Logo weiterlesen.de
Linkshänderland

Lara De Simone

titelseite

Der Auftrag

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich widme dieses Buch
meiner Mutter, für die Geduld und die Ruhe,
meinem Vater, für die Ausdauer und die Leidenschaft,
und Herta und Damiàn und Sarah und Merlin.

DIE ROTE AKTE

Frustriert knallte Jannik die Wohnungstür hinter sich zu, mit so viel Kraft, dass ein paar Fotos, die über dem Türrahmen hingen, zu Boden fielen. Er bückte sich, hob sie leise fluchend auf und hängte sie mehr schlecht als recht wieder an ihre Nägel. Dabei verwechselte er die ursprüngliche Reihenfolge der Bilder. Jetzt lächelte ein kleiner Junge mit strohblondem Haar schief auf ihn herab, von dort, wo vorher noch das letzte Urlaubsbild hing.

Wann war ich das letzte Mal im Urlaub?, fragte sich Jannik, ohne die Antwort wissen zu wollen, und ermahnte sich stattdessen: Ich sollte vorsichtiger mit der Tür sein.

Ein unschöner Sprung zerteilte eines der Fotos. Das von ihm und Annika. Es wunderte ihn, dass das Glas nicht schon früher zersplittert war.

Jetzt kann es auch kaputtgehen, dachte Jannik. Jetzt ist es auch egal. Es ist ja vorbei, das mit uns.

Offiziell war es nicht vorbei, aber der Umstand, dass Annika seit Wochen nicht mehr mit ihm redete, deutete Jannik als Zeichen der endgültigen Trennung.

Verstimmt ging er bis zum Ende des dunklen Flurs und öffnete die Tür zu seinem vollgestopften Arbeitszimmer. Hinter dem klapprigen Schreibtisch gab es zwar ein Fenster, doch das ließ nur wenig Licht herein. Zu viele gefährlich hohe Aktenstapel türmten sich auf dem Schreibtisch und versperrten dem Tageslicht den Weg. Das meiste Licht spendeten zwei Neonröhren an der Decke.

Auf der Türschwelle stieß er schmerzvoll gegen eine der Türangeln. Wieder fluchte er kurz und stolperte weiter zu seinem Schreibtisch. Neue Akten, die er von der Arbeit mitgenommen hatte, platzierte er auf den überladenen Tisch, dann ließ er sich in seinen Drehstuhl fallen.

Mit einer Mischung aus Zorn und Langeweile zog er einen wackligen Papierstapel zu sich heran. Formblätter auswerten, Aktenberichte und Bestellungen schreiben, das war alles, was sein Vorgesetzter ihm zutraute. Sah Jannik etwa aus wie seine persönliche Sekretärin? Wozu machte er überhaupt dieses verdammte Medizinstudium?

Außerdem, dachte Jannik, ist es sicher saugesetzwidrig, vertrauliche Daten auf Papier festzuhalten. Warum macht der das nicht digital? Dieser Arsch macht das nur, um mich zu quälen. Ich muss mir endlich einen anderen Betreuer suchen. Und mit der Masterarbeit anfangen.

Aber das machte Jannik nicht. Missmutig öffnete er stattdessen den ersten schwarzen Ordner, die Akte eines gewissen Gilbert Schweigerts. Jannik überflog die Blätter. Fehlfunktion im Out-Auge … sieht nur schwarz-weiß … langweilig. Die Akte kam auf den höchsten Stapel rechts. Der Nächste, bitte.

Eine sehr dicke Akte, mit der Inschrift »Gaetano Rocco« berichtete von einem sehr eigentümlichen Leiden: Immer wenn Herr Rocco etwas Rotes berührte, verbrannte er sich daran. Entweder eine psychosomatische Störung oder, um einiges wahrscheinlicher, es war abermals eine Störung des Out-Auges … na ja. Jannik legte die Akte auf den mittelhohen Stapel genau vor ihm.

Gleichgültig griff Jannik nach einem weiteren Ordner. Erst als er direkt auf den Einband des Ordners blickte, bemerkte er, dass dieser dunkelrot war. Schlagartig fiel jede Langeweile von ihm ab. Er schlug den Ordner so schnell auf, dass er den Aktenturm daneben fast zum Einsturz brachte, und begann zu lesen:

Bei obiger Person wurde festgestellt, dass sie Verkappte Linkshänderin ist. Im Alter von 13 Jahren hat sie einen Umfang L-0,1. Identifikationsnummer: 1492-7935-1701. Identifikationsnummer des Mentors: 0985-2042-2393. Hiermit wird sie in der St. Vincentius-Klinik angemeldet. Neues Augenpaar benötigt, Standardgröße. Bestellformular folgt.

Abgesehen vom Bestellformular war der rote Ordner leer. Jannik schielte auf den Namen:

Alexandra Beatrix Gertz.

Natürlich kannte er sie nicht. Schließlich war sie nicht aus seinem Sektor. Dennoch landete die Akte auf dem Stapel ganz links, dem niedrigsten von allen. Immerhin, Verkappte Linkshänder haben Vorrang.

Die restliche Arbeit war jedoch so öde wie immer. Und es war ein sehr großer Rest. Nach einer halben Stunde stumpfsinniger Bürokratie gönnte Jannik sich eine Pause. Er stand auf und blickte aus dem Fenster.

Sehr spannend war das nicht: Ein von Wolken abgedunkelter Himmel und eine regennasse Straße, das war auch schon alles, was man sehen konnte. Alles andere verhüllte ein dunstiger Nebel. Dennoch starrte er ein paar Minuten lang nachdenklich hinaus. Wirklich eine graue Aussicht, die sich ihm da bot. Er verengte seine Augen zu Schlitzen, um das Nachbarhaus durch den Nebel zu erspähen. Aussichtslos. Man konnte absolut nichts erkennen.    

Gerade wollte er sich abwenden, da glaubte er, aus den Augenwinkeln eine Bewegung ausmachen zu können. Doch als Jannik herumschnellte, um sich die Sache besser ansehen zu können, musste er feststellen, dass sie entweder schneller als er gewesen war oder gar nicht vorhanden.

Hab ich eigentlich zu wenig zu tun oder wieso stehe ich hier rum?, fragte sich der gewissenhafte Teil in ihm schneidend. Bevor er sich eine Ausrede zum Aufschieben überlegen konnte, riss ihn sein klingelndes Handy von diesem tristen Anblick los, das er ärgerlicherweise heute Morgen nicht hatte finden können. Voilà, seine Chance es wiederzufinden!

Jannik drehte sich auf dem Absatz um. Er rannte aus dem Zimmer ans andere Ende des kurzen Korridors hin zur Tür seines Wohn- und Schlafzimmers. Dem Klingeln folgend, fand er sein Handy schließlich unterm Bett. Es war ein Smartphone der älteren Generation, ein billiges Schrottteil mit einem leicht grünstichigen Display. Als Jannik abnahm, hatte der Anrufer schon aufgelegt.

»Verdammt«, murmelte er.

Doch als er auf die Anzeige blickte, um zu erfahren, wer angerufen hatte, war er froh, nicht abgenommen zu haben. Es war Herr Hackermann gewesen, sein Vorgesetzter. Wahrscheinlich hatte er angerufen, um Jannik noch mehr nutzlose Arbeit aufzubürden. Erleichtert legte Jannik das Smartphone weg. Gerade wollte er das Zimmer verlassen, als sein Handy abermals klingelte. Diesmal nahm er rechtzeitig ab.

»Jannik Nilsen«, meldete er sich.

»Hey, Kumpel! Kennst du mich noch? Hier ist Björn!«

»Björn?«, sagte Jannik. Das kam unerwartet. »Mann, das ist aber lange her! Wie geht’s dir?«

»Gut, gut«, sagte Björn, klang dabei jedoch ein wenig abwesend.

»Weißt du, ich hätte ja angerufen, aber ich hab dich aus den Augen verloren und irgendwie …«, sagte Jannik mit einem Anflug von Schuldgefühlen. Schon seit ein paar Jahren hatte er Björn nicht mehr gesehen. »Und, was macht das Leben?«

»Ach, nichts Besonderes. Mal ein Job hier, mal ein Job da …«

Jannik meinte eine Spur von Unruhe aus Björns Stimme heraushören zu können. Er kannte Björn aus der Schule. Björn hatte ihm damals, als angehender Jurastudent, kostenlose Nachhilfe gegeben. Anders als Jannik war Björn immer sehr fleißig gewesen. Dass Björn keinen festen Job hatte, wunderte ihn sehr.

»Und in der Realen?«, fragte Jannik.

»Da läuft’s ganz gut. Ich habe Julia endlich geheiratet und arbeite jetzt als Rechtsanwalt für Immobilienstreitigkeiten.«

Erneut vernahm Jannik diese Unruhe in seiner Stimme, diesmal deutlicher.

»Ihr habt geheiratet. Glückwunsch! Grüß Julia von mir«, sagte Jannik und war etwas verunsichert. »Aber wenn du es in der Realen so weit gebracht hast, warum findest du hier dann keine feste Stelle? Normalerweise achten die Leute doch auch auf deine Laufbahn in der Realen.«

»Nun, ich …«, setzte Björn an, dann brach er ab. Unbehagen lag in seinem Zögern. »Das ist eine lange Geschichte …«

Jannik grinste. »Aha! Wir haben doch nicht etwa was ausgefressen, oder?«, neckte er ihn.

»Hör mal, Jannik, können wir nicht woanders darüber reden?« Auf einmal klang Björn ernst. »Ich würde dich gerne treffen.«

»Okay«, sagte Jannik, irritiert durch den unvermittelten Stimmungswechsel. »Bist du in der Stadt?«

»Ja.«

»Gut dann …«, fing Jannik an, ohne zu wissen, wie er den Satz beenden sollte.

»Kennst du Bonnies Kneipe?«, unterbrach ihn Björn.

»Nein, nie gehört«, antwortete Jannik.

»Die liegt an der Kreuzung Q18. Sei heute Abend um zehn Uhr dort!«

Geistesgegenwärtig nahm Jannik das Handy vom Ohr und tippte die Adresse ein.

»Bonnies Kneipe, Q18, um zehn«, wiederholte er dann. »Alles klar. Aber willst du nicht lieber zu mir? Ich hab jetzt ’ne eigene Wohnung.«

»Nein, danke.«

»Äh … na gut, wenn du willst …«, sagte Jannik lahm.

»Ja, das wär mir lieber«, erwiderte Björn. »Also, bis dann!«

»Was?«, sagte Jannik, verwirrt durch das abrupte Ende des Gespräches, doch da hatte Björn schon aufgelegt. Eine Weile stand Jannik einfach nur da, dachte über das Telefonat nach. Ein seltsames Gespräch. Trotzdem. Er freute sich, Björn wiederzusehen.

Schweren Herzens ging er an seinen Arbeitsplatz zurück und nahm die mühselige Sortiererei wieder auf, wofür er dank seiner Unkonzentriertheit eine geschlagene Stunde brauchte. Als Jannik endlich alle Akten ihrer Wichtigkeit nach geordnet hatte, war es schon Viertel nach neun. Schnell verschwand er ins Bad und kam zehn Minuten später mit nassen Haaren und in seinen Freizeitklamotten wieder heraus. Hastig vergewisserte er sich, die Schlüssel eingesteckt zu haben, vergaß dabei erneut das Handy irgendwo und schlug die Tür hinter sich zu.

Stille herrschte in der kleinen Wohnung. Auf dem Schreibtisch lag immer noch die dunkelrote Akte auf dem niedrigsten Stapel ganz links. Nur eine Akte hatte Jannik obenauf gelegt. Sie enthielt einen Bericht über eine kritische Situation in einer Partnerklinik. Mögliche Entdeckung durch die Rechtshänder, Hochsicherheitsmaßnahmen sollten eingeleitet werden.

Von alldem ahnte Liam natürlich nichts. Warum sollte er auch, er kannte Jannik schließlich nicht. Während Jannik seine Wohnung verließ, um sich zu seiner abendlichen Verabredung zu begeben, saß Liam seelenruhig an seinem Frühstückstisch und kaute auf seinem morgendlichen Dinkelbrot herum. Jannik bewegte sich in einer Computersimulation. Seine Wohnung, sein Vorgesetzter, die Akten, die er sortiert hatte, sogar sein eigener Körper – alles bloß Projektionen in einer virtuellen Welt. Liam hingegen saß auf einem sehr wirklichen Stuhl, aß reales Mehrkornbrot mit Frischkäse und hörte tatsächliche Musik aus dem iPod in seiner Hosentasche.

Dennoch hatte er eines mit Jannik gemeinsam: Beide waren sie Linkshänder. Sowohl Jannik als auch Liam führten ein Doppelleben. Tagsüber in der realen, mit den Händen greifbaren Welt, und nachts im LHL, im Linkshänderland, einer Welt, die eingeweihte Linkshänder durchaus auch mit den Händen greifen konnten, allerdings handelte es sich dabei ebenfalls um virtuelle Hände. Bloß weil Liam gerade nicht eingeloggt war, hieß es nicht, dass er wie ein nichtsahnender Rechtshänder von dieser Lebenssimulation ausgeschlossen war. Er wusste um die Chips dicht unter seinem Schädel, auch Augen genannt, und er wusste, dass alle linkshändigen Menschen der Erde Zugang zum LHL hatten und er jederzeit mit ihnen interagieren konnte wie mit real existierenden Menschen.

Sich einzuloggen war das Einfachste auf der Welt, sogar Kleinkinder schafften das; man äußerte einfach in Gedanken den Wunsch, ins LHL zu gehen, und prompt war man eingeloggt. Gleiches galt fürs Ausloggen. Und wenn er wollte, konnte Liam sogar Teile beider Realitäten auf einmal wahrnehmen, zum Beispiel den Ton aus seiner Umgebung im LHL und das Bild seines realen Frühstückstisches. Diese Art der Aufmerksamkeitsteilung erforderte allerdings ein wenig Übung, und nicht alle Linkshänder waren gleich geschickt darin. Doch im Augenblick genügte es ihm, seine Linkshänderprojektion vor einen virtuellen Fernseher zu parken und in Ruhe sein reales Frühstück zu sich zu nehmen. Er war allein, aber es störte ihn nicht. Gedankenverloren sah er ein paar vertrocknete Blätter am Fenster vorbeiwirbeln. Seine Kopfhörer schirmten jedes Geräusch von außerhalb ab, sodass es sich fast so anfühlte, als wäre alles um ihn herum nur eingebildet.

Ein bisschen so, wie man sich fühlt, wenn man zu lange im LHL eingeloggt war, dachte Liam. Ihm war ein wenig mulmig zumute. Er spürte, dass etwas nicht stimmte, aber kam nicht darauf, was es war.

Plötzlich ertönte ein schrilles Pfeifen, das sich furchtbar mit der Musik biss. Und mit einem Mal erkannte er, was nicht stimmte. Überstürzt sprang er auf und stolperte zur Küchenzeile. Eine winzige Kaffeemaschine stand auf einer der großen Herdplatten, die man normalerweise zum Kochen einer Sechserportion Nudeln benutzte, und verspritzte kochendheiße Kaffeetröpfchen in alle Himmelsrichtungen. Seufzend trat Liam näher, um die Platte auszuschalten, sorgsam darauf bedacht, den umherfliegenden Tropfen auszuweichen. Wieder einmal hatte sein Vater den Kaffee vergessen, genauso, wie er vergessen hatte, sich von Liam zu verabschieden, bevor er zur Arbeit gehastet war.

Auf wundersame Weise gelang es Liam, den Herd auszuschalten, ohne sich zu verbrennen, und er setzte sich wieder an den Küchentisch, um seinen eigenen lauwarmen und ungefährlichen Instantkaffee zu schlürfen.

Doch kaum hatte er sich auf seinen Stuhl niedergelassen, als eine Bewegung draußen auf der Straße seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Haustür des Gebäudes von gegenüber, eines hässlichen betongeprägten Gebäudes, über das sich sein Vater ständig beschwerte, schwang auf und heraus trat ein Mädchen. Sie trug einen schwarz-weißen Trainingsanzug und ein dazu passendes Haarband, das ihren gewaltigen braunen Haarschopf im Zaum hielt. Liam schätzte sie auf etwa fünfzehn.

Mürrisch zog das Mädchen die Tür hinter sich zu und verfiel wie ein anfahrender Zug allmählich in einen immer schneller werdenden Trab. Als sie am Rande von Liams Blickfeld angekommen war, hatte sie ein mäßiges Joggingtempo erreicht. Dann war sie nicht mehr zu sehen. Aber Liam wusste, dass sie bald in die Nebenstraße einbiegen, den Block einmal umrunden und schließlich wieder in Liams Blickfeld kommen würde. Das machte sie jeden Tag. Er beobachtete sie gern dabei. Das tat er nicht etwa, weil er sie ausnehmend attraktiv fand. Es machte ihm einfach nur unheimlich Spaß, das Mädchen anzufeuern, noch mehr Runden zu laufen. Außerdem schien sie im Rhythmus zu seiner allmorgendlichen Musik zu joggen.

Bestimmt hört sie dieselbe Musik wie ich, dachte er. Liam zählte sogar die Runden, die das Mädchen im Takt seiner Musik trabte. Je mehr Runden er zählte, desto besser würde sein Tag laufen.

Allein deswegen schon war sie Liam sympathisch, obwohl er noch nie ein Wort mit ihr gewechselt hatte. Vor etwa einem Monat hatte er sie zum ersten Mal joggen gesehen. Wahrscheinlich neu in der Gegend.

Liam griff nach einer Brotscheibe und begann sie gedankenverloren mit Frischkäse zu bestreichen, während er aus dem Fenster spähte. Das Ergebnis war ein zur Hälfte bestrichenes Mehrkornbrot und eine bekleckerte Tischdecke. Liam bemerkte es nicht einmal und wartete gespannt auf die Wiederkehr der Joggerin, die sich jedoch nicht blicken ließ. Stattdessen klingelte sein Handy. Widerwillig wandte er sich vom Fenster ab, zog das Gerät aus der Hosentasche und klappte es auf. Der kleine Bildschirm leuchtete auf und zeigte sogleich in einem noch kleineren Fenster folgende kurze Botschaft an:

E-Mail von Francis ist um 7:37 Uhr eingetroffen.

Darunter waren die Optionen Abrufen, Löschen, Weiterleiten und Später abrufen eingeblendet. Liam runzelte die Stirn. Wenn Francis so früh anrief, musste es wichtig sein. Also wählte er die Option Abrufen und begann zu lesen:

Lieber Liam,

ich hoffe, es geht dir gut. Leider war ich in letzter Zeit zu beschäftigt, um dir zu schreiben. Jetzt aber muss ich dich sehen und dir etwas mitteilen. Ich wäre dir dankbar, wenn du heute Abend etwas Zeit erübrigen und bei mir vorbeischauen könntest.

Dein Francis

Das hörte sich gar nicht gut an, fand Liam. Auf jeden Fall würde er heute in der ersten Schulstunde einen kleinen Ausflug ins LHL machen müssen. Aber das konnte er gut verschmerzen; Geschichte war so langweilig, dass es niemandem auffallen würde, wenn er ein wenig glasig dreinschaute.

Er sah auf die Uhr.

Jep, ich muss los, dachte Liam. Mit einem letzten bedauernden Blick aus dem Fenster wandte er sich endgültig vom Frühstückstisch ab und griff sich seine Schulmappe. Dann eilte er zur Tür hinaus und ließ das restliche Frühstück zurück. Man würde es schon wegräumen.

Trix’ Spiegelbild sah recht verschlafen aus. Seinem leibhaftigen Gegenüber erging es nicht besser. Sie betrachtete sich im Spiegel, und durch die verklebten Augenlider sah sie gerade noch das Blassblau ihrer eigenen Iris. Ihr Blick blieb an den dunkelbraunen Locken hängen, die in alle möglichen Richtungen abstanden, nur nicht in die Richtung, in die Trix sie noch gestern Abend geföhnt hatte.

Auch egal, dachte Trix und zuckte mit den Achseln. Sie griff nach ihrem weißen Schweißband, um ihre Mähne irgendwie zu bändigen. Sie gähnte, was ihre Ähnlichkeit mit einem Löwen noch steigerte. Kämmen kam nicht infrage, ihr Haarschopf hatte mehr Knoten, als auf einem Segelschiff zu finden gewesen wären. Aber Trix störte das nicht. Was sie störte, war ihre Schläfrigkeit. Sie beugte sich über das Waschbecken, drehte den Hahn auf eiskalt und hielt tapfer ihr Gesicht darunter.

»Hah, okay, ich bin wach«, rief sie, schüttelte sich die Tropfen vom Gesicht und vergrub ihr Gesicht in einem Handtuch. »Alexandra!«, tönte eine Stimme von der anderen Seite der Tür herüber. »Erstens, du kommst zu spät zur Schule, wenn du noch joggen gehen willst. Zweitens – und das ist sehr viel wichtiger –, es gibt auch noch andere Bewohner dieses Hauses, speziell einen mit einer vollen Blase. Also würdest du bitte aufmachen?«

Eindeutig ihre Mutter.

»Gleich!«, rief Trix zurück, zwängte sich in ihre Sportjacke und öffnete griesgrämig die Tür. Sie hasste es, Alexandra genannt zu werden, und hörte eigentlich nur auf ihren zweiten Namen. Beatrix.

»Guten Morgen, Trixie!«, flötete ihre Mutter und, bevor sich Trix wegducken konnte, setzte sie ihr einen Kuss auf die Stirn. »Was machst du noch hier? Du solltest längst draußen herumspazieren!«

Verdrießlich murmelte Trix etwas und tauchte unter dem Arm ihrer Mutter weg zur Tür hinaus. Natürlich liebte sie ihre Mutter, doch seitdem ihr Vater vor zwei Jahren an Krebs gestorben war, hatte sie in Sachen Fröhlichkeit ein wenig übertrieben. Und ihre immerwährende gute Laune vertrug sich nur schlecht mit Trix’ Morgenmuffeligkeit.

Dann wieder, dachte Trix, ist es wahrscheinlich besser, als wenn sie immer traurig wäre.

Sie lief den engen Flur entlang in ihr Zimmer. Streng genommen war es nicht ausschließlich ihr Zimmer, denn sie teilte es sich mit Jakob, ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder. Sie betrat also ihr halbes Zimmer, das notdürftig mit einem Vorhang von der anderen Hälfte abgegrenzt wurde, ging zu ihrem Schreibtisch und ließ den Blick darüber schweifen. Trotz der vielen Sachen auf dem Tisch fand sie ihren MP3-Player sofort.

Im Treppenhaus schaltete sie ihn ein. Prompt leuchtete die Anzeige auf und stellte sie vor die Frage, was sie hören wolle. Trix überlegte erst gar nicht. Auf Hair ließ es sich nun mal am besten joggen. Ein Oldie frühester Generation, aber es war einfach das beste Musical seit der Erfindung des Gesangs.

Kurze Zeit später lief sie im Takt zu »Aquarius« ihre erste Runde um den Häuserblock. Der Rhythmus der Musik holte Trix ein und sie vergaß alles um sich herum.

FRANCIS UND DER JUNGE MENTOR

»Das Anklopfen wäre echt nicht nötig gewesen, Liam!«, sagte die Frau hinter dem Schreibtisch, ohne aufzublicken, als Liam sich darauf abstützte, um zu Atem zu kommen. So schnell war er seit den Abschlussprüfungen der Grundausbildung nicht mehr gerannt. Anna Holländer, Francis’ schrullige persönliche Assistentin und Sekretärin, kannte ihn genauso lang, wie Liam selbst es tat, und hatte ausnahmslos schlechte Laune, wann immer sie ihn sah. Sie war die einzige Person, auf die Liam allergisch reagierte und bei der er regelmäßig aus der Haut fuhr, doch Francis wollte sie partout nicht feuern. Kurzum, sie war das Letzte, was er jetzt brauchte.

Liam ignorierte sie daher und fragte stattdessen schnaufend: »Ist er da?«

»Danke der Nachfrage, es geht mir gut«, erwiderte sie, den Blick immer noch auf ihre Arbeit gerichtet.

»Anna«, drängte Liam. »Es ist dringend!«

»Das ist es immer«, meinte die Sekretärin nur, weiterhin mit ihrem Bildschirm beschäftigt.

»Kann ich zu ihm?«

Sie schnaubte.

»Du weißt doch selbst, dass Francis’ Terminkalender voll ist«, sagte Anna Holländer und schaffte es auf eine ihm unerklärliche Art, den Blick auf ihre Unterlagen gesenkt zu halten und trotzdem herablassend zu wirken.

»Aber er hat mich selbst einbestellt, schau!« Er hielt ihr sein Smartphone unter die Nase.

Ungerührt drückte sie seine Hand weg. »Du stehst nicht im Kalender.«

Liam beugte sich zu ihr vor und sagte in beschwörendem Ton: »Du kannst sicher den einen oder anderen Termin verschieben.«

»Und warum sollte ich das tun?«

Liam knirschte mit den Zähnen. »Weil ich mit Francis reden muss«, stieß er hervor.

»Wenn du denkst, du seist wichtiger als der Gesundheitsminister, so muss ich dich darüber informieren, dass du als läppischer Staatsdienststudent in der Rangliste sehr viel weiter unten stehst als der Minister.«

»Nicht für Francis!«

»Aber für mich«, war die trockene Antwort.

Liam gab auf. Der Kampf gegen Anna Holländers Starrsinn war aussichtslos. Er hatte keine Zeit, diesen ermüdenden Streit fortzuführen. Im Wissen, dass er jetzt eine Abfolge von gehässigen Bemerkungen würde ertragen müssen, atmete er tief durch, um sich für das Kommende zu wappnen.

»Bitte«, sagte er, so leise, dass niemand sonst im Wartezimmer es hören konnte; eigentlich war das egal, da sowieso niemand außer ihnen im Raum war.

Dieses eine Wort wirkte auf Anna Holländer. Erst erstarrte sie und hielt mitten im Schreiben inne. Dann, langsam, fast wie in Zeitlupe, richtete sie sich auf, sodass Liam ihr Gesicht erkennen konnte; jeder Quadratzentimeter ihrer Runzeln drückte Häme aus.

»Oh, du meine Güte!«, höhnte sie lauthals. »Da muss ja was richtig Schlimmes passiert sein. Vielleicht ’ne Bombe im Schließfach? Das letzte Mal, als du mich um etwas gebeten hast, war in deiner Schule ein Feuer ausgebrochen. Aber wenn es keine Bombe ist, was dann? Man hat doch nicht etwa einen Killer auf dich angesetzt? Nein, das wäre ja fantastisch …«

Schweigend ließ Liam alles über sich ergehen. Mit diesem einfachen »Bitte« hatte er einen jahrelangen Kampf verloren, und jetzt musste er die Folgen tragen. Doch er hatte nicht vor, Anna Holländer in die Sache einzuweihen. Nicht auszumalen, was sie dazu sagen würde. Er konnte es ja selbst kaum fassen: Denn er ahnte, was Francis mit ihm besprechen wollte, etwas, das Liam ihm dringend ausreden musste. Mit seinen sechzehn Jahren sollte er, Liam, ein Mentor werden, einen Mentee bei sich aufnehmen, ein Kind bekommen? Natürlich war es die Bürgerpflicht jeder Linkshänderin und jedes Linkshänders, sich um ein neugeborenes linkshändiges Kind zu kümmern, solange es im LHL eingeloggt war; doch diese Pflicht musste man erst bis zu seinem 35. Lebensjahr erfüllt haben.

Was hat Francis sich nur dabei gedacht?, fragte sich Liam zum hundertsten Mal, während er Anna Holländers Demütigungen an sich abprallen ließ. Derselbe Francis, der Liam gerade jene schicksalsträchtige zweite E-Mail geschickt hatte, war unter anderem auch sein Mentor. Und für Liam war Francis nicht nur ein Mentor, sondern auch fast wie ein Vater. Anders als in der realen Welt, in der seine Eltern ihn aus Zeitmangel stets beim Au-Pair-Mädchen abgeschoben hatten, hatte Francis sich immer persönlich um Liam gekümmert. Das war keineswegs selbstverständlich, denn Francis Kuhn war seit über siebzehn Jahren Bildungsminister, nicht gerade ein Halbtagsjob. Liam hatte ihm seine Fürsorge sehr hoch angerechnet. Aber warum wollte Francis, dass er in seinem Alter schon Mentor wurde? Er hatte noch neunzehn Jahre, bis seine Mentoratsfrist endgültig ablief. Liam konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in nächster Zeit ein Kind zu erziehen.

Inzwischen war Anna Holländer der Meinung, ihn zur Genüge fertiggemacht zu haben. Sie unterbrach ihre Sticheleien und kam endlich zur Sache.

»Mal schauen …«, brummte sie. »Ich könnte da eventuell etwas hinbiegen …« Sie tippte auf ihrer Tastatur herum. Dann hielt sie inne. »In zwanzig Minuten hat Herr Kuhn Zeit für dich.«

Liam nickte. Er hatte verloren, und bedanken würde er sich nicht.

»Du kannst hier im Vorzimmer warten«, setzte sie gehässig hinzu.

Liam ging zum Sofa am anderen Ende des Raumes und setzte sich. Während er wartete, starrte er abwesend auf die Spiegelung seiner Gestalt im Glas des Bildes gegenüber. An seinem Aussehen war nichts Besonderes. Er hatte schwarzes kurz geschnittenes Haar, volle Lippen und typisch asiatisch geschwungene dunkelbraune Augen. Er war schlank und sportlich; das musste er sein, seiner Ausbildung wegen. Für sein Alter war er normal groß und besaß keine besonderen Fähigkeiten, außer, dass er Linkshänder war. Ein normaler Linkshänder. Und normalerweise war Liam – vorausgesetzt Anna Holländer war nicht in der Nähe – ruhig und ausgeglichen, fast so wie Francis. Aber eben nur fast. Francis ließ sich von absolut nichts und niemandem aus der Ruhe bringen, schon gar nicht von Anna Holländer. Francis war eine Art Buddha. Er hatte in Liams Erziehung Besinnungspausen in Stresssituationen zum Alltag werden lassen, die Meditationen ähnelten.

Liam konzentrierte sich auf seine Haltung und versuchte, wie Francis es ihm beigebracht hatte, sich von allen Emotionen zu lösen. Für Anna Holländer würde es aussehen, als würde Liam bloß seine Aufmerksamkeit spalten und nachsehen, was in der realen Welt passierte. Doch in der realen Welt saß Liam bloß in einem Klassenraum und tat so, als würde er dem langatmigen Vortrag seiner Lehrerin über irgendwelche süddeutschen Fürstentümer und Grafschaften zuhören.

Also, überlegte er, Francis muss sich etwas dabei gedacht haben, als er mir ausrichten ließ, dass ich Mentor werden soll. Gehen wir davon aus, dass das ernst gemeint ist. Das ist es bei ihm immer. Weshalb will er das?

Liam schloss die Augen und dachte angestrengt nach.

Vielleicht will er, dass ich lerne, Verantwortung zu übernehmen, dachte Liam und unterdrückte ein Schnauben. Okay, welche Gegenargumente fallen mir dazu ein?

Um diese Frage zu beantworten, brauchte Liam nicht lange in sich hineinzuhorchen.

Ich bin verdammt noch mal zu jung, um Mentor zu werden!

Halt! Ganz ruhig, ermahnte er sich und atmete tief durch.

Also … Verantwortung hatte er in verschiedenen Situationen schon getragen und bewiesen. Als Beispiel könnte er den Vorfall bei Toulon erwähnen. Als zweites Argument könnte er dann sagen, dass er alt genug sei, um selbst zu entscheiden, wann es an der Zeit für ihn wäre, Mentor zu werden. Und er könnte sagen, dass es für einen Mentee furchtbar wäre, einen so jungen Mentor zu haben. Wenn Liam versagen würde, käme das Kind zu Schaden.

Die übrige Wartezeit verbrachte Liam damit, weitere Argumente zu finden, sie zu ordnen und auszufeilen. Als er mit seiner Argumentation zufrieden war, schaute er auf die Uhr: Es waren bereits dreißig Minuten vergangen anstelle von zwanzig, und noch niemand hatte das Büro verlassen.

Seltsam, dachte Liam, normalerweise entlässt Francis die Leute immer pünktlich.

»Warum geht der Minister denn nicht?«, fragte er Anna Holländer quer durch den Raum.

»Welcher Minister?«, fragte sie fies grinsend. »Ich hab gesagt, Herr Kuhn habe in zwanzig Minuten Zeit für dich. Aber wer hat behauptet, er sei bis dahin beschäftigt?«

Liam fühlte sich, als hätte er einen Hammerschlag auf den Kopf bekommen. Stöhnend ließ er sich gegen die Rückenlehne des Sofas fallen und schloss die Augen. Dann stand er auf und ging zur Tür, jedoch nicht, ohne der feixenden Sekretärin einen giftigen Blick zuzuwerfen. Wieder ohne anzuklopfen betrat er das Büro seines Mentors.

Dieser Raum war genauso schlicht gestaltet wie der Vorraum, jedoch großzügiger möbliert. Die Wände waren mit Bücherregalen vollgestellt, in einer Ecke stand ein bequemer Lesesessel. Das einzige Möbelstück, das prächtige Schönheit ausstrahlte, war der mondförmige Schreibtisch. Auf der Liam zugewandten Seite waren zwei Lehnstühle für Besucher aufgestellt, auf der anderen thronte ein mächtiger mit schwarzem Leder bezogener Drehsessel. Darauf saß Francis.

»Guten Tag, Liam«, grüßte er mit tiefer, raumfüllender Stimme. Wie immer zeigten seine runden Gesichtszüge, die Liam so vertraut waren, nichts als Gelassenheit. Die grau gekräuselten Haare bildeten einen auffallenden Gegensatz zu seiner tiefbraunen Haut.

Liam trat vor, direkt in die Lücke zwischen den beiden Stühlen, die vor dem Schreibtisch standen, direkt vor Francis. Jetzt, da er leibhaftig vor seinem Mentor stand, der ihn freundlich und erwartungsvoll ansah, blieben ihm alle seine sorgfältig zurechtgelegten Argumente im Hals stecken, verdrängt von tausend Fragen, die ihm stattdessen auf der Zunge brannten.

Als Liam zum Sprechen ansetzte, wusste er dennoch nicht, was er sagen wollte. Deshalb schloss er seinen Mund wieder und starrte Francis sprachlos an.

»Ich dachte«, sagte Francis schließlich, »diese dreißig Minuten im Wartezimmer wären genug Zeit gewesen, damit du dir etwas überlegen und mir mit etwas mehr als Schweigen gegenübertreten kannst, um mir meinen Vorschlag auszureden. Anscheinend habe ich mich getäuscht.«

Liam blickte erstaunt auf. Er vergaß immer wieder, wie gut ihn sein Mentor kannte. Angesichts der vielen Denkfältchen an Francis’ Stirn schätzte man ihn auf den ersten Blick älter, als er war. Doch seine Art sich zu bewegen zeugte von seiner jugendlichen Kraft. Er sah Liam belustigt an. »Oh, ich wusste, dass du Einwände haben würdest, deswegen haben wir uns erlaubt, die Wartezeit ein wenig zu verlängern, damit du an deiner Argumentation feilen kannst.«

Liam schürzte missbilligend die Lippen. Es passte ihm gar nicht, dass Francis mit Anna Holländer unter einer Decke gesteckt hatte, um ihn zum Narren zu halten. »Nun, Francis«, sagte er pikiert, »wie du sicher gleich feststellen wirst, ist deine Annahme falsch. Ich habe mir sehr wohl Gedanken gemacht.«

Francis nickte ihm mit einem kaum merklichen Lächeln zu. »Dann bitte ich dich, meinen Vorschlag, dass du Mentor werden sollst, anzufechten. Ach, und du kannst dich natürlich setzen.«

»Nein, danke«, lehnte Liam ab. »Ich stehe lieber.« Wenn Francis schon einen Rednerkrieg haben wollte, dann einen richtigen. »Zunächst«, begann Liam, »habe ich ja schon oft genug bewiesen, dass ich durchaus verantwortungsvoll handeln kann. Ich muss nicht Mentor werden, um das zu lernen. Beispielsweise hätte ich, als wir bei Toulon auf dem Dreimaster Urlaub gemacht haben, hysterisch wie alle anderen an Bord herumrennen und dadurch die Mannschaft behindern können. Stattdessen …, nun ich habe das Leck gefunden.«

Liam unterbrach sich und gab Francis Gelegenheit, ihm zu widersprechen. Aber Francis lächelte nur vergnügt und bedeutete ihm fortzufahren.

»Außerdem gibt es, wie du weißt, keinen anderen Studenten in meinem Jahrgang, der Mentor ist.«

Wieder legte Liam eine Pause ein. Francis jedoch machte keine Anstalten, irgendetwas zu sagen. Also redete und redete Liam und führte Punkt für Punkt seine Argumentation fort, und Francis nickte und lächelte. Als Liam schließlich mit dem letzten Argument aufgetrumpft hatte, war seine Stimme heiser vom vielen Reden, und er sah seinen schweigsamen Mentor vorwurfsvoll an. So einseitig hatte er sich diese Diskussion nicht vorgestellt.

»Das waren sehr viele einleuchtende Argumente«, gab Francis endlich zu. »Allerdings ist dir leider ein grundlegender Fehler unterlaufen.«

Liam sah Francis überrascht an. Ein Fehler? Wobei?

»Du hast mein mangelndes Vertrauen in dich beklagt. Du meinst, mein Vorhaben sei eine Art Strafe für dich, weil ich dir womöglich keine Verantwortung zutraue. Das stimmt nicht. Ich will, dass du Mentor wirst, gerade weil du so verantwortungsbewusst und reif für dein Alter bist.«

Verdrossen sah Liam Francis an. Den Mund hatte er sich fusselig geredet und Francis rückte erst jetzt mit seiner weisen Sicht der Dinge heraus.

Liam jedoch war noch lange nicht überzeugt. »Ja, aber«, widersprach er, »ich habe zum Beispiel auch gesagt, dass …«

»Ich weiß, Liam, und ich kann nicht leugnen, dass du eine gute Argumentation vorgelegt hast. Aber du hast einfach alles vom falschen Blickwinkel aus betrachtet«, unterbrach ihn Francis sanft.

Obwohl Liam zu alt zum Schmollen war, sah er sich doch in seinem Stolz verletzt. »Was genau soll das denn heißen?«, fragte er beleidigt.

Angesichts dieser jugendlichen Empfindlichkeit schmunzelte Francis unwillkürlich, wurde aber schnell wieder ernst und sagte: »Nun gut. Tatsache ist, dass ich schon einmal Mentor war, bevor ich dein Mentor wurde.«

Liam riss die Augen auf. »Was? Ich habe einen Bruder?«

»Eine Schwester«, korrigierte Francis. »Allerdings würde ich bei euch eigentlich nicht von Geschwistern reden …«

Wie vom Donner gerührt stand Liam da.

»Warum«, fragte er schließlich anklagend, »sagst du mir das mit meiner Schwester erst jetzt? Und … Wie heißt sie überhaupt? Wie sieht sie aus?«

Tiefe Furchen zeigten sich in Francis’ Stirn. Betrübt betrachtete er einen Brandfleck auf seinem Schreibtisch, den einzigen Makel auf der hellen Fläche.

»Meiner ersten Mentee«, sagte er und richtete seinen Blick wieder auf Liam, »ist etwas sehr Tragisches zugestoßen. Sie wurde von einer Art … Krankheit befallen, die es ihr unmöglich machte, weiter im LHL zu leben. Seither lebt sie nur noch in der realen Welt.« Er räusperte sich. »Ehrlich gesagt«, fuhr er dann fort, »wundert es mich, dass du nie diese Möglichkeit in Betracht gezogen hast. Schließlich weißt du, wie alt ich bin und dass ich deine Mentorschaft weit nach meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr beantragt habe.«

Wieder schwieg Francis und auf einmal lastete die Stille so bleiern auf Liams Brust, dass sie drohte, ihn zu erdrücken. Ihm sackten die Knie weg, und er plumpste auf einen Stuhl. Jetzt, da Francis es laut ausgesprochen hatte, fiel es Liam wie Schuppen von den Augen, und er hatte Mühe nachzuvollziehen, wie er nie von selbst darauf gekommen war. Vielleicht wollte ich es einfach nicht, dachte Liam. Vielleicht wollte ich Francis’ einziger Mentee sein. Er richtete sich auf und krächzte: »Wie alt …« Er hustete und begann dann wieder. »Wie alt ist sie jetzt?«

»Jetzt ist sie dreiundvierzig Jahre alt.«

»So alt?«, wunderte sich Liam. »Da wurdest du aber sehr jung zum Mentor.«

»In der Tat. Ich war erst sechsundzwanzig«, sagte Francis.

Dass die Rechnung nicht so recht aufging, fiel Liam in dem Moment nicht auf, ihn beschäftigten vorerst andere Dinge: »Wenn du findest, dass sechsundzwanzig Jahre jung für eine Mentorschaft sind, dann sind sechzehn es erst recht!«

Aber Francis belächelte den Einwurf nur.

»Rein rechnerisch gesehen hast du recht, Liam. Als ich jedoch zum ersten Mal Mentor wurde, war ich sehr … unfertig, unreifer als du heute. Damals hat die Mentorschaft meinen Charakter sehr verändert, zum Positiven wohlgemerkt. Ich wünsche dir auch eine solche Veränderung, nicht, weil dein Charakter verbessert werden muss, sondern damit du an dieser Erfahrung wächst, das wirkliche Leben kennenlernst. Seit einiger Zeit fürchte ich, dass du dich zu sehr auf deine Ausbildung konzentrierst und zu wenig vom normalen Alltag mitbekommst.«

Mit aufrichtiger Sorge sah er Liam an.

Liam dachte nach. Tatsächlich isolierte ihn seine Ausbildung sehr. Aber deshalb auf die Aussicht auf eine Erfolgskarriere verzichten? Er spürte Francis’ Blick auf sich ruhen und rutschte unruhig auf dem Lehnstuhl herum. Verunsichert griff er nach einem Bleistift und drehte ihn nervös hin und her. Dem Blick seines Mentors ausweichend, stierte er auf den Stift.

Francis war allerdings lange noch nicht fertig: »Das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich will, dass du Mentor wirst«, sagte er. »Vielleicht denkst du, ich wolle deine Ausbildung abbrechen. Das ist nicht der Fall.«

Liam horchte auf. »Du willst, dass ich ein Kind parallel zu meiner Karriere großziehe?«, rief er entsetzt.

»Keineswegs«, sagte Francis beruhigend. »Im Gegenteil, das Beste wäre, wenn du überhaupt niemanden großziehen müsstest.«

»Aber … Du … Du wolltest doch, dass ich …«, sagte Liam lahm. »Wie kann ich …«

Endlich fiel der Groschen.

»Du willst, dass ich einen VL bekomme«, sagte Liam langsam und eine Seltenheit verirrte sich auf sein Gesicht: ein verwegenes Lächeln.

Ben saß auf einem modernen Drehsessel, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet. Dieser war in vier Segmente geteilt. Auf zweien davon waren Zahlen, Buchstaben, Satzzeichen und Wortfetzen abgebildet, scheinbar wahllos verteilt. Ein Kuriosum namens Programmiersprache. In einem dritten Segment chattete er in einem verdächtigen Forum, in einem anderen lief ein Sipedia-Artikel zu dem Thema, über das er sich gerade virtuell unterhielt. Die dazugehörigen Tastaturen – es waren vier – bediente er mit der Leichtigkeit eines virtuosen Pianisten. Multitasking eben.

Da Liam und Ben schon lange Freunde waren und Liam an Bens außergewöhnliche Fähigkeiten gewöhnt war, achtete er gar nicht mehr darauf. Als Liam hinter seinem Kumpel zur Tür hereintrat, grüßte Ben: »Hallo, James! Alle Nullen noch dran?«

Verwirrt runzelte Liam die Stirn. Ben machte sich nie die Mühe, sich zu seinen Besuchern umzudrehen, aber normalerweise erriet er sofort, wer hinter ihm stand.

»Ähm … ich bin nicht James, ich bin Liam!«, klärte er Ben auf.

Aber Ben stöhnte nur, drehte sich mitsamt Sessel um, und Liam sah, wie Ben hinter der getönten 3-D-Brille die Augen verdrehte.

»Oh, Mann, ey! Du lebst ja echt auf dem Mond! Sag bloß, du hast noch nie was von James Bond gehört.«

Verständnislos schüttelte Liam den Kopf.

»Wer ist blond?«, fragte er einfältig.

Ben sah aus, als stünde er einem Dreijährigen gegenüber. »B-O-N-D«, buchstabierte er. »James Bond oder auch 007. Muss man ja auch nicht kennen. Ist nur der berühmteste Geheimagent aller Zeiten!«

»Ein Kollege!«, sagte Liam mit jähem Verständnis. »Sag das doch gleich!« Doch dann stutzte er: »Moment mal. Wie kommt es, dass ich ihn nicht kenne?«

Ben gab es auf. »Liam, du bist ein hoffnungsloser Fall und damit ist diese deprimierende Unterhaltung beendet, klar?«

»Meinetwegen«, gab Liam zurück und beschloss, heute noch nach Informationen über diesen James Bond zu suchen. Später würde er herausfinden, dass Ben nur deswegen mit James Bond angefangen hatte, weil in der Klatschpresse durchgesickert war, dass man angeblich nach einem Regisseur für den neuen James-Bond-Interact suchte, und sich bescheuert vorkommen.

»Kommen wir zum Thema. Du kriegst einen Windelscheißer, hab ich gehört«, sagte Ben breit grinsend, Liam hingegen sah ihn nur finster an.

»Es war deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich einen Volljährigen bekomme!«, raunzte er ihn an, was von seiner abgrundtief schlechten Laune zeugte. Von Ben ließ er sich sonst nie reizen; dieses Privileg blieb allein Francis und Anna Holländer vorbehalten. Doch sehr bald, so befürchtete er, könnte durch Bens Fehler die Liste um ein plärrendes, vorlautes Kind verlängert werden.

»Jajaja … Krieg dich wieder ein, Mann«, besänftigte Ben ihn. »Komm mit! Ich zeig dir die Daten.«

Er schob sich die Brille über den Haaransatz zurück, stand auf und lotste Liam zu einer normalen Computerstation. Dort ließ er sich auf einen eleganten lederbezogenen Drehsessel fallen.

»Also«, sagte Ben, zog den Flachbildschirm seiner Konsole zu sich heran und fing an, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf seine Tastatur zu tippen, »aus deiner Region kamen in den letzten Wochen zwei Signale. Zwar fällt das Alter der VL unter das Datenschutzgesetz, aber Francis hat Beziehungen. Moment mal …« Stirnrunzelnd näherte sich Ben dem Monitor, als könne er die Ursache seiner Verwunderung dadurch vom Bildschirm verschwinden lassen. »Es gibt gar keine Volljährigen! Schau doch, Liam! Entweder das Registrierungsministerium hat sich vertan oder …«

»Oder ich habe ein sehr, sehr großes Problem«, ergänzte Liam düster.

»Ich überprüfe das noch mal«, beruhigte ihn Ben und tippte erneut auf der Tastatur herum. Einige quälende Minuten vergingen, in denen Liam sich ausmalte, wie er versuchte, einem Baby die Windel zu wechseln oder ein plärrendes Kleinkind davon abzuhalten, seine Feldausrüstung als Spielzeug zu benutzen.

»Aha, da ist einer! Dreizehn Jahre alt«, sagte Ben nach einer scheinbaren Ewigkeit. »Gestern Mittag entdeckt.«

Erleichterung zog Liam sofort in eine wolkenleichte Fantasie. Jene grauenhaften Szenarien, zum Glück wohl doch nur seiner blühenden Erfindungsgabe entsprungen, lösten sich in Luft auf und wurden von neuen abgelöst. Vor seinem geistigen Auge stand nun ein starker Junge, dem er alles beibrachte, was er wusste, der begeistert den Beruf seines Mentors anstrebte und der sich gewissenhaft und diszipliniert verhielt. Liam ahnte nicht, wie meilenweit entfernt von der Wirklichkeit er mit beiden Vorstellungen liegen würde.

»Wenn du nicht aufhörst, Löcher in die Luft zu starren, ähnelt sie demnächst mehr einer Schweizer Käsesorte als einem Gasgemisch.« Bens ungeduldige Stimme riss ihn zurück in die Gegenwart. »Reiß dich zusammen, Mann!«

»Dann mal her mit den Daten!«, meinte Liam aufgeräumt.

Jetzt, da er nicht mehr von der Vorstellung geplagt wurde, er würde als Babysitter auf Lebenszeit enden, ging es seiner Laune besser.

»Bist du dir sicher, dass du das willst, Liam?«, fragte Ben und klang plötzlich ungewöhnlich ernst. »Auf diesem Chip«, er hielt einen hoch, »sind sämtliche Daten über deinen VL gespeichert. Einmal angesehen gibt es kein Zurück mehr. Das ist dir hoffentlich klar!«

»Natürlich«, erwiderte Liam scheinbar gelassen. Doch in Wahrheit kehrten sofort die Zweifel zurück.

»Wie du meinst«, sagte Ben mit hochgezogenen Augenbrauen und hielt Liam den Datenträger hin.

Nun zögerte Liam doch.

Er wusste nichts über diesen Dreizehnjährigen. Sollte er nicht noch einmal mit Francis diskutieren? Dann jedoch gab er sich einen Ruck und ergriff den Chip. Kühl und bleiern lag er in seiner Hand. In der Linken. Natürlich.

Langsam, so langsam, als ob plötzliche Bewegungen die Explosion einer Bombe verursachen könnten, schob er den Chip ins Laufwerk hinein. Mit einem wütenden Piepen wechselte die Hintergrundfarbe des Monitors von Marineblau auf Dunkelrot. Ein Fenster mit einer Steckbriefdatei hatte sich geöffnet.

Automatisch wanderten seine Augen zum Foto seines zukünftigen Schützlings. Eine Sekunde lang starrte er es an und fragte sich, was es dort zu suchen hatte. Dann rastete die alarmierende Neuigkeit in seinem Gehirn ein. Die Reaktion seines Körpers kam umgehend. Entsetzt weiteten sich Liams Augen. Ein Teenager grinste ihn an, als ob er sich über Liam lustig machen würde. Doch es war nicht irgendein Jugendlicher.

Das muss ein Versehen sein, dachte Liam panisch. Ganz bestimmt litt er – wie so manche Geheimagenten – an akuter Paranoia, die ihm nun Halluzinationen bescherte. Sein Magen verkrampfte sich.

Nein, das war Realität. Nur eine virtuelle eben. Die Person auf dem Monitor gab es wirklich. Liam kannte sie, wenn auch nur vom Sehen.

WARUM MAN UM GEHEIME SCHULKLOS LIEBER EINEN BOGEN MACHEN SOLLTE

Trix hatte sich zwicken müssen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte. Niemand hätte es ihr verübeln können. Der Ort und die Situation waren so abgedreht, als hätte Jakob sie sich ausgedacht, ihr kleiner Bruder mit zu viel Fantasie.

Sie stand in einem Schulraum, von dessen Existenz sie bis vor Kurzem nichts geahnt hatte. Allerdings verdiente er die Bezeichnung »Raum« genauso wenig, wie ein Mauseloch dies tat. Die Wände waren über und über mit Graffitis zugesprüht. Von der Decke wuchs ein Büschel Drähte, wo früher einmal eine Lampe gehangen hatte. Zwischen den wüsten Malereien zahlreicher Schülergenerationen konnte sie an wenigen unberührten Stellen noch das Weiß der Fliesen schimmern sehen. Ein riesiges tief hängendes Rohr, mit dem Trix beim Hereinkommen um ein Haar zusammengestoßen war, ein zerkratzter und teilweise mit Edding bekritzelter Spiegel, darunter ein blauer Wellplastikschlauch, der senkrecht aus der Wand ragte, sich nach unten bog und niedergeschlagen im Nichts verendete, und zu guter Letzt eine Kloschüssel machten das Ganze nicht gerade gemütlicher. Das alles zusammengenommen ergab nämlich eine Kabine, die vor Jahren einmal ein Lehrerklo gewesen war. Es hatte jedoch nicht sehr lange überlebt. Eine Gruppe von Jungs, deren Klo gleich nebenan war, hatte es bereits nach einem Monat demoliert. Sie hatten das Schloss aufgebrochen und ein Graffiti hinterlassen, das größte in der Toilettenkabine. Es war blutrot und verkündete »Tod«.

Trix schaute angeekelt weg. Kein Wunder, dass die Lehrer hier keinen Fuß mehr reinsetzten.

Der damalige Schulleiter hatte das Klo schließen lassen, und um Geld zu sparen, hatte er die Schülerschaft zum Tapezieren der Außenwand verdonnert. Die vergessene Klokabine war quasi zugepflastert worden. Ihre inzwischen klinkenlose Tür aber war mit der Zeit durch einen Riss in der Tapete gebrochen und von einem aufmerksamen Schüler entdeckt worden, der das Klo prompt als Privatversteck bezogen hatte. Denn von außen war nur ein großer rechteckiger Riss zu sehen, inmitten vieler anderer hässlicher Risse. Irgendwann hatte der Schüler seinen Abschluss gemacht und sein Geheimnis an einen jüngeren Freund weitergegeben. Seitdem war die Toilette das Geheimversteck für Eingeweihte.

Dass Trix an diesen unwahrscheinlichen Ort geraten war, hing unmittelbar mit dem Mädchen zusammen, das trotz seiner hohen Hacken weniger Raum ausfüllte als Trix und mit seinem dunklen Teint praktisch mit der Finsternis um sie herum verschmolz. Das Mädchen hieß Maike und war Trix’ beste – und einzige – Freundin. Sie war ein Jahr älter als Trix und trotz ihrer zierlichen Statur hart im Nehmen. Von einem Tag auf den anderen, sie war damals sieben Jahre alt, war sie mit ihrer Familie vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Maike war auch nicht ihr richtiger Name, ihren wahren Namen hatte sie zusammen mit vielen anderen Dingen in ihrer Heimat Somalia zurückgelassen.

Maike sah die Lehrertoilette als ihr persönliches Versteck an. Sie hatte es von einer älteren Schülerin »geerbt« und hatte sich darin sogar häuslich eingerichtet. Jetzt hörte Trix mehr, als sie es in der Dunkelheit sah, wie Maike in einem Haufen mit Kleinigkeiten herumwühlte, darunter Kaugummis, CDs und Stifte. Zwischen den Zähnen hielt sie eine dünne Taschenlampe, deren Lichtkegel zu ihren suchenden Bewegungen auf und ab hüpfte und groteske Schatten auf das »Tod«-Graffiti warf.

»Ähm, Maike?«, fragte Trix.

»Um Himmels willen, sei leise!«, zischte Maike.

»’tschuldigung«, beschwichtigte sie Trix flüsternd. »Aber was machen wir hier eigentlich?«

»Eigentlich wollte ich dich bloß davon überzeugen, dass diese Schule ein noch gottverlasseneres Drecksloch ist, als du denkst. Und das will ich immer noch!«

Trix verdrehte die Augen. »Meine Güte, ich glaube dir ja!«

»Tust du nicht«, schnappte Maike. »Und ich darf nicht zulassen, dass du blauäugig und unwissend durch diese Schule rennst!«

Vor ein paar Tagen, nach einer dieser stinklangweiligen Mathestunden, hatte Maike ihren Stift auf den Tisch gepfeffert und sich darüber beklagt, dass »diese Schule das letzte Drecksloch« sei.

Überrascht hatte Trix erwidert, dass alles doch nur halb so schlimm sei, aber da war Maike so richtig sauer geworden. Trix hätte keine Ahnung und das müsse man dringend ändern.

Maike stand auf, lief zum großen Rohr hinüber und begann, daran zu nesteln. Trix stellte sich hinter sie und blickte ihr über die Schulter. Mit der einen Hand hielt Maike die Taschenlampe hoch, mit der freien Hand fuhr sie über die Unterseite des Rohres, als versuche sie etwas Bestimmtes zu ertasten.

Trix verkniff sich die W-Frage, die ihr auf der Zunge lag, und fragte stattdessen absichtlich zweideutig: »Ist dir noch zu helfen?«

Maike sah auf.

»Jetzt«, sagte sie ernst, »werde ich dir was zeigen. Dieses Rohr ist ein ehemaliger Belüftungsschacht und führt direkt …«, sie wies auf die Wand mit der »Tod«-Inschrift, »ins Jungenklo.«

Trix klappte der Kiefer herunter. »Du willst doch nicht …«

»Nein, es gibt dort keine Pissoirs und, nein, ich bin keine Psychospannerin«, erriet Maike ihre Gedanken.

»Aber warum …?«

»Abwarten!« Maike trat dicht an das Rohr heran. Sie grub ihre gelb lackierten Fingernägel in einen rostigen Spalt und riss eine Klappe herunter, die ein großes rechteckiges Loch im Rohr freigab.

»Nun«, sagte sie in geschäftsmäßigem Ton, »stellen wir uns unter dieses Rohr und halten unsere Köpfe da rein. Da es dort drinnen sehr hallt, dürfen wir unter keinen Umständen sprechen oder irgendwelche Geräusche machen, sonst sind wir geliefert, klar?«

Sie bedachte Trix mit einem durchdringenden Blick.

Trix verkniff sich ein Grinsen und nickte. Misstrauisch schielte sie auf das Rohr. Es ähnelte einem Lüftungsschacht. Dicht unter der niedrigen Decke ragte es aus einer Wand des Raumes und führte über die Kloschüssel hinweg zur gegenüberliegenden Wand. Da man für gewöhnlich entweder vor der Schüssel stand oder darauf saß, aber niemals darauf stand, störte es auf dieser Höhe nicht weiter, trotz seines halben Meters Durchmesser.

»Okay. Dann los!« Maike bückte sich leicht und richtete sich dann auf, woraufhin ihr Kopf übergangslos im Rohr verschwand. Trix legte den Kopf schief. Es war ein bizarrer Anblick.

Vorsichtig stieg nun auch Trix auf die Kloschüssel, hielt sich dabei an einer stabil wirkenden Wasserleitung fest und reckte ihren Oberkörper in die rechteckige Öffnung, darauf bedacht, sich keine Beule zuzuziehen.

Von innen sah das Rohr schmutzig und langweilig aus. Die gebogenen Flächen waren rostüberzogen und ähnelten dem Inneren eines pilzbefallenen hohlen Baumes. Obwohl dieser Belüftungsschacht sicher seit Ewigkeiten nicht mehr in Betrieb war, gab es hier seltsamerweise keine Spinnennetze. Am Ende der Röhre befand sich ein Gitter, dessen Stäbe so dünn und altersschwach waren, dass man problemlos in den Toilettenraum der Jungen hineinsehen konnte.

Dort war es schon interessanter. Der kleine Ausschnitt vom Toilettenraum, den sie sah, unterschied sich im Grunde nicht von dem Mädchenklo. Wie bei den Mädchen waren Spiegel und Fliesen komplett mit Graffitis und Eddinggekritzel übersät. Trix hätte sie sich gern genauer angeschaut, aber ihre Aufmerksamkeit wurde sofort auf etwas anderes gelenkt: Im Raum stand eine Gestalt an eine Wand gelehnt.

Sie kniff die Augen leicht zusammen. Es war ein Junge mit langen mattbraunen Haaren, die seine kantigen Gesichtszüge umrahmten. Gelangweilt ließ er den Blick umherschweifen und kaute auf einem Kaugummi herum.

Im nächsten Moment wandte er den Kopf in Richtung Tür und stieß sich von der Wand ab. Ein zweiter, jüngerer Schüler war in ihr Blickfeld getreten. Er war einige Köpfe kleiner als der Langhaarige, dem er nur bis zum Ellenbogen reichte und zu dem er nun verängstigt aufschaute.

Der Große streckte ihm fordernd die flache Hand hin, und der Kleinere machte eine zögernde Bewegung, so als habe er Angst, sich dem anderen zu nähern. Genervt riss der langhaarige Typ dem Kleinen etwas aus der Hand. Während er es in seine Hosentasche gleiten ließ, ruckte er mit dem Kopf in die Richtung, in der Trix die Klokabinen vermutete. Der kleine Junge eilte davon.

Die beiden sprachen die ganze Zeit kein Wort, doch es waren noch mehr Jungs im Raum, Trix vernahm deutlich ihre stimmbruchschwankenden Stimmen.

Sie runzelte die Stirn. Was wollte der Langhaarige eigentlich von dem Kleinen? Sie warf Maike einen fragenden Blick zu. Maike quetschte eine Hand in die Öffnung und machte eine Bewegung, als wollte sie lautlos schnipsen oder …

Geld, begriff Trix. Natürlich. Langhaar verlangte Eintrittsgeld.

Zornig blickte sie wieder zu dem Jungen, dessen graue Augen matt über die Waschbecken wanderten.

Das ist wirklich das Allerletzte, von einem kleinen Jungen Geld fürs Klo zu kassieren, empörte sie sich im Stillen. Doch das war noch nicht alles.

Zu Langhaar gesellte sich nun ein Junge mit dunklem Haar und den üblichen Hip-Hop-Klamotten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Linkshänderland" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen