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Lilys Männer

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1. KAPITEL

Äußerlich hatte sich in Jasper Gulch nicht viel verändert, doch darum ging es Burke Kincaid auch gar nicht. Er hielt auf dem letzten noch freien Parkplatz auf der Hauptstraße und stieß schon die Wagentür auf, bevor er Motor und Scheinwerfer ausgeschaltet hatte. Schneeflocken trieben ihm ins Gesicht, während er zum Diner auf der anderen Straßenseite eilte.

Mit der Hand auf dem Türgriff blieb er stehen. Der Moment der Wahrheit, auf den er zweieinhalb Jahre gewartet hatte, war gekommen.

Du lieber Himmel! Zweieinhalb Jahre!

Seine Rückkehr war bestimmt eine Überraschung. Nein, ein Schock! In vielen schlaflosen Nächten hatte er überlegt, wie er es anstellen sollte. Er hätte schreiben oder anrufen können. Aber was hätte er sagen sollen? „Hi, Lily, ich bin es, Burke. Burke Kincaid. Ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst, aber wir haben vor einigen Jahren eine sagenhaft leidenschaftliche Nacht miteinander verbracht, und ich hoffe …“

Was hoffte er denn? Dass sie einfach weitermachte? Dass sie sich noch erinnerte?

Er erinnerte sich – und ob!

Als ihm damals das Benzin ausging und er zu Fuß in die Stadt kam, hatte er Lily gefunden – verträumte Augen, zarte Haut und ein unwiderstehliches Lächeln. Eigentlich hatte er nur bei ihr telefonieren und dann wie geplant seinen Halbbruder in Oklahoma City besuchen wollen. Er brauchte bloß einen Kanister Benzin und jemanden, der ihn zu seinem Wagen zurückbrachte. Doch dann lächelte Lily, und er vergaß alles andere.

Er folgte ihr in die winzige Küche, in der sie gerade Tee machte. Auf so engem Raum war der erste Kuss wohl unvermeidlich. Der zweite Kuss war geradezu umwerfend, doch das war noch gar nichts im Vergleich zu dem Moment, in dem Burke entdeckte, dass er ihr erster Liebhaber war. Was für ein Körper! Von einer solchen Frau träumte ein Mann.

Er wäre schon viel früher zurückgekommen, wenn nicht …

Nein! Zu viel Zeit war bereits mit Überlegungen verloren gegangen, was gewesen wäre, wenn nicht … Burke konnte die Vergangenheit nicht ändern. Nur die Gegenwart zählte. Die nächsten zehn Minuten würden alles entscheiden.

Die Glocke über der Tür klingelte, als er den Diner betrat. Die Lichter brannten, und auf den Haken neben dem Eingang hingen etliche Cowboyhüte, doch die Tische waren leer. Burke folgte dem Lärm zur offenen Tür am hinteren Ende und betrat einen Raum, in dem sich Rancher und Cowboys drängten. Er ließ den Blick über die wenigen anwesenden Frauen gleiten. Lily war nicht dabei.

Ein kleiner Mann mit dünnem grauen Haar und klugen blauen Augen eilte zu ihm. „Freut mich, dass Sie es geschafft haben“, sagte Doc Masey und schüttelte ihm die Hand. „Hatten Sie eine gute Fahrt?“

„Problemlos“, erwiderte Burke und sah sich weiter um.

„Freut mich.“ Der alte Arzt nahm die Nickelbrille ab und putzte sie sorgfältig mit einem weißen Taschentuch, ehe er sie prüfend gegen das Licht hielt. „Meine Frau sagte stets, dass ich auch nichts sehen kann, wenn sie meine Augen nicht mehr erkennt. Eine weise Frau. Möge sie in Frieden ruhen.“ Der Doc ließ Burke nicht zu Wort kommen. „Normalerweise ist vor unseren Zusammenkünften nicht so viel los. Heute Abend wird aber unser Rodeo-Champion einem Mädchen aus der Stadt einen Heiratsantrag machen. Das lässt sich niemand entgehen.“

Während Burke bloß nickte, betrat ein Mann mit dem typischen Gang eines Cowboys leicht hinkend ein Podium. „Leute!“, rief er. „Setzt euch, damit ich anfangen kann!“

Die Männer und Frauen aus Jasper Gulch verteilten sich auf den Metallstühlen. Burke setzte sich neben Doc Masey und betrachtete die Leute. Bärtige Männer in Flanellhemden und Jeans waren in der Überzahl. Fünf Reihen vor ihm und ein Stück zur Seite drehte eine Frau mit welligem braunen Haar den Kopf.

Lily!

Burke erstarrte und nahm kaum noch seine Umgebung wahr. Wie aus weiter Ferne hörte er Doc Masey erklären, dass die Stadt wegen des Frauenmangels auszusterben drohte. Der Stadtrat hatte deshalb vor drei Jahren in Anzeigen um Frauen geworben. Die Namen der Kandidatinnen, die sich gemeldet hatten, sagten Burke nichts. Er achtete nur auf eine ganz bestimmte Frau, die hier aufgewachsen war.

Er hatte angenommen, die Erinnerung hätte Lilys Schönheit verklärt, doch das stimmte nicht. In Wirklichkeit war sie noch schöner. Die Haut war noch genauso blass und zart wie damals. Das Haar trug sie jetzt kürzer. Es fiel in Wellen auf die Schultern und reichte nicht mehr auf den Rücken hinunter. Das heitere, zauberhafte Lächeln war unverändert. Wie war es möglich, dass in all den Jahren niemand so viel Schönheit bemerkt hatte? Waren denn hier alle Rancher und Cowboys blind?

Schon wollte Burke ihren Namen rufen und lächelte in Vorfreude auf den Moment, in dem sie ihn erkannte. Als er sich jedoch vorbeugte, sagte der Mann auf dem Podium: „Louetta, komm zu mir herauf, Schatz.“

Zuerst war Burke überrascht, als Lily aufstand, doch während sie nach vorne ging, begriff er. Sein Lächeln erlosch.

„Was soll das?“

„Das ist Wes Stryker“, erklärte Doc Masey. „Er war zwei Jahre hintereinander nationaler Rodeo-Champion. Dann brach er sich wieder mal etliche Knochen und kam für immer nach Hause gehumpelt. Kann man ihm nicht verübeln. Was sind schon Pokale und Preise im Vergleich zur Liebe einer anständigen Frau?“

„Was hat das alles mit Lily zu tun?“

„Mit wem?“

Ein Raunen ging durch den Saal. Dann wurde es wieder still, als Wes Stryker sich etwas steif auf ein Knie sinken ließ. Der ehemalige Rodeo-Champion hielt den Hut vors Herz und griff nach Lilys Hand. Burke war wie betäubt und hörte kaum, was der Mann sagte.

„Ich weiß, dass ich seit frühester Jugend meistens fort war, und ich habe mir mehr Schmerzen und Behinderungen eingehandelt, als doppelt so alte Männer haben. Aber ich arbeite hart, und ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn du meine Frau wirst. Was sagst du dazu? Willst du mich heiraten, Louetta?“

Wieso nannte dieser Cowboy Lily „Louetta“? Burke stand auf. „Das wird kaum gehen!“, rief er, und alle drehten sich um, weil sie sehen wollten, wer sich da eingemischt hatte.

„Was hat er gesagt?“

„Wer ist das?“

„Was heißt, das wird kaum gehen?“

„Das wird kaum gehen“, wiederholte Burke sanfter, als Lily ihn endlich ansah, „weil du schon mir versprochen hast, mich zu heiraten.“

„Was hat er gesagt?“, fragte ein alter Mann.

„Ruhe!“, rief jemand.

„Sei du doch ruhig.“

Louetta Graham achtete nicht auf die Stimmen der Menschen, die sie schon ihr ganzes Leben kannte. Sie konnte den Blick nicht von dem Mann im Hintergrund des Saals wenden. Weißes Hemd, Stoffhose, windzerzaustes Haar. Burke! Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Was machst du hier?“

Ohne sie aus den Augen zu lassen, schob er sich auf den Mittelgang hinaus. „Ich habe dir versprochen, dass ich zurückkomme.“

In zwei Monaten, fügte Louetta in Gedanken hinzu. Und das hatte er vor zweieinhalb Jahren gesagt.

„Hältst du deine Versprechen?“, fragte Burke.

Hoffnung wärmte Louettas Herz, das noch schneller schlug. Sie sah Burke wieder vor sich, wie er in jener Aprilnacht in die Stadt gekommen war, mitgenommen von dem langen Fußmarsch, aber hinreißend attraktiv. In jener Nacht hatte sie sich in seinen braunen Augen verloren und in sein warmherziges Lächeln verliebt. Und in diesem Moment war sie drauf und dran, sich ein zweites Mal zu verlieren.

„Wie entscheidest du dich?“, fragte Wes Stryker und stand steif auf.

„Ja“, drängte Burke, „wie entscheidest du dich?“

Louetta fasste es einfach nicht. Sie hatte gewusst, dass Wes Stryker heute Abend um ihre Hand anhalten würde, und sie hatte sich die Antwort zurechtgelegt. Alle fanden, dass er für eine Frau wie sie ein toller Fang war.

Gleich nach der Schule war er zum Rodeo gegangen, und seither war er jedes Jahr mehrmals nach Jasper Gulch zurückgekehrt. Zuletzt hatte ihn ein widerspenstiger Hengst abgeworfen und verletzt. Die Folge waren gebrochene Rippen, eine ausgerenkte Schulter und ein angeknackster Knöchel gewesen. Wes Stryker fand, dass er mit fünfunddreißig für das Rodeo zu alt, zu müde und zu ausgelaugt war. In der Stadt hieß es, dass er nach einer tüchtigen Frau suchte, die mit ihm gemeinsam alt werden wollte und ihn nicht sofort verließ, wenn sie einen Besseren fand.

Louetta war genauso überrascht gewesen wie alle anderen, als Wes Stryker sich um sie bemühte. Er brachte ihr Herz nicht gerade zum Jagen, würde es ihr aber höchstwahrscheinlich auch nicht brechen.

Das hatte Burke Kincaid bereits besorgt – und zwar gründlich.

„Willst du mich heiraten?“

Sie sah Wes durch einen Tränenschleier in die blauen Augen und konnte nicht sprechen.

„Willst du?“, wiederholte er.

„Ich … ich meine … ich dachte … aber jetzt … ich weiß nicht …“ Sie verstummte hilflos und zuckte die Schultern.

„Oder wirst du ihn heiraten?“, fragte Wes.

Sie richtete den Blick auf Burke, der sie nicht aus den Augen ließ. Von hier aus wirkten seine Augen dunkel. Das Haar war zerzaust. Wie konnte ein Mann so attraktiv aussehen! Bestimmt war sie im Gesicht knallrot angelaufen. Sie konnte nur wieder ratlos die Schultern zucken.

„He, Stryker!“, rief Boomer Brown in der zweiten Reihe. „Sieht so aus, als müsstest du doch noch einen Wettkampf bestehen.“

„Genau“, sagte ein anderer.

„Toll! Und da gibt es Leute, die behaupten, dass in einer Kleinstadt nichts passiert. Das wird noch sehr interessant.“

„Was sagt man dazu“, bemerkte jemand. „Jetzt hat das Mädchen sogar zwei Verehrer.“

„Ach, du lieber Himmel“, flüsterte Louetta und wäre am liebsten geflohen, solange sie sich noch auf den Beinen halten konnte.

„Meine Güte.“ Isabell Pruitts Stimme klang schrill und nasal. „Ich glaube, Louetta fällt gleich in Ohnmacht. Jed, schnell, gib ihr deinen Stuhl!“

Louetta ließ sich auf den Stuhl sinken, beugte sich vor und steckte den Kopf zwischen die Knie.

„Schon gut.“ Isabell tätschelte ihr den Arm. „So ist es richtig. Tief durchatmen. Noch ein Mal. Wäre doch deine Mutter hier. Sie hätte Riechsalz bei sich. Doc Masey!“

Louetta schmerzte es noch heute, wenn ihre Mutter Opal erwähnt wurde. Mit rauer Stimme sagte sie: „Mom hat ihr Riechsalz bestimmt in den Himmel mitgenommen. Es ist schon in Ordnung, Isabell. Das Schlimmste ist überstanden.“

Louetta hörte sich zwar selbst nur sehr gedämpft, doch sie konnte schon wieder klar sehen, und ihr Herz schlug ruhiger. Vorsichtig setzte sie sich auf und lächelte Isabell schwach zu. Ich schaffe das, dachte sie.

Obwohl sich ihre Gedanken noch immer überstürzten, nahm sie sich fest vor, bis zum Ende durchzuhalten. Erst nach der Versammlung wollte sie sich einen Nervenzusammenbruch gönnen. Vorher aber musste sie die nötige Kraft aufbringen, um Burke wegzuschicken. Vielleicht reichte das schon aus, damit sich die Lage wieder normalisierte. Dann konnte sie wieder den Diner führen, den sie vor kurzem gekauft hatte, sich mit Freunden treffen, wohltätige Aufgaben übernehmen und vielleicht auch einen Mann heiraten, den sie nicht liebte.

Ja, so ging es. Tief durchatmen. Noch ein Mal. Nach dem Zusammentreffen wollte sie Burke sagen, was sie von ihm und seinem unerwarteten Besuch hielt. Danach konnte sie nach oben in ihre Wohnung gehen, die Lichter ausschalten und sich im Bett verkriechen.

Zum Glück dauerten die Versammlungen in Jasper Gulch nie lang. Luke Carson rief schon zur Ordnung, und die anstehenden Punkte wurden rasch abgehandelt. Es kam zum Streit zwischen Bonnie Trumble, der Bonnie’s Clip & Curl gehörte, und Edith Ferguson, die verlangte, dass die Stadt die Farben der Häuser an der Hauptstraße vorschrieb. „Der Schönheitssalon ist neongrün!“, rief Edith. „Das sieht scheußlich aus!“

Louetta gefiel die Farbe, die unverwechselbar war, sofort auffiel und einen gewissen Pfiff besaß. Als Frau, die ihr Leben lang ein Mauerblümchen gewesen war, schätzte sie diese Eigenschaften, auch wenn der Schönheitssalon wie ein bunter Hund auffiel. Zum Glück wurde dieser Punkt auf den nächsten Monat vertagt, so dass die Versammlung mehr oder weniger vorüber war.

„Bevor wir Schluss machen“, verkündete Luke Carson, „hat uns Doc Masey noch etwas zu sagen. Doc!“

Stühle schabten, während die Leute ihre Haltung veränderten. Louetta seufzte lautlos. Sie mochte den alten Arzt, aber er war für seine Weitschweifigkeit bekannt. Hoffentlich machte er heute Abend eine Ausnahme. Doch er zog sein Taschentuch hervor, putzte die Brille und begann damit, dass er nun seit fast fünfzig Jahren Arzt in dieser Stadt war. Louetta schloss die Augen.

Er war gerade dabei angelangt, wie er 1958 Neil Anderson während eines Schneesturms auf die Welt geholfen hatte, als Cletus McCully ihm ins Wort fiel. „Doc, ich werde nicht ewig leben. Kommen Sie doch endlich zur Sache.“

Normalerweise hätte Louetta jetzt gelächelt, doch sie warf einen Blick hinter sich, sah direkt in Burkes Augen und hätte nicht einmal lächeln können, hätte ihr Leben davon abgehangen.

„Burke!“, rief der Doc. „Kommen Sie zu mir!“

Was hatte Burke mit Doc Masey zu tun?

Es wurde still im Raum, die Ruhe vor dem Sturm. Louetta war sicher, dass nicht nur sie bei Burkes Anblick Herzklopfen bekam. Höchstwahrscheinlich war sie jedoch die einzige Frau, die den Blick abwandte.

„Wie ihr alle wisst“, erklärte Doc Masey, „suche ich schon seit Jahren nach einem Nachfolger. Zu meiner Freude habe ich einen gefunden. Das kam zwar auch für mich überraschend, aber ich mag es, wenn jemand weiß, was er will. Leute, das ist mein neuer Partner, Dr. Burke Kincaid.“

Louetta hob ruckartig den Kopf. „Was hat der Doc gesagt?“, fragte sie Lisa McCully, die junge Frau, die neben ihr saß.

„Doc Masey hat einen deiner Verlobten zum Partner gemacht“, flüsterte Lisa.

„Einen meiner …“

In Louettas Ohren dröhnte es, ihr Körper wurde schlaff, und im nächsten Moment sank sie in eine tiefe Ohnmacht.

Gesichter verschwammen vor Louetta, und die Stimmen bildeten ein kaum verständliches Gewirr.

„Ist sie wirklich ohnmächtig geworden?“

„Kommt sie wieder auf die Beine?“

„Woher soll ich das wissen? Bin ich Arzt?“

„Du brauchst mich nicht gleich anzufauchen.“

„Leute, lasst ihr mich mal durch!“

Louetta erkannte Doc Maseys Stimme. Die beiden Cowboys, die ihm Platz machten, sah sie nicht deutlich, erkannte jedoch Isabell rechts von sich und Doc Masey auf der linken Seite. Burkes und Wes’ Gesichter schienen miteinander zu verschmelzen. Jemand fühlte ihren Puls. Ein Blick auf die Hand, und sie wusste, dass es Burke war.

„Geht es wieder?“, fragte er so sanft wie in jener Nacht vor zweieinhalb Jahren.

„Natürlich, wieso nicht?“, fragte Wes. „Es geht doch schon wieder, oder?“

Louetta nickte und versuchte, sich aufzusetzen. War sie wirklich vor so vielen Leuten ohnmächtig geworden? Wie peinlich!

„Ich fühle mich gut. Und jetzt möchte ich nach oben in meine Wohnung gehen.“

Burke bückte sich und hob sie hoch. Ihr dunkler Rock rutschte an den Schenkeln hoch, der weiße Pulli saß krumm und schief am Körper, und ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Nein, dachte sie. Wenn etwas peinlich, ist, dann das hier.

„Bitte, ich kann selbst gehen“, wandte sie ein.

„Lassen Sie Louetta sofort los!“, rief Isabell. „Haben Sie nicht schon genug angerichtet?“

Burke warf der alten Vettel nur einen Blick zu. Seiner Meinung nach hatte er bei weitem noch nicht genug angerichtet. Er hatte Lily noch nicht geküsst – oder Louetta oder wie sie sonst noch heißen mochte. Er hatte ihr auch nichts erklärt. Und er hatte ihr Lächeln noch nicht gesehen.

Wes Stryker unterbrach Burkes Gedanken. „Sie hat gesagt, dass sie selbst gehen kann.“

Burke hielt Strykers herausforderndem Blick stand und drückte Louetta fester an sich. Wes kam einen Schritt näher und versuchte, ihn niederzustarren.

„Lasst das, ihr zwei“, verlangte eine Frau mit großen braunen Augen, einer sinnlichen Stimme und einer Körperfülle, die auf den letzten oder vorletzten Monat der Schwangerschaft hinwies. „Schießt Flaschen von einem Zaun oder prügelt euch im Crazy Horse. Aber jetzt kümmern Melody, Jillian und ich uns um Louetta.“

Als Arzt hielt Burke es für ein gutes Zeichen, dass Lily rot wurde. Als Mann wollte er sie nicht mehr loslassen. Da sie jedoch der Schwangeren zunickte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er stellte sie auf den Boden und wich zurück, während zwei Frauen sie stützten. Die Leute redeten aufgeregt durcheinander, während Lily hoch erhobenen Hauptes wegging.

In der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah ihn an. Obwohl sie nicht lächelte, sehnte Burke sich nach ihr.

Alle starrten ihn an. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt und Ort, um zu erklären, wieso er hier war. „Wir sprechen später miteinander“, sagte er ernst.

Sie schluckte heftig, zeigte nicht, ob sie einverstanden war oder nicht, und ließ sich von den Frauen wegführen.

„Für einen Arzt führen Sie sich wie ein Elefant im Porzellanladen auf.“

Burke wandte sich an den Sprecher. Wes Stryker sah exakt so aus, wie man sich einen ehemaligen Rodeo-Champion vorstellte, hager, hart und herausfordernd. Burke fragte sich, ob Lily den Mann liebte. Oder liebte sie noch immer ihn? „Kann schon sein“, entgegnete er gelassen. „Aber es heißt, dass ich am Bett von Kranken sehr gut bin.“

Stryker kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Mir macht größere Sorgen, wie Sie im Bett sind.“

„Tut mir leid, darüber spreche ich nicht. Diskretion.“

Wes Stryker betrachtete ihn widerstrebend mit einem gewissen Respekt.

„Was ist jetzt, Wes?“, rief jemand in der Menge. „Lässt du dich von dem neuen Doc verdrängen?“

Wes schüttelte den Kopf. „Sieht so aus, als hätte Boomer recht. Ich muss wohl noch einen Wettkampf bestehen.“

Burke nahm die Herausforderung an und ergriff die Hand, die Wes ihm hinstreckte. Der Cowboy drückte schmerzlich fest zu. Burke biss die Zähne zusammen und erwiderte den harten Händedruck.

„Möge der Bessere gewinnen“, sagte Wes grimmig und setzte mehr Kraft ein.

Burke nickte steif und verstärkte den Griff noch. „Genau das habe ich vor“, erwiderte er und fragte sich, wessen Knochen zuerst brechen würden.

Die Leute schlossen Wetten auf die beiden Kandidaten ab. Die alte Vettel, die Lily vorhin geholfen hatte, klagte, dass sie stets so etwas gefürchtet hatte, und einige ältere Männer meinten, ein wenig Spaß und Aufregung könnten gelegentlich doch gar nicht schaden. Endlich wurde das Treffen vertagt. Burke und Wes hätten sich womöglich noch die ganze Nacht gegenseitig die Hände zerquetscht, hätten Doc Masey und ein anderer alter Mann mit weißem Schnurrbart und Hosenträgern die beiden nicht getrennt.

„Ich bin Cletus McCully“, sagte der Mann mit den Hosenträgern. „Ich finde, Sie und Wes sind einander ebenbürtig. Dadurch wird das alles noch viel interessanter, das steht fest. Sagen Sie, junger Mann, woher kommen Sie?“

Burke verzichtete darauf, die rechte Hand mit der linken zu massieren, und hielt dem fragenden Blick des alten Mannes stand. „Aufgewachsen bin ich im nördlichen Teil des Staates Washington. Meine Praxis befand sich in Seattle.“

„Ach, dann haben Sie Louetta bestimmt kennen gelernt, als sie im letzten Jahr mit ihrer Mutter in diese Krebsforschungsklinik fuhr. Hat aber nicht mehr viel geholfen. Opal starb genau wie von den Ärzten vorhergesagt. Wissen Sie, sie hat Louetta ganz allein großgezogen.“

Nein, das hatte Burke nicht gewusst, und Louetta hatte er auch nicht in jener Klinik kennen gelernt. Da Cletus McCully davon jedoch offenbar keine Ahnung hatte, verzichtete Burke auf eine Erklärung und trat zusammen mit dem Doc auf den Bürgersteig hinaus.

Es schneite heftiger, und die Temperatur war gesunken. Etliche Männer überquerten soeben die Straße und verschwanden in der vermutlich einzigen Bar der Stadt. Burke blickte zu dem erleuchteten Fenster der kleinen Wohnung über dem Diner hinauf.

Doc Masey folgte Burkes Blick. „Ich denke, Sie haben mehrere Gründe, diesen Posten zu übernehmen“, sagte er.

Burke nickte, schwieg jedoch.

Doc Masey ließ sich davon nicht abschrecken. „Was immer die anderen auch sagen, mir gefällt das alles nicht. Das riecht gewaltig nach Ärger. Zwei Männer und eine Frau? Nein, das gefällt mir gar nicht.“

„Es geht nicht einfach um irgendeine Frau“, erwiderte Burke leise.

„Sie lieben Louetta.“

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Burke nickte trotzdem. „Ich wusste gar nicht, dass ich lieben kann, bis ich sie traf. Ja, ich liebe sie seit dem Tag, an dem ich sie kennen lernte.“

„Es wird Ihnen sehr leid tun, wenn Sie Louetta wehtun.“

Burke atmete tief die kalte Novemberluft ein. Er konnte dem alten Arzt die Warnung nicht verübeln. Miles Masey war nicht dumm. Alle hatten gesehen, wie Lily auf seine, Burkes, Rückkehr regiert hatte. Niemand fiel grundlos in Ohnmacht. Zwar kannte niemand die näheren Umstände, aber Burke hatte Lily bereits wehgetan. Sicher, er hatte gute Gründe gehabt. Die Frage war allerdings, ob sie ihm verzeihen konnte.

Er hüllte sich fester in den schwarzen Mantel, nahm den Schlüssel von Doc Masey entgegen und lehnte dankend ab, als ihn der alte Mann zu seiner neuen Wohnung begleiten wollte. Er fand sich bestimmt allein zurecht. Sobald er sich eingerichtet hatte, wollte er Lily – oder Louetta – aufsuchen und ihr alles erklären.

2. KAPITEL

„Sind das Schritte auf der Treppe?“

Louetta schob den kalten Waschlappen von der Stirn und setzte sich auf dem geblümten Sofa auf. Dabei tat sie, als würde sie nicht bemerken, wie Lisa McCully und Melody und Jillian Carson einander ansahen.

„Ich habe nichts gehört“, sagte Melody und warf einen Blick ins Treppenhaus.

„Ich auch nicht“, versicherte Lisa und versuchte, es sich im Schaukelstuhl bequem zu machen.

Jillian lächelte aufmunternd, während Louetta niedergeschlagen den Kopf in die Hände stützte. Sie hielt sich zugute, dass sie tatsächlich Schritte auf der Treppe gehört hatte, als Isabell, Doc Masey und einige Mitglieder vom kirchlichen Frauenverein nach ihr sahen. Der letzte Besucher war jedoch schon vor einer Stunde gegangen, und Louetta fürchtete allmählich, sich alles ...

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