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Lilly, wiedergeboren

PROLOG

„Ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als mein Leben und will immer mit dir zusammen sein.“ Aidan küsste Tana leidenschaftlich.

„Ich liebe dich auch. Und ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen“, erwiderte sie nach dem innigen Kuss. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Wir haben uns zu häufig zusammen in der Öffentlichkeit gezeigt. Die Leute reden bereits über uns. Deine ebenso wie meine.“

„Und wenn schon! Lass sie reden! Mir ist es egal. Wahre Liebe überwindet alle Tabus. Was zählt, sind du und ich.“ Er zog sie eng an sich heran und hielt sie so fest, als wollte er sie nie mehr loslassen.

Tana seufzte, lehnte ihre Stirn an seine muskulöse Brust und atmete seinen maskulinen Duft tief ein. Sie wünschte sich mehr als alles auf der Welt, ihre Schwierigkeiten wären so leicht zu lösen, wie Aidan glaubte: nämlich mit Liebe. Aber genau da lag das Problem: Ihre Liebe war verboten.

Sie war Inderin mit einer Hautfarbe wie Nougat, Aidan ein weißer, sonnenverbrannter britischer Kolonialoffizier. Sein Land beherrschte ihres. Und Beziehungen zwischen Eroberern und Eroberten wurden von beiden Seiten verdammt und drastisch bestraft.

Nur für Angehörige der oberen Schichten und Kasten wie englische Adlige oder indische Brahmanen wurden Ausnahmen gemacht. Wenn sie sich ineinander verliebten, wurden ihre Beziehungen geduldet. Denn diese Männer und Frauen gehörten der gesellschaftlichen Elite ihrer Völker an.

Aidan klammerte sich an den Strohhalm, er und sie könnten ebenfalls die Ausnahme sein. Denn er war der jüngste Sohn der einflussreichen Adelsfamilie Aberley, deren männliche Mitglieder seit Hunderten von Jahren als Soldaten und Generäle Großbritannien dienten.

Wenn Tana seinen sozialen Status am indischen Kastensystem maß, gehörte er zum zweiten Stand der Kshatriya, der Kriegerkaste. Die Kshatriya besaßen beinah so viel Einfluss wie der erste Stand der Brahmanen, zu denen Priester und Gelehrte zählten, und wurden von allen indischen Ständen verehrt.

Was Tana von ihrer Kaste nicht sagen konnte. Tana Nur war eine Dalit, eine ‚Unberührbare‘, der Abschaum der Gesellschaft. Kein indischer Kshatriya hätte sie auch nur angefasst, geschweige denn geküsst. Aidan riskierte seinen Ruf, seine Ehre, seinen militärischen Rang, ja seine ganze Existenz durch seine Liebe zu ihr.

Tana schlang ihre Arme noch fester um Aidan. Auch wenn alle gegen sie waren. Aidans Kameraden beim Militär, seine Cousine Gwen, ihr Bruder Rami … Konnte denn etwas falsch sein, wenn es sich so richtig anfühlte? War Liebe nicht um ihrer selbst willen schön und nicht eine Entscheidung der Eltern, der man sich fügte, weil Geburt und Herkunft den künftigen Partner festlegten?

Tana sandte ein Stoßgebet an Brahma, den Gott der Schöpfung, er möge ihr den Sinn ihres Lebens offenbaren, und sie bat ihn, ihrer Liebe eine Zukunft zu geben. Dann löste sie sich widerwillig von Aidan.

„Ich muss gehen“, sagte sie. Er wollte Widerworte geben. Doch sie legte ihm ihren rechten Zeigefinger auf die Lippen. „Pscht! Versuch nicht, mich zum Bleiben zu überreden. Es könnte funktionieren. Aber ich darf und kann nicht. Ich muss nach Hause zu meiner Familie. Noch hat Rami unseren Eltern nichts von dir und mir verraten. Aber wenn ich noch länger fortbleibe, wird er bestimmt misstrauisch, verfolgt mich künftig auf Schritt und Tritt und redet sofort mit Mutter und Vater.“

Aidan nahm ihre Hand. „Ich begleite dich.“

„Nein! Hast du mir nicht zugehört? Was, wenn Rami mir entgegenkommt und uns zusammen sieht? Oder wenn deine Kameraden uns begegnen? Dann ist der Tratsch in der Kaserne groß. Ich will nicht, dass du wegen mir unehrenhaft aus dem Militär entlassen wirst.“

„Wer soll uns hier begegnen oder sehen? Niemand. Wir verstecken uns wie Diebe im Urwald! Ich will das nicht. Ich möchte meine Liebe zu dir offen zeigen. Ich rede mit meinem Vorgesetzten oder gehe am besten gleich zum Maharadscha. Er mag und schätzt mich. Vielleicht trifft er für uns eine Ausnahmeregelung, und wir können …“

„Sprich das Wort nicht aus! Wünsche, die man verrät, werden nicht wahr.“ Sie küsste ihn zärtlich auf Wange, Lider und Lippen. „Ich muss jetzt wirklich los.“

Er gab ihre Hand nicht frei. „Ich mache mir große Sorgen, wenn du allein durch den Dschungel gehst.“

„Ich kenne mich im Urwald aus. Ich bin hier geboren.“ Tana streichelte lächelnd seine Wange.

„Aber wenn dich ein Tiger anfällt oder eine Kobra dich beißt“, gab Aidan zu bedenken.

„Tiger trauen sich nicht so nah an menschliche Siedlungen heran. Und mein Dorf liegt nur zehn Minuten zu Fuß entfernt. Außerdem bin ich im Zeichen der Schlangengöttin Manasa geboren. Sie ist meine Schutzpatronin. Also wird mir ihre irdische Abgesandte, die Kobra, nichts tun.“ Tana küsste ihn ein letztes Mal. Dann lief sie davon, weil sie sich sonst nicht hätte losreißen können. Erst als sie den Trampelpfad erreichte, der durch den Dschungel zu ihrem Dorf führte, drehte sie sich noch einmal nach ihm um.

Aidan sah ihr nach und lächelte. Er hob seine Hand zum Abschiedsgruß. Tana warf ihm eine Kusshand zu und verschwand im Urwald.

Der Trampelpfad war eine Geheimstrecke, die nur wenige Dalits kannten und die meisten fürchteten. Es hieß, Rakshasas – Dämonen – lauerten am Wegrand auf einsame Wanderer, um sich an ihrem Blut zu stärken und ihre leergesogenen Leiber den wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen.

Tana hatte vorgesorgt und die durstigen Rakshasas mit einer Opfergabe besänftigt. Bevor sie zu ihrem Treffen mit Aidan aufgebrochen war, hatte sie sich mit einem zuvor gesegneten Messer in die Hand geschnitten, ihr Blut in ein Schälchen laufen lassen und dies ins Gebüsch am Rande des Dschungels gestellt. Dank dieser Vorbereitungen fühlte sie sich im dichten Grün des Urwalds sicher.

Da der Trampelpfad selten benutzt wurde, war er von allen Seiten zugewuchert. Tana kämpfte sich durch Schlingpflanzen, menschengroße Farne und herabhängende Äste. Es war kurz vor Sonnenuntergang, und die tropischen Bäume und Pflanzen warfen lange Schatten, sodass sie in dem Dickicht nicht weiter als ein paar Schritte sehen konnte.

Urplötzlich bekam sie Gänsehaut und blieb stehen. Sie konnte nicht ausmachen, was ihre Angst ausgelöst hatte. Aber ihr Instinkt verriet ihr, dass sie nicht allein war, sondern beobachtet wurde.

Ein Knacken im dichten Unterholz ließ sie zusammenzucken. Sie blickte sich furchtsam um, sah aber nichts außer Dschungel. Da knackte es erneut. Diesmal lauter und näher als zuvor. War das Misstrauen der Tiger vor Menschensiedlungen etwa ein Ammenmärchen? Oder hatte ihr Blutopfer den Rakshasas nicht gereicht? Entgegen besseren Wissens begann Tana zu rennen. Ihre Mutter hatte ihr Dutzende Male eingetrichtert, dass ein Jäger – ob vier- oder zweibeinig – angestachelt wurde, wenn sein ausgewähltes Opfer vor ihm floh. Denn Flucht spiegelte Angst wider, und Furcht bedeutete für den Räuber leichtes Spiel. Aber Tana konnte sich nicht helfen. Sie hatte Angst … Todesangst!

Sie blickte im Laufen über ihre Schulter. Doch das alles verschlingende, üppige Buschwerk versperrte ihr die Sicht. Sie erspähte nichts als grüne Hölle.

Tana rannte schneller. Sie konnte ihren hektischen Atem hören. Da bemerkte sie einen Schatten, der auf ihrer linken Seite aus dem Dschungel sprang. Vor Furcht unfähig zu schreien, stöhnte sie laut auf. Sie wandte sich zu dem Geschöpf um. Aber bevor sie sehen konnte, wer oder was es war, traf sie ein harter, unbarmherziger Schlag auf den Kopf.

Sie spürte, wie ihr Schädel unter dem Aufprall splitterte. Blut strömte binnen Sekunden aus der tödlichen Wunde über ihr Gesicht. Sie stürzte zu Boden, versuchte, sich auf allen Vieren weiterzuschleppen. Aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. „Aidan“, flüsterte sie, sackte endgültig zusammen und starb.

1. KAPITEL

„Ryan, was willst du? Bist du irre, mich so früh zu wecken?“ Lilly lehnte im Türrahmen ihres Zimmers im Studentenwohnheim und musterte ihren Kommilitonen vorwurfsvoll aus müden Schlitzaugen. Seine Antwort wartete sie nicht ab, sondern taumelte schlaftrunken zurück in ihr Bett und kuschelte sich wieder unter ihre Decke.

„Früh?“ Ryan trat ein und schloss die Tür hinter sich. „Es ist halb zwölf mittags! Wann bist du denn ins Bett gegangen?“

„Hmmm … was für ein Tag ist heute?“, murmelte Lilly halbherzig.

„Dienstag“, erwiderte Ryan. „Wieso?“

„Dann bin ich vorgestern ins Bett gegangen.“

„Wie bitte? Willst du etwa sagen, du hast von Sonntagabend bis jetzt geschlafen“, hakte Ryan ungläubig nach.

„Hmmm … lass mich!“, quengelte Lilly und zog sich die Decke über den Kopf.

„Oh nein, so kommst du mir nicht davon!“ Ryan zog Lilly die Decke mit einem Ruck vom Körper und schleuderte sie für Lilly unerreichbar in eine Ecke ihres Zimmers. Dann ging er zum Fenster und riss die Gardinen zurück. Binnen Sekunden erhellten Sonnenstrahlen den vorher nachtdunklen Raum.

„Bist du irre?“, schimpfte Lilly und warf ihr Kopfkissen nach ihm. „Es ist meine Sache, wie lange ich schlafe. Zieh die Gardinen zu und gib mir meine Decke! Und dann werde los, was du sagen wolltest, und verschwinde.“

Ryan ignorierte ihre Forderungen und setzte sich zu ihr aufs Bett. Als sie nach ihm boxte, packte er ihre Fäuste und hielt sie fest. „Ach, komm schon!“, schalt er sie in harschem Ton. „Wenn du wirklich seit zwei Tagen im Bett liegst, war das lange genug. Ich mache mir Sorgen um dich. Du warst nicht an der Uni. Du hast meine Anrufe nicht angenommen. Und überhaupt wirkst du seit ein paar Wochen geistig ziemlich abwesend. Was ist los? Hast du Probleme mit dem Lehrstoff?“

Lilly schüttelte den Kopf.

„Gibt es Schwierigkeiten mit deinen Eltern?“

„Nee, die wohnen weit weg und lassen mich in Ruhe.“

„Hast du Liebeskummer?“

Lilly schwieg und blickte Ryan für einen Moment direkt in die Augen. Liebeskummer? Das fragte ausgerechnet er! Wie blöd musste er eigentlich sein, dass er nicht bemerkt hatte, wie sehr sie im letzten Semester in ihn verliebt gewesen war? Sie hatte sich vor ihren Freundinnen für ihn zum Affen gemacht. Sie hatte sämtliche Seminare danach gewählt, ob er an ihnen teilnahm. Sie hatte fast jeden Mittag mit ihm in der Mensa gegessen, ihm Nachhilfe in seinen Problemfächern gegeben und nahezu jede Abendverabredung abgesagt, falls er anrufen oder vorbeikommen würde. Und wozu das alles? Für nichts!

Ryan hielt sie für seinen neuen besten ‚Kumpel‘, eine Freundin, mit der er für die Uni lernen und ansonsten Pferde stehlen konnte. Aber ausgehen oder gar ‚daten‘? Knutschen? Sex?

Von wegen! Das machte er mit Minka Pierce.

Minka. Was war das überhaupt für ein Name? Der war doch niemals echt! Klang nach einem pelzigen Haustier oder einem Pornostar.

Bleib ruhig! dachte Lilly. Schließlich gab es keinen Grund, sich über diese Minka aufzuregen, denn die war sang- und klanglos in ihr heimatliches Australien zurückgekehrt. Und mit dem Ende von Minkas Aufenthalt als Austauschstudentin hatte auch die Affäre oder Liebesgeschichte geendet – oder was auch immer es gewesen war; auf eine genaue Definition ließ sich Ryan nicht ein.

Seit sich Minka am anderen Ende der Welt – ‚down under‘ – befand, hatte Ryan wieder vermehrt den Kontakt zu Lilly gesucht. Ihre Freundschaft lebte neu auf und beschränkte sich nicht nur auf gemeinsame Seminar- und Mensabesuche. Er lud sie häufig ins Kino oder zum Tanzen ein. Fast hätte man meinen können, Ryan wollte sie als neue Freundin. Aber daran glaubte Lilly nicht. Nach den Erfahrungen, die sie mit Ryan gesammelt hatte, analysierte sie ihre ‚Beziehung‘ ziemlich nüchtern.

Ryan war ein echter ‚Weibermagnet‘. Das lag an vielen Faktoren. Vorneweg: sein gutes Aussehen und sein Charme. Dann fuhr er eine nachtschwarze Suzuki VX 800. Die Maschine wurde auch ‚Naked Bike‘ genannt, wegen der absichtlich fehlenden Verkleidung. Auf dem ultra-coolen Motorrad sah er wie ein heißer böser Bube aus. Damit nicht genug, finanzierte er sein Studium als Barkeeper in der Stone Church, einer zur Club-Lounge umgebauten Kirche. Die Stone Church war der angesagteste Laden von Durham. Ach was, von ganz New Hampshire! Und das Gleiche galt für die Leute, die dort arbeiteten. Die Frauen standen Schlange an Ryans Tresen und steckten ihm am Ende des Abends neben Trinkgeld Zettel mit ihren Telefonnummern zu.

Aus Erzählungen über seine Prä-Minka-Phase wusste sie, dass er kein Kostverächter gewesen war und jedes hinlänglich attraktive Angebot – sprich: Mädchen – beglückt hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte Lilly ihn noch nicht gekannt. Dann hätte sie es sich vielleicht geschenkt, ihm wie all die anderen Mädchen hinterherzurennen. Vielleicht …

Auf jeden Fall war er seit Minkas Abreise frei und konnte wieder an sein altes Leben als Frauenmagnet anknüpfen. Zwar sah er an ihren gemeinsamen Ausgeh-Abenden keine andere als Lilly an. Aber vermutlich brauchte er nur eine Pause. Schließlich hatte die anspruchsvolle, um nicht zu sagen zickige Minka ihn in jeder Hinsicht gefordert und war beim kleinsten Flirt ausgerastet.

Die Vorstellung, Ryans Pausenfüller zu sein, schmeichelte Lilly nicht gerade. Doch die Tatsache, dass sie und Ryan niemals ein Paar sein würden, ging ihr nicht mehr wirklich nah. Was an dem neuen Mann in ihrem Leben lag – oder vielmehr an einem alten Neuen, nämlich ihrem früheren Geliebten Aidan.

„Also hast du Liebeskummer?“, wiederholte Ryan seine Frage. „Sieht ganz so aus. Oder warum antwortest du mir nicht?“ Seine Augen forschten in ihrem Gesicht nach einer Regung.

„Nein, ich hab keinen Liebeskummer – ganz im Gegenteil“, antwortete sie fast trotzig.

„Du hast einen Freund?“, fragte Ryan offensichtlich irritiert.

„So wie du reagierst, könnte man meinen, ich sei so hässlich, dass es völlig abwegig ist, dass ich einen Freund haben könnte!“

„Nein! Du siehst sehr gut aus. Das weißt du auch. Was soll der blöde Kommentar?“, konterte er verärgert.

Ryan fand, dass sie gut aussah? Lilly blickt ihn erstaunt an. Das hatte er nie durchblicken lassen.

„Was denn nun – hast du einen Freund?“ Ryan war sichtlich sauer.

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das kann dir egal sein.“

„Ist es aber nicht!“, erwiderte Ryan entrüstet. „Ich dachte, wir sind enge Freunde und erzählen uns alles. Wer ist er?“

„Das verrate ich dir nicht. Ein Mädchen muss auch seine Geheimnisse haben, sonst wird es schnell uninteressant … Und jetzt lass mich endlich los.“ Sie schüttelte seine Hände ab und checkte auf ihrem Handy die Uhrzeit. „Oh, Mist! Es ist wirklich schon spät. Ich geh’ duschen. Wartest du auf mich? Dann können wir zusammen ins Seminar von Prof. Stein fahren.“

„Nun, deswegen bin ich hier. Ich wollte dich zu dem Kurs abholen“, entgegnete Ryan. „Jetzt sag schon: Hast du zwei Tage mit deinem neuen Typen im Bett verbracht?“

„Hör auf zu nerven? Wieso willst du das überhaupt wissen? Ich dachte, Männer interessieren nur ihre eigenen Bettgeschichten.“

„Dann hattest du also Sex mit ihm. Wer ist es?“, wiederholte er. „Du gehörst nicht zu den Mädchen, die schnell mit einem Typen ins Bett steigen. Also musst du ihn schon länger kennen und hast mir nichts von ihm erzählt. Ich bin echt … enttäuscht“, fügte er vorwurfsvoll hinzu.

„Also gut. Er heißt Aidan. Er geht nicht an unsere Uni. Er ist beim Militär. Und ich kenne ihn …“ Lilly kicherte. Wenn Ryan die Wahrheit erfuhr, würde er sie für verrückt erklären, also wich sie aus. „Ich kenne ihn schon eine Ewigkeit.“

„Woher? Was soll die Geheimniskrämerei?“

„Genug. Ich beantworte keine Fragen mehr. Ich will erst mal sehen, wie sich die Sache zwischen Aidan und mir entwickelt.“ Lilly rutschte vom Bett, ging zu ihrem Kleiderschrank, öffnete ihn und holte ein frisches Handtuch heraus. „Aber um deine Neugier zu stillen: Ja, ich habe die beiden letzten Tage mit ihm im Bett verbracht.“ Sie grinste Ryan an.

Nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, brachte ihn diese Nachricht total aus der Fassung. Gut so! Lilly konnte sich zwar nicht vorstellen, dass er eifersüchtig war. Aber besitzergreifend war er trotzdem irgendwie. Und wenn ihre Mitteilung auch nur ein bisschen an seinem Ego kratzte, dann hatte sie ihr Ziel schon erreicht. Denn auch wenn sie frisch verliebt war, wollte sie Ryan im tiefsten Innern eine Retourkutsche für den Herzschmerz verpassen, den er ihr verursacht hatte.

Vergnügt pfeifend marschierte sie aus ihrem Zimmer ins Gemeinschaftsbad und nahm dort eine ausgiebige Dusche. Während das heiße Wasser auf ihr Gesicht prasselte und ihre Lebensgeister weckte, dachte sie an Aidan.

Mein Gott, sah der Mann gut aus … wie Hollywoodstar Robert Pattinson! Aidan hatte keine Makel. Bis auf die Pomade im Haar und dieses gezwirbelte Bärtchen, das seine Oberlippe zierte. Beides fand sie ziemlich affig. Aber es war in seinem Milieu vermutlich megahip. Dafür stand ihm die Uniform wie angegossen. Und dieser Tropenhelm … echt krass und gleichzeitig wirklich cool.

Sie lächelte glücklich bei der Erinnerung an den eleganten, formvollendeten Captain der britischen Armee: Aidan Aberley. Selbst sein Name klang umwerfend und passte hervorragend zu diesem galanten Gentleman, von dem Lilly zwei Tage lang geträumt und deshalb die Universität geschwänzt hatte.

Geträumt … Das klingt, als wäre ich verrückt, überlegte sie. Aber es ist kein Traum im klassischen Sinne von ‚irreal‘. Vielmehr erwecke ich mit meinen Träumen meine Vergangenheit als eine Andere zu neuem Leben … Okay, das hört sich wirklich irre an. Das kann ich unmöglich einer meiner Freundinnen und schon gar nicht Ryan erzählen. Lilly seufzte und schüttelte den Kopf, um die Gedanken an ihr früheres Leben zu verdrängen. Aber sie ließen sich nicht so leicht abschütteln. Sie begleiteten sie sowieso ständig.

Schließlich hatte Lilly schon als kleines Mädchen gewusst, dass sie bereits einmal auf der Welt gewesen war. Als Kind hatte sie auf die Frage von Fremden, wie sie denn hieße, mit ‚Tana‘ geantwortet. Dies hatte bei den Erwachsenen meist zu großer Heiterkeit geführt. Denn sie glaubten, dass Lilly die Identität einer Märchenprinzessin annehmen wollte oder einfach ein fantasievolles Mädchen sei.

Mit den amüsierten Blicken und Bemerkungen der großen Leute war es schnell vorbei, wenn die Kleine aufstampfte und mit energischer Stimme darauf bestand, wirklich und wahrhaftig Tana zu sein und bitte schön auch bei ihrem einzig echten Namen genannt zu werden.

Natürlich rief niemand sie Tana. Und ihre Mom verbot ihr nach mehreren solcher Vorfälle sogar, ihre erfundenen Geschichten hinauszuposaunen. Sie schämte sich für ihre Tochter, die anders als die anderen Kinder war. So lernte Lilly, über ihr vorheriges Leben zu schweigen. Doch ihrer Fantasie ließ sie freien Lauf. Sie öffnete ihre Seele für die Eindrücke dieser unbekannten Vergangenheit. Und bald kamen immer mehr Erinnerungsfetzen zurück.

Lilly hatte als Tana Nur im Indien der Kolonialzeit gelebt, Ende des 19. Jahrhunderts. Das erriet sie anhand der Häuser, der tropischen Landschaft, der weißen Ladies in Reifröcken und der britischen Soldaten in ihren aus heutiger Sicht historischen Uniformen, der dunklen Hautfarbe der Einheimischen und ihrer Kleidung sowie der in den Straßen der Stadt frei umherstreifenden heiligen Kühe, dem Fehlen von Autos – und vor allem an ihrem eigenen Aussehen. Sie hatte ihr Spiegelbild beziehungsweise das von Tana bereits mehrmals gesehen.

Tanas Aussehen faszinierte Lilly. Die indische Schönheit hatte einen zarten Körperbau, und ihre Haut schimmerte braun wie Milchkaffee. Sie trug immer Saris und besaß dichtes schwarzes Haar, das ihr bis auf die Hüften fiel. Ihre klaren bernsteinfarbenen Augen spiegelten ihre Neugier am Leben wider. Sie hatte einen hübschen Kussmund. Und ihre gerade, schmale Nase war mit einem goldenen Ring geschmückt. Um Hand- und Fußgelenke klimperten mehrere Kettchen. Auf der Stirn trug sie einen Bindi, den aufgemalten Schönheitsfleck der Inderinnen. Ihre Hände wären mit Mehndis, verschnörkelten Hennamalereien, verziert. Tana war das, was man altmodisch als ‚apart‘ bezeichnete. Ihr ganzer Typ und Stil bildete einen deutlichen Kontrast zu Lillys blasser, blonder, blauäugiger Optik, obwohl ihre Gesichtszüge fast identisch waren.

Lilly verstand sich selbst als willensstark, lebensfroh, treu und hoffnungslos romantisch. Letzteres brachte den Nachteil mit sich, dass sie sich prinzipiell in die falschen Jungs verliebte und trotz besseren Wissens an diesen fatalen Lieben festhielt, bis wirklich nichts mehr ging und das Ganze ein böses Ende nahm. Da waren Kummer und Herzschmerz vorprogrammiert.

Doch nicht bei Aidan! Er liebte sie. Das wusste sie einfach.

So wie er sie in ihren Träumen ansah … dieses Leuchten in seinen Augen. Er wartete Stunden in der Hitze des Dschungels oder in staubigen Seitenstraßen auf sie, um nur kurz zwei, drei Worte heimlich mit ihr zu wechseln. Schließlich hatte die britische Armee ein Verbot der Fraternisierung mit den Einheimischen ausgegeben. Und dann sein strahlendes Lächeln, wenn er sie von Weitem erblickte. Sobald er sie sah und niemand ihn beobachtete, rannte er los. Wenn er sie erreichte, hielt sie so fest in den Armen, als wollte er sie nie wieder loslassen.

Er hofierte Tana, öffnete ihr die Türen und ließ ihr den Vortritt, wenn sie einen Raum betraten. Er trug sie über Pfützen, wenn nach dem Monsun die Straßen unter Wasser standen. Nur, damit sie sich ihre Füße, die in schlichten Khussas, Sandalen, steckten, nicht beschmutzte.

Lilly hätte die Liste seiner Vorzüge unendlich weiterführen können. Aber all seine tollen Eigenschaften ließen sich in einem Satz zusammenfassen: Er war der perfekte Mann!

Sie kicherte albern und aufgeregt unter dem heißen Wasserstrahl der Dusche. „Aidan Aberley, ich bin total in dich verliebt! Ich muss dich wiedersehen … und nicht nur in meinen Träumen“, flüsterte sie.

Sie seufzte sehnsuchtsvoll und begann, sich die Haare zu shampoonieren. Dabei grübelte sie, wie sie Aidan mal in einer wirklicheren Umgebung treffen könnte. Schließlich begleitete ihr Geliebter sie seit ihrer Kindheit: als schöner Fremder aus einer untergegangenen Welt.

So richtig romantisch und deutlich waren ihre Träume jedoch erst seit einigen Wochen geworden. Lilly ahnte vage, dass ihre tiefe Sehnsucht nach erfüllter romantischer Liebe Aidan aus dem Jenseits in ihre Träume gerufen hatte.

Anfangs tauchte er nur sporadisch in ihren nächtlichen Visionen auf. Bis er sie schließlich jede Nacht besuchte. Allerdings war er nie so lange an einem Stück geblieben wie jetzt. Zwei Tage und Nächte.

Mit ihm kamen die Erinnerungen an Indien zurück. In den letzten Jahren hatte Lilly die Visionen der Kindheit unterdrückt oder schlichtweg vergessen. Schließlich galt es, im Hier und Jetzt zu leben. Und das tat sie auch. Sie liebte ihr Studentendasein, ihre Freunde, die vielen Partys und das wunderschöne Uni-Städtchen Durham. Aber die Traumbilder ihrer verlorengegangenen indischen Märchenwelt waren so verführerisch … so viel farbenfroher, sinnlicher und verlockender als ihr Alltag. Vor allem aber weckten sie in ihr den Wunsch, mehr über sich als Tana, Aidan und ihr Liebesglück zu erfahren.

Mit Träumen und Schwärmerei war es da nicht getan. Auf Dauer konnte sie nicht tagelang im Bett liegen und wegen Aidan ihren Unterricht versäumen. Vergessen konnte sie ihn aber auch nicht. Also musste etwas geschehen. Sie musste ihrem mysteriösen Liebhaber ‚real‘ begegnen. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder rief sie seinen Geist mit Hilfe einer Séance ins Diesseits, oder sie kehrte zu ihm in das verwunschene Indien des 19. Jahrhunderts zurück.

„Es muss eine Lösung geben, und ich werde sie finden, Aidan. Denn ich will dich mit jeder Faser meines Herzens – und daran können weder Zeit noch Raum und auch der Tod nichts ändern“, murmelte Lilly. „Und ich hab auch schon eine Idee …“

Doch nun musste sie aufhören, an Aidan zu denken, und sich beeilen. Sie hatte Ryan mit dem Bekenntnis zu ihrer neuen Liebe schon genug geärgert. Sie konnte ihn nicht noch länger warten lassen.

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