim.

Lion Feuchtwangers jüngerer Bruder Martin schreibt in seinen Erinnerungen: »Ich wurde in München geboren, mein Vater wurde in Fürth in Bayern geboren, und sein Vater auch in Fürth und dessen Vater ebenfalls in Fürth. Wahrscheinlich auch der Urgroßvater und wahrscheinlich auch der Ururgroßvater.«3 Es sind also die Fürther Feuchtwangers, von denen der Schriftsteller Lion Feuchtwanger abstammt.

Der Erste, von dem die Familiengeschichte knapp berichtet, ist der »Handelsmann« Jakob Löw Feuchtwanger. Er stirbt 1809. Sein Sohn Seligmann, der sich wie fast alle Erstgeborenen der Familie hebräisch Aaron Meir nennt, heiratet die 1799 in Wallerstein geborene Fanny Wassermann, Tochter des Geldwechslers und Tuchhändlers Amschel Elkan Wassermann.

Der erfolgreiche Kaufmann gründet Mitte des 19. Jahrhunderts in Bamberg eine Bank, die in den kommenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten privaten Bankhäuser Bayerns aufsteigt. Sein Schwiegersohn Seligmann Feuchtwanger ist Inhaber eines angesehenen Silber- und Messingwarengeschäftes, und das Ehepaar hat 18 Kinder. »Über Seligmann Feuchtwanger wird weiterhin berichtet, dass er zeitlebens sehr stolz darauf war, dass seine Kinder niemals Hunger leiden mussten und für alle immer genug Brot im Haus war.«4 Die Familienlegende erzählt von einem bescheidenen Mann, der sein Geschäft schloss, wenn die Wochenausgaben verdient waren, und dessen Frau das in die Ehe mitgebrachte schwarze Seidenkleid bis zu ihrem Tod bei allen festlichen Gelegenheiten trug.

Der älteste Sohn Seligmanns, Jakob Löw, ging nach seiner Lehrzeit im Bankhaus Wassermann um 1840 herum nach München, drei seiner Brüder folgten ihm nach. Die Niederlassung von Juden unterlag damals noch strengen Auflagen. »Bis 1861 hatte in Bayern das Gesetz über die Judenmatrikel Geltung, wonach nur ein Abkömmling sich ansässig machen und einen Erwerb ergreifen durfte. Die übrigen Kinder mussten anderswo ihr Glück suchen.«5 In der Stadt an der Isar lebten zum Zeitpunkt der Umsiedlung von Jakob Löw Feuchtwanger rund 1400 Juden. Mitte des 19. Jahrhunderts war München in Sachen Gewerbefreiheit ziemlich rückständig, aber die wirtschaftlichen Träume der Feuchtwanger-Brüder erfüllten sich rasch. Jakob, Elkan, Moritz und David legten die Wurzeln für den Wohlstand und die bürgerliche Reputation des immer größer werdenden Münchner Feuchtwanger-Clans. Einer der Seligmann-Söhne, Abraham, hielt 1848 auf den Münchner Barrikaden hitzköpfige politische Reden und wurde ins Gefängnis geworfen. Er starb, wie 70 Jahre später sein Großneffe Lion, 1888 in Amerika.

Jakob Löw heiratete eine wohlhabende Frankfurter Bankierstochter und gründete 1857 das schnell erfolgreich arbeitende und bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten als unabhängige Privatbank geführte Münchner Geldhaus J. L. Feuchtwanger. Sein Bruder Moritz wurde Teilhaber. Elkan und David Feuchtwanger errichteten in den 1880er Jahren im Münchner Stadtteil Haidhausen eine Magarine- und Kunstbutterfabrik, die schon bald mehrere ausländische Filialen besaß. Die Geschäftskontakte reichten bis Ägypten.

Der Fabrikant Elkan, 1823 geboren, war das vierte der 18 Kinder Seligmanns. Seine Frau Sarah Fürther kam aus Pappenheim, wo ebenfalls seit 300 Jahren Juden mit dem Namen Feuchtwanger lebten. Elkan und Sarah hatten sieben Kinder. Das älteste wurde am 2. März 1854 geboren. Sie nannten es Sigmund, hebräisch Aaron Meir. Es war der Vater des Schriftstellers Lion Feuchtwanger.

Die Feuchtwangers sind innerhalb von zwei Generationen in das bayerische Bürgertum aufgestiegen. Sie sind überaus erfolgreiche Bankiers und Kaufleute. An der Wende zum 20. Jahrhundert besuchen die Söhne vielfach die Universität und arbeiten als Ärzte und Rechtsanwälte, Verleger und Schriftsteller. Einige Frauen der Familie gehören zu den Pionierinnen der weiblichen Emanzipation und des Zionismus in Deutschland. Die »nach München, besonders seit 1861 zugewanderten Familien«, wird Lion Feuchtwangers Bruder Ludwig 1937 mit Blick auf die jüdischen Stadtbewohner festhalten, »haben eine erstaunliche Zahl tüchtiger Großkaufleute, Industrieller, Bankleute, ausgezeichneter Kunsthändler, erfindungsreicher und schaffensfroher Anreger neuer Handels- und Erwerbszweige, die an Münchens Aufschwung ihren redlichen Anteil hatten, hervorgebracht; dazu kam eine Reihe bedeutender Mediziner, Juristen, Gelehrter und Staatsbeamten«6.

Die weitläufigen Familienbande der Feuchtwangers bleiben eng. Droht einem von ihnen materielles Unglück, wird er von der Familie aufgefangen. Auch der wohlhabende Schriftsteller Lion Feuchtwanger steht später in dieser Tradition und unterstützt in den schweren Jahren der Vertreibung durch die Nationalsozialisten mehrere seiner im Exil lebenden Geschwister durch regelmäßige Zahlungen. Die männlichen Feuchtwangers arbeiten häufig in gemeinsam geführten Geschäftsunternehmen. Die ehelichen Verbindungen werden meist nicht ohne Blick auf die geschäftlichen Hintergründe geschlossen. Ihrem jüdischen Glauben bleiben fast alle Feuchtwangers sehr bewusst treu, konfessionelle Übertritte eines ihrer Angehörigen sind nicht bekannt. »Die Feuchtwangers gehörten einem orthodoxen Judentum an, das nicht nur die Emanzipation und die deutsche Kultur eindeutig bejahte, sondern auch den Anschluss an die deutsche Staatsnation bewusst vollzog, sich eindeutig zu den damit verbundenen Rechten und Pflichten bekannte.«7

Das Jahr 1933 bringt auch für diese Familien das brutale Ende des Traumes von der deutsch-jüdischen Gemeinschaft. Seit Jahrhunderten in Bayern ansässig, werden ihre Mitglieder in alle Welt verstreut. Sie fliehen nach Palästina und Amerika, nach England und Frankreich und bauen sich dort neue Existenzen auf. Nachkommen des Feuchtwanger-Clans leben noch heute in Israel, in den USA und in England.

Wie seine Vorfahren wurde Sigmund Feuchtwanger Kaufmann. Aber es gab einen entscheidenden Unterschied: Er wuchs bereits in einem materiell gesicherten Haushalt auf. Nach seiner Ausbildung übernahm er die Filiale des väterlichen Unternehmens in Kairo und wurde nach dem Tod des Vaters gemeinsam mit zwei seiner Brüder 1902 Eigentümer der Margarinefabrik »Saphir Werke«, die er bis zu seinem Tod 1916 leitete.

Sigmund Feuchtwanger fühlte sich dem deutschen Bürgertum zugehörig und setzte, wie viele seiner Glaubensbrüder, auf eine allmähliche gesellschaftliche Assimilation der Juden. Er sprach wie alle Münchner Feuchtwangers – und das waren schließlich etwa 300, in ganz Bayern gab es über 600 Feuchtwangers – ein breites, kräftiges Bayerisch. Sohn Martin schreibt: »Er sagte nicht: ›Halte deinen Mund.‹ Sondern: ›Halt die Goschen.‹ Er sagte nicht: ›Was gibt es heute Schönes zu speisen?‹ Sondern: ›Was hamm mer denn heit zum Essen.‹«8

Er nahm die Vorschriften seiner Religion ernst, beteiligte sich aktiv am jüdischen Gemeindeleben und hoffte darauf, dass seine Kinder sich nicht dem jüdischen Glauben entfremdeten. Sohn Martin hält fest: »Für meinen Vater war die jüdische Religion die Welt. Orthodox zu sein, den Zaun nicht zu durchbrechen, hielt er für eine selbstverständliche Pflicht.«9 Der Sabbat wurde in der Familie Feuchtwanger geachtet, der Synagogenbesuch war Pflicht für alle, und es wurde koscher gekocht. »Kinder aus jüdischen, aber nicht orthodoxen Familien sah mein Vater nicht gerne«, schreibt Martin Feuchtwanger. »Gegen den Verkehr mit Christenkindern dagegen hatte er nichts einzuwenden. Am Freitagabend und am Ausgang des Samstags segnete er uns Kinder. Er legt die Hand auf unseren Kopf und sprach einen hebräischen Segensspruch.«10

Der älteste Sohn Lion wird später auch auf die Enge hinweisen, die durch die streng orthodoxe Erziehung seine Kindheit mitbestimmte: Meine Eltern hielten darauf, daß ich die umständlichen, mühevollen Riten rabbinischen Judentums, die auf Schritt und Tritt ins tägliche Leben eingreifen, minutiös befolgte. Die strenge Einhaltung der Speisegesetze und der Sabbat-Gesetze, die vielen langen täglich zu verrichtenden Gebete, der sehr häufige Synagogenbesuch, die zahllosen, umständlichen Gebräuche spannten das Leben in einen verzweifelt engen Rahmen. Auch mußte ich unter der Leitung eines Privatlehrers täglich mindestens eine Stunde dem Studium der hebräischen Bibel und des aramäischen Talmuds widmen.11 Zwänge, die dann bald zu den ersten Vater-Sohn-Konflikten führen sollten.

Sigmund Feuchtwanger hatte nicht allzu viel Interesse an seinem Unternehmen. Seine Liebe gehörte der jüdischen Literatur und dem Disput über theologische Auslegungsfragen, den er meisterhaft beherrschte. Seine Sammlung althebräischer Werke war wertvoll und bedeutend. Sehr bürgerlich für die damalige Zeit war ein anderes Hobby des Fabrikanten: das Briefmarkensammeln.

Zeitgemäß für das deutsche Bildungsbürgertum war auch Sigmund Feuchtwangers starkes Interesse für die Werke Goethes, Schillers und Shakespeares oder für die damals modernen Autoren Paul Heyse und Gerhart Hauptmann. Seine Vorliebe für Frank Wedekind war dagegen schon weniger typisch. Die Liebe des Vaters zur Literatur beeinflusste vor allem die beiden älteren Söhne Lion und Ludwig. Sie wuchsen mit Büchern auf.

Lions Eltern blieben – wie vor dem Ersten Weltkrieg nahezu alle in das Bürgertum aufgestiegene Feuchtwangers – politisch konservativ. Sie »waren kulturell nicht nur Deutsche, sondern ausgesprochene Bajuwaren. … Sie waren es auch politisch. Der Vetter, der Sozialdemokrat war, galt als weltfremder Idealist, der andere, der Pazifist, als ›Waschlappen‹. Man ging in den Keller und trank sein Bier zum mitgebrachten Abendessen, kraxelte auf die Berge, kannte die Museen wie die eigene Wohnstube und es war ›unser München‹, in dem auch der Jude aus Berlin als Landfremder galt.«12 Der Patriotismus – Großvater Elkan war 1866 stolzer Teilnehmer der Schlacht von Königgrätz – wurde nicht preußisch-kleindeutsch. Wenn Sigmund Feuchtwanger dabei mehr der nationalliberalen als der ultrakonservativen Seite zuneigte, dann aus der Erkenntnis, dass nur ein Aufstieg des Bürgertums auch der Emanzipation der deutschen Juden eine Chance bot. In der Arbeiterbewegung sah er nicht wie die meisten seiner bürgerlichen und konservativen Zeitgenossen den Klassenfeind, den zu bekämpfen die Pflicht des Staates sei. Dies wohl weniger, weil Sigmund Feuchtwanger ein besonders demokratisches Engagement verspürte, sondern aus einem tiefen, fast schon stur zu nennenden Gerechtigkeitsempfinden. Er war auf seine Weise – wie später der berühmte Sohn – ein Wahrheitssucher.

Für die Kinder war er Respektsperson und außerhalb der Mahlzeiten und der jüdischen Festlichkeiten weitgehend unsichtbar. Aber seine Freude an der Diskussion, sein großer Bildungsdrang machten ihn für seine Familie häufig zu einem großen Erzähler. »Er konnte uns Kindern am Mittag von der Verschiedenheit der Auslegungen von Hillel und Schamai erzählen und fünf Minuten später von der Tücke der Elisabeth gegenüber der Maria Stuart oder von den Schönheiten der versunkenen Glocke. Altjüdische Gelehrsamkeit und neue deutsche Literatur in einem Topf.«13

Im Wohnzimmer hing eine Lithographie, die Lessing, Moses Mendelssohn und Lavater zeigt. »Auch über dieses Bild sprach der Vater immer wieder lange und mit Begeisterung. Er erzählte von Lessing, wie Lessing gelehrt habe, daß alle Religionen, Judentum, Christentum und mohammedanische Religion, gleich wertvoll seien, er erzählte von Nathan dem Weisen und der Geschichte von den drei Ringen. Und an der Intensität seiner Ausführungen erkenne ich in der Rückerinnerung, daß es mit der Gleichheit und der Emanzipation doch noch nicht so weit her war und daß vielmehr der Wunsch der Vater des Gedankens war und daß mein Vater doch irgendwie darunter gelitten haben muß, daß der Jude als Paria angesehen wurde, daß er gelitten haben muß, obwohl er Vermögen und großes Einkommen, eine geachtete Frau, wohl geratene Kinder, ein angesehenes Haus hatte, und obwohl man ihm allgemein mit Achtung entgegenkam. Er fühlte, daß der andere fühlte, daß er nicht ganz dazugehörte, daß er ein Jude war, etwas Minderes.«14

Im August 1883 heiratet Sigmund Feuchtwanger die zehn Jahre jüngere Darmstädterin Johanna Bodenheimer. Es ist eine arrangierte Eheverbindung. »In jüdischen Häusern war es … auch später durchaus noch Sitte«, schreibt Rahel Straus, eine eingeheiratete Verwandte, in ihren Erinnerungen, »daß Eltern, Verwandte, Freunde der Familie oder auch berufsmäßige Heiratsvermittler kamen, um den oder jenen Mann für dies oder jenes junge Mädchen vorzuschlagen. Paßten dann die äußeren Bedingungen wie Familie, Beruf, Vermögen, Gesundheit, so gaben die Eltern des Mädchens die Zustimmung, daß der junge Mann zur ›Beschau‹ kam.«15

Johanna ist das Mitglied einer sehr wohlhabenden und streng orthodoxen Familie, deren Reichtum aus dem Getreide- und Kaffeehandel stammt. Vier Jahre später ehelicht Sigmunds Bruder Louis Johannas Schwester Sophie.

Johanna ist keine schöne Frau, ernst und ordnungsliebend. Sie wird neun Kinder gebären und den großen Haushalt führen. Ihre ständigen Auseinandersetzungen mit den Dienstboten, die von ihr ausdrücklich betonten Klassenunterschiede zwischen Personal und Herrschaft fordern von dem gebildeten, menschenfreundlichen Ehemann wohl mehr als einmal geduldige Nachsicht. »… wenn unsere Mutter gar zu sehr zankte«, erinnert der Sohn Martin, »dann sah man doch am Zucken seiner Augenlider, wie er unter dem Zanken litt.«16 Edgar Feuchtwanger, Enkelsohn Johannas und zwei Jahre vor ihrem Tod geboren, schreibt in seinen Erinnerungen, Lions Mutter habe in der Familie »den Ruf einer strengen und recht verbitterten Frau« gehabt.17 Später, als der älteste Sohn dem Münchner Bohemeleben zuneigt, findet er bei der Mutter wenig Verständnis. Die bürgerliche Reputation des Namens Feuchtwanger scheint ihr durch diesen Lebenswandel denn doch arg gefährdet. Johanna Bodenheimer wird ihren Mann um genau zehn Jahre überleben. Sie stirbt 1926.

KAPITEL 2

In der Früh nicht in der Synagoge gewesen, zur größten Verstimmung Papas

Kindheit und Jugend

Lion Feuchtwanger wird am 7. Juli 1884 in München geboren. Nach einem Brand zieht die Familie im Jahr 1886 von der Hildegardstraße in das Haus Annaplatz 2. Das stattliche Bürgerhaus im Münchner Stadtteil Lehel wird im Inferno der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs erheblich zerstört, steht aber noch heute. Gegenüber liegt die St.-Anna-Kirche; die Synagoge wenige Ecken weiter ist verschwunden. Vor der Jahrhundertwende ist dies auch die Wohngegend des wohlhabenden Bürgertums – nicht so exklusiv wie die Arcisstraße, wo sich die jüdische Gelehrtenfamilie Pringsheim ihr Stadtpalais errichtet hat, aber die Feuchtwangers wohnen standesgemäß. Der Annaplatz wird für Lion und seine Geschwister zur Heimat ihrer Jugend.

Rein äußerlich eine geborgene Kindheit. In den Straßen und Hinterhöfen spielen Juden- und Christenkinder, noch weitgehend unbeschwert von den Vorurteilen der Erwachsenen, miteinander. Alle haben die gleiche Angst vor dem »Herrn Gendarm«, der in seiner königlich-bayerischen Uniform herumstolziert, als säßen die »Saupreußen« noch immer auf ihren märkischen Sandböden. Und die Franziskanermönche, die vom Kloster zur St.-Anna-Kirche huschen, geben allen die Hand, ob Judenkind oder Christenbub. Die einen sagen dann »Gelobt sei Jesus Christ«, die anderen bleiben stumm.

Die Erziehung ist, lässt man einmal das Jüdisch-Religiöse beiseite, konservativ. Sauberkeit und Ordnung, Fleiß und Disziplin werden verlangt, oft nur um der Form willen. Aber es bleibt den Kindern die Freiheit der Wohlhabenden. Das Küchenmädchen wird gehänselt, der glatzköpfige Hauslehrer, Herr Wetzlar, geärgert und die täglich ins Haus kommende kleine verwachsene Schneiderin Mariechen und ihre Nähmaschine bestaunt. Ferienwochen an den bayerischen Seen oder in den Bergen. Eine bürgerliche Idylle?

Lion ist klein. Inmitten seiner recht groß gewachsenen Geschwister bleibt der Älteste körperlich unterlegen. Hinzu kommt eine auffallende manuelle Ungeschicklichkeit. Die Brüder und Spielkameraden hänseln ihn. Er zieht sich zurück, wird schüchtern und bleibt es sein Leben lang. Er baut sich seinen inneren Schutzwall auf. Geistig von rascher Auffassungsgabe, findet er in der Bibliothek des Vaters Ersatz für manche Kränkung. Lion liest viel und lernt leicht. Bald fühlt er sich den Gleichaltrigen geistig überlegen und ist es wohl auch. Fragt man ihn etwas, antwortet er ziemlich arrogant: »Das verstehst du doch nicht.« Die Mutter bleibt ihm gegenüber kühl. Eine viktorianische Kindheit. Seine Romanfigur Flavius Josephus bemerkt einmal über die eigene frühe Jugend: Er war selber ein altkluges Kind gewesen, schnell erwachsen, und dachte nicht gern an seine frühe Jugend.18 Ein Stück Selbstbiographie spiegelt sich zweifellos in diesem Satz wider.

Die Volksschule in seinem Viertel war einklassig und derb. Klassenunterschiede gab es hier nicht, und ein Jude war israelitisch, ein Christ katholisch, altkatholisch oder protestantisch. Ich war ein guter Schüler.19 Aber der scheue Knabe leidet zum ersten Mal an seinem Judentum. Wie seine Geschwister und Vettern darf er am Sabbat zur Schule gehen, im Unterricht jedoch nicht schreiben. Beim Umziehen in der Turnstunde wird der kleine Miniaturgebetsmantel, der Arba Kanfot, sichtbar. Nur besonders fromme Juden tragen ihn ständig unter der Kleidung. Lion fühlt sich als Außenseiter. Im Rückblick schreibt er Jahrzehnte später: Wiewohl ich mich mit meinen Schulkameraden gut vertrug und wiewohl wir zu Hause unser Deutsch mit dem gleichen breiten, kräftigen bayrischen Akzent sprachen wie alle anderen und am bayrischen Leben teilnahmen, soweit das die jüdischen Bräuche eben zuließen, fand ich mich von früh an gründlich verschieden von den anderen. Von meinen Eltern trennten mich tiefe und jugendlich hochmütige Zweifel an ihren Bräuchen und Meinungen, von meinen Lehrern und Kameraden trennte mich meine Vertrautheit mit allem, was jüdische Theologie anging.20

Es kommt zum ersten Konflikt mit dem Vater. Lion lehnt sich gegen die orthodoxe Erziehung auf. Von meinem zehnten Lebensjahr an tauchten mir Zweifel auf, ob es Sinn habe, jene Riten zu befolgen, die das Leben so ungeheuer beschwerten und mich zum Gespött meiner Mitschüler machten.21 Für Sigmund Feuchtwanger der Beginn einer tiefen Enttäuschung. Nie wird er seine Kinder mehr ganz verstehen können, die nach und nach ihre Strenggläubigkeit verlieren. Vor allem im Verhältnis zu Lion entsteht eine Kluft, die Vater und Sohn bald nicht mehr überbrücken können. Das Tagebuch spiegelt dies häufig wider. So heißt es am 17. Januar 1907: Abends Religionsgespräch mit Papa. Hier führt kein Weg.22 Oder am 12. September 1909: In der Früh nicht in der Synagoge gewesen trotz der ›Bußtage‹, zur größten Verstimmung Papas.

Es spricht für den Vater, dass er dem Sohn später die finanzielle Unterstützung nicht entzieht, bis dieser sie selbst zurückweist. Mein Vater war interessiert an Geschichte, an klassischer Literatur, am Theater, an bibliophilen Dingen, und es war ihm recht, daß ich schon früh entschlossen war, kein Brotstudium zu wählen, sondern Literaturgeschichte zu betreiben.23 Den großen literarischen Ruhm des Sohnes sollte Sigmund Feuchtwanger nicht mehr erleben, dem Weg dorthin stand er keineswegs verständnislos gegenüber. Nicht ohne Stolz nahm er noch die ersten wissenschaftlichen und literarischen Erfolge zur Kenntnis. Trotzdem, Lion bleibt der verlorene Sohn.

Das Auseinanderleben in der Familie Feuchtwanger lässt sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in zahlreichen jüdischen und christlichen Häusern beobachten. Vor allem in den orthodoxen jüdischen Familien hinterlässt die Säkularisierung im Denken der heranwachsenden Generation tiefe Spuren. »Die altjüdische Lebensweise sah man in den weitesten Kreisen der Münchener Juden als rückständig, unzeitgemäß und altfränkisch an; bei aller Wahrung der Pietät und des juste milieu – Jahrzeit, Friedhof, Bar Mizwah, religiöse Trauung, die hohen Feiertage blieben bei würdiger Haltung und unantastbarer Geltung wollte man nicht anders sein als die Umgebung, ein geachteter, weltläufiger Mitbürger und Patriot, für den öffentliche Auszeichnung, Titel und Rang genau das Gleiche bedeuteten wie der nichtjüdischen Umwelt.«24 Lions Jugend wird von diesem Konflikt mitbestimmt.

Hans Dieter Hellige meint mit Blick auf den Vater-Sohn-Konflikten in jüdischen Kaufmannsfamilien, »daß zwischen Generationskonflikt und Aufbegehren gegen kapitalistische Zweckrationalität sowie dem Drang zu einem künstlerischen, zweckfreien Beruf zwar kein Automatismus, aber doch ein struktureller Zusammenhang besteht, zeigt der Umstand, daß unter den deutschen Schriftstellern der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Söhne von Kaufleuten, Bankiers und Unternehmern und unter diesen eindeutig die jüdischen überrepräsentiert sind …«25

Stefan Zweig, Hugo von Hofmannsthal, Carl Sternheim, Maximilian Harden, Walther Rathenau, Egon Friedell, Bruno Frank, Kurt Tucholsky und eben Lion Feuchtwanger – eine beachtliche Namensliste, die diese These bemerkenswert erscheinen lässt. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass nicht nur Lion die Übernahme der Fabrik des Vaters ablehnt, sondern auch die ihm altersmäßig folgenden Brüder Ludwig und Martin.

Die Auseinandersetzung mit dem Vater griff auch tief in das Leben nichtjüdischer Bürgerfamilien ein. Thomas Mann hält 1930 fest: »Wie oft im Leben habe ich mit Lächeln festgestellt, mich geradezu dabei ertappt, daß doch eigentlich die Persönlichkeit meines Vaters es sei, die als geheimes Vorbild mein Tun und Lassen bestimme.«26 Der Generationskonflikt ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Aber die Form, in der er ausgetragen wird, und seine psychischen Auswirkungen hängen entscheidend von den gesellschaftlichen Strukturen ab.

Das Ende des 19. Jahrhunderts ist bereits von einem tiefen Umbruch gekennzeichnet. Der Bau der Eisenbahn und die Erfindung der Dampfmaschine hatten die in Jahrhunderten gewachsene regionale Zusammengehörigkeit zerstört und die sozialen Umwälzungen die alten Klassenverhältnisse nachdrücklich in Frage gestellt. Millionen Menschen haben ihre Heimat verlassen, um in den neu entstandenen Industriezentren und Großstädten des Kaiserreiches Arbeit zu finden. 1878 – die Bismarck’schen Sozialistengesetze werden diskutiert – lässt Innenminister Graf Eulenburg protokollieren: »In der Familie, in der Gemeinde, im Staat, überall trete Opposition nicht als berechtigte Kritik, sondern als Auflehnung gegen menschliches und göttliches Gesetz unter Verhöhnung der Religion auf.«27 Die Autoritäten des bürgerlichen Zeitalters stehen vor der Abdankung. Die Söhne spüren dies zuerst, die Väter wehren sich ohne Überzeugung und tief verunsichert.

Lion Feuchtwanger hat sich später fast nie über die Trennung vom Elternhaus geäußert. In seinem Inneren aber hinterließ sie deutliche traumatische Spuren. In beinahe allen seinen Romanen gewinnt das Vater-Kind-Verhältnis eine unübersehbare dramaturgische Bedeutung. Der Verlust des Kindes wird zur Tragödie vieler seiner »Helden«, zum Scheitelpunkt ihrer Existenz. Der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus erwacht erst aus seinem »kosmopolitischen« Traum von einem Leben zwischen Römern und Juden, als seine Söhne für ihn verloren sind (Josephus-Romane). Der Münchner Rechtsanwalt und SPD-Politiker Siegbert Geyer zerbricht an der unerwiderten Liebe zu seinem gestrandeten unehelichen Sohn (Erfolg). Der Möbelfabrikant Martin Oppermann muss hilflos miterleben, wie sein einziges Kind durch die Demütigungen eines Nazilehrers in den Selbstmord getrieben wird (Geschwister Oppermann). Sepp Trautwein, dessen Frau am Exilleben verzweifelt ist, bleibt vereinsamt zurück, als der Sohn Hanns in die Sowjetunion geht (Exil). Der alte Benjamin Franklin wird im Augenblick seines diplomatischen Triumphes getroffen vom Verrat seines Sohnes William an der amerikanischen Revolution (Die Füchse im Weinberg). Der württembergische Hofjude Süß Oppenheimer, der königlich-spanische Ratgeber Jehuda Ibn Esra (Die Jüdin von Toledo) und der alttestamentarische Richter Jefta aber bringen ihre geliebten Töchter zum Opfer, weil sie sich von ihrem hochmütigen Aufbegehren gegen eine Welt der Dummheit und des Mittelmaßes, von ihrem steilen, scheinbar unerschütterlichen Aufstieg zur Macht blenden lassen.

Noch eines weist auf tiefenpsychologische Zusammenhänge zwischen Leben und Werk Feuchtwangers in diesem Punkt hin. Nach seiner Eheschließung 1912 wird er Vater einer Tochter. Sie stirbt nach wenigen Wochen. Marta Feuchtwanger schreibt in ihren Erinnerungen: »Das Kind von Lion Feuchtwanger und mir liegt in dem ländlichen Friedhof von Pietra Ligure begraben. Auf dem Grabstein hat Lion den Spruch meißeln lassen: ›Aliena in terra sub terra aliena‹ [In fremdem Lande unter fremder Erde]. Er war wieder in die Trostlosigkeit seiner Münchner Jahre verfallen.«28 Der Verlust von Vater und einzigem Kind ist für Lion Feuchtwanger zu einer der entscheidenden Konstanten in seinem Werk geworden.

Kehren wir wieder zurück in das Haus am Annaplatz und in das Jahr 1894. Lion Feuchtwanger kommt wie drei seiner Brüder auf das Münchner Wilhelmsgymnasium. Auch hier hat Lion keine Lernschwierigkeiten, allenfalls langweilt er sich in einem streng reglementierten Paukunterricht. 1933 spottet er: Ich wurde humanistisch erzogen, lernte lateinische und griechische Syntax, auch viele Zahlen aus der antiken Geschichte. Es war eine pedantische, nüchterne Ausbildung, ohne Zusammenhang mit dem realen Leben, ohne Sport, konservativ, patriotisch. Man lernte Mathematik und Verslehre nach der gleichen Methode, man lernte nach strengen Gesetzen deutsche, lateinische und griechische Verse schreiben.29 Aber das Gymnasium blieb das Tor zum sozialen Aufstieg. Es berechtigte zum Universitätsstudium, wer die »Matura« schaffte, konnte mit einer relativ gesicherten Berufsexistenz rechnen. Wer die Schulmütze eines Gymnasiums trug, besaß später zudem das Privileg, sein Patent als Reserveoffizier zu erdienen, was im wilhelminischen Staat dem gesellschaftlichen Prestige nachdrücklich zugutekam.

Das Wilhelmsgymnasium hatte in München einen guten Ruf und noch manchen namhaften Zögling wie etwa die spätere Ehefrau von Thomas Mann, Katia Pringsheim, die dort mit glänzendem Ergebnis ihr externes Abitur ablegte, oder Johannes R. Becher, der in den 1920er Jahren als expressionistischer Lyriker und nach 1954 als Kulturminister der DDR bekannt wurde. Einige Jahre besuchte auch der spätere Reichsführer SS Heinrich Himmler diese Eliteschule. Sein Vater Gebhard Himmler war Rektor eines humanistischen Gymnasiums in München, das den Namen des bayerischen Königshauses trug.

Der Schüler Lion Feuchtwanger bleibt von den pseudopädagogischen Ritualen seiner Gymnasiastenzeit nahezu unberührt. Im Rückblick ist das Gymnasium für ihn die Stätte einer prüden Ausbildung, in der Disziplin, Würde, gipserne Antike, Heuchelei herrschte.30 Wenn er überhaupt daran zurückdenkt, dann mit viel Ironie: Er [der Schriftsteller L. F.] wurde von insgesamt 98 Lehrern in 211 Disziplinen unterrichtet, darunter waren Hebräisch, angewandte Psychologie, Geschichte der oberbayerischen Fürsten, Sanskrit, Zinseszinsrechnung, Gotisch und Turnen, nicht aber waren darunter englische Sprache, Nationalökonomie oder amerikanische Geschichte. Der Schriftsteller L. F. brauchte 19 Jahre, um von diesen 211 Disziplinen 172 vollständig in seinem Gedächtnis auszurotten. Es wurde im Laufe seines Unterrichts der Name Plato 14203mal, der Name Friedrich der Große 22641mal, der Name Karl Marx keinmal genannt.31 Auch in seinem Roman Erfolg findet der Leser den spöttischen Hinweis, dass der weitaus größte Teil des Lehrstoffs in den Schulen der Kinder für das praktische Leben nicht verwendbar (war).32

Allerdings, die Leichtigkeit dieser Sätze darf nicht täuschen, Lion Feuchtwanger lernte hart. Die Schule forderte einen hohen Leistungseinsatz, und der Vater ließ nicht locker: … ich (mußte) unter der Leitung eines Privatgelehrten täglich mindestens eine Stunde dem Studium der hebräischen Bibel und des aramäischen Talmuds widmen.33 Er weiß diese Lernstrapazen allerdings später zu würdigen. Rückblickend finde ich übrigens, notiert er 1954, daß mir die frühe Erlernung des Hebräischen geholfen hat, vielfältig zu denken und zu reden, und daß das frühe Studium des fremdartigen Lebens, das sich in der Bibel und im Talmud entfaltet, mir Verständnis gab für viele Lebensäußerungen, die mir sonst unverständlich geblieben wären.34 Freiheit gab es jedoch nur in den Ferien, Unbeschwertheit bei den damaligen Freuden der Jugend des Landes Bayern: Ausflüge, Schwimmen und Rudern in den Alpenseen, Bergsteigen und Rad fahren. Martin Feuchtwanger schwärmt später: »Parkanlagen, Wälder, Wiesen, Flußufer, Seen – … es war eine andere Welt, aber jeder empfand ihre Schönheit. … Für mich und meine Geschwister und meine Freunde war das Herumstrolchen in Wäldern, das Bergsteigen, die Beobachtung von Tieren, das Schwimmen etwas Beglückendes, etwas Befreiendes, eine schönere Welt.«35 Johanna Feuchtwanger verbrachte die Ferienwochen mit den Kindern häufig in Starnberg oder Kochel. »Auf zwei oder drei großen Wagen wurden Betten, Küchengerät, Eßgeschirr, tausend Kleinigkeiten aufgeladen. Und die Wagen fuhren mit einigen von den Kindern, einem oder zwei Arbeitern der Fabrik nach Starnberg. Und die Mutter und der Rest der Kinder fuhren mit der Lokalbahn hinterher.«36 Der Fabrikdirektor Sigmund Feuchtwanger kam meist nur zu den Wochenenden hinaus zur Familie.

Die Schulakten zeigen deutlich, dass der Schüler Lion allen späteren Stilisierungen zum Trotz kein Empörer war. Beim Durchblättern der schulischen Beurteilungen fällt dem Leser sehr leicht der Begriff Musterschüler ein. »Er hat in allen Lehrfächern mit Ausnahme der Geschichte anerkennenswerten Eifer und Fleiß gezeigt und den Unterricht mit reger Teilnahme befolgt«, heißt es in einem Zwischenurteil seiner Lehrer. »Seine Leistungen waren daher meist recht wohlbefriedigend. Sein Betragen ist vollkommen tadellos gewesen.«37 Auffallend in dieser Beurteilung ist, dass der als Meister des historischen Romans gefeierte Schriftsteller offenbar mit dem Geschichtsunterricht zunächst recht wenig anfangen konnte. An anderer Stelle ist zu lesen: »Der Schüler ist im Laufe des Schuljahres mehr und mehr aus sich herausgegangen und zutraulicher geworden, nicht zum Nachteil seiner Leistungen und deren Beurteilung. Er hat ein tief angelegtes Gemüt und feinbesaitete Gefühlsnerven.«38 Die strenge Disziplin, die die Schule von ihm verlangte, beurteilte Feuchtwanger später positiv. Was ich dieser Schule verdanke, war die rechte Wertung und Würdigung des Methodischen, der gründlichen Planung bei jeder geistigen Arbeit.39

In seine Gymnasiastenzeit fallen auch die ersten literarischen Versuche. Die häusliche Bibliothek und die Theaterbegeisterung des Vaters wecken immer stärker sein Interesse, geben wichtige Hinweise. Sehr bald fällt den Klassenkameraden das Formulierungstalent ihres ansonsten eher stillen Mitschülers auf. Meine deutschen Aufsätze beeindruckten meine Lehrer …40 Er wird ausgewählt, ein Festspiel zu Ehren des greisen Prinzregenten Luitpold zu verfassen, dessen 70. Geburtstag die Schule feiern will. Ich war damals 13 Jahre alt. Ich hatte eine leichte Hand, und es geriet ein schönes, allegorisches Spiel. Eine Büste des Regenten stand in der Mitte; Schüler des Gymnasiums umstanden sie und behaupteten, sie seien die Architektur oder die Dichtkunst …41 Es wurde ein Schülererfolg. Der Rektor lobte, der Regent schickte eine Auszeichnung, eine Zeitung druckte nach, und es gab ein Honorar.

Aber auch erste Zweifel. Als der Schulleiter ihm die Auszeichnung überreicht, empfindet der 13-Jährige Hohn und Scham. Der Gegensatz zwischen der von mir errichteten Gipsbüste des Regenten, die alle mir zu glauben vorgaben, und dem wirklichen, von allen gekannten Bild des Fürsten, eines kleinbürgerlichen, egozentrischen, rechenhaften, im übrigen nicht ungemütlichen alten Mannes, der Gegensatz also zwischen der offiziellen Wahrheit und der wirklichen, wurde mir Gegenstand meiner ersten erlebten Dichtung.42 Held dieses Versdramas ist – wie die Schulakten ausweisen – Athaulf, der 415 n. Chr. ermordete König der Westgoten und Nachfolger Alarichs.

Nicht von ungefähr erzählt der inzwischen weltberühmte Künstler von diesen in der Kindheit liegenden Erfahrungen mit seinen ersten schriftstellerischen Versuchen. Es sind fast immer ironische und selbststilisierende Rückblicke. Ein anderes Mal beteiligte ich mich, vertrauend auf meine formale Geschicklichkeit, an einem Preisausschreiben für ein Anglerlied, ohne daß ich je geangelt hätte, und gewann den zweiten Preis. Diese Geschehnisse ließen schon in jungen Jahren eine gewisse Skepsis in mir reifen.43

1

1   Geschäftsmann, bayerischer Patriot und Bücherfreund: Sigmund Feuchtwanger, der Vater des Schriftstellers (1854–1916).

2

2   Hausfrau, Kleinbürgerin und strenge Glaubenserzieherin: Johanna Feuchtwanger, die Mutter des Schriftstellers (1864–1926).

3

3   Mondäne Schönheit: Marta Feuchtwanger, Ende der 1920er Jahre in Berlin.

4

4   »The golden Twenties« im Berliner Lunapark, etwa 1927. Bertolt Brecht, Frank Warschauer, Lion Feuchtwanger, Eduard Diamant (von links) Lions Schwester Franziska, Marianne Brecht, Marta Feuchtwanger (von links).

5

5   Engagierte Republikaner: Carl von Ossietzky (Mitte links), der 1931 vom Reichsgericht zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, verabschiedet sich von den ihn geleitenden Berliner Schriftstellern und Journalisten im Mai 1932 vor der Strafanstalt in Berlin Tegel. Vorn links Lion Feuchtwanger.